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Jung gefreit. Band I

Nataly von Eschstruth: Jung gefreit. Band I - Kapitel 12
Quellenangabe
typefiction
authorNataly von Eschstruth
titleJung gefreit. Band I
publisherVerlag von Ewald & Co. Nachf.
addressLeipzig
yearo.j.
illustratorWilh. Claudius
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100807
projectida68e61b5
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XIII.

Als man zur Beschaffung der Ausstattung schritt, kam es zu lebhaften Erörterungen. Frau von Welfens echt deutsch gesinntes Herz empörte sich gegen Salomes Verlangen, die meisten Bestellungen in Paris oder in der Schweiz zu machen. Ihre Vorstellungen, wie unpatriotisch und gewissenlos das gegen unsere deutsche Industrie gehandelt sei, und daß es die Pflicht der deutschen Frauen sei, Handel und Gewerbe des Vaterlandes zu unterstützen, blieben ohne jeden Erfolg. Da legte Frau Dora der Tochter eines Tages Proben von Möbelplüschen und Seidenstoffen vor. »Hier dieses ist französisches und schweizerisches – und jenes deutsches Fabrikat, nun wähle.« Salome musterte mit brennendem Interesse, und der Pariser Plüsch und die Schweizer Seide begeisterten sie geradezu.

»Tausendmal schöner, schwerer und gediegener als die deutschen Proben, und dabei halb so teuer!«

Frau von Welfen lächelte. »Also du hast deine Wahl getroffen und dein Urteil gefallt – von diesen Stoffen soll ich bestellen? Gut; ich muß dir aber zuvor einen kleinen Irrtum aufklären. Aus Versehen habe ich die Proben verwechselt, der herrliche und billige Möbelstoff und Seidenplüsch, den du wähltest, stammt aus der deutschen Fabrik von Weegmann in Bielefeld, und die Seidenstoffproben lieferte Elten und Keußen in Krefeld. – Jene andere, teure Ware, die du so scharf verurteiltest, ist ausländisches Fabrikat.« – Salome errötete, und widersprach nicht mehr, wenn die Mutter bei deutschen Firmen kaufte. – Nun hatte die Vermählung stattgefunden und die ganze Umgegend sprach noch lange von dem herrlichen Fest, das so viele Genüsse jeder Art geboten.

Die junge Braut hatte entzückend ausgesehen, und ihr Vater war ihr größter und verblendetster Courmacher gewesen, der dem jungen Ehemann bei dem Diner lachend die alte Fehde wieder ankündigte, aus Eifersucht, aus Zorn und Groll, weil er wie ein Dieb in Jeseritz eingebrochen sei, die schönste aller Perlen zu stehlen! Ja, Salome war der Stolz und Liebling des Vaters seit jeher gewesen. Die meisten der Hochzeitsgäste begriffen diese Vorliebe freilich nicht recht, denn wenn Rose auch nicht so elegant, schick und elfenhaft graziös wie die Schwester war, so entzückte sie gar manches Auge noch mehr durch ihre frische, natürliche Anmut und kindliche Schlichtheit.

Sie wurde anläßlich der Hochzeit zum erstenmal als erwachsenes Mädchen der Welt zugeführt und schien die meisten Herzen im Sturm zu erobern, wenngleich sie nicht die mindesten Anstrengungen machte, den Herren zu gefallen. Sie schien die Hochzeit, nächst der Mutter, am ernstesten und feierlichsten zu nehmen.

Salome hatte ein sehr überraschtes Gesicht gemacht, als die Kleine am Polterabend den Myrtenkranz überreichte und dabei mit tiefer Empfindung ein paar wehmütig ernsthafte Verse sprach.

Als sie später die Schwester bei dem Gutenachtsagen umarmte und küßte, machte sie ein so besorgtes Gesichtchen, daß Salome hell auflachte.

»Kind, du hast zu viel getanzt und bekommst jetzt schon Katzenjammer!«

Rose schüttelte den Kopf mit den nußbraunen Stirnlöckchen. »Besser, daß ich ihn jetzt habe, als daß du ihn später bekommst!«

»Ich?«

Die Kleine schwang sich in ihrer alten, ausgelassenen Weise, die wunderlich mit ihrer ernsten Miene kontrastierte, auf den Tisch und baumelte mit den Füßchen. »Es ist mir unbegreiflich, Salome, wie du heiraten kannst! Einen wildfremden Mann – den du vorläufig noch nicht einmal richtig lieb hast –«

»Rose!!«

»Ja, und wenn du mich noch so empört ansiehst! Ich bin noch ein dummes Ding, aber das Verloben habe ich mir ganz anders gedacht, als wie es bei dir der Fall war, das muß ich dir heute noch ehrlich sagen, Prinzeßchen! Ich glaubte, das sei viel glückseliger, feierlicher, andächtiger; dein und Siegfrieds Wesen hat mir ganz und gar nicht imponiert!«

»Inwiefern das, wenn man fragen darf, kleine Jungfer Weisheit?«

»Je nun« – Rose begann gelassen die Rosenknospenranken von dem Ausschnitt ihres weißen Tüllkleides zu lösen. »Siegfried tat ja immer sehr zärtlich und verliebt, aber es war ihm andererseits wieder ganz gleichgültig, ob du mit anderen Herren sprachst oder nicht –«

Salome lachte etwas gezwungen. »Närrchen! Er ist gottlob nicht eifersüchtig; derartige unmoderne Empfindungen passen nicht in die heutige Zeit.«

»Wohl möglich, aber es gefällt mir nicht. Und du? Du kokettiertest mit anderen Herren –«

»Was der Tausend! Mit wem denn, wenn ich fragen darf?«

»Mit Elten! Ich bin ja noch sehr dumm – aber das habe ich doch gemerkt, und wenn Siegfried nicht so gleichgültig wäre, hätte er es auch merken können!«

Nun lachte Salome hell auf, aber nur einen Augenblick, dann trat sie vor die Schwester hin und blickte ihr voll mitleidigen Spottes in das ehrliche Gesichtchen.

»Bist du eifersüchtig, Kleinchen?!«

»Nein – niemals, und auf Elten zuletzt, das schwöre ich dir. Ich mag ihn nicht leiden. Ehe du kamst, war in Feldheim eine Menagerie, da sah ich einen Schakal, dessen greuliche Augen verfolgten mich bis in den Traum. Solche Augen hat Elten. Und namentlich dich sieht er mit diesem Ausdruck in den Augen an, von denen der Schakalwärter mir sagte: ›Er tut so freundlich, aber er führt doch etwas im Schilde, gehen Sie nicht zu nahe heran!‹«

»Einfältiges Geschwätz! – Elten ist nächst Siegfried der netteste Herr hier in der ganzen Gegend, und ich glaube, wenn er um ein gewisses Fräulein Rose anhält, bekommt er trotz seiner Schakalaugen keinen Korb!«

»Er bekommt ihn ebenso wie jeder andere. Ich heirate nicht, oder besser gesagt, ich warte es vorläufig ab, wie dir das Eheleben behagen wird. – Vielleicht macht es mir trotz deiner seltsamen Verlobung Mut – vielleicht verstärkt es meinen Widerwillen gegen das Heiraten. Vorläufig tust du mir furchtbar leid, Prinzeßchen, und wenn die Menschen dein Glück auch noch so geräuschvoll feiern, mir deucht es, es muß alles noch ganz anders werden, ehe es wirklich ein Glück ist!«

»Gehe zu Bett, kleiner Unglücksrabe, du hast eine seltsame Art und Weise, mir den Abschied zu erleichtern!«

Rose warf sich ungestüm an die Brust der Schwester. »Verzeih mir, Salome – ich einfältiges Ding glaubte, ich müßte mir alles noch einmal vom Herzen herunterreden! Sei nicht böse – ich hab's gut gemeint!«

 

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