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Jungbrunnen

Rudolf Herzog: Jungbrunnen - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
authorRudolf Herzog
titleJungbrunnen
publisherJ. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger
printrun51.-80. Auflage
year1919
correctorreuters@abc.de
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Die Frühlingsmädchen

Wie eine breitausladende grüne Glocke wölbte sich das einsame Bergland der Eifel. Und die Riesenglocke, die von Horizont zu Horizont reichte, trug wie ein winzig Krönchen eine alte, kleine Stadt, die in der jungen Sonne funkelte wie ein wahrhaftig Geschmeide, und das Krönchen wieder trug einen Knauf, der die Sonne zuerst empfing, eine Schloßruine aus vergangenen Jahrhunderten, die im besterhaltenen Flügel ein paar blitzblanke Fenster zeigte. Von diesen Fenstern aus fand das Auge ungestört den Einblick in alle Winkel und Gassen der ineinandergeschachtelten Bergstadt, schweifte es ungestört über die stille Riesenglocke des Hochlandes, von Horizont zu Horizont.

Es war ein groß Verwundern im Städtchen gewesen, als der frühere Schiffsarzt Doktor Frühling für wenige tausend Mark die alte Schloßruine an sich brachte und damit die billige Steinabfuhr der Kleinbürger unterband. Der Doktor Frühling kümmerte sich nicht um das Verwundern anderer Leute. Er war von seinen Schiffsfahrten, die ihn über Gebühr, aber nach eigenem Wunsch und Willen zwei Jahrzehnte fast in fremden Meeren festgehalten hatten, nicht daran gewöhnt, jedermanns Rat einzuholen. Und so trat er eines Tages mit einem Kölner Baumeister an, warb Handwerker und Tagelöhner, ließ den Grund und Boden von Schutt und Steingeröll säubern, an den Ruinenwänden Stützmauern ziehen und zwischen die Steinquadern des besten Teiles sechs größere und kleinere Wohngemächer hineinbauen wie Vogelnester. Als auch die Glaser ihre Arbeit getan hatten, hing er eigenhändig die Fensterbehänge vor, rückte und schob den hergeschafften Hausrat so lange zurecht, bis jeder Winkel heimelig, wohnlich und warm geworden war, bepflanzte die Hälfte des großen Gartenlandes mit Obstbäumen, Beerenobst und Gemüsen, die andere mit Rosen, Flieder und alten, schönen Bauernblumen, brachte ein Messingschild am Tor an, auf dem zu lesen stand: »Dr. med. Frühling, prakt. Arzt, Wundarzt und Geburtshelfer«, und verschwand, um nach Monatsfrist mit einer um zwanzig Jahre jüngeren Frau stillvergnügt aus dem blitzblanken Fenster heraus auf die verwunderte Stadt zu schauen und dann über die Stadt hinweg in die wunderbar lautlose, unendliche Weite.

»Nun bist du geborgen,« sagte er und legte seine große, braungebrannte Hand auf ihre schmale, weiße. »Geborgen und – dein eigener Herr.«

«Ja,« wiederholte sie, »geborgen,« und drückte ihre Schulter wie im Nachklang einer Liebkosung an die seine.

»Und dein eigener Herr, Maria. Das ist das Wort der Worte. Darüber hinaus geht nichts.«

»Ich bin dir so – so dankbar dafür – – Nein, sagen läßt sich das nicht. Das kam alles so atemlos schnell. Die furchtbare Nacht am Wasser. Der blinde Entschluß. Und dann war ein Mensch bei mir im Wasser, und auf Erden war nie einer bei mir gewesen, und als du mit dem wildfremden Geschöpf ans Ufer gelangtest, war das letzte bißchen Atem alles, was ich auf der Welt besaß.«

»Nicht alles,« sagte der Doktor Frühling. »Denn nun besaßest du ja einen Bräutigam.«

»Du – –« erwiderte sie und lehnte sich fester gegen ihn.

»Es ist seltsam,« begann er nach einer Weile, »und es wird so wenig darüber nachgedacht. Die geehrten Eltern, die Mädchen in die Welt setzen, wissen kaum einen Unterschied. Ob weibliches Jungvolk oder männliches, es wird halt aufgefüttert und erzogen, bis es flügge ist oder die Alten voreilig dahin sind. Kein Gedanke daran, daß den Mädchen gegenüber ein doppelt und dreifaches Pflichtmaß zu walten hat. Die Herren Buben schwenken die Mütze und verschwinden in der weiten Welt, um die Ellbogen zu gebrauchen. Die Jüngferchen aber – keine Eltern, kein Geld, dafür die halbfeine Schulbildung, die zum Dienen nicht taugt und zur Selbständigkeit noch weniger – was wird aus all den Dingerchen, die einmal aus so lieben Kinderaugen guckten? Herum gejagte und gestoßene Menschenkinder, daß sich die Alten noch im Grabe herumwerfen möchten vor Scham, nicht besser vorgesorgt zu haben, und wenn's das Blut unter den Nägeln gekostet hätte; armselige, die sich an ein paar Brotrinden von Tag zu Tag durchs Leben knabbern; lebenshungrige, die kurzerhand alle Erinnerungen abschütteln, um ein paar Jahre im seichten Oberwasser zu schwimmen; lebensmüde, die nach einem tieferen Wasser Ausguck halten, um ihre Erinnerungen abzutun mit Gegenwart und Zukunft – «

»Du – –« sagte die junge Frau hastig und schmiegte sich noch dichter an seine Schulter.

»Ist dir warm, Maria?« fragte der Doktor. »Dann ist es gut. Mädchen und Frauen muß warm sein, denn sie geben der ganzen Welt von ihrer Wärme ab. Kind, es müßte doch verdammt betrüblich um die gepriesene Manneskraft stehen, wenn sie nicht mal zuwege brächte, daß die lieben Frauensleute sich auf der Fahrt durchs Leben gesichert fühlten.«

»Mann, Mann!«

»Wenn sich die kleinen Kammern da hinter uns,« fuhr der Doktor fort, »mit Mädels füllen sollten statt mit Buben, so wäre das sehr lustig, denn die kleinen Deerns habe ich immer gern gehabt. Ja, plink nur so. Aber es wäre auch ein größeres Maß an Pflichten. Denn das höchste Ziel der Eltern muß sein und bleiben, aus ihren Kindern freie, lebensstarke Menschen zu gestalten, die über einen Hut voll Sturm gerade so lachen wie über eine saftige Sturzsee, und das Steuer darum keine Sekunde aus den Fingern lassen. Da denke ich mir denn die Erziehung von Mädchen als die Krone aller Aufgaben im elterlichen Pflichtbewußtsein.«

Nun lächelte sie vor sich hin.

»Du denkst wohl, so ein alter Junggeselle und Seefahrer – na ja, die Probe steht noch aus. Aber stell' mich nur vor die Probe.« – –

Ein Jahr lang hauste der Doktor Frühling nun auf dem Schloßberg. Im Städtchen hatte man das Verwundern nie ganz abgetan, trotzdem ihn seine ärztliche Tätigkeit bald unter die Leute brachte und sein kleiner Einspänner, den er selber kutschierte, auf allen Landstraßen gesehen wurde, die zu den Dörfern ein paar Meilen weit im Kreise führten. Der wettergegerbte Vierziger, der ein halbes Dutzend Sprachen beherrschte, in allen Ländern beider Erdhalbkugeln und auf allen Meeren der Welt zu Hause war, der »im Schlosse« wohnte und eine Frau besaß, die seine Tochter sein konnte, stand der Empfindungswelt der Eifelstädter zu hoch und fern, als daß sie einen regeren Verkehr mit ihm gesucht und gefunden hätten, und der Doktor machte durchaus keine Miene, ihnen entgegenzukommen. In den Stunden, die sein ärztlicher Beruf ihm frei ließ, sah man ihn mit seiner mädchenhaft schlanken Frau im Garten schalten und walten, traf die beiden wohl auf einsamen Wanderungen im windgekrümmten Buschholz oder an der geheimnisvollen Wasserfläche eines Maares, das aus schwarzer Tiefe von feuerflammenden Erdjahrtausenden berichtete, oft auch Schulter an Schulter in dem kleinen Einspänner, wenn der Doktor von einem Dorfbesuch heimkehrte und ihm seine Frau in milder Abendluft entgegengewandert war.

Als Arzt war der schwarzbärtige Mann mit dem scharfen Seemannsauge und dem bei Tag und Nacht hilfsbereiten, aber kurzangebundenen Wesen bald die bekannteste Persönlichkeit des ganzen Kreises. Man holte ihn zuerst nicht gerade gern, denn er war kein Freund von langen Jammerreden, Auseinandersetzungen und Erörterungen. »Ich bin hier, um selber zu sehen und, wenn's menschenmöglich ist, zu helfen. Unterhalten können wir uns später mal beim Schoppen. Also die Bettdecke hoch, wenn ich bitten darf.«

Widerspruch vertrug er nicht. Wurden seine Anordnungen nicht in allen Teilen befolgt, oder wurden aus gestörter Bequemlichkeit gar Einwendungen erhoben, so pflegte er stets nach dem breitrandigen Filzhut zu greifen. »Hier dürfte wohl der Barbier genügen. Wenn Sie wünschen, schicke ich ihn heraus.« –

Und nach Jahresfrist gebar Frau Doktor Frühling ihr erstes Kind. Es war ein Mädchen.

»Auch gut,« sagte der schwarzbärtige Doktor, streichelte seiner Frau dankbar die blassen Wangen und trug das Kind ans Fenster. Es hatte die Kohlenaugen seines Vaters und strampelte mit aller Kraft.

»Die nennen wir Eva,« lachte der Doktor. »Das wird mal eine stramme Stammutter.«

Auch das zweite Kind, das nach Jahresfrist folgte, stellte sich als ein Mädchen dar.

»Wenn schon,« meinte der Doktor, nahm es lustig aus den Armen der lächelnden Mutter und trug es ins Licht. »Nicht mehr ganz so schwarz wie die Eva. Der wohltätige Einfluß der Mutter macht sich schon in einer Schattierung bemerkbar. Ein Bräunling. Die taufen wir nach dir, Maria.«

»Nicht nach mir,« bat die junge Mutter. »Nein, nein. Nach dir soll sie heißen.«

»Frau,« wehrte der Doktor mit lachendem Erschrecken, »dann müßten wir ja zweimal taufen. Ich heiße nämlich Friedrich Franz.«

Es blieb dabei. Der Bräunling wurde Friederike getauft und Friedel genannt, und damit auch der zweite Name des Vaters zur Geltung kam, lag im dritten Jahre wieder ein Schwesterchen in der Wiege.

»Tres faciunt collegium,« beschwichtigte der Doktor die verlegen zu ihm aufschauende Frau. »Da hätten wir nun das Fränzchen, ein Blondhärchen und ein Blauäugelein. Es ist nur ein Glück, Maria, daß meine Vornamen nunmehr erschöpft sind.«

Das schwarze Evchen lief auf strammen Beinen von einem Schwesterchen zum anderen, suchte sich nützlich zu machen oder durch scharfes »Pst« die Ruhe herzustellen. Der Doktor fuhr ihr oft durch ihr Rabenhaar. »Recht so. Nur nicht verpimpeln. Der Mensch kann nicht früh genug ein handfestes Knochengerüst bekommen, an Leib und Seele.«

Der vergrößerte Haushalt schuf größere Kosten. Aber auch das Tätigkeitsfeld des tüchtigen Arztes hatte sich in den Eifelbergen von Dorf zu Dorf weiter hinausgedehnt. Unermüdlich und ohne auch nur einen Hauch seiner Spannkraft zu verlieren, war Doktor Frühling zu Fuß oder in seinem Einspänner unterwegs. Er sah die goldenen Flammen der Ginsterbüsche lohen und wußte, daß der Lenz nun auch in die Eifelberge gekommen war, er sah die weiten Flächen und Kuppen des Hochlandes vom Purpurteppich des blühenden Heidekrautes überzogen und wußte, es ist Sommerzeit, und er sah die Wipfel der Ebereschen, die in langen Ketten die Landstraßen säumten, unter der Last ihrer Korallenbeeren im Winde sich zur Erde beugen und wußte, es herbstelt und über ein kurzes liegt hier der erste Schnee. Und dann holte er den Schlitten heraus oder schnallte die Schneeschuhe unter wie ein Grönlandfahrer. Alle Mühsal war für ihn nur dazu angetan, Körper und Willen zu stählen. »Ich habe vier Weiber daheim,« pflegte er zu sagen, »die halten munter.«

Und dann waren es doch fünf geworden. Als ihm die vierte Tochter geboren wurde, flog ihm kein launiges Wort von den Lippen. »Bleib uns nur erhalten, Maria,« keuchte er in sich hinein, »bleib uns nur erhalten ...« Aber sie hätte ihn auch nicht mehr erhören können, wenn er laut gesprochen und gerufen hätte. Zum erstenmal in ihrer stillglücklichen Ehe mußte sie eine Bitte des Mannes, den sie liebte, wie das Schwache das Starke liebt, unerfüllt verhallen lassen. Ihre Hände umklammerten seine Schultern wie einst, als er die herumgestoßene, lebensmüde Waise aus dem Wasser geholt hatte, ihre Augen tranken sich an den seinen fest – dann brachen die Augen. –

»Ich habe dir viel abzubitten, Kleine,« sagte der Doktor Frühling am Tage nach der Beerdigung seiner Frau und hielt das Jüngstgeborene an seinen schwarzen Bart gepreßt. »Nicht einmal angesehen habe ich dich. Und so ganz besonders hübsch bist du ausgefallen. Goldrotes Haar und tiefdunkle Augen und Wimpern. Schade, daß deine Mutter um die Freude gekommen ist. Aber du sollst ihren Namen führen, Maria soll unser Kleinstes heißen, und die Schwestern werden dich liebhaben, als wäre jede von ihnen deine kleine Mutter.«

»Papa,« sagte die kleine Eva, und ihre Kohlenaugen blitzten vor Vergnügen, »Kind muß jetzt trinken.« Und sie schüttelte die heiße Milchflasche.

Da lachte der Doktor trotz seines Schmerzes in sich hinein, rief die Pflegerin und schritt nach dem Stall, um mit Hilfe des Knechtes den Kutschwagen herauszuziehen und den Gaul einzuspannen. Denn es war durch die Schwere der Tage Arbeit liegen geblieben, die bis zur Nacht nachgeholt werden mußte. Er schnickte dem Gaul die Peitschenschnur auf den Kopf und fuhr aus dem Schloßhof. Als er noch einen Blick durchs Fenster in die große Stube warf, sah er das Jüngstgeborene auf dem breiten Schoß der Wärterin liegen, auf den Knien vor ihm sein ältestes Mädel, das ihm mit hocherhobenen Händen die Flasche ins Mäulchen hielt, und neben der raschen Eva die beiden kleinen Schwestern, die eben erst das Laufen gelernt hatten und schon versuchten, die hochgereckten Ärmchen der älteren zu stützen, damit sie nicht müde würde. Da lachte der Doktor trotz seines Schmerzes zum anderen Male in sich hinein, und dann reckte auch er die Arme, ließ die Peitsche knallen und fuhr aufrecht zum Tore hinaus. Ein Vater von vier mutterlosen Mädchen. Nun hatte er sein gerüttelt Maß an Pflichten.

*

Wie die Frühlingsmädchen bis zur Schulzeit eigentlich erzogen worden waren, das wußte nachher mit Bestimmtheit kein Mensch mehr zu sagen. Aber sie waren alle vorhanden, streckten rank ihre Glieder und sperrten weit die Mäulchen auf, wenn das Essen auf den Tisch getragen wurde. Die Wärterin war geblieben. Aber sie war nur eine einfache Eifelfrau, die in irgend einem der Dörfer ihren Mann schon seit Jahren begraben hatte und mit ihren Gedanken über Küche und Gemüsegarten kaum hinausragte. Kam der Doktor heim, so saß er unter seinen vier Mädels wie ein vergnügter Onkel, erzählte lustige Geschichten, daß die Kinder kreischten und an ihm herumkletterten, lief mit ihnen ins Freie, spielte Ball und Nachlaufen mit ihnen oder balgte sich mit ihnen im Grase. Erst wenn sie schlafend in ihren Bettchen lagen, ging er mit ernsteren Augen zu seinem Vierblatt, von einem Bettchen zum anderen, horchte auf ihren Atem, tastete mit mütterlichen Händen über die gesunden Körper und kehrte zufriedenen Blicks und mit einem wohligen Gefühl in der Brust an seinen Arbeitstisch zurück. Gottlob, da war nichts zu erinnern. Gesund war die Bande, und das dünkte ihn zuvörderst mal die beste Erziehung. Im übrigen erzogen sich die vier Mädels untereinander, putzten sich gegenseitig heraus, sangen, sprangen, lärmten und tobten, einigten sich sofort zu jedem Kinderstreich, und die schwarze Eva mit den hinundherfunkelnden Augen behielt tatkräftig die Leitung.

»Jugend muß ordentlich ins Kraut schießen,« meinte der Doktor, »und eine frischverlebte Jugend schafft eine feste Haut gegen die Wetterspritzer, die nicht ausbleiben. Tobt euch aus, Kinder, Lachen steckt an.«

Wenn der Doktor Frühling etwa geglaubt hatte, eine geruhigere Zeit werde mit der Schulpflicht seiner vier Mädels eintreten, so hatte er sich sicherlich geirrt. Aber dieser Irrtum war ihm nicht einmal unangenehm, und er stellte ihn immer wieder schmunzelnd fest. Wohl wurde es an den einzelnen Tagesstunden ruhiger in den Wohnräumen und den weiten Spielhallen des alten Schlosses. Aber diese Ruhe war wie die Ruhe vor dem Sturm. Als müsse aus den Teufelsmädels alles heraus, was sich beim erzwungenen Stillsitzen und Mäulchenhalten in der Schule angesammelt hatte, so brauste mit dem Glockenschlag nach Schulschluß die wilde Jagd durch die Pforte, schleuderte Mappen und Tornister am liebsten gleich durch das offene Fenster, fegte in den Stall, umarmte unter Jubelgeschrei den Gaul, die Kuh, gackerte mit den Hühnern, schnatterte mit den Enten, fuhr durch den Obsthof, hieß je nach der Jahreszeit Kirschen, Pflaumen, Birnen oder Äpfel auf Nimmerwiedersehen verschwinden, steckte sich schnell noch ein paar bunte Blumen vor die Schürze und erstürmte, also vorbereitet, mit erfrischter Kraft Eßzimmer, Mittag- und Vesperbrot. Und jede versuchte, gleichzeitig mit den drei anderen, dem Vater die neuesten Schwänke aus den Unterrichtsstunden zu erzählen, bis ein einziges Gelächter alles verschlang und der Doktor flüchtend nach der Türklinke griff.

»Freut euch des Lebens ...« pfiff er leise vor sich hin, wenn er am Arbeitstisch saß oder auf langen Wegen zu seinen Kranken fuhr. Und dann überdachte er seine Mädels nach Veranlagung, Haltung und Seelenart der Reihe nach.

Der Irrwisch Eva war zuerst in die Schule gekommen. Aber das Blitzige in der kleinen Schwarzen hatte sich, ganz nach seiner Vermutung, in ein willensstarkes Draufgängertum entwickelt, das vor keiner Schwierigkeit haltmachte. Was sich die Eva im Sturme zu eigen machte, erreichte die braune Friedel durch Zähigkeit, die durch strahlende Liebenswürdigkeit unbesiegbar wurde. Das blonde Fränzchen hatte eine feine Witterung für das Ausschlaggebende. Durch einen glänzend geschriebenen deutschen Aufsatz und, wenn es sein mußte, durch ein paar selbstgezimmerte Strophen von Schwung und Schlagkraft wußte sie die Schlußnoten des Schuljahres auf einer achtunggebietenden Höhe zu halten. Die goldrote Maria aber saß, umflossen von ihrem leuchtenden Heiligenschein, und träumte zum Schulfenster hinaus, als ob für sie nichts auf der Welt von Bedeutung wäre als das Musizieren der Vögel in den Lindenbäumen, und selbst die Lehrerin wagte sie nur ungern zu stören. Wie ein Märchenbild war sie. Aber unter ihren Schwestern wachte sie auf, ließ sich mitreißen und stand in der Freude ihren Mann, und ihr Lachen schmetterte wie Finkenschlag durch das halbzerfallene Schloß. Wenn die Mädchen sangen, saß sie am Klavier. Der Musik ergab sie sich ganz.

Der alte Schiffsarzt war an Wind und Wetter gewöhnt, und auf Polarfahrern und Südseedampfern waren ihm Entbehrungen und körperliche Anstrengungen bald keine Überraschungen mehr gewesen. Jetzt kam ihm diese Lebensschule zugute, jetzt, wo es sich darum handelte, seinen vier Mädels nicht nur das tägliche Brot und eine grundfeste Bildung zu verschaffen, sondern darüber hinaus mit der Zukunft zu verhandeln. Er tat es, indem er die Gegenwart kräftig ergriff und den Tag nicht eher aus den Fingern ließ, bis er seine sämtlichen vierundzwanzig Stunden ausgiebig hergegeben hatte. Die geringste Spanne Zeit fiel auf den Schlaf. Ein paar Stunden genügten, ob daheim im Federbett, ob im fernen Dorfwirtshaus auf der Ofenbank oder in einer Bauernscheune. Er streckte sich, schlief in selber Sekunde und sprang auf die Minute auf, die er sich zum Erwachen vorgenommen hatte. Ein Übersturz kalten Wassers, eine kräftige Abreibung, und der Arbeitstag konnte kommen, wie er wollte. Jeder Muskel war bereit.

Was der Doktor Frühling leistete, wußte keiner als nur er selber. Er hielt in der Frühe seine Sprechstunde, schnitt und nähte den Morgen über im Krankenhaus der kleinen Kreisstadt, dessen Leitung er übernommen hatte, besuchte bis zum Mittag seine Kranken in der Stadt, schirrte nach Tisch den Gaul an und fuhr weit hinaus von Dorf zu Dorf, blieb in schweren Fällen über Nacht, ließ sich zu Beratungen und wundärztlichen Eingriffen in die Nachbarstädte rufen und hielt mit der ersten Sonne wieder seine Sprechstunde. Was er über den Lebensbedarf seiner Familie hinaus erwarb, legte er in guten zinstragenden Papieren an, die er niemals angriff. Und wieder ging es an die Arbeit, bei Tag und bei Nacht, im Frühlingsregen und im Wintersturm der Eifel. Die Gegenwart mußte heran, um die Zukunft seiner Mädels zu sichern. Reich konnte er sie nicht machen, Reichtum gab der rauhe Eifelboden nicht her, aber so viel mußte und sollte es werden, daß sie als starke und frei wählende Menschen bestehen konnten, wenn auch ihn »Freund Hein einst beschleicht«. »Schlaf nicht ein, mein Pferdchen! Hoho!«

Und während der kleine, rasche Doktorwagen irgendwo über die Eifelkuppen hoppelte, zogen die Frühlingsmädchen nach glücklich überwundenem Schultag durch die Ruinen des alten Schlosses; denn seit sie in Geschichte und Dichtung eingeführt wurden, war ihnen wie ein neues Spiel die Romantik ins Blut gefahren und ließ sie nur noch diesen Teil des väterlichen Sitzes vollauf würdigen. Oben auf dem alten Turmgesims lagen sie lang ausgestreckt, eine jede nach einer anderen Seite der Windrose, wie verwunschene oder geraubte Ritterfräulein, und ließen die Blicke über die grenzenlose Weite und Einsamkeit der Eifellandschaft schweifen, ob ein Ritter käme oder ein Verzauberter. Dazu sangen sie lockende Weisen, von der Lorelei oder den beiden Königskindern, und wenn kein Silbergeharnischter auf schwarzem Berberhengst auftauchte oder doch wenigstens ein Minnesänger mit wehendem Barett, himmelblauem Mantel und elfenbeinernem Saitenspiel, so lugten sie wohl auch in die Nähe und gewahrten mit Vergnügen, daß aus den Gassen der Stadt ein paar Gymnasiasten in bunten Mützen den Schloßberg heraufgestelzt kamen, taten, als lugten sie nur in die fernste Ferne aus, und winkten wohl auch mit ihren Tüchlein fern, fern einem Luftgebilde.

»Der Schlacks in der Primanermütze ist der Georg Brüning vom Notar und Rechtsanwalt,« erläuterte die stürmische Eva während des ruhig weiterschwebenden Gesanges. »Wie schlapp sich der Bengel hält. Der Affe glaubt, es sei die neueste Mode. Und seht doch mal den Robert Junker, den Sekundaner. Er hat sich ein paar farbige Bänder aneinandergenäht und trägt sie über der Weste, um uns einen flotten Bruder Studio vorzuspiegeln. So ein Flausenmacher. Und der Fritz Leydecker mit seinen roten Fäusten steht dabei und grinst vor Hochachtung, statt seine Körperkraft zu zeigen und uns zu Ehren die beiden anderen wenigstens einmal zu verwamsen. Mein Gott, was für Anbeter!«

»Für mich ist keiner darunter,« seufzte die goldrote Maria unter ihrem Heiligenschein und begann mit süßer Stimme eine neue Liedstrophe.

»Nein, Kind, für dich ist keiner darunter. Um Gottes willen! Aber wenn wir anderen erst verheiratet sind, wollen wir einen für dich backen aus feinstem Lebkuchenherz, mit Mandelaugen und einem Rosinenmund. Friedel! Fränzchen! Gebt acht! Die Jungens klettern über die Mauer.«

Das Lied riß ab. Auf huschenden Katzenpfoten ging es die Sprossenstiege hinunter, die vom Turmgesims zur Erde führte. Dicht neben dem Turmpförtchen bauchte sich ein kleines Pförtnergelaß, und die Mädchen schlüpften eng aneinandergeschmiegt hinein, zogen die geöffnete Turmtür zur Deckung heran und lauschten atemlos hinter den Bohlen.

Schritte jetzt, Stolpern und Schnaufen. Die Buntbemützten hatten sich einen Mut gefaßt, stolperten über die Schwelle und begannen die Sprossenstiege zu erklimmen. Die Feueraugen der schwarzen Eva funkelten hinter ihnen drein. »Jetzt!« sagte sie, und im Husch waren die Mädchen lautlos hinter der Tür hervor und im Freien, zogen das Pförtchen ins Schloß, drehten zweimal den Schlüssel um und wandelten, Arm in Arm gehängt, mit neuem, sehnsüchtigem Liedgesang durch den Blumengarten, wie der Welt entrückt. Von der Plattform des Turmes aber stierten die Buntbemützten fassungslos über die Brüstung.

»Jetzt haben sie uns gesehen,« zischelte die braune Friedel.

»Nein,« flüsterte die schwarze Eva, »sie machen Glotzaugen, und damit sieht man nichts.«

»Nun wird der Fritz Leydecker wohl seine ewige Hochachtung vor den feinen Kameraden einpacken,« freute sich das blonde Fränzchen.

»Ich wollte, sie sprängen vom Turm wie wilde Rittersleute,« murmelte träumerisch die goldrote Maria, und dann sangen sie weiter, untergefaßt in langer Reihe, die Augen in das blaue Bergland gerichtet und den Rücken dem Turm zugewendet. Von der Lorelei und den Königskindern.

Von der Plattform drang leises Scharren. Gebückt, um von der Erde aus nicht gesehen zu werden, stieg einer der betrogenen Abenteurer nach dem anderen durch die Turmluke auf die Leiter und kroch die Sprossen hinab. Nun wurde drunten die Türklinke niedergedrückt. Lautlos, aber mit strahlenden Gesichtern verfolgten die Frühlingsmädchen die Befreiungsversuche ihrer Ritter. Die verschlossene Tür gab nicht nach.

Drinnen wurde es still. Es wurde wohl Kriegsrat abgehalten. Dann warf sich ein Körper mit voller Wucht gegen die erzitternden Bohlen.

»Das war der Fritz Leydecker,« flüsterte stolz das blonde Fränzchen. »Der ist der Stärkste.«

Ein zweiter, ein dritter Anprall erfolgte. Das Schloß gab nicht nach.

Und plötzlich begannen die vier Frühlingsmädchen dicht vor der Turmpforte aufzukreischen, als ob das Entsetzen sie gepackt hätte: »Hilfe, Hilfe – Räuber, Mörder! Ruft den Vater – holt den Knecht! So laßt doch die Glocke läuten! Die ganze Stadt soll zu Hilfe kommen – zu Hilfe ...«

»Brüllt doch nicht so! Haltet den Mund! Wir sind es ja!«

»Wir? Wer ist wir? Zu Hilfe!«

»Zum Teufel, der Georg Brüning bin ich doch!«

»Ah,« machte die schwarze Eva verwundert und schnitt dazu ihren Schwestern eine hastige Grimasse, »derselbe, der immer so schlapp durch die Straßen zieht wie ein Mummelgreis?«

»Schlapp? Mummelgreis?«

»Wer ist denn noch mehr da drinnen?«

»Robert Junker!« rief eine Stimme, die vergeblich versuchte, scharf und bestimmt zu klingen.

»Wirklich?« fragte die braune Friedel erstaunt und schnippste vor Vergnügen mit den Fingern. »Das Robertchen mit dem Bindebändchen um? Ich hab' schon mal geglaubt, es wär' ein wirklicher Student.«

»Scheinheiliges Geschöpf!«

»Wer ist denn noch mehr da drinnen?«

»Fritz Leydecker. Wenn ihr nicht aufmacht, setzt es Schmiss'!«

»Wahrhaftig?« rief das blonde Fränzchen wie erschreckt und tanzte vor Freude von einem Bein auf das andere. »Der starke Fritz, der immer der anderen Packesel ist? Derselbe?«

Hinter der Turmpforte keuchte es vor Zorn.

»Für mich ist keiner da drinnen,« wehklagte die goldrote Maria.

»Laßt uns heraus! Auf der Stelle! Oder ihr sollt was besehen.«

»Wollt ihr auch ganz hübsch still nach Hause gehen und in Zukunft fleißig eure griechischen und lateinischen Vokabeln lernen, daß man sich eurer Bekanntschaft nicht zu schämen hat? Immer fein warten bis wir Mädchen es an der Zeit halten –«

Weiter kam die schwarze Eva nicht. Mit wilder Gewalt hatten sich drei Knabenkörper gegen die Tür geworfen, daß die Bretter splitterten. Rücklings schlug der starke Fritz Leydecker zuerst hinaus, hinter ihm fuhren Brüning und Junker durch die Staubwolke. Eine Sekunde nur lagen sie wie betäubt. Dann machte sich Fritz Leydecker wortlos daran, das blonde Fränzchen zu verprügeln, der Primaner Brüning fiel über seine Quälerin Eva her, und der farbengeschmücke Robert Junker warf sich mit hämmernden Fäusten auf die blonde Friedel. Die Mädchen taten keinen Schrei. Stumm tobte der Kampf. Dann kletterten die drei Buntbemützten befriedigt über die Mauer und verschwanden spurlos.

Die Frühlingsmädchen waren allein. Krampfhaft hielt die atemlose Eva eine schöngemusterte Halsbinde, die zerzauste Friedel ein zerrissenes Studentenband und das bös mißhandelte Fränzchen einen großen hirschhornenen Jackenknopf in der Hand. Dann brach die Älteste das Schweigen.

»Siehst du nun,« stieß sie noch immer atemlos hervor und klopfte den Schwestern den Staub aus den Röcken, »siehst du nun, wie gut es war, kleine Maria, daß für dich – niemand drinnen war?«

Eine halbe Stunde später hatte der Knecht das alte Pförtchen wieder verschalt und in seine Angeln gehoben. Als am Abend der Vater heimkehrte, wurde er wie immer mit Jubelgeschrei empfangen.

Am späten Abend aber schlich die kleine Maria zu den Betten der Schwestern. Keine schlief. Und sie krochen zu viert in das Bett der Ältesten, eine dicht neben der anderen, und die Kleine kam ans Fußende. Tuschelnd und kichernd durchlebten die Frühlingsmädchen noch einmal den Tag der Ritter und Frauen.

»Herrlich war's, herrlich,« wisperte die kleine Maria, »wie alles durcheinanderflog. Ein andermal laßt ihr mich mit dabei sein. Ich will auch meinen Spaß.«

»Kinder,« sagte die kräftige Eva, »es war Spaß und mehr als Spaß. Die Jungen wissen jetzt, daß wir ihre Fehler kennen, und werden sich vor uns zusammenreißen.«

Nach diesem mütterlichen Ausspruch ihrer Leiterin trennten sich die Schwestern und schlüpften eine jede in ihr Mädchenbett.

*

Der Doktor Frühling beobachtete stillvergnügt das Heranwachsen seiner vier Mädchen. Allabendlich holte er sich ihre Schulhefte und Mappen und Tornister, und ob der Tag noch so anstrengend für ihn gewesen sein mochte, er schüttelte die Müdigkeit ab und las aufmerksam und frohgestimmt, was seine vier den Tag über an Weisheit zu sich genommen und der Welt wiedergegeben hatten. Da lag das Innenleben seiner Mädchenschar offen vor ihm wie die Blätter ihrer Schulhefte, aber auch die Lücken wurde er gewahr, die der Schulunterricht der Kleinstadt nicht auszufüllen vermochte. Und der nun schon grau gesprenkelte Landarzt machte sich zu einem neuen Amte bereit.

Als die großen Herbstferien für die Schulen angebrochen waren, nahm er abwechselnd und je vierzehn Tage lang zwei seiner Mädchen mit auf die Fahrt durch die Eifeldörfer. Violett in verblühender Heide lagen die Hochflächen, wie lauschende Zwerge hockten die seltsam geformten Wacholdergesträuche vor dem schwarzgrünen Wald. Und der Doktor sprach zu seinen Töchtern von den Blumen und Kräutern und ihren verborgenen Eigenschaften, von den Pilzen und Waldfrüchten und Säften, von dem Getier und seinem Zweck und Leben bis herab zur kleinsten Milbe, von Wind und Wetter und den Gestirnen am Himmel. Und von der Pflanzen- und Tierwelt der Heimat kam er auf die der fernen und fernsten Länder zu sprechen, die er zwei Jahrzehnte lang durchforscht hatte, auf ihren Sternenhimmel, auf ihre Menschen, Sitten und Gebräuche. Von Land zu Land, von Erdteil zu Erdteil führte er seine Mädchen, und die Geschichte der Völker umspann die fremden Schollen. Augen und Wangen wurden den Mädchen heiß, und die Seele tat das Kleine ab und wurde weit, und der Verstand wurde geschärft und gestählt. Mit in die Bauernhäuser mußten die Mädchen und dem Vater zur Hand gehen und lernen, daß eine blutige Wunde, eine heimtückische Krankheit nicht da ist, um sich zu entsetzen, sondern um sie zu heilen. Hilfreich sei der Mensch, und die Frau zumal. Und die Frühlingsmädchen hielten aus, ohne mit der Wimper zu zucken, wuschen die Wunden, rollten den Wickelverband ums kranke Glied, halfen der Wöchnerin den Säugling versorgen und den überständigen Alten in der Todesstunde.

Längst waren die Ferien dahin, aber der Lebensunterricht ging weiter. An den schulfreien Nachmittagen, an den Sonn- und Festtagen, selbst des Nachts, wenn der Doktor hinaus mußte, hockte die Eva und die Friedel oder das Fränzchen und die Maria in dem schmalen Kastenwagen beim Vater, lauschten, sahen und lernten wie im Spiel, und nie deuchte sie die Jugend so schön. Sechzehn Jahre zählte jetzt die Älteste, und die kleine Maria zwölf. Froh und gesund waren sie, zielbewußt und voll drängenden Lebens, und nur die Kleine geriet noch ins Träumen, wenn sie Musik vernahm oder selber am Klavier saß.

Brauchte der Doktor einen Abend nicht mehr hinaus, so braute ihm die Eva einen steifen Grog, wohl wert, daß ein seebefahrener Mann ihm seine Gunst zuwandte, und die anderen sorgten sich um ihn mit Lehnsessel, Pantoffeln und Zeitung. »Man muß sich nur um seine Kinder kümmern, und die Kinder kümmern sich um uns,« schmunzelte der alte Lebenskundige, lobte den Grog über den Nordpol, Sessel und Pantoffeln über den Serail des Großtürken, schlug die Zeitung auseinander, sah hinein, stutzte und rief: »Na, nun hört doch nur, Kinder, das muß ich euch doch mal vorlesen. Gebt acht, und jede soll ihre Meinung sagen.«

Und nun folgten sich politischer Leitartikel und Reichstagsbericht, Theater, Kunst und Wissenschaft, bis zur Wetterprophezeiung für den nächsten Tag. Was die Mädchen nicht verstanden, wurde erklärt, Parteipolitisches und Wirtschaftliches, Strömungen der Literatur und neue Erkenntnisse auf den Wissensgebieten. Bücher wurden herbeigeschleppt, Atlanten aufgeklappt, Ansichten aufgestellt, verfochten, bewiesen, der väterliche Grog ein-, zweimal erneuert und unermüdlich an der Brauchbarmachung der Mädchen für das Leben gearbeitet. Und das Lachen und die Freude waren nichts als die Sonnenseite des Ernstes, ohne daß sie es wußten.

In immer größer werdenden Zwischenräumen sahen die vier Frühlingsmädchen die alten Spiel- und Kampfgenossen. Der Notarsohn Georg Brüning studierte zu Bonn in sorgsam ausgewählten Anzügen die Rechtswissenschaften, doch fürchtete die schwarze Eva, als ihre Funkelaugen beim ersten Wiedersehen über ihn hinfuhren, daß allein die kunstvoll geschlungene Krawatte die Zeit der Morgenvorlesungen hinreichend in Anspruch nehmen dürfe. Auch die braune Friedel vermochte sich mit der Erscheinung ihres Freundes Robert Junker, dem nun das echte Dreifarbenband prall über der Weste saß, nicht sonderlich zufrieden zu erklären. Der schlanke Robert schien ihr doch etwas aufgeschwemmter, als es ihrer Ansicht nach das gründliche Studium der Medizin mit sich zu bringen pflegte, und die Fülle der steilen Terzen über dem breiten, erst wenig vernarbten Durchzieher im Gesicht ließ höchstens auf einen Umweg zu den anatomischen Studien schließen. Auch Fritz Leydecker war einmal zu Pfingsten erschienen und hatte seine breitschultrige Figur in gehöriger Sehweite des »Schlosses« zur Schau gestellt. Kurz darauf glaubte das blonde Fränzchen einen unaufschiebbaren Tang ins Städtchen unternehmen zu müssen und konnte nicht hindern, daß der handfeste Kindheitsfreund an der nächsten Wegbiegung zu ihr stieß. Fritz Leydecker hatte seine humanistische Bildung mit der Erlangung des Reifezeugnisses zum Einjährig-Freiwilligen-Dienst als abgeschlossen betrachtet, eine dreijährige Lehrzeit als Buchdrucker durchlaufen und arbeitete nun in gehobener Stellung in der Setzerei einer großen Kölner Zeitung. Kopfschüttelnd vernahm das geistig rege Fräulein, wie wohl sich der gutmütige Freund fühle und wie zufrieden er sei. »Zufrieden,« meinte das Fränzchen, »kann doch höchstens der Mensch im Greisenalter sein, wenn er den letzten Gedanken in eine fruchtbringende Tat umwandelte, und nicht ein junger Mann, weil er eine gefüllte Suppenschüssel vor sich hat. Man kann auch eine Suppe veredeln, verstehst du?« Aber der Freund verwunderte sich vorläufig nur.

Die ersten Jahre verblieb es bei den Wiedersehen in den Ferientagen und kürzeren oder längeren Streifen auf den alten Jugendwegen, die die Ginsterbüsche im Frühjahr goldüberlohten, die Glockenblumen blau färbten, die Heide mit purpurnen Teppichen überzog, bis Sommer und Herbst alles in violetten Tönen zerfließen ließ und die Ebereschen in der dünnen Höhenluft keinen anderen Schmuck mehr in die weite Landschaft tragen konnten als ihre fröstelnden korallenroten Beeren. Dann standen die jungen Menschen abschiednehmend und heimatbefangen auf einem Höhenkopf, schauten über das starre Wellenmeer der Eifel bis hinaus, wo sie den Rhein, die Mosel wußten und die hohen Berge der Ahr, und grüßten Berge und Burgen der Heimat. An den Trichterseen, den dunkeläugigen Maaren, schlenderten sie mit schwergewordenen Füßen vorbei und dem Städtchen zu, das wie eine alte vergessene Sagenkrone auf dem Hügelkamm liegengeblieben war. »Totes Nest,« sagte der vornehme Notarsohn und griff sich nach der Halsschleife, als ob sie ihm zu eng geworden sei.

»Wenn ihr es sterben laßt, ist es tot,« erwiderte Eva Frühling in auflodernder Kampffreude.

»Es lohnt nicht,« meinte müde der Jurist, und der Mediziner nickte. Sie waren beide auf dem Wege nach Berlin.

Die braune Friedel sprang mit unverbrauchter Zähigkeit der Schwester bei. »Es lohnt nur nicht, wenn man zu vornehm zum Arbeiten ist oder zu – zu – durstig. Jawohl. Hat's etwa bei meinem Vater nicht gelohnt? Ein ganzes starkes Menschenleben hat er hier aufgerichtet und seine vier Mädels mit in die Höhe genommen und ist glücklich geworden und zehnmal so stolz als ihr alle, daß ihr's nur wißt.«

»Ja, der Doktor Frühling – –«

»Das ist auch ein Auswärtiger.«

»Ein Auswärtiger, richtig. Und ich glaube selber, daß der Stadt nichts besser wäre als eine Blutauffrischung, wenn ich euch so ansehe und anhöre. Das aber dürfte sich wohl lohnen. Der Robert ist ja Mediziner und wird daher wohl wissen, was eine Blutübertragung bedeutet, und daß ein richtiger Arzt seinen Stolz dareinzusetzen hat, einen müden Körper wieder frisch auf die Beine zu stellen, statt hinterm Bierglas mit den Achseln zu zucken.«

»Donnerwetter, wenn das auf mich gehen soll –«

»Es geht auf alle Kleinstädter, die die Schönheit der Heimat vor dem Zauberfeuerwerk der Großstadt vergessen.«

Von Liebe sprachen die jungen Menschen nie, wenn sie sich auch nach Auswahl und zu zweit zusammenhielten. Es war etwas zu Gesundes in den Frühlingsmädchen, als daß man ihnen mit schönen Worten hätte die Sinne verwirren können. Ihre Augen, vom Vater geklärt und geschärft, blickten in den Endzweck aller Dinge, und nur die goldrote Maria ließ sich mehr und mehr von den Tönen umrauschen, die sie ihrem Klavier entlockte, und wurde erst wach und ein echtes und rechtes Frühlingsmädchen, wenn die Schwestern heimkehrten und über sie herfielen. Dann aber war sie die Übermütigste.

Als die Studenten die Stadt verlassen hatten, hielt der Doktor Frühling mit seinen Töchtern eine Ratsversammlung ab. Alle saßen sie beim Lampenschein um seinen Arbeitstisch.

»Mädels,« begann der Doktor und strich langsam seinen graugewordenen Bart, »ein richtiger Haushalter macht bei Lebzeiten Kassensturz und überläßt es nicht den trauernden Hinterbliebenen, sich in den Tod zu wundern. Ihr seid jetzt so weit, daß ihr euch selber einen Überschlag machen könnt, ja müßt, damit ihr wißt, wie weit ihr zu springen habt, und euer Leben nach Menschenmöglichkeit geordnet bleibt, auch wenn ich mal nicht mehr da sein sollte. Ne, ne, ne, Friedel, du brauchst meinen Puls nicht zu fassen. Der schlägt noch kerngesund, und bevor ich nicht zum wenigsten viermal Großvater geworden bin, gedenke ich mich durchaus nicht aus dem Staube zu machen.«

»Gut,« entschied Eva, »fahre fort.«

»Nun seht einmal, Kinder. Auf diesem Blatte steht, was ich mir in den zwanzig Jahren hier erworben habe. Nicht wahr, es liest sich ganz leidlich. Aber wenn man einen Taler durch die Zahl vier teilt, bleiben auf den Kopf fünfundsiebzig Pfennig. Das sieht sich dann schon weniger unternehmend an.«

»Kommt unsere eigene Arbeit hinzu, Vater.«

»Richtig. Darauf wollte ich hinaus. Was ich euch lehren konnte, habe ich euch gelehrt. Aber das sind erst die Grundmauern zum Haus. Nun kommt es darauf an, wie eine jede von euch weiterzubauen wünscht.«

Die Mädchen blickten versonnen in das Lampenlicht. Sie hatten längst über ihren Weg nachgedacht.

»Es reicht auch zum Studieren,« meinte der Vater, »obwohl ein regelrechtes Studium mit seinen Vorbereitungsjahren, den Semestern und den gewinnlosen Übergangsjahren eine große Bresche in euer kleines Vermögen schlagen würde. Immerhin, wählt selber, ich vertrau' auf euch.«

Die schwarze Eva schüttelte den Kopf.

»Ein sechsjährig Studium? Wo du doch zum wenigsten viermal Großvater zu werden wünschest?«

»Kinder – nehmt also keine Rücksichten.«

»Doch, doch, doch! Und überhaupt!« Die drei Ältesten riefen und wehrten durcheinander.

»Also die Eva hat's Wort,« bestimmte der Doktor. »Was soll's mit dem ›überhaupt‹?«

»Überhaupt ist meine Meinung, Vater, daß nicht jedes Frauenzimmer ›studiert‹ zu sein braucht, um ihren Mann zu stehen. Was läuft heute nicht schon alles auf die Universitäten! Die innerlich dazu berufen sind, sollen hin und müssen hin, aber die Mehrzahl rackert sich ab und hungert sich ab und verelendet ihre kräftigsten Jahre, um einen Titel und, wenn's Glück hold ist, ein Pöstchen zu erwischen. Da will ich doch tausendmal lieber Nummer eins in irgend einem kräftigen Lebensberuf sein als Nummer null in einer eingebildeten Bildungswelt. Wenn ich zum Beispiel, wie ich hier bin, ein, zwei Jahre auf die Kölner Handelshochschule ginge und träte dann bei einem Rechtsanwalt als Bureauvorsteher ein – Gott, es kann natürlich auch ein Kaufmann oder ein Ingenieur sein –, so verdien' ich mir, was ich nötig habe, bin im übrigen mein freier Herr, brauch' keine große Bresche in mein kleines Vermögen zu schlagen und könnte einmal, wenn schon geheiratet werden soll, in Geschäftsdingen meines Mannes rechte Hand sein. Vier Gründe für einen.«

»Und einer würde genügen – sagen wir also: um deines Mannes rechte Hand zu sein. Auf die linke hätte übrigens keiner von uns gewettet.« Und der Doktor Frühling sah der Reihe nach lachend seine Mädchen an, und die Mädchen jubelten ihm zu.

»Ich melde mich auch für die Handelshochschule,« rief die dritte, das blonde Fränzchen. »Wenn Eva und ich zusammenziehen, wird es billiger!«

»So, so, so,« brummte der Arzt in den Bart. »Nun, man muß auch diesen Grund gelten lassen. Aber Nummer zwei hat sich noch nicht zum Wort gemeldet.«

»Vater,« sagte die braune Friedel, »den Gedanken an ein medizinisches Studium habe ich aufgegeben, so sehr er mich reizte. Ich sehe ja an dem jungen Junker aus der Stadt, wie lange sich so eine Sache hinziehen kann. Er steht immer noch vor dem Physikum.«

Der Doktor hob die Hand. »Nun, nun, wenn du zum Beispiel nicht einer schlagenden Verbindung beiträtest und häufiger zum Reagenzglas als zum Bierglas griffest –«

»Ich versteh' dich, Vater. Aber da du doch die vier Enkel nicht von einer Tochter zu haben wünschest –«

»Meine Enkel! Meine verehrten Enkel!« stöhnte der Doktor auf und wühlte in seinem Bart. »Meine Enkel haben nicht das Schicksal meiner Töchter zu bestimmen! Vorläufig bin ich noch der Vater und nicht der Großpapa. Wähle frei, mein Kind. Du hast eine außerordentliche Begabung für den medizinischen Beruf. Es wäre schade, wenn deine sichere Hand, dein Frohsinn und deine Willenskraft der leidenden Menschheit verloren gingen.«

»Der Krankenschwesterberuf braucht das alles noch viel mehr, Vater, als nur die Wippröckchen. Lackschühchen und eine schöne Brosche. Laß mich als Lehrschwester eintreten. Ich werde deinem Namen keine Schande machen.«

Der Doktor strich seinen zerwühlten Bart wieder glatt. Er brauchte länger dazu, als es den Mädchen nötig schien. «Drei Erziehungsergebnisse,« knurrte er endlich. »Hm, nicht weit gefehlt. Lieber in der Provinz der Erste, als in Rom der Letzte. Mädchen, ich möchte euch alle drei auf dem Knie reiten lassen, wenn ihr lütten Deerns nicht schon so große Damens geworden wärt. Stopp, stopp, ich ersticke! Kinders, ich geh' über Bord! Wollt ihr denn das Nestküken nicht auch singen hören?«

Da gaben die drei, die sich auf seinen Knien drängten und seinen Hals umdrosselten, Ruhe und glitten geräuschlos auf ihre Plätze.

»Also nun rede du, kleine Maria. Möchtest du eine Elfenkönigin werden oder ein Frühlingsmädchen wie deine drei wilden Schwestern?«

»Beides,« sagte die goldrote Maria und strich sich eine Locke aus dem Träumergesicht.

»Beides?« hub der Doktor nach einer Pause an. »Ich fürchte, mein Töchterchen, daß sich diese grundgegensätzlichen Dinge im Leben nicht werden vereinigen lassen.«

»Dann erst das eine und dann das andere.«

Der Doktor sah sein Jüngstes an. Er strich ihm liebkosend mit der Hand über die Locken. »Maria –« sagte er.

»Ich möchte mich noch nicht so schnell von meiner Musik trennen, Vater.«

»Und von den Traumgängen durch die Wunderwelten, die sie uns vorzaubert. Kind, die Zeit der Schwanenritter ist dahin, und was uns geblieben ist, ist weniger schön und doch – viel, viel schöner, weil es die gesunde Wirklichkeit ist, weil sie uns selber fordert, die ganze Kraft, den ganzen Menschen, die ganze derbe Liebeslust an der handgreiflichen Kreatur und den handgreiflichen Tatsachen statt des entzückten Stöhnens über eine Heldentat, die außerdem schwer nachprüfbar ist, weil sie meistens nur der Held allein behauptet. Ach, Kind, wenn du all diesen Erlebnissen mit Riesen, Zwergen, Drachen und schönen Wasserfrauen auf den Grund gehen könntest, ich sage dir, es kämen seltsame Dinge zum Vorschein, und Wucherjuden, Halsabschneider, Hausknechte und liederliche Frauenzimmer würden eine beträchtliche und betrübliche Rolle darin spielen. Doch zu dieser fröhlichen Erkenntnis muß sich ein jeder selbst durchringen, und ich will dir die Freude an der Rätsellösung nicht verderben. Du möchtest Musik studieren? Du sollst es.«

»Vater – Vater!«

»Und wenn es so wird, wie ich es vorausgesagt habe, – wirst du dann ebenso vergnügt ›Vater – Vater‹ rufen?«

»Noch viel vergnügter, Vater! Denn dann weiß ich doch, daß das Vergnügtsein gar nicht so einfach ist, wie es sich die meisten Menschen denken.«

»Kind, Kind, ich sage es dir als Vater und Arzt, es gibt nur ein Heilmittel gegen das Leben und gegen den Tod: die selbsterrungene Fröhlichkeit.«

Lautlos saßen im Kreis die Frühlingsmädchen und blickten mit leuchtenden Augen auf den Mann, der ihnen Vater und Mutter, Erzieher und Wegweiser war.

»Euch alle auf einmal herzugeben, halte ich nicht für richtig,« meinte der Doktor nach einer Weile stiller Nachdenklichkeit. »Nicht aus Selbstsucht. Das wäre die falsche Vaterliebe. Nein, ihr Mädchen, euer selbst wegen. Wenn nacheinander zwei gehen und zwei bleiben, so ist es nur ein Verreisen und kein Vondannenreisen, nur eine Luftveränderung des Körpers und nicht der Seele. Die Schwesterlein in der Heimat halten das Garnknäuel der Ariadne, an dem sich die Schwesterlein in der Fremde schnell und lustig wieder heimfinden. Denn die stärksten Wurzeln unserer Sehnsucht haften nun doch einmal in dem Boden, auf dem wir groß geworden sind und Liebe, Freundschaft und Schwesternschaft erfahren haben. Das sagt euch ein Mann, dessen Heimat jahrzehntelang das Meer war, und der sich den Heimatboden spät erst erwerben mußte. Es geht viel Sehnsucht, viel Liebe, viel Freundschaft verloren, wenn Menschen, die sich so nahe stehen und in Glück und Unglück dasselbe fühlen, auseinandergerissen werden nach Nord und Süd. Es sollte nicht sein, wo es angängig ist. Das Leben ist zu kurz und geht nicht mehr rückwärts.«

»Nein, Vater, das soll nicht sein,« sagte Eva Frühling für die Schwestern.

»Gut, ihr Mädchen.« Der Doktor straffte sich. »Und nach richtigem Wundarztbrauch wollen wir ohne viel Zögern zum heilbringenden Messer greifen. Die beiden Handelsschülerinnen zuerst an die Klinge. Eva und Fränzchen, packt eure Siebensachen. Sonntag in der Frühe dampfen wir gen Köln, suchen Quartier und besorgen die Anmeldung an der Handelshochschule. Fertig. Friedel tritt in nächster Woche bei mir im Krankenhaus ein. Ich werde mit der Schwester Oberin alles besprechen. Später, wenn die Schwestern zurück sind, gehst du zur weiteren Ausbildung hinaus in ein größeres und reichhaltigeres Tätigkeitsfeld. Unsere kleine Maria zählt jetzt fünfzehn Jahre. Sie wächst sich indes zu einer Jungfrau aus, die ein Tenorsolo von dem Arbeitslied des Werktags wohl zu unterscheiden vermag. Dann soll sie nach Frankfurt am schönen Main auf die Musikhochschule. Alle einverstanden? Alle meine vier? Na, dann frage ich jetzt nur noch: Habe ich einen Grog verdient, oder habe ich keinen Grog verdient?«

*

Der alte Doktor Frühling zählte sein fünfundsechzigstes Lebensjahr, als die erste seiner Schwalben wiederkehrte. Üppigen Wuchses, funkelnd vor Lebensfreude und Tatendrang, selbstsicher in Wort und rascher Bewegung war die schwarze Eva heimgekehrt, als der Vater ihr in einer Randbemerkung geschrieben hatte, der alte Notar Brüning kränkele und verkindsche ein wenig und die Notariatsgeschäfte schleppten am Boden. In ihrer zupackenden Bestimmtheit trug sie dem zittrigen Herrn die Früchte ihrer zweijährigen Handelshochschulbildung an, überwand seine letzten Bedenken durch einen vorläufigen Verzicht auf jegliche Gehaltsforderung, die für bessere Zeiten gestundet werden mochte, und sah nach wenigen Tagen als Befehlshaber eines Schreiberjungen in der staubigen Schreibstube des Notars. Das erste war ihr, die Röcke und Ärmel aufzuschürzen und die Amtszimmer einem gründlichen Hausputz zu unterziehen. Dann begann die Durchsicht und Ordnung der unerledigten Akten. Und dann ratterte die Schreibmaschine los und flog die Feder vom Morgen bis zum Abend, Wochen und Monate hindurch, bis auch der letzte Akt gefertigt war und das letzte Bäuerlein wußte, was nach Brief und Siegel sein Eigentum war, und das letzte Bürgerlein endlich im Besitze eines rechtsgültigen Testamentes wohlgeborgen schlafen konnte.

»So,« meinte die rasche Eva, und ihre Augen blitzten den zittrigen Notar wie Feldwebelaugen an, »nun sehen wir doch wieder Grund und auch die Farbe des Fußbodens. Das muß nun bleiben wie Parkett, und wenn Sie noch so viel Arbeit hereinschaffen, Herr Notar.«

Der Notar aber schaffte keine Arbeit herein. Er ließ wie in verschwundenen Jahren, da er noch allmächtig war in dem weiten, abgelegenen Kreis und die Bauern zu ihm kommen mußten, ob sie wollten oder nicht, die Dinge müde und vornehm ihren Lauf gehen, und nur der Notar in der nächstgelegenen Kreisstadt hatte seine Freude daran. Das war die Zeit, in der Eva Frühling begann, sich volkstümlich zu machen, auf allen Kirchweihen der Umgegend zu erscheinen, allen Kindtaufen beizuwohnen, bei denen ihr Vater die Hand im Spiele gehabt hatte, bei allen Begräbnissen Trost zu spenden und die Erben über die besten Verteilungsmöglichkeiten zu unterrichten. Wenn sie durch ein Dorf kam, wurde sie von den Bauern oder ihren Weibern angerufen und zu einer Tasse Kaffee in die Stube genötigt. Die Eva vom Doktor Frühling war bekannt als der gescheiteste Kopf, der nicht lange fackelte, den Nagel auf den Hut traf und deshalb schon mehr wert war als zehn gefuchste Advokaten, weil sie Rat und Rechtsbelehrung, ja selbst das Aufsetzen der knifflichsten Schriftstücke und Eingaben ohne den geringsten Entgelt und nur für einen kräftigen Handschlag vornahm. Daß sich alsdann die Bauern, um ihre geregelten Angelegenheiten notariell beglaubigen zu lassen, zum Notar Brüning in die Stadt begaben, war nur selbstverständlich. Wußten sie doch in der rechten Hand des Notars, dem sackermentschen Frauenzimmer, ihre beste Vertreterin.

So begannen sich die Geschäfte zu mehren und zu festigen, als an einem Morgen der immer stiller und müder gewordene Notar nicht in seinem Amtszimmer erschien, sondern in seinem feinen Mahagonibett liegen blieb, um der Sorge für Stempel und Unterschrift ein für allemal enthoben zu sein.

»Da schläft die alte Zeit,« sagte die schwarze Eva an seinem Lager, »spitz, klein und in einem Mahagonibettchen. Es müssen wieder größere Bettstellen gezimmert werden, auch wenn sie nicht aus Mahagoni sind.«

Der Assessor Brüning war zur Beerdigung seines Vaters im Städtchen erschienen. Er folgte dem Sarge in vornübergebeugter Haltung, aber in spiegelndem Zylinder und untadeligen Lackschuhen. Ein wenig ermüdet und unliebsam berührt von den Pflichten und Mühen des Tages ruhte er tief in einen Lehnsessel gedrückt und sah seine alte Jugendfreundin mit abwesenden Blicken an. »Du mußt dich entscheiden, mein lieber Georg,« sagte die schwarze Eva und hielt ihn fest unter ihrem Blick. »Über deine Vermögensverhältnisse bin ich unterrichtet. Jeder Versuch, mich eines Besseren zu belehren, wäre eine überflüssige Anstrengung, und du bist vorderhand nicht für Anstrengungen. Die gesamte Geldwirtschaft deines Vaters ist in den letzten zwei Jahren durch meine Hände gegangen, ich habe sie geordnet, soweit da zu ordnen war, und sie zum wenigsten mit dem Ansehen des Notariats wieder in Einklang gebracht. Aber zu erben gibt es hier nichts, als – das Beste: Arbeit.«

»Um Gottes willen,« murmelte der Assessor, »komme mir in dieser Stunde der Trauer doch nicht mit dem Allerunleidlichsten der Welt, mit Geldgeschichten.«

»Du begehst eine kleine Verwechslung, mein lieber Georg. Ich komme dir mit Arbeitsgeschichten, denn von Geld kann leider Gottes nicht die Rede sein. Arbeit, so sagte ich.«

»Ich habe mich in Berlin als Rechtsanwalt niedergelassen, meine gute Eva.«

»Das war für einen jungen Mann, der möglichst ungestört sein Dasein verbringen will, sicher das Zweckentsprechendste. Aber mir scheint, es handelt sich hier weniger darum, wo du Geld loswerden kannst, sondern wo du es verdienen kannst.«

»Und du hättest den Mut, meine gute Eva, mir vorzuschlagen, fern von aller Kultur in diesem Ackerbürgernest meine Tage zu verbringen?«

»Ich hätte diesen Mut, mein lieber Georg. Aber gewiß nicht, damit du hier – wie du dich auszudrücken beliebtest – deine Tage verbringen könntest, sondern damit du sie ausnutzen, inhaltreich, fruchtbar machen kannst. ›Ran an die Klinge‹, wie mein Vater zu sagen pflegt. Vom Pflastertreten, Droschkenfahren, Theaterbesuchen, In-Gesellschaften-Laufen und Zwischendurch-ein-Schild-Herausstecken: ›Dr. Brüning, Rechtsanwalt‹, davon hat noch kein Jüngling seine mehr als traurigen Geldverhältnisse in einen besseren Schick gebracht. Ach bitte, ich spreche. Und es ist höchste Zeit, daß gesprochen wird. Sonst könntest du dich bald und lediglich in deinen feinen Beinkleidern begraben lassen, denn zu einem anständigen Sarg würde es kaum noch langen.«

»Meine gute Eva –!«

»Sieh einmal, mein lieber Georg, du wirst dich daran gewöhnen müssen, mich aussprechen zu lassen. Mit Redensarten wie ›meine gute Eva‹ können wir wohl ein Schäferstündchen feiern, aber auch nicht einen Taler wechseln lassen. Und das scheint mir doch in deiner Lage das Wichtigere. Mache mir also, bitte, nichts vor und erzähle mir nichts von Berlin und den Kulturaufgaben auf der Friedrichstraße und Unter den Linden. Es gibt auch noch andere Aufgaben für einen kräftigen, jungen Mann, und wenn es nur die der Kultur einer Kreisstadt in der Eifel wären. Spuck' in die Hände, mein Junge, denn die Handschuhe wirst du ausziehen müssen. Gott, graul' dich nicht. Es weht nun einmal rauhe Luft in der Eifel. Aber das Notariat, fest angefaßt, nährt seinen Mann, das Leben in Berlin nur deine Gläubiger. Also müssen wir dir die Nachfolge im Notariat beschaffen, und in die Höhe bringen werden wir es, darum braucht dir nicht bange zu sein, denn ich werde in der Stellung als Bureauvorsteher ausharren. Nun?«

»Mein Gott,« sagte der Assessor Brüning und schlug die Hände vors Gesicht, um dem Blick ihrer funkelnden Augen zu entgehen. –

Nach kurzer Frist wurde der Assessor Brüning als Nachfolger seines geehrten Vaters zum Notar bestellt. Der alte Doktor Frühling hatte mit den Herren des Gerichts mancherlei Unterhandlungen gepflogen und mehrere Reisen nach Koblenz zur Regierung unternommen. Dann traf die Bestallung von Berlin aus ein. Herr Notar Georg Brüning bezog das Haus seiner Väter und erschien auch in der Amtsstube, wenn seine eigenhändige Unterschrift vonnöten war. Diese Tätigkeit füllte aber nur einen so geringen Bruchteil des Tages aus, daß sich die Bureauvorsteherin, Fräulein Eva Frühling, nach Ablauf eines halben Jahres genötigt sah, um eine kurze Unterredung einzukommen. Und ob auch der Herr Notar plötzlich das Studium und die Durcharbeitung umfangreicher Akten vorschützte, die kurze Unterredung fand statt.

»Mein lieber Georg, findest du nicht, daß du über reichlich viel Zeit verfügst?«

»Nein, das finde ich nicht.«

»Gut, daß ich die schärferen Augen von uns beiden habe. Also nicht wahr, du weißt mit deiner Zeit nichts Rechtes anzufangen, der Bezirk ist nicht groß und bevölkert genug, um dich von früh bis spät mit notariellen Geschäften zu versehen, und die Leihbibliothek hast du nunmehr ausgelesen.«

»Ich stelle das durchaus in Abrede, daß ich –«

»Ach, lieber Georg, darauf kommt es ja gar nicht an. Die Hauptsache ist lediglich die Hebung deiner Stellung in wirtschaftlicher, gesellschaftlicher und persönlicher Beziehung. Das Notariat einer kleinen Stadt ist mehr oder weniger ein Alterspöstchen. Dein Sinn steht höher. Wenn du neben dem Notariat den Beruf des Rechtsanwaltes ergriffst – und ich weiß bestimmt, daß du es tun wirst –, so wirst du erstens sehr viel mehr Geld verdienen und deine Kundschaft erweitern, zweitens in den Stadtrat gewählt werden und im Leben der Stadt bald eine einflußreiche Stellung einnehmen, und drittens – ja drittens das Höchste auf der Welt erringen: deine eigene Zufriedenheit. Siehst du, nun strahlst du schon.«

Der junge Notar brachte zwar nur ein klägliches Verlegenheitslächeln zuwege und meinte, die eigene Zufriedenheit käme hier wohl weniger in Betracht als die heftige Arbeitslaune der verehrten Freundin. Auch genüge ihm Beschäftigung und Verdienst vollkommen für die Bedürfnisse der Kleinstadt. Aber Eva Frühling legte freundlich das Hauptbuch auf den Tisch, schlug eine Seite auf und deutete mit dem Finger auf den Abschluß: »Ich würde nicht davon sprechen, lieber Georg, wenn es dir nicht zum Vorteil diente. Mein Gehalt ist seit zweiundeinhalb Jahren gestundet worden. Hier steht die Summe auf Heller und Pfennig berechnet. Du siehst also, daß dein Verdienst selbst für die Bedürfnisse einer Kleinstadt nicht genügt. Oder kannst du mich ausbezahlen? Nein. Was bleibt? Mehr verdienen. Wie macht man das? Mehr arbeiten. Es ist die allereinfachste Rechenaufgabe der Welt.«

Der junge Notar starrte mit langsam sich rötendem Kopfe in das Hauptbuch. »Mein Gott,« murmelte er endlich, »ich bring's nicht zustande. Es ist zuviel für mich.«

»Sei ein Mann, Georg. Besinn dich endlich auf dich selbst und das, was das Leben fordert.«

»Eva – –«

»Ich helfe dir, Georg. Laß dich in die Liste der Rechtsanwälte eintragen und verlaß dich auf mich.«

»Und du versprichst mir, bei mir zu bleiben und mich nach Kräften zu entlasten?«

»Ich verspreche dir mehr. Ich verspreche dir sogar, dich zu heiraten, sobald du deinen ersten Prozeß gewonnen hast.«

Die gebeugte Gestalt Georg Brünings reckte sich auf. Er wollte hastig entgegnen; aber vor dem strahlenden Blick Eva Frühlings strich er die Segel. »Heiraten ...?« brachte er hervor. »Worauf baust du denn das Glück einer solchen Ehe ...?«

»Worauf?« lachte sie ihn an. »Weißt du nicht mehr, daß wir uns als Kinder verprügelt haben und ich noch deinen zerzausten Schlips als Pfand besitze? Was wir aber vor der Ehe taten, werden wir in der Ehe nicht mehr zu tun brauchen. Ist das logisch oder nicht? Im übrigen aber baue ich das Glück unserer Ehe auf unserer gemeinsamen Arbeit auf, und du darfst sicher sein, mein stürmischer Verehrer, daß ich meinen vollen Anteil auf meine Schultern nehme. Und nun schultere du wie ein Mann den deinen.« –

So wurde Georg Brüning Notar, Rechtsanwalt und Gatte der schwarzen Eva, der Erstgeborenen des Doktors Frühling, und schon hatte er durch Spitzfindigkeit und überraschende Schlußfolgerung, wie sie sonst nur besonders klugen Frauen eigen ist, seinen ersten Prozeß gewonnen, als der schmunzelnde Doktor Frühling auch seine andere Schwalbe wiederkehren sah.

*

Fränzchen Frühling kam nicht allein. Sie kam in Begleitung ihres Jugendfreundes Fritz Leydecker, und der alte Landarzt zeigte keinerlei Verwunderung. Er streckte den beiden die Hand entgegen und sagte: »Natürlich hatt' ich's mir gedacht. Erlaßt mir das Staunen, Kinder. Glück brauch' ich euch nicht zu wünschen. Ihr seid zwei Arbeitsbienen und wißt, was eine Wabe Honig wert ist.«

»Freust du dich wirklich, Väterchen?« und das blonde Fränzchen kuschelte sich in seinen Arm.

»Zwei hätte ich wieder hier von meinen vieren,« freute sich der Doktor. »Und auch die beiden anderen werden den Weg zum heimatlichen Nest finden. Die kleine Maria siedelte auf die Frankfurter Musikschule über, als die große Eva heimkehrte. Zwei und ein halbes Jahr sind's schon. Wahrhaftig! Und unser Medizinmann, die Friedel, wechselte ein Jahr darauf zum berühmten Hamburger Krankenhaus hinüber. Gott schenk' auch ihnen fröhliche Heimkehr.«

»Willst du denn nicht wissen, wie es gekommen ist, Vater? Bist du gar nicht neugierig?«

Der Alte strich ihr über das Blondhaar und lachte ihr in die Augen.

»Ich werde doch meine Mädels noch kennen? Raubritterfräulein ihr! Na, Fritz, stimmt's? Kau' dir deinen Schnurrbart nicht ab, mein Junge, ich lasse mir nichts erzählen. Aber wie wär's, wenn wir beiden Männer den dritten im Bunde, den wackeren Notar und Rechtsanwalt Brüning, zu einem Schoppen in der ›Harmonie‹ abholten? Doch, doch, er bekommt Urlaub, wenn wir der Eva das Fränzchen mitbringen. Bis wir heimkehren, haben sich die Mädels die Beichte überhört, und es herrscht klar Wetter luv und lee.« –

Die stürmische Umarmung der Schwestern war vorüber. Eng aneinandergeschmiegt saßen sie auf dem Lederkanapee der Notarwohnung und jagten sich die Worte vom Munde. »Wie ist es gekommen, Fränzchen? Wie hat es sich abgespielt? Bis zu meinem Abgang von der Handelshochschule tat er doch in seiner Werbung nichts, als sich Sonntags pünktlich zum Spazierengehen einstellen. Halt, daß ich ihm nicht unrecht tu'. Er nahm auch jedesmal eine Flasche Wein und ein paar leckere Schinkenbrötchen mit. Daß er sie in bedrucktes Zeitungspapier wickelte, hast du ihm ja abgewöhnt. Und das hielt schon schwer. Wie ist es gekommen?«

So aber war es gekommen, und es war nichts als ein bißchen Mädchenliebe und Mädchenfrische dabei. Fränzchen Frühling hatte sich auf das wirtschaftliche und politische Gebiet begeben, und die Handelshochschule hatte nur fortzusetzen gebraucht, was der Landarzt seine wißbegierigen Töchter beim Lampenschein an Hand der Zeitung, der Bücher und Atlanten gelehrt hatte. Das war fruchtbarer Mutterboden.

Die Professoren, die in reger Beziehung zu den Tagesblättern der Stadt standen, verwandten sich für die eifrige Schülerin, und da sie in Kurzschrift und Maschinenschrift gleich erfahren war wie in der englischen und französischen Sprache, so gelang es, sie als Hilfsarbeiterin bei der Schriftleitung einer großen Tageszeitung unterzubringen.

Fritz Leydecker hörte die Freudenbotschaft mit gemischten Gefühlen.

»Jetzt hast du jeden zweiten Sonntag Dienst, und ich kann alleine wandern.« »Nimm an den Sonntagen die Bücher vor, Fritz. Es kann nicht schaden.«

»Ich bin Buchdrucker,« brummelte er, »und nicht Schriftgelehrter. Wozu soll das dienen?«

»Ich dachte, du wolltest einmal dein eigener Herr sein?«

»Sieh dir mal die Arme an, die schaffen's.«

»Ohne den Kopf? Ne, Fritze, niemals. Die Welt ist heller geworden, auch in der Eifel.«

»Hochmut kommt vor dem Fall, und der Schuster soll bei seinem Leisten bleiben.«

»Wer wagt, gewinnt. Aber wenn der Drucker sich mit dem Schuster verwechselt, hat er bereits verloren.«

»Ich bin ein schlichter Handwerker, und wenn ich einmal heirate –«

»Siehst du, Fritze, dieser Satz stammt aus dem letzten Zeitungsroman, der bei euch gesetzt wurde. Bist du wirklich nicht darüber hinausgewachsen? Der Zeitungsroman ist doch nur dazu da, um die Menschen an die schwerere Kost heranzulocken, die unter ›Politik‹ und ›Wirtschaftsleben‹ in der Zeitung verabreicht wird. Denk mal darüber nach.«

Fritz Leydecker brauchte zu allem, was nachdenken hieß, lange. Sich den Tag über müde schaffen, und sich beim Schaffen auf die kleinen Wonnen des Feierabends freuen, galt ihm als Zweck des Daseins. Seine ehrliche und gesunde Mittelmäßigkeit blickte nicht weit über den Tag hinaus, seine unermüdliche Arbeitsfrische aber hätte nur eines Leitsterns bedurft, um zu Taten überzugehen, bei deren Bewältigung er spielend den körperlichen Anteil übernommen hätte. Das blonde Fränzchen Frühling hatte das wohl erkannt, und da sie des festen Glaubens lebte, den hinreichenden geistigen Anteil beibringen zu können, hatte sie beschlossen, diesen Leitstern darzustellen. Aber Fritz Leydecker ließ sich Zeit, den Gedankenflügen der Freundin zu folgen. Und doch mußte er – das fühlte der weibliche Tastsinn des Mädchens leicht heraus – selber auf den Gedanken einer Lebenssteigerung kommen, um in seiner gesunden Mannheit vor der Freundin bestehen zu können.

Vorläufig lebte der Anbeter der Jugendgespielin in seiner gemütlichen Gelassenheit dahin, zum Wochenschluß zufrieden mit dem Werke seiner Hände. Wohl eignete er sich auf Zureden der jungen Schriftgelehrtin nach und nach eine größere Belesenheit an, zu der die Freundin durch Ausleihung aller der schöngeistigen Werke beitrug, die ihr von der Zeitung zur Besprechung anvertraut wurden, und Fränzchen hatte in der Stille ihre helle Freude an seiner urgesunden und oft derb anschaulichen Urteilsweise, die ihr Sehnsucht und Erquickung des großen, unangekränkelten Volkes verriet. Wohl ging er auf ihre Anregung mählich zum Studium der Kunstdrucke über und brachte ihr, errötend wie ein Schulknabe, seine ersten Versuche. Auch dem Theater und der Musik wandte er sich, der Freundin zu Gefallen, in kürzeren Pausen als bisher zu, obwohl er immer noch eine Partie Kegel vorgezogen hätte. Im übrigen aber hatte er sein Lebensziel noch nicht verrückt. Er war Erbe eines kleinen Vermögens, das ihm über kurz oder lang beim Tode seiner betagten und kränkelnden Mutter zufallen mußte, und damit gedachte er im alten Heimatstädtchen eine Druckerei zu gründen, die im günstigen Falle mit einem Ladengeschäft in seinen Papieren zu vereinen sei. Das war ortsüblich so.

Die junge Schriftleiterin arbeitete indes mit Anspannung aller ihrer Kräfte. Heute ging sie den politischen Redakteur zur Hand und übersetzte ihm in knappen und geschärften Wendungen die Leitaufsätze der führenden Londoner und Pariser Blätter, morgen besuchte sie an Stelle des Lokalredakteurs eine hitzige Versammlung, die sich mit städtischen Angelegenheiten befaßte, und schrieb einen boshaften oder einen humoristisch gefärbten Bericht, übermorgen saß sie in Vertretung des Feuilletonredakteurs auf dem Kritikerstuhl der Theater. Immer tiefer drang sie in die Geheimnisse des Zeitungswesens ein und – in seine Bedeutung als Macht. Oft ließ sie in diesen Jahren des Strebens den Freund vergeblich warten. Oft zeigte sie sich ihm an der Seite befreundeter Kritiker, wenn sie ein Theater verließ. Das aber empfand Fritz Leydecker nachgerade am peinlichsten. Als Meister einer Zeitungssetzerei mochte er sich nicht dem Schriftleiter und Theaterkritiker der eigenen Zeitung zugesellen, der Fränzchen Frühling gerade in den zierlichst gewundenen Worten über die klassische Schönheit eines griechischen Chores unterhielt.

»Das ist doch nur so ein Dahingerede, um sich selber wichtig zu machen. Oder gefällt dir der hungrige Kerl?«

»Er ist vielleicht nur schönheitshungrig, Fritz. Die Suppenschüssel allein tut's nun mal nicht. Und außerdem kann man nie wissen, was kommen kann.«

»Was soll das nun wieder heißen? Was sollte denn kommen können, wo der Kerl dran beteiligt wäre ...«

»Man munkelt doch, der Herr Doktor würde Teilhaber von eurer Zeitung werden. Da wäre es doch sehr leicht möglich, daß er mich mit einem hohen Gehalt zu sich herüberholte.«

»Daher also deine Freundlichkeit.«

»Auch daher. Denn nur angestellte Schriftleiterin möcht' ich auch mein Lebtag nicht bleiben.« »Du, Fränzchen,« grollte der Freund, »der Doktor ist noch unverheiratet.«

»Wahrhaftig? Das wußte ich noch gar nicht.«

Fritz Leydecker zog die Stirn zusammen. Jetzt begann er nachzudenken. Und dann begann er ein zweites und nannte es ingrimmig für sich: »dem Doktor auf den Dienst passen«. Und als in einer Sturm- und Regennacht, nach spätem Theaterschluß, der Doktor seiner schönen, schlanken Berufsgenossin den Regenschirm bot und mit dem Schirme den Arm, drängte sich ein starker, breitschultriger Mann so tölpelhaft zwischen Arm und Berufsgenossin, daß der Doktor über des Mannes Fuß zu Fall kam und mit zerbrochenem Regenschirm zu einer Droschke hinken mußte. Der Tölpel aber brachte die Zurückgebliebene an diesem Abend nach Hause und redete vor kochendem Zorn auf dem ganzen Wege auch nicht ein Wort. Darüber freute sich das blonde Fränzchen wohl noch eine Stunde lang unter der Bettdecke.

Zwei Ereignisse fielen in nächster Zeit zusammen: die Entlassung Fritz Leydeckers wegen ungebührlichen Betragens gegen ein hochverehrtes Mitglied der Redaktion und das Hinscheiden der alten Frau Leydecker im Heimatstädtchen. Der Sohn war von der Beerdigungsfeier zurück. Er sah sich im Besitze eines ganz ansehnlichen Vermögens und überlegte trotz seiner ehrlichen Trauer, wie er es, um sich selbständig zu machen, am klügsten anlegen könne. Da er nun doch einmal durch Doktor Frühlings Fränzchen, ihre gesteigerten Lebensziele und ihr Benehmen zum Nachdenken gebracht worden war, schien ihm der Weg zur Selbständigkeit doch nicht so glatt wie in früheren Jahren und kostete schweres Kopfzerbrechen. Mitten in seinen fruchtlosen Überlegungen störte ihn ein Klopfen an der Tür. Fränzchen Frühling trat ein.

Sie kam still, aber ohne Scheu, sprach ihm in herzlichen Worten ihre Anteilnahme am Tode der Mutter aus und fügte bescheiden hinzu, sie komme überdies, um seinen männlichen Rat einzuholen.

»Da du nun doch wohl fortgehst, möchte ich allein auch nicht mehr bleiben. Meine Aussichten auf einen hervorragenden Posten an eurer Zeitung sind dahin. Fritz, ich brauche dir wohl nicht zu sagen, wie das gekommen ist. Du brauchst deshalb nicht rot zu werden. Vielleicht hatte der Doktor wirklich Heiratsabsichten, und dann wäre es sowieso nichts geworden. Vorwärts will ich aber, und dazu erbitte ich nun deinen fachmännischen Rat. Ich persönlich dachte mir die Sache so: Der fortschrittliche Zug der Zeit erfordert eine stärkere Beachtung eines jeden Gemeindewesens, eines jeden Kreises. Was in den hauptstädtischen Zeitungen steht, ist gewiß sehr lesenswert, kommt aber für die eigenen Leiden und Freuden der Bürger anderer Städte kaum in Betracht, hilft auch keineswegs zum Aufstieg und zur Förderung ihrer Gemeinwesen. In unserer Kreisstadt zum Beispiel gibt es für Stadt und Kreis nur ein zweimal wöchentlich erscheinendes Wurstblättchen, das seine Glanzpunkte in den Anzeigen von Holzverkäufen oder frischtragenden Kühen sucht. Dem möchte ich im Geiste einer neuen Zeit abhelfen und mit Einsetzung meines kleinen Vermögens eine täglich erscheinende Zeitung gründen, die nichts außer acht läßt, was in der Stadt und auf den Dörfern, im Stadtrat und in den Vereinen, in Handel, Industrie und Landwirtschaft, kurz im geistigen Leben und im Erwerbsleben des ganzen Kreises und darüber hinaus vor sich geht. Ich habe zunächst einmal eine Probenummer auf der Schreibmaschine hergestellt. Der Anzeigenteil, der den klingenden Verdienst bringt, fehlt natürlich noch darin. Aber ich habe mich bemüht, den Text so anziehend, unterhaltend, fesselnd, scherzhaft oder beißend zu gestalten, daß auch der Anzeigenteil bald blühen wird. Bitte, lies. Das Blatt nennt sich ›Der Beobachter in der Eifel‹.«

»Prachtvoll,« sagte Fritz Leydecker, nahm die Probenummer und setzte sich auf einen Koffer. Und dann zuckte es bald auf seinem offenen Gesicht vor Hochachtung, Staunen, Verstehen, Schadenfreude und innerlich schütterndem Lachen.

»Fritz,« sagte Fränzchen Frühling, »ich wollte dich fragen, ob ich wohl einen Drucker daheim finde, dem ich zumuten kann, die Zeitung für mich zu drucken, zunächst natürlich unter Stundung der ersten großen Auslagen. Du selbst kommst ja für mich leider nicht in Betracht, da du ganz anders gerichtete Pläne verfolgst.«

Da schlug Fritz Leydecker seine schwere Faust auf den Tisch.

»Kein Wort weiter. Bin ich ein Geschäftsmann, oder bin ich ein blinder Maulesel?! Mir da eigenhändig den unlauteren Wettbewerb in den Pelz setzen! Seit Wochen grüble ich schon, grüble und grüble. Und gerad' heute, wo ich dem Gedanken nähergekommen bin, trittst du in die Tür und trägst ihn mir fix und fertig herein. ›Der Beobachter in der Eifel‹. Druck und Verlag von Fritz Leydecker. Wir werfen Geld und Kenntnisse zusammen und – und –«

»Und –?« fragte das Frühlingsmädchen und sah ihn aus großen, unschuldigen Augen an.

»Und werden Mann und Frau, Fränzchen, Mann und Frau! Bessere Teilhaberschaft gibt's nicht.«

»Du bist der Stärkere,« gab das Frühlingsmädchen in seinen festen Armen nach. »Mein Gott, ich wußte es ja schon, wie du mich als Kind verprügeltest und ich dir den Hirschhornknopf abdrehte.« – –

Und nun waren die beiden in der Heimatstadt erschienen, um Druckerei und Zeitungsvertrieb einzurichten und die Hochzeit zu begehen.

»Fränzchen,« sagte die schwarze Eva, und ihre Augen funkelten vor Lust am Leben und Vorwärtsstreben, »deine Zeitung wird unsere Hausmacht werden. Jetzt kommt mein guter Georg unbedingt in den Rat der Stadt, und wir werden auch noch manches andere Wörtchen mitzusprechen haben.« – –

Just zur selben Zeit aber machte sich Doktor Frühlings zweitgeborene Schwalbe auf den Flug nach der Heimat und hatte einen argen Umweg einzuschlagen, um die widrigen Winde zu besiegen und als dritte zum Neste zu gelangen.

*

Die Krankenschwester Friedel Frühling in dem großen Hamburger Krankenhause führte seit einiger Zeit ein seltsam Doppelleben. Ihren Kranken gegenüber befolgte sie ihres Vaters ärztlichen Wahlspruch: »Freude ist die beste Arznei,« richtete die Verzweifelnden durch fröhlichen Zuspruch auf, brachte die Stumpfgewordenen durch einen Scherz zum Lachen und damit dem Leben wieder näher, trällerte den Genesenden ein Liedchen nach dem anderen, damit sie die Länge der Wartezeit nicht empfänden, zeigte eine feste Hand, ein weiches Herz und einen fröhlichen Mund. Abends aber in ihrem Stübchen wandelte sie sich wie ein Schauspieler, der auf den Brettern die lustige Person zu spielen hat und wie ein Schwermütiger durchs Leben wankt, in eine tiefsinnige Frau, der Scherz und Lachen fremd geworden sind, hielt sich in der Einsamkeit und dachte an den unaufhaltsamen Niedergang Robert Junkers, ihres Jugendfreundes.

Die Semester zu zählen, die er auf Hochschulen zugebracht hatte, lohnte sich längst nicht mehr. Er war ein mehr als bemoostes Haupt, als sie ihm eines Tages zornig schrieb, er möge doch, wenn es nun einmal nicht anders reichte, statt zum Wundarztmesser und Blutbecken doch zum Barbiermesser und Waschbecken greifen und somit der Menschheit in etwas dienen. Als Antwort aber erhielt sie nach einem halben Jahre des Schweigens auf einer Postkarte die Mitteilung, daß der Doctor med. Junker sich beehre, das ebenso trefflich bestandene Staatsexamen wie Doktorexamen anzuzeigen.

Diesem gewaltsamen Aufschwung aber war der Niedergang ebenso schnell wieder gefolgt. Der Mediziner, der schon als Sekundaner mit Inbrunst das Dreifarbenband des Studenten getragen hatte, vermochte sich von der studentischen Freiheit nicht loszureißen. Der winkende Beruf erschien ihm als frostiger Abschluß alles Jugendüberschwangs, als graues Philistertum, und so wenig er von den jugendlichen Brauseköpfen, die nach ihm gekommen waren, innerlich noch zu den Ihren gerechnet wurde, so sehr hielt er äußerlich an Ton und Treiben fest, erschien abends auf den Kneipen, stellte sich in der Morgenfrühe als Paukarzt auf den Mensurböden ein und saß die zwischen den beiden Polen liegende Spanne stumpfsinnig hinter dem Bierseidel in einer kleineren Studentenwirtschaft.

Friedel Frühling war genau unterrichtet. Und als sie zu allem anderen vernahm, daß des Freundes Eltern in Vermögensverfall geraten und aus dem Heimatstädtchen irgendwohin in die Welt verzogen seien, drahtete sie ihm kurz entschlossen, sie habe in Berlin zu tun und bitte, sie am Bahnhof in Empfang zu nehmen.

Robert Junker empfing sie. Sein Gesicht war zerwühlt, seine Haltung aber straff und ritterlich. Er geleitete sie unter tastenden Gesprächen zu der Klinik eines Professors, in der sie, wie sie vorgab, eine knappe halbe Stunde zu tun habe, und fand ihn bei ihrer Rückkehr im Sommergarten eines gegenüberliegenden Bierhauses vor einem frischen Seidel. Langsam stand er auf und schloß sich ihr wieder an.

»Was tust du sonst am Tag?« fragte sie ihn kalt.

»Nichts. Wozu auch? ›Wer's kann, der bleibt im Herzen – Zeitlebens ein Student,‹ singt Scheffel.«

»Im Herzen, jawohl, wie mein Vater! Weißt du übrigens, wie es deinen Eltern ergeht?«

»Schlecht. Ein Grund mehr für mich, mich aus dem Philistertum herauszuhalten.«

»Geben das« – sie zögerte und sprach es dennoch aus – »geben das deine Mittel zu?«

»Eine Zeitlang reicht's noch. Ich lebe in einer Art einseitiger Gütergemeinschaft mit einem Juden in der Karlstraße, der zuweilen meine medizinische Bücherei mustern kommt und sich das Notwendige daraus mitnimmt. Bis er zu meinen wundärztlichen Werkzeugen vorgerückt ist, kann immer noch ein schönes Semester hingehen. Es ist ein gutes Bier dies Jahr.«

»Nein,« sagte sie und schritt aufrecht neben ihm hin, »mit solcher Schauspielerei schreckst du mich nicht ab. Raff' dich zusammen. Zeig' dein altes, liebes, leuchtendes Gesicht. Hier muß und wird geholfen werden.«

»Gib dir keine Mühe, Friedel. Ich bin bis auf die Knochen verbummelt, und die größte Gemeinheit ist: ich fühle mich mordswohl dabei.«

Sie fuhr nach Hamburg zurück, war fröhlich und guter Dinge mit ihren Kranken, saß abends grübelnd in der Einsamkeit ihres Schwesternstübchens und reichte kurz danach ihre Entlassung aus dem Schwesternverband des Krankenhauses ein.

»Weshalb tun Sie uns das an?« fragte unmutig der leitende Arzt. »Sie wären in Kürze zur Oberin aufgerückt. Betrachten Sie die Krankenpflege auch als eine Mädchenspielerei wie so manche junge Dame?«

»Herr Geheimrat, ich habe einen Schwerkranken. Wenn ich ihm nicht helfe, geht er verloren.«

Der alte Arzt schob die Brille auf die Stirn und sah sie lange an. Und sie erwiderte fest den Blick.

»Gehen Sie mit Gott, mein tapferes Mädel.«

Da ging sie. – –

Robert Junker saß in der entlegenen billigen Studentenwirtschaft, seiner Stammkneipe, und pochte langsam und nachdrücklich mit dem Deckelschoppen aus den Tisch. Jetzt, wo die Sommerferien begonnen hatten und die Mehrzahl der Studenten heimwärts gefahren war, saß er hier von morgens bis in die Nacht. Bis zu Beginn des neuen Semesters hatte er noch zu leben, wenn er sich seiner ärztlichen Werkzeuge entledigte. Weshalb heute schon weiter denken! Er pochte nochmals langsam und nachdrücklich mit dem Deckelschoppen.

»Gleich, Herr Doktor. Frischer Anstich!«

Er hob den Kopf. Seltsam, diese Stimme –? Woher – wohin –?

»Wohlsein, Herr Doktor.«

Er griff zum Glas, hob es und setzte es mit einem Ruck auf den Tisch zurück. »Herrgott noch mal!«

»Ganz frischer Anstich, Herr Doktor. Jawohl – komm' schon!« Und die Kellnerin lief zu einem anderen Tisch.

Robert Junkers Augen folgten ihr. Er sah ihre schlanke, eidechsenbehende Gestalt, die braunen, um den Kopf gewundenen Zöpfe, im spitzen Kleiderausschnitt den braunen, geschwungenen Nacken. Er leerte das Glas auf einen Zug und pochte aufs neue. Und schon stand sie neben ihm, in der weißen Schürze, die Hände lässig in den Schürzentaschen.

»Herr Doktor wünschen?«

»Friedel! Friedel! Ich seh' doch recht? Ich bin doch nicht zur Frühschoppenzeit betrunken? Ach nee, so weit heruntergekommen bin ich doch noch nicht, daß ich Gespenster am lichten Tage sehe. Friedel, was soll die Maskerade?« »Ach Gott, der Robert! Ja, was soll ich da sagen? Gar nix kann ich da sagen als: ich hab' mich auch näher ans Bier 'rangemacht.«

»Wenn du mich schon anlügen willst, so lüg' wenigstens ohne diesen schauerlich falschen Dialekt. Da du die Menschheit hier bedienst, mußt du ja wohl hier Kellnerin sein. Aber weshalb? Weshalb?«

»Ich wollt's auch mal so gut haben wie der Robert Junker.«

»Guthaben? Du? Unter dieser Schmieralje hier?«

»Ich hab' mir halt denkt, wo ein Doktor Robert Junker seine Tag verbringt –«

»Hör' auf, hör' auf! Ich kann das verfluchte Kellnerinnendeutsch aus deinem Munde nicht hören! Da schreit schon wieder so ein Schmierlapp nach dir, und da, und da! Also in Dreiteufels Namen, bring auch mir ein Bier. Gott verzeih' mir die Sünde, dich damit zu behelligen.«

»Mit Vergnügen, Herr Doktor. Jawohl, – komm' schon!«

Er griff sich mit der Hand an die Augen. Er preßte sich die Finger in die Schläfen. Wenn er aufschaute – das Bild war geblieben. Da huschte die braune Friedel Frühling in der weißen Kellnerinnenschürze von Tisch zu Tisch, setzte Bier auf, plauschte bayrisch, lachte rheinisch und tändelte an die Ausschankbank zurück, um neue Aufträge abzugeben. Jetzt war sie wieder an seiner Seite, stellte das Deckelglas vor ihn hin und setzte sich, Luft fächelnd, für einen Augenblick auf die Kante eines Stuhles.

»Friedel, Friedel, du weißt nicht, was du tust! Das ist doch keine Luft für einen reinlichen Menschen!«

»Ich hab' den Robert Junker all mein' Zeit für einen reinlichen Menschen gehalten, und wo dem die Luft paßt, da paßt sie auch mir, und da lass' ich mir schon gar nix dreinreden.«

»Friedel,« sagte er und griff nach ihrer Hand, »Friedel, dein Puls geht ruhig. Demnach bist du also auch imstande, vernünftig zu reden. Bitte, tu es mir, tu es unserer alten Jugendfreundschaft zuliebe. Was willst du hier, und wie lange willst du die Komödie hier aufführen?«

»Auf die Minute so lang', wie du sie aufführst, Robert. Du spielst den verbummelten Studenten, ich die noch nicht verbummelte Kellnerin. Fragt sich nur, wem's von uns beiden am besten bekommt.«

»Dir nicht, Friedel, dir nicht!«

»Ist meine Sache. Du hast mich darauf gebracht. Ich hab's mir in der Jugend auch anders gedacht; weißt du, so in gemeinsamer anspornender Arbeit im Krankenhaus. Aber da's schon damit nichts geworden ist, wollen wir beide wenigstens gemeinsam trinken, und zum allerwenigsten will ich dir den Becher kredenzen. Dein Wohlsein, alter Freund.«

Und sie griff nach seinem Glase, tat einen guten Zug und lief zu einem anderen Tisch. Als sie sich nach Robert Junker umsah, war er verschwunden.

Spät nachmittags kam er wieder, ließ sich aus der Garküche ein Essen reichen, gab den nur halb geleerten Teller zurück und saß brütend hinter seinem Deckelglase, bis Feierabend geboten wurde. Vor der Haustür wartete er vergeblich auf Friedel. Sie war schon zu einer Nebentür hinaus.

Verstört erschien er um die elfte Morgenstunde. Noch war er der einzige Gast. Aber Friedel hatte mit einer Kameradin lange an den leeren Gasttischen zu räumen und herumzukichern, bevor sie zu ihm kommen konnte.

»Guten Morgen. Ausgeschlafen? Ein frisches Bier?«

Er nickte nur und ließ es sich bringen. Sie stand vor ihm und schaute ihn prüfend an.

»Ein bißchen grau im Gesicht, alter Freund. Ja, da fehlt entweder die frische Luft oder das seelische Gleichgewicht.«

»Möglich. Es kann auch ein Katzenjammer sein, obwohl ich gestern kaum etwas getrunken habe. Friedel, sei gut. Ich bitte dich herzlich, Friedel, mach', daß du fortkommst. Wenn du mich ein bißchen liebhast, Friede! –«

»Deshalb bin ich ja hier.«

»Friedel, ich habe eine schlechte Nacht hinter mir. Mit geschlossenen Augen sah ich dich mit den Biergläsern durch die Stuhlreihen schlüpfen. Wie eine Eidechse. Die stolze, stolze Friedel.«

»Der stolze, stolze Robert.«

»Ach, was kommt es auf mich an. Ich schwöre dir, dies verfluchte Lokal nicht mehr zu betreten. Aber geh. Geh auf der Stelle. Ich kann deine Selbstentwürdigung nicht mit ansehen.«

»Du würdest höchstens eine andere Stammkneipe wählen. Und siehst du, wenn ich ginge, würde ich dir dorthin folgen. Ich hab' es mir nun einmal in den Kopf gesetzt, es nicht besser haben zu wollen als du, auch in der Selbstentwürdigung nicht, verstehst du das? Du hast dich ja vor Augen und deshalb einen Maßstab. Und meinen harten Kopf kennst du.«

Gäste kamen. Und er ging und kehrte erst gegen Abend wieder. Gerade nahm sie ihre Mahlzeit ein.

»Das ist doch kein Essen für dich, diese Schlampampe.«

»Robert,« flüsterte sie ihm zu, »ich will's dir gestehen, ich krieg' es schlecht herunter. Aber du hast dich ja auch daran gewöhnt.« »Wenn die Bude hier geschlossen wird, warte ich auf dich.«

Und wieder saß er in dem dicken Tabakqualm, der in Schwaden durch das Schankzimmer zog, untermischt mit den Düften abgestandenen Bieres und der Garküche, und zum erstenmal verspürte er es wie einen Ekel – und hatte es all die Jahre nicht verspürt. Da beugte sich die Friedel wieder über einen Tisch, an dem es hoch herging, und setzte ihre Last an Krügen ab.

Er stand auf und sah nach der Uhr, setzte sich und schob sein Bier weit von sich.

Dann war auch dieser Abend zu Ende. Die eisernen Vorhänge rollten an den Fenstern herunter, das Licht erlosch.

»Friedel?«

»Hier, Robert.« Und ihr Arm huschte in den seinen. »Das ist eine wunderbare Sommernacht.«

»Friedel, ich will dir zu Willen sein. Friedel, seitdem du dich aus dem Rauch und Dunst meines täglichen Lebens plötzlich so blendend weiß abhebst, bin ich erst das Erbärmliche dieses Schmutzfinkendaseins gewahr geworden. Friedel, ich spiel' nicht mehr mit und wechsle die Schaubühne, wenn du mit wechselst und gerade so hartnäckig bei mir bleibst.«

»Junge,« sagte sie mit verhaltenem Atem und preßte seinen Arm, »Junge, ich bleib' schon diese Nacht bei dir. Wir laufen in den Grunewald, wir laufen die Seen entlang, überall, wo ein reiner Atem weht, und morgen mit dem Frühesten –«

»Heim, heim,« stammelte er und suchte ihre Hand und kämpfte seine Finger in die ihren.

»Ich habe mir ja schon einmal dein Dreifarbenband erobert.« – – –

Der alte Doktor Frühling sprach nicht viel. »Ich war zwanzig Jahre zur See und habe heimgefunden. Morgen nehme ich dich ins Krankenhaus und später mit hinaus zu den Besuchen. Ich bin jetzt siebzig Jahre, mein Sohn, da ist mir eine Unterstützung wertvoll und vonnöten. Heiraten mögt ihr in vier Wochen, wenn's euch eilt.« – –

Und so war nur Doktor Frühlings vierte Schwalbe noch nicht zum Nest gekehrt.

*

Die goldrote Maria hatte schon von Kindheit an Vater und Schwestern an die Gegensätze ihres Wesens gewöhnt. Die Abhängigkeit von der Musik, der sie sich so gern und so willenlos überließ, war ihr zu einer Hemmung geworden, mit den hellen Augen der Frühlingsmädchen die Wirklichkeitswelt zu erkennen. Sie bedurfte eines Führers, der sie zum Tag erweckte und so stark die Glocken des Lebens läutete, daß das verführerische Geigengetön ihrer Traumwelt unter den Vollklängen erstarb. Diesen Führer hatten in Kindheit und Mädchenzeit die urgesunden und übermütigen Schwestern gespielt, und die echte und rechte Frühlingsnatur war auch in der Jüngsten zum unmittelbaren Ausbruch gekommen, sobald das Lachen und jagende Treiben der Schwestern sie von dem Alp des Träumerhanges befreit und ihr die Augen staunend weit für die ebenso großen Wunder und Freuden der Daseinsstunde geöffnet hatten. Dann war ihr kein Singen und Springen zu lang, kein Mädchenstreich zu lustig gewesen.

Auf der Musikhochschule zu Frankfurt aber war ihr der Führer und Erwecker nicht zur Seite. Überhastig wie eine Verdurstende nahm sie den Rausch der Tonsprache als Wahrheitslehren, ließ sie ihre unentweihten Sinne durch den schweren Blumenduft aus Traumland einschläfern und betäuben. So ganz verwischten sich in ihrem Innern die Grenzen zwischen der angebeteten Göttin Kunst und ihren oft weniger einwandfreien Tempeldienern, daß der alte Doktor Frühling eines Morgens durch eine Drahtung geweckt wurde, in der seine Jüngstgeborene den väterlichen Segen, die notwendigen Papiere und die Auszahlung ihres Vermögensanteils erbat, um sich mit ihrem Lehrer, dem großen Klavierkünstler Cesare Cerini, in einem romantischen Alpenorte Bayerns standesamtlich trauen lassen zu können.

Wohl hatte sich der menschenkundige Landarzt sofort auf den Weg gemacht, um persönlich den Dingen auf den Grund und dem über Nacht vom Himmel geregneten Schwiegersohn ins Auge zu schauen. Aber dem Wortschwall des Italieners und den Erregungen der Tochter war er nicht gewachsen, und da er zeitlebens die Ansicht vertreten hatte, man dürfe reisende Leute nicht aufhalten, um ihnen nicht nachträglich berechtigten oder unberechtigten Grund zur Beschwerde zu geben, so sagte er sich: Die schwarze Eva und das blonde Fränzchen haben mich auch nicht viel gefragt und sind doch auf ihre eigene Art glücklich geworden. Also vertraue auch hier auf das gesunde Blut deiner Frühlingsmädchen, das sich zur rechten Zeit schon melden und behaupten wird.

Lange schon war keine Kunde mehr von dem Ehepaar Cerini in das Doktorschloß in der Eifel gekommen. Nichts mehr als ein Kartengruß zu den hohen Fest- und Familientagen, in den ersten Monaten mitunterzeichnet von dem großen Meister Cerini, dann nur noch von der Tochter und Schwester allein. Cesare Cerini hatte eine Aussprache mit seiner jungen Frau gehabt, just an dem Tage, an dem der letzte Tausendmarkschein der väterlichen Mitgift zwischen seinen Händen eilig zerronnen war. Er stand hochaufgerichtet und doch in schmerzlicher Bewegung vor der goldroten Maria, die ihm ein halbes Jahr lang als Schaustück, Rechnungsbegleicherin und Trägerin seiner gereizten Launen gedient hatte, und klärte ihre Unwissenheit darüber auf, daß die Kunst ein ungeteiltes Leben und darum Opfer persönlicher Leidenschaften und Zuneigungen fordere, und daß er, als der stärkere Teil, sich entschlossen habe, diese Opfer der ach! so unerbittlichen Göttin zu bringen. Ein Künstler im Elend sei ein gemeiner Lohnsklave, der die Kunst zur Dirne mache. Er aber gedächte die Welt mit den Geschenken der Himmlischen zu überschütten und dem wahren Glücke zuzuführen.

»Wir müssen uns trennen, goldene Maria, auf der Höhe unserer Liebe. Die Kasse ist leer, und ich folge einem ehrenvollen Rufe nach München. Sei stark, mein Kind, um der Kunst willen.«

Da war es, als sprängen um die Brust Marias eiserne Zauberreifen. Da war es, als stürme das lange zurückgedämmte Blut der Frühlingsmädchen zum Herzen und zum Hirn, treibe Dunst und Nebelwogen hinaus, fülle es mit pulsendem, echtem, rotem Lebenssaft und gebe den Augen ihre Helligkeit, der ganzen Natur ihre Ursprünglichkeit zurück. Da war es, daß Cesare Cerini, der stärkere Teil, entsetzt hinter sich ins Leere griff, denn Maria, der dienende Engel, die goldrote Träumerin, Maria Cerini hatte sich in einen Sessel geworfen und lachte so ungestüm und unwiderstehlich zur Zimmerdecke, wie nur ein Frühlingsmädchen dies befreiende und alles hinwegfegende Lachen zuwege brachte.

Maria Cerini leitete unverzüglich die Scheidung ein. Sie spürte das Kraftbewußtsein in sich, wie es die Schwestern besaßen. Sie war aufgewacht und sah, rot vor Scham, eine Welt des Scheins hinter sich versinken. Bis die Scheidung zu ihren Gunsten ausgesprochen war, nahm sie den Kampf mit dem Dasein als schlechtbezahlte Klavierlehrerin auf. Am Tage, an dem sie frei war und strack und stolz in die Reihe der Schwestern zurückkehren konnte, fuhr sie heimwärts.

Sie kam als letzte, und der weiß gewordene Doktor Frühling öffnete weit seine Arme.

»Bleib uns nur erhalten, Maria, bleib uns nur erhalten,« wiederholte er, und es waren dieselben Worte, die er einst seinem Weibe zugerufen hatte, »bleib uns nur erhalten, und wir werden die Welt schon wieder neu auf die Beine stellen.«

Maria Frühling lebte mit ihrem Vater auf dem alten Schlosse. Sie hatte den Namen aus ihrer kurzen Ehe abgelegt und mit dem alten lieben Mädchennamen auch die alte und jetzt ungehemmte Mädchenfröhlichkeit wiedergewonnen. »Ich habe nur so bös geträumt, weil ihr nicht da wart, um mich wachzurütteln,« sagte sie den drei Schwestern und faßte ihre Hände. »Und nun erzählt mir, wie die Eifel bei Tage aussieht und das Heimatstädtchen, und wie ihr drei mit euren Gatten und Erstgeborenen mitten darunter ausschaut. Erzählt!«

Und bald war es nur noch ein einzig Durcheinander von Stimmen, wie in der Kinderzeit. –

So ging aufs neue ein halbes Jahr dahin. Der Notar und Rechtsanwalt Doktor Georg Brüning war auf Betreiben seiner Gattin und mit noch wirksamerer Unterstützung des »Beobachters in der Eifel« in den Rat der Stadt gewählt worden. Der Wohlstand seines Hauses hob sich. Wer den Notar der Stadt suchte, nahm ihn der Einfachheit wegen auch zum Rechtsanwalt, und die Bauern, die mit dem Rechtsanwalt gut gefahren waren, scheuten auch den Weg von ihren Dörfern zur Stadt nicht, um ihm die Notarsgeschäfte zu übertragen. Dann strahlten die Funkelaugen der schwarzen Eva, die von ihrem Posten als Bureauvorsteher nicht gewichen war, eitel Freundschaft und herzliche Teilnahme den Besuchern entgegen, deren Sache sie zur Bequemlichkeit ihres Mannes, aber auch zu seiner unbedingten Richtschnur, in so ätzenden Schriftsätzen niederzulegen wußte, daß, wie die Herren vom Amtsgericht meinten, man sich an Doktor Brünings Schriftsätzen Handschuh und Finger verbrennen könne und eine Kneifzange noch die Rotglut bekäme.

Aber auch der »Beobachter in der Eifel« war nicht zu verachten. Die Schriftleitung, die ihre Aufsätze mit F. L. zeichnete, während Drucker, Verleger und Herausgeber dem Gesetz gemäß mit dem ganzen Namen Fritz Leydecker hervortrat, griff furchtlos zu, wo ihr etwas faul im Staate Dänemark schien, nahm herzhaft Partei, schlug mit Säbelhieben oder mit zierlichen Degenstößen zu, und die Betroffenen wußten nicht, was sie mehr scheuen sollten, die sachliche und scharfe, oder die humoristische Behandlung.

Besonders nach Stadtratssitzungen und Kreistagungen war der »Beobachter in der Eifel« begehrter als die hauptstädtischen Blätter; die Bezieherzahl stieg von Vierteljahr zu Vierteljahr, und der Anzeigenteil, der für die Betriebssummen einstehen mußte, hatte den schönsten Nutzen davon. Zwei Arbeitsbienen saßen im Korb. Und während F. L. in Kleiderkittel und Schreibärmel politische, städtische, wirtschaftliche und vermischte Aufsätze und Berichte schrieb, nahm der Drucker und Verleger Fritz Leydecker die tintenfeuchten Blätter entgegen, goß, bald unterstützt von zwei Gehilfen, auf der Setzmaschine die Betrachtungen seines Fränzchens in Druckbuchstaben aus, mischte die Druckfarbe, überwachte den Gang der Druckmaschine, Austragen und Versand der fertigen Zeitung und saß zum Feierabend grienend im Ratskeller, wenn ihm von den Weisen der Stadt hochachtungsvoll ein Schluck dargebracht wurde in aufrichtiger Bewunderung seines neuesten Leitartikels.

Drunten am Marktplatz wohnte auch der Dr. med. Robert Junker. Er kümmerte sich nicht viel um die Stadtangelegenheiten, denn das große, über den ganzen Stadt- und Landkreis ausgedehnte Wirkungsfeld des Doktors Frühling war dem Gatten der braunen Friedel nach und nach von dem immer noch rüstigen Schwiegervater übertragen worden, und wie in Mädchenzeiten fuhr die im Krankendienst geübte Frau im Doktorwägelchen mit hinaus über Land, wenn ein wundärztlicher Eingriff eine sichere und geschickte Hilfe verlangte oder es einer Wöchnerin galt. Die Leitung des Krankenhauses hatte sich der alte Doktor Frühling vorbehalten, solange es Auge und Hand erlaubten, denn er wünschte nicht auf dem Altenteil zu sitzen. Aber bei allen wichtigen Unternehmungen rief er den Schwiegersohn an seine Seite, besprach mit ihm den Fall und arbeitete mit ihm gemeinsam, damit der Doktor Junker auch hier als sein Nachfolger angesehen werden könnte.

Einmal in der Woche kamen die Schwestern mit ihren Männern zum Schloß hinaufgestiegen und saßen mit dem Weißbart, der sich oft unter dem Tische vor Vergnügen die Hände rieb, und mit der aufgeblühten Maria hinter einer Bowle, in die, je nach der Jahreszeit, frischgepflückte Maikräuterspitzen hineingetaucht worden waren, purpurne Walderdbeeren, rosige Pfirsiche oder um die Weihnachtszeit eine köstliche Ananas Dann blinzelte wohl im Hause des lustigen Abends der Doktor Junker seiner Frau Friedel zu und begann das alte Burschenlied zu singen:

»Mein Mus' ist gegangen in des Schenken sein Haus,
Hat die Schürz' umgebunden und will nicht heraus!«

Und Frau Friedel blinzelte ihm wieder zu und sang begeistert mit, bis der seebefahrene Hausherr zum Schluß »Auf, Matrosen, die Anker gelichtet!« anhub und ein jedes die Segel heimwärts setzte.

Die Frau Notarin und Stadträtin brachte wohl auch den jungen, tatkräftigen Bürgermeister aus der Stadt mit herauf, der sich unter den alten Schlafhauben der Stadtverordnetenversammlung just seiner Tatkraft wegen geringer Beliebtheit und mancher spitzen Anfeindung erfreute, »da es doch früher um so viel gemütlicher zugegangen sei und die Stadt dennoch auf demselben Flecke stehe«. Der junge Bürgermeister aber wünschte sie von eben diesem Flecke wegzurücken und vorwärtszurücken, damit sie näher an den Strom des Lebens gelange und seiner reichen Güter mehr als bisher teilhaftig werde. Darüber sprach er oft mit der goldroten Maria und über seine Abhängigkeit von diesen Schlafhauben, die seine Wiederwahl in Händen hätten. »Ein jeder Mann an verantwortungsreicher Stelle müßte so unabhängig gestellt sein, daß er nicht nach dem Gehalt zu fragen hätte. Dann ließen die Neunmalgescheiten die Knüppel zu Hause, die sie einem jetzt bei jeder Gelegenheit zwischen die Füße werfen, und fürchteten eher, er wirft uns den Kram vor die Füße. Gott sei Dank ist der ›Beobachter in der Eifel‹ auf meiner Seite, und das ist ein Vermögen wert.« Und an einem besonders frohen Familienabend fragte er die goldrote Maria, ob sie es wohl wagen würde und ihm Helferin sein im Kampf und in der Freude? –

»O Gott,« rief die goldrote Maria, »ich brauche ja selbst einen Helfer,« und sie rief es so laut, daß die schwarze Eva mit funkelnden Blicken in ihr Geheimnis drang und der lachenden Schwester widerspruchslos erklärte: gerade der Bürgermeister fehle ihnen zu Notar, Kreisarzt und Zeitungsbesitzer noch »zu ihrer Hausmacht«, und »den oder keinen«. Da winkte die goldrote Maria den Bürgermeister ins Nebenzimmer und fiel ihm um den Hals. –

Als wollte das Schicksal noch einmal einen abenteuerlichen Seitensprung machen oder ihre wiedererlangte Gesundheit auf Herz und Nieren prüfen, so war es Maria Frühling zumute, als sie beim Erwachen eine Drahtnachricht überreicht erhielt, in der sich Herr Cesare Cerini zu einem Besuche anmeldete. Cesare Cerini! Wie weit lag die Zeit hinter ihr, so weit und nebelhaft fern, als gehörte sie einem ganz anderen Leben an, nur nicht dem wirklichen. Weshalb meldete sich der Mahner ihrer verstiegenen Mädchentorheit? War es ein übles Vorzeichen?

Sie saß allein in dem alten Gemäuer des Schlosses, und als sie eine Stunde vergeblich vergrübelt hatte, entfaltete sie die Morgenzeitung und begann, um die Gedanken abzulenken, das Blatt spaltenweise durchzulesen. Und plötzlich stutzte sie. Es war nichts Weltbewegendes, es stand unter »Vermischtes«. Aber das Blut war ihr zu Kopf gestiegen, und sie sprang wie ein wildes Füllen in ihre Kammer, riß die Schublade aus ihrem Schreibtisch, wühlte den Inhalt kunterbunt durcheinander, fand, was sie suchte, und eilte zur Zeitung zurück. Und Ziffer für Ziffer verglich sie die Nummer des Geldloses, das sie in der Hand hielt, mit der kurzen Notiz in der Zeitung, derzufolge ihr Los den Hauptgewinn der Süddeutschen Geldlotterie in Höhe von dreihunderttausend Mark gezogen hatte, ihr Los, das sie sich, einer Augenblickseingebung folgend, an dem Tage gekauft hatte, an dem ihr Ehescheidungsurteil rechtskräftig geworden war.

Maria Frühling dachte nicht an den Gewinn. Maria Frühling dachte nur an Cesare Cerini und daß er es wohl durch den Lotterieeinnehmer, dem sie den Namen Maria Cerini angegeben hatte, drahtlich erfahren haben möge. Maria Frühling lag im Sessel und lachte vor Ausgelassenheit, bis ihr die Tränen kamen. Oh, der Priester der Kunst Cesare Cerini liebte sie wieder. Oh – Oh ...

Eine halbe Stunde darauf waren die Schwestern bei ihr versammelt. Sie hatte sie durch den Fernsprecher zu sich gerufen. Die Ratsversammlung der Frühlingsmädchen ging rasch zu Ende.

»Es geht nicht anders,« bestimmte die schwarze Eva, und ihre Augen funkelten im Vorgenuß, »wir müssen diese Tragikomödie mit einem Lustspiel schließen. Das will bei uns der geheiligte Brauch. Laß die Drahtung sehen. Wann erscheint der Held? Ah, heute gegen Abend schon. Mit dem Schnellzug um sechs. Er soll seinen wohlmeinenden Richter finden. Mädchen, wir spielen mit ihm die Porziaszene aus Shakespeares ›Kaufmann von Venedig‹, nur in neuzeitlicher Bearbeitung. Punkt sechs Uhr sitzen wir drei Älteren hier im Empfangszimmer hinter dem Tisch, ich im Gerichtstalar meines Mannes, Friedel in seinem zweiten, abgelegten Talar, und Fränzchen borgt sich den dritten beim Bürgermeister, der ihn ja als Amtsanwalt vor dem Schöffengericht trägt. Maria aber hält sich, des Zeugenaufrufs gewärtig, im Nebenzimmer. Und dann soll uns der Meister einmal sein Klavier vorspielen.« –

Es war kurz nach sechs Uhr abends, als der alte Pferdeknecht Herrn Cerini meldete. Verdutzt blieb der Fremdling auf der Schwelle stehen. Der schmunzelnde Alte schloß sacht die Tür hinter ihm.

»Erschrecken Sie nicht,« sagte die schwarze Eva und rückte das Barett aus der Stirn. »Treten Sie mutig näher, so mutig, wie Sie zum Abschied vor unsere Schwester getreten sind.«

Die beiden Beisitzer nickten, lehnten sich zurück und richteten ihre Blicke auf ihn.

»Meine Damen,« begann der Meister und fuhr sich nervös mit der Hand durchs Haar, »ich wünschte nicht in eine Theatervorstellung zu gehen, sondern Frau Cerini zu sehen.« »Eine Frau Cerini gibt es nicht in unseren Akten. Wohl eine Maria Frühling, deren Schwestern wir zu sein die Ehre haben, und die nur einmal im Leben ohne den Rat der Schwestern eine rechtsgültige Handlung beging. Diese Handlung waren Sie! Und nun werden Sie sich darüber klar, mein Herr, ob Sie mit uns in die Verhandlung eintreten oder – überhaupt nicht verhandeln wollen. Nur wir entscheiden, ob die Schwester erscheint.«

Die beiden Beisitzer nickten, und Herr Cerini machte den Damen drei knappe Verbeugungen.

»Ich freue mich als Mensch und als Künstler von Herzen über den heiteren Ton, der in diesem Hause vorzuherrschen scheint, und unterwerfe mich ihm trotz des Ernstes meiner Aufgabe.«

»Worin besteht der Ernst Ihrer Aufgabe?«

»Frau Cerini zu erklären, daß nur ein Mißverständnis, ein unbegreifliches Mißverständnis die Entfremdung in so weitem Maße herbeiführen konnte, wie sie sich vollzogen hat.«

»Reden Sie weiter. Was haben Sie zu Ihrer Verteidigung vorzubringen?«

Wieder fuhr sich Herr Cerini nervös durch das Haar. Doch er bezwang sich.

»Schön, schön. Ich mache gute Miene zum lustigen Spiel. Sie sind Frauen von Anmut und Geist, Sie sind Frauen, die die Liebe kennen, und daher Frauen von Herz –«

»Bitte, keine Bestechungsversuche. Zur Sache.«

»Meine Damen, reden wir ernst. Als ich Frau Cerini von Trennung sprach, dachte meine Seele nicht an eine Ehetrennung, nur an eine zeitweilige Trennung aus wirtschaftlichen Gründen.«

»Und diese wirtschaftlichen Gründe sind jetzt fortgefallen?«

»Sie sind es.« Und Herr Cerini wischte sich die leise perlende Stirn.

»Seitdem unsere Schwester Maria Frühling Gewinnerin des Haupttreffers in der Süddeutschen Geldlotterie geworden ist? Kommen Sie mir nicht mit dem Einwand der ›gemeinsamen Errungenschaft‹. Das Los wurde nach der Scheidung erworben.«

»Auch davon erfuhr ich auf der Reise, auch davon, und ich beglückwünsche Frau Cerini außerordentlich. Aber meine Liebe und meine Einkehr sind älter als dieser Glücksumstand.«

»Sie haben anderthalb Jahre dazu gebraucht, mein Herr, eine Spanne Zeit, in der man sich in der Tat über vielerlei klar werden kann. Das Gericht unterstellt Ihre Beteuerungen vorläufig als wahr. Die Zeugin möge vortreten.«

Die beiden Beisitzerinnen rauschten an dem peinlich Vernommenen vorüber und führten die Schwester herein. Cesare Cerini eilte mit einem Ruf des Entzückens auf sie zu. Die Beisitzerinnen wiesen ihn mit ernster Geste in seine Schranken. »Wiederholen Sie Ihre Verteidigung, mein Herr,« gebot die schwarze Eva und wischte sich mit dem Taschentuch heftig die zuckende Nase.

Cesare Cerini nahm keine Notiz mehr von seinen Richterinnen. Mit südlichem Feuer wandte er sich der goldroten Maria zu, die wie eine Heilige vor ihm stand, und ein Schwall von Worten und Beteuerungen warf sich auf sie und wogte über sie hin. »Ich werde dich auf Händen tragen! Ich lasse, wenn du willst, meine Kunst für dich! Geh mit mir, und ich will die Sonne wie einen Teppich vor deine Füße legen. Maria! Meine goldene Maria ...«

»Kommen Sie,« sagte Maria zaghaft, »nur meinetwegen? Nur um der Liebe willen?«

»Wie soll ich deinen Glauben finden, nach dem, was uns schied?«

»Es wird ein entsagungsreiches Leben werden, schwer an Arbeit, denn heute bin ich ärmer als zu der Zeit, da ich das erstemal zu Ihnen fand.«

»Du willst arbeiten? Arbeiten willst du? Weshalb sollte meine goldene Maria arbeiten wollen?«

»Weshalb sind Sie nicht gestern gekommen? Gestern war ich reich. Aber meine schweren Erlebnisse ließen mir den Reichtum nicht mehr verlockend erscheinen, nur noch die Arbeit, die über alles hinweghilft. Aber Sie kommen ja um der Liebe willen. Und um der Liebe willen werde ich doppelt freudig arbeiten.«

Der Meister strich sich erregt über die Stirn. »Was haben Sie getan, Maria? Was haben Sie voreilig getan?«

»Der Zufall hatte mir eine große Summe in den Schoß geworfen. Ich glaubte, nichts mehr vom Leben nötig zu haben, und sah einen unbemittelten, aber begabten Menschen um seinen Aufstieg ringen. Es ist der hiesige Bürgermeister Wolfgang Martin.«

»Was haben Sie getan, Maria?«

»Ich habe zugunsten unseres Stadtoberhauptes verzichtet. Hier lesen Sie die Abschrift des notariellen Aktes.«

Der Meister wies das Schriftstück, das sie ihm mit niedergeschlagenen Augen darreichte, zurück.

»Nun werde ich mit doppelter Freude arbeiten,« wiederholte Maria leise.

Cesare Cerini schüttelte den Kopf. Seine Augen irrten durch das Zimmer.

»Große Seele, große Seele,« murmelte er endlich. »Nein, ich bin deiner nicht würdig.«

Und ohne ein weiteres Wort verließ er hastig das Zimmer, als gälte es, sich den schönen Abgang zu sichern. Bis in die Stadt hinein vermeinte er das Jauchzen und Jubilieren der Frühlingsmädchen in den Ohren zu spüren. –

»Gottlob, daß ich das noch erleben mußte!« Und Maria fiel den ausgelassenen Schwestern der Reihe nach um den Hals. »Nun ist der letzte Krankheitsträger in mir hinweggespült! Nun bin ich gesund – gesund wie ihr!«

»Ein gesundes Mädchen muß Hochzeit halten! Wann wird's?«

»Ein Glück,« sagte Maria nachdenklich, »daß die Werbung des Bürgermeisters eher kam als die Nachricht von meinem Gewinn. Jetzt glaube ich wirklich an mein Glück, und der Bürgermeister Wolfgang Martin soll es zu spüren bekommen.«

»Maria,« sagte die schwarze Eva, und ihre Augen funkelten über die Schwester hin, »vergiß den Wunsch unseres alten Vaters nicht, dem wir für unsere Jugend und gute Erziehung Dank schulden. Drei Enkel sind vorhanden. Der vierte ist an dir!«

Und dann rannten die vier Frühlingsmädchen wie ein Wirbelwind durch das alte Schloßgemäuer und die Turmstiege hinauf auf die Plattform ihrer Mädchenstreiche und winkten und riefen ihren Männern zu, die mit Vater und Bräutigam zu einem Feierabendtrunk im Schlosse den Berg heraufgestiegen kamen.

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