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Jungmädelgeschichten

Else Ury: Jungmädelgeschichten - Kapitel 2
Quellenangabe
typenarrative
authorElse Ury
titleJungmädelgeschichten
publisherMeidinger's Jugendschriften Verlag G.m.b.H.
printrun11. bis 13. Tausend
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160301
projectide51107a0
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Die beiden Ilsen.

Es ging heute recht lebhaft in der vierten Klasse zu. Still war es nie in der Zwischenpause. Das summte stets wie in einem Bienenstock durcheinander. Aber heute mußte doch wohl noch etwas Besonderes los sein. Der größte Teil der Schülerinnen hatte sich um eine zierliche Blondine geschart und sprach in sichtbarer Aufregung auf sie ein. Die hielt sich lachend die Ohren zu.

»Kinder, nicht mehr als sechse auf einmal! Seid doch bloß mal einen Augenblick ruhig, sonst kann ich euch eure Frage doch unmöglich beantworten. Ja – also sie kommt. Morgen schon. Mein Onkel bringt sie zu uns, weil die Reise von Ostpreußen mächtig weit ist. Sie heißt Ilse, gerade so wie ich, nach einer gemeinsamen Tante. Ein Jahr ist sie älter als wir. Aber Muttchen meint, wer weiß, ob sie die Reife für die dritte Klasse hat, weil sie eine Kleinstadtschule bisher besuchte. Ach, wißt ihr, eigentlich wünsche ich, sie wäre noch nicht weiter als wir und käme in unsere Klasse. Ich freue mich schrecklich auf sie. Immer habe ich mir eine Schwester gewünscht. Und eine Kusine, die zwei Jahre oder noch länger im Hause bleibt, ist beinahe ebenso gut.« Die lebhafte Ilse vollführte vor Freude über die in Aussicht stehende Hausgenossin einen Luftsprung. Dabei trat sie Trude Berg auf den Fuß, was diese zu einem schmerzhaften Quieken veranlaßte, über das die anderen in lautes Lachen ausbrachen.

Keiner vernahm die mißbilligenden Worte des eintretenden Lehrers. »Sind wir denn hier in einer Mädchenschule oder auf einem Jahrmarkt?« Keiner sah, wie ärgerlich Professor Reuter das Katheder bestieg und sich schneuzte. Erst als es von dort oben mit verdoppelter Tonstärke herabklang: »Ilse Klein, wenn du weiter Vortrag halten willst, bin ich wohl hier überflüssig!« stob alles entsetzt auseinander. Hui – man sah im Augenblick nichts weiter als ein Knäuel von durcheinanderstrampelnden Beinen, von drängenden, stoßenden Armen, von fliegenden hellen und dunklen Zöpfen. Und dann war das Mädchenknäuel im Nu entwirrt, alles saß brav und sittsam auf seinem Platz, als ob niemals Jahrmarktstumult in der IV M geherrscht.

Ilse Klein war der Mund vor Schreck offen geblieben. Sie war so erstarrt, daß sie gar nicht daran dachte, ihren Platz einzunehmen.

»Hast du die Absicht, wie Lots Ehefrau die Stunde über als Bildsäule dort stehenzubleiben, Ilse?« Professor Reuter machte schon wieder einen seiner beliebten Späße.

Die Klasse wieherte vor Vergnügen, erfreut, daß der Lehrer wieder guter Laune war.

Ilse schoß das Blut in die zarten Wangen und das Wasser in die Blauaugen. Sie war ein etwas empfindliches junges Fräulein. »Das liegt im Alter«, pflegte die Mutter ihr Töchterchen in Schutz zu nehmen, wenn der große Rolf die jüngere Schwester mit ihren »Schleusen« aufzog. Aber Ilse war bei all ihrer Liebenswürdigkeit doch wohl etwas »wässeriger«, als man das sonst zwölfjährigen jungen Damen zubilligen kann. Auf das englische exercise, das gerade durchsprochen wurde, tropfte es feucht. Ilse wischte den klaren Kristalltropfen rasch mit dem Handrücken fort, damit ihre Nachbarinnen nicht erst sehen sollten, daß sie den Scherz des Lehrers und das Lachen der Klasse krummgenommen hatte. O weh – die Tinte verlöschte, ein blauschwarzer Schmierakel zierte die Arbeit. Nun war Ilse von Natur aus ja nicht gerade hervorragend mit Ordnungsliebe gesegnet, aber sie hatte sich besondere Mühe mit der englischen Übersetzung gegeben, da sie maßgebend für das Osterzeugnis sein sollte. Unwillkürlich und ihr selbst kaum bewußt stieg ein weniger freundliches Empfinden gegen die neue Kusine in Ilses Seele auf. Die war doch eigentlich ganz allein an dem Mißgeschick schuld.

Aber nachher auf dem Heimwege, als die Mädel es nicht besser machten als der Schwarm Spatzen, die sie durch ihre Tritte vom Fahrdamm aufscheuchten, und gerade so durcheinander schwirrten und piepsten, da malte Ilse Klein das Zusammenleben mit der neuen Kusine wieder in den herrlichsten Farben aus, so daß sich Anni Rotter, ihre erklärte Beste, doch bewogen fühlte zu äußern: »Na, hoffentlich stört deine geliebte Kusine nicht unsere Freundschaft.«

»Wie kannst du bloß so etwas denken, Anni! Meine Kusine ist sicher furchtbar nett. Und du hast dann eben zwei beste Freundinnen«, entschied Ilse.

»Zwei beste gibt's nicht – da mußt du natürlich zwischen ihr und mir wählen.« Die Anni fühlte sich bereits zurückgesetzt, trotzdem die Nebenbuhlerin noch irgendwo da oben in Ostpreußen saß.

Ilse überlegte nicht lange. Mit ungestümer Herzlichkeit umschlang sie Annis schmales Figürchen: »Du bleibst meine allerbeste Freundin, Anni – denn die Ortelsburger Ilse wird doch meine Schwester.«

Das sah die Anni denn auch ein, und ein Kuß besiegelte das erneute Freundschaftsbündnis, trotz der Autohupe, die störend dazwischen fuhr.

Ilses Amt war es daheim, den Tisch zu decken, denn sie sollte sich schon frühzeitig an haustöchterliche Pflichten gewöhnen. Wie oft hatte die Mutter es ihr gezeigt, wie man einen Tisch ordentlich und zierlich deckt; aber Ilse warf meist genial alle bestehenden Regeln über den Haufen. Die Messerbänkchen galoppierten willkürlich wie durchgegangene Gäule neben den Tellern dahin, die Bestecks zeigten die merkwürdigsten geometrischen Figuren, die Servietten wiesen nach allen Himmelsrichtungen, und das Salzfaß – glänzte meist durch Abwesenheit.

Auch heute blickte der Vater über die Brille hinweg vielsagend auf dem Tische umher. »Ich sehe was, was nicht da ist«, sagte er schließlich scherzhaft, als Ilse munter ihre Suppe weiter löffelte.

»Was nicht da ist, Vater?« Das Töchterchen hielt lachend inne. »Ach, ich weiß schon, was du meinst.« Sie wurde ein bißchen rot, ließ sich aber trotzdem mit Gemütsruhe ihre Suppe weiter schmecken.

»Kann man behaupt nich sehen, wenn's nich da ist«, stellte das vierjährige Nesthäkchen Heini ernsthaft fest.

»Ei, Ilse, vielleicht bequemst du dich dazu, das Vergessene zu holen«, mahnte die Mutter.

»Das Faultier lebt in Afrika,
Doch ist's auch oft woanders da«,

deklamierte Rolf anzüglich, als Ilse sich nun langsam von ihrem Stuhl erhob.

Ein Puff war die Antwort. »Als ob Jungs nich auch Salzfässer holen könnten!« Ilse war unzufrieden mit der Weltordnung, die den Frauen den hauswirtschaftlichen Anteil überlassen hatte. »Na, von morgen an ist ja die andere Ilse da, Gott sei's getrommelt und gepfiffen! Dann brauche ich mir wenigstens nicht allein mehr ein Bein auszureißen«, frohlockte sie.

Mehrstimmiges Gelächter folgte.

»So sieht jemand aus, der sich ein Bein ausreißt!« Rolf schüttelte sich vor Lachen. »Du nimmst es dir ja nett vor, die Ilse Große als deinen Pudel abzurichten. Die wird sich bedanken.«

»Wird sie gar nicht. Schwestern helfen sich gegenseitig, nur Brüder sind eklig«, gab Ilse prompt zurück.

»Ist mich auch eklig, Ilse?« erkundigte sich Klein-Heini mit treuherzigen Kinderaugen. Aller Ärger bei Ilse verrauchte und sie schloß den Kleinen so ungestüm in die Arme, daß er wie eine Maus zu pfeifen begann.

»Nich so eklig doll lieb haben!« Heini angelte mit Armen und Beinen aus der ihm unbequemen schwesterlichen Umarmung heraus. Die Suppe schwippte dabei aus dem Teller, zum Glück nur auf die Wachstuchdecke, die Klein-Heinis Platz auszeichnete.

Aber die Mutter schüttelte doch den Kopf über ihr ungestümes Töchterchen. »Ilse, setz' dich auf deinen Platz. Du weißt, der Vater liebt bei Tisch Ruhe und Harmonie. Hoffentlich wird die große Ilse einen günstigen Einfluß auf dich, Wildfang, ausüben.«

»Auch in puncto Ordnung recht wünschenswert«, mischte sich Rolf ganz unnötigerweise ein.

Als Quittung stieß Ilse heimlich unter dem Tisch mit dem Fuß nach ihm, um die Harmonie des Mittagtisches so wenig wie möglich zu beeinträchtigen.

Rolf war der beste Boxer in der Obertertia. Er begann denn auch sogleich seinen kunstgerechten Angriff. Der Vater mußte ganz energisch dazwischenfahren. Die Harmonie des Familienkreises war gestört.

»Schämt ihr euch denn gar nicht, eurem Vater die Mittagsstunde, seine einzige Erholungszeit am Tage, derart zu verderben«, rügte die Mutter ärgerlich.

Ilses Tränen flossen. »Na, wenn der dumme Rolf immer anfängt!«

»Wer hat zuerst mit dem Bein gestoßen, liebes Kind?« Rolf sprach in salbungsvollem Richterton, der »das liebe Kind« aufs neue reizte. Sicher wäre es wieder zu Handgreiflichkeiten gekommen, wenn die Mutter nicht »gesegnete Mahlzeit« gewünscht hätte. »Ilse, bringe Heini ins Bettchen und räume dann deinen Schrank für die große Ilse aus.« So – die feindlichen Parteien waren getrennt.

»Rolf, du mußt die Ilse nicht immer aufziehen. Sie kann das nun mal nicht vertragen. Das liegt so in ihren Jahren«, stellte der Vater seinem Ältesten vor.

»Müssen wir ihr abgewöhnen, die Empfindsamkeit«, entschied der weise Sprößling.

Inzwischen hatte Ilse schon wieder gegen diesen Fehler zu kämpfen. Klein-Heini und sie waren die besten Freunde. Heini hing voll Zärtlichkeit an der großen Schwester, und diese war lieb und sorgsam mit ihm wie ein Mütterchen. Jeden Mittag, wenn Heini ins Bett marschierte, zog sie ihn aus, tollte wohl noch ein bißchen mit ihm und erweckte ihn nach zweistündigem Schlaf wieder mit Scherz und Kuß zu neuem Leben. Die Sorge für das Nesthäkchen nahm sie der Mutter schon seit geraumer Zeit ab, wenn auch die Sachen des Kleinen von ihr wie Kraut und Rüben durcheinander geworfen wurden. Heute äußerte der undankbare kleine Schlingel: »Nu will mich nie mehr von dir ausgezieht werden. Morgen und alle Tage muß mich die neue Ilse ausziehen.«

Ilses zwölfjährige Empfindsamkeit meldete sich sofort. Sie dachte nicht daran, daß sie kindischer war als der Kleine, den natürlich wie alle Kinder das Neue reizte. »Na, dann kannst du ja auch sehen, wer dich heute ins Bett bringt – ich nicht!« Sprach's, und davon war sie, den Kleinen im Nachthöschen mit einem halb aufgeschnürten Stiefel plärrend zurücklassend. Gerade als die Mutter erschreckt das Zimmer betrat, war Heini im Begriff, gestiefelt sein Bettchen zu besteigen. Natürlich war die Mutter aufs neue auf Ilse ärgerlich, nicht minder über die auf dem Fußboden herumgestreuten Sachen des Kleinen. Aber als sie dann in Ilses Zimmer trat, das die beiden Kusinen künftig gemeinsam bewohnen sollten, schlug sie erst recht die Hände über den Kopf zusammen.

Himmel, wie sah es dort aus! Ilse hatte ihren Schrank der mütterlichen Weisung gemäß leer gemacht. Saubere Wäsche und getragene Schürzen, Bücher, meist mit zerrissenem Einband, Hefte, Zopfbänder, ein abgebissener Pfefferkuchen, der noch von Weihnachten her vergessen war, angefangene, schmutzige Stickereien, die in den tiefsten Tiefen des Schrankes ein tatenloses Dasein geführt, ein kleiner Ball, Federhalter, Würfel und Nummern von irgendwelchen Gesellschaftsspielen, alles lag bunt durcheinander in einem fast unentwirrbaren Knäuel auf der Erde.

»Ilse, ich bin recht unzufrieden mit dir«, machte die Mutter ihrem Unmut Luft. »Nichts kannst du, großes Mädchen, ordentlich machen. Schau nur, wie du hier die teuren Sachen alle verdorben hast. Du bist doch wirklich alt genug, um zu wissen, wie schwer es dem Vater wird, Neues anzuschaffen. Was soll die Ortelsburger Ilse nur von deiner Liederlichkeit denken! Tante Martha schrieb mir, ihre Ilse sei ein sauberes und ordnungsliebendes Kind. Ich hoffe viel von ihrem guten Einfluß auf dich.«

»Geliebte Mutter, schilt nicht! In fünf Minuten ist hier wieder die wunderbarste Ordnung.« Ilse begann sogleich die »wunderbarste Ordnung« herzustellen, indem sie mit beiden Händen vom Fußboden zusammenraffte, was sie nur packen konnte, und es in den leeren Kommodenkasten spedierte, der künftig ihre Habseligkeiten bergen sollte.

»Ilse – um's Himmels willen! – Die Mutter wußte nicht, ob sie lachen oder böse sein sollte. »Das nennst du Ordnung? Jetzt bitte ich mir aus, daß du die saubere Wäsche hübsch sorgsam in dem untersten Kasten verwahrst. In den zweiten kommen deine Haarbänder, Handschuhe, sonstige Kleinigkeiten und Spiele. Und in den obersten ordnest du dir deine Bücher. Sonst macht die Ilse gleich wieder kehrt, wenn sie dieses wüste Durcheinander erblickt.«

»Mutterchen, stell' mir bloß die Ilse Große nicht immer als Tugendschaf hin. Tugendschafe sind unausstehlich. Dann soll sie lieber gleich auf ihrer ostpreußischen Weide bleiben«, rief das Töchterchen eifrig.

»Ich wünschte, daß du etwas mehr von dieser Unausstehlichkeit hättest, mein Kind«, lächelte die Mutter schon wieder. Ihre Ilse verstand es, durch ihr liebenswürdiges Wesen sie stets wieder zu entwaffnen, wenn sie auch eben noch Gott weiß wie aufgebracht über sie gewesen war. Auch jetzt strich Frau Klein liebkosend über Ilses blondes Kraushaar.

»Muß ich als Wächter daneben stehen, oder kann ich mich darauf verlassen, Ilse, daß du alles, wie es sich gehört, zum Empfang von Kusine Ilse herrichten wirst?« fragte sie eindringlich.

»Eine Frau, ein Wort! Unser Zimmer soll mustergültig aussehen!« versprach Ilse bereitwillig.

»Aber nicht nur von außen, Kind. Vor allem die Schränke und Schubfächer. Ich schaue alles nach«, mahnte die Mutter noch im Hinausgehen.

»Kannst du auch, Muttichen!« Und ehe die Tür noch ins Schloß fiel, hing Ilse der Mutter am Hals. »Nun bist du doch nicht mehr böse auf mich, Muttichen?« Das konnte Ilse nicht ertragen, wenn jemand, und ganz besonders die Mutter, ärgerlich auf sie war.

Sie setzte ihre Ehre darein, ihr Wort einzulösen. Wenn sie wirklich mal versucht war, irgendeinen Gegenstand rasch zu »pfeffern«, wie der Fachausdruck lautete, anstatt ihn ordentlich an seinen Platz zu legen, gedachte sie geschwind des Versprechens, das sie ihrer Mutter gegeben. Aber sie hatte dafür auch die Genugtuung, daß die Mutter sich lobend äußerte: »Sieh einer bloß an! Wenn du willst, kannst du schon. Nun sorg' auch dafür, daß es so hübsch ordentlich bleibt, mein Herzchen.«

Ja, das war ungleich schwerer. Ordnung machen ist schon unbequem – Ordnung halten aber für gewisse Leute ganz unmöglich. Ilse wußte wirklich nicht, wie es kam, daß das so schön aufgeräumte Zimmer, als sie am nächsten Nachmittage den andern nach zum Bahnhof stürmte, durchaus nicht mehr so tadellos ausschaute, wie am Tage zuvor. Woran lag das nur? Es stand doch sogar ein Primelsträußchen in einer Vase auf dem Tische.

Ilse hatte nicht viel Zeit mehr, sich darüber den Kopf zu zerbrechen. Denn wie meist, war sie erst im letzten Augenblick aufgebrochen. Da hatte sie natürlich die Schürze auf einen Stuhl geschleudert, anstatt sie an den Garderobenhaken zu hängen. Auf einem anderen lag ein aufgeschlagenes Buch, in dem sie gerade gelesen, während der Inhalt der Schulmappe auf dem Arbeitspult ausgebreitet liegen blieb. Die Handschuhe hatte sie, da sie noch nicht an die neue Ordnung gewöhnt war, nicht gleich gefunden und statt dessen den Kasten mit Zopfbändern herausgerissen. Zum Einpacken war es zu spät, Ilse hatte wieder mal bis auf die letzte Minute »geschmökert«. Daß dies alles dem Zimmer aber nicht zur besonderen Zierde und Ordnung gereichte, kann man sich denken.

Solche Ruppigkeit – immer hatten die Eisenbahnzüge sonst Verspätung; aber gerade heute, wo Ilse atem- und handschuhlos, zwei Minuten nach der Frist mit schiefgerutschtem Hut am Bahnhof erschien, schnaufte ihr die Lokomotive mit glotzenden Laternenaugen schon schadenfroh entgegen. In dem Menschengewühl entdeckte Ilse zuerst gar nichts, nicht einmal Vater, Mutter und die Brüder. Denn die ganze Familie hatte sich zur Einholung feierlich auf dem Bahnhof eingefunden. Schließlich aber tauchte doch Rolfs bunte Gymnasiastenmütze irgendwo auf, neben ihm ein ziemlich großes, breitschulteriges Mädchen, dem er vetterlich galant den Handkoffer trug. Heini zog es noch vor, im Schutze von Vater und Mutter mit dem Onkel zu folgen. Die neue Ilse hatte seinen Erwartungen nicht entsprochen, da sie gar nicht von ihm Notiz genommen hatte.

Noch eine stand enttäuscht. Ilse blickte mit weit aufgerissenen Augen auf die näherkommende Kusine, der sie mit so unbändiger Freude entgegengesehen.

Das war sie also. Ziemlich vierschrötig erschien sie Ilse, breit in den Schultern und in den Hüften. Und sehr gesprächig schien sie auch nicht zu sein. Wenigstens trottete sie stumm neben dem nicht viel lebhafteren Rolf her, der doch sonst ganz gewiß nicht auf den Mund gefallen war. Ilse empfand den lebhaften Wunsch, ihr Inkognito zu bewahren und in dem Menschenmeer wieder unterzutauchen. Da hatten Heinis Augen sie aber schon erspäht. Er riß sich von der Hand der Mutter los und eilte jubelnd auf die Schwester zu.

»Da ist meine Ilse! Du darfst mich immer ausziehen, Ilse, nich die olle neue Ilse!« Die ganze unbarmherzige Kinderkritik lag in diesen Worten.

Ilse blickte erschreckt auf die Kusine, ob die Heinis häßliche Worte nicht auch vernommen? Aber deren Gesicht sah völlig bewegungslos drein. Ilses warmes Herz trieb sie, die Schuld des kleinen Bruders wieder gutzumachen. Äußerlich war die Kusine ja nicht sehr einnehmend. Aber innerlich konnte sie doch ein ganz famoses Mädel sein.

»Guten Tag, Ilse.« Die kleinere trat an die größere heran und hob sich auf die Zehenspitzen, um ihr den Willkommenskuß zu geben. Aber da die Kusine ihr nicht entgegenkam, sondern steif stehen blieb, verpuffte der Kuß in der Luft. Dies veranlaßte Rolf zu einem dröhnenden Gelächter, hinter dem er seine Verlegenheit verbarg, da er mit der neuen Kusine nichts anzufangen wußte. Wieder empfand Ilse es feinfühlend, daß dieses Lachen die Neuangekommene verletzen mußte. Sie machte noch einmal einen Versuch.

»Ich habe mich ganz furchtbar doll auf dich gefreut, Ilse. Du dich auch auf mich?« fragte sie ein wenig beklommen.

In den grauen Augen der fremden Kusine leuchtete es warm auf. Sie nickte. Sprechen tat sie noch immer nicht. Inzwischen hatte sich der Ortelsburger Onkel seines Nichtchens bemächtigt.

»Ei, Ilschen, wir kennen uns doch noch, janz jewiß.« Diesmal verpuffte der Kuß nicht in der Luft. »Siehst du, da hast sie, meine Krabbe. Nu müßt ihr auch hübsch Freundschaft zusammen halten. Unsere Illa ist noch 'n bißchen schichtern, aber das wird sich hier in Barlin schon lejen.« Der Onkel redete ausgesprochen ostpreußisch, was auf die Kleinschen Kinder sehr komisch wirkte.

Ilse Klein nahm Ilse Großes Arm. »Wir wollen Schwestern sein, ja?« flüsterte sie, denn Rolf brauchte das doch nicht zu hören.

Wieder erfolgte keine Antwort. Aber Ilses Arm wurde bejahend gedrückt. Das war immerhin ein Entgegenkommen. Ilses hochgespannte Erwartungen waren bereits so zusammengeschrumpft, daß sie schon dafür dankbar war. Munter plauderte sie drauflos. Sie nannte die Namen der Straßen und Plätze, die man durchschritt, machte die Kusine auf ein oder das andere stattliche, öffentliche Gebäude aufmerksam und erklärte die Statuen auf den Plätzen, soweit ihre eigenen Kenntnisse reichten. Es machte ihr ungeheuren Spaß, den Fremdenführer zu spielen. Sie merkte es noch nicht einmal, daß die Größere abgespannt von der langen Reise und all dem Neuen, was auf sie einstürmte, gänzlich teilnahmslos alles über sich ergehen ließ.

Rolf gab der Schwester einen heimlichen Stoß. »Du – die ist ja doof!« flüsterte er nicht allzu laut in seiner derben Jungenart.

Ilse schielte erschreckt zur anderen Ilse. Aber die sah durchaus nicht gekränkt aus. Sie hatte den wenig netten Berliner Ausdruck wohl kaum verstanden.

Der Weg vom Bahnhof nach Haus war eigentlich gar nicht weit. Wie schnell hatte Ilse ihn sonst auf dem Heimweg durchstürmt. Jetzt schien er ihr endlos, trotzdem sie eigentlich daran gewöhnt war, das große Wort in der Klasse, im Kränzchen, ja auch zu Hause zu führen. Aber wenn man ganz allein reden muß, ohne Komma und ohne Punkt, ohne jedes Gegenwort, so ist das Gespräch immerhin etwas einseitig. Rolf schien auch keine Lust zu haben, die Kosten der Unterhaltung zu tragen. Sein Urteil über die neue Kusine war abgeschlossen. Pfeifend trabte er neben den beiden Mädchen her.

Gott sei's getrommelt – endlich war man zu Hause. Frau Klein zog ihr neues Pflegetöchterchen in die Arme. »Nun sei uns von Herzen willkommen, mein Kind. Mögest du dich in unserem Hause wohl fühlen!«

Die warmen Worte verfehlten, trotz aller Müdigkeit der jungen Reisenden, nicht ihre Wirkung auf die neue Ilse. Sie schmiegte sich für einen Augenblick fest in die mütterlichen Arme der Tante. Wie schwer war es ihr geworden, von daheim, von der Mutter, von allem, was sie lieb hatte, auf Jahre fortzugehen. Wie bange war ihr vor der unbekannten, großen Stadt, den fremden Verwandten. Ach, wenn sie nur lieb und gut mit ihr sein würden!

Inzwischen hatte Frau Klein die Tür zu dem gemeinsamen Zimmer der beiden Mädel geöffnet. »Hier wohnt ihr beiden Ilsen, haltet getreue Nachbarschaft, und was meine Ilse anbelangt, vor allem Ordnung – – –« Das Wort blieb der Mutter in der Kehle stecken. Denn das noch vor kurzem schön aufgeräumte Zimmer sah gerade nicht mehr sehr einladend aus. »Ilse, es schaut doch schon wieder aus, als ob Banditen hier gehaust hätten«, sagte sie vorwurfsvoll.

»Ach Gott, bloß der Bänderkasten!« Ilse raffte beschämt die braunen, weißen und schwarzen Haarschleifen zusammen und schleuderte sie geschwind in das Kommodenfach. Mit erstaunten Augen sah die fremde Ilse dem Treiben zu.

»Machst du das auch so mit deinen Sachen?« fragte die Tante.

Ilse Große schüttelte stumm den Kopf. Ihrem Ordnungssinn war der Kusine Tun geradezu unbegreiflich. Sie schämte sich für die jüngere.

»So, nun wasche dich, mein Kind, und dann kommt zu Tisch.« Die Mutter ließ die beiden Ilsen allein. Sie freundeten sich dann sicher am schnellsten miteinander an.

Fürs erste blieb es still in dem Ilsenstübchen. Man hörte nur das Plätschern des Waschwassers und das Rubbeln der Bürste, welche die fremde Ilse in Bewegung setzte. Auf die kleine Blonde, die sonst vor Lebhaftigkeit sprühte, legte sich die stille Art der neuen Genossin geradezu beklemmend. Zum erstenmal in ihrem zwölfjährigen Leben geschah es der Ilse Klein, daß sie nicht wußte, was sie sagen sollte. Stumm beschaute sie ihre Finger, die ebenfalls des Waschwassers durchaus bedurften. Aber auf derartige Äußerlichkeiten pflegte Ilse keinen Wert zu legen.

»Hier schlafe ich, und in dem Bett drüben schläfst du«, sagte sie schließlich, weil ihr nichts Geistreicheres einfiel.

Ilse Große hielt diese Mitteilung einer Antwort nicht für nötig.

»Sag' mal, bist du eigentlich immer so – so stumm?« Bei einem Haar hätte Ilse gesagt »so mopsig«.

»Ich we-iß nicht«, sagte die neue Ilse, in unverfälschtem ostpreußischen Dialekt. Damit war die Unterhaltung wieder für eine Weile erschöpft.

Gerade als Ilse einen neuen Anlauf machen und das Gespräch auf die Schule bringen wollte, ob die neue Kusine dabei wohl redseliger würde, steckte Klein-Heini sein Köpfchen zur Tür herein.

»Die unse Ilse und die olle neue soll zu'n Abendbrot kommen – aber doll flink, Minna hat schon die Toffels reingebringt«, rief er.

»Aber Heini, du bist ja gar nicht artig«, erzog die ältere Schwester den kleinen Burschen, der noch kein Blatt vor den Mund nahm. »Du mußt die Ilse Große doch lieb haben.«

»Behaupt nich lieb!« erklärte der Kleine ohne Besinnen. »Die is gar nich schön, die soll lieber nich angereist kommen.«

»Pfui, Heini!« sagte Ilse und errötete für den kleinen Klugschnack, während Ilse Große tat, als ob von irgendeinem anderen die Rede sei.

»Hast du die große Ilse denn lieb?« erkundigte sich Heini zweifelnd.

»Ja, aber natürlich – –.« Ilse fühlte, daß sie nicht ganz bei der Wahrheit blieb, denn sie empfand nach all der Vorfreude eigentlich doch nur grenzenlose Enttäuschung. »Sie ist doch unsere Kusine«, setzte sie deshalb noch bekräftigend hinzu.

»Sine ißt Heini gern, die hat er lieb.« Der kleine Mann konnte augenscheinlich eine Kusine noch nicht von einer Apfelsine unterscheiden.

»Wo steckt ihr denn – die Kartoffeln werden kalt.« Rolf, als zweiter Abgesandter, erschien.

Jetzt aber mit Extrapost! Vater verlangte, daß die Kinder pünktlich bei Tisch erschienen.

»Was machst du denn noch?« Ilse Klein drehte noch einmal den Kopf zurück, da Ilse Große ihr nicht folgte.

»Bloß noch das Waschwasser ausjießen – ich komme jle-ich.« Nein, was war die Kusine »pedantisch«, fand Ilse Klein, daß sie daran noch dachte.

»Neben mir muß sie sitzen, wir sollen doch Schwestern sein«, hatte Ilse vorher gebeten, als man über die Plätze bei Tisch beriet. Auch Klein-Heini wollte seinen Anteil an der neuen Ilse haben. So hatte man dieser den Platz zwischen den Kindern angewiesen. Aber alle beide legten sie jetzt kein großes Gewicht mehr auf die begehrte Nachbarschaft. Stumm saßen sie nebeneinander wie die Orgelpfeifen und waren doch sonst so lebhaft, daß die Eltern nur zu oft dämpfen mußten. »Ei, Kinder, was ist denn heute mit euch los, daß ihr so wohltuend ruhig seid?« verwunderte sich die Mutter.

»Die große Ilse scheint ihre Sprache in Ostpreußen gelassen zu haben, ich habe noch kein Wort von ihr vernommen«, neckte der Vater. »Nur gut, daß sie wenigstens den Mund zum Essen mitgebracht hat.«

Das Nichtchen wurde rot, antwortete aber keine Silbe. Nein, wirklich, sie ist »doof«. Rolf hat ganz recht, auch Ilse kam heimlich zu dieser Überzeugung.

»Unser neues Pflegetöchterchen wird schon auftauen«, begütigte die Mutter. »Nicht wahr, Ilschen?« Die Nichte sah die Tante dankbar an und nickte wortlos.

»Mundfaul ist das Ding«, knurrte Rolf in sich hinein, »aber beim Essen weiß sie den Mund ganz gut zu gebrauchen.«

»Ich bin recht froh, daß ihr meine Illa bei euch aufjenommen habt«, wandte sich der Onkel an die Schwägerin. »Sie hat ein scheues Jemiet, die Illa, in einer fremden Pension mecht sie sich am Ende unbehaglich fiehlen.«

Ilse, die kleine, begann zu kichern. Ob die ostpreußische Mundart des Onkels ihre Lachmuskeln reizte, oder ob dieselben grundlos mal wieder nach Betätigung verlangten, wie das bei zwölfjährigen jungen Damen öfters vorkommt, wußte sie allein nicht. Sie nahm die Serviette vor das Gesicht und verbarg dahinter ihre Heiterkeit, bis sie plötzlich laut losprustete. Heini stimmte erlöst mit ein, und auch Rolf beteiligte sich an dem ansteckenden Lachen. Ilse Große aber saß wie der steinerne Gast dazwischen, ohne eine Miene zu verziehen.

»Ei, ihr seid ja so varjniejt, wir mechten auch mitlachen«, sagte der ostpreußische Onkel freundlich zu der kichernden Ilse. Natürlich lachte die nur um so mehr.

Der Mutter war die unmotivierte Heiterkeit ihrer Kinder nicht recht. Sie empfand dieselbe als taktlos. Wie leicht konnte das fremde Kind annehmen, daß man es auslache. »Ilse, setze die Teller zusammen, du mußt der Minna jetzt ein bißchen zur Hand gehen«, ordnete sie deshalb an.

Beide Ilsen erhoben sich gleichzeitig, sahen sich an und – lachten. Alle beide.

»Also doch! Lachen kann sie wenigstens«, stellte Rolf verwundert fest.

»Ja, was machen wir denn mit euch beiden Ilsen? Wie werden wir euch nur unterscheiden?« überlegte der Vater, während die jungen Mädchen den Tisch abräumten. Ilse Klein, immerhin mit einer gewissen Genugtuung, daß sie sich jetzt nicht mehr allein ein Bein auszureißen brauchte.

»Eine ist die stumme und eine die Plapper-Ilse«, schlug Rolf vor, was ihm natürlich einen schwesterlichen Knuff eintrug.

»Nun, mir leuchtet die große und die kleine Ilse noch mehr ein, da brauchen wir nur den Vatersnamen adjektivisch umzustellen«, meinte Herr Klein.

»Illachen haben wir sie ieberhaupt immer zu Hause jenannt. Ihr kennt sie ja auch so rufen, da jibt's keine Verwechselung«, mischte sich Herr Große hinein.

Und dabei blieb's. Eins war die Illa und eins die Ilse.

Nun war sie schon acht Tage im Hause der Verwandten, die Illa. Aber man hatte sie auch in den acht Tagen noch nicht viel mehr reden hören. Wenn man sie etwas fragte, antwortete sie schüchtern und bescheiden. Aber nie begann sie von selbst ein Gespräch. Dabei schien sie sich im Kleinschen Hause durchaus wohl zu fühlen. Als der Vater abreiste, waren wohl die Tränen geflossen, aber sie trockneten bald, da die Tante ihr den Arm um die Schulter legte: »Nun bist du unser Kind, Illa.« Sie wollte den Verwandten ja so gern ein gutes Kind sein. Ihre jüngere Kusine liebte die Ortelsburger Illa ganz besonders. Trotzdem dieselbe kleiner war als sie, blickte sie geradezu mit Verehrung zu ihr auf. Was die kleine Ilse sagte, war für die große eine Offenbarung. Sie folgte ihr getreulich wie ihr Schatten. Und das war der Ilse durchaus nicht immer angenehm. Sie hatte es sich entschieden viel hübscher gedacht, eine Schwester zu haben.

»Ja, wenn sie auch so ist«, sagte sie oftmals zu sich selbst als Entschuldigung, sobald ihr Gewissen sie mahnte, daß sie nicht nett genug mit der Kusine sei. Aber was sie unter »so sein« verstand, wußte sie eigentlich selbst nicht. Denn die neue Gefährtin war freundlich und gefällig, verträglich und bescheiden. Na ja, das war es ja eben, viel zu bescheiden war die Illa. Sie trat gar nicht aus sich heraus, hatte keine eigene Meinung, schaute Ilse bei allem, was diese sagte, ehrfurchtsvoll an, wenn es auch noch so dummes Zeug war. Zuerst war diese stumme Verehrung für Ilschens Eitelkeit ja recht wohltuend, aber auf die Dauer wurde sie langweilig. Schließlich kabbelt man sich ganz gern mal ein bißchen herum, selbst mit seiner besten Freundin. Denn Ilse, die kleine, war durchaus nicht so friedfertig wie Ilse, die große.

Aber das alles wäre noch kein Grund für Ilse gewesen, manchmal zu wünschen, daß die Kusine in Ortelsburg geblieben wäre. Die Hauptursache dazu waren die Schulfreundinnen.

»Na, wie ist sie?« so hatte man sie gleich am nächsten Tage nach der Ankunft der Kusine in der Schule umlagert.

»Kann man nach dem ersten Eindruck noch nicht sagen«, meinte Ilse diplomatisch.

Das kam den Freundinnen natürlich sonderbar vor. Ilse Klein pflegte mit ihrem Urteil sonst niemals so vorsichtig zu sein, sondern ganz im Gegenteil etwas vorschnell.

»Na, dann wird mit ihr wohl nicht viel los sein – dann ist sie sicher doof!« sagte die Intima Anni Rotter frohlockend, daß ihr von der neuen Kusine keine Konkurrenz drohte.

»Woher weißt du?« entfuhr es Ilse erstaunt. Sie war so betroffen, dieselbe Kritik, die Rolf über die Kusine abgegeben, aus Annis Mund zu hören, daß sie es ohne weiteres zugab.

»Das kann man sich doch an allen fünf Fingern abzählen. Sonst hättest du doch ihr Lob in allen Tonarten geblasen wie vorher, wo du sie noch gar nicht gekannt hast. Du bist ja mächtig kleinlaut geworden.«

»Gar nicht wahr! Und so schlimm ist sie überhaupt nicht. Nur ein bißchen – na, wie soll ich mich ausdrücken – ein bißchen ›schichtern‹. So hat nämlich mein ostpreußischer Onkel von ihr gesagt.« Das lose Mädel ahmte den Dialekt zum Gaudium der Schulkameradinnen getreulich nach.

»Ilse, die schichterne« – da hatte die Illa ihren Spitznamen weg, noch ehe sie die Schule betreten.

Als sie dann gegen Mittag mit Frau Klein in dem Lyzeum erschien, um die Aufnahmeprüfung vor dem Direktor abzulegen, war der Eindruck, den sie auf die neugierigen Mädel machte, durchaus kein günstiger. Himmel, die Illa war so bange vor der Prüfung und vor dem fremden, gestrengen Herrn Direktor, daß sie nicht die Augen vom Erdboden zu heben wagte, daß keine von all den Mädchen, die sie etwas geringschätzig musterten, es gewahr wurde, was für schöne graue Augen sie hatte. Ilse Große selbst bemerkte zum Glück nicht die an ihr entlanggleitenden, abschätzenden Blicke. Sonst hätte sie sich wohl noch mehr hinter der Tante verkrochen, als sie es schon ohnedies tat. Die Prüfung fiel dann auch schlechter aus, als es nach Illas Kenntnissen notwendig war. Nachdem sie einmal eine Frage falsch beantwortet hatte, wagte sie sich überhaupt kaum noch zu äußern, selbst wenn sie die richtige Antwort wußte.

»Hm – hm – das sieht bös aus! Kaum die Reife für die vierte Klasse.« Der Herr Direktor wiegte mißbilligend sein Haupt. »Aber in Anbetracht des Abgangszeugnisses in Ortelsburg, das ja nicht schlecht ist, wollen wir es immerhin versuchen, um so mehr, als ja Ihre Tochter, Frau Klein, eine fleißige Schülerin ist und der Kusine ein gutes Beispiel in bezug auf Pflichterfüllung geben wird. Hm. Also ich nehme dich nach den Osterferien in die IV M auf und erwarte, daß du die argen Lücken, die du hast, auszufüllen bestrebt bist. Nicht wahr, Ilse Große?«

Die schüchterne Illa wagte unter den blitzenden Brillengläsern des Direktors, die sie auf sich gerichtet fühlte, kaum mit dem Kopf zu nicken. Aber der Herr Direktor erwartete augenscheinlich keine andere Antwort. Sie standen wieder draußen, wo Ilse, die kleine, sie aufgeregt erwartete.

»Na, bestanden? Bist du in die dritte Klasse aufgenommen?«

Ilse, die große, schüttelte stumm den Kopf. Sie schämte sich vor der jüngeren Kusine ihrer Unwissenheit.

»Hab' ich mir gleich gedacht«, entfuhr es Ilse nicht gerade feinfühlend.

»Nun, Illa wird sich schon in die neuen Anforderungen hineinarbeiten.« Frau Klein verstand es stets, den Ausgleich wiederherzustellen. »Mir ist es ganz lieb, daß sie noch einmal das Pensum der vierten Klasse durchmacht. Da kommt sie gleich in deinen Freundinnenkreis hinein, und ihr könnt euch gegenseitig zur Seite sein.«

Das Töchterchen warf den Blondkopf zurück und lachte ziemlich geringschätzig. »Ich brauche Illas Hilfe nicht – ich bin ja bisher ohne dieselbe fertig geworden.«

»Weil du einen offenen Kopf hast und leicht auffaßt. Das ist nicht dein Verdienst, Kind. Du könntest damit die Erste in der Klasse sein, wenn deine Unachtsamkeit und Unordentlichkeit nicht alles wieder verdürbe. Gerade diesen bei einem jungen Mädchen so häßlichen Fehler abzulegen, wird dir Illa gewiß gern helfen.«

Ilschen zog ein schief Gesicht. Daß Mutter ihre Unordentlichkeit tadelte, war nichts Neues und machte eigentlich gar nicht mehr besonderen Eindruck auf sie; aber daß die Kusine, die nicht mal in die dritte Klasse aufgenommen worden war, ihr beim Ablegen ihres Fehlers behilflich sein sollte, fand sie demütigend. Sie konnte es sich nicht mehr vorstellen, daß sie noch vor wenigen Tagen den lebhaften Wunsch gehabt hatte, die neue Kusine möge in ihre Klasse eingereiht werden. Geradezu peinlich empfand sie es jetzt.

Die Freundinnen waren bereits ohne sie heimgegangen. Das war im Grunde genommen angenehm. Sie lernten die Illa noch früh genug kennen. Morgen gab es Osterzensuren, da war gleichzeitig Schulschluß. Dann kamen die Ferien, und bis das neue Semester wieder begann, hatte sie die Illa hoffentlich schon ein bißchen aufgerüttelt, daß sie den Freundinnen nicht gar zu kleinstädtisch befangen gegenübertrat.

Die Osterzensur entsprach nicht ganz Ilses Erwartungen. Die Prädikate in den Leistungen waren zwar zufriedenstellend; aber in Aufmerksamkeit hatte sie nur genügend, in Handarbeit und in Haltung der Hefte: Noch nicht völlig genügend.

»Au weh – zu Hause setzt es sicher eine Standpauke«, meinte Ilschen etwas gedrückt zu ihrer Freundin Anni.

»Bei der feinen Zensur?« Für Anni waren die Erfolge in den wissenschaftlichen Fächern die Hauptsache.

Aber nicht für Ilses Eltern. »Aufmerksam kann jedes Kind sein, auch ein unbegabtes«, sagte Herr Klein stirnrunzelnd, als er das Zeugnis durchlas. »Ein Mensch, der seine Gedanken nicht fest auf seine Pflicht richtet, wird niemals fürs Leben brauchbar werden. Dir fehlt noch der notwendige Ernst, mein Kind.«

Die Mutter aber hielt es für eine Schmach, daß die Sauberkeit bei einem Mädchen zu wünschen übrig ließ. »Du könntest ganz nette Handarbeiten machen, nur Ausdauer, Eigenheit und Akkuratesse fehlen. An der Geschicklichkeit liegt es nicht.«

»Die Sauberkeit gereicht dem Tier,
Dem Schwein besonders noch zur Zier«,

begann Rolf, der auch gerade kein Glanzzeugnis heimgebracht, die Schwester poetisch aufzuziehen.

Ilses Schleusen kamen in Bewegung. Aber noch hielt sie die Tränen zurück. Nicht weinen vor der neuen Kusine – nein!

Da erklang plötzlich Klein-Heinis Kinderstimmchen hell in das Klappern der Messer und Gabeln hinein: »Du, unse Ilse, zeig' mal behaupt deine Hände – pfui, sind die doll schmutzig, wie beim Struwwelpeter.« Heini hatte kaum zu Ende gesprochen, da machte sein Bäckchen auch schon nähere Bekanntschaft mit einer der geschmähten Hände der Schwester. Sie erschrak selbst, so laut knallte die Backpfeife durch die Stille.

Heini brüllte aus Leibeskräften. Rolf rief ärgerlich: »Aber Ilse!« Denn das kleine Brüderchen wurde von den Großen verhätschelt, nur ganz selten setzte es mal etwas. Illa sah mit erschreckten Augen von der Kusine zur Tante, was die wohl für ein Gesicht dazu machte.

Die Mutter blickte strafend zu dem temperamentvollen Töchterchen hinüber. Sie sprach nicht, denn Vater ergriff bereits stirnrunzelnd das Wort: »Du sollst das Kind nicht schlagen, Ilse. Schlagen ist roh. Wie kannst du dich erdreisten, Heini zu züchtigen, noch dazu in unserer Gegenwart.« Selten hatte Ilse den Vater so ärgerlich gesehen.

»Na, wenn ihr ihm alles durchgehen laßt, weil er das Nesthäkchen ist, und wenn er Strafe verdient hat«, versuchte Ilse sich zu verteidigen, während ihre Schleusen jetzt, aller Kraftanstrengung zum Trotz, nicht mehr standhielten. Die salzige Flut entströmte bereits den Augen.

»Wer Strafe verdient hat, weiß ich. Gehe in dein Zimmer und wasche dir die Hände, Ilse. Schäme dich, so unappetitlich zu Tische zu kommen«, sagte die Mutter vorwurfsvoll.

»Ich will überhaupt nicht mehr essen – ich habe gar keinen Hunger mehr! Immer ist das Goldsöhnchen im Recht, und ich bin natürlich wieder der Sündenbock!« rief's, und raus war sie, die kleine Wütende.

»Ein ganz ungezogenes Mädchen – wir werden die Ilse doch etwas strenger nehmen müssen.« Dem Vater war die knappe Erholungszeit in seinem anstrengenden Beruf gründlich verdorben.

»Soll ich Ilse nicht wiederholen?« Rolf erhob sich. Wenn sie sich auch beide öfters kabbelten, er und die Schwester, lieb hatten sie sich beide trotz alledem. Und wenn der eine Strafe erhielt, traf dieselbe den anderen mit. Und heute besonders, wo es Kartoffelpuffer mit Apfelmus gab, durfte Ilse doch unmöglich fehlen.

»Bleib' hier«, befahl da aber der Vater. »Wenn Ilse noch obendrein trotzig ist und nicht von selbst wieder hereinkommt, mag sie eben leer ausgehen.«

Ilse war trotzig und erschien nicht. Die saß drin in dem gemeinsamen Ilsenstübchen und weinte herzbrechend. Sie weinte darüber, daß sie das Brüderchen verhauen hatte und den Eltern die Mahlzeit dadurch verdorben. Denn sobald die Zornwelle verrauschte, war sie wieder das herzensgute Kind, dem sein häßliches Benehmen am meisten leid tat. Sie weinte, daß keiner sie holen kam, wo es doch gerade ihr Leibgericht Kartoffelpuffer gab. Vielleicht hätte sie sich sogar selbst überwunden und sich mit sauber gewaschenen Händen wieder bei Tisch eingestellt, wenn – ja wenn die Illa Große nicht dabei gewesen wäre. Ja, darüber weinte Ilse eigentlich am meisten, daß sie sich vor der neuen Kusine so ungezogen benommen hatte. Aber merkwürdigerweise war sie nicht auf sich ärgerlich, sondern auf die andere Ilse, daß diese Zeugin ihrer Schmach geworden war.

Im Eßzimmer wollten die Kartoffelpuffer gar nicht so gut munden wie sonst. Dabei hatte Minna sie so schön knusperig gebacken. Der Vater, von dem Ilse ihr Temperament geerbt hatte, bedauerte insgeheim, daß er Rolf verboten hatte, sie zu holen. Denn wenn er auch all seine Kinder gleich lieb hatte, als einziges Mädel hatte sie mit ihrem heiteren Wesen noch ganz besonders bei ihm einen Stein im Brett.

Die Mutter war unzufrieden, daß Ilse keine ordentliche Mahlzeit zu sich nahm. Das Mädel war nicht die Allerkräftigste. Einer Mutter schmeckt auch das Beste nicht, wenn ihr Kind leer ausgeht.

Aber sonderbarerweise ging es dem Rolf nicht viel anders. Er würgte an den guten Kartoffelpuffern, von denen er sonst nicht genug bekam.

Die große Illa hatte zum ersten Male ein unbehagliches Gefühl im Hause der Verwandten, in dem es bisher so harmonisch zuging. So sehr Ilses Heftigkeit sie erschreckt, so empfand sie doch warmes Mitgefühl mit der Kusine. Denn sie hatte dieselbe während der wenigen Tage schon von Herzen lieb gewonnen, ohne daß sie das in ihrer stillen Art zum Ausdruck bringen konnte. Wie gern hätte auch sie auf die Kartoffelpuffer verzichtet und Ilse getröstet.

Klein-Heini, die eigentliche Ursache zu der Disharmonie, war eigentlich der einzige, der es sich uneingeschränkt schmecken ließ. Ja er äußerte sogar brüderlich: »Wenn die unse Ilse keine Toffelpüffe kriegt, kann Heini noch doll viel essen.«

Als die unerquickliche Mahlzeit beendet, waren sie alle wie erlöst. Illa wünschte gesegnete Mahlzeit und wollte aus dem Zimmer. Aber die Tante hielt sie zurück.

»Ei, Illa, du hast doch sonst immer mit der Ilse gemeinsam den Tisch abgeräumt, willst du mich heute auch im Stiche lassen?« fragte sie lächelnd.

Illa schüttelte errötend den Kopf und holte das Versäumte nach. Aber Freude machte es ihr nicht ein bißchen. Und dabei hatte sie sich doch in Gemeinschaft mit der Kusine so gern im Hause betätigt.

»Illa, du schläfst ja dabei ein, ein bißchen fixer. Ein junges Mädchen muß nicht wie eine Großmutter schleichen und hantieren«, scherzte die Tante mit leisem Tadel. Der Gegensatz zwischen den beiden Ilsen war Frau Klein noch nie so stark vor Augen getreten. »Magst du Heini ins Bettchen legen? Das ist sonst das Amt unserer Ilse.«

Aber Heini wollte nicht von der »ollen neuen Ilse« ins Bett gebracht werden. »Die unse soll kommen«, weinte er, denn er war bereits übermüdet. Rolf sprang als guter Bruder ein und spedierte den Kleinen ins Bett, denn nach dem Mittagessen half die Mutter dem Vater in seiner Tätigkeit. Sie nahm Stenogramme auf und schrieb sie dann später mit der Schreibmaschine ab.

Die kleine Ilse hatte das verweinte Gesicht in ein Buch vergraben und blickte nicht auf, als die große das Zimmer betrat. Ja sie empfand es sogar als peinliche, taktlose Störung in ihrem Kummer und Hunger. Denn auch dieser stellte sich allmählich quälend ein.

Illa blieb unschlüssig stehen. Ihre Schüchternheit hinderte sie daran, wie sie es gern getan hätte, den Arm um die Betrübte zu legen und ihr ein liebes Wort zu sagen. Sollte sie? Würde Ilse sie auch nicht zurückweisen?

»Na, was stehst du denn und hältst Maulaffen feil?« legte da plötzlich Ilse, die Illas stumme Blicke unbehaglich empfand, gereizt los. »Ich bin doch kein Wundertier auf dem Jahrmarkt, das man mit Kleinstadtneugier betrachtet.« Plötzlich schlug ihre ärgerliche Stimmung in das Gegenteil um. Sie lachte wieder. »Allmächtige Schokolade – was machst du für erschreckte Augen! Es ist ja nicht so schlimm gemeint«, setzte sie als halbe Entschuldigung hinzu. Denn es fiel ihr ein, daß die Mutter es ihr ans Herz gelegt hatte, freundlich und lieb mit der neuen Ilse zu sein, um dieser das Einleben in der Fremde zu erleichtern. »Natürlich, wir wollen doch Schwestern sein«, hatte Ilse damals der Mutter geantwortet. Hatte sie sich augenblicklich schwesterlich gegen die Kusine gezeigt?

Es ist keinem Menschen angenehm, wenn er Grund hat, mit sich selbst unzufrieden zu sein. Mancher verschlimmert die Sache dadurch noch, daß er seinen Groll auf irgendeine unschuldige Ursache abwälzt. Ilse, die kleine, schielte unbehaglich auf Ilse, die große, die sich an das Schreibpult gesetzt hatte und Briefbogen und Feder zurechtlegte, wohl aus einer Empfindung der Vereinsamung heraus, sich wenigstens brieflich ihren Lieben daheim nahe zu fühlen.

»Jetzt willst du mich wohl gleich bei deinen Eltern verklatschen?« fragte Ilse herausfordernd.

Die Kusine zuckte zusammen. »Ei wo, das tu' ich janz jewiß nicht«, sagte sie leise. »Ich – hab' dich doch schon jern.«

Ilse, die noch eben innerlich ihre Glossen über den ostpreußischen Dialekt machen wollte, empfand es beschämend, daß die Kusine viel besser zu ihr war, als umgekehrt. »Ich hab' dich ja auch schon lieb gewonnen, Illa«, sagte sie, allerdings mit etwas Selbstüberwindung. Aber dann kam ihre herzliche Art zum Durchbruch. »Ich habe mich so auf dich gefreut, du solltest meine Schwester sein, und nun – nun wollen wir uns auch unser Zusammenleben nicht verderben. Du bist mir doch nicht mehr böse, nicht wahr?« Sie schlang die Arme um die Sitzende.

»Ei wo, wie werd' ich!« Illa wies diesen Gedanken weit von sich und streichelte liebevoll Ilses noch immer nicht einwandfreie Hand.

In diesem weihevollen Moment beglückender Schwesterschaft erklang plötzlich ein lautes Knurren – Ilses Magen, der jetzt energisch sein Recht verlangte.

»O Gott, ich sterbe vor Hunger«, seufzte Ilse.

»Achottchen, Ilse« – zum erstenmal lachte die Kusine jung und hell –, »warum holst dir denn da nicht was? Es sind noch jenug Kartoffelkuchen übrigjeblieben. Bitt' doch die Mutter –.«

»Verbietet mir mein Stolz, wo ich vor kurzem noch großartig mitgeteilt habe, daß ich absolut keinen Hunger habe. Ich werde mir von Minna Stullen schneiden lassen.«

Als Ilse mit einem großen Teller Brote wieder erschien, hatte Illa inzwischen aus ihrer schön geordneten Schublade Schokolade und Äpfel hervorgeholt. »Da, das ist noch aus Ortelsburg.«

»Nein, Illa, was dir deine Mutter mitgegeben hat, ist für dich bestimmt.« – Es war ein schwerer Kampf für Ilse, auf die guten Sachen zu verzichten.

»Ich denk', wir sind Schwestern, dann missen wir doch teilen«, sagte Illa mit schlichter Selbstverständlichkeit.

Nichts hätte Ilse ihr eigenes unschwesterliches Verhalten gegen die Kusine mehr zum Bewußtsein bringen können als diese Worte. Ja, von nun an wollten sie wirklich Schwestern sein – also griff sie zu.

Aber Illa zog das Papier mit den Leckereien zurück. »Sei nicht böse, Ilse, aber« – sie errötete –, »aber wasch dir doch bitte erst deine Hände.«

»Das geht dich gar nichts an«, fuhr die temperamentvolle Ilse, die deutlich empfand, daß Illa vollständig recht hatte mit ihrem Verlangen, sie an. »Das sind meine Hände, und hier ist überhaupt mein Zimmer. Und wenn dir's nicht paßt –« Nein, weiter kam die Ilse doch nicht mit ihren häßlichen Worten. Die Zornwelle, die sie überrumpelt, war schon wieder abgeebbt. Stumm machte sie sich an das Vertilgen ihrer Brote und würdigte Illa und ihre guten Sachen keines Blickes mehr.

Die hatte sich wieder an ihren Brief gesetzt. Aber es wurde nicht viel aus dem Schreiben. Tränen verdunkelten ihren Blick.

Auch Ilse wußte nichts Rechtes mit sich anzufangen. Schularbeiten gab's nicht zu erledigen, da Ferien waren. Wie schön hätte sie mit der Illa einen Spaziergang machen und ihr den Tiergarten, den Stolz der Berliner, zeigen können. Aber wenn die auch so war –. Ja, hatte sie denn eigentlich nicht recht gehabt mit dem Händewaschen? Natürlich, aber das war doch nicht Illas Sache. Eine Schwester war doch keine Gouvernante. Bevormunden ließ sie sich nicht, noch dazu von einer, die noch nicht mal die Reife für die dritte Klasse hatte.

Draußen klingelte es. Man hörte eine helle Mädchenstimme. Ilse zuckte zusammen. Anni Rotter – sicher hatte der die Neugier auf die Ortelsburger Kusine keine Ruhe gelassen.

Einesteils empfand Ilse den Besuch als eine Erlösung, aber anderenteils – gerade jetzt, wo sie sich verknurrt hatten! Anni Rotter steckte bereits den dunklen Kopf zur Tür herein.

»Tag, Ilse. Ich wollte mal fragen, ob du mit spazierengehen darfst. Es ist herrliches Wetter draußen. Ach, das ist wohl deine neue Kusine –.« Während Anni Ilse begrüßte, blickte sie mit unverhohlener Neugier auf die Schreibende.

Die hätte am liebsten den Kopf nicht von ihrem Brief gehoben. Aber das wäre unhöflich gewesen. Sie mußte den Besuch, der so bewunderungswürdig sicher auftrat, unbedingt anschauen.

Wie traurig die Augen der jungen Ostpreußin blickten – Anni Rotter in ihrer strahlenden Heiterkeit fühlte sich ordentlich dadurch beschwert. »Guten Tag«, sagte sie und reichte dem fremden Mädchen die Hand, denn sie wußte, was sich gehörte.

»Tagchen«, sagte Illa verlegen und beugte unter dem forschenden Blick aufs neue den Kopf über ihr Schriftstück. Aber sogleich hob sie ihn wieder erschreckt. Helles Mädchenlachen erschallte, zweistimmig, nicht endenwollend, sich immer gegenseitig wieder ansteckend.

Galt das ihr? Sicher, man lachte sie aus. Weshalb, wußte Illa nicht. Denn daß ihre ostpreußische Begrüßung »Tagchen« die Lachgeister der beiden entfesselt hatte, ahnte sie nicht. Gewiß verlachte man sie ihres linkischen Wesens wegen. Aber daß auch Ilse, die ihr noch vor kurzem Schwesterschaft angeboten, mit einstimmte, empfand sie bitter.

Ilse schien über das Lachen und den Besuch der Freundin die Spannung von vornherein ganz vergessen zu haben. »Achottchen, nein, bist du komisch, Illa.« Ungeniert ahmte sie den Dialekt der Kusine nach, was natürlich eine neue Lachsalve bei Anni auslöste.

Illa drückte die Fingernägel in die Handflächen, daß es sie schmerzte. Sie sah nichts mehr vor dem Tränenschleier, der sich von Sekunde zu Sekunde verdichtete.

Ilse hatte sich inzwischen von ihrer Heiterkeit erholt. Illas verlegenes Wesen war doch zu kleinstädtisch unbeholfen. Wie würde Anni mit den anderen Freundinnen ihre Glossen darüber machen, wenn sie schon hier so lachte. Wirklich peinlich!

»Ich werde Muttchen fragen, ob ich mitgehen darf.« Es war entschieden richtiger, dem Zusammensein möglichst bald ein Ende zu bereiten. Sie eilte aus dem Zimmer. Vergessen hatte sie vollständig, daß sie mittags von Tisch gelaufen war.

»Mutti – Muttchen – wo bist du denn? Mutti, die Anni Rotter ist da, ob ich mit ihr spazierengehen darf. Es ist so schönes Wetter und –.« Ilse verstummte plötzlich. Mutters Augen sahen sie gar zu merkwürdig an. Ihr Vergehen ward Ilse plötzlich wieder bewußt. »Ach, Muttichen, hab' mich doch wieder lieb!« Ebenso ungestüm wie in ihrer Heftigkeit war die Ilse auch in ihren Liebesbezeigungen. Fest schmiegte sie das Gesicht an Mutters Schulter, um den ernsten Blicken nicht mehr zu begegnen.

»Ja, Ilse, war das nun nötig, daß du uns und dir die heutige Mahlzeit derart verdorben hast?« fragte die Mutter noch immer ernst. Aber halb hatte Ilses zärtliches Wesen sie schon wieder begütigt.

»Ach, Muttichen, die größte Dämlichkeit war es von mir, noch dazu, wo es die feinen Kartoffelpuffer gab. Ich laufe ganz bestimmt nicht wieder von Tisch, höchstens, wenn es mal – Kohlrüben gibt.« Denn die mochte sie nicht.

Die Mutter mußte sich Mühe geben, um nicht über Ilses drollige Art zu lachen. Das Töchterchen hatte schon wieder gewonnenes Spiel. »Na, dann geht nur. Die Illa muß auch bei dem schönen Frühlingswetter an die Luft. Nehmt auch den Heini mit –.«

»Was – mit solchem langen Schwanz? Anni Rotter will doch mit mir spazierengehen –.« Ilse verstummte wohlweislich. Denn sie las in Mutters Augen deutlich, daß es um den Spaziergang wackelig zu stehen begann. »Also meinetwegen.« Ilse fühlte eine unsichtbare Märtyrerkrone auf ihrem Blondkopf, als sie Heini, der sein Zerwürfnis mit der Schwester vollständig verschlafen hatte, für den Ausgang zurecht machte.

»Illa, wir gehen spazieren – willst du mitkommen?« Sehr einladend klang Ilses Aufforderung nicht. Sie hoffte immer noch auf die Möglichkeit, daß die Kusine in Anbetracht ihres Streites darauf verzichtete.

Ilse Große war nicht nachtragend. Erfreut ergriff sie die Gelegenheit zur Aussöhnung. Wenn sie auch viel lieber ohne die fremde Freundin, die so spöttisch auf sie blickte, spazierengegangen wäre.

»Jern, wenn's anjenehm ist«, sagte sie bescheiden.

Angenehm – nun, das konnte man gerade nicht behaupten. Anni Rotter machte ein unzufriedenes Gesicht, und auch Ilse sah nicht sehr erbaut aus. Als die Freundin sich auf der Straße wie stets in ihren Arm einhängte – an der anderen Hand führte Ilse das Brüderchen –, da ließ sie die Kusine, ohne weiter Notiz von ihr zu nehmen, nebenher schlendern. Und da man in einer belebten Straße nicht gut zu vieren in einer Reihe gehen kann, mußte Ilse Große meistens hinterhertraben.

Anni erzählte allerlei Schulgeschichten, die für das fremde Mädchen kein Interesse hatten, da sie die Betreffenden nicht kannte. Nun wäre es ja an Ilse gewesen, vermittelnd einzugreifen und ein allgemein interessierendes Gespräch, an dem auch die Kusine teilnehmen konnte, zu beginnen. Aber das verlohnte sich doch wirklich nicht der Mühe. Die Ortelsburger Illa tat ja doch nicht den Mund auf. Ilse fühlte ihr Gewissen, das sie ab und an zwickte, sich der Kusine zu widmen, genügend dadurch entlastet, daß sie ihr hin und wieder einen Brocken zuwarf: »Das hier ist unser Brandenburger Tor,« – »nun sind wir im Tiergarten,« – »jetzt kommt bald der Goldfischteich,« – nein, wirklich, mehr konnte man nicht von ihr verlangen. Auch als Heini auf den Parkwegen, wo kein Wagen drohte, umherspringen durfte, dachte Ilse nicht daran, der Kusine ihren freien Arm anzubieten. Das heißt, sie dachte schon daran, aber sie tat es nicht. Wer konnte wissen, wie Anni Rotter das aufnahm. Na, und schließlich hätte ja die Illa auch von selbst einhaken können. Wenn sie so »doof« war und sich nicht traute, dann konnte sie eben allein gehen.

Der kleine Heini mußte wohl trotz seiner Kinderharmlosigkeit die Zurücksetzung empfinden, die der fremden Kusine geschah. »Du – olle neue Ilse, warste unartig?« fragte er, da sie so stumm nebenherschritt. Illa schüttelte den Kopf und versuchte zu lächeln. Aber die Kehle wurde ihr dabei eng. »Du darfst von mir angefaßt werden«, sagte er großmütig und reichte ihr sein kleines Händchen hin. Ilse Große klammerte sich daran wie ein Ertrinkender. Die drollige, muntere Unterhaltung ihres kleinen Kavaliers ließ sie für Augenblicke vergessen, daß die Kusine sich nicht um sie kümmerte, daß Anni Rotter mit spöttischen Augen auf sie blickte. Ja, sie lachte sogar, als Heini eine Schnur aus der Tasche zog und sich durchaus »ein Goldfißchen« aus dem Goldfischteich angeln wollte. Dabei ward ihr die eingepreßte Kehle wieder weit und das Herz frei.

Auch Ilse Klein fühlte sich erleichtert, als sie Illas Lachen vernahm, denn sie empfand ihr Unrecht, trotzdem sie dasselbe bemäntelte. Die beiden schienen sich ja recht gut miteinander zu belustigen. Um so besser, so schlug man zwei Fliegen mit einer Klappe. Daß der Kleine bald wieder seine Kavalierspflichten vergaß und bald hierhin, bald dorthin sprang, – schien Ilse Klein nicht zu bemerken. Die Anni erzählte auch gerade zu Ulkiges von Trude Berg. Nein, das hatte wirklich kein Interesse für die Kusine.

»Nun, war's schön, habt ihr euch gut miteinander unterhalten?« fragte die Mutter die heimkehrenden Kinder. Die kleine Ilse bejahte eifrig. Sie hatte sich ganz vorzüglich unterhalten, wenn auch nicht mit der Illa, sondern mit der Anni. Die große Ilse schwieg, um keine Unwahrheit zu sagen. Aber das fiel nicht weiter auf, da sie ja auch sonst kaum redete.

Wie es auf dem ersten Spaziergang gewesen, so ging es weiter, auch später in der Schule. Ilse Große blieb einsam inmitten der fröhlichen Gemeinschaft. Ihre schüchterne, abwartende Art ließ sie nicht unaufgefordert teilnehmen an munterer Unterhaltung, Spielen und Verabredungen außerhalb der Schulzeit. Nachdem die ausgelassenen jungen Dinger lange genug heimlich ihre Glossen über die linkische Art und über den breiten Dialekt der Neuen gemacht, verlor man das Interesse für sie. Man ließ sie laufen. Die große Ilse hielt sich in ihrer Vereinsamung natürlich an die kleine Ilse, die meistens den Mittelpunkt des fröhlichen Kreises bildete. Aber die empfand die Zugehörigkeit der Ortelsburger Kusine zu ihr wie ein Zentnergewicht, das sie allenthalben mitschleppen mußte. Erlaubte ihr doch die Mutter keine Verabredung, keine Zerstreuung, ohne daß auch Ilse Große daran teilnahm. Wie leicht wäre es für Ilse Klein gewesen, der Kusine eine andere Stellung in der Klasse zu schaffen, indem sie den Freundinnen mit gutem Beispiel voranging, die Neue zu sich heranzuziehen. Statt dessen machte sie mit ihnen gemeinsame Sache gegen die Kusine, beteiligte sich an den heimlichen Spötteleien, schnitt eine Grimasse, wenn Illa sich zu ihr gesellte, ja schämte sich sogar ihrer.

Bei den Lehrern und Lehrerinnen hatte Ilse Große bald einen Stein im Brett. Nicht etwa, daß sie gerade besonders begabt gewesen wäre. Ilse Klein war entschieden begabter als sie. Aber ihr bescheidenes, aufmerksames Wesen, ihre geordnete Pflichttreue erwarben sich die Anerkennung der Lehrer. Ja, es kam sogar vor, daß die große Ilse der kleinen als Beispiel in bezug auf Ordnung und Sauberkeit der Hefte vorgehalten wurde. Das war äußerst peinlich, wo man sie doch sonst mit den Kenntnissen stets in den Schatten stellte.

Zu Hause ging es ähnlich. Ihre freundliche, bereitwillige Art gewann der Illa alsbald die Zuneigung der Verwandten. Es machte ihr Freude, der vielbeschäftigten Tante im Haushalt zu helfen, dem Onkel dienstbeflissen Aschbecher und Zeitung zu bringen. Ja, selbst Rolf gewöhnte sich daran, sich mit abgerissenen Knöpfen vertrauensvoll an die Kusine zu wenden. Denn bis die Schwester Fingerhut und Nadel fand, das dauerte eine Ewigkeit. Auch hatten die Knöpfe, die Ilse, die kleine, annähte, die tadelnswerte Eigenschaft, alsbald wieder Reißaus zu nehmen. Rolf war zu der Erkenntnis gekommen, daß die Ortelsburger Kusine ein »ganz brauchbares Frauenzimmer« sei. Heini allerdings nannte sie nach wie vor »die olle neue Ilse«. Seine Sympathie für sie war nicht allzu groß. Das kam daher, daß die Kusine, wenn sie ihn mal beaufsichtigte, keine Dummheiten mit ihm machte, daß sie verlangte, er solle seine Spielsachen aufräumen und seine reine Schürze nicht beschmutzen. Auf solche kleinen Äußerlichkeiten hatte Schwester Ilse niemals Wert gelegt. Darum meinte Klein-Heini auch ganz unverblümt: »Die unse Ilse hab' ich viel mehr lieb«.

»Umgang färbt ab«, pflegt man zu sagen. Bei all ihrer Liederlichkeit konnte sich Ilse doch nicht dem günstigen Einfluß, den das Zusammenhausen mit der pedantisch ordentlichen Illa auf sie ausübte, ganz entziehen. Das Ilsenstübchen sah jetzt immer nett und aufgeräumt aus, wenn Ilse auch ihre Sachen noch so herumwarf. Illas ordnende Hand war stets in Bereitschaft. »Himmel, die Gouvernante ist schon wieder hinter mir her«, beschwerte sich Ilse lachend. Aber eigentlich fand sie das Walten der Kusine doch recht angenehm. Es setzte lange nicht so viele Rügen von der Mutter, überall, wo die huschlige Ilse etwas versäumt hatte, hatte Illa helfend eingegriffen und den Fehler in Ordnung gebracht, ohne viel Aufhebens davon zu machen.

»Du bist mein gutes Heinzelmännchen«, sagte Ilse oft scherzhaft, aber die Dankbarkeit klang doch durch. Dann errötete Illa vor Freude. Ach, sie wollte ja nichts anderes, als daß die Kusine sie ebenso lieb haben sollte, wie es umgekehrt der Fall war. Die rührende Bereitwilligkeit und Anhänglichkeit Illas konnte auch auf Ilse nicht wirkungslos bleiben. Sie hatte ja ein warmes, empfängliches Herz. Wie oft nahm sie sich vor, Illa ihre liebevolle Fürsorge zu vergelten und auch in der Schule und im Freundinnenkreise nett mit ihr zu sein. Aber sobald eine die Nase über Illa rümpfte, sobald man sie »mopsig« fand, waren alle guten Vorsätze vergessen.

Illa litt unter dieser Ungleichheit der Kusine. Hatte sie heute noch glückstrahlend geglaubt, sich Ilses Zuneigung errungen zu haben, so fühlte sie sich morgen wieder zurückgesetzt, ausgestoßen. Das machte sie noch scheuer und stiller, als sie es sonst vielleicht gewesen wäre.

Tage und Monate vergingen. Aprillaunen wichen dem Mailüftel, Junirosen verblühten. Ilse Klein hatte nach vielem Betteln die Erlaubnis von den Eltern bekommen, mit ihren Schulfreundinnen Tennis zu erlernen. Es war selbstverständlich, daß auch Illa daran teilnahm, trotzdem die Freundinnen über Ilses »Inseparable« ein schiefes Gesicht zogen. Der Tennisnachmittag wurde alsbald der wichtigste und schönste Tag in der Woche. Man schlug die Bälle begeistert und bald auch ganz kunstgerecht. Lachen und helle Mädchenstimmen mischten sich mit Schwalbengezwitscher in blauer Luft.

Nur für eine war der Tennismittwoch eine neue Quelle von Bitterkeit. Ilse Große hatte bisher nicht viel Sport getrieben und stellte sich nicht besonders geschickt an. Sie war etwas vierschrötig gebaut und in ihren Bewegungen, im Gegensatz zu der zierlichen Kusine, nicht schnell und elastisch. So kam es, daß sie stets mit ihrem Schläger in die Luft schlug, während der Ball ganz wo anders hinsprang. Natürlich wurde sie wieder weidlich ausgelacht. »Ilse Große fängt Fliegen«, spottete die ausgelassene Schar. Aber als man selbst Fortschritte in der Tenniskunst machte, wollte keine mehr Ilse Große als Partnerin haben. Auch Ilse Klein, die doch vor allem die Verpflichtung dazu gehabt hätte, drückte sich, wo sie nur konnte, von der Spielgemeinschaft mit Illa. »Den schwarzen Peter« nannte man sie heimlich und stieß sich lachend an, wenn eine »den schwarzen Peter« als Partnerin erwischt hatte. Ilse Große blieb dieser Spottname natürlich so wenig verborgen wie das Gekicher und Geflüster der die Köpfe zusammensteckenden Mädel. Aber als Ilse Klein eines Tages in ihrem Spieleifer unüberlegt meinte: »Ich will den schwarzen Peter auch nicht jedesmal aufgebuckelt bekommen, jetzt kann ihn mal eine andere nehmen«, da hatte Ilse Große still ihre Sachen zusammengepackt. Sie war mit brennenden Augen und wehem Herzen heimgegangen, fest entschlossen, an den Tennisnachmittagen künftig nicht mehr teilzunehmen.

Ilse Klein hatte ein arg böses Gewissen, als sie die Kusine davongehen sah. Sie wollte ihr nachlaufen und sie zurückholen, aber Scham vor den Freundinnen hielt sie davon ab. Ilses Herz tat plötzlich nicht weniger weh, als das der Kusine, die sie gekränkt hatte.

»Na, den schwarzen Peter sind wir glücklich los – sei froh!« sagte Anni Rotter lachend zu Ilse.

»Du bist schuld, daß sie davongelaufen ist, du ganz allein. Du hast den Namen ›schwarzer Peter‹ aufgebracht – fuhr Ilse im Gefühl des eigenen Unrechtes die Freundin an.

»Was, ich?« Anni Rotter war auch kein sanftes Lämmchen. »Was – wer hat denn den Namen ›schwarzer Peter‹ so laut austrompetet, daß sie es hören mußte? Wer wollte sie denn nicht immer aufgebuckelt haben – wie? Das wäre ja noch schöner, mir jetzt die Schuld in die Schuhe zu schieben –.«

»Hast du auch, die ganze Schuld hast du! Keine andere hat sich von Anfang an so über sie mokiert wie du und Glossen über sie gemacht. Du hast all die Mädel gegen sie eingenommen und bist schuld daran, daß ich nicht so nett mit ihr war, wie es sich gehört«, sprudelte Ilse ihre arge Gewissensnot heraus.

»Koch' ihn dir doch sauer, deinen ›schwarzen Peter‹. Ich spiele lieber Tennis.« Anni schleuderte den Ball so wütend, als ob sie damit alle Vorwürfe von sich abwälzen könnte. Ilse aber war die Freude am Spiel gründlich versalzen. Sie sah die Bälle nur undeutlich, weil Tränen ihre Blicke trübten, so daß sie heute nicht besser spielte als die, die man verlacht hatte. Als es heimwärts ging, waren die beiden Busenfreundinnen miteinander »schuß für alle Ewigkeit«.

O je, wie das Ilse das Herz bedrückte! Aber nicht weniger der voraussichtliche Empfang, der zu Hause ihrer harrte. Sicher hatte Illa sie verklatscht. Was würde die Mutter nur dazu sagen? Ilse begriff es jetzt selbst nicht, daß sie so schlecht zu Illa, die ihr stets nur Liebes tat, hatte sein können.

Mit bösem Gewissen betrat Ilse das Wohnzimmer.

»Na, war's schön, mein Mädel?« Liebevoll klang die Stimme der Mutter ihr entgegen.

»Nein, es war heute gar nicht so schön wie sonst«, sagte Ilse kleinlaut, der Wahrheit gemäß. Sie wußte nicht recht, was sie von dem Empfang denken sollte.

»Sicher, weil deine Namensschwester Kopfschmerzen hatte. Das hat dir aus Sympathie für sie gewiß auch die Freude verdorben«, meinte die Mutter.

O Gott, wenn Muttchen wüßte! Ilse verließ eilends das Zimmer, um sich nicht zu verraten. Also hatte die Illa doch nicht geklatscht. Natürlich – sie war tausendmal besser als sie selbst.

Ein scheuer Blick streifte die Stubengenossin, als Ilse das gemeinsame Stübchen betrat. Die hatte den dunklen Kopf über eine Handarbeit gebeugt. Sie sah nicht auf.

»Warum bist du denn fortgelaufen?« fragte Ilse ziemlich gepreßt, denn sie wußte ja die Antwort im voraus.

»Weil ich keine Last für dich sein will«, antwortete Illa und beugte den Kopf noch tiefer.

»Quatsch« – sagte Ilse, trotzdem die Kusine den Nagel auf den Kopf getroffen hatte. »Wie kannst du bloß gleich beleidigt sein und keinen Spaß verstehen!«

Da hob Illa den Kopf. Ihre Augen sahen verweint aus. »Das war janz jewiß kein Spaß – das war Ernst!« sagte sie bestimmt. »Achott, ich kann es euch ja auch jar nicht verdenken, daß ihr nicht mit mir spielen wollt, wo ich mich so unjeschickt dabei anstell'. Ich werd' ja auch jar nicht mehr mitjehen. Ich hab' selbst keine Freude daran und verderb' sie euch noch obendrein.« Das war so ganz Illas selbstlose Art, daß sie nicht minder an das gestörte Vergnügen der anderen dachte. »Nur daß –.« Sie verstummte.

»Was – Illa?« Noch nie in ihrem zwölfjährigen Leben war sich die Ilse so schlecht vorgekommen.

»Na ja, daß du das mit dem schwarzen Peter und dem Aufbuckeln so vor all den anderen jesagt hast. Ich hätt' ja schon längst fortbleiben sollen, wo ich doch schon immer jemerkt hab', wie unanjenehm ich euch bin. Es jeschieht mir schon janz recht –.« Ein Tropfen löste sich von den gesenkten Wimpern und rollte ihr die Nase entlang.

Da war's um Ilses Fassung geschehen. Laut auf schluchzte sie, die zurückgepreßte Gewissenspein brach sich Bahn. Beide Arme schlang sie um die Sitzende.

»Nein, Illa, nein! Unrecht ist dir geschehen – tausendmal Unrecht. Ich bin so schlecht – so schlecht bin ich zu dir gewesen. Aber nun soll es anders werden, ganz gewiß. Ich weiß, daß du viel, viel besser bist als die anderen. Vergiß, was ich Häßliches gesagt habe, Illa, und verzeih mir, ja?« Ilses Augen hingen in flehentlicher Bitte an dem blassen Gesicht der anderen.

»Ich will schon versuchen, nicht mehr dran zu denken. Ei ja, wenn's nur jehen möcht'. Versprechen kann ich's dir nicht. Und auch du sollst nichts versprechen. Denn –.« Sie stockte.

»Was, Illa?« Sonst hatte Ilse immer in geistiger Beziehung auf die Kusine herabgesehen. Heute kam sie sich jünger und dümmer Illas ruhiger Verständigkeit gegenüber vor.

»Weil du's doch nicht halten kannst, Ilse. Du möchtest schon – ei ja, ich weiß – aber es jeht doch nun mal nicht. Wenn die andern wieder über mich lachen werden, wenn Anni Rotter mich wieder ›schwarzer Peter‹ nennt –.«

»Das darf sie bestimmt nicht mehr. Ich leid's nicht. Und überhaupt – wir sind ja schuß miteinander für alle Ewigkeit«, beteuerte Ilse.

»Ja, denn –.« In den grauen Augen der Kusine glomm ein Hoffnungsfünkchen auf.

»Also bist du mir nicht mehr böse, Illa?« Die Kleine hatte ihren Vorteil sogleich erspäht.

»Ei wo!« Ein Kuß – und es war alles wieder gut.

Eine Ewigkeit dauert recht lange. Für geborstene Mädchenfreundschaft bedeutet es schon eine Ewigkeit, wenn man drei Tage lang nicht miteinander redet.

Am ersten Tage schauten sich Ilse und Anni überhaupt nicht an. Die beiden Ilsen gingen Arm in Arm und waren von Herzen froh dabei.

Am zweiten Tag begann man schon ein wenig nacheinander hinüberzuschielen, ob der andere wohl noch eine sehr abweisende Miene zur Schau trage. Aber wenn Annis und Ilses Blicke sich kreuzten, sahen beide schnell in entgegengesetzte Richtung. Illa empfand heute bereits die Unaufmerksamkeit der Kusine. Dieselbe hatte entschieden viel mehr Interesse für den lachenden Mädchenkreis, dessen Mittelpunkt ihre Feindin Anni war, als für Illas Unterhaltung über den Klassenaufsatz in der nächsten Stunde, vor dem dieser »janz jeheerig bange« war.

Am dritten Tage aber lächelte Anni schon wieder. Ilse lächelte zurück. Und dann lachten sie alle beide, daß sie so dumm gewesen waren, sich miteinander zu verzanken.

Die Ewigkeit war zu Ende.

Die beiden Kusinen gingen nicht mehr zu zweien Arm in Arm, sondern zu langer Kette untergeärmelt mit den andern. Man nahm die große Ilse ergebungsvoll mit in den Kauf, um der lustigen kleinen willen. Illa, die zu zweien ganz munter geplaudert hatte, wurde wieder schüchtern und still. »Mopsig« nannten es die Mädel. Sie vermieden es aber jetzt, ihre Glossen in Gegenwart von Ilse Klein über die Kusine zu machen, denn man wollte es mit ersterer nicht verderben.

Augenblicklich hatte man auch wirklich ganz anderes im Sinn. Die Klassenlandpartie, die alljährliche, sollte am 22. Juni stattfinden. War das eine Aufregung in der vierten Klasse. Wo geht es hin? Was zieht ihr an? Was nimmt man mit? Das waren alles Fragen von ungeheurer Wichtigkeit.

Die kleine Ilse führte mal wieder das große Wort in der Schule: »Herr Professor Reuter hat eine Dampferfahrt von Wannsee nach Potsdam vorgeschlagen. Au fein, Kinder! Da müssen wir alle Matrosenkleider anziehen. Und Rucksäcke nehmen wir mit und eine Unmenge von Stullen und doll viel Bonbons.«

»Herr Professor will mit uns auf den Pfingstberg; von dort hat man die schönste Aussicht über die Havelseen und über Potsdam«, rief eine andere.

»Aber Fräulein Böttcher kommt auch mit, sie hat's schon gesagt«, überschrie sie eine dritte.

»Ach was – da wird's tranig – wir brauchen keinen Anstandsbaubau – dann schon lieber den Säugling – ja, ja, der Säugling muß mit.« Der letzte Vorschlag fand allgemeinen Beifall. »Der Säugling« war die jüngste Lehrerin des Lyzeums. Sie hatte ein rosiges, rundes Gesicht und pflegte zum Frühstück stets ihr Milchfläschchen mitzubringen. Daher hatten die mutwilligen Mädel ihr diesen etwas merkwürdigen Beinamen angehängt. »Der Säugling« oder vielmehr Fräulein Rose erfreute sich allgemeiner Beliebtheit.

»Nur noch vier Tage, achtzehn Stunden und vierzig Minuten«, rechnete Anni Rotter, die sonst in Mathematik nicht gerade glänzte, mit bewunderungswürdiger Fixigkeit aus.

»Ei, wenn's nu aber rejnen mecht?« erklang es da im schönsten ostpreußischen Dialekt dazwischen.

»Ei wo, warum mecht's denn rejnen!« Anni Rotter, das lose Mädel, konnte sich nicht überwinden, sie mußte Ilse Große schon wieder nachäffen. Selbst auf die Gefahr hin, wieder mit der kleinen Ilse »schuß für alle Ewigkeit« zu werden.

Aber Ilse Klein dachte heute nicht daran, der Anni deshalb die Freundschaft zu kündigen. Die stimmte selbst am allerlautesten in das Lachen der andern ein. Nein – es war aber auch zu komisch. Zum erstenmal wagte Ilse Große es, den Mund bei einer allgemeinen Debatte zu öffnen, und da geschah es nur, um zu »unken«, um Regen zu prophezeien. Nun, dafür war sie eben der schwarze Peter.

Ilse Große hatte sich erschreckt auf die Lippen gebissen, daß sie es gewagt hatte, in dem lebhaften Kreise eine eigene Meinung zu äußern, und daß diese eine derartige Heiterkeit auslöste. Sie blickte hilfesuchend zur Kusine – die lachte, lachte.

»Illa, Rolf kann dich zu seinem Laubfrosch ins Aquarium sperren –, du machst demselben entschieden als Wetterprophet Konkurrenz.« Wieder erfolgte eine allgemeine Lachsalve, die zum Glück für Illa durch Fräulein Böttchers Eintritt unterbrochen wurde.

Viel Aufmerksamkeit war bis zum Schulausflug nicht mehr in der Klasse. Am Vorabend wurden Barometer, Laubfrosch, Wolken, Witterungsprognose in der Zeitung, alles, was nur irgendwelche Beziehungen zum Wetter hatte, eifrigst befragt – kein Zweifel, die Aussichten waren durchaus günstig.

Eine aber aus der vierten Klasse wünschte aus vollem Herzen, daß Jupiter Pluvius den Ausflug verregnen lassen möge. Ilse Große fürchtete sich geradezu vor demselben. Ach, sie wußte im voraus, es würde ihr dabei nicht viel anders ergehen, als beim Tennisspiel. War Ilse unter den fröhlichen Genossinnen, dann war die Kusine für sie nicht mehr vorhanden.

»Ich würde am liebsten morjen jar nicht mitjehn«, sagte sie zögernd.

»Wa–as?« Ilse blieb der Mund vor Staunen halb offen. »Ja – bist du denn krank?«

»Ei wo, aber du hast dann die anderen alle, da wirst du mich doch janz jewiß nicht vermissen.«

»Nein, vermissen werde ich dich gewiß nicht!« Ilse mußte wirklich über diese Zumutung lachen.

»Na, siehst, du hast ja deine Anni Rotter, also –.«

»Liebes Kind«, – die kleine Ilse kletterte auf die Zehenspitzen, um ihren Worten der großen gegenüber mehr Nachdruck zu verleihen –, »die Eifersucht auf meine Freundinnen mußt du dir wirklich abgewöhnen.«

»Ich bin jar nicht eifersichtig, bloß –.«

»Bloß?«

»Ich wollt', ich könnt' morjen zu Hause bleiben.« Der Anfang war wieder das Ende vom Liede. Still räumte die große Ilse die Sachen der kleinen, die diese beim Rucksacksuchen aus dem Schrank riß, wieder ein. Ilse half ein wenig beschämt. Sie konnte sich des Gedankens nicht erwehren: »Eigentlich hat die Illa gar nicht so unrecht. Wäre es nicht für alle Teile das Beste, sie bliebe zu Hause? Ihr liegt nichts dran, ich habe dann keine Verpflichtungen gegen sie, und die andern würden sich freuen, wenn ich mich mal ohne meinen Schatten sehen ließe.« Das war ein recht häßlicher Gedanke. Ilse empfand das selbst, und daneben eine geheime Furcht, es könnt' am Ende morgen zur Strafe für solche lieblose Empfindung regnen.

»Der Mond hat einen Hof, das bedeutet schlechtes Wetter«, teilte Rolf beim Abendbrot mit.

»Schwindel – du hast ihn gewiß angeschielt. Er sieht vielmehr nach Hitze aus«, behauptete die Schwester.

»Wenn's morgen regnet, dann freut sich ich doll«, rief Heini.

»Aber Heini, dann sind doch die beiden Ilsen traurig, daß sie nicht fortfahren können«, stellte ihm die Mutter vor.

»Sollen sie auch. Doll traurig sollen sie sein. Weil sie ohne mir mit'n großen Schiff fahren wollen.« Der Kleine war empört, daß er nicht mitgenommen wurde zu dem Ausflug, von dem die Schwester seit Tagen unaufhörlich redete.

Als er in seinem Bettchen lag und sein Nachtgebet sprach, fügte er noch hinzu: »Lieber Gott, mach' doch, daß es morgen doll regnen und schneien soll, ja? Amen.«

»Amen«, sagte die große Ilse, die ihn ins Bett gebracht, aus tiefstem Herzen hinterher. Aber gleich darauf kam sie sich recht schlecht vor. War sie nicht selbstsüchtig? Dachte sie gar nicht daran, welche Enttäuschung das für Ilse und die übrigen Schulkameradinnen bedeuten würde?

Petrus kümmerte sich weder um das Wünschen der vielen Mädchenherzen noch um das Abendgebet des kleinen Heini. Er hüllte den 22. Juni in ein Wettergewand, aus dem man nicht recht klug wurde. Es regnete nicht, aber es schien auch keine Sonne. Es war nicht warm, es war auch nicht kalt. Der Himmel war bewölkt, nur – schneien tat es nicht, obgleich Heini darum gebeten. Mit einem Wort, es sah »mulmig« aus, wie der Berliner zu sagen pflegt.

»Das wird heute noch das schönste Mützenwetter, Ilschen«, tröstete die Minna, welche Ilses ängstlich zweifelnde Blicke zum grauen Himmel beobachtete.

»Glaub' ich nicht – nimm dir nur Schwimmhosen mit«, neckte der Bruder.

»Nein, Ilse, das weiße Matrosenkleid kannst du unmöglich heute anziehen, damit verdirbst du bestimmt das Wetter«, meinte jetzt die Mutter, die Berge von belegten Broten für die Kinder zurechtmachte. »Zieh dir lieber dein rotes Musselinkleid an. Da bist du für alle Fälle gesichert. Die Illa ist viel verständiger als du, die hat schon von selbst ihr blaues Kleid an.«

»Weil sie gar kein weißes Matrosenkleid hat. In dem ollen roten macht mir der ganze Ausflug keine Freude. Wir müssen überhaupt als Matrosen kommen, weil es doch eine Dampferfahrt ist«, regte sich das Töchterchen auf.

»Nun, es wird doch wohl kein Tadel darauf stehen. Sei vernünftig, Ilse, du hast viel mehr Freude, wenn du dem Wetter entsprechend angezogen bist.«

Ilse wollte aber nicht vernünftig sein. Eben war bestimmt ein Sonnenstrahl durch die Wolken gehuscht, die andern hatten bloß gerade nicht hingesehen. »Ich nehme meinen Regenmantel mit, Muttchen«, damit wurden alle mütterlichen Mahnungen beruhigt.

Aber der Regenmantel fand sich nicht gleich. Fräulein Liederlich hatte ihn im Hinterkorridor an einen Haken gehängt, anstatt in den Kleiderschrank. Spät war es auch, denn das In-die-Wolken-Gucken hatte geraume Zeit in Anspruch genommen. So griff Ilse nur zum Rucksack – ach was, Minna hatte ja gesagt, es würde heute noch das schönste Mützenwetter. Ein Glück, daß Mutter in der Küche beschäftigt war und den Aufbruch des leichtsinnigen Töchterchens nicht mit ansah. Illa, der Tugendmoppel, hatte natürlich trotz des dunklen Kleides Mantel und Schirm bei sich.

»Die Musspritze hättest du zu Hause lassen können, das ist ja geradezu eine Herausforderung für den Regen«, lachte Ilse sie aus.

»Ich jlaub', ich hab' schon einen Tropfen jekriegt.« Illa hob die Nase zu den Wolken.

»Olle Unke!« Ilse lief so schnell, daß die Kusine ihr kaum folgen konnte, um dem drohenden Regen zu entgehen.

Am Wannseebahnhof war schon alles versammelt. »Na, Kinder, wollen wir es denn wagen?« fragte Fräulein Böttcher, die sich trotz der geringen Begeisterung der Schülerinnen an dem Ausflug beteiligte.

Einstimmiges »Ja« erfolgte.

»Was meinen Sie, Fräulein Rose?«

Fräulein Rose blickte in die erwartungsvollen Augen rings umher und meinte, daß man es wohl wagen könnte. Na ja, dafür war sie ja auch der Säugling und noch recht leichtsinnig.

Professor Reuter besorgte bereits die Fahrkarten.

»Ilschen, bleib' bloß bei mir, ja?« Illa schob ihren Arm in den der Kusine. Diese machte ein ungnädiges Gesicht. Na, das fing ja gut an. Sie war doch zu ihrem eigenen Vergnügen da und nicht, um bei der Kusine Kinderfrau zu spielen.

Als der Zug einfuhr, gab es ein Gedränge. Es wurde Ilse nicht allzu schwer, Illa dabei zu verlieren. Die Freundinnen waren alle beisammen in einem Abteil.

»Das hast du fein gemacht, Ilse«, lobte Anni. »Gut, daß du deinen langweiligen Schatten mal für ein Weilchen los bist.«

Ilse hatte das deutliche Gefühl, daß sie das durchaus nicht fein gemacht, sondern daß sie sehr unrecht gehandelt habe. Aber Mädchenlachen und Scherze, Bonbons und lustiger Sang ließen derartige Empfindungen nicht aufkommen. Ach was, der Tag war ja noch lang genug. Man konnte ja auf dem Dampfer beisammensitzen.

Die Hoffnung, daß in Wannsee der Himmel blau sein würde, erwies sich als trügerisch. Eine graue Wolkenglocke war über den grauschwarzen See gestülpt. Die lachenden Villenufer lagen heute ernst und unbelebt. Die weißen Segel der vielen Boote da draußen hingen schlapp und bewegungslos.

Um so lebhafter war der Mädchenschwarm, der zur Dampferanlegestelle hinabschwirrte. Illa schritt neben Fräulein Böttcher, die das bescheidene, fleißige Mädchen gern mochte.

»Gleich und gleich gesellt sich gern«, raunte Anni der Freundin zu, auf das Paar weisend. »Komm, daß sie uns nicht erst erwischt.«

Ilse zögerte. Es war doch ihre Pflicht, sich um die Kusine zu kümmern. Aber – die war ja bei Fräulein Böttcher gut aufgehoben. Mit ihrer Ehrpusseligkeit paßte sie überhaupt besser zu der Lehrerin als zu ihnen. Da hatte Anni sie auch schon an die Spitze des Schiffes mit fortgezogen. »Komm schnell, Fräulein Böttcher setzt sich bestimmt nach hinten unter das Verdeck. So – die Gefahr wäre glücklich vorüber.«

Die kleine Ilse sah die große suchend das Deck überfliegen, dann einen Augenblick zögern, ehe sie der Lehrerin folgte. Gewiß hatte Illa sie erspäht, aber da sie gerade krampfhaft in die Wolken schaute, es nicht gewagt, sich zu ihnen zu gesellen.

»Kinder, kommt lieber nach hinten, vorn zieht es, und wenn es regnet, werdet ihr naß«, rief der Säugling vorsorglich, trotzdem er noch in dem Alter des Leichtsinns stand.

Die Schiffstute war so freundlich, ihre Worte, denen man ja doch nicht Folge geleistet hätte, zu überschrillen. Das Schiff glitt in die düstere Weite hinaus.

Professor Reuter stand mit hochgeschlagenem Mantelkragen – denn im Fahren würde es kühl – vorn neben den Freundinnen. Er machte sie auf die Malervilla aufmerksam, deren Abbild in der Nationalgalerie hängt. Er wies ihnen den Kaiser-Wilhelms-Turm und die aus der Ferne grüßenden Türme von Spandau. An dem schwimmenden Hausboot-Restaurant mit seinen bunten Blumen, das mitten auf dem Wannsee verankert liegt, ging es vorüber bis zum Ende der Wannseebucht, wo die Havelströmung einsetzt.

Man zog die Rucksäcke hervor und begann zu futtern. Denn eine Seefahrt macht Appetit. Man sang das Lied von der Lorelei, obgleich man auf der Havel fuhr und nicht auf dem Rhein.

Anni stieß die schweigsam ihr Brot kauende Ilse an. »Sag mal, du bist wohl heute mit dem linken Fuß aufgestanden, mein Herzchen? Oder frierst du etwa? Ja, natürlich, deine Hände sind ja eiskalt. Zieh doch deinen Mantel an.«

Das war leichter gesagt als getan, wenn man keinen bei sich hatte. Die übrigen Mädel hatten alle schon etwas übergezogen, denn der Wind hatte sich, seitdem man aus der Bucht heraus war und auf der Havel fuhr, gedreht. Es wehte stark; tiefhängende Wolken jagten hinter dem Schiff her.

Unbedingt, es war recht kalt geworden. Ilse dachte sehnsüchtig an ihren Mantel daheim. Hätte sie nur wenigstens das wärmere Kleid angezogen. Das kam davon, wenn das Ei klüger sein will als die Henne. Trotzdem Ilse sich sonst immer eines beneidenswerten Appetits erfreute, wollten die von Mutter so gut belegten Brote nicht recht rutschen. Das lag aber mehr an einem Gefühl innerer Kälte als an der äußeren. Ilse hatte wieder mal die Empfindung, daß sie gegen Illa grundschlecht handelte. Die Mutter hatte ihnen nur einen gemeinsamen Rucksack gepackt, natürlich unter der Voraussetzung, daß sie beisammenbleiben würden. Und nun hatte die Illa keine Frühstücksbrote, denn Ilse hatte sich stolz den Rucksack aufgeschnallt. Alles futterte ringsumher, selbst Professor Reuter. Nur die arme Illa hatte kein Frühstück. Ilse empfand es deutlich als eine Schlechtigkeit, daß sie die Kusine hungern ließ, anstatt ihr den Rucksack hinzubringen. Aber dann behielt Fräulein Böttcher sie am Ende bei sich, weil es vorn zu kühl wäre. Oder aber die Illa heftete sich wieder an ihre Fersen und kam mit ihr mit. Na, und die Gesichter von den Freundinnen dann! Ilse wußte es im voraus, wie sie sich anstoßen würden, wie sie die Köpfe zusammenstecken und ihre Witze über die »Unzertrennlichen« machen würden. Nein! Nein! Wollte die Illa mit ihr zusammensein, konnte sie ja zu ihr kommen. Sie konnte sich ja ebensogut ihr Frühstück von ihr holen, wenn sie Hunger hatte. Deshalb brauchte sie sich doch wirklich den schönen Tag nicht zu verderben.

So sehr schön war der Tag ja nun eigentlich nicht. Die ersten Regentropfen fielen, langsam und schwer. Kreischend floh ein Teil der jungen Mädchen unter das Schiffsverdeck. Der Freundinnenkreis hielt trotz der Mahnung Professor Reuters, lieber das geschützte Hinterteil des Dampfers oder gar die Kajüte auszusuchen, in Wind und Regen stand. Ilse schämte sich, daß sie weniger wetterfest sein sollte als die anderen. Sie ärmelte von der einen Seite die Anni, von der andern die Trude unter, da war's nicht ganz so kalt mehr.

Plötzlich fühlte sie sich in den Arm gekniffen. »Achtung, Gefahr im Anzüge«, raunte ihr Anni zu. »Feind in Sicht!«

Ilse Große tauchte aus dem gedeckten Schiffsteil hervor und kam trotz des munter niedergehenden Regens auf die Wetterfesten zu.

»Ei, Ilse, mechst du nicht lieber mit nach hinten kommen? Wir jehen alle in die Kajüte. Du wirst ja janz naß hier. Einen Mantel hast auch nicht mal. Achott, es jießt ja mit Kannen. Komm, du erkältest dich.« Das klang lieb und fürsorglich. Die ältere, verständigere Kusine fühlte sich für die jüngere, leichtsinnige verantwortlich. Illa schien weder beleidigt noch über Ilses Vernachlässigung erbittert.

Gottlob! Ilse sah es mit ungeheurer Erleichterung. Sie wäre recht gern mit in die wärmende Kajüte hinunter gegangen, denn sie fror gottserbärmlich. Aber ehe sie noch antworten konnte, war ihr Anni zuvorgekommen.

»Achott, seit wann hat denn die Ilse einen Vormund neetig? Sie ist doch schon jroß jenug, um allein zu wissen, ob ihr kalt ist oder nicht«, hänselte Anni die junge Ostpreußin. Natürlich hatte sie die Lacher auf ihrer Seite.

Ilse lachte gezwungen. Sie wußte ganz genau, daß sie sich jetzt vor allem gegen Annis Bevormundung auflehnen und sich damit auf die Seite der Kusine stellen müßte. Aber falsche Scham hielt sie davon zurück.

»Mir ist gar nicht kalt«, sagte sie zusammenschauernd.

»Achott, du bibberst ja, hier nimm wenigstens meinen Mantel, ich jeh ja runter in die Kajüte.« Damit hatte die große Ilse auch schon ihren Mantel abgestreift und ihn der kleinen umgehängt.

»Nein – nein – das geht nicht –«, wehrte Ilse blutübergossen ab. Sie sprach in den Wind. Denn Illa hatte bereits den Rückweg angetreten.

»Sie ist tausendmal besser als wir«, sagte Ilse, trotz der Kälte feurige Kohlen auf ihrem Blondkopf fühlend.

»Na, erlaube mal, liebes Kind«, begehrte Anni auf. »So selbstlos wäre ich auch, wenn ich in die Kajüte ginge, dir meinen Mantel zu pumpen. Aber nun zieh ihn auch wenigstens an.«

Merkwürdig – der warme Mantel der großen Ilse wollte die kleine nicht wärmen. Trotzdem der Regen nachließ, trotzdem die Havelufer immer malerischer wurden, konnte Ilse ein Gefühl der Unbehaglichkeit nicht überwinden.

Die Pfaueninsel, der Glockenturm von Sakrow, die Zwillingstürme des Belvederes auf dem Pfingstberg, die aus grauen Wolkenschleiern auftauchten, nichts vermochte ihren Blick zu fesseln. Der kehrte immer wieder zu Illas Mantel zurück – deutlich sah sie ihre Schuld darauf geschrieben.

Mit jähem Entschluß machte sie sich von dem Arm der Freundinnen frei. »Ich muß der Illa den Rucksack hinunterbringen, ihr Frühstück ist drin«, sagte sie ein wenig verlegen.

»Wenn sie Hunger hat, wird sie ihn sich schon holen, du bist doch nicht ihr Diener«, wollte Anni sie schon wieder beeinflussen.

Aber Ilse ließ sich nicht zurückhalten. Es war, als ob der Mantel sie hinuntertriebe.

»Grüße Fräulein Böttcher – und auch den schwarzen Peter«, riefen die ausgelassenen Mädel hinter Ilse her.

In der Kajüte ging es lustig zu. Fräulein Rose hatte Gesellschaftsspiele arrangiert, dort unten war trotz schlechten Wetters Lachen und Sonnenschein.

Ilse Große lehnte abseits von dem frohen Kreise an einem der kleinen, runden Schiffsfenster. Sie blickte still in den schwarzweißen Wassergischt, den der Dampfer aufwirbelte, hinaus.

Ilse trat etwas zaghaft hinter die Gedankenversunkene.

»Du, Illa, ich bringe dir dein Frühstück – und – und ich wollte dir auch noch für deinen Mantel danken. Aber du wirst ihn jetzt selbst brauchen, es klärt sich auf.«

Illa schüttelte stumm den braunen Kopf. Sie wandte das Gesicht nicht vom Fenster weg.

Das Gefühl der Unbehaglichkeit bei der kleinen Ilse verstärkte sich. »Bist du – bist du mir etwa böse, Illa?« fragte sie beklommen.

Wieder Kopfschütteln, diesmal heftiger.

»Dann nimm doch dein Frühstück.«

»Ich hab' jar keinen Hunger.« Aus der Stimme klangen Tränen.

Unschlüssig stand Ilse da. Was sollte sie tun? Den Arm um Illa schlingen und sie wieder gut machen, wie sie es wohl zu Hause getan hätte? Das mochte sie hier nicht. Fräulein Böttcher saß unweit von ihnen und schaute durch ihren Kneifer herüber. Nein, das ging wirklich nicht. Warum mußte sich die Illa auch so haben. Immer gleich übelnehmen, immer beleidigt sein. Ganz recht hatten ihre Freundinnen, wenn sie nicht mit der Transuse zusammensein wollten. Sie war doch jetzt wirklich mit den besten Absichten zu ihr gekommen. Aber wenn Illa nichts von ihr wissen wollte – na, denn nicht, liebe Tante! Sie hatte jetzt ihre Schuldigkeit ihr gegenüber erfüllt.

Trotzig machte die kleine Ilse kehrt und ließ die große mit ihren heimlichen Tränen allein.

Sommerregen hält nicht lange an. Als man an der Glienicker Brücke vor Potsdam das Schiff verließ, war die Sonne bereits am Werk, mit goldenen Scheuertüchern die Wege und Straßen aufzutrocknen. Hurra – Minnas Wetterprophezeiung kam zu Ehren. Es wurde noch das allerschönste Mützenwetter.

Ilse Klein hatte all ihre Munterkeit, die sie bei der Dampferfahrt eingebüßt, mit dem warmen Sonnenschein wiedergefunden. Sie kümmerte sich überhaupt nicht mehr um Illa, wenn die so »mucksch« war. Mochte sie doch sehen, wie sie ohne sie fertig wurde.

Durch den in tausenden und aber tausenden Tropfendiamanten glitzernden Neuen Garten, vorüber an dem Marmorpalais, das wie ein Märchen aus vergangenen Tagen sich verlassen in den Wassern spiegelt, ging es. – In der Meierei am Jungfernsee warteten lange Kaffeetafeln auf die jungen Gäste. An der Ecke, die Ilse Klein und ihre Freundinnen bildeten, ging es besonders fidel zu. Anni und Ilse stellten heute alles auf den Kopf. Die beiden waren ganz aus dem Häuschen. Man drängte sich um sie.

Da hatte Ilse weder Zeit noch Lust, zu dem Tisch hinüberzusehen, wo neben Fräulein Böttcher ein Mädel mit blassen Wangen und traurigen Augen saß. Illa hatte erst gar keinen Versuch gemacht, sich neben die Kusine zu setzen, wie sie es daheim gehofft. Nein, aufdrängen mochte sie sich denen nicht, die sie stets verlachten. Dann blieb sie schon lieber bei Fräulein Böttcher, die es gut mit ihr meinte. Aber das helle Lachen Ilses und Annis, das zu ihr herüberschallte, gab ihr doch jedesmal einen Stich ins Herz.

Ilse hatte ihre »Pflicht« gegen Illa erfüllt. Sie hatte ihr den Futtersack, nachdem sie sich ihren Anteil daraus genommen, hingetragen und sich dann schnell wieder aus dem Staube gemacht. Nein, das konnte kein Mensch von ihr verlangen, daß sie ihr eigenes Vergnügen dem der Kusine opfern sollte.

Viele fröhliche Schulkarawanen hat der Pfingstberg bei Potsdam im Laufe der Jahrzehnte schon auf seinen Rücken genommen. Aber solch eine ausgelassene Bande, wie ihm heute aufs Dach stieg, hatte der alte Geselle doch noch nicht erblickt. Das war ein Lachen und ein Juchhei, als ob der leibhaftige Frühling seinen Einzug halte. Die viereckigen Doppeltürme des ehemaligen Lustschlosses Belvedere da oben hallten wider von all dem Jugendfrohsinn. Die engen Wendeltreppen, die wie ein Korkenzieher steil hinaufführten, gaben immer neuen Anlaß zum Lachen, Kreischen, zu Angstausrufen und Neckereien. Bis alles endlich glücklich oben auf den beiden sich gegenüberliegenden Altanen war und die herrliche Rundsicht über die Kette der blauen Havelseen und über das in Rosen gebettete Potsdam genoß.

Hier oben wehte es wieder arg. Illa entbehrte ihren Mantel, den Ilse in ihrer Huschligkeit wiederzugeben vergessen. Die stand drüben auf dem anderen Altan und dachte wohl kaum noch daran, daß es nicht ihr eigener Mantel war, der sie wärmte, und daß Illa denselben ebenfalls brauchte.

Der Abstieg auf der halsbrecherischen Korkenziehertreppe war ungleich schwieriger als der Anstieg. Gab das ein Hallo, wenn sich Mädchenbeine nur zaghaft in die Tiefe hinunterwagten. Anni und Ilse, zwei gute Turnerinnen, kletterten leichtfüßig wie die Gemsen hinab.

»Kinder, kommt schnell die Galerie entlang zu dem anderen Turm. Dem Abstieg des schwarzen Peters müssen wir beiwohnen. Das wird ein Anblick für Götter«, schlug Anni in übermütigster Stimmung vor. Denn Illa zeichnete sich im Turnen nicht gerade durch Geschicklichkeit aus.

»Au ja – famos!« Der Freundinnenkreis setzte sich in Trab. Ilse wurde mitgerissen, ob sie wollte oder nicht. Sie dachte aber auch gar nicht daran, die Gefährtinnen von ihrem Vorhaben abzubringen. Wo es einen Ulk gab, mußte sie dabei sein.

Man kam gerade zurecht. Ilse Große hatte sich bis zuletzt zurückgehalten, teils aus angeborener Bescheidenheit, teils, weil sie herzklopfende Angst vor der gefährlichen Treppe hatte. Wenn sie nur erst wieder heil unten stände!

Behutsam setzte sie den Fuß auf die schmalen, strahlenförmigen Eisenstufen. O Gott – ihr war ganz schwindelig. Wenn doch Ilse dagewesen wäre, ihr ein wenig behilflich zu sein. Sicher sauste sie nächstens in die Tiefe.

»Hahaha, seht mal die Elfenfüßchen!« lachte es da plötzlich von unten herauf. Anni, Ilse und die übrigen Mädel hatten unten am Ausgang der Wendeltreppe Posto gefaßt und machten ihre Glossen über Illas ängstlich ungeschicktes Herabklimmen.

Durch das durchbrochene Eisengitter, an das sie sich krampfhaft anklammerte, blickte Illa in all die spöttisch lachenden Gesichter. Auch Ilse lachte sie aus – es wurde ihr schwarz vor den Augen. Sie riß sich gewaltsam zusammen – sie mußte weiter. Nur den spottlustigen Augen da unten kein Schauspiel geben. –

Ein Tritt – da geschah's. Ein kurzer Aufschrei – dem ein mehrstimmiges Schreckensecho aus der Tiefe antwortete – ein lautes Gepolter – Ilse Große war gestürzt.

Mit einigen Sätzen war die kleine Ilse die Wendeltreppe emporgestürmt. Bis zu einem etwas breiteren Treppenabsatz war Illa hinabgesaust. Ihre Hand umklammerte noch immer das glatte Eisengeländer, auf das ihre Stirn im Fall aufgeschlagen war. Halb lag sie, halb kauerte sie in einer höchst unglücklichen Stellung. Die Augen hielt sie geschlossen.

»Um Gottes willen, Illa, hast du dir etwas getan?« Ilses Herz setzte vor Entsetzen aus. »Du blutest ja an der Stirn. – Illa, liebste Illa, mach doch bloß wieder die Augen auf. O mein Gott, ich bin schuld an dem Unglück –.«

Ilses Jammern ließ Illa die Augen mit Gewalt wieder aufreißen. »Achott, achott«, stöhnte sie.

»Tut's so weh, Illa?« Ilses Herz, das vor Schreck ausgesetzt, begann jetzt zu hämmern. »Illachen, steh doch auf, ich helfe dir die Treppe hinunter. Ich will auch immer bei dir bleiben – ich will auch nie mehr mit den andern über dich lachen. Ach, ich bin ja so schlecht!« Illa schien Ilses Selbstanklage nicht mehr zu hören. Mit unterdrücktem Stöhnen schloß sie die Augen aufs neue.

Professor Reuter und die beiden Lehrerinnen erschienen jetzt auf der Bildfläche. Die verängstigten Mädchen hatten sie herbeigeholt, als sie Ilses Jammern gehört.

»Um's Himmels willen, was ist passiert? Kannst du aufstehen, Ilse Große?« Auf der engen, halsbrecherischen Wendeltreppe drängte sich alles.

»Geben Sie den Weg frei, meine Damen, ich werde mit dem Turmwächter das junge Mädchen hinabtragen, damit man erst mal sieht, was geschehen ist.« Professor Reuter brachte Ordnung in das Durcheinander.

Die beiden Männer schafften das verunglückte Mädchen behutsam hinunter. Das war ein schweres Stück Arbeit bei der in endlosen Windungen gebauten, schmalen Treppe. Illa stöhnte bei jeder Bewegung. Die Augen wagte sie überhaupt nicht mehr zu öffnen, um bloß nicht in die Tiefe sehen zu müssen.

Aber schließlich hatte man sie doch glücklich unten und auf ausgebreiteten Mänteln gelagert. Fräulein Böttcher stillte mit nassen Tüchern die blutende Stirnwunde, die zum Glück nicht allzu tief zu sein schien. Fräulein Rose, die einen Samariterkursus durchgemacht, untersuchte das schmerzende Bein. Bei der vorsichtigsten Bewegung stöhnte Illa. Tränenüberströmt stand Ilse daneben, mit schuldbewußten Mienen die übrigen Mädel.

»Ich fürchte, es ist etwas gebrochen. Ich möchte dem armen Kind nicht unnötige Schmerzen verursachen. Gehen kann sie auf keinen Fall. Wir müssen für einen geeigneten Transport sorgen«, schlug Fräulein Rose mit betrübtem Gesicht vor.

Der Turmwächter erwies sich als hilfsbereiter, praktischer Mann. Unten in der Meierei hatte man einen Leiterwagen. Wenn man diesen mit Stroh und Decken füllte, mochte es bis zum Potsdamer Hauptbahnhof gehen. Von dort mußte man dann weiter sehen.

Geraume Zeit verging, bis man Ilse Große auf den Leiterwagen gebettet hatte. Ein Versuch, selbständig aufzutreten, mißlang vollkommen. Illa, die jeden Schmerzenslaut nach Möglichkeit unterdrückte, schrie dabei laut auf. Den Mädels, besonders der Ilse, gab es einen Stich ins Herz. Heute dachte sie nicht daran, Anni und den Freundinnen die Schuld beizumessen. Sie selbst, sie ganz allein fühlte sich für das Schreckliche verantwortlich. Weinend nahm sie auf dem unbequemen Wagen neben der Kusine Platz und hielt deren Hand in der ihrigen. Auch Professor Reuter und Fräulein Rose fuhren mit, während Fräulein Böttcher die verstörte Mädchenschar nach Potsdam zu Fuß führte. Das war ein trauriger Abschluß des fröhlichen Ausflugs.

Einmal hatte Illa auf der Fahrt die Augen geöffnet, und als sie Ilses angstvoll zärtlichem Blick begegnete, mühsam gelächelt. »Bleibst du jetzt bei mir?« hatte sie geflüstert.

»Immer, Illa, immer –.«

»Dann – ist alles gut!« Nichts hätte Ilse ihr liebloses Verhalten gegen die Kusine mehr zu Gemüte führen können, als deren schlichte Worte.

Auf dem Bahnhof in Potsdam gab es hilfsbereite Hände genug. Ein Abteil der zweiten Wagenklasse wurde von der Eisenbahndirektion zur Verfügung gestellt. So langte man mit dem verunglückten Kind in einigermaßen bequemer Lage in Berlin an. Dort gab es wieder ein Umladen. Jetzt ging es per Auto heim. Wie oft hatte Ilse es sich gewünscht, einmal im Auto dahinzufliegen, und jetzt – o Gott, wenn es doch nicht so sausen wollte! Sie fürchtete sich vor dem Augenblick, wo sie den Eltern vor die Augen treten mußte, wo diese die Hiobsbotschaft erfahren würden.

»Die unse Ilse ist wieder da, aber sie sieht gar nicht ein bißchen vergnügt aus.« Heini stürmte schon als Vorbote ins Zimmer der erschreckten Mutter.

»Mutti – Muttichen – die Illa ist vom Pfingstberg runtergestürzt, das heißt bloß die Wendeltreppe. Aber doll schlimm ist es. Sie kann gar nicht gehen. Und ich bin schuld, weil wir sie ausgelacht haben und –.«

Ein Tränenstrom erstickte Ilses Bericht.

»Das hat ja alles bis nachher Zeit, Kind, vor allem, wo ist Illa?« Mit Energie überwand die Mutter die Aufregung, um der Pflicht des Augenblicks zu genügen.

»Unten im Auto. Die Minna soll runterkommen, Professor Reuter will Illa mit ihr zusammen herauftragen.«

Bald ruhte Illa in ihrem rasch hergerichteten Bett im Ilsenstübchen. Bald war auch der Arzt zur Stelle, der das Bein in Gips legte. Denn es zeigte sich, daß es an böser Stelle gebrochen war. Illa litt dabei die heftigsten Schmerzen. Schlimmer aber noch litt Ilse, die draußen an der Tür lehnte und jedes Stöhnen, jedes Ächzen der Kusine wie glühende Nadeln im Herzen empfand.

»Und ich bin schuld – nur ich –«, flüsterte sie immer wieder vor sich hin.

»Ach Unsinn, reg' dich doch nicht auf«, sprach Rolf ihr gut zu.

»Is die neue Ilse nu mausetot?« erkundigte sich Heini mit großen Augen.

»Behüte –.«

»Na, warum weinste denn? Warste unartig?« Heini bekam keine Antwort, denn der Arzt verließ gerade das Zimmer. Ohne auf die Kinder zu achten, wandte er sich an Frau Klein.

»Ich kann Ihnen leider nicht verhehlen, gnädige Frau, daß das Bein an einer recht ungünstigen Stelle gebrochen ist. Hoffentlich gelingt es uns, einer Verkürzung vorzubeugen, daß das junge Menschenkind nicht künftig durch das Leben hinken muß –.«

»Nein – nein – bloß das nicht! Lieber Herr Doktor, helfen Sie doch bloß, daß die Illa wieder richtig gehen kann. Ich ertrage es nicht, daß ich schuld bin, wenn sie hinken muß!« Ilse umkrampfte in höchster Aufregung den Arm des Arztes.

»Nun, mein kleines Fräulein, ruhig – ruhig Blut! Mit solchem Ungestüm richtet man nur Schaden an. Die Heilung bleibt in Geduld abzuwarten. Was getan werden kann, wird gemacht. Alles übrige müssen wir einem anderen überlassen.« Damit ging der Arzt.

Ilse aber folgte der Mutter ins Zimmer, um hier bei der Gütigen, die stets für ihre Kinder den rechten Weg wußte, ihr Herz von dem schweren Schuldbewußtsein zu erleichtern. Nichts beschönigte sie, gar nichts. Sie maß sich noch größere Schuld bei, als sie in Wirklichkeit an dem Unglück hatte.

»Das ist eine harte Strafe, mein Kind, für dein liebloses Verhalten«, sagte die Mutter ernst, aber doch voll Mitleid mit der Seelennot ihres Kindes. »Gott gebe, daß dir noch größere Vorwürfe erspart bleiben, daß das arme Kind den Vollgebrauch seiner Glieder wiedererlangt. Du hast viel gutzumachen.«

Ja, Ilse wollte gutmachen. Diesmal war es ihr Ernst mit ihrer Vornahme, nichts konnte diese wie so oft erschüttern. Denn jeden Tag litt sie aufs neue mit der Kusine, jede Stunde, die sie in dem Ilsenstübchen zubrachte, sprach zu ihr mit ernstem Mahnen. Das wurde ein langes Schmerzenslager für die arme Illa. Viele Wochen war sie an das Ruhebett gefesselt. Mit unsagbarer Geduld ertrug sie alles. Hatte ihr doch der Unglücksfall auch Gutes gebracht. Ilse war ihr jetzt wirklich eine Schwester geworden. Jede freie Minute brachte sie bei der Kusine zu, ob die Sonne auch noch so golden lachte, ob das Tennisspiel mit den Freundinnen auch lockte. Ihre höchste Freude war es, wenn Illas Augen bei ihrem Eintritt aufleuchteten, wenn sie ihr etwas Liebes tun konnte. Wie ein Schmuckkästchen sah das Ilsenstübchen jetzt aus. Ilse hatte ihre Liederlichkeit, ihr huschliges Wesen überwunden, damit Illa es nett und gemütlich haben sollte. Sie verdoppelte in der Schule ihre Aufmerksamkeit, um Illa, die daheim das Schulpensum absolvieren mußte, dabei behilflich zu sein. Auch die Freundinnen kamen zu Besuch – zuerst mit bedrücktem Herzen. Aber als Illa sie so freudig empfing, als sie keine Entschuldigung annehmen wollte, sondern nur ihrer Ungeschicklichkeit die Schuld beimaß, meinte selbst Anni bewundernd: »Du bist tausendmal besser als wir, Illa.«

Die Sommerferien, welche die beiden Kusinen eigentlich in Illas ostpreußischer Heimat hatten verbringen sollen, gingen dahin. Bis ein Tag kam, an dem der lästige Verband abgenommen wurde, an dem Illa zum erstenmal ihre Gehversuche machte, mühsam zwar noch, auf Ilses und der Tante Arm gestützt, des Gehens gänzlich entwöhnt. In herzbeklemmender Erregung beobachtete Ilse, wie steif das kranke Bein war. Hatte der Himmel ihr heißes Flehen nicht erhört?

Der Arzt, welcher dem Versuch beiwohnte, beruhigte sie. »Tadellos geheilt«, sagte er erfreut. »Elektrische Massage wird die Steifheit bald überwinden helfen.«

In stummem Glücksgefühl hielt Ilse die Genesene umfangen. Von nun an gingen die beiden Ilsen in treuer Schwesternschaft durch das Leben.

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