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Jung gefreit. Band I

Nataly von Eschstruth: Jung gefreit. Band I - Kapitel 13
Quellenangabe
typefiction
authorNataly von Eschstruth
titleJung gefreit. Band I
publisherVerlag von Ewald & Co. Nachf.
addressLeipzig
yearo.j.
illustratorWilh. Claudius
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
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XIV.

Herr von Elten hatte ein seltsames Hochzeitsgeschenk gemacht. Er überreichte dem Bräutigam eine sehr schöne, kunstvoll gearbeitete Pistole.

Siegfried hielt sie noch bewundernd in der Hand, als der kleine Graf, voll harmloser Heiterkeit herzutrat.

»Ha, lieber Born, was haben Sie denn da für ein entsetzliches Mordgewehr?!« lachte er. »Wenn es zwei Stück wären, würde ich auf ein Duell taxieren, eine einzelne Pistole sieht aber nach lauter Lebensüberdruß und Tragödie aus! Pfui Deiwel! werfen Sie das Ungeheuer in die Wolfsschlucht! Selbstmord soll bekannterweise tödlich sein!«

Betroffen hatte Salome, die an der Seite ihres Verlobten stand, in Eltens Gesicht geschaut. Wie ein greller, unheimlicher Blitz traf sie sein Auge, dann wandte sich der Premierleutnant mit dem verbindlichsten Lächeln ein paar neuherantretenden Damen zu und war dadurch einer Antwort enthoben.

Nach dem Hochzeitsdiner wurde abermals getanzt. Elten war der erste Herr, der nach dem jungen Ehemann dessen bräutliches Weib in den Saal führte.

»Ich habe unaufhörlich auf Ihr Glück angestoßen, meine gnädigste Frau!« flüsterte er ihr zu, »vergeben Sie mir, wenn Feuer durch meine Adern rollt und dieser Galopp so stürmisch ausfällt, wie der Lebensreigen, den Sie heute beginnen!«

»Sie prophezeien mir Sturm auf den Weg?« lachte sie übermütig entgegen.

»Sturm! Gewiß! – Besser ihn, als tötende Stille und Langeweile! Sie sind nicht dazu geschaffen, um hinter dem Ofen zu sitzen und Strümpfe zu stopfen – das Lämpchen in der Kinderstube ist eine Totenkerze für Jugend, Lebenslust und Genuß! Tanzen Sie mit dem Irrlicht um die Wette! Es ist nicht so trügerisch wie sein Ruf, es schwebt nur keck über den Sumpf hinweg, in den die schwerfällige Moral allerdings versinken muß! Darf ich bitten, gnädigste Frau?«

Sie tanzten, und es sah aus, als habe schon jetzt ein Sturmwind den Brautschleier gefaßt.

»Halten Sie an – meine Schleppe!« – lachte sie, die schweren Atlasfalten aus der Hand verlierend.

»Nein, ich gebe Sie noch nicht frei, jetzt gehören Sie mir!«

»Die Schleppe ist zu lang, es gibt ein Unglück!« rief sie erschreckt, bog sich von ihm weg und stand still. Ein scharfer Ruck und ein leises Knistern wie ein feiner Wehelaut klang aus dem myrtengestickten Schleier auf. Unter Eltens rücksichtsloser Hand war er zerrissen.

»Mit dem Gürtel, mit dem Schleier reißt der schöne Wahn entzwei!« stieß er durch die Zähne hindurch und sein Auge suchte das ihre.

»Ist das eine Vorbedeutung?« sagte sie betroffen.

»Für Ihren Herrn Gemahl vielleicht!« lachte er; »er wird Mühe haben den schönen, entflohenen Wahn, das scheue Vöglein des Glücks wieder einzufangen!«

Wie seltsam er aussah, als sein Blick bei diesen Worten zu Siegfried hinüber triumphierte. Unwillkürlich mußte Salome an den »Schakal« denken. Narrheit! Er liebte sie – da war es natürlich, daß er dem glücklichen Nebenbuhler gram war.

Böse meinte er es bei alledem nicht – im Gegenteil, er schritt auch jetzt wieder mit vollem Sektglas zu dem jungen Ehemann und ließ »das Glück, das flüchtige, wandelbare Glück leben, auf daß es dem Hause Born die Treue halte!« Auch fiel es allgemein auf, wie Herr von Elten mehr denn je um die Gunst des Majors warb. Das galt wohl dem Töchterlein Rose, die voll spröder Naivität absolut keine Notiz von seinem Courmachen nahm.

Herr von Welfen hatte den Premierleutnant stets sehr gern gehabt, denn Elten verstand es, sich den Interessen und Passionen des alten Herrn anzupassen. Frau Dora schien ihm weniger gewogen, sie ging seinen Aufmerksamkeiten ebenso geschickt aus dem Wege wie ihre jüngste Tochter.

Die seltsamste Erscheinung bei der ganzen Hochzeitsgesellschaft, war die Tante Professor. – »Die Erbtante!« wie der kleine Graf schmunzelte. Sie hat sich zur wahren Herzerleichterung der Familie Welfen ganz »menschlich« zurechtgemacht.

Sie trug ihr eigenes weißes Hochzeitskleid, das der Mode höchstens um fünfzehn Jahre nachstand, denn Frau Sidonie heiratete spät. Es sah allerdings sehr vergilbt und stockfleckig aus und roch trotz allen Moschusparfüms betäubend nach Kampfer und Naphthalin, aber es war doch ein Damengewand und garantierte der Tante die Anrede: »Gnädige Frau!«

Die Schuhe waren zwar gewöhnliche Wichsstiefeletten, aber sie stammten nicht aus dem Nachlaß des lieben Seligen und wenn die Frau Professorin auch selbst zur Feier dieses hohen Festtages keine Brennschere in ihrem Haar duldete, so hatte sie die graumelierten Strippen dennoch mit einem schwarzen Samtband zurückgebunden, auf dem eine köstliche Brillantrosette funkelt. Gleiche Steine glitzern auf der platten Brust und umsäumten die knöchernen Handgelenke, die aus den kurzen, weißseidenen Filethalbhandschuhen hervorstachen.

Diese seidenen Handschuhe hatten Salome beinahe zu Tränen entsetzt, es bedurfte der ganzen energischen Warnung der Mutter, heute keine Szene heraufzubeschwören. Die kleine Braut war just in der Stimmung dazu, denn Tante Sidonie hatte ihren Groll gegen das Brautpaar noch nicht vergessen.

Ihr Hochzeitsgeschenk bewies es. Eine Schere, eine einfache, ganz gemeine Schneiderschere. »Um die Kupons von den ererbten Staatspapieren einer lieben Tante abzuschneiden!« hatte die Frau Professorin mit beißender Ironie gesagt, als sie das luxuriöse Angebinde überreichte.

»Na Kinder, das war bloß ein Witz!« lachte der Major etwas verlegen, »die Tante ist eine geistreiche, schlagfertige Frau, sie wird wohl noch ein anderes schönes Geschenk im Hindergrund haben! Wartet es nur ab – es kommt noch!«

Aber es war bis zum Hochzeitstag noch nichts gekommen, so kampfeslustig Salome auch mit zornfunkelnden Äuglein darauf harrte: »Da füttert man die greuliche Person Jahr und Tag, hat sie im Hause sitzen und läßt sich von der Vogelscheuche die ganze Hochzeit schimpfieren und bekommt eine Schere für fünfundsiebzig Pfennige, während sie sich selber mit Brillanten behängt!«

Diese Brillanten schienen eine ganz seltsame, geheime Kraft zu besitzen. Sie blendeten selbst den spottlustigsten Gasten die Augen dergestalt, daß sie weder die vergilbte Atlasrobe noch die seidenen Filethandschuhe gewahrten. Nur der kleine Graf klemmte ungeniert sein Monokel ein und musterte die eigenartige Erscheinung. »Alle Wetter! Charleys Tante! Man sieht, meine Herren, weder die Bühne noch ein Roman vermag so stark zu übertreiben, daß sie von den Originalen der Wirklichkeit nicht doch noch übertroffen werden können!«

Ein leises Grunzen des Beifalls ringsum. Dann flüsterte der Assessor: »Wenn die Brillanten dieser Tante echt sind, ziehe ich ihr auch noch als Freier den Stuhl weg!!«

»Schnacken! Sie tut's billiger. Jagen Sie Welfens den fetten Bissen ab und lassen Sie sich von der alten Schachtel adoptieren!«

»Faktisch, bequemer könnte sie gar nicht zu einem Sohn kommen! Entwöhnt sind Sie ja wohl – und gezahnt haben Sie auch schon, nicht wahr, Assessorchen?«

»Das versteht sich – er zahnte letzten Winter bereits zum viertenmal!«

»Sachte, Elten, stoppen Sie ab! Anatomie sehr mangelhaft!«

»Sie glauben es nicht, meine Herren? Rechnen Sie nach: Milchzähne –«

»Nummer 1!«

»Erster Wechsel –«

»Quer geschrieben??!«

»Keine faulen Witze! Erster Zahnwechsel!«

»Nummer 2!«

»Weisheitszähne!«

»Na, na – erst sehen – eher glaube ich nicht, daß er welche aufzuweisen hat!!«

»Bon, nehmen wir an, die Weisheit sei ihm wahrlich durch die Kinnladen gewachsen! Also Nummer 3! – Und vier? – He? Nummer 4?!«

»Die ersten falschen.«

»Haut ihn! – Er lügt! – Aus ihm spricht der Neid!!« – Die leise Unterhaltung erstarb in undefinierbarem Kichern und Raunen. Die Frau Professor war herangeschritten und musterte mit ihren kalten »Glaskugelaugen« die Herren, die sich sehr tief und höflich vor ihr verneigten.

Vor dem Assessor machte sie halt. »Ich freue mich stets, einen schwarzen Frack zwischen all den Uniformen zu sehen, man gewinnt dadurch die Beruhigung, nicht ganz und gar in den Belagerungszustand versetzt zu sein!«

Höflichstes Lachen.

»Hüten Sie sich, gnädigste Frau! Sein friedliches Kleid ist der Schafspelz, hinter welchem sich der Wolf – das heißt, der Reserveleutnant versteckt!«

Die Professorin schüttelte mißbilligend das Haupt. »Überall Kanonenfutter! – Ich weiß wirklich nicht, warum sich die Mütter noch die Mühe machen, Söhne in die Welt zu setzen! Es sind wirklich nur Tropfen auf den heißen Steinaltar des Vaterlandes!«

Noch lebhafteres Lachen.

Der kleine Graf zwirbelte mit einem unwiderstehlichen Gesicht das Schnurrbärtchen: »Gnädigste Frau – das klingt ja beinahe, als ob Sie recht wenig Sympathien für das doppelte Tuch hätten?«

Tante Sidonie setzte den Kneifer auf: »Wenig Sympathien? – – Überhaupt keine!« erklärte sie kurz und hart.

»Gnädigste Frau – Sie vernichten uns!«

»Herzlich gern, wenn ich's nur könnte! Kann alles Überflüssige nicht leiden. In der ganzen Welt herrscht seit fünfundzwanzig Jahren Frieden – aber trotzdem starrt der ganze Erdball von Pickelhauben und Schwertern, Kunst und Wissenschaft werden zermalmt dadurch, die Herrschaft der Frau durch brutale Gewalt unterdrückt. – Wozu das viele Militär? Ein Soldat in Friedenszeiten ist wie ein Ofen im Sommer – nützt nichts und nimmt nur Platz weg. – Empfehle mich, meine Herren!«

Und Tante Sidonie schwenkte haßerfüllt rechts um und steuerte auf die Mutter des Landrats zu, um der alten Dame die Weihe des Tages dadurch zu erhöhen, daß sie ihr etliche Grobheiten über die höchst mangelhafte Erziehung ihres Sohnes sagte.

Die Husaren standen im ersten Augenblick etwas verblüfft und starrten der Frau Professorin nach, dann sahen sie einander an, und lachten noch mehr als zuvor.

»Die Alte ist ja einen Taler wert!« jubelte der kleine Graf, »endlich mal ein Original! Etwas anderes als sonst! – Der mache ich die Cour, Kinder, selbst auf das Risiko hin, von ihr totgetreten zu werden! Los dafür, ich klexe mich wieder an!«

[Bild]

Tante Sidonie blies den kleinen Verehrer zwar nach wie vor sehr grimmig an und entzückte ihn durch göttliche Grobheit, aber es ging doch wie ein Wetterleuchten der Genugtuung über ihr knochiges Gesicht und das Knurren, das ihr seine Galanterien entlockte, hatte etwas Wohlgefälliges.

Auch die Damen, die anfänglich etwas zurückhaltend gegen die seltsame Tante gewesen waren, schienen plötzlich Geschmack an ihrer Originalität zu finden, denn die Frau Professor hatte eine ganz eigenartige Manier, es unter die Leute zu bringen, daß sie Erben für ihr Geld suche.

»Mein Gott, sind dazu Welfens nicht die nächststehendsten und berechtigtsten?« fragte man erstaunt, und erfuhr zu heimlicher, hier und da etwas schadenfroher Überraschung, daß die Frau Professor sich durch keinerlei verwandtschaftlicher Beziehungen binden lasse. Die zärtlichen Verwandten seien ihr im Leben fast stets die widerwärtigsten Menschen gewesen, auch das junge Ehepaar Born sei ihr herzlich unsympathisch, darum werde sie ohne Rücksicht und Ansehen der Person ihre Erben unter ihren Freunden wählen.

Zu solchem Bekenntnis einer schönen Seele flimmerten die Brillanten gar verheißungsvoll, und unbegreiflich, aber wahr, Tante Sidonie war plötzlich eine charmante, fabelhaft amüsante, eigenartige Frau, deren unumwundene Wahrheiten fast jedermann freundlich lächelnd anhörte, ohne im mindesten verletzt zu sein.

Selbstverständlich fehlte die Opposition auch hier nicht, und der Spott bemächtigte sich gar manches »Erbschleichers«, ohne der Beliebtheit der Frau Professorin dadurch Abbruch zu tun.

Nur der Superintendent, der das junge Paar getraut hatte, ignorierte die »taktlose Person« vollkommen, seit sie seiner Würde während des Diners bedenklich nahegetreten war.

»Ich muß mich nur wundern, wie fabelhaft viel die Leute heute essen und trinken!« sagte sie sehr laut und ungeniert, die Umsitzenden mit kalten Augen musternd, »ja, namentlich auch trinken!« wiederholte sie noch lauter und sah dabei den ihr schräg gegenübersitzenden Geistlichen verweisend an.

Dieser trank jedoch gern und ließ sich weder durch die wenig gastfreie Bemerkung noch durch das Kichern und Lippenbeißen der Nachbarn stören.

Da erhob Tante Sidonie die Stimme laut wie Trompetenklang. »Herr Pastor, ich will Ihnen mal ein Rätsel aufgeben.«

»Ich werde mich bemühen, es zu lösen, meine Gnädige.«

»Gut, welche Enten trinken am meisten?«

Der geistliche Herr machte eine spöttische Handbewegung, »Alter Witz! – Die Stud–enten!«

»Nein – es gibt welche, die's noch toller können, die Superintend–enten!!«

Schallendes Gelächter. Tante Sidonie funkelte durch ihre Kneifergläser triumphierend im Kreise herum, und ihr Gegenüber fühlte sich tief verletzt.

»Hierauf in gleicher Tonart antworten, hieße ausfallend werden!« sagte er kurz und schenkte sein Glas bis zum Rande voll, ohne es jedoch zu leeren.

Die Gastgeber waren außer sich – aber Tante Sidonie hatte die Lacher auf ihrer Seite.

Ja, es war eine Hochzeit, von der noch lange Zeit in der ganzen Umgebung gesprochen wurde.

 

Der warme, trockene Herbst begünstigte die Reise des jungen Paares. Sie hatten erst der Nordsee einen Besuch abgestattet, waren in Paris eingekehrt und reisten alsdann voll glückseliger Ziellosigkeit südwärts in das Wunderland Italien hinein.

Die Briefe waren Jubelhymnen, und ein jeder Satz begann: »Mein süßes Weibchen« – oder »Mein herziges Männchen!« – und enthielten kaum etwas anderes, als himmelstürmende Wonne echter, rechter Flitterwochen.

Der Major rieb sich die Hände. »Na, Dorchen, du hattest ja immer tausenderlei Bedenken, ob die Kinder tatsächlich zusammenpaßten und glücklich würden! Da hier, lies mal! Die reinen Turteltauben!«

Frau von Welfen las, und ihr Gesicht blieb so ernst wie zuvor. »Auf der Hochzeitsreise! Sie leben ja wie in einem Rausch und Taumel und kommen vorläufig noch gar nicht recht zur Besinnung! Diese Überschwenglichkeit deucht mir zu groß, es muß ein Rückschlag kommen; die heimatliche Langeweile wird ihn mitbringen, fürchte ich.«

»Na Mutterchen, wenn es dir besonderen Spaß macht, so unke getrost weiter! Ich bin fest überzeugt, daß Siegfried alle Charakterfehler, die seine Handschrift anzeigte, abgelegt hat, seit er liebt. Die Liebe ändert einen Menschen von Grund auf, und der gute Junge ist rasend verliebt. Er wird unser Prinzeßchen auf Händen tragen, sie verhätscheln und glücklich machen!«

»Gott gebe es; warten wir's ab.«

Die Wandervögel kehrten zurück.

Das Landratsamt prangte im Schmuck festlicher Tannengirlanden, aus denen die letzten Astern und Georginen hervorleuchteten.

Der Herbststurm zauste sie und wirbelte die Fahnen gegen die grauen Regenwolken empor. Es war ein mürrisches Wetter, mit dem die nordische Heimat die Reisenden empfing, vor deren Blicken sich soeben noch die lachende Blütenpracht der italienischen Sonnenlandschaft ausgedehnt hatte.

Dafür war es im eigenen Nestchen desto behaglicher. »So recht kuschelmuschelig!« wie Siegfried behauptete. Alles neu, alles elegant, alles bewundernswert! Die Möbel rochen noch nach Lack, und die Bilder nach dem Firnis, aber just das hatte einen ganz besonderen Reiz.

Aller Ecken und Enden gab es zu sehen und zu staunen. Wie schön, wie weich und reich war das eigne Heim!

Die Lampen strahlten, Blumen blühten in Nischen und vor den Fenstern; auf dem silberblitzenden Teetisch summte der Samowar ein süß geheimnisvolles Lied von weltfernem Liebesglück.

Hanne und Gottfried walteten wie freundlich gute Geister in diesem Zauberreich.

Beide hatten mit großen Blumensträußen in der Tür gestanden und das junge Paar begrüßt. Hanne in feierlichem Staat, mit der besten weißen Haube, Gottfried in großer Livree, lind just, wie sie knicksten und die junge Frau in das Haus geleiten wollten, rasselte ein Säbel, und ein schwarzer Schatten fiel breit in das helle Licht auf dem Weg der Jungvermählten. »War das nicht Elten?«

Die hohe, in den Mantel gehüllte Gestalt hastete auf dem holprigen Straßenpflaster weiter und verschwand ohne Wort und Gruß in der Dunkelheit.

Hanne aber schüttelte heimlich den Kopf. Sie war abergläubisch und wußte, daß es nicht gut ist, wenn auf dem Weg ins eigne Haus ein Schatten vor die Füße der jungen Frau fällt.

»Sind denn die Eltern nicht hier?« war Salomes erste Frage.

»Nein, gnädige Frau, die Herrschaften sind nach Jeseritz zurück. Sie haben alles hier hergerichtet und den einen Strauß dort auf den Teetisch gestellt – und lassen tausendmal grüßen, und wenn es recht wäre, kamen sie morgen alle zu Tisch!«

»Selbstverständlich! Ist ja riesig nett! – Die guten, rührenden Eltern! Hier diese schönen Blumen sind von ihnen? Und jene dort? – Von wem sind sie?«

»Der Rosenstock vom Herrn Assessor ... und der Blumenkorb von den Herren Offizieren ... und der von der Frau Bürgermeisterin ... und in der Vase dort von der Frau Doktor ... und ... und ...«

»Nun? Noch mehr? Wo denn?!«

»Ach, gnädige Frau, einen Strauß hat Hanne in die Küche genommen, sie meinte, da wären ja Totenblumen und Kreuzkraut bei – das brächte Unglück!«

Das junge Paar lachte hell auf. »Torheit, Alterchen! Schnell holen Sie die Blumen! Schämen Sie sich doch, Hanne, mit grauen Haaren noch so abergläubisch!«

»Gnädigste Herrschaft ... ich ... ich ... na – wenn Sie es denn absolut wollen!« Die biedere Matrone schlurrte etwas beleidigt nach der Tür, um bald daraus mit einem herrlichen Bukett wiederzukommen. »Hier ist das schlechte Zeug!« murrte sie und hielt die Blüten geringschätzig von sich ab.

»O wie schön! Wo sind denn die Totenblumen?« lachte Salome neugierig.

Die Alte tippte von weitem her. »Hier!«

»Die weißen Anemonen?! Hahaha! – Die sind ganz harmlos und blühen in Italien auf allen Wegen! Und das Kreuzkraut?«

»Hier! – Der Teufel mag's holen!«

»Gefüllter Schwarzdorn – umgeben von Myrten, Rosen, Orangen – wie herrlich! Dieser Strauß ist sicherlich kein Feldheimer Erzeugnis! Wer hat ihn denn eigentlich geschickt?«

Hanne hatte es nicht der Mühe wert gehalten, sich diesen Geber zu merken, aber Gottfried meldete, daß der Bursche des Herrn von Elten den Strauß abgegeben habe.

»Also doch von ihm!«

Salome sah sehr zufrieden aus und schien bester Laune zu sein; der Landrat lachte. »Sieh, er will sich beizeiten einen Platz am Teetisch sichern! Ich glaube, Frauchen, das Kreuzkraut gilt der armen Hanne, die ihre Not haben wird, für so viele liebe Gäste im Hause zu kochen! Mit dem Instinkt des Unbewußten hat sie in Elten den schlimmsten Eßtischmarder gewittert!«

»Aber Siegfried, wie unpoetisch!! –«

Er küßte sie auf das vorwurfsvolle Mündchen. »Ich soll doch nicht etwa glauben, Liebchen, daß dieses ›Schustern‹ deiner Huld alleine gilt?« neckte er. »Ich bin Menschenkenner und weiß, was ein gemütlich rauchender Schornstein für einen einsamen Junggesellen bedeuten will! Nehme es ihm auch gar nicht übel, sondern würde es selber so machen. An hellem Feuer können sich gar viele wärmen! Und nun gib mir deinen Arm und laß dich zum erstenmal an unseren eigenen Tisch führen! – Daheim! – Zum erstenmal im eigenen Nest! Weißt du, was mir dabei einfällt? Das Liebchen, das die Österreicherin in Luzern sang:

Wer a Nestle will baun –
Soll aufs Ästle wohl schaun,
Daß ka Fuchs es beschleicht
Und ka Marder besteigt! –

Nun, ich denke; unser Nestchen ist sicher gebaut. Komm, stoßen wir darauf an, daß weder Fuchs noch Marder jemals den Weg zu ihm finden!«

Die Gläser klangen zusammen; die Lippen fanden sich. Draußen sauste der Sturm, und eine schwarze Gestalt glitt schattenhaft auf der Straße dahin, den Säbel hochgefaßt, daß er keinen Laut gab, die Augen mit starrem Blick nach den hellen Fenstern gerichtet, hinter dem Glück und Liebe Einkehr gehalten.

Daß ka Fuchs es beschleicht
Und ka Marder besteigt! –

 

Hanne war beleidigt.

Sie saß in der Küche, hatte die große Hornbrille auf die Nase gesetzt und strickte, daß die Nadeln flogen. Dreißig Jahre lang war sie bei der alten Frau von Born in Diensten gewesen, und die Gnädige hatte sie niemals als »abergläubisch« und »töricht« verspottet, wenn sie sagte: »Dies und jenes darf man nicht tun, gnädige Frau, das bringt Unglück ins Haus!«

Die Gnädige respektierte eine treue, alte Magd und nahm guten Rat an – aber hier, das Küken wollte klüger sein als die Henne, stellte sich hin und lachte einer weißhaarigen Frau ins Gesicht. Das konnte ja schön werden!

Als Frau von Born die Hanne zu ihrem Sohne schickte, sagte sie: »Hanne, unser Kleiner ist nun groß und flügge geworden, er braucht eine treue Seele, die ihm den Haushalt führt – wer könnte das besser als du, Hanne! Gehe hin und sorge für ihn wie eine Mutter!« Und Hanne hatte es getan.

Als sich Herr Siegfried verlobte und heiratete, wollte Hanne zu ihrer Dame zurück. Aber der Landrat sagte: »Liebe, gute Hanne, bleiben Sie bei uns! Mein Frauchen ist so jung und versteht noch gar nichts – Sie müssen sie erst lehren, wie ein Haushalt geführt wird, Sie müssen die Wirtschaft noch eine Zeitlang weiter regieren wie bisher!«

Und Frau von Welfen hatte es auch gesagt und Hanne freundlich die Hand gereicht: »Ich bin ja so glücklich, daß ich mein Kind in so treuen Händen weiß!«

Da hatte sie nachgegeben, obwohl das gnädige Fräulein Braut ihr nie so recht nach dem Herzen gewesen war. Sie trug das Näschen so hoch und war mit nichts recht zufrieden und so fein und zimperlich ... wie der junge Herr nur solch einen Geschmack haben konnte! Um ein hübsches Lärvchen allein freit man doch nicht ein so grünes, unreifes Ding!

Von nichts verstand und wußte sie etwas, und eigensinnig und rechthaberisch war sie auch, das erzählten die Jeseritzer Dienstboten. Ob sie den jungen Herrn wirklich lieb hatte? Je nun, es war noch kein Ernst dahinter.

Wie schön und nett hatte Hanne alles hergerichtet und ausgeputzt – und zum Dank stellte sich der kleine Gelbschnabel hin und verhöhnte sie!

Nur zu! Nur zu! Wer nicht hören will, muß fühlen. Der Verkehr mit der jungen Frau in den nächsten Tagen war auch nicht dazu angetan, Hanne zu versöhnen.

Welch ein Kommandieren und Jagen und Abhetzen! Wenn eine Stecknadel hinunterfiel, klingelte die Gnädige und ließ sie sich aufheben. Aber Hanne wäre viel lieber selber gesprungen und hätte sich selber noch abgerackert, als daß sie dies neue Volk in der Küche geduldet hätte!

Davon hatte man ihr vorher keine Silbe gesagt, daß noch eine Jungfer und ein Stubenmädel kommen sollten!

Daß Gott erbarm! Sie waren beide Großstädterinnen, durchtriebene, abgefeimte Frauenzimmer, die Hanne mit äußerstem Mißtrauen beobachtete! Steckten die Köpfe zusammen, tuschelten, kicherten und machten sich über die Alte lustig!

Die Jungfer war sofort erklärter Liebling bei der gnädigen Frau. Sie schmeichelte ihr, scharwenzelte um sie herum, hatte den Kopf voll kecker Streiche und leichtfertige Ansichten, lachte aus dem Fenster mit den Husaren, huschte abends aus dem Hause ... oh, es war himmelschreiend. Hanne konnte so etwas nicht mit ansehen, sie ging resolut zur Frau Landrätin und verklagte das nichtsnutzige Frauenzimmer.

Da kam sie schön an. Salome verbat sich die Klatschereien und Verleumdungen, Betty sei ein äußerst gewandtes und brauchbares Mädchen, sie frisiere ausgezeichnet, schneidere sehr gut und sei lebenslustig und vergnügt! Die Jugend wolle auch ihr Recht haben, es könnten nicht lauter querköpfige alte Griesgrame im Hause herumlaufen.

Das ging auf Hanne selbst! Auch das noch.

Die alte Frau konnte gar nicht antworten in ihrer gekränkten Würde, sie fing an zu weinen. Da kam der Herr in das Zimmer. Er schien zum erstenmal nicht zufrieden zu sein mit seiner kleinen Frau, wiewohl er sich nichts merken ließ und sich alle Mühe gab, die Sache scherzhaft hinzustellen und Hanne zu versöhnen. Ja, er kam sogar hinter ihr her und redete ihr so recht herzlich zu, Geduld mit seinem kleinen, verwöhnten Prinzeßchen zu haben –- sie sei ja noch das reine Kind, und Hanne eine so ehrwürdige, verständige alte Frau – zum Schluß zog er das Portemonnaie.

»Ihre Sonntagshaube braucht ein paar neue violette Seidenbänder, Mutter Hannchen! Ich sehe sie so gern darin!«

Na, da gab sie noch einmal nach. Aber Bettys spöttisches Gesicht und ihr schnippisches Wesen ärgerte sie halb krank – das ertrug sie nicht auf die Dauer, und bei der nächsten Veranlassung kündigte sie und ging heim – das stand bombenfest.

Auch Gottfried war zu alt, um sich in diese neue heillose Wirtschaft zu finden. Wohin waren die friedlichen, gemütlichen Zeiten dieses Hauses! Welch eine Unruhe! Welch ein Treppauf, Treppab! – Immer Gäste, immer Besuch!

Die jungen Herren schienen zu glauben, das Landratsamt sei ein Wirtshaus! Bis spät in die Nacht hinein wurde musiziert, gelacht und geschwätzt, und Gottlieb mußte schlaftrunken in der Küche sitzen und der fidelen Gesellschaft heimleuchten!

Hanne schüttelte ingrimmig den Kopf. »Welche Zeiten, welche Sitten! Das will ein junges Liebespaar sein! Das sollen die Honigmonate traulichen Glückes sein! – Ein schönes Glück! Die junge Gnädige putzt sich und kokettiert mit den Verehrern und der Herr Landrat lacht dazu und ladet die Herren selber noch ein!!«

Ein paarmal hat es allerdings schon Zwistigkeiten gegeben. Die »liebe, treue« Betty hatte gehorcht und berichtete es im Triumph in der Küche.

Dem Landrat merkte man nichts an, er ging pfeifend aus dem Hause und fuhr davon, aber die gnädige Frau hatte verweinte Augen, war schrecklicher Laune und lag mit heftigen Kopfschmerzen auf der Chaiselongue.

Nachmittags kam der Herr Major aus Jeseritz, der fast täglich hier vorfuhr. Da schien sie sich bitterlich zu beklagen, denn man hörte den alten Herrn heftig reden und ihr beistimmen. Man merkte es auch tags darauf an seinem Verkehr mit dem Schwiegersohn, daß etwas vorgefallen sei.

Hanne nickte resigniert mit dem weißhaarigen Kopf – es mußte ja so kommen.

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