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Jungmädelgeschichten

Else Ury: Jungmädelgeschichten - Kapitel 3
Quellenangabe
typenarrative
authorElse Ury
titleJungmädelgeschichten
publisherMeidinger's Jugendschriften Verlag G.m.b.H.
printrun11. bis 13. Tausend
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160301
projectide51107a0
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Frau Hitt.

»Morgen geht's ins Tiroler Land 'nein – hurra, morgen fahren wir 'nüber nach Innsbruck!« Ein etwa zehnjähriges Dirnlein im geblümten Bauernkleid sprang in seliger Vorfreude durch das Berggärtchen hinauf zur saftgrünen Matte. »Resi, waren Sie schon einmal in Tirol drüben?« erkundigte es sich wichtig bei dem Leinenzeug zur Bleiche breitenden Stubenmädel.

»Aber freilich, i bin doch in Innschbruck daheim«, meinte dieses gleichmütig.

»Und da kommen Sie hierher nach Bayern, wenn Sie in Innsbruck daheim sind?« In unbegreiflichem Staunen riß Mariannle ihre großen Blauaugen noch weiter auf als gewöhnlich. »Tut's Ihnen denn hier in Mittenwald gefallen?«

»Wo i halt das meiste Geld verdien', da muß mer's g'falle.« Resi breitete das nasse Bettuch auf den Rasen und hielt die Angelegenheit für erledigt.

Nicht so Mariannle. Nein, wie konnte die Resi nur aus ihrem schönen Heimatland hinaus nach Bayern herübergehen! In der dritten Woche weilte Mariannle mit ihren Eltern nun schon in Mittenwald zur Sommerfrische und hatte nur den einen Wunsch: Hinüber nach Tirol! Das »gelobte Land« nannte es der Vater scherzhaft, weil man es nur von weitem schauen durfte, ohne es betreten zu können; denn die österreichisch-bayerische Grenze lag unweit der beliebten Sommerfrische und wurde streng kontrolliert. Wer einen roten Grenzschein hatte, durfte auf zwei Tage hinüber. Ach, wie beneidete Mariannle diese Glücklichen! Wie lag sie den Eltern täglich in den Ohren, doch auch solche roten Scheine zu erstehen, um des Glücks teilhaftig zu werden, Tiroler Land betreten zu dürfen. Aber die Eltern fanden, daß ihr Töchterchen hier in Mittenwald genug des Guten habe.

»Das Karwendelgebirg' ist auf tirolischer Seite auch net höher als auf bayerischer, Mariannle«, neckte sie der Vater. Das glaubte Mariannle einfach nicht. In Tirol gab es Schneeberge. In München, bei Fräulein Dieten in der Geographiestunde hatte sie es gelernt.

»Wer weiß, Mariannle, ob es dir in Tirol halt so gut gefallen tut wie hier in Mittenwald«, hatte auch die Mutter gemeint.

Das glaubte Mariannle nun noch weniger. Alles, wovon sie in Mittenwald bisher begeistert gewesen: der jähe Felsabsturz der gigantischen Bergriesen, die lustigen Häuslein mit ihren bunten Malereien und noch bunteren Berggärtchen, die so malerisch den Wiesenhang hinaufkletterten, die gewaltigen Föhrenriesen und zart lichten Lärchenprinzessinnen, ja selbst die blumigen Almen in ihrer verlockenden Pracht mit Herdengeläut und übermütigen Geißen hatten ihre Anziehungskraft für Mariannle verloren. Nicht mal das Goethehaus, in dem Goethe auf seiner italienischen Reise übernachtete und das den Höhepunkt für den nächsten Aufsatz »Meine Sommerferien« bilden sollte, machte noch auf Mariannle Eindruck. Tag und Nacht, im Wachen und Träumen dachte sie nur an Tirol.

Mit den beiden Fiedler-Buben, die im Hause wohnten, war sie schon zweimal die Landstraße an der schäumenden Isar entlang nach Scharnitz gewandert. Dort stand der gelbschwarze Grenzpfahl, dort war der Schlagbaum und der Respekt einflößende Grenzbeamte.

Das erstemal hatte das Mariannle nur mit andächtigen Blicken hinübergeschaut in das Land ihrer Sehnsucht.

Die Buben waren unternehmungslustiger. »Ob wir g'schwind durchschlüpfen, der Grenzonkel ist grad' in seiner Zeitung vertieft«, schlug der Seppel vor.

Hansi nickte spitzbübisch. Mariannle schlug das Herz ob des Wagnisses bis in den Hals hinein.

»Einer nach dem andern!« kommandierte Seppel, seine laute Jungenstimme zu zartem Geflüster dämpfend. Keck machte er einen Schritt vorwärts in das Reich des gelbschwarzen Grenzpfahls hinein.

Da surrte eine Fliege um die Nase des Gendarmen. Der juckte sich und schaute auf. Hui – wie die wilde Jagd stürmten die drei zurück in das blauweiße Grenzgebiet, zurück ins Bayernland, als ob ihnen der Gendarm auf den Fersen wäre.

Tagelang wagten sie sich nicht wieder auf die Scharnitzer Chaussee. Aber schließlich war die Anziehungskraft des gelbschwarzen Holzpfahls doch stärker als die Gendarmenfurcht. Wieder standen die drei am Schlagbaum mit hungerigen Augen, als ob das Schlaraffenland ihnen winke.

Dem Beamten, der diesmal angelegentlich damit beschäftigt war, seine Pfeife zu stopfen, mußte die stumme Gesellschaft schließlich auffallen.

»Ja, was wollt's denn, Kinderle?« begann er die Unterhaltung, denn er langweilte sich.

Der Seppel stieß den Hansi an und der Hansi den Seppel. Aber sagen tat keines was. Da gab sich das Mariannle plötzlich einen Ruck. Wie es den Mut dazu besessen, war ihm später ein unergründliches Rätsel, denn es war von Natur aus ziemlich furchtsam. Es gab sich einen Ruck und sprach mit nur wenig gepreßter Stimme: »Ach, Herr Grenzmann, wir möchten halt gar zu gern a bissel nach Tirol und kommen nimmer 'nein.«

»Habt's denn a Grenzschein?« Der Beamte schmunzelte.

»Nein – das ist's ja grad.« Ganz kleinlaut, sogar ein bißchen weinerlich klang's. Würde jetzt der Schlagbaum herniedergehen und sie ein für allemal aus Tirol aussperren?

Der Schlagbaum rührte sich nicht. Bewegungslos stand er gegen den blauen Himmel.

Der Gendarm aber machte eine Bewegung mit der Hand. »Na, da lauft's a bißle 'nein ins Land Tirol – aber vergeßt's Wiederkommen halt net.«

»Ist das kein Spaß net?« Mariannle konnte ihr Glück noch nicht fassen.

Die Buben aber stürmten mit lautem Juchhu ihr voran, hinein nach Tirol. Da schmetterte auch Mariannle einen hellen Juchzer in die Luft und folgte spornstreichs. Der Grenzsoldat aber stieß schmunzelnd dicke Qualmwölkchen in die Luft.

»Schaut nur, wie hoch die Berge hier sind.« Unweit von Scharnitz machten die drei endlich halt, nur um erst mal ganz richtig drin zu sein in Tirol.

»Ja, aber Schnee seh' ich keinen – ich denk', in Tirol gibt's Schneeberge.« So gewaltig das Wettersteingebirge auch seine Felsmassen ins Tal hinabstürzte, Mariannle konnte eine leichte Enttäuschung nicht unterdrücken.

»Die Gletscher liegen weiter hinein ins Land, das sind halt erst die Vorberge, sagt mein Vater«, belehrte sie Seppel, der älteste.

»Ja, aber die Kühe sind hier viel größer als bei uns in Bayern! Und solch große Glockenblumen wachsen bei uns nimmer.« Mariannle wollte sich ihre Begeisterung für Tirol durchaus erhalten.

Nun fanden die Buben zwar weder die Glockenblumen noch die wiederkäuenden Vierfüßler von irgendwelchen besonderen Dimensionen. Aber da es Tiroler Kühe und Glockenblumen waren, widersprachen sie nicht wie sonst.

»Das ist gewiß der Inn.« Mariannle blieb an dem brausenden Bergwasser stehen. »Unsere Isar ist lang net so klar.«

»Hahaha! – und dabei ist's die Isar, die entspringt hier im Gebirg'«, lachten die Gefährten sie aus. »Der Inn fließt drunten bei Innsbruck.«

Die Isar – pah –, die hatte man auch daheim in München.

Keine Schneeberge, kein Inn – nein, es war wirklich nichts Besonderes mit Tirol. Mariannle konnte es sich nicht länger verhehlen. Der Hahn dort drüben auf dem Misthaufen krähte gerade so wie in Bayern. Die Mies, die sich auf den Hausstufen sonnte, hätte ebensogut bayerischen Geblüts sein können. Und die Häuser waren lange nicht so schön mit Engeln und Heiligen bemalt wie drunten in Mittenwald. Als nun gar noch der Hansi meinte: »Hoffentlich läßt uns der Grenzonkel auch wieder 'naus aus Tirol«, da war Mariannle sogleich zur Umkehr bereit. Himmel – wenn der Gendarm am Ende inzwischen abgelöst worden war und man sie ohne Grenzschein nicht passieren ließ. Ebenso eilig, wie die drei nach Tirol hineingestürmt waren, ging es jetzt wieder zur Grenze zurück. Ebenso sehnlich, wie sie sich hinein gewünscht hatten, wünschten sie jetzt, daß man sie wieder hinaus ließ. So ist's im Leben.

Der Gendarm stand noch immer auf seinem Posten, qualmte noch immer aus seiner Pfeife und langweilte sich noch immer.

»Habt's schon g'nua vom Land Tirol?« erkundigte er sich verwundert.

Die drei nickten ein wenig verlegen, stießen ein rasches »dank' auch vielmals!« heraus und jagten durch den Schlagbaum hindurch. Mariannles Hasenherz atmete erleichtert auf, als sie glücklich wieder daheim im Bayernland war.

»Na, Strolch, wo hast du denn den Vormittag über gesteckt?« erkundigte sich der Vater bei Tisch.

Mariannle machte ein geheimnisvolles Gesicht. »In Tirol war ich halt mit den Fiedler-Buben, nach Scharnitz 'naus«, sagte es großartig.

»In Tirol warst? Ja, dann wirst das da nimmer brauchen, gelt?« Lächelnd wies die Mutter auf des Töchterchens noch zusammengefaltete Serviette.

Neugierig griff Mariannle nach derselben. Es wußte, daß der Vater gern mal eine Überraschung in der Serviette zu verstecken pflegte: ein Stückchen Schokolade, einen Bonbon, voriges Jahr sogar ein Theaterbillett zu einem Weihnachtsmärchenstück.

Rot schimmerte es aus dem Weiß – ein Grenzschein nach Tirol.

»Wir wollten morgen mit Fiedlers nach Tirol hinüber, mit der Karwendelbahn bis nach Innsbruck. Aber wenn ihr's euch halt heute schon vorweg genommen habt –«

»Nach Innsbruck – hurra!« Mariannles Jubel unterbrach Herrn Knorrs Worte. Der Grenzschein flog unter den Tisch, es selbst aber dem Vater an den Hals: »Weißt, Vaterli, in Scharnitz ist gar nix net los. Da schaut's halt hinter dem Schlagbaum net anders aus als auf bayerischer Seit'. Bloß daß der Grenzmann da sitzt. Net amal der Inn fließt da, bloß die Isar wie in München und Mittenwald. Aber Innsbruck, das ist ganz etwas anderes, da gibt's den Inn und Schneeberge –.«

»Wenn's nur net grad solche Enttäuschung wird wie heut, Kind«, dämpfte die Mutter Mariannles etwas zu lebhafte Begeisterung.

»Schneeberge kann ich dir in Innsbruck noch net versprechen, Mariannle, möglich, daß man von der Bahnhöhe aus einen Blick auf die Zillertaler Gletscher hat, wenn's klar genug ist. Aber Frau Hitt, die kannst du dort schauen hoch oben versteinert in der Felswand. Du hast doch das Gedicht von der Frau Hitt in der Schule gelernt, gelt?« erkundigte sich der Vater.

»In unserem Lesebuch steht's halt – gelernt haben wir's net. Au fein, daß ich die versteinerte Frau Hitt in Tirol zu sehen krieg'. Die gibt's doch in Bayern nimmer!« Mariannles Glück und Vorfreude auf die geplante Fahrt nach Innsbruck klang alsbald, unterstützt von den durchdringenden Stimmen Seppels und Hansis, durch das blumenumrankte Berghäusel.

Das frühe Aufstehen am anderen Morgen gehörte nicht gerade in das Vergnügungsprogramm, denn Mariannle war eine kleine Langschläferin. Aber als die Mutter scherzte: »Ja, Kind, willst daheimbleiben, willst net mit nach Innsbruck?«, da war alle Müdigkeit verflogen und's Mariannle im Nu aus den Federn. Nach Innsbruck – zur Frau Hitt!

Drunten stand schon die Familie Fiedler abmarschbereit, die Buben nicht ganz so aufgeregt wie Mariannle. Am Bahnhof wurde die Geduld der jungen Reisenden auf eine harte Probe gesetzt. Eine lange Menschenschlange stand wartend vor dem verschlossenen Paß- und Grenzscheinrevisionsraum. Keiner durfte den Bahnsteig betreten, ehe er nicht seinen Ausweis vorgewiesen hatte.

»Ja, was heißt denn das, einen so lang hier auszusperren«, räsonierte ein Ungeduldiger.

»Die sind gewiß da drin noch nicht mit dem Frühstück fertig«, lachte ein gemütlicher Berliner.

»Das Zügle fährt schon ein, wir erreichen das Zügle nimmer.« Das war ein Nervöser.

Auch Mariannle befand sich in gelinder Aufregung. Es war in Gemeinschaft mit dem Hansi bis in die vorderste Reihe durchgeschlüpft, um nur als eine der ersten in der Paßkontrolle zu sein. Krampfhaft hielt's den roten Zettel in der Hand.

Hansi spähte durchs Schlüsselloch. »Es rührt sich nix da drin, gib acht, das Zügle wartet nimmer auf uns.«

Was – das Zügle sollte ohne sie nach Innsbruck abdampfen – bloß, weil die da drin noch frühstückten – undenkbar! Mariannles kleine Faust begann plötzlich empört gegen die mitleidslos verriegelte Tür zu bummern. Der Hansi, nicht faul, beteiligte sich sogleich an dem Konzert.

»Kinderle, hört's auf, die Schandarmen lassen net mit sich g'spaßen«, warnte eine Frau.

Da wurde die Tür von innen geöffnet. Ein Grenzsoldat mit ärgerlicher Miene ward sichtbar. »Wer hat hier gegen die Tür zu schlagen?« herrschte er die wartende Menge an.

Weder Hansi, noch Mariannle gaben einen Laut von sich, das Herz stand ihnen vor Schreck still.

Die Tür verschloß sich wieder. Der Schlüssel wurde zweimal herumgedreht.

»Seht ihr's – das haben wir davon. Jetzt lassen die uns mit Fleiß erst lange warten. Jetzt können wir stehen, bis wir schwarz werden. So lange kann der Zug unmöglich warten.« Von allen Seiten sprach man vorwurfsvoll auf die beiden kleinen Temperamentvollen ein.

Die hätten sich am liebsten in ein Mauseloch verkrochen, wenigstens das Mariannle; der Hansi war dickfelliger, dem machte ein Anschnauzer nicht gar so viel aus.

Man seufzte – man stöhnte – man schimpfte – man scharrte mit den Füßen – vergeblich. Die Tür bewegte sich nicht. Erst mußten all die Passagiere, die das Zügle nach Mittenwald mit heraufgebracht hatte, abgefertigt werden.

Aber schließlich nimmt alles mal ein Ende, auch eine Wartezeit, wenn sie einem auch noch so lang dünkt. Wieder drehte sich der Schlüssel im Schloß. Diesmal wurde die Tür in ihrer ganzen Breite geöffnet. Die schwarze Menschenmenge schob sich hastend, drängend und stoßend hindurch.

Natürlich verloren sich Eltern und Kinder in dem Gedränge – natürlich fand sich alles wieder zusammen, und natürlich wartete das Zügle geduldig, bis auch der letzte Reisende abgefertigt war. Nun saß man endlich vergnügt in dem Abteil und fuhr den Tiroler Freuden entgegen.

Durch das Karwendel- und Wettersteingebirge hindurch bahnte sich das Zügle den Weg. Die Herren standen draußen auf der Plattform, die immer großartiger werdende Bergwelt bewundernd. Auch die Kinder waren neugierig hinausgetreten. Mariannle schmiegte sich etwas ängstlich an die Hand des Vaters. Es mochte hinter den Buben nicht zurückstehen.

»Schön in Tirol – gelt, Mariannle?« fragte Herr Fiedler freundlich, auf die sich in samtgrüne Matten schmiegenden Logierhäuser der Sommerfrische Seefeld weisend. Der Zug hatte die Höhe erreicht.

»'s kommt erst – in Innsbruck bei der Frau Hitt.« Mariannles rundes Gesicht war ganz Erwartung.

»Frau Hitt – was ist denn das für eine Dame?« fragte Seppel.

»Schuhplattlert die?« erkundigte sich Hansi, für den alle Tiroler nur von diesem Gesichtspunkt aus Interesse hatten.

Mariannle lachte wie ein Kobold. »Was seid ihr Buben dumm, habt's denn nimmer was von der Frau Hitt gehört?«

Nein, die Fiedler-Buben kannten weder die Sage noch das darauf bezügliche Gedicht. Mariannle, stolz darauf, etwas besser zu wissen als die Spielgefährten, begann zu berichten: »Also, da war halt mal eine sehr reiche Frau in Innsbruck. Die hatte ein schönes Schloß und viele Diener und hieß Frau Hitt. Sie lebte herrlich und in Freuden. Aber um die Armen kümmerte sie sich net. Gegen die war sie mitleidslos und –.«

»Kinder, schaut, die Zillertaler Gletscher kommen ganz deutlich im Südosten heraus«, unterbrach Herr Knorr die Erzählung.

»Wo – wo denn – ich seh' halt gar nix.« Man reckte die Hälse. Vergessen war Frau Hitt.

»Schaut's, Kinderle, da, ganz hinten am Horizont –.«

»Ach – das ist ja so weit weg, das könnten ebensogut Wolken am Himmel sein.« Mariannle teilte des Vaters Begeisterung über den Gletscherblick nicht.

Auch den Buben war die Erzählung von Frau Hitt interessanter. Mariannle mußte weiter berichten.

»Ja, also da war halt mal eine Jagd angesagt. Frau Hitt ritt in all ihrer Pracht ihrem Gefolge voran. Da warf sich an der Innbrücke eine arme Bettlerin mit ihrem hungernden Kindlein der auf dem Pferd daherstürmenden Frau Hitt in den Weg und bat sie um ein Stücklein Brot. Aber die hartherzige Frau lachte höhnisch. Sie brach aus der Felswand einen Stein und warf ihn der Armen statt des Brotes zu. Da soll die Bettlerin einen furchtbaren Fluch ausgestoßen haben, daß die Frau Hitt selbst zu Stein werden möge.«

Mariannle dämpfte ängstlich die Stimme. »Und nun sitzt sie droben versteinert in der Felswand auf ihrem Pferde bis auf den heutigen Tag.«

Auch den kecken Buben wurd's etwas unheimlich. Gerade fuhr das Zügle auch noch in einen schwarzen Tunnelschlund ein. Tiefe, undurchdringliche Finsternis – minutenlang. Dem furchtsamen Mariannle erschien es wie Stunden. Es klammerte sich fest an Vaters Hand.

»Das ist die Martinswand, die wir jetzt durchqueren«, kam Herrn Fiedlers Stimme belehrend aus der Dunkelheit. »Wenn wir den Berg durchtunnelt haben, liegt das Inntal zu unseren Füßen.«

»Frau Hitt auch?« Das war Mariannle die Hauptsache. Dabei konnte sie ein leises Unbehagen nicht bekämpfen. Wenn sie nun wieder lebendig wurde, die versteinerte Frau Hitt! Mit einem Fluch war das solche Sache.

»Red' doch net in einsweg von deiner dummen Frau Hitt daher«, tat der Seppel großspurig. »Das ist doch halt nur eine Sage.« Er konnte gut so keck sprechen; denn gerade tauchte das Zügle wieder in goldenes Tageslicht.

Und da lag sie überflutet von Sonnengespinst, die Innebene, fruchtbar und lockend, mit ihren anmutigen Weilern, die das Silberband des Inns umschlängelte. Steil stürzten die Berge zur Tiefe herab, wo die Türme von Innsbruck malerisch grüßten.

»Das ist die Hofkirche drunten – drüben am Südhang der Berge geht's über den Brenner nach Italien hinein. Das elektrische Bähnle, das dort den Berg in großen Windungen hinaufkriecht, führt in die Stubaier Alpen.« Auch die Damen waren jetzt hinausgetreten, um das herrliche Landschaftsbild zu genießen. Voll Interesse lauschte man Herrn Fiedlers Erklärungen, der die Gegend gut kannte.

»Und Frau Hitt – wo ist Frau Hitt?« erkundigte sich Mariannle angelegentlich.

»Geduld, kleines Fräulein. Frau Hitt wird erst sichtbar, wenn der Zug die Ebene erreicht hat.«

Immer näher kamen die Türme und Dächer von Innsbruck. »Maisfelder« –, der Vater wies auf die mannshohen Stauden, welche die Verwunderung der Buben hervorriefen.

»Vaterli, kann man Frau Hitt denn noch immer net sehen?« Alles andere erschien Mariannle unwichtig.

»Kleiner Quälgeist! Wart', gleich wird die Steindame sich dir vorstellen. So – jetzt schau da oben die einzelne Felszacke im Gebirgskamm. Die soll das galoppierende Pferd vorstellen. Der Stein darauf ist Frau Hitt. Kannst du's erkennen, Mariannle?«

»Keine Spur net, das ist ja gar nix weiter als ein alter Felsen.« Mariannle weinte fast vor Enttäuschung. Nun war's auch mit Frau Hitt wieder nichts – ja was blieb denn da von Tirol eigentlich übrig?

»Mariannle, was hast denn du dir vorgestellt?« lachte die Mutter. »Hast wohl gemeint, Frau Hitt thront da leibhaftig in ihrem grünen Jagdgewand?«

»Ist das Mariannle ein arg dummes Ding – hahaha – 's Mariannle hat gemeint, die Frau Hitt sitzt leibhaftig da droben«, begann der Seppel sogleich, sie aufzuziehen.

»Mädle sind halt immer einfältig«, brachte auch Hansi seine Weisheit an.

»Und ihr zwei seid's halt Lausbuben, der Herr Fiedler hat's gestern erst gesagt!« rief die junge Dame empört.

»Aber Mariannle, schämst dich net – Kinderle, gebt's Ruh!« Hätten die Eltern die kleinen Kampfhähne nicht getrennt, so hätte es um Frau Hitt die schönste Rauferei gesetzt. Kriegerisch wie Andreas Hofer hielten sie ihren Einzug in Innsbruck.

Ja, da gab's freilich noch manches andere Schöne zu sehen, als nur die Frau Hitt. Selbst das enttäuschte Mariannle mußte es zugestehen. Durch alle Straßen und Gäßchen, durch alle Torbogen und engen Höfe lugten die blauen Tiroler Berge zur Stadt herein. Üppige Obstgärten umkränzten den graugrünen Inn. Das goldene Dachl, das war ja wie aus einem Märchen, wenn auch ein Teil der goldenen Dachziegel im Laufe der Jahre ihren Glanz bereits eingebüßt hatten. Als aber der Seppel meinte: »Gewiß brauchten die Tiroler während des Krieges Geld, da haben sie halt das Gold vom Dachl heruntergenommen«, da war's an Mariannle, den überschlauen Seppel auszulachen.

In der Hofkirche gab es so viel zu schauen und zu bewundern, daß man gar keine Zeit hatte, noch an anderes zu denken. Mehr als das reich geschnitzte, kunstvolle Marmorgrabdenkmal des Kaisers Maximilian fesselte die Kinder die schlichte Grabinschrift, die die Gruft des Tiroler Freiheitshelden Andreas Hofer schmückte. Daneben ein unscheinbares Täfelchen aus neuester Zeit: Tiefempfundene Verse, die dem zornigen Schmerz Ausdruck geben, daß deutsches Land in welsche Hände geraten. Die das Gelübde ablegen, daß die Söhne des Andreas Hofer nicht ruhen werden, bis Nord und Süd des geliebten Vaterlandes wieder vereinigt beieinander seien. Selbst die jungen Kinder empfanden den patriotischen Schmerz und die Tiefe des Nationalgefühls, die sich in den wenigen Zeilen offenbarten.

Freilich, die Buben waren bald wieder von den geharnischten Bronzerittern, die die beiden Gänge flankieren, vollständig in Anspruch genommen.

Mariannle hatte weniger Interesse dafür. Nur bei einer der hoheitsvollen Fürstinnen im Bronzekleid äußerte sie: »Die könnte ich mir eher als Frau Hitt vorstellen als den Stein da droben!«

Der Hofgarten mit seinem prächtigen, uralten Baumbestand ward bewundert. Nun ging's am rauschenden Inn entlang zur Hungerburgbahn.

Die Buben waren ungeheuer aufgeregt. »Eine Drahtseilbahn führt 'nauf, wir fahren mit einer Drahtseilbahn zu Berg«, verkündeten sie frohlockend.

»Kann da auch nix net passieren?« wandte das Angsthäschen ein wenig zaghaft ein.

»Freilich, wenn ein Seil reißt, liegst drunten«, lachte der Seppel sie aus.

»Weiber haben kein Schneid net.« Mit ungeheurer Verachtung blickte Hansi, der neunjährige Mann, auf die Gefährtin.

Trotz dieser abfälligen Kritik hielt Mariannle es für ratsam, sich fest an Mutters Arm zu klammern, als man die stufenartig übereinandergebauten Kastenabteile der Bergbahn betrat.

Ein gellender Pfiff – er ging dem Mariannle durch Mark und Bein. Die Bahn setzte sich in Bewegung.

»Schaut, Kinderle, zwei Drahtseile führen mit der Gleisspur zur Höhe. An jedem hängt eine Bahn. Zur gleichen Zeit geht die eine Bahn von oben hinab und die andere von unten hinauf. Die beiden Bahnen halten sich gegenseitig das Gleichgewicht«, belehrte Herr Fiedler seine Knaben. »In der Mitte treffen sie sich.«

»Ja, aber, wenn halt in der einen Bahn lauter dicke Leut' fahren und in der anderen nur dünne, dann kann's leicht ein Unglück geben«, überlegte Seppel.

Mariannle faßte den Arm der Mutter fester, trotzdem Herr Fiedler lachend versicherte: »Keine Sorg', Seppel, für den Fall wird die Bahn mit Ballast, Sandsäcken oder dergleichen genügend beschwert.«

Mit angstvoll prüfenden Blicken maß das Mariannle die Fahrgäste. Sie waren meist schlank, nur in der Ecke lehnte ein wohlbeleibter Herr und trocknete sich die Stirn bei der Mittagshitze. Ob der wohl das notwendige Gleichgewicht herstellte?

Während Mariannle sich derartigen physikalischen Betrachtungen hingab, betrachteten die anderen die immer herrlicher werdende Landschaft, welche tiefer, immer tiefer sich entrollte. Jetzt trafen sich die beiden Bahnen, die hinaufkraxelnde und die zu Tal gleitende. Die Führer wechselten Scherzworte miteinander. Mariannle beobachtete es mit Mißbehagen. Dann war es ja kein Wunder, wenn was passierte. Die lebensgefährliche Bahn verlangte doch volle Aufmerksamkeit der Führer.

Ein Seufzer der Erleichterung – die Höhe war erreicht. Die Buben wären am liebsten gleich wieder hinuntergefahren und noch einmal wieder hinauf. So begeistert waren sie von der Bergfahrt. Mariannle konnte dafür kein Verständnis aufbringen.

Um so mehr vermochte sie sich jetzt, wo man der Gefahr glücklich entronnen war; an der lachenden Tallandschaft, die von hier oben, rings von Bergen umrahmt, ganz besonders schön war, zu freuen.

»Schau, Mariannle, hier bist du auch der Frau Hitt um ein gut Teil näher«, riß der Vater sie aus ihrem Schauen. »Von hier aus kann man die Form des Pferdes mit der reitenden Frau darauf ganz deutlich erkennen.«

Ja wirklich – Mariannle erkannte jetzt auch die reitende Frau Hitt da droben aus Felsgestein.

»Gleich wird sie 'nuntergaloppieren, deine Frau Hitt«, zog sie Seppel auf, der ihren Blicken gefolgt war.

Mariannle antwortete mit einem stummen Knuff.

Seppel, nicht faul, puffte wieder. Hansi war natürlich sofort als Dritter zur Stelle. Und es hätte sicher hoch über dem Inntal zu Füßen der Frau Hitt eine erneute Auflage der Rauferei gegeben, wenn Herr Fiedler nicht gerade gemeint hätte: »Ja, Herrschaften, woran liegt's denn noch? Den Blick ins Inntal können wir auch hernach noch genießen, aber das Mittagessen nimmer. Nach ein Uhr gibt's am End nix mehr zu futtern. Und das nimmt mein Magen übel.«

»Dafür sind wir halt auf der Hungerburg, Herr Fiedler, daß wir Hunger leiden müssen«, rief Mariannle lustig, sich nach rechts und links verteidigend.

»Schau' einer 's Mariannle an, wie schlagfertig es ist, mit Hand und Mund«, lachte Frau Fiedler.

»Mädle, schämst dich nimmer, wie ein Bub zu raufen.« Die Mutter war weniger begeistert von der »Schlagfertigkeit« des Töchterchens.

Aber die Buben ließen jetzt selber ab. Zum Balgen und Raufen war auch nachher noch Zeit. Die Karawane setzte sich nach dem Gartenlokal »Hungerburg« in Bewegung.

»Schenken's mir doch a Kreizer, nur a Kreizer, lieber Herr«, klang es da mit zitternder Stimme in das Geplauder der Ausflügler von irgendwo hinein.

Erstaunt hemmte Herr Knorr den Schritt. Ein alter Mann lehnte auf dem Erdboden an der Hausmauer, ebenso grau und verwittert wie diese.

»A Kreizer – nur a Kreizer.« Mit weinerlicher Stimme wiederholte er seine Bitte.

Mariannles Vater zog die Geldtasche. Er warf dem Alten einen Schein in den formlosen Hut.

Auch Herr Fiedler griff in die Tasche, die übrigen gingen achtlos weiter.

»A Kreizer – schenken's mir nur a Kreizer, klein's Fräulein.« Mariannle hemmte plötzlich den hüpfenden Schritt. So flehentlich klang es dicht neben ihr – streckte der Greis nicht sogar seine knochige Hand nach ihrem geblümten Dirndlrock aus?

Ach was – Vater hatte ihm doch bereits was gegeben. Und sie hatte ja überhaupt gar kein österreichisches Geld. Nur das Geld, das sie von der Großmama in München als Reisegeschenk erhalten, davon sollte sie sich irgendeine hübsche Erinnerung in Mittenwald kaufen. Sie schwankte noch zwischen dem blauen Nähkasten mit dem flammendroten Herz darauf, einem weißen Gucklochfederhalter, in dem man ganz deutlich das Karwendelhaus erblickte, und einer Kuhglocke. Wozu sie letztere benutzen konnte, wußte Mariannle allerdings nicht recht. Aber das würde sich schon finden. Sie konnte ja trotz der elektrischen Klingel zu Hause damit Sturm läuten, wenn Theres', das Stubenmädel, das Essen hereinbringen sollte.

Mariannle preßte die Hand auf ihren Schatz in der Tasche. Den gab sie nicht her.

Inzwischen hatte man die »Hungerburg« erreicht. Dieselbe war ein nettes, auf der Höhe gelegenes Gartenrestaurant mit herrlichem, weit ins Tirolerland gehendem Ausblick.

»Frau Hitt – schau, Mariannle, da ist die Frau Hitt leibhaftig mit ihrer Jagd«, rief plötzlich der Hansi, der die Augen überall hatte.

»Wo – um's Himmels willen – wo, Hansi?« Entsetzt packte Mariannle den Hansi beim Hemdärmel. Aber gleich darauf faßte es sich. »Alter Schwindelmeier!«

»So – bitte sehr!« verteidigte sich Hansi. »Knöpf' gefälligst die Augen auf, da, an der Hausmauer drüben kannst sie schauen. Ganz so wie droben aus Stein. Und die Bettlerin ist auch dabei.« Er wies auf ein lebensgroßes Bild, das in bunten Farben an die Hauswand gemalt war. Es zeigte die Innbrücke, über die Frau Hitt mit wallendem Federhut auf feurigem Roß sprengte. Eine abgehärmte Bettlerin streckte ihr mit flehender Gebärde ihr elendes Kindlein entgegen. Darunter stand ein Vers. Hansi und Mariannle begannen ihn eifrig zu buchstabieren, während der Seppel und die Eltern längst die Speisekarte im Restaurant studierten.

»Da zieht Frau Hitt ein hämisch Gesicht
Und neigt sich zur Seite hin,
Und bricht einen Stein aus der Felsenschicht
Und reicht ihn der Bettlerin.«

»Hansi, das ist ja grad' derselbe Vers, der in dem Gedicht in unserem Lesebuch steht – grad' derselbe, bloß das Bild fehlt.« Mariannle betrachtete Frau Hitt und die Bettlerin mit ungeheurem Interesse.

»Hier auf der andern Seite ist halt noch ein Bild – das ist der Fluch der Bettlerin. Schau' nur, wie drohend sie den Arm hebt. Lies mal, Mariannle.«

»Da greift die Verachtete wütender Schmerz,
Sie schreit, daß die Felswand dröhnt:
Oh, würdest du selber zu hartem Erz,
Die den Jammer der Armen höhnt.«

Mariannles helle Kinderstimme ging in scheuen Flüsterton über. »Du, Hansi, das ist die Verwünschung. Glaubst du, daß es – daß es jedem so ergeht, der einem Bettler nix net gibt?«

Hansi zuckte die Schulter. »Kann sein, 's kann halt sein auch net.« Er setzte eine nachdenkliche Miene auf, die sich höchst merkwürdig in seinem durchtriebenen Bubengesicht ausnahm.

»Ja, wo steckt's denn? Die Suppe ist schon serviert, und Schweinsbraten ist keiner mehr, nur Rahmschnitzel. Aber zum Nachtisch ha' mer halt Zwetschenknödel.« Der Seppel kam eiligst herbeigelaufen. »Kommt's schnell, dein Vater ist schon fuchtig, Mariannle, weil du net da bist.« Hansi setzte sich eiligst in Trab hinter Seppel her. Denn die in Aussicht gestellten Herrlichkeiten waren entschieden verlockender als alle Flüche und Verwünschungen der Bettlerin.

Das Mariannle folgte langsamer. Trotzdem der Vater ärgerlich war, beeilte es sich nicht gar so sehr. Im Gegenteil, immer wieder wandte es den Kopf zu den Bildern der Frau Hitt zurück, als ob irgendeine geheimnisvolle Macht es dahin zurückzöge.

»Mädle, magst heut' kein Mittagessen net?« Vorwurfsvoll blickte die Mutter ihrem Töchterchen entgegen.

»Die Suppe hat der Kellner schon abserviert«, sagte der Vater stirnrunzelnd. Ein schneller Blick überzeugte Mariannle indes davon, daß noch am unbesetzten Tischende ein sorgsam zugedeckter Suppenteller stand.

»Ach, Vaterli, sei net bös, da drüben am Haus war halt so ein arg großes Bild von der Frau Hitt und der Bettlerin – grad' wie sie verwunschen wird. Das mußt ich doch anschauen, gelt?«

»Verwünscht heißt es, Mariannle – hoffentlich hast du dich nicht mit verwünschen lassen.« Vaters gute Laune war schon wieder hergestellt.

»Kann das sein – kann so was wirklich sein?« Erschreckt riß das Mariannle die Blauaugen auf. Der Löffel Suppe, den es eben hinunterschlucken wollte – denn die gute Mutter hatte dem saumseligen Töchterchen den verdeckten Teller bereits zugeschoben –, drückte wie eine Erbse im Hals. Starr saß das Mariannle da, als sei es bereits aus Stein.

»Aber freilich – du bist ja schon verwunschen, Mariannle – du sitzt ja gar net mehr auf dem Stuhl, sondern droben in der Felswand zur Gesellschaft von der Frau Hitt!« Ja, die Buben hatten gut lachen und spotten. Die ahnten nichts von Mariannles Angst, die ihr Herz und Magen abdrückte, so daß das gute Rahmschnitzel ganz und gar nicht rutschen wollte. Während der Seppel und der Hansi mit vollen Backen kauten und schwatzten, wiederholte Mariannle fortwährend in Gedanken die Verse, die sie soeben drüben an der Hauswand gelesen.

Hatte sie etwa auch ein hämisch Gesicht gezogen wie Frau Hitt, als der alte Bettler sie vorhin um einen Kreuzer angefleht hatte? Nein, ganz gewiß nicht. Vergnügt und sorglos, wie es stets ihre Art, war sie an dem Bettler vorübergesprungen. Aber wenn der Alte vielleicht nicht mehr gut sehen konnte, wenn er am Ende geglaubt hatte, daß sie ihn auslachte oder sich über ihn lustig machte! Ach was, Vater hat ihm doch was gegeben, und er konnte doch gar nicht wissen, daß sie noch das Geld von der Großmama in der Tasche gehabt hatte. Und Hansi und Seppel hatten sich doch auch nicht um ihn gekümmert, und die ließen sich das Mittagbrot schmecken. Lächerlich, daß sie sich davor fürchtete, daß es ihr so ergehen könnte wie der Frau Hitt.

Ja, aber hatte er nicht »kleines Fräulein« gesagt und die dürre Hand nach ihrem Röckchen ausgestreckt? Am Ende hungerte er, der arme Mann, und bekam kein Mittagbrot, während auf ihrem Teller zwei leckere Zwetschenknödel lagen.

Ein Gedanke durchzuckte das verängstigte Kind plötzlich. Wenn es dem alten Bettler die Zwetschenknödel hintrug und ihn bat, sie doch bloß nicht in einen Stein zu verwünschen. Oh, das würde sicher nützen. Mariannles Herz war plötzlich wieder federleicht. Wenn die Zwetschenknödel nur nicht gar so lecker ausgeschaut hätten! Knödel, und nun gar mit Zwetschen gefüllt, war ihr Leibgericht.

Am Ende genügte es schon, wenn sie ihm bloß einen brachte. Zwei Zwetschenknödel waren überhaupt viel zu viel. Alte Leute haben nicht mehr einen so guten Magen. Aus dieser Besorgnis heraus begann Mariannle erst mit dem einen Knödel zu liebäugeln und ihn dann mit plötzlichem Entschluß zu verspeisen. Doch kaum hatte sie ihn im Munde, da hätte sie ihn am liebsten wieder ausgespien. Himmel, wenn der andere Zwetschenknödel nicht genügte!

»Ei, Mariannle, dir schmeckt's doch heute gar net«, verwunderte sich die Mutter, welche die sonstige Eßlust ihres Töchterchens kannte.

»Magst den Knödel nimmer?« Zu gleicher Zeit streckten der Seppel und der Hansi eiligst die Hand nach Mariannles Teller aus.

»Laßt stehen – ich mag's schon selber.« Mariannle griff nach ihrem Eigentum. »Ich nehm' mir's halt mit und eß ihn hernach.« Ohne »gesegnete Mahlzeit« zu wünschen, war sie mit ihrem Teller auf und davon.

»Laß den Wildfang nur laufen«, begütigte Herr Knorr seine Frau, die noch nachträglich gegen den eigenmächtigen Aufbruch Mariannles Einspruch erheben wollte.

»Das Mädel ist diesmal in der Vakanz ganz und gar verwildert«, wandte sich Frau Knorr entschuldigend an die Tischgesellschaft.

»Dafür sieht es auch blühend aus; für solch ein lebhaftes Kind ist langes Stillsitzen eine Pein«, meinte Frau Fiedler verständnisvoll. »Na, ihr Buben, ihr schaut halt auch aus wie zwei Maikäfer, die davonburren wollen. Also, da lauft's nur. Das Mariannle ist gewiß schon am Aussichtsturm, wir kommen später nach.«

Die Buben schossen davon, dem etwa fünfzehn Minuten entfernten Aussichtsturm zu. Aber soviel sie dort auch spähten, riefen und suchten, kein Mariannle ließ sich blicken.

Ja, wo steckte es denn da bloß?

Zuerst hatte das Mariannle wieder geraume Zeit vor der Hausmalerei gestanden. Und wie es so schaute und die Verse immer wieder las, da verwandelte sich die Bettlerin plötzlich in einen elenden Greis. Die Frau Hitt aber trug keinen Federhut mehr, sondern blonde Zöpfe und ein geblümtes Dirndlkleid und hatte genau solch frisches Kindergesicht wie das Mariannle selber.

»A Kreizer – schenken's mir nur a Kreizer, klein's Fräulein.« – Mariannle fuhr sich über die Augen. Nein – nein – nur in ihrer Einbildung hatte sie diese Worte soeben dort unter dem Bilde gelesen. Da war kein Greis und kein Mariannle, sondern die Bettlerin und die Frau Hitt. Sie träumte mit wachen Augen, oder – Entsetzen packte das Kind – war das am Ende der Fluch des Bettlers, daß das böse Gewissen ihm keine Ruh ließ?

Mariannle riß sich von dem schrecklichen Bilde los. Als gelte es einen Wettlauf, so jagte es in der Mittagssonnenglut die schattenlose Straße zum Bahnhof zurück. Einmal war der Zwetschenknödel bei dem eiligen Lauf schon vom Teller gesprungen. Was tat's? Mariannle hob ihn wieder auf, blies den Staub herunter und sperrte ihn der Sicherheit halber in ihr noch sauberes Taschentuch, das sie mit den vier Ecken zusammenknüpfte. Den Teller aber ließ sie irgendwo am Wege stehen. Den konnte sie auf dem Rückweg immer noch holen.

Der Bahnhof lag verödet, da zu dieser Zeit kein Zug kam oder abgelassen wurde. Der Platz, wo der alte Bettler gehockt hatte, war leer. Mariannle bohrte mit erschreckten Blicken fast ein Loch in die Stelle, wo er gesessen. Hatte der Erdboden ihn verschluckt? An die Möglichkeit, daß er fortgegangen sein könnte, hatte Mariannle nicht gedacht.

»Wo ist denn der alte Bettler hingekommen, der hier am Weg gesessen?« fragte sie das Budenfräulein, das gegenüber Ansichtskarten und Reiseerinnerungen feilbot.

»Der alte Aloys? Nun, heimgangen wird er sein zum Essen; sein Bub, der Josef, ist ihn holen kommen.«

»Zum Essen – heim?« Mariannle machte ein verdutztes Gesicht. Sie hatte sich so fest eingebildet, daß er Hunger leiden müsse, der Arme, daß sie ihre Hartherzigkeit durch den Zwetschenknödel würde wieder gut machen können. Ob sie ihn sich nun selbst zu Gemüte ziehen sollte, den leckeren Knödel? Sie knotete das Taschentuch, das blaue Pflaumenflecke bekommen hatte, auseinander. So – da nahm der Knödel zum zweiten Male Reißaus und sielte sich zu Mariannles Füßen im Sande. Wieder wurde er sorgsam abgeblasen und aufs neue in das Taschentuch geknotet. Schnell – schnell, daß sie nur der Begierde widerstand, ihn sich selbst schmecken zu lassen. Zwetschenknödel, so was Gutes bekam er doch sicher nicht daheim, der alte Aloys. Also geschwind mit dem Knödel hinter ihm drein.

»Wo wohnt der alte Aloys?« erkundigte sie sich bei dem Budenfräulein.

»Das letzte Haus im Ort, dort nauf, hinter dem Heustadl. Arg verfallen ist's halt – du kannst's net verfehle. Schau, dort grad unter dem Fels der Frau Hitt.« Das Fräulein wies bereitwillig die Richtung.

Grad unter dem Fels der Frau Hitt – o jegerl, das war nicht sehr verlockend. Ob's nicht doch gescheiter war, umzukehren, wo die Eltern saßen, und wo der Seppel und der Hansi sich gewiß jetzt vergnügten? Der Weg durch die Matten hinauf war weit und sonnig und führte außerdem in die gefürchtete Nähe der Frau Hitt.

Ja, aber gerade darum mußte sie hin – gerade darum. Wenn der Aloys so nah von der versteinerten Frau Hitt wohnte, hatte sein Fluch gewiß ganz besondere Macht. Nein, sie mußte ihm den Knödel hintragen.

Mit eiligen Sprüngen ging es die Bergmatten hinauf – rasch, ganz rasch, damit es ihr nur ja nicht wieder leid wurde. Jetzt wehte das buntgeblümte Röcklein bereits hoch über dem Aussichtsturm – Mariannle sah nicht, daß die Eltern gerade von dort die herrliche Rundsicht genossen. Keinen Blick warf sie zurück. Nur weiter, immer weiter, trotz Sonnenbrands aufwärts! Der Schweiß perlte dem verängstigten Kinde von der Stirn. Keuchend ging der Atem. Krampfhaft hielt es das Taschentuch mit dem Besänftigungsknödel in der Hand.

Endlich war das letzte Haus hoch oben am Berghang erreicht. Es war ein arg zerfallenes Hüttlein, das Strohdach an vielen Stellen schadhaft. Frau Hitt blickte gerade auf das armselige Häuschen herab. Einen ängstlich scheuen Blick warf das Mariannle zu der Felsenfrau hinauf. Dann pochte es herzklopfend an die schief in der Angel hängende Tür. Kein Herein erklang. Still blieb's da drinnen. War keiner daheim? Ja, wo war der alte Aloys denn da hingegangen? Ratlos stand das Kind. Es wagte nicht, die Tür zu öffnen. Kein Laut. Nur das Surren der Insekten im Sonnenstrahl, das Rauschen der Grashalme im Bergwind. Mariannle hörte den Schlag ihres eigenen Herzens.

Da – Stapfen von Nagelschuhen, ein etwa sechsjähriger Bub tauchte, vom Walde kommend, mit einer Kiepe Reisig hinter Mariannle auf. Er öffnete die Tür und warf die Last am Herd ab.

Neugierig spähte Mariannle in den Raum, der kaum die notwendigsten Möbel aufwies. »Wohnt hier der alte Aloys?« fragte sie schließlich.

»Hm«, machte der Bub und nickte.

»Wo ist er denn?«

»Der Großvater! – halt da.« Der Bub wies mit dem Daumen rückwärts über die Schulter zum Fenster. Struppiges, graues Haar ward durch das Fensterglas sichtbar. Der Alte saß draußen auf dem Bänklein an der entgegengesetzten, nach dem Gebirge zu liegenden Hausseite. Mariannle hatte ihn beim Kommen nicht bemerkt. Jetzt schlich sie sich, mit einem so beklemmenden Gefühl, als ob sie ein schlechtes Schulzeugnis in Empfang nehmen sollte, um das Haus herum.

Der alte Aloys saß mit zur Seite herabgeneigtem Kopf, den zahnlosen Mund halb offen, und machte in der heißen Mittagssonne ein kleines Schläfchen. Mariannle wagte nicht, ihn zu wecken. Herzklopfend blickte sie bald auf den zerlumpten Alten, bald zur Frau Hitt empor, die just auf sie herabsah. Auch der kleine Bub war neugierig ums Haus herumgekommen. Aber als keines was sagte, wurd' ihm das Anstarren zu langweilig. Ein lautes »Juchhu« stieß er plötzlich heraus.

Mariannle fuhr zusammen. Aber auch der Großvater öffnete erschreckt die Augen. »Bist's halt du, Josefl?« fragte er noch schlafbenommen.

»Da ist noch wer.« Josef wies auf Mariannle. Der Greis richtete die schon etwas trüben Augen auf den Ankömmling.

»A Kreizer – schenken's ma a Kreizer«, begann er mit winselnder Stimme, als er erfaßt hatte, daß es ein Fremder war.

»Ich hab' halt keinen Kreuzer net, Herr Aloys«, begann das Mariannle mit gepreßter Stimme. »Aber ich bring' Ihnen statt dessen einen Zwetschenknödel.« Mit fliegenden Fingern begann es das Taschentuch zu entknüpfen.

»Gessen ha'mer schon – a Kreizer, halt nur a Kreizer«, Mariannle ging die Stimme durch Mark und Bein.

»Ach, lieber Herr Aloys, ich bitt' gar schön, essen's doch den Knödel, er ist wirklich gut.« Sie hielt ihm das wenig appetitliche Tuch mit dem Zwetschenknödel hin.

Aber ehe der Alte noch zugreifen konnte, hatte der Josef bereits den Knödel erwischt und ließ ihn in seinen Mund verschwinden.

»Nein, nein« – Mariannle begann zu weinen –, »den darfst nimmer essen, der ist für den Großvater!«

Josef griente und klopfte sich den Bauch.

Der Alte aber begann wieder sein eintöniges »a Kreizer – schenken's ma a Kreizer.«

Was nun? Den Knödel, den der alte Aloys statt des verlangten Geldes erhalten sollte, hatte der Josef verspeist. Dazu hatte sie ihn sich vom Munde abgespart. Und der Alte wimmerte noch immer nach seinem Kreuzer.

Sollte sie den Schein von der Großmama – nein – nein! Davon mußte doch in Mittenwald der blaue Nähkasten mit dem roten Herzen oder der Gucklochfederhalter oder auch die Kuhglocke gekauft werden.

Aber dort droben saß die Frau Hitt – machte sie nicht schon wieder ein hämisch Gesicht?

Der Bettler streckte die fleischlose Hand nach dem erbetenen Kreuzer aus – kam jetzt die Verwünschung?

»Da« – Mariannle riß den Geldschein der Großmama mit plötzlichem Entschluß aus der Tasche. »Da, Herr Aloys, sein's halt so gut und geben's mir was wieder.«

Der alte Bettler griff eiligst nach dem dargereichten Schein und prüfte ihn mit seinen trüben Augen. »Vergelt's Gott«, sagte er erfreut.

»Es sind ja fünf Mark, Herr Aloys. Vier Mark neunzig möchte ich zurückhaben«, bestürmte ihn Mariannle eifrig.

Vergeblich. Ob der Alte sie nicht verstand oder nicht verstehen wollte, er murmelte noch einmal »vergelt's Gott – vergelt's Gott tausendfach« – dann schloß er wieder die Augen zu dem unterbrochenen Mittagsschlaf. Das Mariannle wußte nicht, sollte es lachen oder weinen. Futsch waren sie, die fünf Mark von der Großmama. Dafür hatte ihm der alte Aloys aber dreimal ein Vergelt's Gott gesagt, sogar ein tausendfaches. Das mußte jeden Fluch und jede Verwünschung aufheben, mehr, als der Zwetschenknödel das vermocht hätte. Freien Auges konnte das Mariannle jetzt zur Frau Hitt emporschauen – die konnte ihr kein hämisch Gesicht mehr zeigen. So sagte es nur noch »Grüß Gott« und sprang mit leichtem Herzen und leichter Tasche die steile Bergwiese hinab. Der Kummer um den Geldverlust wurde etwas besänftigt durch die Überlegung, daß der alte Aloys sicher das Geld nötiger brauchte als sie den Nähkasten oder die Kuhglocke. So langte Mariannle in fast ebenso fideler Stimmung, wie das sonst ihre Art war, wieder an der Hungerburg an.

Der Garten war noch immer von Gästen bevölkert. Aber vergeblich spähte Mariannle nach Muttis lila Sportjacke, nach Vaters grünem Lodenhut mit dem Edelweiß darauf aus. Auch der blonde und der braune Haarschopf der Spielgefährten Seppel und Hansi tauchten nirgends auf. Um's Himmels willen – wo waren sie denn inzwischen hingegangen? War sie denn gar so lang ausgeblieben? Es mußte wohl so sein, denn die Gäste an den Tischen tranken bereits Kaffee. Das gab Mariannle einen Stich durchs Herz. Sie erinnerte sich, daß Herr Fiedler vorgeschlagen hatte, den Kaffee auf der entgegengesetzten Seite von Innsbruck, am Berg Isels, einzunehmen. Die Buben konnten es schon kaum erwarten, den historischen Ort, wo die Tiroler Freiheitshelden gekämpft, zu schauen und vor allem das Andreas-Hofer-Denkmal. Man würde doch nicht etwa ohne sie dorthin gefahren sein? Himmel, was wurde dann aus ihr? Sie hatte ja keinen Pfennig Geld mehr in der Tasche. Wie sollte sie die Drahtseilbahn nach Innsbruck, und wenn sie die Eltern dort nicht wiederfand, die Rückreise nach Mittenwald bezahlen! Mariannles Herz, das vor kurzem erst zur Ruhe gekommen, begann wieder angstvoll zu schlagen. Dabei rannte sie im Trab dem Bahnhof zu. Sie hatte noch nicht die Hälfte des Weges zurückgelegt, als ein gellender Pfiff sie erschreckt zusammenfahren ließ. Das war die Drahtseilbahn, die gerade abging. Ob die Eltern und Fiedlers mit derselben davonfuhren? Trotzdem die Bahn ja nun fort war und die nächste erst in einer halben Stunde wieder abgelassen wurde, jagte Mariannle weiter, als könne sie die Bahn noch einholen. Erstaunt blickten die Spaziergänger auf das erhitzte Kind, das mit zur Erde gesenktem Kopf und gelösten Blondzöpfen an ihnen vorbeistürmte.

»Klein's Fräulein – laufen's net so, klein's Fräulein«,– aus der Bude, wo die Ansichtskarten verkauft wurden, klang's hinter Mariannle her. Sie hemmte den eiligen Lauf. »Ja, was machen denn Sie für Sachen, klein's Fräulein? Die Herren Eltern sind halt kreuzunglücklich, daß das Töchterle auf und davon ist. Die Frau Mama sitzt drüben im Schenkgarten am Bahnhof und weint sich die Augen aus dem Kopf. Und den Herrn Papa, den hab' i halt zum alten Aloys 'naufschickt, weil er mich fragen tat, ob ich kein klein's Dirndl mit grünem Schürzl und blonden Schneckerln sehn hätt, und weil's mich doch nach dem alten Aloys sein Häusl fragt haben. Maria und Josef – a so eine Angst!«

Mariannle hörte die letzten Worte des Budenfräuleins nicht mehr. Trap – trap – ging es schon weiter, dem Schenkgarten am Bahnhof zu. Dort schimmerte ein lila Kleid; angstvoll sorgende Mutteraugen spähten über die Hecke hinweg und musterten jeden Vorübergehenden.

Da flog's auf Frau Knorr zu, ein geblümtes Röckchen, ein grünes Schürzlein, verwehte Blondhaare über einem tränenüberströmten Gesicht. »Mutterli – lieb's Mutterli, sei net bös, schau, ich war so bang, daß es mir ergehen könnt wie der Frau Hitt, weil ich dem alten Aloys keinen Kreuzer net gegeben hab'.« Und während die Mutter ihren verlorenen Liebling fest im Arm hielt, damit er ihr nur ganz gewiß nicht wieder abhanden kommen könnte, erzählte das Mariannle die Geschichte des Zwetschenknödels und des Geldscheins von der Großmama.

»Bist halt a arg dumm's Mäderle.« Zärtlich strich die Mutterhand, als Mariannle geendet, über das heiße, verweinte Gesichtchen. »Wieviel Angst und Sorge hättst du uns und dir selbst ersparen können, Mariannle, wenn du uns gleich deine Befürchtungen mitgeteilt hättest und net heimlich davongelaufen wärst.«

»Ja, aber die Fiedler-Buben, die hätten mich arg gefoppt. Und ich will ganz gewiß nimmer wieder davonlaufen«, versprach Mariannle, glückselig, daß es wieder geborgen bei der Mutter saß.

»Das will ich dir auch geraten haben, du Ausreißer!« Mariannle fühlte sich plötzlich an den Ohren emporgezogen. Das war der Vater, erhitzt von der unfreiwilligen Kletterei, mit strafender Miene und frohen Augen, daß das Mariannle sich wieder angefunden hatte.

»An die Leine wirst jetzt genommen, verstehst? Daß du uns nimmer wieder entlaufen kannst, du Schlingel.« Zwischen Vater und Mutter marschierte Mariannle zum Bahnhof.

»A Kreizer – schenken's mir a Kreizer.« Der alte Aloys hatte bereits wieder seinen Stammplatz inne. Mariannle rief ihm ein freundschaftliches »Grüß Gott« zu. Aber der alte Bettler erkannte sie nicht wieder. »A Kreizer – nur a Kreizer« –, das konnte Mariannle jetzt nichts mehr anhaben. Kein Mensch würde sie für hartherzig halten, wo sie ihren Zwetschenknödel und ihre fünf Mark hergegeben hatte. Geradezu übermütig nickte sie der versteinerten Frau Hitt einen Abschiedsgruß zu, als die Drahtseilbahn sie nun wieder abwärts nach Innsbruck führte. Für den Berg Isels, wohin Fiedlers allein gefahren, war es nun heute zu spät geworden. Aber der Zwetschenkuchen in der Innsbrucker Konditorei entschädigte Mariannle dafür und gleichzeitig für den abgesparten Knödel.

Die Fiedler-Buben wollten gar zu gern wissen, wo das Mariannle eigentlich gesteckt hatte. Aber ihre Neugier ward nicht befriedigt. Mariannle verriet nichts. Ja sie lachte sogar, als der Hansi pfiffig meinte: »Gewiß hast der Frau Hitt einen Besuch abgestattet.« Noch mehr aber lachte das Mariannle, als die guten Eltern ihr zum Andenken an die Tiroler Fahrt einen Gucklochfederhalter schenkten, in dem man deutlich die Frau Hitt erblickte. »Der soll dich daran erinnern, daß du nimmer achtlos an einem Armen vorübergehst, Mariannle, und nie wieder davonläufst«, sagte die Mutter dabei.

Ja, das wollte das Mariannle von nun an auch ganz gewiß beherzigen.

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