Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Nataly von Eschstruth >

Jung gefreit. Band I

Nataly von Eschstruth: Jung gefreit. Band I - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
authorNataly von Eschstruth
titleJung gefreit. Band I
publisherVerlag von Ewald & Co. Nachf.
addressLeipzig
yearo.j.
illustratorWilh. Claudius
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100807
projectida68e61b5
Schließen

Navigation:

VI.

[Bild] Als die beiden Damen in den Taxusgang, der geradeswegs durch die neuen Anlagen zu dem Herrenhause führte, eintraten, sahen sie eine seltsame Erscheinung, langsamen Schritts vor sich herwandeln. Eine große, grobknochige Gestalt, mit langen, eckigen Armen und ungelenken Bewegungen.

Trotz des Prachtwetters waren die dunklen Röcke hoch, sehr hoch sogar, bis zur Wade geschürzt, und gewährten den Blick auf ein paar derbe Männerstiefel. Bei dem Anblick der Jacke konnte man im Zweifel sein, ob sie ein Damenjackett oder eine regelrechte Herrenlodenjoppe repräsentiere, und der breitrandige Kalabreserhut, der bis auf die Ohren herniederschlappte, ließ dennoch erkennen, daß das Haar unter ihm leicht ergraut und kurzgeschnitten war.

So war der ahnungslose Beschauer einen Augenblick ernstlich im Zweifel, ob er einen Mann in Weiberröcken, oder ein Weib in Männerkleidern vor sich habe.

Salome aber schien diesen wunderlichen Zwiespalt der Natur schon zu kennen, denn sie schüttelte nur in vielsagender Weise den Kopf und seufzte tief auf: »Nun sehen Sie nur, Mißchen! Tante Sidonie vor uns! Es ist himmelschreiend, wie die verdrehte Person einmal wieder aussieht!«

»Yes ... die Frau Professor uird uieder botanisiert haben!« nickte die Engländerin, ohne mit einer Wimper zu zucken.

»Selbstverständlich! Die Botanisiertrommel klappert ihr ja auf dem Hüftknochen, und wie es scheint, hat sie just ein sehr interessantes Mistkäferchen unter der Lupe! Sie sieht ja gar nicht rechts noch links!«

In der Tat, Tante Sidonie verlangsamte die Schritte noch mehr, daß sie beinahe still stand und beugte den Kopf sehr tief über einen Gegenstand, den Salome als Lupe erkannte.

»Warum tragen die Frau Professor so vieles Männerzeug auf ihr Körper?«

Salome lächelte ironisch: »Weil sie so geizig ist. Kein Händler bietet ihr genug Geld für die Kleider ihres verstorbenen Joannes, darum verkauft sie die nicht – um aber den Motten ebenfalls ihr Recht zu verkürzen, trägt sie die Sachen selber auf!«

»Oh! Oh!! Oh!!!«, entsetzte sich Mißchen mit der dramatischen Steigerung einer Lady Macbeth. »Darum? – Ich dachten stets, es seien eine Marotte von übergeschnapptes Blaustrompf!«

»Das mag es noch nebenbei sein. Tante Sidonie bildet sich ja ein, in hohem Grade wissenschaftlich gebildet zu sein. Das Werk, an dem sie arbeitet, hat ihr Mann wohl noch begonnen, sie aber will es vollenden und unsterblichen Ruhm damit ernten. Ich bin überzeugt, daß es total verdrehtes Zeug ist – aber besser, sie ist Tag und Nacht damit beschäftigt, als daß sie uns mit ihren tyrannischen Launen quält!«

»Dreadful! – Sie quält Ihnen?!«

Salome legte die Hand schwer auf die Schulter der Fragerin. »Sie sind noch nicht lange hier im Hause, Sie ahnungsloser Engel, und kennen die Frau Professor Raitling kaum mehr, als vom Ansehen! – Lassen Sie erst ihr Buch vollendet sein – dann werden Sie mit Entsetzen bemerken, daß Tante Sidonie sich für alles hochgradig interessiert, was sie gar nichts angeht!«

»So ist sie ein bösartiges Charakter?«

»Mehr als das. Sie hat ihren Mann nicht nur im Leben, sondern sogar noch im Grabe geärgert.«

»Bless me! Das seien uol unmöglich!«

»O nein. Hören Sie. Das Ehepaar bewohnte zu Lebzeiten des Professors ein eigenes Besitztum am Bodensee. Eine große, schöne Kastanienallee, die von der Haustür durch die Länge des Parkes führte, war der ewige Streitapfel. Tante Sidonie schimpfte auf die unnützen Kastanien und wollte statt ihrer rentable Obstbäume anpflanzen, Onkel liebte die Kastanien und duldete nicht, daß sie umgehauen wurden. Als er gestorben war, bestellte seine liebevolle Gattin nicht zuerst die Leichenfeier, sondern die Holzhacker, die Tag und Nacht arbeiten mußten, die Kastanien zu fällen. Zu der größten Genugtuung der Frau Professor bewegte sich der Trauerzug durch die baumlose Allee, die schon am nächsten Tag darauf mit Kirschbäumchen bepflanzt wurde. Tante Sidonie hatte nun zwar ihren Willen durchgesetzt, aber es ließ ihr Tag und Nacht keine Ruhe, daß ihr Mann möglicherweise gar nichts von dieser Abänderung bemerke. Sie fürchtete, er lebe nun vielleicht droben im Himmel herrlich und in Freuden und habe weder Zeit noch Lust, zu ihr herabzuschauen. Diese friedliche Seligkeit wollte sie ihm aber doch versalzen. Sie hörte, daß in einem benachbarten Häuschen ein armer Mann, Vater von vielen Kindern, hoffnungslos krank liege. Sie ging zu ihm und nickte ihm huldvoll zu: ›Na, Herr Lorenz, Sie wollen jetzt sterben?‹ – Der Mann seufzte schwer auf. ›Ach Frau Professor, es wird mir nicht leicht! Die armen Kinder! Für mein Begräbnis müssen sie ihre letzten paar Heller noch opfern!‹ – ›Ich will Ihnen einen Vorschlag machen, Lorenz. Ihr Begräbnis bezahle ich, wenn Sie mir dafür einen Gefallen tun wollen!‹ – ›Ach gnädige Frau, sagen Sie schnell, was könnte ein Sterbender Ihnen noch leisten?!‹ – ›Viel. Geloben Sie mir etwas in die Hand. Wenn Sie tot sind, und in den Himmel kommen, suchen Sie sofort meinen Mann auf, und dann bestellen Sie folgendes: ›Eine schöne Empfehlung von der Frau Professorin, und die Kastanienallee wäre abgehauen und Kirschbäume anstatt ihrer angepflanzt!‹ Verstanden, Lorenz? Wollen Sie das bestellen?^ – Der Kranke begriff zwar diesen seltsamen Wunsch nicht, aber aus Liebe zu Weib und Kind gelobte er, den Auftrag Wort für Wort auszurichten. – Tante Sidonie triumphierte. Sie erinnerte ihn noch zweimal an diese wichtige Aufgabe, und Lorenz versicherte noch mit brechenden Augen, er werde sie erfüllen. Als er tot war, fühlte sich Tante Sidonie sehr zufrieden. Sie war zum erstenmal im Leben generös, denn sie bezahlte nicht nur das Begräbnis, sondern beschenkte auch noch die Witwe mit einem Spargroschen.«

»Dearest Miß Salome. – Dieser Geschichten seien aber nur ein erfundenes Märchengeschichte?!«

Salome schüttelte den Kopf und legte die Hand beteuernd auf die Brust: »Mein Wort darauf, sie ist wahr! Und nun im Laufschritt an ihr vorüber!«

Mißchen setzte sich schauernd in Trab, und die beiden Damen huschten eilig an der Professorin vorüber.

»Guten Morgen, Tante Sidonie! Wir erwarten heute Gäste zu Tisch!«

Die blauen Brillengläser über der scharfen Hakennase hoben sich momentan. »So? Schon wieder mal? Elende Schmarotzer! Ernst sollte ihnen die Tür vor der Nase zuschlagen, anstatt diese Blutsauger immer wieder zu traktieren!«

Weil keine Antwort erfolgte und die Schritte der Davoneilenden verklangen, neigte die Frau Professor das hagere Antlitz wieder zu der Lupe nieder, und schimpfte noch lange Zeit leise vor sich hin. Als sie außer Hörweite waren, mäßigte Salome lachend ihren Schritt. – »Da ging der Sermon schon wieder los! – Geizig bis zur Gemeinheit, dabei aber alle Sonntage in der Kirche und Andacht früh und Andacht abends! – Ich glaube sie tut es nur, damit sie sich in den Himmel hineinbeten und dort ihren Unglücksmann weiter ärgern will!«

»Uarum zog sie von das Bodensee ueg?«

Salome lachte übermütig auf: »Weil sie zu wenig Freude an ihren Kirschbäumen erlebte! Anstatt der erhofften großen Ernte hatte sie nur Unannehmlichkeiten und Gerichtskosten. Die Kirschen wurden trotz des wachsamen Hundes gestohlen, die jungen Bäume dabei verletzt und zerbrochen, und weil die Frau Professorin in blindem Zorn sofort diese und jene Personen des Diebstahls beschuldigte, wurde sie verklagt und mußte obendrein die gestohlenen Kirschen tüchtig bezahlen. Ich glaube, im tiefsten Grunde ihres Herzens hat sie die Kastanien des Gatten noch oft zurückersehnt. Dann kam noch etwas anderes dazu. Sie verstand es schon damals, sich den Anschein einer sehr gescheiten Frau zu geben, und weil sie ihre Köchin ein paarmal bei verdorbenem Magen erfolgreich mit Salzsäuretropfen, verbrannte Finger mit einer guten Salbe und Wunden mit Arnika behandelt hatte, erfreute sie sich bei den kleinen Leuten der Umgegend bald eines guten, doktorlichen Renommees. Als ihr Mann nach längerer Krankheit starb, blieben sehr viele große und kleine Arzneireste in den Flaschen zurück. Da sie so viel gekostet, konnte es die Frau Professor nicht über das Herz bringen, diese kostbaren Medikamente fortzuschütten. Sie ordnete die Flaschen fein säuberlich, je nach der Menge des Inhalts, stellte sie in den Schrank, und wartete der Kranken, die diese teueren Tropfen »fertig brauchen« sollten. – Da die Krankheit ihres Mannes aber eine recht seltene war, so konnte sie unmöglich darauf warten, bis ein zweiter Fall gleicher Art im Dorfe vorkam. Und so geschah es, daß sie an dem unglückseligen Fischervolk des Bodensees, ohne Ansehen der Person, der Krankheit und der Flasche darauf loskurierte. Einen gebrochenen Arm behandelte sie innerlich mit Vomitivs, der schnelleren Heilung wegen; ein maserkrankes Kind schluckte auf Tod und Leben Eisenpillen, und ein durch eine Augenentzündung geplagter alter Mann wurde mit Chloral und Chinin beinahe unter die Erde gebracht. Sie können sich denken, was für ein Unheil sie anrichtete.

Als die Eltern des maserkranken Kindes heimlich doch noch einen Arzt holten und die Kurpfuscherei der Frau Professor ruchbar wurde, soll sie abermals recht fatale Stunden durchlebt haben, vor allen Dingen machte sich ein gewisser Ingrimm der behandelten Patientin so stark bemerkbar, daß die Frau Professor es vorzog, dieser undankbaren Bevölkerung schleunigst den Rücken zu kehren. Wie sie behauptet, verkaufte sie Villa und Anwesen mit großem Verlust, und dadurch rührte sie den guten Vater, ihr ein Unterkommen bei uns anzubieten, bis sie sich ein neues Heim gegründet hätte.«

»Oh what Witlessness!!« entsetzte sich Mißchen: »sie gründet in ihr ganzes Lebtag nich'!«

»Nein, davon bin auch ich überzeugt. Schon über ein Jahr lang ›schindet sie hier Lokal‹ und denkt nicht an Lebewohl sagen.«

»Ihre Handschrift seien so sehr schön, meint die Herr Major?«

Salome zuckte die Achseln. »Vater behauptet, es stehe so viel Gutes darin zu lesen, aber ich glaube, er versteht noch nicht genug davon, oder verstand es damals noch nicht! Denn was nützen mir die herrlichsten Charaktereigenschaften, wenn sie nur in den Buchstaben aber sonst nirgends bemerkbar sind?!«

Die jungen Damen waren vor der Freitreppe angelangt. Rose kam ihnen mit glühendem Gesichtchen entgegengelaufen. »Aber Salome, wo um alles in der Welt bleibt ihr! Es ist ja die höchste Zeit! – Gib schnell die Blumen her, ich werde die Tafel schmücken, und du gehst schnell hinauf und ziehst dich um, oder willst du dieses Kleid anbehalten?«

»Dieses Kleid? – Ich sterbe lieber! – Gäste im Hause und ein solches Fähnchen?! Nein, petite, ich weiß, was man der Erziehung einer Lausanner Pension schuldig ist! – Hier die Blumen! Du bist ein Engel, Rose, wenn du sie arrangierst! Wo ist Mama?«

[Bild]

»Zieht sich auch an, und will dann oben in den Salons fertig Staub wischen, weil sie Miß Howard nach dir schicken mußte. Auch ist sie in allen Zuständen, weil Papa gar nicht wieder kommt, und der Wein herausgegeben werden muß!«

»Mein Gott, wie regt ihr euch alle wegen dieser paar Gäste auf!« lachte Salome sorglos! »Laßt sie doch kommen! Verhungern werden sie ja nicht gleich, wenn es ein Stündchen länger dauert!«

»Nein, das nicht, aber bedenke, welch eine Blamage für eine Hausfrau! Und heute trifft sich alles hier sehr ungünstig, weil wir gar keine Hilfe in der Küche hatten!«

»Ja, ja, deutsche Hausfrauen!« lachte die Schwester abermals, und diesmal ein klein wenig spöttisch. »Aus lauter Pedanterie macht ihr euch das Leben schwer! Ich quäle mich mal nicht so ab, als Hausfrau!« und trällernd schwebte sie die Treppe empor.

»Qui Pomelette je vous jure,
je suis très fin de nature!«

Ja, sie war sehr fein und sehr anspruchsvoll aus der Pension zurückgekommen, das fand selbst Rose, aber es paßte gut zu der Elfengestalt des reizenden Mädchens, und Rose war weit davon entfernt, ihr einen Vorwurf zu machen.

Herr von Welfen war währenddessen langsam fürbaß geritten. Über ihm jubelte und zwitscherte es in blauer Luft, um ihn her dufteten Wald und Heide, und der Weg lag so lockend im Sonnenglanz vor ihm, daß der Major gar nicht merkte, wie weit er ritt. Als er endlich auf einer kleinen Anhöhe hielt, lag das kleine, nachbarliche Provinzialstädtchen in der Talebene vor ihm.

Die Husarenschwadron hatte auf dem Maß vor dem Tor exerziert, man sah Roß und Reiter wie zierliches Puppenspielzeug aus der Ferne zurückkehren, um in der Kaserne zu verschwinden. Die Turmuhr schlug die Mittagsstunde, und Herr von Welfen überlegte, ob er wohl hinabreiten solle, einen Blick in das Frühstückslokal zu werfen. Um diese Zeit war es dort am amüsantesten. Die Offiziere kehrten ein, der reiche Fabrikbesitzer pflegte sich zu ihnen zu gesellen, der neue Landrat und der Assessor wohl auch.

In einer Viertelstunde war er drunten. Welfen ruckte die Zügel an und ritt einen munteren kleinen Trab – es war ihm so vergnüglich zumute, und er freute sich darauf, einmal wieder mit der lustigen Gesellschaft drunten plaudern zu können.

Und er fand alle, die er erwartet hatte, außer dem neuen Landrat, von dem kein Mensch wußte, wo er stecken mochte.

Man hatte sich lange nicht gesehen, und man schwatzte sich fest. Der Major hatte viel zu erzählen, ein Thema, das die beiden Leutnants und den Assessor besonders eifrig anregte, die lange mit Interesse erwartete Heimkehr Salomes betreffend. Gott sei Dank, eine junge Dame in der Nachbarschaft! Welch ein anregendes, herzerfreuendes Ereignis!

»Wann dürfen wir unseren Besuch machen, Herr Major?« fragte Herr von Warneck, sein blondes Schnurrbärtchen zwirbelnd und melodisch die Sporen unter dem Stuhl zusammenklingend.

»Wenn Nose konfirmiert ist, meine Herren!«

»Dürfen wir dazu gratulieren kommen, Herr Major?«

»Am nämlichen Tage nicht, Kinder, das kann meine Frau nicht leiden. Freitag ist Konfirmation, Sonntag wollen wir's zusammen feiern!«

»Bravo, am Sonntag! – Gibt's ein größeres Fest, Herr Major?«

»Fein mittel!! Ihre Herren Kameraden von der vierten Schwadron in Miltitsch werde ich selbstverständlich auch einladen.«

»Sehr liebenswürdig, Herr Major. Die armen Kerle versauern geradezu in dem Heckennest, und der Gutsverkehr ist zur Zeit auch sehr mäßig. Neulich sagte der Rittmeister sowieso schon, sie wollten nächstens mal bei den Herrschaften in Jeseritz einfallen!«

»Haha! Der kleine Damenfreund hat auch schon von der Ankunft Ihrer Fräulein Tochter gehört!«

»Da halten ihn keine zehn Pferde mehr daheim!«

»Lassen Sie die Herren nur antreten, sie sind uns jederzeit willkommen! Und je eher der Rittmeister meine Salome sieht, desto eher ist er von seiner Passion für Damen kuriert!!«

Der Sprecher schmunzelte, als er es sagte, und ein lautes Hallo versicherte ihm das Gegenteil, eine Opposition, die ihm außerordentlich zu behagen scheint. Wie der Kater im Sonnenschein saß er vor seinem Weinglase, und das pfiffige Gesicht, mit dem er die Achseln zuckte und den Herren stumm Bescheid tat, hatte etwas so geheimnisvoll selbstbewußtes, daß Leutnant von Warneck seine Hand in das Feuer legen würde, aus Überzeugung: »Fräulein Salome muß bezaubernd sein!«

Der Landrat kam immer noch nicht, aber anstatt seiner erschien der Wirt und überreichte dem Herrn Assessor ein Billett.

»Aha! – Doch noch eine Nachricht von Born!« nickte er eifrig. »Sie gestatten, meine Herren?« und das steife Kuvert knisterte unter seinen Fingern und fiel auf den Tisch.

Mechanisch griff Herr von Welfen danach und warf einen schnellen Blick darauf. Um seine Lippen schlich sich ein eigenartiger Zug von Spannung und Interesse.

»Eine ruhige, klare, sympathische Schrift!« bemerkte Warneck, ebenfalls einen Blick auf die geschriebene Adresse werfend: »Es ist in unserem nervösen Zeitalter wirklich eine Seltenheit, noch eine leserliche Männerschrift zu finden!«

»So? Klar ... sympathisch ... ruhig?« murmelte der Major, und ein beinahe ironisches Lächeln bewegte seine Schnurrbartspitzen, »was Sie nicht sagen, lieber Warneck!«

»Ah richtig! Herr Major sind ja Graphologe!« rief der gegenübersitzende Premier von Elten mit etwas nasaler Stimme und nahm jählings die Zigarre aus dem Mund, als müsse er alle Aufmerksamkeit auf diese eine Tatsache konzentrieren. »Es würde höchst interessant sein, ein kleines Urteil über den Landrat zu hören! Herr Major haben die Güte, den Charakter nach der Schrift zu deuten! Wir bitten inständigst darum!«

Alle rückten eifrig näher, und der Assessor schob lachend den Brief herzu. »Noch mehr belastendes Aktenmaterial!« rief er lustig, »es stehen absolut keine Geheimnisse in diesem Brief, meine Herrschaften, lediglich eine Entschuldigung, daß Born heute nicht in unserer Gesellschaft essen kann, er hat Fahrten über Land. – Also, verehrtester Herr Major – wir sind ganz unter uns, und ein altes Wahrwort sagt bereits: ›Der Abwesende hat immer Unrecht‹!«

Welfen griff hastig nach dem Briefbogen, und sein scharfer Blick überflog die großen, leicht hingeworfenen Zeilen. Voll ungeteilter Aufmerksamkeit hingen aller Blicke an seinem Antlitz.

Der Assessor stieß den Premierleutnant unvermerkt mit dem Fuße an und blinzelte ihm vielsagend zu. Der Ausdruck in den Zügen des Majors war nicht gerade vielverheißend. Er sagte aber nichts, sondern nickte nur leise pfeifend vor sich hin und kraute sich momentan in dem dichten, leicht ergrauten Haar.

»Nun, Herr Major?« erinnerte Elten gespannt.

»Ja, meine Herren –« Welfen machte eine längere Pause und wiegte das Haupt unschlüssig hin und her: »Das Urteil über den Charakter dieses Briefschreibers ist nicht so einfach, wie es auf den ersten Blick aussieht. Es kommen da mancherlei Resultanten, mit der ihnen zukommenden, speziellen Synthese in Betracht, die sich nicht so ohne weiteres feststellen lassen. Muß mir das Skriptum noch mal in aller Ruhe und unter der Lupe ansehen! Darf ich den Brief mal mitnehmen, lieber Assessor? Sie erhalten ihn morgen wohlbehalten zurück!«

»Selbstverständlich, Herr Major! Bitte, behalten Sie ihn zum Eigentum, falls er eine interessante Studie ist!«

[Bild]

»Aber etliche ›Schlager‹ können Sie doch auch so schon lesen, Herr Major? So ein paar Haupttugenden oder hervorstechende Laster, die gleich auf der Hand liegen?« beharrt Elten. »Hm ... hier, die große, gleichmäßig starke Schrift drückt zum Beispiel Stolz aus –«

»Stolz! – Sehr stolz! – Stimmt!« jubelte es Antwort.

»Die sehr geradlinige Schrift deutet auf Unbeugsamkeit!«

»Hahahaha! – Also halsstarrig wie die Niobe bei der dritten Schwadron!!«

»Hier – dieser Haarstrich –« Welsen tippte eifrig auf die Anfangslinie eines Buchstabens, »wenn er so schroff und gekrümmt ist wie hier, so läßt das auf Widerspruchsgeist schließen!«

Schallendes Gelächter. »Großartig! Sie photographieren ihn, Herr Major!« jubelte Elten mit blitzenden Augen, während Warneck sich harmlos naher beugte und den Kopf schüttelte. »Das hätte ich diesem schönen, eleganten Schnörkel niemals angesehen!«

»Sie sind ein sehr schönheitssinniger und ideal veranlagter Mann, lieber Warneck!« spöttelte der Premier, »aber kein Graphologe!«

»Weiter, Herr Major! Bitte weiter!«

Welfen wandte sich mehr gegen das Licht und runzelte mit großer Wichtigkeit die Stirn.

»Hang zu kritischem Tadel und beißendem Spott, mit einem Worte – Kampfeslust!«

»Sapristi! Der muß ja ein allerliebster und sehr empfehlenswerter Ehegatte werden!« lachte Elten scharf auf und legte vielen Ausdruck in das Wort Ehegatte!

»Ja, ja, der Mann ist ein Blender. Äußerlich hat er sehr viel Gewinnendes, aber bei dem Herrn Major nützt ihm das nicht viel, der schaut tiefer und prüft Herz und Nieren!« stimmte der Assessor höflich bei, was ihm einen sehr wohlwollenden Blick seitens des Graphologen eintrug.

»Hier – diese aufrollende Kurve –« fuhr Welfen mit beinahe vernichtender Wucht fort, »bedeutet Anmaßung und Eitelkeit!«

»Hm ... hm ... großartig, Herr Major! Ich bin einfach starr, wie es möglich ist, derartig treffende Urteile aus ein paar Buchstaben herauszulesen!«

»Aber lieber Elten – ich habe wahrhaftig noch nicht bemerkt, daß der Landrat anmaßend oder eitel sei!« wagte Warneck schüchtern einzuwerfen.

Drei eisige Blicke der Verachtung trafen ihn.

»Bei Ihrer Jugend kann man noch kein Menschenkenner sein, lieber Leo!« verwies Elten mit beinahe mitleidigem Lächeln, »und uns gegenüber hat Born wenig Gelegenheit, all die schönen Charaktereigenschaften zu enthüllen, die unser hochverehrter Gönner hier so treffend andeutet. Ich habe jedoch Menschen gesprochen, die den Landrat seit Jahren genau kennen und ihm – kaum glaublich, aber wahr – dieselbe Konduite ausstellten, wie wir sie soeben bestätigt hören. – Bitte weiter, bester Herr Major, diese neue Wissenschaft mit ihren eklatanten Beweisen interessiert mich ganz ungemein! So lebhaft, daß ich den dringenden Wunsch empfinde, Ihr sehr gelehriger Schüler zu werden!«

»Ausgezeichnet! Brillante Idee!« lobte Welfen schmunzelnd. »Ja, lieber Elten, es gibt nur eine Wissenschaft der Zukunft – und das ist die Graphologie! Welch eine Errungenschaft für die Kriminalistik! Welch ein Verbrecher vermöchte noch Versteck mit uns zu spielen! Ein paar Zeilen von seiner Hand, und sein Charakter liegt so klar an der Sonne, als ob er die umfassendste Beichte abgelegt hätte!«

Der Major war bei dem Thema angelangt, das seine leicht erregbare Natur geradezu entflammte. Wehe demjenigen, der zu widersprechen wagte! Er bekämpfte ihn auf Leben und Tod, und was anfänglich nur ein interessanter Zeitvertreib für ihn gewesen, machten Eitelkeit und Hartnäckigkeit zu einem Steckenpferd, das er mit dem Feuereifer des Dilettanten und der krakeelerischen Anmaßung des Selbstbewußtseins ritt.

»Nicht nur für die Kriminalistik, sondern für jedwedes private Leben von äußerster Wichtigkeit!« stimmte Elten eifrig bei. »Denken Sie lediglich an den einen Fall, Herr Major! Ein Vater will seine Tochter verheiraten! Er steht einem Freier gegenüber, der ihm persönlich noch recht unbekannt geblieben, was ja bei Verlobungen in Bädern oder der Residenz sehr oft der Fall ist. Der pflichtgetreue Vater will sein Kind selbstverständlich nur einem Manne anvertrauen, dessen Charakter ihm volle Garantie für das Glück des Lieblings bietet. Wie aber soll er den Zukünftigen erforschen? Lob oder Tadel der guten Freunde sind selten maßgebend, es sprechen da so viele Einflüsse mit, die das Urteil nicht unparteiisch ausfallen lassen. Also was tun?! – Ein Mann wie Sie, Herr Major, ist in diesem Falle jedweden Skrupels überhoben, er entlockt dem Freier ein paar Zeilen und sieht sich den Mann in aller Behaglichkeit an, nicht nur wie er scheint, sondern wie er in Wahrheit ist

Welfen nickte sehr wohlwollend und zustimmend. Diese Idee schien ihm sehr trefflich und beachtenswert, er selber war merkwürdigerweise noch gar nicht auf den guten Gedanken gekommen.

Warneck aber rückte seinen Stuhl näher zu dem alten Herrn heran und räusperte sich. Der Blick seiner treuherzigen Kinderaugen hing unverwandt an den Zeilen des Bornschen Briefes.

»Und die Schrift sieht so nett und angenehm aus!« fuhr er freundlich fort, »viel zu originell, um lauter böse Eigenschaften zu enthalten! Lesen Sie denn gar nichts Gutesaus ihr heraus, Herr Major?«

Welfen nahm den Brief wieder zur Hand. »Etwas Gutes ... hm ... wollen mal sehen –«

»Nun, so hervorragend können die guten Eigenschaften wohl gerade nicht sein, wenn man sie erst mit dem Vergrößerungsglase suchen muß, während die weniger empfehlenswerten Charakterzüge so offen auf der Hand liegen!« spottete Elten scharf, und seine grauen, schmalgeschlitzten Augen sandten keinen allzufreundlichen Blick nach dem »jüngsten« Leutnant hinüber, der so unbequeme Fragen tat.

»Lieber Elten – Sie sind dem Landrat nicht sehr grün gesonnen!« lachte Warneck harmlos. »Seit Sie nicht mehr allein hier in Feldheim Löwe des Tages sind, bekämpfen Sie den Nebenbuhler mit Feuer und Schwert!«

»Mit seinen eigenen Schriftzügen!« zuckte Ellen lächelnd die Achseln– aber sein Lächeln hatte etwas Fatales. »Kleiner König Salomo! Ihre Weisheit ist so verblüffend, und ich würde mir selber leid tun, wenn ich an sie glauben wollte. Ich gönne dem Landrat alles Gute, sogar die besten Kardinaleigenschaften, die man sich denken kann; finden Sie keine, Herr Major? Noch immer nicht?«

»Die Seitenränder des Briefes lassen auf viel Gefühl für das Schöne schließen –«

»Für die Schönen, Herr Major! Hahahaha!«

»Und die geraden Gedankenstriche zeugen von Positivismus und Redlichkeit –«

»Pst! – Man kommt!«

»Ah ... nicht vor Zeugen –« und Welfen schob den Brief schnell in die Brusttasche und wandte den Kopf, um nach der Wanduhr zu sehen. »Potzwetter, schon ein Uhr durch!« murmelte er, »die höchste Zeit, daß ich heimkomme!«

Er erhob sich und begrüßte die neueintretenden Herren, sich gleichzeitig von seiner kleinen Tischrunde verabschiedend.

Elten war die verkörperte Liebenswürdigkeit und Zuvorkommenheit. Er hastete zur Tür, um nach dem Pferd zu rufen, und geleitete den alten Herrn persönlich bis auf die Straße.

»Wenn Herr Major gestatten, komme ich einmal allein nach Jeseritz heraus, um graphologische Studien zu machen!« bat er sehr höflich.

»Famos – kommen Sie sooft es Ihnen paßt! Ich werde sehr gern Ihr Instrukteur sein!«

»Ich werde mir auch gestatten, an den Rittmeister nach Mititsch zu schreiben, daß der Besuch der Herren vor der Konfirmation nicht erwünscht ist!«

»Können Sie machen, lieber Elten! Sehr nett von Ihnen, besten Dank! Na – und Sie kommen trotzdem schon bald einmal heraus! Wissenschaftliche Studien entschuldigen und gehen die Namen gar nichts an! – Auf Wiedersehen, Verehrtester! Gott befohlen!«

Die Sporen Eltens klangen zusammen, und sein wohlfrisiertes, aschblondes Haupt neigte sich tief respektvoll zur Brust – dann sah er dem langsam Anreitenden nach, bis er in der schmalen Seitenstraße entschwand, und ein behagliches Lächeln spielte um seine Lippen wie bei einem Menschen, der mit sich selbst zufrieden ist.

 << Kapitel 4  Kapitel 6 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.