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Jungmädelgeschichten

Else Ury: Jungmädelgeschichten - Kapitel 5
Quellenangabe
typenarrative
authorElse Ury
titleJungmädelgeschichten
publisherMeidinger's Jugendschriften Verlag G.m.b.H.
printrun11. bis 13. Tausend
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160301
projectide51107a0
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Der Hertasee.

Das Meer brandete. Weißer Wellengischt spritzte gegen das Schiff, das erholungsbedürftige Ferienreisende nach der Insel Rügen führte. Mit dem Fernglas bewaffnet, standen sie an Bord, schauten zurück zu den weißen, immer mehr entschwindenden Strandvillen des Seebades Binz und dann wieder vorwärts dem sich nähernden Saßnitz entgegen. Manche der Seefahrer, meist dem weiblichen Geschlecht angehörend, lehnten wohl auch mit grünlich fahler Gesichtsfarbe auf ihren Plätzen, bohrten krampfhaft lächelnd mit starren Blicken ein Loch in den Himmel und hatten nur den einen Wunsch, so schnell wie möglich wieder festes Land unter den Füßen zu fühlen. Das waren die armen Opfer der Seekrankheit.

Ganz vorn an der äußersten Spitze des Schiffes stand ein Geschwisterpaar. Die kurzen Zöpfe des etwa zwölfjährigen Mädels hatte der Sturm mit eisigen Fingern gelöst; lustig flatterte das braune Gelock ihr um Stirn und Schultern. Die rote Haarschleife, die das Kraushaar zusammengehalten hatte, segelte im Meer auf einem blauschwarzen Wellenberg, – schschschschsch – ein sprudelnder Gischt, nun war sie untergetaucht, den Blicken der ihnen nachspähenden Geschwister für immer entschwunden.

»Sie rauschen herauf, sie rauschen nieder,
Die Schleife sah keiner wieder«,

zitierte das Mädchen lachend das kürzlich in der Schule gelernte Schillersche Gedicht »Der Taucher«.

»Aber Herta, wie kannst du nur lachen, wenn du die schöne, neue Haarschleife verloren hast? Mutti hat ausdrücklich noch gesagt, du sollst dich damit vorsehen, die Haarbänder wären jetzt sehr teuer.« Der um drei Jahre jüngere Bruder blickte vorwurfsvoll auf die übermütige Schwester.

Aber die hatte bereits ihr Taschentuch herausgezogen, die vier Ecken eingeknotet und die Zipfelmütze über das entfesselte Haar gestreift.

»So – nun ist die Löwenmähne gebändigt. Ich trage in den fünf Wochen, die wir auf Rügen zubringen, überhaupt keine Haarschleife mehr. Der Seewind scheint sie nicht leiden zu können, und mit dem will ich gut Freund bleiben. Ach, ist der Sturm fein, Wolfgang!« Hertas dunkle Augen strahlten. Die sonst etwas blassen Stadtwangen hatte die scharfe Luft bereits rosig überhaucht. »Ganz salzig sind meine Lippen schon.« Das rote Zünglein leckte flink um den Mund herum.

»Ich finde den ollen Wind gräßlich.« Wolfgang wickelte sich erschauernd fester in seinen Lodenmantel. Unter der Kapuze, die er bis an die Nase über den Kopf gezogen, sah ein grünlich fahles Jungengesicht heraus. Die Zähne schlugen ihm vor Kälte aufeinander. Er kämpfte augenscheinlich, so gut es ging, gegen die tückische Seekrankheit an, die ihn bereits am Schlafittchen hatte. »Wir wollen hier nicht auf dem zugigen Platz stehen, komm doch in die Kajüte, Herta.«

»Nein, Wolfgang, du sollst dich abhärten. Deshalb reisen wir ja nach Stubbenkammer, weil das am weitesten draußen am Meere liegt. Vater hat gesagt, du wärst 'ne Wassersuppe ohne Kraft und Saft.« Herta mußte ihre Stimme ziemlich anstrengen, um sich verständlich zu machen. Sturmesbrausen und Meeresrauschen übertönten sie.

Aber der gerade nach seinen beiden Sprößlingen ausschauende Vater hatte ihre Worte doch vernommen.

»Man darf nichts übertreiben, Herta. Wolfgang muß sich erst an das Seeklima gewöhnen, um dadurch zu erstarken und kräftiger zu werden. Na, mein Junge, dir ist wohl kreuzjämmerlich zumute?« Halb belustigt, halb mitleidig blickte Herr Weiß auf seinen Sohn, dem die laute, schonungslose Kritik der Schwester Tränen in die Augen getrieben hatte. Oder war nur die beißende Schärfe des Seewindes schuld daran?

»Mir ist sehr gut, nur – nur ein bißchen kalt.« Mit bläulichen Lippen brachte Wolfgang es hervor. Er wollte nicht hinter der kräftigeren Schwester zurückstehen. Er schämte sich, daß er seekrank geworden war, während sie lachend den Elementen Trotz bot. Dabei sah er den vor ihm stehenden Vater ähnlich den Wellen auf und nieder schaukeln; alles schwankte, alles wogte vor seinen Blicken.

»Kinder – Herta – Wolfgang – wir wollen in die Kajüte gehen, hier oben holt ihr euch eine Erkältung.« Mutter kam – Gott sei Dank! – nun würde alles wieder gut werden.

Frau Weiß, selbst ein wenig bleich von der ungewohnten Seefahrt, hatte die Sorge um ihre Küken von dem geschützten Platz getrieben. Sie sah ihren Jungen erschreckt in das entfärbte Gesicht. »Kind, wie siehst du aus, komm flink nach unten und lege dich ein wenig hin.«

»Das ist das Verkehrteste, was Sie tun können, gnädige Frau«, mischte sich ein unweit stehender Herr in die Unterhaltung. »Ich bin ein alter Seebär, der seine Ferien meist am Meer zubringt. In solchen Fällen hilft nur frische Luft und ein Schluck Kognak. Gestatten Sie, daß ich den Arzt spiele.« Der Herr zog ein Feldfläschchen aus der Tasche, entkorkte es und hielt es dem Jungen an die blutleeren Lippen. »So, nun nimm mal einen kräftigen Schluck, mein Junge.«

Gehorsam schluckte Wolfgang das feurige Naß – au, das brannte.

Aber bald durchrieselte eine wohltuende Wärme seine erstarrten Adern. Das Blut kehrte in das Gesicht zurück.

Das Wogen vor den Augen ließ nach. Während der Vater dem liebenswürdigen Helfer seinen Dank aussprach, schlang die Mutter schützend das eigene Tuch um ihren Jungen. »Kommt wenigstens nach hinten unter das Verdeck, Kinder, da ist es geschützter. Hier vorn sprüht es ja, als ob man unter einer Dusche steht.« Frau Weiß zog Wolfgang zu dem entgegengesetzten Ende des Schiffes.

»Ich bleibe hier bei Vater, da sehe ich Stubbenkammer zu allererst«, rief Herta hinter ihnen her.

»Das kleine Fräulein hat Mut, das lob' ich mir«, meinte der fremde Herr anerkennend. Stolz blickte Herta um sich, ob nicht noch andere Leute das Lob vernommen hätten.

»Ja, an unserer Herta ist ein Junge verlorengegangen. Da muß sich unser Herrgott wohl geirrt haben, wie er aus dem Wildfang ein Mädel geschaffen hat. Ich wollte, mein Sohn wäre halb so widerstandsfähig. Der Junge hat so oft Fieberanfälle«, ließ sich Herr Weiß mit dem Herrn in ein Gespräch ein.

»Nun – nun – er wird sich an der See abhärten und kräftigen. Sonne und Seewind sind ja das beste Heilmittel für schwächliche Kinder.«

»Saßnitz – der Leuchtturm – ich kann den Leuchtturm schon erkennen, dessen Blinkfeuer wir gestern abend beobachtet haben«, schrie Herta aufgeregt dazwischen. Sie lehnte sich weit über das Geländer und – hui – da flog die Taschentuchmütze über Bord und segelte hinter der verlorenen Haarschleife her.

»Wildfang, sei nicht so ungestüm.« Der Vater strich seinem hübschen Töchterchen die wirren Locken aus der Stirn. »Sollen sich die Meerjungfrauen mit deinem Tüchlein die Nase putzen?«

Herta lachte hellauf über den Scherz. Vater und sie, sie beide verstanden sich doch stets am besten. Mutter wäre sicher ungehalten über den Verlust des Tuches gewesen. Sie hatte überhaupt sehr oft an dem wilden Ding etwas auszusetzen. Unmädchenhaft fand sie die quecksilberige, lebhafte Art Hertas. Na ja, weil der Wolfgang eben so sanft und artig war, so ein rechtes Muttersöhnchen. Aber trotz ihrer Verschiedenheit liebten sich die Geschwister innig. Wolfgang blickte voll Bewunderung – Neid fand in dem Herzen des guten Jungen keinen Raum – auf die ihm in jeder Beziehung überlegene Schwester. Und Herta wurde durch die brave Art des jungen Bruders von manchem dummen Streich zurückgehalten.

Das Schiff hatte sich inzwischen der weit ins Meer hinausgebauten Saßnitzer Steinmole genähert. Terrassenförmig stiegen am Ufer die Häuser und Straßen übereinander, in Buchenwald grün gebettet. Ein großer Schwedendampfer lag abfahrtbereit. Kriegsschiffe, zerschossen und leck, und Fischerboote in langen Reihen. Auf der Strandpromenade wogte es beim Nachmittagskonzert hin und her. Reisende verließen das Schiff an der Landungsbrücke; neue kamen dafür. Tücher und Hüte wehten zum Abschied. Hertas muntere Augen wußten nicht, wo sie zuerst hinblicken sollten. Ordentlich leid tat es ihr, als die Sirene ihre heulende Stimme ertönen ließ, die Schiffsbrücke eingezogen ward und die Saßnitzer Logierhäuser wieder kleiner und kleiner wurden. Das Schiff, das in der Nähe des Festlandes nur sanft auf und nieder geschaukelt, wurde wieder wie ein Fangball von einer Welle zur andern geschleudert.

»Jetzt kommt die schönste Strecke unserer Seefahrt, zwischen Saßnitz und Stubbenkammer«, erklärte der Vater seinem Töchterchen. »Sieh, hier fangen die weißen, jäh ins Meer stürzenden Kreidefelsen, welche die Ufer besäumen, bereits an. Darüber der lichtgrüne Buchenwald – Rügen ist doch einzig in seiner nordischen Lieblichkeit.«

»Für mich ist der märchenhafteste Ort in dieser Gegend der Hertasee. Ein verborgenes Kleinod, von uralten Eichen- und Buchenriesen bewacht. Mag sein, daß ich als Geschichtsforscher noch besonderes Interesse für diese Gegend habe. Mir scheint's immer, als ob die alten germanischen Recken, mit Schild und Speer bewaffnet, aus dem Schatten des Waldes treten müßten. Als ob der heilige Hain rings um den See sich mit Scharen von Priestern beleben müßte, die ihrer Göttin Herta, der Frühlingsgöttin, ihre Opfer darbringen. Allenthalben trifft man hier noch auf Opfersteine und umgestürzte Altäre; auch die heilige Blutbuche wird noch gezeigt. Versäumen Sie nicht, die Hertaburg aufzusuchen. Die meisten Fremden gehen achtlos an den mit Binsen bewachsenen, hohen Wällen vorüber. Aber es lohnt sich, mal da ein bißchen herumzustöbern.«

»Nun, wir werden ja in den fünf Wochen, die wir auf Stubbenkammer zuzubringen gedenken, genug Zeit und Gelegenheit haben, all diese Orte der nordischen Sage kennenzulernen«, meinte der Vater.

»Und das kleine Fräulein wird am Ende die Bekanntschaft der Göttin Herta persönlich machen, wenn sie auf ihrem von geweihten Kühen gezogenen Rosenwagen in silberner Vollmondnacht zum See hinunterfährt, um zu baden. Du bist ja ihre Namensschwester.« Professor Holle, der Geschichtsforscher, zwinkerte lustig mit dem linken Auge.

»Jawoll, das glaub' ich nicht. Das ist ja bloß eine Sage. In unserem Lesebuch steht sie«, rief Herta lebhaft.

Die immer großartiger sich gestaltende Schönheit der höher und höher werdenden Klippen, die fast senkrecht in die Meerestiefe abfielen, zog Hertas Gedanken von der altgermanischen Göttin ab. Die Eltern hatten schon früh den Sinn für die Natur in den Kindern geweckt. Herta war von allem, was sie sah, schnell und lebhaft begeistert, während Wolfgang, nicht minder aufnahmefähig als sie, still für sich das Schöne genoß. Heute aber hatte der arme Junge gar nichts von der herrlichen Seefahrt. Nur der eine Wunsch beherrschte ihn: »Wären wir doch bloß erst wieder an Land.«

Alles nimmt schließlich mal ein Ende, auch eine Seefahrt, wenn einem dabei auch noch so erbärmlich zumute ist. Als das Schiff in Stubbenkammer anlegte, mußte Wolfgang von den Eltern über die Landungsbrücke ans Land geführt werden. Das arme Kerlchen war nicht mehr imstande, allein zu gehen. Herta dagegen sprang wie ein junges Füllen dahin und belustigte sich köstlich über die Leute, die auf dem Festlande immer noch schwankten, als ob sie betrunken wären.

»Das kommt durch das Beharrungsgesetz, Herta. Davon hast du doch gewiß schon etwas in der Physikstunde gehört«, erklärte ihr der Vater. »Der Körper ist durch das stundenlange Schaukeln des Schiffes an diese schwankenden Bewegungen gewöhnt und kann sich erst allmählich wieder davon frei machen.«

Jetzt galt es zu klettern. Hunderte von Stufen führten vom Strand hinauf zu dem auf einer Klippe gelegenen Gasthaus, in dem die Familie Weiß Wohnung bestellt hatte. Wie eine Schar Ameisen kribbelten die Reisenden den schmalen Stufenweg durcheinander. Barfüßige Fischerjungen, sonnengebräunt und flachsköpfig, drängten sich an sie heran.

»Kennen Sie die Sage vom Hertasee? Soll ick Ihn die Sage vom Hertasee mal vertellen?« so überschrien sie sich gegenseitig. Und dann ging's los, untermischt mit dem schönsten pommerschen Plattdeutsch, von dem man nur die Hälfte verstand.

Herta aber verstand genug. Nämlich, daß die Sklaven, welche die Göttin zum See geleiteten, in der Tiefe des Wassers ertränkt wurden; daß jedes menschliche Wesen, welches die Göttin mit eigenen Augen geschaut hatte, sterben mußte. Gut, daß sie in einem andern Zeitalter lebte, daß man der Göttin Herta, die hier einhergewandelt war, nicht mehr begegnen konnte. Sie glaubte ja natürlich nicht daran – Quatsch! – aber etwas unheimlich war es doch immerhin.

»Drum feiern wir noch hützutag hier dat Hertafest«, schlossen die Fischerjungen ihre heruntergeleierte Litanei und streckten den Fremden die braunen Hände entgegen, um als Belohnung für ihren Vortrag ein Geldstück in Empfang zu nehmen.

Auch Hertas Vater zog den Beutel. »Wann feiert ihr denn das Hertafest?« fragte er die Jungen.

»In'n Sommer, wenn die meisten Fremden do sünd, süß lohnt sich dat nich«, rief einer der kecksten.

»Ja, läßt sich denn das die Göttin Herta gefallen? Sie ist doch die Frühlingsgöttin, die Schöpferin alles neuen Seins und Werdens in der Natur. Da könnt ihr doch ihr Namensfest nicht in den Hochsommer verlegen?« scherzte Herr Weiß.

Die Jungen machten blöde Gesichter und stießen sich heimlich lachend an.

Professor Holle aber, der Herrn Weiß' Worte gehört hatte, wandte sich zurück. »Es ist eine hübsche Sitte, daß sich das Hertafest auf diesem Küstenstrich bis heute erhalten hat. Der heilige Hain, in dem einst die Priester der Göttin ihres Amtes gewaltet, ist jetzt an ihrem Feste von fröhlichen Kinderstimmen durchklungen. Aus dem Hertafest ist ein Kinderfest geworden. Und das ist ja auch das richtige. Die Kinder sind ja die Verkörperung eines neuen Seins.« Lächelnd klopfte er der gespannt zuhörenden Herta die erhitzte Wange.

Die hatte von den Worten des Herrn Professors nur begriffen, daß man hierzulande ein Kinderfest zu feiern pflegte, und das ließ das Interesse für die Göttin Herta in den Hintergrund treten. Ob sie dazu wohl ihr neues rosa Mullkleid anziehen durfte?

Die Klippenkraxelei war für ältere Beine ziemlich anstrengend. Aber die Ruhebänke, die an den Wegbiegungen aufgestellt waren, eröffneten zauberhafte Ausblicke auf das unendliche, weite Meer, über das weiße Segelboote wie Riesenschwäne zogen.

Die Jugend hatte allerdings mehr Sinn für die Verkaufsbuden mit Ansichtskarten, photographischen Aufnahmen und allerlei Muschel- und Bernsteinzeug, das dort feilgeboten wurde. Wolfgang hatte sich immer noch in Mutters Arm eingehängt und genoß jetzt, wo ihm allmählich besser zumute wurde, still mit den Großen das erhabene Schauspiel. Herta dagegen schloß sogleich Freundschaft mit den Fischerjungen.

»Wohnt ihr hier?«

»Woll.« Sie grinsten.

»Dann können wir fein zusammen spielen. Wir bleiben fünf Wochen da.«

»Wir möten arbeiten«, meinte der keckste, der stets für alle das Wort führte.

»Was müßt denn ihr schon arbeiten?« verwunderte sich Herta.

»Netze möten wi flicken, Bernstein und Muschel söken gahn und ook de Fisch ton Rökern hendragen.«

»Wie heißt ihr denn?«

»Klaas, Peter, Jörn, Krischan, Körling«, so riefen sie durcheinander.

»Und ich heiße Herta.«

Die Fischerjungen starrten das fremde Mädchen ehrfurchtsvoll an, als ob sie leibhaftig die Göttin Herta sei, von der sie den Fremden zu erzählen pflegten.

Als man endlich oben an dem in herrlichem Buchenwalde gelegenen Gasthaus angelangt war, hatte Herta bereits eine Zusammenkunft mit Klaas und Jörn für den kommenden Morgen verabredet. Sie wollte ihnen beim Netzeflicken helfen, trotzdem Klaas ein wenig verächtlich meinte: »Stadtdirns sünd tau dämlich dortau.«

Die meisten der Reisegenossen hatten Stubbenkammer, die Perle der Rügenschen Seebäder, nur als Ausflugsort erkoren. Sie nahmen in dem schattigen Wirtsgarten einen Imbiß, genossen mit Schinkenbrot und Bier zugleich den wunderbaren Blick und besuchten dann den Hertasee.

Trotzdem war das Haus von Pensionsgästen sowohl wie von Touristen gefüllt. Die Zimmer, die der Familie Weiß angewiesen wurden, hatten einen Balkon nach dem Meer hinaus und einen in den prachtvollen Laubwald gehend. Mutter und Herta bezogen das nach der See gelegene Zimmer, während der Vater und Wolfgang sich in dem Waldzimmer einrichteten, denn Wolfgang mochte vorläufig nichts mehr von Wellen und Schiffen sehen.

Bis zur Mittagszeit war man mit dem Auspacken der Koffer und dem Einräumen seiner Siebensachen fertig. Herta ging der Mutter geschäftig zur Hand. Sie war umsichtig und schnell für ihre zwölf Jahre, wenn die Mutter sie auch manchmal einen kleinen Windhund nannte. Denn der Eifer, alles in der neuen Behausung und dem fremden Ferienaufenthaltsort möglichst schnell kennenzulernen, war noch größer als der Wunsch, der Mutter zu helfen. Da kam es ihr in der Eile denn nicht darauf an, die schön geplätteten Stickereien an der Wäsche beim Einräumen in den Schrank zu zerdrücken oder gar die Stiefel neben den Blusen zu verwahren.

»Wohin?« fragte der Vater, als Herta, sobald das letzte Stück eingeräumt war, spornstreichs das Zimmer verlassen wollte.

»Ich will auf Entdeckungsreisen ausgehen und mich mal erst ein bißchen hier überall umsehen.« Sie wollte zur Tür hinaus.

»Ohne mich?« Wolfgang, den die Mutter vorsorglich bis zur Mittagstafel auf ein Sofa gebettet hatte, fragte es betrübt.

Einen Augenblick schwankte Herta. Dann hatte sie sich überwunden. »Na schön, Wolfgang, ich warte damit bis nach Tisch auf dich.« Das dankbare Aufleuchten der blauen Jungenaugen folgte Herta auf den Balkon hinaus, wo sie die Schiffe drunten auf dem Meer zählte. Es machte sie froh, trotzdem sie enttäuscht war, nicht gleich ihre Neugier befriedigen zu können.

Viel Zeit war sowieso nicht mehr. Bald läutete die Glocke zum Mittagessen. Zum erstenmal in ihrem Leben sollten Herta und Wolfgang an der gemeinsamen Gasttafel teilnehmen. Wolfgang war ein bißchen bange, ob er sich auch richtig dabei benehmen und sich nicht allzu ungeschickt beim Auflegen der Speisen anstellen würde. Herta dagegen war eitel Freude und Glückseligkeit. Diese wurde etwas herabgestimmt, als sie sah, daß an einzelnen Familientischen gespeist wurde. Mutter bekam die Suppenterrine zum Aufteilen. Das war ja genau so wie zu Hause. Sie war doch so stolz darauf gewesen, sich selbst nehmen zu dürfen.

Fast an jedem Tisch gab es Kinder, Jungen und Mädel in dem verschiedensten Alter. Bereits nach einer Stunde kannte Herta sie alle. Die blonden Zwillinge aus Lüneburg, die etwas älter waren als sie, die wilden Berliner Jungen, Fritz und Richard, das süße Kleine aus Stettin und den Helmut und die Minnie aus Hannover, die so ulkig das St sprachen. Untergeärmelt zog sie sogleich mit ihnen auf Entdeckungsreisen los und nahm sogar den schüchternen Bruder, der sich nicht so schnell anschloß, mit ins Schlepptau.

Die Gebäude, die zur Wirtschaft gehörten, waren bald besichtigt und mit Kaninchen, Ziegen und dem großen Hofhund war Freundschaft geschlossen.

»Wo wollen wir jetzt hin?« fragte einer der Zwillinge.

»Wir steigen die Stufen hinab an die See und bauen uns eine Strandburg«, schlug Helmut vor.

»Nein, wir wollen paddeln«, rief ein anderes der Kinder.

Strandburg und paddeln – beides war neu für die Weißschen Kinder, die noch niemals am Meer gewesen waren. Trotzdem meinte Herta: »Ach nee, ich möchte am liebsten den Hertasee kennenlernen.«

»Den Hertasee – was willst du denn da bloß?« verwunderten sich die andern Kinder.

»Ich heiße Herta wie die Germanengöttin, die einst an dieser Stelle verehrt wurde. Folglich habe ich auch die Verpflichtung, zuerst ihren See aufzusuchen«, erklärte Herta großartig.

»Ach, geht doch nicht an den Hertasee«, – »da graule ich mich jedesmal, wenn wir vorbeikommen«, – »ich auch«, – »mir ist er auch unheimlich«, – »und an den Opfersteinen und bei der Blutbuche spukt es nachts.« Die Kinder umringten die Weißschen Geschwister lebhaft.

»Was – ihr wollt Jungens sein und seid so feige?« wandte sich Herta entrüstet an die Berliner Jungen. »Na, ich werde euch beweisen, daß nicht alle Berliner solche Banghasen sind wie ihr. Wir sind nämlich auch aus Berlin. Nun gehe ich gerade zum Hertasee.«

»Na, dann grüße die Herta von uns, falls du ihr begegnest«, – »und laß dich nur nicht im See ertränken.« – Lachend trennte man sich.

»Du, Herta«, – Wolfgang zupfte die Schwester ein wenig unbehaglich am Kleiderärmel –, »wir wollen doch lieber mit dem Hertasee warten, bis Vater und Mutter mitgehen.« Die Sache war ihm nicht recht geheuer.

»Bist du auch so ein Feigling?« Herta sah geringschätzig auf den Bruder herab. »Ich habe keinen sehnlicheren Wunsch, als der Göttin Herta bei ihrer nächtlichen Wanderung zum See zu begegnen«, lachte sie.

»Jawoll, wer's glaubt. Wenn sie wirklich käme, würdest du sicherlich auch auskneifen«, verteidigte sich Wolfgang.

»Ich? Na, da kennst du mich schlecht. Ich würde mich ihr als Namensschwester vorstellen und – und wenn du nicht mitgehen willst, dann laß es bleiben, Wolfgang. Dann gehe ich eben allein.«

Aber das brachte der gute Junge doch nicht über sich, die Schwester allein in irgendeine unbekannte Gefahr sich begeben zu lassen. Zögernd folgte er ihr.

Der Weg zum Hertasee war breit, sonnig und viel begangen. Er hatte durchaus nichts Gruseliges. Die Vögel sangen in den uralten Eichen- und Buchenkronen ihre süßen Lieder, so daß selbst Wolfgangs Herz wieder frei zu schlagen begann.

»Das ist die Blutbuche, die der Göttin Herta geweiht gewesen«, hörten die Kinder andere Spaziergänger sagen.

Neugierig musterten sie den prachtvollen Baum, der freistehend sein vielverzweigtes Dach über eine kleine Lichtung breitete. Die Blutbuche hatte nichts Spukhaftes, wenigstens bei hellem Sonnenlicht ganz und gar nicht.

Durch die Bäume schimmerte es silbern – da lag er, der Hertasee, kreisrund, von einer grünen Waldmauer umschlossen. Still und geheimnisvoll dehnte er sich zu ihren Füßen. Silberweiden umsponnen ihn, und Wasserrosen blühten auf seinem stillen Spiegel.

Unwillkürlich griff Wolfgang nach Hertas Arm. Die schritt mutig vorwärts, sie verstand gar nicht, was hier Unheimliches sein sollte.

An der Bootstelle traf sie auf Bekannte. Klaas und Krischan, welche die Fremden zur ehemaligen Hertaburg hinüberzurudern pflegten.

»Soll ich euch die Sage vom Hertasee mal vertellen?« Die ausgelassene Herta ahmte in Ton und in der Sprechweise den Fischerjungen getreulich nach.

»Dirn, die Herta lat sich nich spotten, süh di vor, dat sei di nich in'n See runner trecken deiht«, warnte Krischan.

»Jungs, was seid ihr dumm, daß ihr das Zeug glaubt. Das ist doch bloß eine alte Sage, in der Schule haben wir sie gelernt. Das ist ebensowenig wahr wie alle andern Märchen.«

»Jo, du mötst jo dat woll better weiten, wo du gar nich von hier büst«, begehrte Klaas auf. »Aber wat min Grotmoder is, de hat se seihn, uns' Göttin Herta, mit ihre eigenen Oogen. In de Vollmondnacht, in de Hertanacht, do geiht min Grotmoder Kräuter suchen in'n Wald, weil se denn besonders gaud helpen daun. Dor is sei ehr begegnet.« Die laute Jungenstimme dämpfte sich zu scheuem Geflüster.

»Ach, ihr könnt mir viel erzählen, aber ich bin nicht so dumm, es zu glauben.« Herta schüttelte den eigentümlich bangen Druck, der sie hier am See bei den Worten des Jungen beschlichen hatte, schnell wieder ab.

»Na, denn kumm man mit nach min Grotmodern, denn ward sei di dat sülwer vertellen«, ereiferte sich Klaas.

»Wir müssen nach Haus, Herta. Mutter und Vater werden schon mit dem Kaffee auf uns warten.« Wolfgang hatte reichlich genug von der Gruselgeschichte. Der See, der doch so märchenhaft still, so licht und harmlos im Waldesgrün träumte, schien ihm unheimlich düster und gefährlich.

Auch Herta erinnerte sich erschreckt, daß sie die Freistunde, während welcher die Eltern Nachmittagsruhe hielten, schon allzu lange ausgedehnt hatten. »Heute geht es nicht mehr, Klaas, aber morgen, da besuche ich euch bestimmt«, versprach sie. »Wo wohnt ihr denn?«

»Frag' man blot nach Wurzelstining – dat is min Grotmoder, bei de ick wohnen dau – de kennt ein jeder hier«, rief Klaas hinter ihr drein.

Die Eltern warteten schon, um mit den Kindern einen Spaziergang zu unternehmen.

»Na, ihr Vagabunden, verwildert ihr gleich am ersten Ferientag? Das kann ja gut werden«, empfing sie der Vater scherzend.

»Wie unvernünftig von dir, Herta, mit Wolfgang, der am Vormittag so elend gewesen ist, so lange herumzustrolchen«, meinte die Mutter ein wenig vorwurfsvoll. »Ganz erhitzt seid ihr.«

»Wo wollen wir denn hingehen?« Herta fand es für geraten, ein anderes Gespräch anzuschneiden.

»Natürlich nach dem See, der deinen Namen trägt, Herta. Das ist hier der erste Weg für jeden Fremden, der Stubbenkammer besucht.«

»Da kommen wir gerade her«, lachte das Töchterchen ausgelassen. »Ich habe meinem See bereits einen Besuch abgestattet.«

»So könnt ihr ja die Führung übernehmen, wenn ihr schon Bescheid wißt, aber erst wird die Milch ausgetrunken.«

»Ach, nicht an den Hertasee, bloß nicht wieder an den Hertasee – wir wollen doch woanders hingehen, ja, Muttchen?« wandte sich Wolfgang flehentlich an die Mutter.

»Aber was fällt dir ein, Junge? Der See soll der schönste Teil dieser Gegend sein, da werden wir noch sehr oft hinkommen«, bedeutete ihm der Vater.

Herta aber lachte belustigt auf. »Der große Junge hat Angst, der Wolfgang grault sich, das ist ja zum Piepen«, zog sie ihn auf.

»Ach Unsinn, ich habe gar keine Angst, bloß –.«

»Bloß ich graule mich«, vervollständigte die Schwester übermütig den Satz.

»Aber Wolfgang, wovor fürchtest du dich denn?« Die Mutter faßte besorgt nach der Stirn ihres Jungen, ob er auch nicht im Fieber spräche.

»Nee, ich bin nicht krank«, beruhigte sie Wolfgang. »Aber am Hertasee, da ist's nicht geheuer. Die Göttin Herta soll da noch immer durch ihren heiligen Hain fahren und in der Vollmondnacht im See baden. Die Fischerjungen haben es gesagt, und die müssen es doch wissen, wo sie hier zu Hause sind.« Wie aus einem Munde lachten Vater und Mutter.

»Kinder, was seid ihr noch dumm, daß ihr euch solche Märchen aufbinden laßt. Das ist doch bloß eine alte Sage.«

»Hab' ich ja auch gesagt – kein Wort habe ich dem Klaas geglaubt, daß seine Großmutter die Göttin Herta selbst gesehen hat«, rief Herta, in das Lachen der Eltern einstimmend. »Und überhaupt, dann hätte sie doch gleich sterben müssen, und sie lebt doch immer noch. Und morgen besuche ich den Klaas, und da werde ich der Großmutter sagen, daß sie den Leuten nicht so was weismachen soll.«

»Das wäre recht naseweis von dir, einer alten Frau gegenüber, Herta. Du wirst wohl auch morgen schwerlich zu dem Besuch kommen. Wir wollen an den Strand hinunter und baden.«

»Au ja – au famos!« Herta konnte es gar nicht erwarten, in den Wellen herumzustrampeln. Wolfgang sah dem ersten Bade mit geteilten Gefühlen entgegen. Er war nun mal kein Held.

Auch heute war er heilfroh, daß die Eltern sich entschlossen hatten, statt den Hertasee aufzusuchen, einen Dünenspaziergang zu unternehmen. Die Opfersteine, auf die Herr Weiß seine Kinder unterwegs aufmerksam machte, an denen man noch die Steinrinne, aus der das Blut des Opfertieres einst in grauen Vortagen geflossen war, erkennen konnte, waren ja auch ein wenig aufregend, aber doch nicht so bedrückend geheimnisvoll wie der Hertasee.

Weder am nächsten noch in den darauffolgenden Tagen kam Herta dazu, ihr Versprechen, Klaas zu besuchen, auszuführen. Ihre Zeit war von morgens bis abends vollauf ausgefüllt. Da war zuerst das Bad, das bei dem hohen Wellengange so herrlich war und an dem auch Wolfgang allmählich Freude fand. War das ein Kreischen, Lachen und Quieken, ein Spritzen, Tauchen und Hopsen in den weißen Schaumwellen, denn die ganze Kinderschar aus dem Gasthause badete zu gleicher Zeit. Dann kam das Sonnenbad am Strande heran, das den Körper so wohlig erwärmte. Da wurde gepaddelt, wurden Muscheln und Bernstein gesucht, im Schweiße des Angesichts Burgen mit hohen Sandwällen gegraben. Herta blühte wie ein Röslein auf, und auch Wolfgangs bleiche Wangen bräunten sich und bekamen Farbe. Am Nachmittag unternahm man gemeinsame Ausflüge zu Schiff, mit dem Wagen oder auf Schusters Rappen. Es waren herrliche Ferientage, welche die Kinder auf der Insel Rügen verbrachten.

Sobald Herta die Fischerjungen traf, hatte sie ein schlechtes Gewissen, daß sie ihr Versprechen, Klaas zu besuchen, noch immer nicht wahr gemacht hatte. Die hellblauen Augen des Jungen sahen sie immer so erwartungsvoll an, daß sie stets, ohne daß er sie fragte, versicherte: »Morgen komm ich aber ganz bestimmt zu euch.«

Aber morgen war dann wieder so viel anderes, daß Herta es von einem Tag zum anderen aufschob. Und jetzt hatte sie überhaupt an ganz anderes zu denken als an den Besuch in der Fischerhütte. Das Hertafest sollte in den nächsten Tagen stattfinden, das Kinderfest, von dem schon soviel erzählt worden war. Die Kinder durften dazu Girlanden winden, große Sträuße pflücken zum Schmücken der Tafeln. Im Walde sollten die kleinen Gäste mit Schokolade und Kuchen bewirtet werden, dann würde auf einer Waldwiese gespielt und getanzt werden, eine Kapelle machte die Musik dazu. Und abends würde man dann mit brennenden Stocklaternen, Lieder singend, heimmarschieren, so erzählten die Kinder, die schon öfters die Sommerferien hier zugebracht hatten, den anderen, die nicht genug davon hören konnten.

»Mein Fest«, nannte es Herta. »Es trägt meinen Namen, folglich ist es mir zu Ehren; ich bin die Hauptperson und die Königin des Festes.«

»Du, sag' das nicht so laut, sonst straft dich die Göttin Herta dafür«, warnte eines der kleineren Mädchen ein wenig ängstlich.

»Unser Stubenmädchen sagt, in der Nacht vor dem Hertafest beim ersten Strahl des Vollmondes geht die Göttin Herta wieder um. Wer sich an den See wagt, kann sie sehen. Aber das traut sich keiner, weil er dann sterben muß«, erzählte Minnie geheimnisvoll.

»Ich traue mich. Ich habe nicht die Spur Angst. Schämt ihr euch denn nicht, so'n Zeug zu glauben«, spielte sich Herta auf.

»Ja, du – du wirst es gerade wagen, nachts an den Hertasee zu gehen«, lachten die Kinder sie aus.

»Was, ihr traut mir das nicht zu? Da werde ich es euch beweisen, daß ich nicht solch Angstmeier bin wie ihr. Ich gehe morgen, wenn der Vollmond aufgeht, bestimmt an den Hertasee. Dann werde ich euch aber auslachen.« Obwohl es Herta zuerst gar nicht so ernst mit ihrer Absicht gewesen war, denn der Hertasee nachts beim Mondenschein war bei aller Keckheit selbst für sie nicht allzu verlockend, gab es jetzt kein Zurück mehr, wenn sie sich nicht unsterblich blamieren wollte.

»Wir glauben dir nur, daß du am Hertasee gewesen bist, wenn du uns zum Zeichen eine Wasserrose mitbringst. Sie blühen ja dicht am Ufer, du kannst sie leicht pflücken«, meinte einer der großen Jungen verschmitzt.

»Na, wenn du morgen abend an den Hertasee gehst, will ich Mops heißen«, zog sie einer der Zwillinge auf.

»Dann werden wir dich am Hertafest wohl nur ›Mops‹ nennen, Trude.« Herta war fest entschlossen, den Weg zu wagen.

Wolfgang hatte die Erörterungen mit schreckensgroßen Augen verfolgt. Um's Himmels willen, wie konnte sich die Herta nur in eine solche Gefahr begeben. Er durfte sie nicht zum See gehen lassen, er mußte es vereiteln.

»Du, Herta.« Bittend schlang Wolfgang, als sie beide allein waren, den Arm um die Schwester. »Nicht wahr, du hast doch nur Spaß gemacht? Du gehst doch morgen abend nicht allein an den Hertasee, wo es bestimmt in der Nacht vor dem Hertafest geistern soll?«

»Denkst du, ich werde mich von den Kindern auslachen und verspotten lassen?« Obwohl es Herta eigentlich im Hinblick auf das bevorstehende Unternehmen gar nicht behaglich zumute war, tat sie doch ungeheuer wagemutig. »Was ist denn auch schließlich dabei –.«

»Ach, liebes, gutes Hertachen, wenn dir die Göttin Herta erscheint und du dann sterben mußt wie die Sklaven, die in dem See ertränkt wurden. Hättest du doch bloß nicht gesagt, daß du hingehen willst.« Wolfgang weinte vor Aufregung.

Herta hegte im innersten Herzen eigentlich denselben Wunsch. Aber es zuzugeben, nein, dazu war sie viel zu stolz.

»Ich werde schon nicht sterben. Die Wurzelstining lebt ja auch noch, trotzdem sie behauptet, die Göttin Herta mit eigenen Augen gesehen zu haben«, meinte sie möglichst leichthin.

Halt – ein Gedanke. Heute nach Tisch wollte sie nicht mit den andern Kindern wie sonst spielen, sondern Klaas' Großmutter aufsuchen. Die würde ihr am besten sagen können, ob ihre Absicht gefährlich war. Sie wollte ja sowieso den Klaas schon so lange besuchen. Am Ende konnte sie ihn für den Plan gewinnen, daß er mit ihr kam.

Nach Tisch machten sich Herta und Wolfgang auf den Weg. Der gute Junge ging der Schwester nicht mehr von der Seite, als ob ihr heute schon ein Unheil widerfahren könnte.

Die Fischerhütten im Dorf sahen alle gleich aus. Baufällig und verfallen, mit niedrigem, tief überhängendem Strohdach. Kein Blumenstock an den Fenstern oder im Gärtchen. Nur graue Netze, die zum Trocknen ausgespannt waren.

Auf ihre Frage wies man die fremden Kinder zu der kleinsten und verfallensten der Hütten. Da wohnte die Wurzelstining. In der halbgeöffneten Tür auf den Backsteinen des Hausflurs hockte auf einem Schemel eine alte Frau und sortierte Kräuter.

»Guten Tag«, sagte Herta dreist.

»Gu'n Dag ook!« Die scharfen, hellen Augen, die an die von Klaas erinnerten, richteten sich auf die fremden Kinder. »Wat wullt ihr hier?«

»Wir wollen Klaas besuchen.«

»De hett keen Tid nich för so wat, de möt Netze knütten«, brummte die Alte nicht gerade freundlich.

»Komm, Herta, wir wollen gehen.« Wolfgang versuchte die neugierig Umschau haltende Herta wieder aus der Hütte herauszuziehen. Es roch dort abscheulich nach Teer, Tang und gesalzenen Heringen. Dazu die unfreundliche Großmutter, nein, der Aufenthalt war wirklich nicht sehr einladend. Da aber kam es bereits im Sturm um das Haus herum, Klaas und seine Freunde Krischan und Jörn.

Stumm starrten sich die Kinder gegenseitig an.

»Wir wollten dich besuchen«, eröffnete Herta schließlich als Gewandteste die Unterhaltung.

»Je«, sagte Klaas und sonst nichts.

»Du wolltest mir doch zeigen, wie man Netze strickt.« Es lag ihr daran, den Jungen mal erst ohne die Großmutter zu sprechen.

»Je, denn kummt man mit.« Hinter dem Hause hatten die drei Jungen ihre Netzflickarbeit im Stich gelassen, als sie die fremden Kinder eintreten sahen. Stumm nahmen sie ihre Arbeit wieder auf.

»Ist das schwer?« erkundigte sich Herta.

»Nee, man möt et blot verstahn.« Wieder eine Pause.

»Du, Klaas, laß mich mal.« Herta nahm ihm das grobmaschige Ding aus den derben Fäusten.

Ääx, roch das eklig nach Fischen, und der Bindfaden schnitt einem in die Hände. Sie kam nicht damit zurecht.

Gutmütig lachte Klaas. »Ick hew di jo all seggt, Stadtdirns sünd dortau tau dämlich.« Herta wollte aufbegehren, in ihrer Ehre gekränkt. Aber rechtzeitig besann sie sich noch, daß sie sich ja mit Klaas gut verhalten müsse, damit er morgen mit ihr an den Hertasee ging. Zu zweien war der Weg doch bedeutend weniger unangenehm.

»Du, Klaas, übermorgen ist Hertafest, bist du auch dabei?«

»Woll, alle Kinners sünd dabei. Ob rik, ob arm, dat ist de Göttin Herta ganz glik.« Die braunen Jungenfinger knoteten geschickt den Netzfaden, während er sprach.

»Du, Klaas, ich geb' dir meinen Kuchen und meine Schokolade auch noch, wenn – ja wenn du morgen abend mit mir an den Hertasee kommst.« Da war es heraus.

»Dirn, büst woll unklug?« Dem Jungen blieb der Mund halboffen vor Schreck. »Moor'n Abend vör 't Fest, do geiht de Göttin Herta all wedder an'n See baden, do bliwt 'n jedes to Hus.«

»Ich glaub's nun mal nicht, bis ich es mit eigenen Augen gesehen habe.« Trotzdem Herta so großsprecherisch tat, war ihr eigentlich gar nicht so sicher zumute. »Komm doch mit, Klaas! Dann schenke ich dir auch was Schönes.«

»Nee!« Klaas schüttelte den eckigen Kopf mit dem glatten hellen Haar. »Ick will noch nicht starwen, ick bin noch tau jung dortau.«

»Aber deine Großmutter lebt ja auch noch, und die hat die Göttin Herta doch selbst gesehen, hast du mir erzählt«, überredete ihn das Mädchen, während die anderen Jungen andächtig das Gespräch verfolgten.

»Na, frag' ehr sülver, kumm man nah min Grotmoder.« Er zog sie um das Haus herum zum Eingang. Da war die Großmutter beschäftigt, im Hintergrunde der Hütte ein Feuer auf dem Herd zu entfachen und den Kräuterkessel aufzusetzen. Denn sie war in allerlei Heilmitteln erfahren und weit in der Umgegend dafür bekannt.

»Grotmoder, de Dirn will ja woll morr'n abend nah 'm Hertasee. Segg ehr doch, dat sei dat nich daun sall, dat sei starwen möt, wenn sei de Göttin Herta dorbi seihn deet.« Klaas war augenscheinlich um das Wohl der kleinen Stadtdirn, die immer so nett mit ihm sprach, besorgt.

»Dirn, wat willst du morr'n nacht an'n See? Büst 'n Sonntagskind?« fragte die Großmutter und der eine Zahn, den sie noch im Munde hatte, wackelte dabei.

Herta schüttelte den Kopf.

»Je, denn bliw to Hus. Ick bün'n Sonntagskind, ick hew ehr seihn. Mi deiht sei nix nich, wenn ick Kräuter für kranke Lüd und Vieh suchen dau.« Die Alte nickte dabei mit dem grausträhnigen Kopf.

»Ich habe denselben Namen wie sie, ich heiße ebenfalls Herta, da wird sie mir wohl auch nichts tun.« Herta nahm noch einmal all ihren entschwundenen Mut zu einem Scherz zusammen. Ja, sie brachte es sogar zu einem wenn auch etwas unfreien Lachen.

»Kann sünd, kann sünd ok nich.« Die alte Frau rührte in ihrem Kessel und kümmerte sich nicht mehr um den jungen Besuch.

Wolfgang war die beim rötlichen Schein des Flackerfeuers hantierende Alte fast noch gespenstischer als die Göttin Herta. Er war ordentlich erleichtert, als er mit Herta und den Fischerjungen wieder draußen im hellen Sonnenschein stand.

»Also du kommst nicht mit, Klaas?«

»Nee.«

»Schön, dann gehe ich eben allein. Ihr seid hier auch nicht besser als die Stadtjungs, ebensolche Angstmeier.« Sie reichte den Jungen zum Abschied die Hand.

»Na adjüs denn, un wenn de nich ganz dämlich büst, Dirn, denn geihste morr'n abend tau Bett un nich nah'n Hertasee.« Die Fischerjungen machten sich wieder an ihre Netze, die Berliner Kinder auf den Heimweg.

»Quatsch!« sagte Herta nach minutenlangem stummen Nebeneinandergehen. Und das war der Schluß einer ganzen Reihe von Überlegungen, die vorausgegangen waren.

»Gar kein Quatsch, Herta. Die Leute, die hier immer leben, wissen Bescheid. Was hast du denn bloß davon, dich in die Gefahr zu begeben?«

»Weil ich es mal gesagt habe. Die dummen Jungen sollen mich nicht auslachen, daß ich erst große Töne geredet habe und nachher zurückzupfe. Ich pflücke die Wasserrose morgen abend, damit sie mir auch glauben, daß ich am See gewesen bin.«

»Vielleicht könnten wir die Wasserrose schon am Nachmittag pflücken, da ist es weniger graulig«, schlug Wolfgang, dessen Herz um die tollkühne Schwester zitterte, pfiffig vor.

Das war ein Ausweg – Herta fühlte sich plötzlich ungeheuer erleichtert. Aber nein, sie wollte nicht schwindeln. Und wenn es herauskam, wurde sie nur doppelt ausgelacht. Sie schüttelte den Kopf: »Mogeln tue ich nicht, Wolfgang, das wäre unrecht. Entweder – oder –.«

»Na, denn oder, ja, Hertachen? Ach bitte, bitte, gehe doch nicht. Oder aber« – der Junge faßte einen plötzlichen Entschluß – »ich sage es Vater und Mutter.«

»Petze – pfui, so'n großer Junge petzt noch.«

»Wenn du es heimlich tust, ohne daß Vater und Mutter es wissen, ist es auch ein Unrecht«, beharrte der Bruder.

Da hatte er recht. Die Weißschen Kinder pflegten nichts hinter dem Rücken der Eltern zu tun, sie waren daran gewöhnt, rückhaltsloses Vertrauen zu ihnen zu haben. Wenn sie sich den Eltern anvertraute – die würden den nächtlichen Ausflug sicher nicht gestatten –, dann war sie doch aus allen Schwierigkeiten heraus. Aber die Berliner Jungen würden sie dann nicht schlecht aufziehen und gerade am Hertafest, auf das sie sich besonders freute.

Nein – nein – sie ging. Sie war doch nicht abergläubisch!

Trotzdem hegte Herta, als sie abends in ihrem Bett lag und das Meer sie ins Traumland hinüberrauschte, den lebhaften Wunsch, daß sie erst morgen abend wieder so ruhig auf ihrem Lager liegen möchte. Wenn sie sich vielleicht eine kleine Erkältung zulegen könnte, dann durfte sie keiner auslachen, wenn sie krank war und deshalb nicht gehen konnte. Aber damit war auch gleichzeitig das Hertafest gefährdet. Und vor allem, solche Erkältung zur gelegenen Zeit kam nicht auf Kommando.

Der nächste Tag brachte Sonnengold und jubelnde Kindervorfreude. Tiefblauer Himmel über tiefblauem Meer, strahlender Sonnenschein und strahlende Kinderaugen. Das war ein geschäftiges Laufen und Rennen, jeder der jungen Gäste wollte helfen und bei den Vorbereitungen zum Hertafest mit Hand anlegen.

Nur zwei waren nicht so recht von Herzen dabei. Wolfgang war ja immer still, bei dem fiel es weiter nicht auf, daß er sich nicht so recht beteiligte, sondern immer nur besorgte Blicke auf die Schwester warf, ob die auch noch ganz heil und unversehrt sei. Herta selbst gab sich vergeblich Mühe, heiter und unbefangen zu erscheinen. Der einsame Gang, den sie am Abend vorhatte, stand auf Schritt und Tritt vor ihr. Hätte sie sich doch bloß nicht hervortun wollen. Hätte sie doch bloß keinen großen Mund gehabt! Nun mußte sie die Suppe, die sie sich selbst eingebrockt hatte, auch auslöffeln.

»Na, Hertachen, ist dir schon sehr festlich für deinen Ehrentag morgen zumute?« foppte sie einer der Knaben, dem die ungewohnte Schweigsamkeit des lebhaften Mädels auffiel.

»Die Wasserrose, die du heute abend pflückst, stecke ich mir morgen zu Ehren deines Namenfestes ins Knopfloch«, neckte ein anderer.

»Ihr braucht mich gar nicht aufzuziehen, es bleibt bei dem, was ich gesagt habe.« So, das kam so unverfroren wie sonst heraus.

Die Mädels blickten halb ängstlich, halb bewundernd auf das kecke Ding, die Jungen erstaunt. Keins hatte im Ernst gedacht, daß Herta den gefährlichen Weg wagen würde. Jedes hatte es für Großsprecherei oder für einen Scherz gehalten.

Beim Mittagessen unterhielten sich die Großen viel über den Sagenmythos auf diesem Küstenstrich, der noch heute auf das Leben der Landbewohner von Einfluß war. »Am Hertafest ist immer schönes Wetter, wenn es vorher auch noch so lange geregnet hat. Der Bauer richtet danach seine Heumahd. Es ist lächerlich, wie tief der altheidnische Aberglauben dem Volke noch im Blute sitzt. Alles Aufklären ist da vergebens. Wie es der Vater von seinem Vater übernommen, so vererbt er es wieder seinem Sohne«, ließ sich der Geschichtsforscher, Professor Holle, vernehmen.

Aberglauben – er hatte Aberglauben gesagt – Herta wußte es ja, daß kein wahres Wort an all dem war. Wovor hatte sie denn aber dann bloß Angst?

Der Tag verging. Der Abend kam. Wolfgang war in fieberhafter Aufregung. Auch Herta mundete das Abendessen nicht wie sonst.

»Kinder, was ist das bloß mit euch heute?« erkundigte sich die Mutter beunruhigt.

»Das morgige Hertafest spukt bereits bei all den jungen Herrschaften«, lachte der Vater.

Das Wort »spukt«, das der Vater ganz harmlos gebrauchte, gab Herta wieder einen Stich ins Herz. Noch konnte sie den Eltern die Wahrheit sagen, sich ihnen anvertrauen – sollte sie? Ja, wenn nur der Fritz und der Richard, die beiden großen Jungen, nicht immer so spöttisch lächelnd zu ihrem Tisch herübergeblickt hätten. Merkten die, daß sie zurückzupfte?

»Kinder, geht schlafen, damit ihr morgen zum Hertafest frisch seid«, ordnete die Mutter an. Die Kinder pflegten stets gegen neun Uhr ihr Zimmer aufzusuchen, während die Eltern noch ein Stündchen den schönen Abend genossen.

O Gott, nun war es soweit.

»Herta, sei doch vernünftig, bleibe hier. Es ist schon dunkel und so schwül. Wolken sind auch am Himmel. Es gibt sicher ein Gewitter.« Mit aller ihm zu Gebote stehenden Überredungskunst versuchte der erregte Wolfgang die Schwester von ihrem Vorhaben zurückzuhalten.

»Es geht nicht, Wolfgang. Selbst wenn ich wollte. Richard und Fritz kommen bis zum Wegweiser mit, um sich zu überführen, daß ich auch wirklich zum See hinuntergehe.« Hertas Stimme klang belegt.

»So begleite ich dich, ich laß dich nicht allein sterben.« In leidenschaftlicher Aufregung schlang der Junge die Arme um die Schwester.

Die lachte gepreßt. »Aber Wolfgang, in zwanzig Minuten bin ich doch wieder zurück. Wer soll mir denn was tun? Die Göttin Herta gibt's doch gar nicht.« Trotz ihrer verständigen Worte schlug Herta das Herz bis in den Hals hinein.

»Bis zum Wegweiser gehe ich auf alle Fälle mit!« Wolfgang schlugen die Zähne vor Aufregung aufeinander. Die Kinder stahlen sich zum Hinterausgang hinaus.

Schwül und drückend war es draußen. Dunkel lag der Wald vor ihnen. »Ich tu' doch nichts Unrechtes, im Gegenteil, ich will den Kindern ja nur beweisen, daß sie dumm und abergläubisch sind und ich nicht«, beruhigte Herta heimlich die Stimme in ihrem Innern, die ihr zuraunte, daß sie etwas Unerlaubtes begehe.

»Alles, was man heimlich ohne Wissen der Eltern unternimmt, ist ein Unrecht.« Die unbequeme Stimme ließ sich aber nun mal nicht beschwichtigen.

Am Wegweiser, wo links der Höhenweg nach Saßnitz abbiegt und es rechts zum Hertasee durch dichten Laubforst geht, standen die Berliner Jungen. Es war ihnen in der Waldeinsamkeit selbst unheimlich zumute heute in der Hertanacht.

»Na, Herta, willst du's wirklich wagen? Wenn der Vollmond aufgeht, macht die Göttin Herta die Runde um ihren See. Bleib lieber da«, riet Fritz allen Ernstes.

Herta schwankte.

Da aber rief Richard: »Die Herta wartet ja bloß darauf, daß wir sagen, sie soll nicht gehen. Wer weiß, ob sie sich nicht überhaupt die Sache noch selber überlegt hat. Reden und Tun sind zweierlei.«

»So, das will ich dir beweisen, daß bei mir Reden und Tun dasselbe ist.« Herta konnte es nun mal nicht vertragen, daß man an ihrem Mut zweifelte. »Ich hole euch die Wasserrose.«

»Ich komm' mit.« Trotzdem Wolfgang an allen Gliedern zitterte, war die Liebe zur Schwester stärker als seine Angst.

»Jawoll, hiergeblieben!« rief Fritz und hielt den Jungen zurück. »Zu zweien, da ist es nichts Besonderes. Allein, hat sie sich gerühmt, zum See hinuntergehen zu wollen.«

»Tu' ich auch – tu' ich auch –.« Ehe es ihr wieder leid wurde, rannte Herta davon, geradeswegs hinein in das Waldesdüster.

Huh – war der Wald schwarz. Herta war noch nie um diese späte Abendzeit hier draußen gewesen. Kam denn nicht wenigstens der Mond, um ihr zu leuchten? Nein, dicke, schwarze Wolken hingen unheilverkündend am Himmel. Die Schwüle des Tages hatte der Abend kaum gelöst. Kein Lüftchen wehte. Kein Blatt rauschte. Todesstill stand die Natur, als hielte sie vor einem großen Ereignis den Atem an.

Diese einsame Stille legte sich fast noch bedrückender auf die Seele des zum See eilenden Mädchens als die Finsternis. Da war die Hertabuche, die heilige Blutbuche – unbeweglich streckte sie gespenstisch ihre schwarzen Zweigarme in die Luft. Herta rannte wie gejagt vorüber. Dort die Opfersteine, weiß ragten sie aus dem Schwarz der Nacht heraus. Rann dort nicht rotes Blut wie in Vorzeiten?

Die erregte Phantasie des Mädchens malte ihm an all diesen Orten der Sage schreckenhafte Bilder. Weiter, nur immer weiter, daß sie wieder zurück konnte. Und dabei bangte Herta vor dem Augenblick, wo sie den See erspähen würde.

Da lag er. Still, schwarz, unbeweglich – wie ein großes, dunkles Auge. Kerzengerade stiegen die Bäume des heiligen Hains von seinen Ufern empor.

O Gott, sie konnte nicht weiter. Nein, keinen Schritt weiter, mochten die Jungen sie noch so sehr auslachen. Bis in den Hals hinein klopfte Herta das Herz, es sauste ihr vor den Ohren. Schwer atmend blieb sie stehen.

Da schwamm eine Wasserrose, ganz nahe am Ufer. Silbern leuchtete sie aus dem Dunkel. Schnell die gepflückt, und dann eiligst zurück. Dann hatte sie gewonnenes Spiel. Warum zögerte sie denn noch? Es gab ja keine Göttin Herta, die einem heute nacht begegnen konnte; sie wußte es ja ganz genau, daß das bloß eine Sage war.

Schon stand das Mädchen unten am morastigen Ufer und streckte die Hand nach der Seerose aus. Da – ein Brausen in den Baumkronen, ein Knacken der Zweige, lautes Donnerrollen in den Lüften. Einen entsetzten Schrei stieß das geängstigte Kind aus. Die Wasserrose entglitt ihren Händen, sie selbst rutschte am glitschigen Ufer in das schlammige Erdreich.

Herta wollte schreien und brachte nur unartikulierte Laute über die Lippen. Jetzt kam sicher die Göttin Herta zu ihrem See herab, im Sturmesbrausen erschien sie, jetzt war es um sie geschehen. Nun wurde sie für ihre Tollkühnheit bestraft, dafür, daß sie ohne Wissen der Eltern nachts fortgelaufen war.

»Is hier wer?« Eine Stimme – Schritte –.

Barmherziger, da war sie schon, die Göttin Herta! »Hilfe –!« Die Todesangst verlieh dem Mädchen wieder die Kraft zu schreien. Vielleicht hörten die Jungen sie, Wolfgang –.

»Dat is jo'n Minsch.« Sie fühlte sich an den Armen gepackt, emporgezogen. Fest hielt sie die Augen geschlossen. Sicher schleuderte die Göttin Herta sie jetzt in den See, wo er am tiefsten war.

»Wer büst'n dau?« fragte die Stimme wieder. Es fiel dem entsetzten Mädchen nicht auf, daß die Göttin Herta im plattdeutschen Fischerdialekt sprach, wie er hier an der Küste üblich war.

»Herta – ich bin die Herta –.« Mit Aufbietung aller Willenskraft flüsterte es das junge Mädchen und wagte noch immer nicht, die Augen zu öffnen.

»De Herta –.« Die Stimme klang entsetzt. Die Hände, die sie gestützt, fielen schlaff herunter. »Herr dau mein, dat kann jo woll nich sünd.« Die Stimme schien nicht weniger verängstigt als die Hertas.

»Wer büst?« Noch einmal klang die Frage an ihr Ohr, scheu und leise.

»Die Herta Weiß aus Berlin, ich bitte viel – vielmals um Entschuldigung, daß ich mich heute nacht an Ihren See gewagt habe. Aber ich will es auch ganz gewiß niemals wiedertun. Bitte, bitte, schenken Sie mir doch das Leben, Göttin Herta –.«

»Wat?«

Das heisere, krächzende Lachen, welches das Wat begleitete, ließ Herta, wenn auch noch ganz zaghaft, ein wenig durch die Wimpern blinzeln. Da stand, soweit es in der Dunkelheit erkennbar war, ein altes, verhutzeltes Weibchen mit einem Tragkorb auf dem Rücken vor ihr. War das nicht –.

»De Göttin Herta sall ick sün, na woll, de Sak is gaud. Oll Wurzelstining bün ick, ick sök Kräuter, wil de in de Hertanacht beter helpen dauhn as süß. Un du büst jo woll de lütt Dirn, de min Klaas besöcht hett. Dirn, lütt Dirn, wat hest du in de Hertanacht hier an'n See rum tau grawweln? Mak, dat du nah Hus kümmst, 't giwt 'n Unwedder, un de Göttin Herta wörd jo woll ok nich mehr wit sünd. Um Middernacht kömmt sei.«

Eine Zentnerlast löste sich von Hertas Herz. In ihrer Erregung fiel sie der Alten um den Hals. »Ach, liebe, liebe Frau Wurzelstining, bringen Sie mich doch ins Gasthaus zurück. Ich habe ja so schreckliche Angst –.« Blitz und Donner ließen Herta jäh verstummen. Der Regen rauschte, der Wind heulte und ächzte durch den heiligen Hain.

»Na, denn man tau, denn kumm.« Wurzelstining nahm das zitternde Mädchen an die Hand.

Sie kamen nicht weit, nur bis zur Blutbuche. Da vernahm man plötzlich Stimmen in dem Toben des Unwetters. Pechfackeln lohten durch die Finsternis.

»Herta – Herta –.« Diese Stimme kannte sie. Das war der Vater, der sie suchen kam. Nun war sie geborgen.

»Hier«, schrie Herta, und noch einmal: »Hier!« Aber der Sturm, der vom Meer herjagte, nahm ihr das Wort vom Munde.

Hierhin und dorthin tanzten die Fackeln, sie kamen näher – »Herta – Herta –.«

Niemals hatte jemand es gewagt, in der Hertanacht diesen Namen so laut hier durch den Wald zu rufen.

Herta riß sich von der Hand der Wurzelstining los und eilte den sich nähernden Fackeln entgegen.

»Vater –!« Ein durchweichtes Etwas mit wild flatternden Haaren suchte plötzlich Schutz in den Armen des besorgt Vorwärtshastenden. »Vater, lieber Vater –!« Mehr brachte Herta nicht heraus.

Fest hielt Herr Weiß sein Töchterchen an das Herz gepreßt. Gottlob, daß es lebte! Wie leicht hätte es in der Dunkelheit am See verunglücken können.

»Na, da hätten wir ja die kleine Ausreißerin.« Das war der Professor Holle.

Die rötlich von den Fackeln beschienenen Gesichter verschiedener anderer Badegäste tauchten aus dem Dunkel. Alle hatten sie sich dem angstvollen Vater auf der Suche angeschlossen, als Wolfgang schreckensbleich in das Gastzimmer, wo man harmlos plaudernd beisammensaß, gestürzt kam: »Vater – Mutter – die Herta ist an den See gegangen, kommt, kommt – die Göttin Herta wird sie in den See werfen.«

Zuerst hatten die Eltern geglaubt, ihr Junge rede im Fieber. Als aber auch Fritz und Richard mit schuldbewußten Mienen erschienen und bestätigten, daß Herta sich zum See gewagt hätte, zogen die Herren, der Wirt und der Hausknecht sofort in das Unwetter hinaus, um das Kind zu suchen.

»Schnell nach Haus, Herta, die Mutter vergeht vor Sorge. Sie wollte durchaus mit uns kommen, aber Wolfgang war ganz aufgelöst vor Aufregung und völlig durchnäßt. Sie mußte ihn zu Bett bringen und bei ihm bleiben.« Der Vater wollte Herta mit sich ziehen.

»Wurzelstining – die alte Wurzelstining hat mich beschützt, daß ich nicht in den See gefallen bin, und mich bis hierher begleitet. Sie muß was Warmes kriegen.« Herta wies dankbar auf die Näherkommende.

»Beschützt hat dich wohl ein anderer, mein Kind, unser Vater droben. Aber die alte Frau soll trockene Sachen und heiße Suppe bekommen. Folgen Sie uns, liebe Frau«, wandte sich Herr Weiß an die Wurzelstining.

»Nee, ick hew keen Tid nich. Ick möt nu nah Hus, nah min Klaas. Wenn de richtige Herta um Middernacht kümmt, denn möt allens tau Bed sünd. Mit de lütt Dirn is jo nu woll allens in Reih, na, denn adjüs ok.« Die Alte humpelte in dem Regengepladder eiligst davon.

Nicht lange, da lag Herta im ausgewärmten Bette wohlig und mollig. Mutter saß neben ihr, hielt ihre Hand und ließ sich berichten, wie sie durch falsche Scham und durch den Wunsch, sich hervorzutun, Folterqualen der Angst und des Entsetzens erlitten hatte. Alles berichtete Herta getreulich, nur nicht – daß sie oll Wurzelstining für die Göttin Herta gehalten hatte. Da schämte sie sich doch zu sehr.

Es wurde eine unruhige Nacht, die Hertanacht. Herta selbst zwar schlummerte süß und sanft, aber Wolfgang wälzte sich, von Fieberbildern geschreckt, ruhelos in den Kissen. Mutter machte feuchte Packungen, und Vater schaute in das Unwetter hinaus, der Morgendämmerung entgegen. Sobald es Tag war, mußte der Arzt gerufen werden.

Am andern Morgen war die Kraft des Fiebers und die des Gewitters gebrochen. Wolfgang lag blaß, aber klaren Blicks fieberfrei im Bett. Herta saß neben ihm, streichelte ihn zärtlich und wußte gar nicht, was sie ihm alles zuliebe tun sollte. War er doch aus Angst um sie krank geworden.

Was hatte Herta davon, daß die Kinder und selbst die Berliner Jungen ihren Mut bewunderten? Sie wußte es ja am besten, wie traurig es in Wahrheit darum bestellt gewesen. Was nützte es ihr, daß die Eltern die Strafe, die sie über sie verhängt, daß sie das Kinderfest nicht besuchen sollte, auf ihre flehentlichen Bitten schließlich wieder zurückzogen?

Draußen goß es noch immer. Zum erstenmal, solange man denken konnte, war das Hertafest verregnet.

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