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Jung gefreit. Band I

Nataly von Eschstruth: Jung gefreit. Band I - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
authorNataly von Eschstruth
titleJung gefreit. Band I
publisherVerlag von Ewald & Co. Nachf.
addressLeipzig
yearo.j.
illustratorWilh. Claudius
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100807
projectida68e61b5
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VIII.

»Und die Vergißmeinnicht kommen doch und bringen den Freier mit!« triumphierte Mamsell Mine mit strahlenden Augen und stürzte in wilder Hast in die Küche zurück, um endlich, endlich anzurichten.

»Ernst, wer mag das sein?« fragte Frau Dora gedehnt und bekam zwei rote Flecken auf den Wangen.

»Weiß ich's?« gab der Gatte zurück, »wenn sie eine gute Nase haben, sind es doch die Miltitscher!« Er gab die Arme der Damen frei und schritt auf die Veranda hinaus, die Gäste zu begrüßen.

Schon rollte der Wagen herzu, der Kies des Vorplatzes knirschte unter den Rädern.

Salome war wie neu belebt. Sie stürmte vor den Spiegel und warf einen schnellen Blick hinein.

»Mamachen – ich habe mir die Frisur bei dem albernen Lachen verdorben!« stieß sie hastig hervor, »und die Eau de Cologne hat den Puder verwischt! – Ich komme sofort wieder, will mich nur erst wieder ein wenig zurechtmachen!« Und ohne auf das mißbilligende Gesicht der Mutter zu achten, flog sie wie ein lichter Schein durch das Zimmer, um in dem Eßsaal zu verschwinden.

Währenddessen stand Herr von Welfen und blickte dem Wagen erwartungsvoll entgegen.

In der Laune, darin er sich just befand, war ihm jeder Gast heute recht, selbst der Doktor mit seiner infamen Marotte, ihm den Wein zu verbieten und bayrisches Bier für die Amme des Rheumatismus zu erklären! Selbst ihn hätte er heute mit offenen Armen willkommen geheißen!

Und richtig, keine blaue Husarenmütze schimmerte ihm entgegen, der hohe, elegante Sportwagen des Landrats von Born schwenkt um die Ecke des Hauses, und droben, auf dem luftigen Kutscherbock saß er selber, die schlanke, vornehme Gestalt in dem flatternden Mantel, und kutschierte seine edlen Rapp- Hengste selber.

»Pech und Schwefel, der Born von hinten und von vorn!« schoß es blitzartig durch Welfens Gedanken, und einen Augenblick war er doch im Zweifel, ob er sich gerade über diesen Tischgast freuen sollte oder nicht. Im nächsten Moment aber triumphierte seine Eitelkeit.

Welche Eile des Herrn Landrats, seine Salome kennenzulernen! Ei, ei, heimlich, hinter dem Rücken der anderen Herren begab er sich hierher, in der arroganten Hoffnung, den lieben Freunden den Rang ablaufen zu können!

Ein schadenfrohes Lächeln spielte um die Lippen des Majors. Nur keine Schwachheiten einbilden, verehrter Herr von Born! Die Salome ist gerade die Rechte, um Ihnen gründlich heimzuleuchten! Das Mädel und ein Zivilist!! Lächerlich! Vor einem einzigen blauen Attila schrumpft solch ein schwarzer Landrat wie ein Schatten vor der Sonne zusammen!

Das gab ja einen Hauptspaß, wenn sich Herr von Born von hinten und von vorn, als geschlagener Nebenbuhler und verschmähter Freiersmann in sein einsames »Dichterheim« zurückziehen mußte!

Dieser Gedanke war dazu angetan, um die Laune des alten Herrn auf den Siedepunkt zu bringen.

Lachend, jovial, höflich wie nie zuvor, eilte er die Verandatreppe hinab und begrüßte den Landrat mit derselben Innigkeit, wie in der Fabel der Fuchs den Gickelhahn bittet, gütigst als Gast in seinen Bau einzutreten. »Ik fret em up!« schmunzelte er dabei im Herzen. Und Herr von Born war harmloser Gickelhahn genug, um sich in die Höhle des Feindes hinein zu wagen.

»Wenn ich weder Sie noch Ihre verehrten Damen störe, mache ich ein halbes Stündchen Station hier, verehrtester Herr Major!« sagte er höflich, und warf seinem Kutscher auf dem Rücksitz die Zügel zu.

»Stören? – Wir lassen uns niemals aus dem Text bringen, bester Born!« lachte Welfen mit tausend feinen Fältchen um den Augen.

»Wollen uns eben zu Tisch setzen und bitten Sie, einen Löffel Suppe mitzuessen!«

»Sie sind die Güte selber, Herr Major. Aber wie kommt es, daß Sie heute so spät essen? Ich glaubte Sie bald beim Kaffee angelangt?«

Der Major weidete sich in Gedanken an der Verblüffung des lieben Gastes, wenn er sehen würde, wie Familie Welfen zu dinieren pflegte. Es war ja brillant, dem Spötter einmal zeigen zu können, daß man in Jeseritz noch lange nicht »auf dem Trocknen« saß.

»Ich war in Feldheim und wurde dort lange aufgehalten, Teuerster, daher die Verspätung und ein wahrscheinlich recht verbrodeltes Mittagessen – Sie müssen fürliebnehmen! Dora – der Herr Landrat wird uns die Freude machen, sich mit uns zu Tisch zu setzen.«

Die Herren waren in den Gartensalon eingetreten und Born begrüßte mit aufrichtiger Verehrung die Hausfrau, die ihm, wie stets, mit gewinnend liebenswürdigem Lächeln entgegentrat.

Ein heiteres Begrüßen hin und her.

»Wo steckt Salome?« rief der Major hastig, denn er konnte es gar nicht, erwarten, sich an dem enttäuschten, abfälligen Gesichtchen seiner Ältesten zu weiden, wenn sie anstatt ein paar flotter, schneidiger Husaren diesen schwarzen Mann mit Schlips und Zylinderhut vor sich sehen würde. Die erste Blamage für den selbstbewußten Herrn.

»Salome kommt soeben; wenn es Ihnen recht ist, Herr von Born, gehen wir sofort zu Tisch, denn wir haben heute lange auf das Essen warten müssen und sind furchtbar hungrig.«

Die Tür öffnete sich.

Herr von Welfen strich sich behaglich den Bart und schwelgte schon im voraus in all dem Herzenskummer und Elend, das seinem Gegner aus diesem Augenblick erwachsen würde.

Der Tag schien aber ein Tag der Überraschungen und Born ein ausgesprochener Glückspilz zu sein, der lachend über alle Fallgruben und Fußangeln hinwegsprang und die, die ihm eine Grube graben wollten, zum Schluß triumphierend auslachte.

Ja, die Tür öffnete sich, und Fräulein Salome trat ein, »stolz, siegesbewußt, Mut in der Brust.« Und sie trat voll koketter Harmlosigkeit ein paar Schritte in das Zimmer und blickte erst auf, als sie dicht vor dem Landrat stand.

»Durchlaucht!!«

Und dann ein Schrei ihrerseits, hell, durchdringend, halb Schreck und Entsetzen, halb jauchzende Freude.

Salome starrte den überraschenden Tischgast an wie eine Vision.

Dunkle Glut wechselte mit Leichenblässe auf ihrem Antlitz, und dann drang abermals ein unartikulierter Laut über ihre Lippen, sie schlug die Hände vor das Antlitz und sank wie eine Ohnmächtige auf den nächsten Stuhl nieder.

»Salome! Um Gottes willen, was ficht das Kind an?!« rief Frau von Welfen, eilte zu der Tochter und schlang erschrocken die Arme um die Zitternde, der Major aber stand wie vom Donner gerührt und starrte bald auf seine Tochter, bald auf Herrn von Born, als traue er seinen Augen und Ohren nicht.

Der Landrat aber blieb vollkommen gelassen und lächelte, ein empörend siegesgewisses, unverschämt eitles Lächeln.

Das gab dem Besitzer von Jeseritz die Sprache wieder. Er trat neben Salome und schüttelte sie heftig am Arm. »Was soll das heißen, Mädel? Bist du verrückt geworden, einen fremden Herrn derart zu begrüßen?«

Statt aller Antwort preßte Salome das Taschentuch vor das Antlitz und schluchzte herzzerbrechend.

»Herr von Born – ich flehe Sie an, was bedeutet diese Szene?!«

»Eine Überraschung, gnädige Frau –«

»Warum nannten Sie meine Tochter ›Durchlaucht?‹« fragte Welfen durch die Zähne.

Der Landrat lächelte unverändert und verneigte sich verbindlich. »Eine Verwechslung, Herr Major!« antwortete er sehr ruhig: »Fräulein Salome verblüffte mich durch ihre auffallende Ähnlichkeit mit einer russischen Fürstin, die ich jüngsthin kennenlernte. Ich verwechselte die Damen im ersten Augenblick, bis ich das gnädige Fräulein erkannte!«

»Erkannte? Kennen Sie meine Tochter bereits?« Die Stirn des Majors färbte sich, seine bebenden Hände verrieten die Aufregung, in der er sich befand.

Wieder eine leichte Verneigung des Landrats. »Ich hatte allerdings den Vorzug, Ihr Fräulein Tochter während ihrer Reise hierher flüchtig kennenzulernen und bin entzückt, daß sich das gnädige Fräulein meiner noch entsinnt?«

»Sie lernten sich kennen – und Salome sagte uns kein Wort davon?«

»Wie sollte sie, gnädigste Frau! Es war leider nicht Zeit für mich, ihrem Fräulein Tochter meinen Namen zu nennen! – Nicht war, wein gnädiges Fräulein, ich stellte mich nicht vor?«

Salome bewegte heftig den Kopf, es konnte ebensogut ja wie nein heißen.

Aber der Landrat faßte es als Verneinung auf. Er trat einen Schritt näher zu der jungen Dame heran und fuhr mit weicher Stimme fort: »Vergeben Sie mir und lassen Sie mich das Versäumte nachholen.«

»Zum Kuckuck noch eins, mit solchen Geheimnissen!« fuhr der Major auf: »Bei welcher Angelegenheit bedurfte meine Tochter Ihres Schutzes, Born?!«

»Bagatelle, Herr Major! – In dem Gedränge auf dem Bahnhofsperron zu Halle verlor das gnädige Fräulein einen Veilchenstrauß – ich sah ihn und erlaubte mir ihn zu überreichen. Es geschah in der größten Hast – und daher war es unmöglich, mich Ihrem Fräulein Tochter bekanntzumachen, ich mußte eilends den Schnellzug erreichen.«

»Und wegen solch einer Lappalie dieses Aufheben, Salowen? bist du rein verrückt geworden?« ärgerte sich der Major ingrimmig, »das kommt von deinen schwachen, überanstrengten Nerven! Gestern machte sie es ebenso, lieber Born, als die neue Haushälterin überraschend vor ihr auftauchte, schrie sie auch auf wie am Spieß und fiel beinahe in Ohnmacht! Schrecklich! Diese Jugend heutzutage! Nichts als Nerven! Das ganze Mädel Nerven!«

Der Sprecher log so kaltblütig wie möglich, und doch sah ihn Born mit einem ganz infamen Lächeln an und machte die höchst überflüssige Bemerkung: »Ich glaube es Ihnen, Herr von Welfen!«

Frau Dora sprach leise auf das schwachnervige Töchterchen ein, und in der Tür erschien Wulf und meldete, daß angerichtet sei.

»Na, dann bitte, vorwärts zu Tisch, meine Herrschaften, sonst falle ich vor Hunger auch noch in Ohnmacht!« drängte der Major ungeduldig. »Wollen Sie meiner Frau den Arm geben, lieber Born – ja so, Teufel, nun habe ich Sie der Salome ja noch gar nicht vorgestellt – hier, du nervöse Zuckerpuppe: der Landrat von Born, den du künftighin etwas zivilisierter begrüßen wirst!«

Salome war aufgestanden. Sie erglühte abermals, und ihr Blick flog zu dem jungen Mann empor, so süß, so innig und verständnisvoll –

»Zu Tisch!« schrie Welfen ganz gelb vor Ärger. Und der Landrat hob die Hand des jungen Mädchens, die ihm bebend dargereicht wurde, mit vielsagendem Blick an die Lippen, wandte sich galant zu der Hausfrau und führte sie in den Speisesaal. Welfen folgte mit seiner Tochter. »Du wirst den Kerl von jetzt ab wie Luft behandeln! Ich befehle es, verstanden?« raunte er ihr leise ms Ohr.

Salome blickte ihn groß an und antwortete nicht. Rose und Miß standen harrend an den Stühlen. Die erstere begrüßte den Landrat mit naiver Herzlichkeit und begann in ihrer lebhaften Weise so animiert zu plaudern, daß über die ersten peinlichen Minuten eine Brücke geschlagen wurde. Salome schien den Vater nicht verstanden zu haben. Sie behandelte den Landrat im Gegenteil mit einer schwärmerischen Innigkeit und holdseligen Güte, daß der Major an seinem Arger zu ersticken glaubte.

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Und er konnte ihr nicht den kleinsten Wink oder Verweis geben, denn in seiner Zerstreutheit hatte er es beim Platznehmen übersehen, daß Salome nicht an seiner Seite, sondern gegenüber neben Born Platz genommen hatte.

Das war ja eine nette Bescherung! Er triumphierte in Gedanken über die nichtswürdige Behandlung, die seine Älteste dem verhaßten Gegner angedeihen lassen würde, und anstatt dessen warf sie sich ihm beinahe an den Hals, schrie auf, erglühte und erbleichte wie bei dem Anblick eines Geliebten, entsann sich mit beinahe kompromittierender Schwärmerei eines kleinen Bahnhofsrenkontres, das der angenehme Herr Landrat als Bagatelle bezeichnete und beinahe vergessen hatte, und nun anstatt die fatale Scharte auszuwetzen und ihn zu behandeln wie es sich gebührte, schmachtete sie ihn mit den zärtlichsten Blicken an und machte ihm mehr die Cour als er ihr!

Der Major hätte sich vor Wut die Haare einzeln ausraufen mögen.

Er würgte das schöne Essen ohne Verständnis herunter – es schmeckte wie Galle! Und dabei warf ihm der Kerl, der »Born von hinten und von vorn«, immer mal einen Blick zu – so recht höhnisch und triumphierend wie einer, der sich im tiefsten Innern so recht über seinen Gegner lustig macht. Das dumme Ding, die Rose, hatte es selbstverständlich brühwarm erzählt, welch ein alberner Irrtum sich mit den Miltitscher Husaren ereignet hatte, und dadurch wurde er auch um den zweiten Triumph gebracht, dem Landrat durch seine »häuslichen Diners« zu imponieren.

Je mehr und besser sich die anderen unterhielten, desto einsilbiger und ingrimmiger stocherte Welfen auf seinem Teller herum, die Anwandlung törichter Großmut verwünschend, in der er den unleidlichen Widersacher eingeladen, Gast des Hauses zu sein.

Das schöne Diner! Der schöne Hunger! Und alles vergällt durch den Ärger.

Was seine Tochter versäumte, möchte er selber nun durch doppelte Unliebenswürdigkeit nachholen, aber er hatte keine Gelegenheit dazu; man überließ ihn harmlos seiner giftigen Stimmung, und der Landrat war so vollendete Ritterlichkeit gegen die Damen, daß sich nicht der kleinste Anlaß bot, sich an ihm zu reiben.

»Welche all dieser zauberkräftigen Feenhändchen haben denn die Tafel so entzückend geschmückt?« fragte er soeben wieder verbindlich, und Rose beeilte sich, die Schwester als Meisterin solcher Kunst zu preisen. »Ja, und nun denken Sie sich unsere Enttäuschung, als dies alles nur für uns selber geschehen sein sollte! Als Mamsell Mine uns erzählte, daß die Vergißmeinnicht keine Husaren bedeutet hätten, war sie so unglücklich, als ob Salome nun wirklich eine alte Jungfer werden müßte. –«

»Eine alte Jungfer?« – lachte Born auf, und Frau von Welfen schüttelte den Kopf: »Rose!!« – aber Rose fuhr in naivem Eifer fort: »Na ja, wenn Blumensamen aus einem Brautbukett aufgeht, bedeutet das einen neuen Freier ins Haus, und als die Husaren nicht kamen, glaubte Mine, der Freier für Salome bleibe auch aus!«

Frau von Welfen sah sehr verlegen aus, und Salome wurde dunkelrot, Rose aber rieb sich erschrocken den Arm, in den sie der Major ziemlich unsanft gekniffen hatte,

Born hob lächelnd das Glas. »Auf daß der holde Aberglaube dennoch recht behalte und wir bald der reizendsten aller Braute huldigen können!« sagte er mit leichter Verneigung gegen die Hausfrau und wandte sich alsdann mit einem Blick zu Salome, der diese erbeben ließ. »Muß der Zukünftige denn auf alle Fälle ein Husar sein, mein gnädiges Fräulein?« fragte er mit einer Stimme, die nur wie harmlose Neckerei klang, zum Entsetzen der Mutter und zum namenlosen Zorn des Vaters, aber ganz anders von Salome aufgefaßt zu werden schien.

»Nein! Kein Husar!« schüttelte sie in glühendem Eifer das Köpfchen, »viel lieber ein –« und sie verstummte jäh erschrocken. War auch das Wort »Landrat« noch nicht gefallen, so las man es doch in ihrem Blick.

»Ein Grenadier, wie dein Vater auch einer war!« donnerte der Major, unfähig sich zu beherrschen; diese zweite Avance, die seine so jäh verwandelte Tochter dem Verhaßten machte, brachte sein Blut zum Sieden. »Eine Soldatentochter bleibt der Fahne treu und teilt den Geschmack des Vaters! Mir waren Zivilisten mein Leben lang höchst gleichgültig und unsympathisch, und so wie ich dich kenne, Salome, sind sie es dir auch!«

Salome senkte das Köpfchen, aber sie lächelte seltsam, und ein äußerst beredter Blick tauchte in die leuchtenden Augen Borns, der ihm ganz das Gegenteil versicherte.

Rose löffelte sehr eifrig ihre Schlagsahne mit Pumpernickel. Jetzt blickte sie auf, viel zu sehr noch Kind, um die Absicht in den Worten des Vaters zu erkennen.

»O bewahre, Papa! Da irrst du dich doch gewaltig!« lachte sie mit wichtigtuender Schelmerei; »Salome hat mir neulich anvertraut, daß sie sich in einen Zivilisten verliebt habe, der sich ihrer auf der Reise höchst ritterlich angenommen habe! Sie hat sogar ein Veilchensträußchen von ihm bekommen, das liegt gepreßt droben in ihrem Gesangbuch!«

Die Wirkung dieser Worte war eine ungeheure. Salome stieß abermals einen kleinen Schrei aus, und Born nahm jählings ihre Hand zwischen die seine und stammelte entzückt:

»Salome! Ist das wahr?!«

Frau von Welfen preßte in wortlosem Schreck die Hände gegen die Schläfen, und der Major sprang so wütend auf, daß sein Stuhl krachend umfiel.

»Rose!« keuchte er mit geballter Hand, aber ein Blick in das erstaunte, völlig harmlose Gesichtchen seiner jüngsten erinnerte ihn daran, daß Rose dem Wiedersehen zwischen der Schwester und dem Landrat nicht beigewohnt hatte, und infolgedessen auch nicht ahnte, wer der »angeschwärmte Ritter« war. Er wandte sich von ihr ab gegen Salome, um die ganze Schale seines Zornes über sie zu entleeren, Born aber kam ihm zuvor. Er war hastig aufgestanden und trat zu dem Zürnenden, seine wutbebende Hand freundlich mit der seinen umschließend. »Herr Major –«

»Lassen Sie mich! – Salome soll mir folgen! Ich habe mit dem ehrvergessenen Mädchen abzurechnen!!« schrie Welfen außer sich. »Dieses Benehmen – diese Blamage! Alle Begriffe übersteigt es!!«

»Herr Major – ein Wort!« – Der Landrat sah ihm fest in die Augen, mit strahlendem Blick – aber der so übermäßig Gereizte riß sich schroff los, erreichte mit ein paar Schritten die Tür und warf sie schmetternd hinter sich in das Schloß.

»Um Gottes willen, lassen Sie ihn, Herr von Born!« flehte Frau Dora, bleich bis in die Lippen: »Mein Mann ist in diesem Augenblick in einer unzurechnungsfähigen Stimmung!« Und dann zwang sie sich zu einem Lächeln und reichte ihrem Gast herzlich die Hand. »Er nimmt jede Kleinigkeit so ernst, selbst die Kinderei! Welch ein junges Mädchen schwärmte nicht! Sie sind Menschenkenner genug, lieber Herr von Born, um zu wissen, daß man mit einem Kinde, das soeben erst die Pension verlassen hat und in das Leben hineinguckt, nicht rechnen darf wie mit einer welterfahrenen Dame! Mir ist dieses törichte Benehmen meiner Ältesten auch sehr peinlich, Herr von Born, aber ich bin vernünftig genug, es so harmlos aufzufassen, wie es gemeint ist, und ich vertraue Ihrer großen Liebenswürdigkeit, daß sie das gleiche tun wird!«

Der Landrat neigte sich und küßte respektvoll die Hand der Sprecherin.

»Ihr Herr Gemahl ließ mich nicht zu Worte kommen, gnädigste Frau. Darf ich statt dessen nun zu Ihnen sprechen?! Daß ich Fräulein Salome nicht gleichgültig bin, sah ich zu meinem unbeschreiblichen Entzücken bei unserem Wiedersehen.«

»Liebe Miß Dolly – bitte führen Sie Rose auf ihr Zimmer!« unterbrach ihn Frau von Welfen beklommen.

»Aber Mütterchen! Gerade jetzt – ich möchte so gern hören, was das alles bedeuten soll!« bat Rose niedergeschlagen.

»Sei folgsam und geh!«

Sofort erhoben sich das Backfischchen und die Engländerin und verließen das Zimmer. Der Landrat aber fuhr hastig fort: »Lassen Sie mich kurz sein, gnädigste Frau! Als ich heute ihr gastfreies Haus betrat, geschah es mit all den zärtlich sehnsuchtsvollen Gedanken des Freiers, den die ›Vergißmeinnicht‹ prophezeiten! Das Bild Ihrer Fräulein Tochter lebte mir im Herzen, und ich kam, mich von der Aufrichtigkeit meiner Gefühle durch ein öfteres Begegnen zu überzeugen und um die Liebe der so heiß Verehrten zu werben. Der Zufall hat mich schneller als ich gedacht in das Herz des geliebten Mädchens blicken lassen, und ich sehe mit namenloser Wonne, daß meine Liebe erwidert wird.«

Er neigte sich zärtlich nieder und zog die, Händchen von dem glühenden Antlitz des jungen Mädchens: »Oder täusche ich mich, Salome? Liebst du einen andern?«

»Nein! nein! Dich ganz alleine liebe ich!« jauchzte es ihm als Antwort entgegen und Salomes Arme schlangen sich um seinen Hals, und er zog sie stürmisch an die Brust: »Dich liebe ich, dich! Du bist der beste, der edelste, der herrlichste Mann auf Gottes weiter Welt! O wie gut von dir, daß du mich nicht verraten hast!« Frau von Welfen starrte fassungslos auf das fait accompli vor ihren Augen.

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»Herr von Born – was wird mein Mann sagen! Ich zittere vor ihm!« stöhnte sie, bleich vor Schrecken.

»Sein Jawort zu erbitten, soll meine nächste Sorge sein!« rief der Landrat mit freudiger Zuversicht: »Meine Persönlichkeit und meine Verhältnisse garantieren mir sein Wohlwollen!«

»Unbesorgt Mamachen! Den Vater erobern wir in fünf Minuten!« jubelte Salome strahlend, glühend in übermütiger Seligkeit: »Kommt, wir wollen ihn sofort aussuchen und uns seine Zustimmung holen. –«

»Nein!« – Frau von Welfen trat ihr energisch in den Weg, »das hieße alles verderben. In seiner jetzigen Stimmung ist er jedem guten Einfluß unzugänglich. Gut Ding will Weile haben, wir müssen einen günstigen Moment abwarten, wo er milder gesinnt ist, und das wäre wohl Roses Konfirmation!«

»Beste, teuerste Mutter!« Born küßte abermals in inniger Dankbarkeit die Hände der Sprecherin: »Sie sind meinem Werben nicht abhold? Sie segnen unseren Bund und unterstützen unsere Bitte bei Ihrem Herrn Gemahl?«

»Mutterchen – süßes Mutterchen, du tust es?!«

Voll wehmütigen Ernstes drückte Frau Dora die Hand ihres künftigen Schwiegersohnes. »Sie wissen, Herr von Born, daß ich seit jeher zu Ihren Freunden zählte, wenngleich es mein Mann nicht billigte. Auch jetzt bin ich Ihre Bundesgenossen, die Verhältnisse zwingen mich dazu, diesen überraschenden Vorgängen einen moralischen Hintergrund zu schaffen. Noch kann ich den Gedanken nicht fassen, daß dieses Kind sich schon verloben will, und halte es für sehr notwendig, daß wir die ganze Angelegenheit in Ruhe und Vernunft noch einmal besprechen, denn ein so ernster Schritt darf nicht wie in einem Lustspiel binnen fünf Minuten entschieden und erledigt werden. – Darum bitte ich Sie herzlichst, lieber Herr von Born, uns jetzt zu verlassen; ohne Einwilligung meines Mannes darf ich Ihren Verkehr mit Salome nicht gestatten.«

»Mama! – Er soll gehen?!«

»Gehen und wiederkommen!« flüsterte Born in das rosige Ohr der Geliebten. »Deine Mutter hat recht, mein Liebling, ich muß scheiden, bis mir die selige Erlaubnis wird, mein Kleinod vor aller Welt zu eigen zu nehmen!« Er wandte sich zu Frau von Welfen und küßte abermals ihre Hände. »Ich folge Ihnen, meine teuerste Gönnerin, und gehe, um in einem Brief an Ihren Herrn Gemahl meine Werbung zu wiederholen und meine Verhältnisse klarzulegen. Ich flehe Sie an, gnädigste Frau, diese Zeilen durch Ihre einflußreiche Fürsprache zu unterstützen, und bitte Sie bei aller Sehnsucht unserer liebekranken Herzen, tun Sie nach Kräften das Ihre, um das Hangen und Bangen in schwebender Pein abzukürzen! Rufen Sie mich bald, recht bald zurück!«

»Ich verspreche Ihnen, Ihr treuer Anwalt zu sein!« – nickte Frau von Welfen ganz verwirrt: »O Gott, es ist furchtbar – so plötzlich! – So peinlich für uns ... ich habe mich im ganzen Leben noch nicht so geschämt wie heute!« Und sie rührte mit zitternden Händen die Klingel, um den Wagen des Landrats zu bestellen.

»Aber Mamachen, wir lieben uns ja so sehr!« – und Salome führte abermals das Taschentuch an die Augen.

»Gnädigste Frau – einen Abschiedskuß!« – flehte Born mit unwiderstehlichen Augen.

Frau von Welfen machte eine undefinierbare Handbewegung und trat nervös an das Fenster, um nach dem Wagen zu schauen.

Born aber schloß die Braut in die Arme und küßte sie. »Bleib mir treu, mein Liebling!« flüsterte er zärtlich.

»Ewig, ewig! Du süßer ... ja sage, wie heißt du eigentlich mit Vornamen?!« – Da lachten sie beide hell auf.

»Siegfried! Dein Siegfried!« – Und wieder küßten und kosten sie unter zärtlichen Liebesschwüren.

»Der Wagen!« – rief Frau von Welfen! »Leben Sie wohl, Herr von Born!«

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