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Jung gefreit. Band I

Nataly von Eschstruth: Jung gefreit. Band I - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
authorNataly von Eschstruth
titleJung gefreit. Band I
publisherVerlag von Ewald & Co. Nachf.
addressLeipzig
yearo.j.
illustratorWilh. Claudius
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100807
projectida68e61b5
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XI.

Der Major entschied, daß heute mittag das Brautpaar dem engsten Familienkreise vorgestellt werden solle. »Aber das bitte ich mir aus!« fügte er mit verschmitztem Augenzwinkern hinzu, »während Roses Anwesenheit wird weder geküßt, noch sonst zärtlich albern getan, verstanden? Wie ernste, sittsame Leute eßt ihr euere Teller leer und empfehlt euch alsdann zu Gnaden. Rose braucht jetzt keine lyrischen Vorstellungen zu genießen, sie wird davon schon genug zu sehen bekommen!«

»Gut, dann gehen wir jetzt oben in den blauen Salon und setzen die Verlobungsanzeige auf!« jubelte Salome am Arm ihres Verlobten, »und dann gehen wir in den Park und holen ein paar Erstlingsblättchen von den Vergißmeinnicht!«

»Bravo! Die kleinen Propheten dürfen nicht auf dem Verlobungstisch fehlen!« – Siegfried schloß die Geliebte zärtlich an sich: »Die ersten Blättchen zu dem Verlobungsfest und die blühenden Blumen auf die Hochzeitstafel!«

»Oho! Macht nicht die Rechnung ohne den Wirt!«

»Aber Väterchen, willst du sie für Rose aufheben?«

»Papperlapapp! – Und nun kommt, ihr Schlingel, nun gehen wir in den blauen Salon!«

Salome und Siegfried sahen ganz überrascht, um nicht zu sagen betroffen, aus.

»Du gehst mit uns, Papa?« fragte das Bräutchen gedehnt.

»Na gewiß! Soll ich etwa allein hier unten sitzen? Wenn man ein Brautpaar im Hause hat, will man doch auch etwas davon merken!« schmunzelte der Major harmlos.

»Aber Ernst – laß sie doch einen Augenblick allein!«

»Allein! Wozu allein?! Torheit, sie sind ja verlobt und brauchen sich vor mir nicht zu genieren! Ich werde ja nicht konfirmiert – und meiner Naivität tut es auch keinen Abbruch mehr, wenn zwei sich küssen!«

»Aber Papachen–!!«

»Denke einmal zurück, lieber Ernst, wäre es dir sehr angenehm gewesen, meinen Vater als ständigen Begleiter an unserem Verlobungstage um dich gehabt zu haben?«

»War etwas ganz anderes, Dorchen, wir hatten uns soviel zu sagen –«

»Und wir haben uns nichts zu sagen?!«

»Ihr? Na, was sollt ihr euch denn mitteilen, ihr kennt euch ja noch gar nicht!«

»Um so mehr gibt's zu reden!«

»Na, wenn ihr nicht einmal küssen, sondern nur reden wollt, kann ich ja erst recht dabei sein. Siegfried ist's gewohnt, vor Versammlungen zu sprechen, bei einem einzigen Mädel Publikum gibt er sich gar keine Mühe! Marsch vorwärts, gehen wir!«

»Halte doch dein Mittagsschläfchen einmal vor dem Essen, Papachen!«

»Kann ich nicht.«

»Dann begleite mich, bitte, in den Garten, Ernst, und bilde dir ein, wir beide wären auch verlobt!«

»Mein Alterchen, mein gutes Dorchen – gib mir 'nen Schmatz! Komm doch auch mit den Kindern mit! Sieh mal, wir haben die Salome nicht mehr lange bei uns, da wollen wir sie doch noch recht genießen –«

Die Tür wurde mit hartem Schlag auf die Klinke geöffnet. – Alle wandten erstaunt die Köpfe.

»Ah – Tante Sidonie!« – sagte Salome, aber es klang wie ein Aufseufzen.

Die Genannte stand auf der Schwelle, ein verschnürtes und versiegeltes kleines Paket in der Hand. – Siegfried hatte sie noch nie gesehen, und trat überrascht einen Schritt vor der außergewöhnlichen Gestalt zurück, die zwar »Tante« genannt wurde, von ihm aber entschieden mit »mein Herr« angeredet worden wäre. Tante Sidonie sah eigenartig wie immer aus. Über dem bekannt sehr kurzen Kleiderrock hing ein weiter Herrnschlafrock aus grauem Tuch mit roten Aufschlägen und Troddeln nieder. Da seine Ärmel zu lang waren, hatte die Besitzerin sie ungeniert umgekrempelt.

Ein vor langer Zeit weiß gewesenes Foulard war um den langen Hals geschlungen, und ein mächtiges Taschentuch mit bunter Kante hing lang aus einer der sehr vollgestopften Schlafrocktaschen hernieder.

Das kurzgeschnittene graue Haar stand, genial zerwühlt, zu Berge; ein Federhalter stak hinter dem Ohr, und ein Duft zweifelhaftesten Tabaks umwehte die eigenartige Erscheinung.

Das Gesicht deuchte dem Landrat vollends wunderlich. Hager, knochig, gelb, sehr große Nase und breiter Mund mit nach innen gekniffenen bläulichen Lippen, schien sein fürnehmlichstes Signalement. Am unsympathischsten deuchten ihm jedoch die Augen. Sie waren von sehr hellem, wässerigem Blau, rund und weit offen, mit dem starren Ausdruck der Glasaugen in einem Porzellanpuppenkopf. Es schien als ob weder Wimpern und Lider dazu gehörten.

Tante Sidonie starrte den ihr unbekannten Herrn ungeniert an. Dann fragte sie kurz: »Wer ist das?«

Der Major trat sehr höflich näher: »Gestatte, meine liebe Sidonie, daß ich dir ein frisch gebackenes Brautpaar vorstelle! – Mein Schwiegersohn, Landrat von Born. Wir wollten soeben zu dir hinaufgehen und die jungen Leutchen präsentieren, da du doch gewiß Anteil an ihrem Glück nimmst.«

Die kalten Augen der Tante stierten den sich verneigenden Bräutigam an, während ihre knöcherne Hand sehr bestimmt die Nichte abwehrte, die Miene machte, ihr um den Hals zu fallen.

»Nein – das ist mir sehr gleichgültig,« antwortete sie schroff, »ich halte alles Verloben und Verheiraten für grenzenlosen Unsinn. – Was kommt dabei heraus? Wir Frauen opfern unser Geld, Freiheit, Gesundheit, eigenen Willen und tauschen nichts dafür ein, als einen hohlen Titel. Glück? Lächerlich! – Redensart. – Wahres Glück blüht dem Weibe nur in der Selbständigkeit und absoluten Gleichberechtigung mit einem Wesen, das sich zum Herrscher aufgeworfen hat, ohne im mindesten dazu berechtigt zu sein. Diese Zeit endet mit dem neunzehnten Jahrhundert.«

Der Major sah gar nicht beleidigt aus. »Ich weiß, daß du sehr schroff über diesen Punkt denkst, Sidonie, unbegreiflicherweise, da du doch selber so glücklich verheiratet warst.«

»Sehr glücklich?« – Die Tante rümpfte höhnisch die Nase: »Nein, das war ich nicht. Denkst du, ich geniere mich vor deinem Schwiegersohn, das zu sagen. Solange wie ich verheiratet war, habe ich mich mit meinem Mann gezankt, denn ich duldete keine Knechtschaft. Jetzt bin ich frei und mein eigener Herr, jetzt ist es mir sehr wohl. In der Stille von Jeseritz kann ich arbeiten – darum bleibe ich noch lange hier.«

»Gnädige Frau sind Schriftstellerin?« fragte Born. Er mußte etwas sagen, um das verräterische Zucken seiner Lippen zu verbergen.

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Ein fast feindseliger Blick traf ihn. »Nein, so etwas Einfältiges bin ich nicht! Was nennt sich heutzutage nicht alles Schriftstellerin! –- Frauenzimmer, die knapp orthographisch schreiben können. Wer sonst nichts zu essen hat, knabbert am Federhalter. Da entstehen dann die lyrischen Gedichte, die Büchlein für höhere Töchter, die Märchenhorte und Kochbücher. Und alles dies nennt sich Schriftstellerin. – Lächerlich! Ich habe weder Zeit noch Interesse, noch Liebe für die unbefiederten Gänse, die solche Geistesnahrung verschlingen. Ich strebe höher.«

»Tante Sidonie schreibt ein naturwissenschaftliches Werk, lieber Siegfried.«

»Kultur-sozial-naturwissenschaftlich!« verbesserte der weibliche Professor streng, »ich werde es möglich machen, diese drei Begriffe zu verschmelzen.«

»Außerordentlich interessant!« verneigte sich Born.

»Nicht für Sie! Was versteht ein Landrat von dieser Wissenschaft?! Ich halte sehr wenig von der Stellung eines Landrates; sie ist absolut überflüssig und kostet dem Staat nur unnützes Geld. In den Städten können die Bürgermeister dieses Geschäft mit versehen und auf dem Lande ist jeder Gutsbesitzer der natürlichste und beste Landrat für sich und die ihm zugehörige Ortschaft.«

Sie setzte sich einen Kneifer auf und funkelte den neuen Neffen kampfesmutig an. Dieser aber war friedlich gesonnen.

»Wohl möglich, gnädigste Frau, daß Anno 1900 der letzte Landrat in Spiritus ins Museum gestellt wird!« sagte er ernsthaft.

Der Major hustete und Frau Nora wühlte eifrig in den Zeitungen auf dem Tisch. Tante Sidonie aber musterte den Sprecher mit scharfem Blick. Wagte er etwa sie zu verspotten?

Brüsk wandte sie ihm den Rücken und musterte Salome: »Ei, ei, wie affig hast du dich einmal wieder herausgeputzt! Du weißt doch, daß Einfachheit die schönste Tugend der Frau ist.«

»Die Einfachheit und Schlichtheit des Gemütes, gnädigste Frau,« lächelte der Landrat sehr verbindlich. »Ich freue mich so sehr des guten Geschmacks meiner Braut, und hoffe, daß sie niemals ihren äußeren Menschen vernachlässigt. Der Körper ist die Hülle der Seele; verkommt der erstere –« der Blick des Sprechers streifte unwillkürlich den durchgestoßenen Ellenbogen ihres Schlafrocks und die verschiedenen Tintenklexe seiner Vorderbahnen, »so leidet auch die andere Schaden, und meiner Ansicht nach gibt es keinen besseren Spiegel für den Geist eines Menschen, als die Gewänder, in welche er sich hüllt!«

Der Major stiefelte mit Riesenschritten nach der Verandatür, er sah dunkelrot bis unter die Haare aus und das krampfhafte Zittern seines Schnurrbartes verkündete ein innerliches Gelächter, das heldenmütig unterdrückt war. Er ärgerte sich oft schlagrührend über die Tante, wagte aber nicht Front gegen sie zu machen, um sich nicht als Graphologe zu blamieren. Nun freute es ihn doppelt, daß sie einmal die Meinung gesagt bekam. Frau Dora warf etliche Zeitungen unter den Tisch und bückte sich hastig, sie aufzunehmen, nur Salome reckte das Näschen triumphierend in die Luft und lachte ungeniert auf.

Tante Sidonie war einen Augenblick sprachlos. Dann spielte ihr gelber Teint in das Grünliche. »So, mein neuernannter Herr Neffe?« antwortete sie scharf, »Sie unterstützen also noch die sündhafte Putzsucht Ihrer Zukünftigen? Nun, jeder nach seinem Geschmack und seinem Geldbeutel! Ich hoffe, Sie rechnen nicht zu sicher mit dem Vermögen einer Erbtante?« Ihre Stimme wurde sehr schrill und laut. »Ich für meine Person gehöre nicht zu dieser hirnverbrannten Spezies, die es für ihre Pflicht hält, aus lauter Familiensinn einzig nur die teuern Verwandten zu Erben einzusetzen! Ich behalte mir vollkommen freie Hand vor, und vermache mein Geld solchen Leuten, die sich um meine Gunst bemühen, gleichviel wer es ist – selbst eine Schneiderin, eine Kammerjungfer hat Chance, meine Universalerbin zu werden! Verstanden Herr Landrat?«

Born stand ihr hochaufgerichtet gegenüber. Sein ganzer Übermut blitzte aus seinen Augen; er sah aus, als ob er sich königlich amüsiere.

»Sie tun sehr recht daran, gnädigste Frau!« stimmte er höflich zu; »ich würde sicherlich ebenso handeln, wenn ich mich in Ihrer Lage befände. Ich selber besitze leider keine einzige Erbtante mehr, auf deren Ableben ich mich freuen könnte; sie taten mir schon alle den Gefallen recht jung zu sterben und mich zum Erben einzusetzen!«

»Herr Landrat – Sie werden beleidigend!!«

»Aber teuerste gnädige Frau, meine Tanten hören es ja nicht mehr!« lächelte Siegfried herzgewinnend. Von der Balkontür herüber erscholl ein undefinierbares Grunzen, der Major trommelte einen Sturmgalopp mit seinen langen Fingernägeln gegen die Scheiben.

Ein Blick maßlosen Hasses sprühte aus den Augen der Frau Professor. Sie schnellte den Kopf zurück, daß der Federhalter hinter ihrem Ohr hervorschoß und sich in die Diele spießte.

»Sie scheinen ja Ihre Ansichten recht offen und ehrlich auszusprechen – doppelt schade, daß die Tanten es nicht mehr hören können.«

»Ich bin immer sehr offen – ebenso offen und rückhaltlos wie Sie, gnädigste Frau, und ich hoffte, Ihnen dadurch doppelt sympathisch zu sein!«

»Höchst sympathisch! Daß Gott sich erbarme!« lachte Sidonie mit beißendem Hohn und wandte ihm brüsk den Rücken; sie liebte es nicht, mit Leuten zu diskutieren, die ihr gewachsen waren.

»Vetter Ernst!«

Der Major wandte sich in das Zimmer zurück, er sah so harmlos aus, als habe er von dem ganzen Gespräch keinen Laut vernommen. »Weiß das Donnerwetter, schneidet der Bachmann die ganze Rosenranken herunter!« schimpfte er, noch einen letzten Blick durch die Tür werfend. Tante Sidonie richtete sich hoch und kalt empor: »Ich habe über die mir höchst widerwärtige Verlobung vollkommen den Grund meines Kommens vergessen! Du weißt, daß ich alle Familienfeste, wo es rührselig hergeht, hasse. Ich werde zu der Konfirmation noch zu dem Verlobungsfest erscheinen. Aber ich möchte meine jüngste Nichte nicht ohne ein Zeichen meiner Anteilnahme lassen. Den Kindern bei solch ernster Weihe Schmuck zu schenken, halte ich für Unsinn, sie werden höchstens Zierpuppen« – ihr Blick flog scharf zu Salome hinüber – »die mit all ihrem Staat nicht auf den schmalen Pfad des Glaubens passen, sondern die Heerstraße der Sünder wandeln. Darum schenke ich ein christliches Erbauungsbuch.«

»Gott bewahre! Darum nicht, nur aus Geiz!« raunte Salome in das Ohr des Bräutigams.

»Und so bringe ich für Rose hier ein Büchlein, das das Herz läutert und den Geist erhebt. Ich selber kenne es noch nicht, da meine Studien mir jede Lektüre verbieten, aber der Titel sagte mir zu – ich wählte nach ihm das Buch und ließ es besonders für Rose binden. Man sagte mir eben, daß die Kleine nicht zu Hause sei. So bitte ich dich, lieber Ernst, gib dem Kinde heute schon das Buch und sorge, daß sie es zur Erbauung und Vorbereitung für den morgenden Tag liest. – Hier ist es.«

Mit hoheitsvoller Geste reichte sie dem Major das versiegelte Paket; dieser murmelte tief ergriffen Worte des Dankes, und auch Frau Dora reichte der Spenderin dankend die Hände entgegen.

Tante Sidonie aber liebte keine Rührszenen. »Schon gut!« schnitt sie kurz ab: »Ich habe das Opfer gern gebracht – ich mag Rose am liebsten von euch allen!« Damit schwenkte sie stolz um und wuchtete auf den Stiefelsohlen des seligen Gatten zur Tür hinaus – nicht ohne das Brautpaar zuvor mit einem giftigen Blick zu streifen.

»Gott sei Dank! Dieses greuliche Frauenzimmer!« rief Salome noch ganz blaß vor Ärger: »Laß doch sehen, Papa, was für ein Gebetbuch sie geleistet hat!«

Der Major trat an den Tisch und schnitt den Bindfaden entzwei. Das tat er nur in großer Erregung und Neugierde, für gewöhnlich wurde jeder Faden sorgsam entknotet und aufbewahrt.

»Um Himmels willen, wer war diese bezaubernde Dame?« lachte Born hell auf: »Ich bin in meinem Leben noch nie so viel göttlicher Grobheit begegnet, wie in diesen letzten zehn Minuten, angesichts der Frau Tante!!«

Salome machte ein bitterböses Gesichtchen nach der Tür: »Ich begreife euch nicht, Vater und Mutter, daß ihr diese verkörperte Unverschämtheit auch nur noch einen Tag um euch duldet!«

Welfen räusperte sich: »Sie ist nicht so schlimm, wie sie scheint, Kinder. Ihr Charakter ist vortrefflich, und ihr Wissen außergewöhnlich und bedeutend. Ich überzeugte mich davon!«

»Was nützen mir die besten Eigenschaften, wenn man nie etwas von ihnen merkt!« seufzte Frau Dora, »die Tante hat sich schon im ganzen Hause verhaßt gemacht, ebenso in der Umgegend. Bei ihrem taktlosen Wesen und ihrer Vorliebe, allen Menschen nur die unliebsamsten Grobheiten zu sagen –«

»Wahrheitsliebe!!«

»Danke schön für solche Wahrheitsliebe! Sie hat mir durch die unerquickliche Szene soeben die ganze Freude dieses Tages verdorben! Ich danke Gott, daß endlich ein Mensch in Siegfried gefunden ist, der diesem Störenfried den längeren Aufenthalt in unserem Hause verleiden wird!«

»Da kennst du die geizige, berechnende Person sehr schlecht!« schüttelte das Bräutchen ingrimmig den Kopf.

»Siegfried und Salome enterbt sie fraglos!« murrte der Major: »Wenn sie wenigstens Rose bedenken wollte –«

»Lieber Ernst – jeden Pfennig, den Rose von ihr erbt, will ich in Gold einwechseln!!«

»Ah – das Buch! – Potz Wetter, ein wahrhaft anständiger Einband, welches Wunder!!«

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Welfen ließ die letzten Seidenpapiere herniederfallen. Ein blausamtenes Buch, das in seiner Mitte ein großes goldenes Kreuz zeigte, tauchte auf.

Aller Blicke hafteten daran. – Dann klappte es der Major mit andächtigem Gesicht auf und schaute hinein.

Verdutzt neigte er sich näher: »Nanu? Was ist denn das?«

Born trat hinter ihn, und Salome neigte sich neugierig über seine Schulter.

»Bilder? Ein illustriertes Gebetbuch? Wie seltsam!« Der Landrat bekam plötzlich einen dunkelroten Kopf und auch der Major sah höchst betroffen aus.

»Himmelschockbombenelement ... das scheint ja ein recht erbauliches Werk – –«

»Lies doch einmal den Titel, Ernst!«

Welfen blätterte mit unruhigen Fingern, sein Schwiegersohn aber sah schon jetzt aus wie ein Mensch, der vor innerlichem Lachen sterben will. »Die fromme Helene von Wilhelm Busch –« stotterte der Major, und dann dröhnte ein doppelstimmiges Gelächter durch das Zimmer, so Mark und Bein erschütternd, wie es die Damen noch nie gehört. ›Die fromme Helene!‹ –- »Die fromme Helene!« schrie Born, ganz außer sich vor Vergnügen, und die beiden Herren sanken sich in die Arme und schluchzten vor Lachen.

Frau Dora griff entsetzt nach dem Buch: »Welch eine empörende Frivolität ... solch ein Buch einem Backfischchen zur Konfirmation?«

»Nette Erhebung der Seele! Angenehme christliche Vorbereitung. Die fromme Helene in blauem Samteinband mit dem goldnen Kreuz darauf!!!«

»Zeige doch mal her, Papa –«

»Nein, mein Schatz, dieses Buch ist keine Lektüre für junge Mädchen!« – Der Major warf sich behaglich in einen Sessel, wischte sich die Tränen, die er gelacht, aus den Augen, und nahm das eigenartige Konfirmationsgeschenk in die Hand. »Mutterchen, erlaubst du, daß ich lese?« scherzte er: »Einem so alten Knaben wie mir schadet wohl die fromme Helene in blauem Samt nichts mehr??«

Siegfried gab seinem Bräutchen hastig einen Wink. »Die Anzeigen!!« flüsterte er, und Salome nickte mit strahlendem Gesichtchen.

Arm in Arm huschten sie durch die Tür und eilten in den blauen Salon.

»Gott sei Dank, ein Gutes hat uns Tante Sidonie sehr gegen ihren Willen nun doch erwiesen,« scherzte Born: »Sie hat Vater für ein Weilchen auf den Sessel drunten gefesselt!«

Er umschlang und küßte die Errötende mit stürmischer Innigkeit, jetzt erst das süße Glück der Verlobung kostend.

Durch die offenen Fenster strömte die balsamisch warme Frühlingsluft; die ersten blühenden Kirschbaumzweige nickten aus dem Park herüber wie bräutliche Grüße, und die Vöglein sangen ein ganz neues Lied, das der Königin Minne gar selige Kunde brachte.

Frau von Welfen lauschte ihm voll sinnenden Ernstes. Ihr deuchte all das liebetrunkene Blühen und Jauchzen zu früh.

Gar mancher Lenz, der ungeduldig und keck der Zeit zuvorgekommen, hat seine holdesten Triebe und Blüten unter dem Rauhreif welken sehen, und hat unter Weh und Leid erst dem Winter abringen müssen, was er eine kurze Weile später freiwillig gegeben hätte! – Und just so ergeht es dem Liebesfrühling. Auch er verlangt, daß die Herzen, in die er einziehen soll, durch Lenzesstürme der Erfahrung und Prüfung vorbereitet sind. Schnee und Eis müssen zuvor schmelzen; alle Selbstsucht, Eitelkeit, Stolz, Launen und kindische Torheit müssen erst vor der Gnadensonne der großen, echten und wahren Liebe dahintauen wie die Schneeflocken vor dem warmen Strahl des Frühlings.

In Salomes Herzen aber schien diese rechte Sonne noch nicht, sie mußte sich erst noch durch manch dunkle Wolke hindurcharbeiten, und darum war der Liebeslenz zu früh gekommen. – Je nun, sie vermochte es nicht mehr zu ändern. Es sind gar viele, verschiedene Wege, darauf die Menschen zum Glück wandeln, lange und kurze, dornige und blumige – wenn sie nur auf dem Wege bleiben und nicht abirren, erreichen sie, wenn auch müde und matt, doch endlich das Ziel.

Dazu helfe Gott.

 

Nie hatte eine Verlobung eine derart explosionsartige Überraschung hervorgerufen, als diejenige des Fräulein Salome von Welfen mit dem Landrat von Born.

Herr von Elten stand wie Hamlets Geist und starrte auf das Brautpaar, das sich mit dem harmlosesten Lächeln am Sonntag nach Roses Konfirmation den ahnungslosen Gästen präsentierte. Da standen sie so strahlend und traulich Arm in Arm, als sei es ganz selbstverständlich, daß sie sich prima vista für das Leben gefunden, und Herr von Elten hatte den prächtigen Rosenstrauß, mit dem er die junge Dame in der Heimat begrüßen wollte, voll knirschender Wut am liebsten in die Ecke geschleudert.

Er hatte jedoch gelernt, sich zu beherrschen, und besaß die Geistesgegenwart, sich aus Situationen, die für ihn lächerlich zu werden drohten, geschickt herauszuwinden. Born durfte nicht über ihn spotten, er am wenigsten. So zwang Elten sein Gesicht in lächelnde Fältchen, verneigte sich sehr höflich vor der jungen Braut und überreichte seinen Strauß.

»Da mir indiskreterweise alle Frühlings- und Liebeselfchen das süße Geheimnis schon verraten hatten, gestatte ich mir, meinen Glückwunsch mit ein paar bescheidenen Rosen zu umwinden!« sagte er galant.

Die Umstehenden waren starr vor Staunen, und am überraschesten schien der Landrat. »Elten! Verehrtester! Wo um alles in der Welt können Sie das erfahren haben?«

Der Premierleutnant zuckte die Achseln.

»Höchstens von dem Gärtner, dem alten Klatschmaul, der mich gleich so verschmitzt anschaute, als ich Myrten in meinen Strauß winden ließ! Aber ich habe weder ihm noch sonst einer Menschenseele verraten, für wen er bestimmt war! Elten, tun Sie mir den einzigen Gefallen und nennen Sie mir den Verräter!«

»Ich sagte Ihrem Fräulein Braut bereits, daß die Frühlingselfchen –«

»Schnickschnack! Zeigen Sie uns erst eins!«

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Der Assessor klopfte Elten lachend auf die Schulter. »Sie sind eine Spürnase par excellence! Den dürfen Sie nur zum Eklairieren und Rabuschern gebrauchen, Herr Rittmeister!!«

»Soll ein Wort sein! Machen Sie sich auf eine patrouillenreiche Zukunft gefaßt, lieber Elten!« scherzte der kleine Graf mit einem etwas säuerlich süßen Lächeln! Er war innerlich ebenso wütend wie Elten, daß die einzige junge Dame der Gegend, mit der eventuell zu rechnen gewesen wäre, so mir nichts dir nichts von dem Herrn Landrat weggeschnappt war.

Lächerlich, wie kann ein so reizendes Mädel einen so unnatürlichen Geschmack haben! Einen Zivilisten nehmen, wenn eine ganze Schar der schönsten blauen Husaren zur Verfügung steht.

Je nun, Strafe muß sein! Der kleine Graf war mit dem festen Vorsatz hierhergekommen, Fräulein Salome auf Tod und Leben den Hof zu machen, und ein Mann – ein Wort. Er machte auch den Hof – nur das Motiv war ein anderes geworden.

Ehemals hatte er aus Liebe gehuldigt, jetzt tut er es aus Haß. – Was er sonst aus zärtlicher Überzeugung an Worten und Blicken ins Treffen geschickt hätte – jetzt geschah es aus Rache. Das kleine Gänschen sollte seinen Gott erkennen lernen! Sie sollte es bereuen, sich so voreilig gebunden zu haben, sie sollte Vergleiche zwischen ihm und ihrem Tintenkaspar ziehen.

Warum nannte man ihn einen gefährlichen Courmacher? Nun wollte er es beweisen! Hatte das harmlose Pensionskind jemals schon im Kreuzfeuer zündender Blicke gestanden? Nein! Sie ahnte überhaupt nicht, was sie mit ihrer Verlobung für eine Torheit begangen hatte, aber sie sollte es einsehen lernen, sie soll für die Rücksichtslosigkeit bestraft werden, sich zu binden, ehe sie den schon längst angemeldeten Besuch des Rittmeisters empfangen.

Und der kleine Graf Humbrecht legte sich sofort ins Zeug und machte sich zum Schatten des holden Bräutchens. Aber zu seiner Überraschung war Salome gar nicht das naive Backfischchen, das er vermutet hatte.

Sie gebrauchte ihre schönen Augen recht geschickt und verstand es, in schwärmerischer Weise zu kokettieren ... sapristi! Der Rittmeister war so im Eifer, daß er gar nicht merkte, wie er mehr Feuer fing als sein Opfer!

Der Landrat lächelte in seiner heiteren Weise zu den Bemühungen des Kleinen, der sein dunkles Schnurrbärtchen immer spitzer drehte und bei Tisch, an der anderen Seite Salomes, einen immer röteren Kopf bekam.

Er konnte sich so viele Schmeicheleien der jungen Dame gegenüber erlauben, denn er hob jedesmal sein Glas dabei sehr verbindlich gegen Born und versicherte eifrig: »Einer Braut gegenüber darf man schon ehrlich sein, nicht wahr, lieber Born? Bei ihr ist jede Huldigung ja nur eine Eloge für den Glücklichsten aller Sterblichen, der sie errungen hat!«

Siegfried stimmte harmlos zu. – Die Eitelkeit war seine Ächillesferse – er sonnte sich in dem Triumph, den Vogel abgeschossen zu haben, und sah mit stolzer Genugtuung, wie seine Braut alle Herzen entzückte. Mochten sie ihr die Schleppe tragen als Pagen – die Königin selber war ja sein!

Salome amüsierte sich himmlisch. Wie war es doch interessant, Braut zu sein, und es mit grausamem Behagen mit ansehen zu dürfen, wie dennoch alle anderen Männer sie anschmachteten. So mußte es sein! So war es recht und richtig, wie es in den Romanbüchern stand. Graf Humbrecht war jetzt schon rasend in sie verliebt, er würde sich sicherlich zum Schluß aus Verzweiflung erschießen! – Schauderhaft, entsetzlich, aber hoch romantisch!

Der Assessor und die anderen Leutnants gaben sich die erdenklichste Mühe, Siegfried eifersüchtig zu machen. Vielleicht kamen etliche kleine Mißverständnisse dazu, wenn die Herren bei ihr im Hause verkehrten und der gnädigen Frau den Hof machten – es kam zu Duellen, sie warf sich im entscheidenden Moment dazwischen – ehe die Pistolen losgingen, denn Knallen konnte sie ein für allemal nicht hören – es gab eine große Versöhnungsszene, sie verzieh ihrem Gatten das kränkende Mißtrauen – o es würde alles, alles werden wie in einem Roman!

Nur einer ärgerte sie – Elten. Gerade er, der erst so lyrisch mit Rosen gratulierte, nahm gar keine Notiz von ihr, als sei sie plötzlich Luft geworden. Er saß an Roses rechter Seite und schien ganz Auge und Ohr für die Kleine.

Wie er sie mit tiefen Blicken »anleuchtete«, wie sein bleiches Gesicht so interessant aussah, wenn er leidenschaftlich auf sie einredete! Er schien ein unheimlicher Mensch zu sein, ein Mephisto. So einer, der in den Romanen das böse Prinzip verkörpert. Wahre Vampyraugen hatte er! Daß sich Rose nicht vor ihm fürchtete! Mein Gott, das Kind saß so harmlos lächelnd neben ihm wie ein Kaninchen vor der Schlange!

Was wußte Rose auch von interessanten Männern! Von Männern, die Tiger sind und stündlich auf den Raub von Frauenherzen ausgehen! Seltsam, warum ignorierte er sie, die ihm als Braut doppelt begehrlich sein müßte?

Salome wurde ganz unruhig. Je mehr sie zu ihm hinüberblickte, desto weniger schaute Elten auf sie. Nur manchmal streifte sie ein kalter, unsagbar kalter, starrer Blick. Ob er sie etwa jetzt schon unglücklich liebte? Sie mußte es um jeden Preis ergründen. Nach Tisch wollte sie ihn in ein längeres Gespräch verwickeln und ihn beobachten. »Der Gletscherkönig« nannte sie ihn bereits in Gedanken.

Eben wandte er sich an Papa: »Faktisch, Herr Major? Die Verlobung Ihrer Fräulein Tochter war Ihnen schon längere Zeit ein schwer zu hütendes Geheimnis? Die Herrschaften haben sich schon auf der Reise kennengelernt?« – Er lachte. – »Warten Sie nur, Herr Major! So unverzeihlich Versteck mit uns zu spielen! Neulich, als Sie noch die Handschrift Ihres Herrn Schwiegersohnes nach graphologischen Regeln deuteten, hätten wir alle darauf schwören mögen, Sie stünden sich fern wie Himmel und Erde, und statt dessen wußten Sie bereits, daß Sie ihn uns nächstens als Sohn vorstellen würden!« Er hob das Glas: »Ich gestatte mir, Herr Major – die Graphologie soll leben!«

Welfen lachte etwas gewaltsam und tat Bescheid. Aber es deuchte Salome, als sehe er ein wenig verlegen aus! Himmel –- er würde doch diesem Herrn Siegfrieds Handschrift nicht ebenso entsetzlich gedeutet haben wie ihr gegenüber? Selbstverständlich, Elten kannte Borns Charakter bereits dadurch, oder bildete sich fälschlich ein, ihn zu kennen, und er beklagte sie jetzt schon als ein tief unglückliches Weib!

Himmel – was würde sich daraus noch alles entwickeln! – Grausig – aber höchst romantisch!

Dem Oberleutnant war es nicht entgangen, daß die Blicke der holden Braut oft und lange mit wunderlichem Ausdruck auf ihm ruhten, daß sie sichtlich zerstreut auf die faden Schmeicheleien Humbrechts antwortete, und daß ihr Lächeln, dem Landrat gegenüber, kühler war als zuvor. Er täuschte sich nicht.

Und er triumphierte.

Als man sich zu Tisch gesetzt hatte, waren ihm beinahe dieselben Gedanken durch den Kopf gegangen wie zuvor dem kleinen Grafen. Er war innerlich tief beleidigt, wütend, in all seinen schönsten Hoffnungen und Erwartungen getäuscht. Er lechzte nach Rache. Und er faßte einen ähnlichen Plan wie Humbrecht. Die kleine Braut sollte den Ring am Finger noch als unerträgliche Fessel erachten und dem Heimtücker, dem Herrn Landrat, das Eheleben, das er anderen weggestohlen, zur Hölle machen.

Elten war raffinierter als der bedeutend harmlosere Rittmeister. Er verfolgte eine andere Maxime, die mehr Erfolg bei koketten Dämchen versprach; denn daß Salome oberflächlich und kokett sei, glaubte er als »Weiberkenner« auf den ersten Blick erforscht zu haben. Man brauchte ja nur zu sehen, mit welch schmachtenden Augen sie den kleinen Grafen anlächelte – das tat keine Braut, die sich aus glühender Liebe soeben verlobt hatte.

Anreizen! – Sich interessant machen! – Die Eitelkeit der Eva wecken! Mit Eis das Feuer schüren! Sich verweigern, um begehrt zu werden! Ein Glutblick – dann wieder zappeln lassen – eine ganze Weile lang. – Bald Frost – bald Hitze! Das machte die Weiber toll.

So ungefähr war das Schema, das sich der Don Juan von Feldheim ausgeklügelt hatte.

War das Rechenexempel falsch? Nein, es zeigte schon jetzt seine Wirkung.

»Wo alles liebte, wollte Karl allein hassen,« um selber dafür desto glühender begehrt zu werden. Nebenbei versuchte er, Eindruck auf die kleine Rose zu machen.

Diesmal war er schlau geworden und stellte sich sein Teil auch beizeiten kalt. Hoho, Herr Landrat, Ihre Braut hat ja noch ein Schwesterlein, reichlich so hübsch und begehrenswert wie Salome, wenn nicht noch ein großes Teil mehr.

Man brauchte nur in diese klaren, unschuldig treuherzigen Kinderaugen zu sehen – und dagegen Fräulein Salomes wohleinstudierte Blicke zu beobachten, so wußte man, auf welcher Seite das große Los lag. Ein Mann wie Elten war darauf geeicht! Er, der schon in gar verschiedenen Frauen- und Mädchenaugen die Hölle geschaut, wußte den Himmel darinnen desto höher zu schätzen. Die naive, holde Rose an seiner Seite blieb bei all seinen Bemühungen unberührt und kühl bis in ihr Kinderherzchen hinein, das eitle, gefallsüchtige und kokette Fräulein Salome, die so selbstbewußt in den breiten Strom des Lebens hinausschwamm, biß auf den Köder an. Sein farbloses Gesicht färbte sich höher – auch er ersann in Gedanken einen Roman, aber das junge Ehepaar Born spielte eine andere Rolle darin, als Salome es sich träumen ließ.

Die Gläser klangen zusammen. Der Rittmeister feierte mit einer wahren Blütenlese von Worten das Brautpaar. Als er mit Elten anstieß, trafen sich ihre Blicke. Ein schnelles, blitzartiges Aufzucken in beider Augen.

Sie, die sich nie bisher so recht verstanden hatten, verstanden sich plötzlich. Sie reichten sich sogar die Hand.

»Allright, Elten!«

»D'accord, Herr Rittmeister!«

Sie waren in gemeinsamer Feindschaft zu Freunden geworden.

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