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Jung gefreit. Band I

Nataly von Eschstruth: Jung gefreit. Band I - Kapitel 14
Quellenangabe
typefiction
authorNataly von Eschstruth
titleJung gefreit. Band I
publisherVerlag von Ewald & Co. Nachf.
addressLeipzig
yearo.j.
illustratorWilh. Claudius
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100807
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XV.

Während das junge Ehepaar seine Hochzeitsreise machte, kam Herr von Welfen auf den lustigen Einfall, auch seinerseits eine »nachträgliche« Hochzeitsreise zu unternehmen.

Er überraschte seine Damen durch einen ganz spaßhaften Vorschlag. »Höre, Dorchen: Salome und Siegfried machen ihre Hochzeitsreise rechtzeitig, Rose soll sie vorzeitig – wir wollen sie nachzeitig machen. Packt die Koffer, wir werden das herrliche Herbstwetter benutzen und einen Ausflug nach der Wartburg riskieren!«

Gesagt, getan.

Rose jubelte. Eine Hochzeitsreise ohne Gatten, das war just nach ihrem Geschmack! Und sie reisten ab, zur Entrüstung der Tante Sidonie, der alles Reisen als törichte Geldverschwendung verhaßt war.

»Ihr müßt ja kolossale Revenuen von Jeseritz beziehen, daß ihr derartige Ausgaben machen könnt!« bemerkte sie spitz. »Hunderte von Mark für eine Vergnügungsreise! Je nun – mir kann es ja recht sein, wenngleich ich der Wahrheit gemäß sagen muß, daß ich jede Unüberlegtheit als Dummheit erachte und aufs schärfste tadle!«

Zum erstenmal wollte ihr der Major gereizt antworten und sich ihre Unverschämtheit verbitten, aber er besann sich noch rechtzeitig. »Denkst du, mir macht eine solche Unruhe und ein solches Eisenbahngeschüttele Vergnügen? Es ist um der Rose willen – sie muß auch einmal etwas von der Welt sehen!« brummte er und verließ schleunigst das Zimmer.

Welch eine unbeschreibliche Wonne für Rose, durch die zauberhafte Lieblichkeit Thüringens zu schweifen. Eine Fußtour reihte sich an die andere, jede neue schöner und lohnender als die vorhergegangene. Der Herbst hatte seine leuchtendsten Farben über den Laubwald gegossen, violette, zarte Dunstschleier wehten um die Berge, bis die Sonne voll sommerlicher Glut emporstieg und die Täler mit goldenem Lichte füllte.

Frische Luft auf den Höhen! Harzgeruch und herber Tannenduft im Walde, Gesang und Jubel überall, flatternde Hotelfahnen und lockende Kurhausmusik. Welch ein neues, nie gekanntes Leben!

Rose glaubte in eine Wunderwelt versetzt zu sein, und genoß alle Pracht und Schönheit in vollen Zügen. Schade, daß der Papa bald über das viele Geklettere stöhnte und über die hohen Preise der Wagen schimpfte. Er hatte nur auf langes Bitten von Frau und Tochter nachgegeben, die Strecke Wegs von Ruhla bis nach Eisenach noch einmal zu Fuß zurückzulegen. Es war ein besonders heißer Tag, und obwohl man sehr früh aufgebrochen war, brannte die Sonne doch bald recht empfindlich auf die drei Wanderer hernieder. Papas Laune, die anfangs so glänzend gewesen, war recht übel geworden. Er hatte in Ruhla schlecht geschlafen und nachts sogar mit seiner alten Kommandostimme auf den Korridor des Hotels hinausgedonnert: »Ruhe, zum Schockdonnerwetter!«

Da ward alles munter, was zuvor geträumt hatte, und der Major hielt dem erschrockenen Kellner eine wütende Philippika, »daß nebenan so ein paar verfluchte Kerls ununterbrochen sängen und spektakelten, und daß man nachts um drei Uhr wohl verlangen könnte, daß solche Globetrotter endlich das Maul hielten!«

Das war deutlich, und es wurde still nebenan.

Am andern Morgen grollte der Major noch immer. Er fragte den Wirt, wer die Radaubrüder gewesen seien?

Der Hotelbesitzer bat unter höflichsten Komplimenten um Entschuldigung. »Die Herren seien spät angekommen und hätten noch sehr fidel gezecht, es schienen wohl Studenten oder Künstler gewesen zu sein – in das Fremdenbuch hätten sie sich nicht eingeschrieben, da sie schon vor zwei Stunden abmarschiert seien, um über die hohe Sonne nach Eisenach zu gelangen!«

»Recht niedlich!« höhnte Welfen, »also denselben Weg nach Eisenach! Na, da werde ich heute nacht wohl wieder den Genuß ihrer musikalischen Leistungen haben!«

Nun war er müde und ärgerte sich noch immer über die rücksichtslosen Bengels. Dazu bekam er Durst, und vor der hohen Sonne gab's kein Wirtshaus.

Schauerlich! Daß er auch vergessen konnte, Wegzehrung mitzunehmen! Alle anderen Tage hatten sie sich damit geschleppt und keinen Gebrauch davon gemacht, es waren kurze Partien und Gasthäuser in schwerer Menge vorhanden – und heute nichts, nichts von allem!

Trotz seines cholerischen Temperaments neigte der Major etwas zum Embonpoint. Keuchend und den Schweiß wischend, wanderte er die staubige Fahrstraße zwischen den hohen Tannenwänden dahin. Immer bergan! Und dazu ein Durst! – Ein Durst!! Die Zunge klebte ihm am Gaumen.

»Welch ein schönes Plätzchen hier zum Rasten! Hm ... da haben auch soeben noch Touristen gesessen – fettige Butterbrotpapiere und da ... o! ... o!!« Der Major blinzelte voll Gift und Galle nach den Baumzweigen empor –- da hing eine leere Bierflasche!! – Das Wasser lief ihm förmlich im Munde zusammen! Jetzt ein Glas bayerisches Bier!!

Der Weg kam ihm noch viel beschwerlicher vor. Er begriff gar nicht, daß Rose aus voller Kehle in die Welt hinein sang, und verbat sich eine derartige Gefühllosigkeit.

Immer heißer brannte die Sonne, die Zunge lechzte nach Naß. Da! – Pech und Schwefel – wieder eine Bierflasche oben an einem Ast, just über dem Fahrweg schaukelnd, und dort noch eine ... und abermals eine ... Das war eine Roheit, eine Gemeinheit, eine ganz infame Niedertracht!!

Ha! Fraglos waren das auch wieder die verdammten Lümmel gewesen, die ihn heute nacht um den Schlaf gebracht hatten! Nur sie allein waren einer solchen perfiden Nichtswürdigkeit fähig. Selbstverständlich, sie waren ja vor zwei Stunden denselben Weg hier gewandert! Singend, johlend, gut verproviantiert und Bier trinkend! Alle Viertelstunden Bier trinkend!

Der Major hätte bersten können vor Wut.

Ganz Thüringen war ihm verleidet, er keuchte schwitzend weiter, den Blick starr auf den Boden geheftet, um nicht durch den abermaligen Anblick einer Bierflasche neue Tantalusqualen zu erleiden.

Dabei erleichterte er sein Herz, die unbekannten Feinde mit allen Kosenamen, die ehemals auf seinem Kasernenhofe erklungen, zu belegen, denn es lag klar auf der Hand, daß die Bierflaschen zum Hohn für ihn, den Durstenden, hier aufgehängt waren, zur Rache für sein energisches Auftreten heute nacht.

Endlich war die hohe Sonne erreicht, und Herr von Welfen suchte sich den schattigsten Platz im Garten, drehte dem schönen Wartburgdurchblick ingrimmig den Rücken zu und schwur hoch und teuer, in den nächsten Stunden sich nicht vom Fleck zu rühren.

Er aß und trank – und trank und aß, und Frau Dora und Rose bemühten sich, ihn aufzuheitern. Allmählich gelang es, Papa fühlte sich wieder behaglich und begann seine Quälgeister zu vergessen. Während er sich eine Zigarre anzündete, wanderte Rose, die Nimmermüde, ein Stücklein Wegs nach Wilhelmstal entlang, vielleicht einen Blick auf das Schlößchen zu erspähen. Da sie sich nicht weit entfernen durfte, kehrte sie bald um.

Plötzlich blieb sie auflauschend stehen. Eine Nachtigall! – Wahrlich eine Nachtigall! Wie war das möglich? Im Spätherbst hatte Rose noch nie diese holde kleine Sängerin gehört.

Dort hinter den Tannen am Weg muß sie sitzen. Wie entzückend, wie herrlich es klingt!

Der Wald rings lag in tiefem, feierlichen Frieden, die warmen Sonnenstrahlen spielten in grün goldenen Lichtern auf den moosigen Buchenstämmen, ein süßer Duft wogte geheimnisvoll daher – und nun gar das Lied der Nachtigall!

Langsam, ganz versunken in eine ihr sonst so fremde, schwärmerische Träumerei, schritt Rose weiter, näher und näher, vorsichtig spähend, zu den Tannenbüschen heran, aus welcher Philomele klagte.

Vielleicht war das Vögelchen krank, saß mit gebrochenem Flügelchen und trauerte um die fernen Genossen, deren Flug nach dem Süden es nicht folgen konnte. Und dann lachte sie über sich selbst. Eine Nachtigall würde gerade ein Menschenkind so nahe an sich herankommen lassen! Nein, keine vergebliche Mühe! Lieber dem Sängerlein mit frischer Stimme geantwortet:

»Nachtigall! Nachtigall!
Wie süß ist deiner Stimme Schall!«

schmetterte sie lustig, alle Sentimentalität abstreifend, in die Tannen hinein.

Seltsam! Das sonst so scheue Vögelchen schien nicht zu erschrecken. Es sang unbeirrt weiter, ja, es schien Rose beinahe, als käme es nähergeflogen. Noch einmal sang Rose herzhaft darauflos und trat näher an die Dickung heran.

»Nachtigall! Liebe, süße Nachtigall!!«

Horch ... dicht vor ihr hinter dem Fels flötete es in schmelzender Weise Antwort!

Das war ja merkwürdig! Sicherlich konnte das Vöglein nicht entfliehen, sonst wäre es wohl schon längst davongeflattert! Übermütig sprang das junge Mädchen über den Chausseegraben und trat auf den Felsblock zu. Sie hatte den Hut abgenommen – wie braunes Gold leuchteten ihre lockigen Haare, wie Rosen blühten die Wangen im Gesichtchen, und das helle Sommerkleid leuchtete in der Sonne.

»Nachtigall, Nachtigall –
Süß ist deiner Stimme Schall!« –

jubelte sie noch einmal wie ein ungestümes Kind und lugte neugierig hinter Fels und Tannen. Gleicherzeit ein leiser Schrei des Entsetzens.

»Das fand Ihr Herr Vater heute nacht leider nicht, mein gnädiges Fräulein!« sagt eine lächende Stimme, die schlanke Gestalt eines Herrn sprang aus dem Grase empor.

Rose war so tödlich erschrocken, daß sie einen Augenblick wie gelähmt dastand. Aus den Büschen zur Seite klang ebenfalls Lachen, die Zweige rauschen und knacken.

Die Herren aus Ruhla!

Roses Köpfchen schnellte stolz in den Nacken, ihre Augen blitzten den Kecken, der es wagte, sie derart zu düpieren, empört an.

»Unverschämt!« stieß sie in ihrer herben Weise kurz hervor, wandte sich und floh wie ein Reh von dannen. Hinter ihr her schallte ein homerisches Gelächter. – – –

Atemlos erreichte sie die Eltern. Sollte sie's erzählen? Nein – sie konnte es nicht, sie schämte sich, daß sie sich derart hatte mystifizieren lassen, – Eine Nachtigall im Spätherbst! Wie hatte sie nur auf solch einen Unsinn hereinfallen können! Aber es klang so fabelhaft natürlich, sie hätte wirklich in ihrer Harmlosigkeit geschworen, daß die Natur eine Ausnahme von der Regel gemacht habe!

Und was nützte es, darüber zu sprechen? Der Vater war gerade wütend genug auf die frechen Gesellen! Er würde sich noch wehr erregen und womöglich bei nächster Gelegenheit eine Szene heraufbeschwören. »Ihr Herr Vater fand das heute nacht leider nicht!« – sagte er nicht so? Fraglos, es waren die Herren aus Ruhla, und sie wußten, wer sich die Ruhestörung verbeten hatte und kannten sogar die Tochter ihres Widersachers! Dieser freche Scherz mit der Nachtigall war ein Racheakt!

O wie mochten sie jetzt lachen und höhnen, und über das dumme Gänschen spotten, das auf einen so plump gestrichenen Leim ging! Rose ballte die kleinen Hände unter dem Tisch und gab eine ganz konfuse Antwort auf die Frage des Majors, »ob sie faktisch noch bis Eisenach zu Fuß gehen könne, oder ob man hier auf einen Wagen warten wolle.«

»O diese Esel!« hatte Rose ingrimmig geknirscht, und der Vater sah sie einen Augenblick verdutzt an.

»Ja, du hast recht, Esel würden fabelhaft brauchbar hier sein!« nickte er dann, »billiger als Wagen und bequemer wie Schusters Rappen! Aber ich bin überzeugt, daß es hierzulande keine gibt, wenigstens keine vierbeinigen!! – Heda – Kellner – kommen Sie mal 'ran!«

Er fragte und bekam die erwartete Antwort.

»Na ja!« höhnte er, »weder Wagen noch Esel! Die Saison zu vorgerückt! Die letzte Regenzeit hat den Verkehr beendet und was jetzt noch in diesen paar schönen Tagen kommt, wandert meistens zu Fuß!! – Na, Kinder, dann hilft es nichts, dann müssen wir auch zu Fuß wandern, aber so viel weiß ich – ich beschwere mich bei erster bester Gelegenheit! Das ist ja eine himmelschreiende Wirtschaft in diesem gesegneten Thüringen! Nachts keine Ruhe und tags keine Esel! – Oh, ich werde meine Ansicht darüber aussprechen!« Der Major rief in ärgerlicher Stimmung abermals nach dem Kellner, um zu zahlen.

Der dienerte sehr höflich: »Welch ein Mißgeschick, mein Herr! Am Aussichtspunkt hat den ganzen Morgen ein Junge mit drei Eseln gestanden, und vor zehn Minuten haben sie ein paar Touristen gemietet, um nach der Wartburg zu reiten!«

Rose blickte jählings auf. »Gleich und gleich gesellt sich gern – und findet sich!!« – dachte sie voll Ironie, »die Herren sind zweifellos die lieben Freunde aus Ruhla!«

Welfen schimpfte etliche Kreuzdonnerwetter, bezahlte, und erhob sich stöhnend, die Fußtour fortzusetzen. »Dies ist die letzte, die ich in meinem Leben mache!« grollte er. »Da räsonniert ihr immer über Tante Sidonie, und doch ist sie eine vernünftige, geistreiche Frau, die ganz recht hat, wenn sie das Reisen eine kostspielige Strapaze nennt! Ja, ja, die Graphologie! Es ist doch Verlaß darauf!«

Rose lachte. »Väterchen, laß dir doch nicht von ein paar Eseln – zwei- und vierbeinigen – die gute Laune verderben! Wie vergnügt waren wir doch zuvor! Wie reizend unser Wandern durch Berg und Tal! Ah ... rieche einmal diesen Tannenduft! Die Luft weht schon bedeutend kühler, und wenn du den Führer mitnimmst, kommen wir auf den besten und bequemsten Wegen im Handumdrehen auf die Wartburg!«

Wieder wanderten sie durch die zauberhafte Stille des Hochwaldes. Felsen bauten sich auf, und Abgründe gähnten zur Seite. Hier und da öffneten sich die romantischen Naturkulissen und gewährten einen Blick auf die schönste und interessanteste aller Burgen, deren Anblick das Herz der Damen höherschlagen ließ. Frau Dora und Rose schritten rüstig voraus – Herr von Welfen folgte mit dem Führer und schimpfte nur dann nicht, wenn dieser mit großer Lebhaftigkeit und Beredsamkeit allerhand Schnurren oder interessante Erlebnisse erzählte.

Seine hohe Stimme hallte zu den Damen hinüber, die zumeist schweigsam, in entzücktem Genießen aller Herrlichkeit, Arm in Arm dahinwandelten.

Rose war nachdenklich. Der freche Nachtigallsänger kam ihr nicht aus dem Sinn. Wie hatte er eigentlich ausgesehen? In ihrem Schreck und Ärger hatte sie ihn kaum angeschaut. Nur flüchtig – und doch war es ihr gewesen, als ob er recht häßlich gewesen sei. Ein recht unverschämtes Gesicht, mit blitzenden Augen, einem impertinenten Lachen und großen, grellweißen Zähnen unter dem Schnurrbart, wie ein Nußknacker. Sicherlich ein Student – aber was für ein schlimmer! Die Nächte durchtollen, Bier trinken, junge Damen äffen – – pfui! Rose war den Männern noch nie zuvor so gründlich abhold gewesen, wie in diesem Augenblick.

Horch, ein Rudel Wild schien durch den Tann zu ziehen! Auch Papa und Wills, der Fremdenführer, blieben stehen und lauschten. Letzterer drückte den Hut mit der breiten Krempe tiefer in die Stirn, sein borstiger Schnurrbart zitterte ganz eigentümlich, wie unter verhaltenem Lachen.

»Das müssen Hirsche sein, gnädiger Herr!« sagte er, »es stampft gehörig den Boden! Lassen Sie uns stillstehen und aufpassen, derweil verpusten sich die Herrschaften ein wenig! Das Marschieren ist bei der Hitze heut ein sauer Stück Arbeit, und der gnädige Herr ist es nicht gewohnt! Eine Blase sitzt schon am Fuß? Ja, da ist's ein verteufeltes Fortkommen! Da kann man schon das Blaue vom Himmel herunterfluchen!«

»Und nicht einmal ein Esel zu haben!« grollte der Major in vollster Gewitterstimmung. »Solch einen Hirsch satteln, ja, das wäre eine Rettung! – Pst ... das galoppiert ja heran wie die wilde Jagd! – Jetzt ... dort den Waldweg kommt's ... Ah ... Pech und Schwefel! Eselreiter!« – Das letzte Wort klang wie ein Schmerzensschrei!

Drei Herren galoppierten herzu – junge, flotte Burschen, die breitkrempigen, weißen Strohhüte weit im Nacken, die Gesichter lachend und urfidel! »Servus, meine Herrschaften! Servus!« lachten sie im Vorbeisausen. »Famoser Spazierritt! In zwanzig Minuten sind wir auf der Wartburg!!«

Klang das nicht wie Hohn für den schweißgebadeten Herrn von Welfen, der sich keuchend und stöhnend bergan schleppte?

Jetzt hatten die Reiter die Damen erreicht. Sie grüßten und schwenkten die Hüte ... und dann ... Schockmillionen ... was sollte das heißen? ... Blumen? – Blumensträuße warfen sie den Damen zu? Und nun lachten und sangen sie: »Nachtigall – Nachtigall, süß ist deiner Stimme Schall ...«

Halb rückwärts saßen sie im Sattel und winkten und lachten, bis die Tannen sie den Blicken entzogen.

»Solch eine gottvergessene Frechheit!« schimpfte der Major, hochrot vor Ärger. »Famos Rose! Sehr gut, mein Mädel! Hebt die Blumen nicht auf, sondern stößt sie verächtlich mit dem Fuß beiseite! Ärgert sich auch! Sieht im ganzen Gesichtchen aus wie Purpur!«

»Oh, es waren so schöne Blumen!« bedauerte der Fremdenführer.

Welfen starrte ihn überrascht an. »Woher wissen Sie denn das?!«

Wills macht ein unendlich harmloses Gesicht. »Weil ich sie selber zum Teil gepflückt habe und am Hirschstein feilbot, gnädiger Herr! Da haben sie mir die jungen Herren abgekauft. Ein fideles Völkchen! Sie kommen aus Ruhla, wo sie die Nacht logiert haben. Grundgütiger, wie müssen die unterwegs gezecht haben. Lauter Bayrisches! Und nun sitzen sie fein bequem im Sattel und lassen sich auf die Wartburg tragen!«

»Aus Ruhla?« wiederholte der Major gedehnt und sah noch viel röter ans, »ei da soll doch ... da schlage doch ein ... hm ... also die! Also die waren es? Schade, habe sie mir gar nicht recht angesehen, die ver...« Und da sie just an die Stelle kamen, wo die Blumen noch auf der Erde lagen, stampfte er so haßerfüllt auf die armen Sträußchen ein, daß sie als Marmelade ihr Dasein endeten.

Wills aber schnaubte sich die Nase und stieß recht eigenartige Töne dabei aus.

Von nun an sprach Herr von Welfen kein Wort mehr, aber er gestikulierte so lebhaft und ingrimmig vor sich hin, als sitze er zu Gericht über drei Missetäter, die ihn in einem halben Tag mehr geärgert hatten, als all seine Rekruten während seines halben Lebens! – Endlich, endlich auf der Wartburg!

Das erste Wort des Majors an den Restaurateur war die Frage, ob er heute nacht hier logieren könne. Ein glücklicher Zufall ermöglichte es, und zum erstenmal ging es wieder wie ein Sonnenstrahl über die gerunzelte Stirn des alten Herrn.

Keine Besichtigung der Burg, kein unnötiger Schritt mehr! Nur ganz still und behaglich auf der Plattform sitzen, tüchtig essen und trinken und dann erst der landschaftlichen Pracht und Schönheit froh werden, die wie ein Feenland zu seinen Füßen lag.

Möglichst abseits und unbehelligt hatten sich die drei wegemüden Wanderer niedergesetzt.

Es war eine viel zu stramme Leistung; selbst die Damen, die so vorzüglich und unermüdlich zu Fuß waren, spürten den Weg von Ruhla bis zur Wartburg in allen Gliedern! Frau Dora war verhältnismäßig noch am frischesten, aber Rose saß auch schweigsam und etwas blaß auf ihrem Stuhl und starrte gedankenvoll in Berg und Tal hinaus.

Hier und da huschte ihr Blick verstohlen über die Plattform, wenn Stimmen laut wurden und neue Fremde oder Eisenacher Spaziergänger erschienen. Auch der Major war anfänglich unruhig gewesen und hatte den Kneifer aufgesetzt, um alle anwesenden Menschen scharf zu mustern.

Er fand aber Gott sei Dank nicht, was er suchte, und das beruhigte ihn. Der Gedanke, seine Ruhlaer Feinde hier wieder vorzufinden, hatte ihn ganz nervös und wütend gemacht. Aber sie waren nicht zu erblicken, und das stimmte ihn heiterer.

Die Kerle hatten ja durch ihre Esel einen so riesigen Vorsprung, daß sie sich längst einer Führung durch die Burg anschließen konnten, und nun weiter nach Eisenach getrabt waren. Was fragte solch eine Sorte wüster Zechbrüder nach Schönheit und Romantik. Bayrisch Bier! Das war die Idylle, die sie bei ihrer Thüringer Waldfahrt suchten und fanden.

Das Essen war ganz vortrefflich, die Getränke tadellos, die Laune der anwesenden Menschen ringsum eine so ansteckend heitere, daß auch die drei Reisenden aus Jeseritz all ihren Ärger und ihre Anstrengung vergaßen, und so recht in vollen Zügen den sie ringsumgebenden Wartburgzauber genossen.

Aber trotzdem hielt es Welfen für seine Pflicht, schon im Interesse der anderen Touristen, Wort zu halten, und eine Klage zu erheben, daß so wenig für die Bequemlichkeit und ein gutes »Fortkommen« der Reisenden gesorgt sei.

Als der Kellner mit einer neuen Flasche Wein das Fremdenbuch vor den so behäbig aussehenden und sehr nobel auftretenden Herrn niederlegte, funkelten die grauen Äuglein des Majors vor Rachedurst.

»Aha! Das kommt mir gelegen!« knurrte er befriedigt in den Bart, und Frau Dora legte etwas betroffen die Hand auf seinen Arm: »Aber Papachen, um Gottes willen, du wirst doch keine Beschwerde hier eintragen?«

»Selbstverständlich werde ich!«

»Torheit, Ernst! Du blamierst dich ja nur!«

»Ich mich blamieren? Soso! Das möchte ich denn doch sehen! Ist es keine Rücksichtslosigkeit, auf der hohen Sonne weder für Wagen noch hinreichende Esel zu sorgen?«

»Der Wirt sagte dir, daß die Saison bereits so gut wie vorüber sei! Dieses unvermutet schöne, späte Herbstwetter kann jeden Tag wieder in Sturm und Regen umschlagen! Und du hörtest, daß die Wagen und Esel just vergriffen waren!«

»Gleichviel! Ich mußte zu Fuß laufen und dafür will ich meine Rache haben!«

»Du schadest damit nur dem netten Wirt hier, der uns so liebenswürdig aufnimmt!« bat Rose mit schmeichelndem Aufblick.

»Hm ... das will ich allerdings nicht ... aber, ich kann ja die Sache vielleicht humoristisch einkleiden –«

»Ach ja, Papachen! Ein scherzhafter Stoßseufzer!«

»Mache einen hübschen Vers, Ernst; gereimte Grobheit, halbe Grobheit!« lachte Frau von Welfen.

»Dichten! Gewiß! Warum soll ich nicht dichten können? Habe es zwar noch nie versucht, aber ... Potz Blitz, allzuschwer kann so ein wenig Verseschmieden nicht sein!!«

Die Damen lachten. »Also um wartburgisch zu sprechen, ›Wolfram von Eschenbach, beginne‹«.

»Es wird bereits recht kühl hier im Freien. Wenn die Sonne untergeht, soll der Kuckuck die Mittagshitze schöner Herbsttage holen! Kommt, Kinder, laßt uns umsiedeln. Drinnen hinter den Bogenfenstern sitzt es sich nun behaglicher. Dort werde ich dichten und alle Namen derer, die einst hier in der Sängerlaube die Harfe gerührt, werden bei diesem ersten Gedicht freundlichst Pate stehen!«

Und Herr von Welfen dichtete. Es kostete noch etliche Flaschen Wein und viele weiße Notizbuchblätter, ehe er den Damen, die während dessen mit Entzücken zu der mondscheinbeglänzten Burg hinaus träumten, vorlesen konnte:

»Für Männer von meinem Schlage,
Ist's 'ne rechte Plage,
Müssen sie zu Fuße gehn
Und andre † † † reiten sehn!
In diesen Bergesschlünden
Kein Wagen ist zu finden,
Auch Esel gibt's hier nicht zu Lande –
Ist das nicht eine Schande??« –

Sehr stolz und selbstbewußt trug der Dichter sein erstes Opus vor, und die Zuhörerinnen jubelten Beifall und waren nicht so perfide, die Versfüße an den Fingern nachzuzählen, ob sie stimmten oder nicht!

Ja, dieses Gedicht war sehr schön und humorvoll, das konnte niemanden beleidigen, selbst die ungeheure Mäßigung hatte sich Herr von Welfen auferlegt, seine Feinde nicht mit kraftvollstem Kernwort zu belegen, sondern seine Verachtung nur durch drei Kreuze auszudrücken. Das war aller Anerkennung wert! –

Die Stimmung des Kleeblattes war eine äußerst vergnügte geworden, und der so sauer und ärgernisreich begonnene Tag endete in einer geradezu genußreichen Abendstunde.

Der vorausgegangenen Anstrengung Rechnung tragend, wünschte sich Frau Dora trotzdem zeitig zur Ruhe zu legen, und ihr Gatte stimmte ihr mit herzhaftem Gähnen zu.

»Die verfluchten Lümmels aus Ruhla sind Gott sei Dank nicht hier, aber trotzdem weiß man nicht, was für Zimmernachbarn uns das Schicksal heute nacht zumuten wird.«

Und man ging zu Bett. Rose war aber noch nicht müde.

[Bild]

Voll nie gekannter Wonne und Schwärmerei öffnete sie ihr Fensterchen und blickte in die Nacht hinaus. Vor ihr lag im hellen Mondesglanz, wie ein Gebilde holder, märchenhafter Phantasie die Wartburg, sie, das Ziel all ihrer Sehnsucht und Liebe! – Drunten rauschten die Baumwipfel des Waldes, die Berge ragten aus zarten Nebelschleiern empor, und die Sterne funkelten am Himmel wie vor vielen hundert Jahren, als Elisabeths reine Seele zum Abendstern emporschwebte.

Horch ... was war das? – Rose neigte sich jählings vor. Träumte sie? – Täuschte sie sich? – Drunten, vor ihr im Walde schlug eine Nachtigall! Einen Augenblick war sie starr vor Schreck und Empörung, dann wandte sie sich und schlug klirrend das Fenster zu. Tränen blitzten in ihren Augen – all ihre süßen Träume waren zu nichte geworden.

Die Nachtigall aber warb in holden Liebestönen die halbe Nacht vor ihrem Fenster.

Am anderen Morgen, beim Kaffee, der in der Restauration getrunken wurde, lag das Fremdenbuch auf dem Nebentisch. Der Major, der herrlich geschlafen hatte, griff schmunzelnd danach, um sich noch einmal an seinen schönen Versen zu erfreuen. Aber seine Augen wurden groß und starr. Was war das? Unter seinem Gedicht stand ein anderes:

»Ich dachte, um den Esel braucht dir nicht bange sein, Er ist ja stets vorhanden, kommst du ins Land hinein!«

Ein gurgelnder Laut der Wut, der Empörung! Mit jähem Griff riß der Major das Blatt heraus und versenkte es hastig in der Brusttasche. »Den will ich finden!« knirschte er. Rose aber wußte bereits, wer es gewesen.

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