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Jung gefreit. Band I

Nataly von Eschstruth: Jung gefreit. Band I - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
authorNataly von Eschstruth
titleJung gefreit. Band I
publisherVerlag von Ewald & Co. Nachf.
addressLeipzig
yearo.j.
illustratorWilh. Claudius
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100807
projectida68e61b5
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II.

[Bild]

Währenddessen hatten die drei feindlichen Tanten dem Zug noch sekundenlang nachgestarrt, als ob sie ihn mit den Blicken aus der großen Glashalle herausschieben müßten, dann drehten sie a tempo die Köpfe, funkelten sich ingrimmig an und rauschten ohne ein versöhnendes Abschiedswort davon – jede in einer anderen Richtung. Wenige Minuten, und keine wußte mehr von der andern, wo sie sich befand.

Fräulein Erna stellte sich, ihre groteske Gestalt recht vorteilhaft zu präsentieren, vor einen der großen Fahrpläne in der Durchgangshalle und studierte noch einmal die Route, die Salome soeben genommen.

Ihr Blick suchte mechanisch die Station Merseburg, auf der das »Kind« so allein und hilflos den Zug wechseln mußte. – Seltsam ... es war gar keine Zweigbahn dort angegeben ... erst in Halle ... ein tödlicher Schreck ergriff die Tante, sie, die verantwortlich für die Reiseroute der Nichte war. Sollte Martha in ihrer Superklugheit die Stationen verwechselt, und Klara und sie im Eifer nachgeschrien haben, was jene vorschrie?

Wie von bösem Geiste geplagt, stürzte Fräulein Erna an den Fahrkartenschalter, sich des Näheren zu erkundigen. Wahrhaftig! Salome mußte erst in Halle umsteigen.

Sekundenlang stand das alte Fräulein sprachlos, dann blitzte ein Gedanke durch ihr Hirn und ein Gefühl höchster Genugtuung schwellte ihre Brust. Der Zug war noch nicht weit entfernt –- sie würde an die nächsten vier oder fünf Stationen telegraphieren und Salome von dem Irrtum in Kenntnis setzen. Dann aber würde es eine ganz besondere Freude für sie sein, den weisen Fräulein Schwestern daheim hohnlächelnd zu sagen: »Ich habe euere unglaubliche Dummheit noch rechtzeitig gutgemacht und mir gebührt die Anerkennung, wenn Salome ohne die fatalsten Widerwärtigkeiten, in die sie ein falsches Aussteigen versetzt haben würde, die Heimat erreicht.«

Gedacht, getan.

Tante Erna stürmte auf die Telegraphenstation des Bahnhofes und gab an die nächsten vier Stationen die wichtige Depesche auf.

Währenddessen hatte Fräulein Klara im Geschwindschritt die Straßen durcheilt und wollte ihren Ärger in einer höchst appetitlich aussehenden Konditorei vergessen.

Als sie, noch immer etwas erregt, mit dem Teelöffel in der Schokoladentasse rührte, erschien eine bekannte Dame, nahm neben ihr Platz und begann eine Unterhaltung.

Klara berichtete von ihrem Opfermut, heute schon um sechs Uhr aufgestanden zu sein, um die kleine Nichte Welfen auf die Bahn zu bringen. Das Kind reise zum erstenmal allein, müßte sogar in Merseburg umsteigen.

»In Merseburg? Unmöglich! Merseburg ist ja gar kein Knotenpunkt!«,

Klara starrte sie mit offenem Munde an und vergaß vor Schreck weiterzukauen.

»Um Gottes willen ... für Magdeburg umsteigen?...«

»Muß sie in Halle!«

»In Halle?«

»Ja, erst in Halle!«

Als habe der Blitz vor ihr eingeschlagen, saß Fräulein Klara da, und dann fing sie an, über die Torheit der Schwestern zu toben und das unglückliche verlassene Kind zu beklagen!

»Aber meine Teuerste, regen Sie sich doch nicht so unnötig auf! Sie können den fatalen Irrtum Ihrer Fräulein Schwestern sehr leicht gutmachen, wenn Sie der Nichte telegraphieren! Wieviel Uhr ist es? – Eine Stunde ist der Zug erst unterwegs, Sie fassen ihn noch rechtzeitig ab, wenn Sie vielleicht an die sechste, siebente und achte Station depeschieren. Sicherheitshalber können Sie ja an mehrere Stationen zugleich abschicken!«

Klaras Augen funkelten Triumph. »Herrliche Idee! Tausend Dank, Liebste! – Ganz in der Nähe auf der Hauptpost ist ja ein Telegraphenamt – ich fliege, die Sache in Ordnung zu bringen – komme gleich zu Ihnen zurück!« – Und die Handschuhe vom Tisch raffend, sauste Fräulein Klara aus der Türe. Welch eine Genugtuung den Schwestern gegenüber, wenn sie deren unerhörten Lapsus noch rechtzeitig bemerkt und wieder gutgemacht hat! Und sie telegraphierte an sechs weitere Stationen.

Auch Schwester Martha entdeckte durch einen Zufall den Irrtum.

Sie, die solide, fromme, war direkten Weges nach Hause geeilt und fand daselbst auf dem Frühstückstisch einen Brief von Salomes Vater. Er gab noch einmal ausführlich die Reiseroute für die Tochter an, und legte es den Tanten besonders dringend an das Herz, sie darauf aufmerksam zu machen, daß sie in Halle umsteigen müsse. Glühend heiß wallte es durch die Adern der Lesenden. Der Schreck schien sie sekundenlang zu lähmen, dann rang sie in ratloser Verlegenheit die Hände und lief im Zimmer auf und ab, sich mit den grausigsten Phantasien quälend, was für schreckliche Unannehmlichkeiten der Unglücksnichte in Merseburg erwachsen würden! Und sie, sie allein war an dem ganzen Unglück schuld! Wie konnte sie auch nur die Stationen verwechseln! Es war unbegreiflich! Und wie würden die Schwestern höhnen und spotten!

In ihrer Hilflosigkeit fing sie an bitterlich zu weinen, und dann bekam sie Herzkrämpfe, klingelte Sturm und jagte das Mädchen zum Arzt.

Dieser kam erst nach Stunden. Als er seine Patientin in trostlosem Zustand fand, forschte er nach der Ursache, und Fräulein Martha erzählte ihm mit brechender Stimme die schreckliche Verwechslung von Merseburg und Halle.

Der Doktor, ein sonst sehr ernster, teilnehmender Mann, begann so heftig zu lachen, daß Fräulein Martha vor Entrüstung wieder zu Kräften kam, ehe sie aber Worte fand, fuhr der Arzt kopfschüttelnd fort: »Und um solcher Bagatelle willen Ihre kostbare, teure Gesundheit alterieren, mein gnädiges Fräulein? Das ist ja der reine Selbstmord aus Pflichtgefühl! Die Sache ist ja so äußerst einfach, dank unsern Telegraphendrähten! – Wenn Sie gestatten, bringe ich die Angelegenheit sofort auf dem nächsten Amt (hier in unsrer Straße, in der Unfallstation befindet sich ja eines!) in Ordnung. Wenn wir an die letzte Station vor Merseburg oder sicherheitshalber an etliche der letzten Stationen telegraphieren, erreicht die Gegenorder noch völlig rechtzeitig Ihr Fräulein Nichte, und sie kommt wohlbehalten in Halle an!« – Der Sprecher zog sich eiligst hinter den Tisch zurück, denn Fräulein Martha hatte Miene gemacht, ihn in höchstem Entzücken zu umarmen. – Sie war auch sofort wieder so bedeutend viel wohler, daß sie in allen Tonarten die Schwestern anklagen konnte, sich nicht um die Reise der Nichte bekümmert zu haben. »Ich selber lebe ja der Welt so fern« – hauchte sie zum Schluß mit frommem Augenaufschlag, »habe so viel mit meinen Werken christlicher Liebe und der inneren Mission zu tun, daß ich keinen Sinn und keine Gedanken für anderes mehr habe!« Der Doktor bewunderte sie und empfahl sich schleunigst, um eine Depesche für Fräulein von Welfen an die letzten sechs Stationen vor Merseburg zu senden. – – –

 

Währenddessen hatte der Zug, in dessen einsamer Damencoupéecke Salome die interessantesten Abenteuer ersehnte und unmutig die Stirn krauste, weil sich absolut nichts außergewöhnliches ereignete, die dritte Station nach der Abfahrt erreicht.

Fräulein von Welfen lehnte am Fenster und schaute halb belustigt, halb indigniert auf eine sehr übermütige und sichtlich durch einen ergiebigen Frühschoppen höchlichst angeheiterte Gesellschaft. Es war der Männergesangsverein »Waldvöglein«, der mit teilweiser Damenbegleitung eine Kunstreise Unternommen hatte, und nun berauscht durch Erfolg und Alkohol der Heimat wieder entgegendampfte.

So erzählte wenigstens ein Herr seinen Mitreisenden; er stand vor der Türe des Nebencoupés und verzehrte eine Schinkensemmel, die er an dem Büffet erstanden.

Seine Augen huschten zum öftern zu Salome empor, deren reizendes Gesichtchen nicht nur ihm, sondern auch den fidelen Sangesbrüdern aufzufallen schien.

Die »Waldvöglein« flatterten wenigstens recht ausgelassen am Zuge auf und nieder, stürmten Bier- und Butterbrotbüffet und machten es sich zum besonderen Vergnügen, dem jungen Mädchen in dem Damencoupé zuzunicken und zuzutrinken. Zwei der Jünglinge schienen besonders lyrischer Stimmung zu sein.

Arm in Arm, bereits etwas unsicher gehend, pendelten sie vor dem Coupé auf und nieder.

Der eine, ein hagerer, grobknochiger Mensch, mit langgebogener, vorspringender Nase, die sich anscheinend mit dem spitz nach oben strebenden Kinn ein Rendez-vous geben wollte – Salome dachte mit spöttischem Lächeln: »Aha, der scheint der Kreuzschnabel unter den Waldvöglein zu sein!« und der andere, ein fettes, untersetztes kleines Kerlchen, im karrierten Frack d'amour, aus dem ein roter Taschentuchzipfel kokett hervorwedelte – dieser andere schien fraglos das »Rotschwänzchen« unter den Waldgenossen repräsentieren zu wollen!

Fräulein von Welfen mußte unwillkürlich bei diesem Gedanken lachen – und der kleine Dicksack nahm es wohl für eine Avance, denn er breitete jählings die Arme aus, und sang mit schmetternder Stimme zu dem Damencoupé empor: »Komm herab, o Madonna Theresa!« – Lautes Gelächter und Beifall.

Des Rotschwänzchens Heiterkeit steckte an, die zurückströmenden Sänger der Kunst winkten huldigend zu der jungen Dame empor und stimmten johlend und gröhlend in den Gesang ein.

Da die Ovation harmlos war, lachte das Publikum, auch die Schaffner und der Bahnhofsinspektor, und Salome dachte vergnügt, »mein Gott, es kennt mich ja niemand hier!« und lachte auch mit, eine Freundlichkeit, die sämtliche Waldvöglein zu begeistern schien.

In demselben Augenblick aber – »war es Täuschung, ist's ein Wahn?« – hörte sie laut ihren Namen rufen.

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»Welfen!! Salome von Welfen! – Salome von Welfen!!« – Entsetzt riß sie das Fenster auf und neigte sich heraus. Ein Depeschenbote stürmte an dem Zug entlang. »Sie, Fräulein?«

»Ja – ja – ich bin's!« stotterte Salome.

»Telegraphische Nachricht. Nicht in Merseburg, sondern erst in Halle umsteigen!«

»Danke bestens!« stotterte das junge Mädchen, blutrot vor Verlegenheit, und zog sich hastig zurück, um all den neugierigen Augen, die sie auf dem gefüllten Perron anstarrten, zu entgehen.

»Salome! Weeß Knebchen, se heeßt Salome! Hibscher Name! ›Komm herab, o Madonna Salooome!‹« schmettert er abermals los.

»Einsteigen! Einsteigen, meine Herren!« – drängte der Schaffner, die Pfeife schrillte – und die Sangesbrüder stürzten in wildem Schwarm nach der dritten Klasse zurück.

Gottlob es ging weiter!

Salome lachte hell auf. Also doch ein Abenteuer! Ein paar Herren hatten sich vor ihr Coupé gestellt und ihr eine Ovation durch ein Lied gebracht. Das würde guten Effekt in ihrem Briefe an Juliette und Lola machen. – Eine nähere Beschreibung der »Waldvöglein« war ja nicht nötig – »anscheinend waren es Studenten,« würde sie schreiben,

Und dann dachte sie über die Depesche nach, und wie sehr gut es doch von den Tanten war, ihr den Irrtum noch rechtzeitig zu melden.

Gut? – Je nun – es wäre ja vielleicht ganz amüsant gewesen, an falscher Station auszusteigen, wieviel hätte sich dabei erleben lassen! Sie wäre genötigt gewesen, selbständig in einem Hotel zu übernachten, hätte sich selbstverständlich als russische Fürstin ausgegeben, die nur französisch sprechen kann und das Deutsche so originell und sehr gebrochen mit scharrrfem Rrrr – schnarrt! – Allerliebst! Wie man sie wohl angestarrt und mit devotesten Komplimenten bedient hätte. Entsetzlich dumm von den Tanten, zu telegraphieren. Salome fand die Idee, in Merseburg als russische Fürstin aufzutreten, so ausgezeichnet amüsant, daß sie sich gar nicht wieder davon trennen kann. Unsinn! Wer konnte es denn beweisen, daß ich die Depesche erhalten habe? Ich bekam gar keine! Wo ist sie denn? Was der Mensch mir zuschrie, habe ich in meiner Verwirrung gar nicht verstanden!

Ich spiele jetzt schon die Rolle der Fürstin Sobileff und verstehe kein Wort deutsch. Punktum – und in Merseburg steige ich aus. – Die Tanten haben es ja zu verantworten!

Salome lachte mit glühenden Wangen vor sich hin. Es war ein sehr spaßhafter Gedanke. Sie träumte sich mit all ihrer schwärmerischen überspannten Phantasie in dieses Abenteuer hinein.

Und der Zug sauste rastlos weiter. Dörfer und kleine Stationen flogen vorüber, und nach geraumer Zeit hielt man wieder an einer äußeren Station.

Die »Waldvöglein« mußten sich furchtbar durstig gezwitschert haben; kaum daß der Zug hielt, tönte auch schon ihr nicht gerade melodisches Gejohle nach »Kellner! Lagerbier!!« – aus den Wagen heraus, und einen Augenblick später wälzte sich der Schwärm in wüstem Durcheinander nach den Restaurationsräumen.

Salome sah den wenig ritterlichen Gestalten nach. Wie ekelhaft sind doch die Leute, wenn sie so zügellos heiter sind. Der deutsche Michel ist doch unverkennbar – wenn er sich »fühlt« und sich amüsiert, kann er nicht anders, er muß über die Stränge schlagen. Seine Heiterkeit wird gar zu leicht Roheit, seine »gehobene Stimmung« Flegelei! Wie anders der französische Schweizer! – Selbst in der Betrunkenheit bleibt er maßvoll.

Salome hatte die großen tires fédéraux in Lausanne erlebt. Ungezählte Menschenmassen aus der ganzen Schweiz strömten herbei, ein Volksfest im weitesten Sinne, wo alle Elemente, auch die niedersten und schlechtesten, vertreten waren, und während der ganzen Tage, während all der Nächte voll ungezügelten Lebens – nur zwei Messeraffären, deren Anstifter Italiener gewesen, wie die Zeitungen »stolz« berichteten. – Salome entsann sich noch lebhaft einer kleinen Begebenheit, die ihr tiefen Eindruck gemacht hatte.

Es war eine Straßenszene.

Eine Menschenmenge drängte sich um zwei »Schützen«, die vor einem Restaurant, auf offner Straße, einen Wortwechsel fortführten, der seine Veranlassung in dem Lokal gefunden hatte.

Beide Männer gehörten dem Arbeiterstande an, und beide hatten sichtlich ein Glas über den Durst getrunken. Obwohl sich beide in zitternder Erregung und feindseligster Stimmung befanden, schien doch eine Prügelei ausgeschlossen, da sie sich beide reserviert, in beinahe theatralischer Pose, gegenüberstanden.

Der eine schimpfte in französischer Sprache auf den andern ein. »Sie Schuft! Sie Ehrloser! Sie gemeiner Tagedieb! Sie Betrüger!« schrie er ihn mit geballten pausten an, und als er tiefaufatmend Luft schöpfte und eine kleine Pause machte, schob der andere hochmütig die Hand in die Brusttasche und sagte gelassen: »Haben Sie den Mut, vor all diesen anständigen Menschen Ihre unanständigen Worte zu wiederholen?«

»Unanständige Worte?« – brauste sein Gegenüber auf. »Wahre Worte sind es! – Und ich sage es Ihnen vor der ganzen Welt ins Gesicht, daß Sie ein erbärmlicher Wicht, ein Nichtswürdiger, ein Taugenichts sind! He, Sie! – Haben Sie verstanden?«

»Gewiß, mein Herr« – lächelte der andere verächtlich, »ich habe verstanden und weiß Ihnen nur eines darauf zu erwidern, daß Sie – eine sehr schlechte Erziehung erhalten haben! Bonjour, Monsieur!« sprach's, wandte dem verblüfften Beleidiger stolz den Rücken und schritt davon.

Es waren Schweizer – und ein deutscher Herr, der neben Salome die Szene angehört hatte, sagte kopfschüttelnd zu seinen Begleitern: »Unfaßlich. War das nun musterhafte Selbstbeherrschung oder Fischblut, das gegen die größte Schmähung gleichgültig ist? – Kein Schlag, kein Messerstich – so etwas wäre am freien deutschen Rhein undenkbar!«

Ein Fremder wandte lächelnd den Kopf nach dem Sprecher.

»Weder Fischblut noch Feigheit, mein Herr! Es war die Wohlerzogenheit eines schweizerischen Weinbergarbeiters, der weiß, was die Pflicht des Bürgers von ihm fordert.«

Wie ein Blitz kam Salome die Erinnerung an dieses kleine Intermezzo des Lausanner Schützenfestes, als sie die bierseligen »Waldvöglein« so lärmend und rücksichtslos sich ihren Weg durch die Passagiere bahnen sah. Ellbogenstöße, schiefe Mützen, kecke Scherze, ein Hin- und Herschleudern derbster Art. Da nahten auch das Rotschwänzchen und der Kernbeißer, und hinter ihnen noch drei wankende Gestalten.

Wie unangenehm – sie steuerten auf Salomes Coupé los, pflanzten sich davor auf und begannen in dreister Weise abermals ihren Gesang: »Komm herab, o Madonna Saloooome!«

Das junge Mädchen biß sich auf die Lippen. Die Ovation begann ihr doch unangenehm zu werden. Sie zog sich in den fernsten Winkel des Wagens zurück.

Da ... was war das? Wieder tönte von ferne her der Ruf auf dem Perron: »Welfen! Salome von Welfen! –- Salome von Welfen!!«

»Hier, hier! In Dämchenskasten sitzt se!« johlten die Männer des Sängerbundes, und der Schaffner riß das Coupé auf.

»Salome von Welfen?«

»Ja, ja!« stammelte Salome entsetzt. »Was gibt es denn schon wieder?«

»Telegraphische Nachricht! – Nicht in Merseburg, sondern in Halle umsteigen!«

Jubelndes Hallo auf dem Perron draußen.

»Ei Herjemersch, noch emal die nämlichte Neiigkeit? Freileinchen! Pst! – Freileinchen! Haben Se's nu och bedäppert? Nich in Märseburg umsteigen, erscht in Halle!!«

Und dann wieder eine brüllende Lachsalve. Das junge Mädchen biß voll Empörung und Ärger die Zähne zusammen. Infame Situation! Was sollte das heißen, daß die Tanten zweimal dasselbe telegraphieren? Glaubten sie denn, ihre Nichte sei so schwer von Begriffen?

»Freileinchen! Heeren Se doch nur! In Halle soll'n Se erscht rausklettern – vergessen Se's och nich?« schallte es von draußen.

Es war zum Verzweifeln!

Gottlob, der Zug pfiff – in wilder Hast, wie eine Herde blökender Hammel stürmten die Jünger Arions zu ihrem Waggon zurück.

Salome saß und starrte ärgerlich vor sich hin. Der schöne, fürstliche Plan für Merseburg war vereitelt, total unmöglich gemacht.

Jedermann im ganzen Zuge wußte jetzt, wie sie hieß, und die immer zudringlicher werdenden Ovationen der Sängerbündler fingen an, sie zu kompromittieren.

Das Abenteuer verlor sehr an Lustigkeit und fing an, die junge Dame ernstlich zu verstimmen.

Wenn doch nur noch andere Mitreisende zu ihr einsteigen wollten! Sonst waren die Damencoupés überfüllt und heute war sie die einzigste Insassin. An der Fensterscheibe erschien der Schaffner und fragte noch einmal nach dem Billett. Sie wies die Fahrkarte vor und fragte schmollend: »Warum sie immer allein im Coupé bliebe?« – »Ja, sehen Sie, mein Fräulein, in Frankfurt war ein solcher Andrang zu dem Damencoupé, daß der Inspektor noch ein zweites, dieses hier, einrichtete, und nun, wo Platz ist, fahren die Damen alle in Nichtraucher! – So; hier die Karte; in Halle umsteigen – na das wissen Sie ja schon!« Und er lachte, legte den Finger an die Mütze und verschwand.

Salome nagte an der Lippe und ärgerte sich noch ein Weilchen, dann griff sie zu dem Frühstückskörbchen und versuchte sich auf andere Gedanken zu bringen.

Und wieder hielt der Zug.

Die Sänger stellten sich ein und sangen zur Abwechslung das Lied von der Dorothee, aber in freier Bearbeitung:

»O Salome– o Salome,
Wenn ich auf das Ende seh!
Die Salome, die ist nicht dumm,
Die steigt ja erst in Halle um!«

Riesiger Beifall und vergebliches Dazwischentreten des Schaffners und des Inspektors.

Umsonst, sie sahen, daß mit den angetrunkenen Musikfreunden nichts anzufangen ist.

»I lieber gar, Herr Inschpekter! Seien Se doch gemitlich! Mer missen ja das Freilein dran erinnern, daß se in Halle umsteigen muß!!«

»Salome von Welfen!! Salome von Welfen!!«

Wie elektrisiert schnellte Salome aus ihrer Ecke auf. Wieder ein Telegraphenbote? Waren die Tanten denn verrückt geworden?

Ein unbeschreibliches Gejohle empfing den eiligen Depeschenboten, der diesmal mit einem geschriebenen Telegramm am Zug entlang lief.

»Hier! Hier wohnt se!– Immer rann, mei Gutester. Freilein! Se sollen erst in Halle umsteigen! Damit Se's um Gottes willen nicht vergessen!!«

Der Depeschenbote starrte sprachlos um sich. Sein Amtsgeheimnis pfiffen hier schon die Spatzen auf dem Dach.

»Nanu wird's helle!« schüttelte er sprachlos den Kopf, »wohär wissen denn Sie, meine Herren, was in dem Briefchen hier steht?«

Ungeheuere Heiterkeit. Selbst der Inspektor und die Bahnbeamten lachten mit; Salome aber griff gelassen nach dem Telegramm, nickte und zog die Tür hinter sich zu.

Dann knäulte sie das Papier in leidenschaftlicher Erbitterung zusammen und stampfte mit den Füßen wie ein ungezogenes Kind. Nein, dieses Abenteuer war entsetzlich, war schauderhaft! Sie verwünschte die Stunde, wo sie sich sehnte eines zu erleben.

Während der Fahrt weinte sie bitterlich, voll Verzweiflung.

Und die nächsten Stationen mehrten ihre Qual. Der ganze Zug nahm Anteil an dem außergewöhnlichen Ereignis, und weil jeder glaubte, es mit einem Scherz zu tun zu haben, so lachte und ulkte ein jeder mit, ahnungslos, daß das Opfer dieses Spaßes vor Verlegenheit und Scham hätte sterben mögen.

Die Abenteuerlust war Fräulein Salome völlig vergangen, sie saß im entferntesten Eckchen zusammengekauert und schluchzte in ihr elegant gesticktes Batisttüchlein.

Und wieder nahte eine Station.

Mit angstvollen Augen starrte das junge Mädchen auf das Bahnhofsgebäude, das zur rechten Seite auftauchte. Noch immer nicht Halle!!

Da wurde hastig die entgegengesetzte Coupétüre aufgerissen. Ein sehr elegant und vornehm aussehender Herr stand mit dem Schaffner davor. Er lüftete den Hut.

[Bild]

»Mein gnädiges Fräulein, es ist unmöglich, daß Sie länger in diesem Coupé bleiben; man scheint Sie zum Opfer eines schlechten Witzes oder eines Missverständnisses gemacht zu haben. Darf ich Sie bitten, sich unter meinen Schutz zu stellen. Ich habe die Ehre, mich Ihnen bekanntzumachen – Landrat von Born. Darf ich bitten, mir zu folgen!« – Er hatte die Worte hastig hervorgestoßen. Jenseits des Coupés ertönten schon wieder die Stimmen der Waldvöglein.

Ohne sich zu besinnen, halb betäubt vor Aufregung sprang Salome auf den leeren Perron hernieder. Alle Fahrgäste drängten sich an die jenseitigen Fenster – niemand ahnte und sah die Flucht der jungen Dame.

Nur wenige Schritte, dann hob der Fremde sie hastig in ein Coupé erster Klasse.

»Das Gepäck schmuggle ich nachher herüber, meine Herrschaften!« schmunzelte der Schaffner, »jetzt will ich die betrunkene Bagage erst mal heimjagen!«

Die Tür schloß sich leise; Landrat von Born trat an das gegenüberliegende Fenster, lehnte sich breit davor und schien sehr amüsiert und angestrengt zu schauen.

»Salome von Welfen! – Salome von Welfen!!« schmetterte schon wieder die Stimme eines Telegraphenboten, und der Radau vor dem Damencoupé steigerte sich zum Tumult. Gelassen öffnete der Schaffner die Türe. »Die junge Dame ist noch auf der letzten Station heimlich ausgestiegen, der Spektakel ist ihr wohl ein bißchen zu arg geworden!«

Große Enttäuschung. Dann johlte der Chor noch einmal: »Lebe wohl, o Madonna Salooome!« Der schrille Pfiff des Schaffners, alles stürmte zu den Wagen zurück, und der Zug setzte sich langsam in Bewegung.

 

III.

Landrat von Born trat von dem Fenster zurück. Er zog abermals den Hut mit einer respektvollen Verbeugung vor der jungen Reisegenossin und lächelte.

»Verzeihung, mein gnädiges Fräulein, wenn ich es wagte, Sie Ihren Verehrern so meuchlings zu entrücken! Die Stimmung des wackeren Männergesangvereins drohte jedoch immer bedenklicher auszuarten, und ich hielt es für meine Pflicht, für Sie und Ihren Namen einzutreten!«

Die großen, noch immer feuchten Augen Salomes schlugen sich voll zu ihm auf. Sie streckte ihm in jäh aufwallendem Dankesgefühl die kleine Hand in dem eleganten Schwedenhandschuh entgegen.

»Wie unbeschreiblich liebenswürdig und gütig von Ihnen!« sagte sie mit halberstickter Stimme, »es war eine entsetzliche Situation, in der ich mich befand, und ich glaube wirklich, lange hätte ich die Fahrt in diesem Zuge nicht mehr ertragen!«

Er nahm ihr gegenüber Platz. »Ahnen Sie, mein gnädiges Fräulein, wer sich den Scherz mit den Depeschen erlaubt hat?«

Sie grub die Zähnchen in die Lippe. »Alles kann nur auf einem Mißverständnis beruhen, denn meine Tanten sind eigentlich niemals zum Scherzen aufgelegt.« – Und Salome berichtete immer erregter, wie man ihr bei der Abfahrt nachgerufen: »in Merseburg umsteigen,« wie dieser Irrtum dann gewiß hinterher von den Tanten bemerkt und von ihnen wieder gutgemacht worden sei. – »Aber auf jeder Station ein Telegramm! Das ist doch unerhört!« schloß sie mit einem Zornesblitz in den sonst so schwärmerischen Augen. »Ich bin doch kein Baby mehr, das alle zehn Minuten an einen Auftrag erinnert werden muß!«

Wieder lächelte er, diesmal etwas schalkhaft. »Die Tanten fürchteten vielleicht, daß Sie einem ersten Debüt im Alleinreisen doch noch nicht ganz gewachsen seien!«

Sie blickte ihn überrascht an. Was wußte er, daß sie heute zum erstenmal allein in der Eisenbahn saß? Ihre achtzehnjährige Eitelkeit, die sich in Gedanken schon in der Würde einer russischen Fürstin gesonnt hatte, krümmte sich ein wenig. – Er hatte ihren Namen allerdings gehört, aber kannte er sie etwa darum? Ihre Heimat lag noch weit von hier. Es war zum mindesten etwas keck von ihm, eine derartige Bemerkung zu machen. Das muß sie strafen.

Mit einer Miene, die sehr frauenhaft würdig sein sollte, blickte sie ihn an. »Erstes Debüt? – Ach, Sie meinen auf deutschen Bahnen? – Oh, ich spreche ausgezeichnet Deutsch!«

Er schien etwas verdutzt, denn er starrte sie groß an.

»So sind Sie auf ausländischen Bahnen schon öfters allein gefahren?«

Ihre Zähnchen blitzten unter der etwas kurzen Oberlippe.

»Gewiß, Herr von Born! Trauen Sie mir das etwa nicht zu?«

Er musterte sie sehr ungeniert und schüttelte staunend den Kopf. »Sie kommen doch wohl aus der Pension zurück? Und für gewöhnlich ist es doch nicht Brauch in guten Pensionen, die jungen Damen allein herumreisen zu lassen?«

Aus der Pension!! Oh, es war empörend! Also er taxierte sie wahrhaftig auf ein Pensionsbackfischchen! Sie, die schon seit zwei Jahren zu Hause sein könnte, Bälle, Gesellschaften besucht haben – ja womöglich verheiratet sein könnte, wenn sie nur wollte! War das etwa ihr vielbewunderter Pariser Schick, daß sie aussah wie ein Gänschen, dem man das Pensionat auf zehn Schritte weit anmerkte?

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Salome hatte sich von ihrer ausgestandenen Angst erholt, ihr hohes Selbstgefühl, ihre Eitelkeit waren soeben derart verletzt, daß sie darüber alles vergaß, was vorhergegangen. Ohne sich zu besinnen, war ihr Entschluß gefaßt. Sie wollte sich rächen, sie wollte seine Menschenkenntnis, mit der er anscheinend kokettieren wollte, einmal arg ins Wanken bringen. Und sie zeigte sich als Juliettes gelehrige Schülerin.

»Aber ich bitte Sie! Glauben Sie, daß Fremdenpensionen in der Schweiz oder in Frankreich berechtigt sind, ihren Gästen irgendwelche Vorschriften zu machen?« – Aha! Das wirkte; er sah ganz perplex aus, der kluge Menschenkenner!

»Fremdenpensionat ... Pardon, meine Gnädigste – ich habe doch vorhin Ihren Namen im Munde des Telegraphenboten recht verstanden: ›Fräulein Salome von Welfen‹?«

Da gingen Übermut und Abenteuerlust mit ihr durch. Seine Betroffenheit amüsierte sie himmlisch und reizte sie unwiderstehlich an, sie noch um ein Beträchtliches zu erhöhen. »Frau Salome von Welfen!« lächelte sie graziös, mit einer huldvoll gemessenen Neigung des Köpfchens.

Und abermals starrte er sie an, als verstehe er nicht deutsch. Dann ging es plötzlich wie ein Zucken unmerklich um seine Lippen, in seinen Augen blitzte es auf wie bei einem Menschen, der urplötzlich die Pointe eines guten Witzes versteht, es sich aber noch nicht merken lassen will.

»Bitte tausendmal um Verzeihung, gnädigste Frau« – sagte er sehr respektvoll mit einer abermaligen Verneigung, »bei dieser reizenden Jugend und Frische – – je nun, eine verheiratete Frau weiß es ja am besten zu beurteilen, welch eine Eloge es ist, für ein Pensionsbackfischchen gehalten zu werden!«

Wieder bebte es ganz leise und fein um seine Nasenflügel, aber Salome war so völlig von dem Zauber ihrer neuen Rolle befangen, daß sie es nicht bemerkte. Der Landrat fuhr nach kurzer Pause, wahrend der »Frau« Salome seine Schmeichelei durch ein wohlwollendes Lächeln belohnt hatte: »Gnädige Frau haben im Ausland gelebt? Der Name Welfen hört sich so gut deutsch an!«

Sie nickte gefühlvoll vor sich hin. »Er ist es auch. Ich selber aber bin geborene Russin – eine Fürstin Lamanoff.«

»Potz Wetter!« hätte er rufen mögen, aber er beherrschte sich und blieb sehr ernst.

»Ah – in der Tat? Höchst interessant. Durchlaucht sprechen ein so reines Deutsch, daß man die Ausländerin gar nicht dahinter vermutet!«

»Wirrrrklich nicht? Das frrreut mich! Ich sagte es Ihnen ja schon zuvor, daß ich die deutsche Sprache sehrrr gut beherrrsche!« lächelte sie und schnarrte plößlich das »rrr« in ganz echt russischer Weise, so echt, daß es förmlich nach Juchten duftete. Auch er lächelte, und da sein Handschuh hinfiel, mußte er sich tief herabneigen, ihn aufzuheben.

Ihr Blick schweifte über seinen dunkelblond lockigen Scheitel und dann über seine Hand. Es war die linke; leider konnte sie nicht sehen, ob er einen Trauring trug, denn den rechten Handschuh behielt er an.

»Gnädige Frau sind auf der Reise nach Rußland?« »Nein, ich fahre errst nach Hannover!« log sie freundlich, und ihre Wangen glühten vor Eifer und Entzücken immer höher, es hatte doch etwas Berauschendes, verheiratet und eine geborene russische Fürstin zu sein!

»Ihr Herr Gemahl erwartet Sie dort?«

Ein leichter Schreck; an den dazu gehörigen Mann hatte sie noch gar nicht gedacht. Ach was da – weg mit ihm! Werft das Ungeheuer in die Wolfsschlucht. – Sie seufzte tief auf und blickte ihn mit tieftraurigen Augen an, »Ich bin Witwe!« hauchte sie.

»Auch das noch!!« – hätte er am liebsten ausgerufen, aber er hatte gelernt, Herr seiner selbst zu sein. Er reichte ihr erschüttert die Hand und drückte und schüttelte sie sehr lebhaft, »Unglückliches Weib – ich kondoliere Ihnen!« sagte er mit dem Brustton der Überzeugung, und seine Stimme klang dumpf.

»Ich danke Ihnen!«

Sekundenlange Pause. Er zwirbelte sehr heftig seinen dunkelblonden Schnurrbart und starrte ins Leere. Dann nickte er. »Gewiß nur sehr kurze Zeit verheiratet gewesen, Durchlaucht? Bei Ihrer so enormen Jugend ist das ja nicht anders möglich.«

Die »enorme« Jugend ärgerte sie wieder. »O bitte, ich bin volle sechs Jahre verheiratet gewesen!« sagte sie hastig, und vergaß im Eifer das »r« zu schnarren.

»Sechs Jahre!! – Fabelhaft!« – Er strich mit der Hand über das Gesicht, als könne er solche Tatsache gar nicht fassen... Ja, ja, mein Herr Menschenkenner, sechs Jahre! – Nun steh mal Kopf vor Verwunderung! Beinahe tat er's auch. »Haben Durchlaucht etwa auch Kinder?«

Sie sah geradezu heroisch aus. Beinahe hätte sie gesagt: »sieben!« glücklicherweise fiel ihr noch rechtzeitig ein, daß sie nur sechs Jahre vermählt war. Sie wollte bescheiden sein.

»Vier Stück!« erwiderte sie fest, und schnarrte wieder ganz russisch.

»Vier Stück! – Hut ab, Durchlaucht, man muß staunen, wie sehr jung Sie dafür noch aussehen! Ihre Kinderchen sind in Hannover?«

»Wo denken Sie hin! – Die Mädchen werden in Lausanne, die Jungen in Lichterfelde erzogen!« Er schrie beinahe auf und wird dunkelrot vor Staunen. »In Lichterfelde? Bereits Kadetten?«

Sie erschrak. Fatal, man vergaloppierte sich so leicht beim Lügen! –- »O nein – Kadetten sind sie noch nicht ... ich besitze nämlich eine Villa in Lichterfelde.«

»So, so! Das ist etwas anderes! Und die Töchterchen – in Lausanne ... hm, also doch Lausanne!«

»Ja, der Sprache wegen. Oh, ich schwärme für Lausanne! Es gibt kein idealeres Stückchen Erde als dieses kleine Paradies! Wie haben wir uns amüsiert! Wie lustig war es in dem Pensionat, diese tollen Streiche all –«

»Pensionat?« –- wiederholt er gedehnt. Sie erglühte und machte eine Bewegung, als wolle sie sich selber auf den Mund kloppen. Aber sie faßte sich schnell. »Gewiß: Fremdenpensionat. Beaurivage! Entzückend! Allerdings vierzehn Franken pro Tag – aber mein Gott –«

»Nebensache, Durchlaucht. Als russische Fürstin!! Geld spielt da keine Rolle. Sie lebten erst als Witwe dort?«

»Allerdings.«

«Ihr Herr Gemahl war Offizier?«

Kurze Pause. »Frau« Salome von Welfen wußte im ersten Moment wirklich nicht, was ihr Mann gewesen war. Sie mußte husten und gewann Zeit zum Überlegen. Was war er?! Samiel hilf!!!

»Nein, Offizier war er nicht – er war –« und die Sprecherin machte ein äußerst schwärmerisches Gesicht – »Künstler!«

»Ah! – Maler?«

»Ganz recht.«

»Schon alt?«

»Sehr alt, mindestens dreißig Jahre.«

Nun hustete der Landrat; aber nicht lange, dann fuhr er teilnehmend fort. »Und er starb?«

Der Zug hielt wieder auf einer Station und Salome lauschte ängstlich hinaus. »An den Masern!« seufzt sie zerstreut.

»An den Masern? Ein alter Mann von dreißig Jahren an den Masern sterben?«

Wieder hatte sie sich verplappert. »Nicht direkt – es kam Schwindsucht dazu – als Folgekrankheit.«

»Schauderhaft. – Was für Schicksale haben Sie durchgemacht, unglückliche Frau!«

Sie lächelt müde. »Nicht wahrr? Und Sie sahen es mirr sogarrr nicht an!« – Sie schnarrte auch wieder, eine Zeitlang hatte sie es absolut vergessen. Draußen erhob sich Lärm, »Erschein' o weiße Dame!« johlte der Männergesangverein Waldvöglein vor dem verwaisten Damencoupé.

»Hätt' ich ein rotseidenes Bändchen –
Ich bänd' es Salome ums Händchen!«

quiekste eine Stimme. Sicherlich das Rotschwänzchen – dieser Elende! Durchlaucht Salome hätte in ihrem Zorn am liebsten die gesamten Waldvögel rupfen und am Spieß braten mögen.

Der Landrat war aufgesprungen und versperrte breitschultrig das Fenster. Salome flüchtete in das fernste Eckchen. Sie lauschte mit vorgeneigtem Köpfchen – Richtig!

»Salome von Welfen! – Salome von Welfen!«

Der Telegraphenbote. Man schien auf ihn gewartet zu haben. Donnerndes Hurra empfing ihn. »Hier, hier, Männeken! Lassen Se man jut sind, wir richten's schon aus!« – und dann biedere Sachsen: »Nu äben – daß se in Halle umsteigen soll –«

»Aber meine Herren, die Dame befindet sich sa gar nicht mehr im Zug – Sie wissen doch!« –

»Jloben wir nicht!«

Der Landrat wendete sich zu Salome. »Empörend, ein Sangesbruder reißt die Coupétüre auf und schaut hinein – Gott sei Dank, daß Ihre Sachen schon herausgenommen sind!«

Der Schaffner öffnete in demselben Augenblick die jenseitige Wagentüre und schob die vier Stück Handgepäck herein. »So Fraileinchen! Hier, die angetrunkenen Sänger sind reine des Deiwels, alle sagten se wieder hinter dem Depeschenboten her! Na, nu werden se wohl an Ihre Abwesenheit glauben müssen!«

»Danke Ihnen! Sehr freundlich von Ihnen!« – lächelte Herr von Born: »Gnädige Frau ist Ihnen sehr erkenntlich!« – und dabei drückte er dem Mann beschwert die Hand. Dieser starrte einen Moment überrascht aus die gnädige »Frau«, faßte dankend an die Mütze und verschwindet.

Der Spektakel draußen aus dem Perron verstummte, man schien sich zu allgemeinem Bedauern davon überzeugt zu haben, daß das Damencoupé tatsächlich leer war.

[Bild]

Nun strömten die »sangestrockenen Kehlen« nach der Restauration. Und dann rollte der Zug weiter. Nur wenige Stationen noch, und Halle, das rettende Halle, war erreicht.

Ein Gefühl behaglicher Sicherheit überkam Salome, und darein mischte es sich wie Dank und wie... ja – wie ein ganz seltsames Interesse.

Als der Landrat am Fenster stand, hatte das junge Mädchen Zeit, sich ihren liebenswürdigen Retter in der Not genau anzusehen.

Eigentlich hatte sie in ihren Phantasien stets nur für Männer mit keckem, schwarzem Schnurrbärtchen und dunkel flammenden Augen geschwärmt, aber seltsamerweise mußte sie sich eingestehen, daß dieser Mann mit dem dunkelblondgewellten Haar und dem eleganten, kurzgehaltenen Backenbart doch außerordentlich gut aussah. Sein Gesicht war frisch gerötet und sehr sympathisch. Die Augen klug und doch dabei schalkhaft heiter, der ganze Ausdruck der Züge eher lustig als ernst zu nennen. Das Lachen stand ihm besonders gut, und es schien, er lachte gern. Auch dies entsprach nicht dem Ideal Salomes. Sie hatte stets von einem hochinteressanten, finster bleichen Mann geträumt, einem fliegenden Holländer, dem sie zur aufopfernden, sentimental romantischen Senta werden wollte. Einen Zug ins Überspannte hatten ja all ihre Ideen und Ansichten bekommen, seit der Umgang mit den Pensionsfreundinnen ihre unreife Weltanschauung vollends zu einem Zerrbild gestaltet hatte.

Landrat von Borns äußere Erscheinung, so hübsch und stattlich sie war, entsprach im Grunde genommen durchaus nicht dem Bilde, das sich Fräulein von Welfen vor wenig Stunden noch von ihrem Romanhelden im heißersehnten Abenteuer entworfen, aber sie war von dem Nimbus des Interessanten und Außergewöhnlichen umgeben, und das genügte, um Salome dafür zu begeistern. Hätte sie nur gewußt, ob er verheiratet war oder nicht? In Juliettes Erlebnissen machte das allerdings gar keinen Unterschied – ob ein Courmacher den Ring einer anderen am Finger trug oder nicht, was genierte das, wenn er nur seine Rolle in der pikanten kleinen Komödie, die sie just amüsierte, ausfüllte!

Auch bei dieser Ansicht verleugnete sich das deutsche Gemüt Salomes nicht.

Wenngleich sie in erster Linie ja nur etwas Interessantes, Außergewöhnliches, erleben wollte, war es ihr doch nicht gleichgültig, ob der Held des Abenteuers noch frei sei oder nicht.

Sie suchte nicht in frivoler Weise nur einen Courmacher in ihm, sondern berauschte sich lieber an dem poesievollen Grübeln: »Ist er vielleicht jener Herrlichste von allen, der dir zum Geliebten und Gatten bestimmt ist?«

Er gefiel ihr, schon darum, weil sie seine Bekanntschaft auf außergewöhnlichem Wege gemacht, weil er sich galant und ritterlich ihrer angenommen hatte, und weil er – last not least – so entzückend dumm auf all ihren Unsinn hereingefallen war.

Das war unbeschreiblich amüsant und verwirklichte ja ganz und gar Lolas Ansicht, daß die Frau immer klüger und geistig bedeutender sein müsse als der Mann. Denn nur ein Weib, das den Gatten völlig beherrscht und ihn, sozusagen, um den Dinger wickeln kann, wird in der Ehe glücklich sein.

Aus welch zweifelhaftem Roman die kleine Russin diese Weisheit gesogen, wußte Salome nicht, sie hatte auch keinen recht klaren Begriff, wie wohl ein solches »Eheglück« beschaffen sein möchte. Sie dachte überhaupt nicht nach, sondern schrieb sich bloß derlei wichtige und meist unverständliche Schlagworte in ihr elegantes Notizbuch, um sich an dieser Geistesnahrung die Zähnchen stumpf zu kauen, ohne zu wissen, was sie eigentlich in sich aufnahm.

Nun hatte sie einen Landrat, einen anscheinend klugen Mann, der sich für einen Menschenkenner hielt, und anfangs wirklich eine Probe dieses Talentes ablegte, großartig düpiert – und dieses stolze Siegesbewußtsein hatte für ihre achtzehn Jahre etwas Berauschendes.

Dazu gefiel er ihr von Minute zu Minute besser, was Wunder, wenn die Pseudo Durchlaucht voll glühenden Übermuts all ihre Liebenswürdigkeit aufbot, den netten Fremdling radikal zu erobern.

Und es schien ihr zu glücken. Sie merkte es wohl, wie sein Blick entzückt auf ihrem hübschen Gesichtchen ruhte, wie er sich sichtbar bemühte, der armen, früh verwitweten Durchlaucht den günstigsten Eindruck zu machen.

Sie versuchte nun ihrerseits, sich über seine Verhältnisse zu orientieren.

»Welches ist ihr Reiseziel, Herr von Born?«

»Berlin, Durchlaucht. Ich komme soeben von einer leider vergeblichen Expedition zurück!«

»Vergeblichen Expedition?« – Sie machte ein neugieriges Gesichtchen und sah ihn erwartungsvoll an.

»Ich bin nicht nur Landrat, sondern auch Geheimpolizist.– Als solcher sollte ich die Spuren einer sehr berüchtigten Hochstaplerin, die sich unter falschem Namen in Deutschland aufhält, verfolgen.«

Sie starrte ihn atemlos an. »Hochstaplerin – falschen Namen?« stottert sie.

Er lächelte verbindlich. »Es gibt derartige unglückliche Existenzen, Durchlaucht; Weiber, die die Abenteurerlust auf die Bahn des Verbrechens getrieben. Das fängt oft ganz harmlos an – eine verdrehte Schrulle, mehr zu scheinen, als man ist, eine kleine Komödie zu spielen, ohne Zweck und Sinn. Und solche Liebhaberei wird zur Passion. Man legt sich einen falschen Namen und Titel zu, wird strafbar und kommt mit der Polizei in Konflikt – Sie haben doch gewiß von den empörenden Schwindeleien gehört, welche jüngst eine Dame in Frankfurt verübt hat?«

»Nein – nicht das mindeste!« schüttelt Salome entsetzt den Kopf, sie sah ganz blaß aus und atmete sehr schwer.

»Sie verschaffte sich unter sehr vornehmem Damen Zutritt in die besten Familien und verübte daselbst die frechsten Diebstähle!«

»Eine Deutsche?«

»Nein – geborene Russin. Pardon, Durchlaucht, wenn ich Ihren Landsmänninnen dadurch zu nahe trete.«

»Russin!« – Wie ein Schrei des Entsetzens klang es.

»Die schöne Betrügerin soll von gewinnendstem Äußern und besten gesellschaftlichen Formen sein. Sie spricht verschiedene Sprachen und hat sich lange in der französischen Schweiz aufgehalten.«

»Entsetzlich! – Und man verfolgt sie?« –- Das rosige Gesichtchen der Fragenden hatte all seine Heiterkeit und seinen Humor verloren, wie gelähmt lagen die Händchen in dem Schoß und das »rrr« wurde schon lange nicht mehr russisch geschnarrt.

»Ja, man ist ihr auf den Fersen; ich selber arbeitete ja mit an dem guten Werke, sie dingfest zu machen.«

»Und dann kommt sie in das Gefängnis?« –-

»Zuchthaus!« –- Er zog ein silbernes Zigarrettenetui und bietet ihr galant den Inhalt an. »Als Russin rauchen Sie doch selbstverständlich, Durchlaucht?«

Sie wehrte hastig ab. »Was denken Sie! – Ich rauche nie, ich habe ja schon seit frühester Kindheit Rußland verlassen – sozusagen gehöre ich ja gar nicht mehr dorthin!« –-

»Je nun –« lächelte er verbindlich, »Ihr Name – Fürstin Lamanoff – verrät die Nationalität! Sie gestatten aber, daß ich selber rauche?« –

Zwar war ihr Rauchen ein Greuel, und sie hatte sich fest vorgenommen, es in ihrer Gesellschaft niemals zu dulden, aber sie lächelte wie ein Engel und versicherte, daß sie Tabakswölkchen sehr liebe. Nach einer kurzen Pause fragte sie schüchtern: »Unter welchem Namen reist Ihre Delinquentin?«

Er zuckte die Achseln. »Alle paar Tage unter einem anderen – wie solches Gesindel das liebt. – Sie kennen nicht das stolze Glück, einen ehrlichen, guten Vatersnamen zu führen, darum annektieren sie ihn auf dem Wege des Verbrechens.«

Sie wurde abwechselnd blaß und rot und neigte das Köpfchen sehr tief, wie höchlichst beschämt zur Brust. Ein herzbeklemmendes Angstgefühl überkam sie, dem Siegesrausche folgte ein verzweifelter Katzenjammer.

»Und Sie fanden keine Spur von ihr?« –

»Bis jetzt noch nicht. Wie mir ein Detektiv auf einer der letzten Stationen versicherte, soll sie die Richtung Frankfurt- Berlin genommen haben – befindet sich möglicherweise in diesem selben Zuge!«

»Allmächtiger Gott!« –

Er lachte: »Ich glaube gar, Durchlaucht, Sie fürchten sich vor der schönen Sünderin?« scherzte er harmlos, und Salome lächelte mit farblosen Lippen: »Oh, es ist ein schrecklicher Gedanke! – Ich bereue es doch sehr, allein gereist zu sein!« –

»Warum das? Fanden Sie nicht in mir einen Beschützer und Retter?« – fragte er mit leiser, beinahe inniger Stimme. »Ich geleite Sie sicher in Halle zu Ihrem andern Zuge. Zuvor müssen Sie dem Bahnhofsvorstand Ihren Paß zeigen. –«

»Paß?!!«

»Gewiß, als Ausländerin müssen Sie doch einen Paß bei sich haben – zur Legitimation – es könnten Ihnen ja sonst furchtbare Dinge passieren, man hält Sie womöglich für die Hochstaplerin –«

Sie faßte voll Todesangst seinen Arm: »Erbarmen Sie sich meiner – ich besitze keinen Paß – ich bin ja eine Welfin...«

»Keinen Paß?« – Er machte ein sehr bedenkliches Gesicht.

»Das ist allerdings sehr schlimm. Und gerade in Halle ist man äußerst strenge in dieser Beziehung –«

»Helfen Sie mir!« schluchzte sie außer sich.

»Selbstverständlich, Durchlaucht –«

»Ach nennen Sie mich doch nicht Durchlaucht –«

»Aber ich bitte Sie! Wie dürfte ich es anders wagen?«

»Es möchte Verdacht wecken!« –

»Je nun – Sie besitzen eine Villa in Lichterfelde! Wir telegraphieren nach dort um eine Legitimation!«

Sie zitterte wie Espenlaub. »Nein – das geht nicht.«

»Warum nicht?«

Sie starrte wie hilfeflehend zum Himmel. »Sie ist nicht bewohnt!« – stieß sie hervor.

»Schade. Je nun – dann wenden wir uns mit einem Telegramm an Ihre Kinder –«

Sie stöhnte nur leise auf, antwortete aber nicht. In seinem Gesicht zuckte es. Dann fuhr er tröstend fort: »Vielleicht gelingt es mir auch, Sie ohne alles Aufsehen in den andern Zug zu bringen. Ich bin ja bekannt in Halle – biete Ihnen den Arm und gebe Sie für eine Verwandte aus. – Allerdings muß ich Ihnen ehrlich sagen, daß die Sache recht gefährlich ist. Als Russin befinden Sie sich in einer äußerst schlimmen Situation! Gebe Gott, daß ich Sie erretten kann!«

Sie schlang krampfhaft die Händchen ineinander. »Es weiß ja kein Mensch, daß ich geborene Russin bin!« –

Sehr ernst und mit männlicher Würde blickte er sie an. »Ich weiß es, Durchlaucht, und Sie werden begreifen, daß ich als Mann von Ehre die Wahrheit sagen muß, wenn man mich fragt. Ich beklage es unendlich, daß Sie mir davon erzählten.

Es ist überhaupt sehr mißlich, in der Eisenbahn oder in einer fremden Stadt ohne Not seinen Namen zu nennen. Sie ahnen nicht, Durchlaucht –« sie zuckte nervös zusammen – »in welch entsetzliche Situation sich eine Dame dadurch leichtsinnigerweise bringen kann! Nehmen Sie nur den Fall an – ich wäre nicht vollkommen davon überzeugt, daß alles, was Sie mir erzählten, lauter Wahrheit sei! Ich würde Verdacht geschöpft haben, würde Sie für die gesuchte Hochstaplerin gehalten und Sie verhaftet haben. Als Opfer meiner Verblendung hätten Sie so lange im Kerker schmachten müssen, bis Ihre Unschuld bewiesen worden wäre. Ich hätte nur nach bester Überzeugung gehandelt, aber Sie hätten es schwer büßen müssen, denn die Sache wäre ja in alle Zeitungen gekommen. Ich besitze eine Kusine ebenso jung und reizend wie Sie, hochverehrte Frau. Als diese allein die Tour von Berlin nach Wien machen mußte, gab ich ihr folgende Lehre mit auf den Weg: ›Höre, wie eine wirklich vornehme, respektable Dame reist: Sie kleidet sich so schlicht wie möglich, sie tritt so bescheiden und anspruchslos auf, wie irgend denkbar. Sie kokettiert nicht mit ihrem vornehmen Namen, sie sucht keine Bekanntschaften und keine amüsanten Erlebnisse – kurzum, eine vornehme Dame ist auf der Reise nur ein Schatten, auf den jede äußere Einwirkung machtlos ist.‹ Meine kleine Kusine richtete sich danach und hat Gottlob über keine unangenehme Erfahrung zu klagen gehabt.«

Salome saß mit tiefgeneigtem Haupte da. Während er anscheinend sehr harmlos und heiter plauderte, litt sie alle Qualen tiefster Beschämung und Reue. Es deuchte ihr, eine Hand habe plötzlich einen Schleier von ihren Augen gezogen und sie sehend gemacht. – Ja, sie hatte sich nicht wie eine vornehme Dame benommen, und die Lehren Juliettes waren wohl doch nicht so unfehlbar, wie sie es bis dato angenommen hatte.

Der Zug hielt: »Merseburg.«

Wieder erklang ihr Namen draußen. Sie hörte ihn kaum, wie geistesabwesend blickte sie vor sich hin in das Leere, Unwillkürlich zog sie den Regenmantel fester um sich her, daß er ihre doch immerhin etwas ausfallende Frühlingstoilette verhüllen möchte.

Eine unbeschreibliche Angst quälte sie. Die letzte Station vor Halle – und dann? Wenn es dem Landrat nicht gelang, sie ohne Paß durchzuschmuggeln? Oh, dreimal wehe über ihre kindische, einfältige Sucht, jenem Fremden zu imponieren, ihn, ihren liebenswürdigen Helfer in der Not so ohne Grund und Ursache zu düpieren!

Jetzt erlitt sie die gerechte Strafe. Sollte sie ihm alles gestehen, ihre Lügen, ihre törichte Eitelkeit?

Nein, sie konnte es nicht, sie würde sterben vor Verlegenheit! Nur im Fall der äußersten Not –! Ja, dann mußte sie ja eine klägliche Beichte ablegen.

Er glaubte an sie! – Wie edel, wie großmütig er war! und sie? – Tief zerknirscht preßte sie die Lippen zusammen. Er sollte nicht schlecht von ihr denken, sie ertrug es nicht. Wer wußte, ob sie ihn je im Leben wiedersieht? – Sein Name war ihr völlig unbekannt, und die Welt war so endlos groß; wie sollten sie einander wieder begegnen! – Salome möchte es beklagen, und doch gewährte ihr gerade die Überzeugung, daß sich ihre Wege in Halle für immer trennen sollten, den großen Trost daß sie nie als Lügnerin, als belächelte kleine Pensionseinfalt vor ihm stehen muß.

Seine freundliche Stimme schreckte sie aus ihren Gedanken auf.

Der Zug würde sich sogleich in Bewegung setzen, und Herr von Born nahm seinen Platz gegenüber der jungen Dame wieder ein.

Er begann ein neues Gespräch, über dieses und jenes, lauter harmlose, gleichgültige Dinge. Die Coupétüre wurde aufgerissen, und Salome schrak zitternd zusammen, wie eine Gerichtete, der die Verfolger auf der Spur sind.

Ein Säbel rasselte – ein paar heitere Abschiedsworte hin und her und dann sprang ein Husarenoffizier in den Wagen. Er grüßte sehr höflich und warf sich in eine Ecke des Coupés.

Sein Blick streifte mit Interesse das junge Paar. Er sah, daß der Landrat eine Zigarette zwischen den Fingern hielt. Die Hand an die Mütze legend, wandte er sich sehr verbindlich an Salome.

»Gestatten, gnädigste Frau, daß auch ich meine Zigarre zu Ende rauche?«

Die Dame antwortete durch eine stumme Neigung des Köpfchens, sie sah ihn dabei nicht an.

Der Husar wandte sich an Herrn von Born: eine Frage über dies und jenes.

Der Landrat antwortete, und schnell war ein Gespräch im Gange. Der junge Offizier kam von einem Liebesmahl und schien sehr animiert zu sein. Wieder und wieder huschte sein Blick zu Salome hinüber, ihre auffallend hübsche Erscheinung interessierte ihn.

Öfters versuchte er es, auch sie in die Unterhaltung hineinzuziehen und richtete das Wort an sie. Er erhielt nur sehr zurückhaltende, einsilbige Erwiderungen; die junge Dame blickte angelegentlich zum Fenster hinaus und zog den großpunktigen Schleier tief über das Gesichtchen. Ihre übermütige Redseligkeit war wie abgeschnitten, sie beobachtete dem Fremden gegenüber die größte Reserve.

Herr von Born bemerkte es, um seine Lippen zuckte es, und in seinen Augen leuchtete es auf.

Nur eine kleine Strecke noch, dann tauchten die Türme von Halle auf.

Salome erzitterte, als der Pfiff der Lokomotive ertönte. Wie in flehender Angst traf ihr Blick den Landrat – dieser lächelte ermutigend und nickte ihr unmerklich zu.

Als der Zug hielt, empfahl sich der Husar so hastig wie er gekommen und sprang auf den Perron.

»Bitte solange wie möglich zurückbleiben, Durchlaucht!« flüsterte Born: »Die ›Waldvöglein‹ schwärmen aus und möchten Sie wieder belästigen. Wir haben Zeit; der andere Zug wartet.« – Er winkte einen Dienstmann herzu und reichte ihm das Handgebäck.

Sein Blick schweifte scheinbar sorgsam prüfend über die Menschenmenge. »Kommen Sie, der Moment ist günstig!« flüsterte er der leichenblassen Salome zu, hebt sie zur Erde und bot ihr den Arm.

»Blicken Sie möglichst wenig um sich – vor allen Dingen kein Aufsehen erregen – nur eine Dame, die durch nichts auffällt, wird respektiert.« Mit zitternden Gliedern und hochklopfendem Herzen schritt sie durch das Menschengewühl. Sie schmiegte sich fester und fester an wie ein Schiffbrüchiger die rettende Planke umklammert, so faßte ihre Hand seinen Arm, in der festen, heilig ernsten Überzeugung: »Er allein rettet dich vor dem Verderben!«

Der Landrat führte seine Schutzbefohlene vor die geöffneten Coupés.

»Wo befehlen Sie einzusteigen, Durchlaucht?« fragte er noch immer mit etwas gedämpfter Stimme und prüfendem Blick nach allen Seiten: »Coupé für Nichtraucher?«

Sie schüttelte heftig das Köpfchen. »Damencoupé!« stieß sie mit bebenden Lippen hervor.

Wieder ein Lächeln der Befriedigung auf seinem Gesicht – sie sah es nicht.

Er half ihr einsteigen und fertigte den Dienstmann ab. Verlegen wagt sie es, ihm ihr kleines Geldtäschchen dazu anzubieten, Er übersah es absichtlich, auch drängte die Zeit. »Sie haben durchgehendes Billet?« fragte er noch einmal, und als sie hastig nickte, trat er schnell zur Seite an einen kleinen Jungen heran, der Veilchensträuße verkaufte. Er wählte den schönsten und eilte zu seiner Schutzbefohlenen zurück. Andere Damen drängten nach dem Coupé und luden ihr Handgepäck ein – mit bedeutsamem Blick legte Born den Finger an die Lippen.

Salome verstand ihn. Mit aufquellender Empfindung reichte sie ihm die Hand. »Fürchten Sie nichts, Herr Landrat –« stammelte sie, »ich glaube, ich werde im ganzen Leben nie wieder über mich und meine Familienangelegenheiten im Eisenbahnwagen und zu den fremden Menschen darin reden!«

»Recht so, meine Gnädigste – Sie werden sich selber den größten Dienst damit erweisen!« antwortete er mit seltsamem Gesichtsausdruck.

»Einsteigen! Bitte die Herrschaften einzusteigen!« rief der Schaffner.

Da neigte sich Herr von Born zu seiner holden Reisegenossin nieder und schaute ihr in die Augen. Ein tiefer, leuchtender Blick. Sein Gesicht war ernst, und doch lachte etwas in diesem Blick und deuchte der jungen Dame rätselhaft und unerklärlich.

»Leben Sie wohl, Durchlaucht!« flüsterte er mit weicher Herzlichkeit und überreichte den Veilchenstrauß: »Ich würde glücklich sein, Ihnen im Leben noch einmal zu begegnen. Das Schicksal hat unsere Wege so eigenartig zusammengeführt, es ist vielleicht liebenswürdig genug, es noch ein zweites Mal zu tun!«

Sie war noch viel zu benommen und erregt, um seine Worte genügend zu beachten. Sie starrte unverwandt in seine Augen und nahm mechanisch die Veilchen. »Ich danke Ihnen für all Ihre Liebenswürdigkeit!« sagte sie ernst, mit beinahe feierlicher Betonung, »Sie haben mich ja aus großer Gefahr errettet – und das vergesse ich Ihnen nie!«

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Wieder zuckten seine Lippen. »Ja, nun sind Sie gerettet,« nickte er ebenso feierlich. »Leben Sie wohl!«

Und dann mußte er sie in das Coupe heben. Noch einmal reichte sie ihm stumm die Hand durch das offene Fenster – er küßte diese. Die ausgestandene Angst schien sich bei ihr in ein Gefühl wonniger Erleichterung aufzulösen, große Tränen glänzten in den noch immer etwas verstört blickenden Augen. – »Auf Wiedersehen!« rief er und hob den Hut.

Dann begannen die Räder sich zu drehen – der Zug setzte sich in Bewegung,

Als er den Blicken des Landrats entschwunden, wandte er sich hastig und eilte zu einer Droschke. Sein Gesicht sieht sehr rot ans, wie bei einem Menschen, der sich mühsam das Lachen verbeißt.

Das brach erst in schallender Heiterkeit über seine Lippen, als er allein in dem geschlossenen Wagen saß. Und er lachte wie ein Mensch, der sich so recht von Herzen über etwas freut.

»So! Ich hoffe sehr, daß Fräulein Salome der Appetit an interessanten kleinen Abenteuern vergangen ist. Russische Fürstin! Witwe! Vier Kinder! – Der kleine Engel log ja gar zu toll ... Das verdiente Strafe. Habe ihr einen kleinen Denkzettel gegeben, zu ihrem eignen Besten. Gott sei Dank, daß sie noch naiv genug war, um sich so schauerlich grob düpieren zu lassen. Aber was half's?! –- Es ist leider eine bedauerliche Tatsache, daß die jungen Mädchen oftmals am strengsten erzogen werden müssen – wenn sie ... das Pensionat verlassen!!«

 

Salome aber saß still und bescheiden in ihrer Coupéecke und hielt die Augen geschlossen, als schliefe sie. Die Veilchen lagen welkend in ihrer Hand, und so wie sie welkte auch tief innen in dem Herzen des jungen Mädchens ein Pflänzchen von Juliettes giftiger Saat – die Sucht, um jeden Preis ein amüsantes Abenteuer zu erleben.

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