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Jürnjakob Swehn der Amerikafahrer

Johannes Gillhoff: Jürnjakob Swehn der Amerikafahrer - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
booktitleJürnjakob Swehn der Amerikafahrer
authorJohannes Gillhoff
year1999
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-20119-3
titleJürnjakob Swehn der Amerikafahrer
pages3-184
created20001007
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1917
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Auf der Weltausstellung in Chicago

Es ist schon eine geräumige Zeit her, daß ich dir zuletzt geschrieben habe, aber nun liegt schon all die Wochen viel Schnee. So bleib ich in der Döns und schreibe dir diesen Brief mit dieser meiner Hand. Ich will dir von meiner Weltausstellungsreise nach Chicago erzählen, und das dauert viel länger als die Reise selbst. Na, der Schnee wird wohl so lange vorhalten, bis ich fertig bin. Er hat tüchtig geschanzt, und von der Fenz ist nichts mehr zu sehen. Die Reise ist schon eine ganze Ecke von Jahren zurück; aber ich weiß das alles noch, was ich erlebt habe.

Schuldt kam zu mir. Er sprach: Willst du mit auf die Weltausstellung gehen? Völß kommt auch mit. – Was wollt ihr da? – Was sehen und uns belernen. – Das kostet ein Stück Geld. – Darum stecken wir was in die Tasche. – Da sind nicht wenig Menschen. – Wenn wir ankommen, sind es noch drei mehr. – Nehmen wir unsre Frauen auch mit? – Nein. Wer sein Weib lieb hat, läßt sie zu Hause. Wir haben nachher sonst auch keinen Menschen, dem wir erzählen können, was wir gesehen haben. – Das leuchtete mir ein. Mein Kaufmann in Springfield hatte sich mal verheiratet. Da wollte er gern eine Hochzeitsreise machen, aber er hatte noch nicht recht was vor den Daumen gebracht. So wurde es ihm zu teuer. Darum ließ er seine Frau zu Hause und machte die Hochzeitsreise allein. So wurde es billiger. Er hat seiner jungen Frau nachher viel zu erzählen gehabt von der Hochzeitsreise. Ob sie damit zufrieden war, hat er nicht gesagt. Sie auch nicht.

Als ich darüber nachgedacht hatte, ließ ich meine Frau auch zu Hause. Ich zog meine besten Weltausstellungsstiefel an und ging mit. Gegen neun Uhr ging der Zug von Springfield. Er war proppenvoll, und wir mußten bald Vorspann nehmen. Da ging es recht kurzbeinig weiter. Morgens sieben Uhr kamen wir in Chicago an. Jungedi, wat Minschen! Wir gingen ins Gasthaus. Da mußten wir einen Dollar bezahlen für Essen und Schlafen. Unser Mittagessen bekamen wir mit und steckten es in die Tasche. Da drückten wir es breit und konnten es nicht mehr essen. Bis an die Lake, das meint den See, mußten wir eine Meile zu Fuß laufen, dann drei auf der Eisenbahn fahren: zehn Cents. In die Ausstellung hinein: fünfzig Cents. Ich ging gleich von den andern ab. Sie waren mir zu langsam. Völß sagte: Richt man kein Unheil an! Ich schoß vorwärts. Was mich verinteressierte, das bekuckte ich. Was mich nicht verinteressierte, daran schoß ich vorüber.

Da fing ein Kind an zu schreien. Ich kuckte mich um, da war es ein kleines Mädchen von drei Jahren. Es lag auf dem Fußboden. Ich half ihm auf. Ich dachte: Es ist ein Unverstand, so kleine Gören mit in den Trubel zu nehmen. Was hat das Gör nun davon? Weildes kam die Mutter gelaufen. Sie schrie: Du hast mein Kind niedergelaufen. Kannst du langer Laban dich nicht vorsehen! – Ich riß aus und kam ins Deutsche Haus. Da waren die Apostel in Lebensgröße aufgestellt und kuckten still über all die Menschen hin. Ich schoß den Fußboden entlang, die Augen auf die Apostel gerichtet. Sechzehn Fuß vor den Aposteln ging es eine Stufe runter, die hielt einen Fuß. Ich sah sie nicht. Bums! schoß ich mit der Nase voran auf den Boden, daß es man so dröhnte. Da lag ich zu der Apostel Füßen. Da waren aller Augen auf mich gerichtet und lachten. Aber die Apostel lachten nicht. Judas auch nicht. Sie kuckten ganz ernsthaft weiter.

Am andern Tag gingen wir wieder aus. Da fing einer an zu schimpfen. Das verstand er. Das hörte ich gern. Er brauchte schöne neue Wörter. Darum stand ich still und sah ihn aufmerksam an. Aber Schuldt sagte: Er meinte dich. Du hast ihm seinen Haufen Bananen umgelaufen. Ich wußte von nichts. Aber wir machten, daß wir weiterkamen, und ich dachte: Du mußt dich vorsehen, sonst richtest du wirklich noch Unheil an, und dann spunnen sie dich ein. So sah ich mich vor, und wir gingen zusammen in das California-Building. Da hatte einer anlockenden Apfelsinawein zu verkaufen. Der sah wohlschmeckend aus. Schuldt sagte: Ich will drei Glas zum besten geben. Völß sagte: Ich auch. Ich sagte: Ich auch. So tranken wir jeder drei Glas. Schuldt lickte sich mit der Zunge die Lippen ab und nickköppte; Völß auch, ich auch. Schuldt hob seine Augen auf und sagte: Es fängt mir gewaltig im Leibe zu wühlen an. Völß sagte: mir auch; ich sagte: mir auch. Ich glaube, das kommt von dem Apfelsinawein, sagte Schuldt. Ich auch, sagte Völß; ich auch, sagte ich. Ich habe Eile, sagte Schuldt; ich auch, sagte Völß; ich auch, sagte ich. Wir schossen über den Platz. So stand da ein sechs Fuß langer Yankee mit einem Ofenrohr auf dem Kopf. Der betrachtete uns schon, als er uns von ferne sahe. Work in Jindelmen. Work in Onley feif Cents! Ich habe es so aufgeschrieben, wie er es sagte. Aber sein Gesicht kann ich nicht aufschreiben. Dann mußten wir noch zehn Cents dazu bezahlen. Aber es waren auch gestickte Gardinen davor, und das war auch was wert. Bloß die eine war unten links schon eingerissen, und seine Frau hatte es noch nicht wieder gestopft. Ich glaube, der andre hatte Krötenöl in seinen Wein gegossen. Ich glaube, Rizinusöl war auch damit verbunden. Ich glaube, die beiden wirkten gemeinschaftlich zusammen. Ich glaube, der lange Amerikaner hat in dem Sommer gute Geschäfte gemacht.

Es gab viel zu sehen auf der Weltausstellung. Die Heilsarmee kam mit Weinen und Seufzen, mit Singen und Beten, mit Fahnen und Halleluja anmarschiert. Dann standen sie still. Dann trampelten sie mit den Füßen auf der Erde rum, und mit den Händen schlugen sie gegen ihre Brust und verdrehten die Augen und machten damit einen großen Spektakel. Das geschah, weil sie uns mit aller Gewalt bekehren wollten. Wenn's nach ihnen ging, dann war Chicago mit seiner ganzen Weltausstellung gleichwie Sodom und Gomorrha. Und wenn da nicht Feuer und Schwefel niederfiel, dann war das bloß ihnen zu verdanken. So theaterten sie da rum mit ihrer Bekehrung, und die Menschen hörten ihnen zu wie dem Kattunhändler, der da an der Ecke seinen Kattun ausrief. Aber dann gingen sie weiter. Daß der Mensch mit seinem Beten in die Schlafkammer gehen und die Tür so'n bißchen hinter sich zumachen soll, das gilt nicht für Land Amerika. Eine Gesellschaft von Mormonen predigte da auch rum und wollte die Heiden bekehren. Die Heiden waren wir. Aber wir wollten uns nicht zu den mormonischen Leuten bekehren. Was Wieschen denn wohl gesagt hätte!

An der Ecke stand einer auf einer alten Kiste und predigte eine neue Lehre. Er wollte die Welt verbessern und gesund machen. Wenn er das getan hatte, dann sammelte der andere Geld ein. Der stand neben dem Kistenmann. Aber die meisten gingen weg, wenn er mit seinem Teller kam. Die Predigt von der Verbesserung der Welt und von der Gesundheit wollten wir auch hören. So was kann man immer brauchen, wenn's nicht zu viel kostet. Wir drängten uns durch. Ganz vorn stand Krischan Hasenpot, da achter Grabow her. Er wohnt auch in unserm Country. Es gibt unterschiedliche Menschen. Die welchen sind so, und die welchen sind so, und zu der letzten Art gehört Krischan Hasenpot auch. Lieber Freund, ich kann dir mitteilen, er hat nicht recht seinen Klug. Er ist so'n bißchen einsam in seinem Kopf. Meist sagt er nichts. Manchmal führt er wunderliche Reden in seinem Munde. Aber manchmal ist er lange nicht dumm. Der war es. Der stand vorn, und an ihm predigte der Kistenmann rum. Erst von der Nervositätigkeit, woher sie kommt, woans sie sich regiert und daß sie eine Welt- und Menschenkrankheit ist über alle Krankheiten. Du hast ihr auch, sagte er zu Krischan. Ich sehe dir das an deinen Augen ab. Siehe, der Whiskyteufel ist in dich hineingefahren und hat ein halb Dutz seiner Brüder mit sich gebracht, daß sie in dir Wohnung machen und da regimentern. Du mußt das Trinken lassen und in einem nüchternen Leben wandeln. Bekehre dich, bekehre dich, daß die Teufel wieder von dir ausgehen. Sonst bist du übers Jahr ein toter Mann!

So drangen sie mit harten Worten in Krischan Hasenpot hinein und handschlagten wider hin. Krischan hörte erst andächtig zu. Aber er hat in seinem Leben nie nicht einen Schluck getrunken, und als ihm der Kistenmann von den sieben Teufeln sprach und von seinem Saufen und ihm seinen Tod wahrsagte, da schüttelte er sich mit dem Kopf und sprach: Dat is en scharpen Tobak, säd de Düwel, dunn hadd de Jäger em 'ne Ladung Schrot int Gesicht schaten. – Der da oben verstand aber kein Grabower Plattdeutsch, darum drang er noch kräftiger in ihn hinein: Um deinetwillen sind wir heute beide zu dir gekommen, mein Bruder und ich. Da sah Krischan sie ernsthaft an, nickköppte und sprach: Gleich und gleich gesellt sich gern, säd de Düwel, dunn güng hei mit en Afkaten spazieren. – Aus der Ferne sind wir zu dir gekommen; das haben wir aus christlicher Liebe getan. – Gebildt' Lüd drapen sick, säd de Voß, dunn güng hei mit de Gaus spazieren. – Da lobten sie ihn mit freundlichen Wörtern, daß er schon anfing sich zu bekehren; dazu umarmten sie ihn auf beiden Seiten. Er aber entwich ihren Händen, sah sie freundlich an und sprach: Ein schöner Gedanke, säd de Düwel, äwer dat kümmt ganz anders. – So hoben sie ihre Augen und stimmten einen Gesang an, daß sie die Menschen zu sich bekehrten. Als das fertig war, wischten sie sich den Schweiß ab, und Krischan sprach: Wo man singt, da laß dich ruhig nieder, säd de Düwel und sett' sick in'n Immensworm (Bienenschwarm).

Als das geschehen war, da holten sie eine kleine Buddel aus der Kiste; die zeigten sie vor allem Volk und riefen: Das Weltheilwunder, das Weltheilwunder, das Weltheilwunder! Das Rezept stammt aus dem Heiligen Lande. Vor dreitausend Jahren hat ein Engel es zu den Menschen gebracht, und dann ist es zu den Indianern gekommen. Die haben es wie ihren größten Schatz verborgen. Aber zu mir sprach der Geist: Faste, bete, gehe, suche, finde, lerne, heile! So hab ich es gefunden, und hier bringe ich es euch. Das Weltheilwunder! Das virginische Zauberwasser! – Krischan reckte den Kopf hoch und sprach: Einfach, aber niedlich, säd de Düwel un strek sick den Swanz gräun an. – In wenig Jahren hat es die Welt geheilt von einem Ozean bis zum anderen, auch in Frankreich und Peru. Nach Afrika habe ich es den Missionaren geschickt, und die Kaiserin von Chinaland hat es für ihren Sohn kommen lassen. Es ist nur ein kleines Fläschchen, aber es bedeutet die Gesundheit der Welt. – Krischan sprach. Beter wat as gor nicks, säd de Düwel und stek den Swanz in 'ne Teertunn. – Seine Heilkunst ist so gewiß wie euer Tod. 5-10 Tropfen in einem Löffel mit Wasser vertreiben deinen Whiskyteufel und alle übrigen bösen Geister. Das virginische Zauberwasser und Weltheilwunder ist das beste Mittel bei Schwindsucht und Ohrensausen, gegen Verstopfung und wenn man zuviel Öffnung hat. – Krischan sprach: Dat is gaud, dat einer dormit nicks tau dauhn het, säd de Düwel, dunn flögen sick twei Schornsteinfegers. – Wer blind ist und reibt sich die Augen damit ein, der wird wieder sehend. Aus Mexiko hat mir ein Offizier geschrieben. Dem haben sie im Krieg ein Bein abgeschossen. So hat er sich damit eingerieben und es hat geholfen. Er hat es mir selbst geschrieben. Hier ist der Brief mit seiner eigenen Unterschrift. Das Universal- und Weltheilwunder! Der virginische Zaubertrank! Heute nur ein Dollar die Flasche! Die Flasche heute nur ein Dollar!

Da gingen sie mit der Buddel und dem Teller rum. Aber es hat keiner gekauft. Da fingen sie an zu schimpfen. Aber es hat keiner gekauft. So sprach Krischan Hasenpot: Wat de Aal' in dit Johr doch dünn sünd, säd de Düwel, dunn hadd hei en Regenworm in de Hand.

Dann gingen wir wieder ins Deutsche Haus. Da mußten wir zehn Cents für ein Glas Bier bezahlen. Alle andern Plätze gaben es für fünf. Darum wurde ich verstimmt. Dann wollte ich auf einer Zigarre rauchen. Was kostet sie? – 25 Cents. – Da wurde ich wieder verstimmt. Ich sprach: Die Deutschen sind schlimmer als die Yankees. – Oh, sagte er und lachte sich, schimpf doch nicht so. Du bist ja selbst ein Deutscher. – Da wurde ich wieder gut, aber die Zigarre kaufte ich nicht.

Dann kamen wir an einen andern Platz. Der Yankee stand davor und predigte. Hier kann man die ganze Welt für 10 Cents besehen! – Das ist billig, sage ich, da müssen wir rein. Aber da hingen bloß ein paar Bilder an der Wand; weiter war da nichts zu sehen. Ich sprach: Hier ist ja nichts zu sehen. Will der Kerl uns zum Narren halten? Aber da hinter dem roten Vorhang, da wird die Welt wohl zu sehen sein. So hoben wir den Vorhang auf, und als wir ihn aufgehoben hatten, siehe, da waren wir wieder draußen und sahen die Welt, und in der Ecke nebenan lag noch ein Haufen Müll extra. Da mußten wir lachen und kamen an das Persische Haus. Da stand einer davor, der sprach: Hier liegt der König von Persien in einem Sarg und ist einbalsamiert. Nur 25 Cents. So antwortete ich und sprach: Du kannst mir deinen ganzen König von Persien geben, so wie er daliegt, in Essig oder Salzlake. Er ist mir keine fünf Cents wert. Und am besten ist es, wenn du den alten Mann in Ruhe läßt, wo er doch hinüber ist und ein König war. – Aber im Ägyptischen Haus haben wir uns den König Pharao aus der Bibel doch für 25 Cents anbesehen. Man bloß, er hatte sich sehr verändert und war gar nicht wiederzuerkennen. Na, er hat ja auch so lange im Roten Meer gelegen, und die weite Reise nach Chicago ist auch keine Kleinigkeit.

So kamen wir ins Türkische Haus. Da war ein echtes türkisches Mädchen. Die konnte Deutsch und Englisch. Die hatte seidene Taschentücher zu verkaufen. Ich kuckte mir welche an, denn ich dachte an Wieschen. Sie sprach: Du bist der einzige Mensch auf dieser Ausstellung, der den Tuch für zweieinhalb Dollars kaufen kann. Alle anderen haben fünf bezahlen müssen. Du mußt es aber nicht weitersagen. Da dankte ich ihr mit freundlichen Wörtern, das könnte ich ja gar nicht verlangen, und fragte sie nach ihrem Herkommen. Sie sprach: Ich bin aus Damaskus. Das ist die älteste Stadt auf der Erde. – Hoho, sagte ich, in unserm Dorf gibt es Häuser, die schreiben sich noch aus dem Dreißigjährigen Krieg her, und in Grabow sind welche, die sind noch älter. Aber sage mir: Wo liegt dein Damaskus? Da schnüffelte sie nach allen vier Winden und sagte: Dahinüber tät es liegen! Aber sie zeigte nach Nordwest.

Das hab ich mir gleich gedacht, sagte ich, du weißt mit den Himmelsrichtungen hier auch noch nicht recht Bescheid. Da wurde sie patzig und sprach: Was weißt du von Damaskus! – Oh, ich kenne Damaskus ganz gut. Da ist eine Straße, die da heißt die richtige (Ap.-Gesch. 9, 11), aber da wohnst du wohl nicht ein. – Nein, meinte sie, die liegt denn wohl am andern Ende der Stadt. – Ja, das tut sie denn wohl. Aber du solltest auch man sehen, daß du dich da einmietest, wenn du wieder zurückkommst. Schlag man in der Bibel nach, wo sie liegt. – Da kuckte sie mich an wie die Kuh das neue Tor, und ich ließ sie stehen. Ein paar Tücher für Wieschen kaufte ich nachher in der City.

Abends, als wir aus dem Zug stiegen und die Straße entlanggingen und ein großes Gedränge war, da sah ich einen Zylinderhut über die Straße rollen. Er kam den Leuten unter die Füße, und sie zertraten ihn. Ich sprach zu mir: Da hat auch einer seinen Hut verloren; das ist schade. Denn der Hut war noch neu. Hinter uns fing einer gewaltig an zu schimpfen. Ich dachte: Da schimpft einer, der es versteht. Den haben sie im Gedränge wohl tüchtig gestoßen. Es kann auch sein, daß ihm der Hut gehört. Schuldt sagte: Der Mann meint dich wieder. Du hast ihm seinen Hut abgelaufen; ich hab's gesehen. Ich wußte von nichts.

Zuletzt waren wir von der Ausstellung ganz satt und müde. So fuhren wir nach Hause. Der Zug ging um ein Uhr mittags. Wir standen auf dem Perron. Der war drei Fuß hoch, zwanzig Fuß breit und sehr lang. Er stand gedrängt voll. Ich sagte zu Völß: Geh mal schnell um die Ecke zum Schlachter und hole Wurst, daß wir unterwegs nicht hungern. Wir haben aber bloß noch zehn Minuten. – Gut fünf Minuten waren hin, der Wurstholer war noch nicht da. So sage ich zu Schuldt: Ich will mal schnell um die Ecke kucken, ob er noch nicht kommt. Ich sause los. Er ist noch nicht fertig. Das Gedränge beim Schlachter ist zu groß. Endlich bringe ich ihn. Der Zug ist fort. Schuldt ist falsch und schilt: Du hast zu lange getrödelt mit deiner Wurst, eben ist mir der Zug an der Nase vorbeigefahren. Völß wurde auch falsch, daß der andere der Gerechte sein sollte und er der Ungerechte. Er sprach: Das war nicht nötig, daß er dir an der Nase vorbeifuhr. – Wieso nicht? – Du brauchtest dich bloß umzudrehen, dann fuhr er dir am Achtersteven vorbei.

So vertrieben sich die beiden die Zeit mit Schelten, bis der nächste Zug kam. Mit dem fuhren wir dann los. Lieber Freund, ich kann dir mitteilen, das ist oft so im Leben. Wenn die Menschen ausziehen, dann sind sie ein Herz und eine Seele, und wenn sie zurückkommen, dann zankt jeder wider seinen Nächsten. Aber bei der Wurst haben sie sich wieder vertragen, denn die Wurst war gut, und ich redete ihnen auch gut zu, daß sie sich wieder vertragen sollten. Da erhoben sie sich beide wider mich. Schuldt sagte: Sei du man still. Es war hohe Zeit, daß wir aus Chicago kamen. Wir wurden sonst noch eingesteckt um deinetwillen. Erst hast du die halbe Weltausstellung umgerannt und eben noch einen Polizisten, daß er vom Perron auf die Straße und in den Rönnstein flog. Da lag er, so lang er war, und es regnete noch dazu, und der Hut rollte über die Straße. Aber es hat ihm nichts geschadet. Er hat sich bald wieder aufgesammelt und gelacht. Als ich ihm beim Abwischen half, da sagte er: Ja, das hab ich nun für meine Gefälligkeit. – Nämlich, als ich losschoß, da wollte er mich fragen, was mir fehlte. Aber er hat es nicht mehr vollbracht. Im Vorbeisausen muß ich ihn wohl so'n bißchen mit dem Ellbogen geschrapt haben, und da ist er runtergeflogen. Das ist möglich und wird auch wohl so sein. Aber ich wußte von nichts.

So, nun weißt du von allem Bescheid, und das kann ich dir auch noch sagen: Nach so einer Weltausstellung bringen mich keine zehn Pferde wieder hin. Das kostet auch alles viel Geld. Knapp, daß sie einem das Fell lassen. Wenn ihr da mal Weltausstellung habt in Schwerin, und du willst hin, dann verkauf man nicht bloß das Kalb, dann verkaufe die Kuh auch man gleich; sonst langst du nicht mit dem Geld. – Und dann die vielen Menschen auf einem Dutt! Das ist ganz anders als auf dem Martinimarkt in Eldena. Ich richte da noch mal Unheil an. Ich muß freies Feld haben, wo mir keine kleinen Kinder und Polizisten und Bananenhügel und Zylinderhüte im Wege sind. Ich gehöre auf die Farm. Ich muß mit Beinen und Armen weit ausholen können.

Nun mußt du mir bald wieder schreiben. Hoffentlich hast du schon lange auf einen Brief von mir gewartet. Vergessen tun darfst du uns nicht. Ich hab schon oft in meine Box Nr. 118 gekuckt. Aber da war nichts drin als bloß von Kaufleuten. Dann dachte ich: Du hast dich heute mal wieder umsonst gefreut, und wenn ich das gedacht hatte, dann bin ich traurig weggegangen. Wir reden hier im Country viel von euch, und neulich nachts hatte ich einen Traum. Du warst hier zu Besuch und alles kam dir so sonderbar vor, und die Kühe und Schweine auch, und du sagtest: Jürnjakob, sagtest du, deine Wirtschaft habe ich mir doch ein bißchen anders gedacht. Aber ich sehe, daß du fleißig bist und dir Mühe gibst, und das freut mich. Wenn ich wiederkomme, will ich mich noch mehr freuen. Dabei hast du mich freundlich angekuckt und bist aus der Tür gegangen.

Da bin ich aufgewacht, und als es Morgen ward, bin ich nach der Stadt geritten, denn ich dachte: Heut muß was drin sein, denn du hast lebendig von ihm geträumt. Aber als ich in meine Box kuckte, siehe, da war wieder nichts drin. So ritt ich zurück und sagte: Mit den Träumen, da ist heutzutage auch nichts mehr mit los, wo alles in der Welt schlechter wird. Aber ich sage dir: Vergessen tun dürft ihr uns hier nicht. Wir tun euch auch nicht vergessen. Und wenn du uns mal besuchst, dann sollst du hier auch lauter Wohlgefallen an uns haben. Aber du mußt gleich auf einen ganzen Sommer kommen, daß du alle deine alten Schüler hier herum besuchen kannst. Das soll schön sein. Wir sitzen sonntags mennigmal zusammen. Die Kinder sind dann unter sich. Aber wir Alten reden von dir, von unserm alten Dorf und von alten Zeiten. Dabei kannst du uns dann helfen, denn du hast die alten Zeiten alle mit durchgemacht. Man bloß, du wirst dich wundern, denn deine Schüler sind alle griese Kerls geworden. Ich denke oft: Wie geht das bloß zu? Du warst eben doch noch ein kleiner Junge, der auf der Schulbank saß, und nun hast du mit einmal einen griesen Bart und erzählst von der Weltausstellung. Wie ist das bloß möglich? Ich glaube, wenn ich wieder in Deutschland wäre, dann wäre ich auch wieder ein kleiner Junge und dein Schüler. Hier aber läuft die Zeit mächtig fix, und man muß sich sputen, wenn man mit will. Ich habe mich auch gesputet. Aber zuletzt kommt man nicht mehr mit. Man muß sich öfters verpusten und den Kopf in die Hand stützen. Und dabei bleibt man immer weiter zurück. Weißt du, was ein Glück ist? Ein Glück ist, daß die Sonne den Kalender noch so einigermaßen an der Leine hat. Sonst würde uns hier in Land Amerika die Zeit noch ganz anders ausritzen als bei euch. Weißt du, was ich gern wissen möchte? Ich möchte gern wissen, ob du auch schon einen griesen Bart hast wie deine Schüler hier. Weißt du, was Wieschen und ich oft gesagt haben? Wieschen und ich haben oft gesagt: Wenn unsre Kinder doch auch bei dir zur Schule gegangen wären. Wenn das fertig war, dann sagte ich: Wieschen, dat geiht jo nich. De Gören hadden sich ünnerwegs jo de Söcken natt makt, un denn de wiede Weg! Sei werden jedesmal tau lat (spät) kamen und hadden jeden Dag nahsitten müßt. Un mi dücht, du mößt nu woll nah de Melkerie kieken, un ick will mal bi de Ossen nah'n Gerechten seihn.

Lieber Freund, ich kann dir mitteilen, daß Wieschen sich zu ihren Tüchern gefreut hat. Aber tragen tut sie sie nicht, und nach der Weltausstellung hat sie mich auch man wenig gefragt. Darüber hab ich mich richtig gewundert. Ich habe da vieles gesehen und kennengelernt, aber auf Wieschen kenn ich mich noch lange nicht aus.

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