Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Paul Grabein >

Jugendstürme

Paul Grabein: Jugendstürme - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
authorPaul Grabein
titleJugendstürme
publisherPeter I. Oestergaard Verlag
year1930
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160113
projectida7753f74
Schließen

Navigation:

Ruth ließ sich jetzt, wo es mit Helmuts Fortgang ganz still im Barckschen Hause geworden war, dort öfter einmal sehen. So hatte sie auch heute den Abend dort zugebracht. Sie kam nicht allein, um den beiden einsamen Menschen, von denen jeder sein schweres Schicksal so tapfer trug, Ablenkung und Anregung zu bringen, sie suchte für sich selber etwas. Der friedsame, reine Geist dieses Hauses tat ihr wohl, aber sie konnte hier auch über Fred Lynar reden, ohne Scheu, ohne Sorge, mißverstanden oder durch Äußerungen des Mißfallens oder Bedauerns verletzt zu werden, die dem hemmungslosen Lebenswandel Freds galten. Im Gegenteil, Dr. Barck beurteilte dieses wilde Brausen mit einem nachsichtigen Lächeln. Der kluge Menschenkenner mochte wohl ahnen, was in Ruths Seele vorging. So nahm er denn heute einmal ihre Hand – sie saß neben ihm am Tisch – und sagte tröstend zu ihr:

»Mach' dir nicht zuviel Sorge um ihn, mein kleines Mädel. Edler Wein will gären, es ist eine alte Wahrheit, und ganz besonders für eine geniale Natur wie Fred. Das sieht bisweilen ängstlich aus, aber es geht vorüber. Wie ich Fred kenne, findet er sich wieder zu seinem besseren Ich zurück – und zu seinen alten Freunden. Verlaß dich darauf, ich irre mich selten in den Menschen.«

Oh, wie es da in ihr aufjubelte! Es fehlte nicht viel, so hätte sie sich in ihrem Dankgefühl über die gütige, blasse Hand des Blinden gebeugt, der doch so gut in den Herzen zu lesen verstand. Eine lange nicht mehr gekannte Fröhlichkeit war über sie gekommen, und die Stunden waren so allen dreien rasch hingegangen. Nun war es für Ruth Zeit, aufzubrechen; es ging schon auf zehn. Sie wollte Tante Käte – so nannte sie Frau Barck noch von ihren Kindertagen her – bloß noch beim Inhalieren, das sie allabendlich vorm Schlafengehen ihres kranken Herzens wegen vornehmen mußte, behilflich sein, und begleitete sie daher nach hinten ins Schlafgemach.

Dr. Barck blieb so allein im Wohnzimmer zurück. Still lehnte er in seinem Sessel. Wie er gern tat, ließ er alles, was der Tag gebracht, besinnlich noch einmal an sich vorübergleiten. Dabei scholl von hinten her, die Zimmertür war wohl nur angelehnt, das ruhige Geplauder der beiden Frauen gedämpft an sein Ohr. Es war eine friedvolle, beschauliche Stimmung, der er sich ganz hingab.

Plötzlich aber fuhr er im Sessel auf, seine Hände packten die Armlehne, ganz nach vorn beugte er sich, wie um besser sehen zu können, und die erloschenen Augen starrten wie ins Weite.

Und er sah – sah wirklich – sah Schreckliches! Zugleich schrillte es ihm im Ohr – ein furchtbarer Schrei, der Schrei eines Menschen in Todesqual – Karlas Schrei! Eiskalt lief es ihm über den Rücken, seine Haare sträubten sich.

Nun war es vorbei. Tief atmete er auf. Seine Hand fuhr zur Stirn; sie war schweißbedeckt. Was war das eben? Ein Spuk seiner Nerven? Er schüttelte den Kopf. Unmöglich! Nie hatten ihm die zu schaffen gemacht, und es war ja gerade heute nicht der leiseste Anlaß dazu. Aber was dann? Und was hatte diese Unruhe, diese dunkle Angst in ihm zu bedeuten, die auch jetzt noch nicht weichen wollte? Ein Gedanke blitzte plötzlich in ihm auf – wenn es das war?

Ohne daß er es wollte, erhob er sich vom Sessel und tastete sich langsam durch den Raum nach hinten ins Schlafzimmer; es trieb ihn in einem unerklärlichen Drange zu Ruth, zu Karlas Tochter.

Dr. Barck ging auf leichten Hausschuhen, so überhörten die Frauen über ihrer Unterhaltung sein Kommen und erschraken, wie der Blinde mit einem Male vor ihnen stand. Namentlich Käte Barck. Geängstigt rief sie: »Mein Gott – was ist denn? Was hast du?«

Es war, als ob ein Nachtwandler angerufen würde. Barck wurde sich plötzlich bewußt, wie sein Erscheinen auf die Frauen wirken mußte, und gar erst das andere – nein, er durfte sie nicht auch damit noch erschrecken. Vielleicht war ja alles doch nur eine Halluzination. Schnell faßte er sich also und zwang sich zu einem Lächeln.

»Was seid ihr für nervöse Leutchen, alle beide! Ein Taschentuch brauch' ich, aus dem Wäscheschrank – es eilt, ein Schnüpflein scheint im Anzug – darum macht' ich mich selber auf die Socken.«

Ruth lachte. Käte Barck war nicht so schnell beruhigt. Sie hatte doch seine Miene beim Eintreten gesehen – etwas ganz Seltsames, Visionäres stand in seinen Zügen – aber sie beherrschte sich, wie sie es auf ihrem langen Leidenswege gelernt hatte. Sie hatte auch ein Gefühl, als ob seine Ausrede – denn das war es! – wohl nur Ruth galt. So gab sie ihm denn schweigend das Tuch, aber sie blieb ernst.

Als Ruth sich dann verabschiedete, fragte Barck sie – es sollte leichthin klingen, doch Käte hörte die geheime Spannung heraus –: »Was hat deine Mutter eigentlich heute abend vorgehabt?«

»Nichts. Sie ist zu Haus.« Arglos erwiderte es Ruth.

Er nickte. »Nun grüß' sie recht herzlich!«

Frau Barck hatte den Gast bis zur Haustür geleitet. Als sie wieder nach oben kam, traf sie ihren Mann dabei, wie er gerade den Hörer des Telephons einhängen wollte. Seine Hand zitterte dabei so stark, daß er mehrfach die Gabel verfehlte. Von neuem sprang da die Angst in ihr auf.

»Was hattest du denn zu telephonieren? So plötzlich – und so spät noch?«

»Ach – ich hatte ganz vergessen – du weißt doch, Frau Stevenson war heute in der Sprechstunde – sie wollte –«

»Nein – nein – du verbirgst mir etwas. Schon vorhin! Ängstige mich doch nicht so!«

»Es ist wirklich nichts, Käte.«

»Ich weiß, du willst mich schonen, aber du machst es verkehrt. Ich rege mich ja vor lauter Ungewißheit noch viel mehr auf. Also sag' mir endlich, was ist!«

Da wandte er ihr das Antlitz zu. Mit bebender Stimme sagte er:

»Ich hab' ein zweites Gesicht gehabt, vorhin als ich zu euch hineinkam. Es muß ein schweres Unglück mit Ruths Mutter geschehen sein – ich hab' es deutlich gesehen – ein Autozusammenstoß – Karla stand in Flammen!«

»Wie kommst du nur auf so etwas? Du hörtest es ja von Ruth – Karla ist heute abend zu Hause.«

»So glaubte es Ruth.« Mit schwerem Ernst klang es von seinem Munde. »Aber als ich eben draußen anrief, es ließ mir keine Ruhe – da – da hörte ich von dem Mädchen –«

»Um Himmels willen – was denn?«

»Sie ist noch einmal ausgefahren – ohne ihren Chauffeur – hörst du's? Ohne Chauffeur!! Sie selber hat den Wagen gesteuert – in dunkler Nacht! Sie ist zu Ilse gefahren – wollte um zehn Uhr spätestens zurück sein – jetzt ist es halb elf, und sie ist immer noch nicht da!«

»Das – das wäre ja nicht auszudenken!«

Käte Barck packte das Grauen. Sie zitterte am ganzen Leibe, ihre Hand fuhr zum Herzen, dann nach einem Stuhle, auf dem sie niedersank.

Dr. Barck hatte die Geräusche vernommen, nun machte ihn die Stille besorgt.

»Was ist dir, Käte?« Und er tastete sich zu ihr hin.

»Eine plötzliche Schwäche, nichts weiter.« Mit gewohnter Tapferkeit richtete sie sich wieder auf, doch es machte ihr Mühe. Sie spürte eine solche Übelkeit bei jeder Bewegung.

Es war, als ob ihr Mann es ahnte. »Du solltest dich legen!« mahnte er. »Geh zu Bett, ich komme bald nach.«

Sie verstand. Er wollte sich noch irgendwie durch telephonische Rückfrage Gewißheit verschaffen. Einen Augenblick dachte sie daran, solange noch bei ihm zu bleiben, es verlangte ja auch sie nach Klarheit; aber sie fühlte, es ging nicht. Die Übelkeit und das Angstgefühl wollten nicht weichen. Da sagte sie: »Ja, es ist wohl besser, ich lege mich.«

Sie wandte sich zur Tür, doch nach zwei Schritten kehrte sie sich noch einmal um.

»Bleib' nicht zu lange –« bat sie leise, zögernd.

Er nickte zu ihr hin. »Nein, Käte – ich komme gleich.«

Da ging sie hinaus. Solange, sie noch in seiner Hörweite war, mit ihrem gewohnten Schritt, aber sobald sich die Tür hinter ihr zugetan hatte, eilends – sie hatte Angst, daß sie sonst nicht mehr ins Schlafzimmer käme.

Es dauerte länger, als Dr. Barck gedacht hatte. Rückfragen bei Ilse und Bekannten Karlas brachten keine Aufklärung. Eine halbe Stunde mochte schon vergangen sein, da rief er noch einmal in der Soltauschen Villa an – und nun kam Gewißheit – eine Gewißheit, wie sie schrecklicher nicht sein konnte. Mit schluchzender Stimme berichtete das Mädchen: Vor einer Viertelstunde wäre Fräulein Ruth nach Haus gekommen, und kaum fünf Minuten später habe es angeläutet – das Krankenhaus in Lichterfelde, die gnädige Frau sei soeben dort eingeliefert worden mit schweren inneren und äußeren Verletzungen, über und über mit Brandwunden bedeckt! Ein Autounfall – der Benzinbehälter sei dabei explodiert. Der Zustand der gnädigen Frau sei wohl hoffnungslos! – Fräulein Ruth, die diese Meldung persönlich am Telephon entgegengenommen habe, sei selber mehr tot als lebendig gewesen. Sie habe rasch nur noch ihre Schwester benachrichtigt und sei dann mit dem andern Wagen zum Krankenhaus gefahren, der Chauffeur war inzwischen ja wieder nach Hause gekommen. Die arme unglückliche gnädige Frau – es sei zu grauenhaft!

In tiefster Erschütterung vernahm Dr. Barck die furchtbare Kunde. Er mußte sich setzen. Endlich war er soweit, zu seiner Frau zu gehen. Mit größter Sorge dachte er daran, wie sie es aufnehmen würde; sie war vorhin bereits so erregt gewesen, und bei ihrem kranken Herzen –! In innerster Unruhe ging er nach hinten. Der Weg war ihm so wohl vertraut, daß er ihn sonst immer sicher wie ein Sehender zurücklegte. Jetzt aber in seiner Erregung eckte er mehrfach an und mußte tastend die Hände ausbreiten.

So kam er ins Schlafzimmer. Es war ganz still dort.

»Käte!«

Keine Antwort. Da überfiel ihn Angst. Noch einmal, lauter rief er ihren Namen, und nun war er an ihrem Bett. Er fühlte nach ihr – das Lager war leer. Sein Herz stockte. Er tastete sich weiter zur Chaiselongue an der Wand, beugte sich nieder, fühlte – ja, da lag sie! Aber – es überrann ihn – so reglos! Eine Ohnmacht, rief er sich selber zu, doch seine Knie zitterten, wie er sich neben ihr aus dem Ruhebett niederließ und nach ihren Händen, nach dem Puls fühlte. Gleich die erste Berührung dieser eiskalten Hände sagte ihm, was geschehen war: Seine Frau war von ihm gegangen! Still und leise, wie sie immer neben ihm hergegangen war, hatte sie ihn auch verlassen, ohne ihm vorher Mühe und Sorge zu machen. Ein Leben war erloschen, das nichts für sich gefordert, das nur für andere dagewesen war in rührender Selbstlosigkeit und Opferbereitschaft. Er hatte es ihr nie bei Lebzeiten gesagt, wie hoch er sie innerlich stellte. Es schien ihm ja zu selbstverständlich. Aber nun kam der Wunsch: Er hätte es doch einmal tun sollen! Und einem übermächtigen Gefühle folgend, beugte er sich über die kalte Hand, die so lange für ihn unermüdlich gesorgt hatte. Der Toten sagten nun seine bebenden Lippen, was sie der Lebenden verschwiegen hatten.

*

»Was für eine Moderluft!«

Mit einem Ruck stieß Fred Lynar eines der Fenster in seinem Atelier auf, in das er, wieder in die Heimat zurückgekehrt, eben eingetreten war. Frosthauch drang herein, es war empfindlich kalt draußen, aber es tat ihm wohl. Mit tiefen Zügen sog er die reine, klare Luft ein, die vom nahen Tiergarten herüberwehte. Eine Luft, wie für einen Genesenden geschaffen. Und er kam als solcher zurück.

Gedankenverloren sah Fred Lynar über die Baumwipfel des parkähnlichen Gartens hin, auf den die Atelierfenster hinausgingen. Er mußte daran denken, wie es in ihm aussah, als er vor vier Monaten Berlin entfloh, und wie heute bei seiner Rückkehr.

Ja, eine Flucht war es gewesen, aber weniger vor Berlin als vor sich selber. Oder etwa doch noch vor jemand anderem – vor ihr, Rita? Seine Stirn bewölkte sich. Nicht zu leugnen, das hatte tief gesessen. Es hatte Stunden gegeben, wo er meinte, von ihr nicht mehr loskommen zu können. Zu sehr hatte er sich an das Rauschgift gewöhnt, das sie zu spenden wußte. Und als er damals abreiste, Hals über Kopf, nach einer wild durchrasten Nacht, nur in dem dunklen Drang – hinaus! sonst bist du verloren! – da hatte er es in der Tat nicht anders geglaubt, als daß sie es war, vor der er floh, um wieder zur Besinnung zu kommen.

Aber die Zeit draußen hatte es ihn besser gelehrt: Seine Fesselung an Rita war nur ein Symptom der Krankheit, die ihn befallen hatte. Er hatte sich nur an Rita verlieren können, weil seine Seele krank war, durch und durch, zerfressen von Bitterkeit, Zweifel und Hohn. Mit fortschreitender Genesung drunten an weltverlorenen, blauen Gestaden, unter heilender Sonne und Stille, war der Zauber bald verflogen, der von Rita ausging. Selbst ihre werbenden Briefe, ganz der Niederschlag ihres lockenden, kapriziösen, reizvollen Wesens, waren ohne jeden Eindruck geblieben. Zuletzt hatte er diese Briefe in irgendeine Schublade gelegt, ohne sie überhaupt zu öffnen. Nein, die Episode Rita war ausgespielt – kein Zweifel mehr! – doch was wichtiger war: Der Nährboden, auf dem diese schillernde Sumpfblüte hatte aufwuchern können, war ausgerottet. Seine Seele war gesund – er hatte sich wieder.

Nicht daran denken, wie es zu der gefährlichen Erkrankung gekommen war! Auch Ruth mußte eine Episode für ihn sein. Eine unsagbar schöne, gewiß, und wertvoll, notwendig für seine Entwicklung – genau so nötig für ihn als Menschen und Schaffenden, wie die andere, die er gerade jetzt überwunden hatte – doch eben Episode! Das klang hart, aber es war gut, es sich einmal laut zu sagen und klarzumachen, welchem höheren Zweck diese beiden Entwicklungsstufen seines Ichs dienten.

Herzenswärme, Seelenzartheit, Ikarusflüge hinauf zur Sonne – sicherlich etwas Wundervolles. Sinnenrausch, schrankenloses Genießen in überbrausender Jugendkraft – auch ein Geschenk der Götter. Aber über sie hinausreifen muß der, der das Leben meistern will, als Mensch und Künstler. Der Weg zur Höhe führt über Friedhöfe, in denen der Jugend Träume liegen. Und es tut nicht gut, auf sie zurückzublicken in stillen Stunden. Es nimmt die Kraft. Vorwärts ist die Losung – aufwärts, zur Reife, zur Vollendung! Sich vollenden, sich auswirken, das ist der höchste Sinn des Lebens.

Und wie Fred so gedankenverloren über die Baumwipfel zur Ferne hinschaute, begann es sich vor seinem Auge zu gestalten: Künftige Werke. Wieder Ewigkeitsperspektiven, groß hingeworfene Linien, und freier, kühner geführt, als es einst der schwärmende Jüngling vermochte. Aber es wehte keine verstandesklare Kälte aus diesen stählernen Konstruktionen. Um ihre hochstrebenden, edlen Formen rankte es lebenswarm in blühenden, glühenden Farbtönen – Blüten, die drunten aus den stillen Gräbern der Jugendträume sprossen.

Aus diesem verlorenen Sinnen weckte den Einsamen ein Pochen an der Tür. Unwillig drehte er sich um, und der Unmut blieb auf seinen Zügen, als er sah, wer bei ihm eintrat – Rita!

Da stand sie wieder vor ihm, ganz lockendes, sprühendes Leben, ganz Eleganz, Schmiegsamkeit, zum Entzücken angezogen, eine betörende, weiche Duftwelle ausstrahlend, ganz vibrierende Erwartung, bereit, ihm an den Hals zu fliegen, sobald er nur die Arme ausbreitete.

Aber es geschah nicht. Mit zusammengezogenen Brauen sah er sie an, und nun sagte er mit unverhehlter, peinlicher Überraschung:

»Du, Rita? – Woher weißt du überhaupt, daß ich wieder hier bin?«

»Na – ja, auch ein Empfang!«

Sie warf den Kopf zurück und kam langsam näher, ihn scharf fixierend. Als er noch immer kein Glied rührte, ihr entgegenzugehen, machte sie auf halbem Wege halt. Sie warf sich in einen Sessel und schlug die Beine so unbekümmert übereinander, daß sie deren berühmt schöne Linien nahezu restlos zeigte. Mit verschränkten Armen lehnte sie so, ihre Blicke noch immer in die seinen bohrend.

Wie eine Dompteuse vor ihrem Tiger, schoß es ihm durch den Sinn. Was für eine alberne Pose! Seine Mundwinkel schürzten sich verächtlich, und plötzlich ertrug er es nicht länger.

»Laß doch die Mätzchen, Rita. Es hat wirklich keinen Sinn!«

Da gab sie die herausfordernde Haltung auf und ging zur Ironie über.

»Der hohe Herr sind schlechter Laune. Mir scheint, der Zweck von dero Reise ist nicht gerade erreicht worden.«

»Im Gegenteil– so vollkommen wie nur möglich.«

Die Kälte seines Tons beunruhigte sie; ungewiß sah sie zu ihm hin, aber er ließ nichts weiter von sich hören. Da brach sie los:

»Nun hab' ich es satt, mich von dir en canaille behandeln zu lassen! Seit drei Wochen keine Zeile mehr, und jetzt dieser Empfang! Was habe ich dir denn eigentlich getan?« Und die Tränen schossen ihr hervor.

Sie wollte ihm leid tun. Sie hatte ja recht. Sie war unverändert geblieben in ihrem Wesen und Empfinden für ihn, das in seinen Grenzen wohl wirklich echt war. Aber das durfte ihn nicht beirren. Sein Weg lag klar vor ihm, und er ging über sie hinweg. Dies Wiedersehen mußte ihr letztes sein. Er durfte ihr keine Zweifel darüber lassen. So sprach er denn nun, mit ruhigem Ernst:

»Du hast mir nichts getan, Rita. Daß du mein briefliches Schweigen nicht verstandest und daraus nicht deine Konsequenzen zogst, kann ich dir ja schließlich nicht zum Vorwurf machen. Nun muß ich es dir also mit klaren Worten sagen: Ich bin nicht mehr der, der ich war, als ich dich kennenlernte, und darum –«

»Gibst du mir den Laufpaß? Wahrhaftig, nichts einfacher als das!« Empört sprang sie auf.

»Fass' es nicht so auf, Rita. Ich handle aus innerster Notwendigkeit. Sieh, ich möchte, daß wir uns in aller Freundschaft trennten. Ich bin dir dankbar für das, was du mir gabst; es –«

»War gut und reichlich und hat mich sehr gefreut!« parodierte sie. Doch dann sprang ihr Ton um. »Meinst du im Ernst, du könntest mich abschieben wie ein kleines Mädel von der Straße? Nein, mein Freund, da irrst du dich! Schließlich bin ich doch auch wer – ich lasse mich nicht beiseite werfen! Und wenn du es wirklich wagen solltest –« funkelnden Blicks trat sie auf ihn zu, die kleinen Fäuste geballt.

Fred blieb kalt. Kino – dachte er – fehlt bloß noch, daß sie jetzt irgendwo den Browning hervorholt! Doch dann sagte er, unverändert ruhig und freundlich:

»Nicht so, Rita; es steht dir nicht. Daß du erregt bist, Schmerz fühlst, ist natürlich, und ich ehre dein Empfinden. Aber nicht diese falschen Töne! Als wir uns fanden, da wußten wir doch beide, es würde nicht für die Ewigkeit sein. Nun kommt die Trennung, schneller als wir dachten, aber das ist kein Grund zur Tragik. Auch du wirst nicht daran zerbrechen. Wie ich jetzt bin, würdest du ohnehin an mir keine Freude mehr haben – wirklich, glaub' es mir! Sieh die Sache einmal von dieser Seite an, so wird dir der Abschied von mir nicht allzu schwer fallen.«

Das Wort »Abschied« schlug eine weiche Saite bei ihr an. Abermals kamen ihr die Tränen, und nun lag sie an seiner Brust, das Gesicht an seiner Schulter vergraben. Er ließ sie gewähren, streichelte ihr die Wange wie einem Kinde und dachte dabei: Bei allem äußeren Raffinement, trotz der Maske der Weltdame kann sie doch ihre Herkunft nicht verbergen. Sie ist wirklich nichts anderes als ein kleines Mädel aus dem Volke – ist es geblieben, mit all seiner Sentimentalität. Aber er dachte es gut, ohne Hochmut; es brachte sie ihm menschlich näher. Jetzt hatte er wirklich Mitleid mit ihr, und herzlich bat er:

»Nicht so weinen, Rita! Ich verdiene es ja gar nicht.«

»Ach – du konntest so lieb sein!« Und mit ihren tränenüberströmten Augen sah sie zu ihm auf. »Warum magst du mich denn nicht mehr? Liebst du eine andere?«

Er mußte beinahe lächeln über diese Einfalt, die sich so gar nicht denken konnte, daß es auch sonst noch einen Grund geben konnte. Und er versuchte nun, ihr klarzumachen, was mit ihm vorgegangen war. Schließlich mochte sie es wohl begriffen haben. Sie trocknete sich die Tränen, immer noch an ihn gelehnt, und so sagte sie, in einem Entschluß:

»Ja, Fred – wenn es so mit dir steht, dann muß es wohl sein. Ich will dir ja nicht im Wege stehen. So wollen wir denn Abschied nehmen. Leb wohl – und vergiß mich nicht ganz!«

Noch einmal warf sie ihm die Arme um den Hals, dann lief sie rasch hinaus.

Er stand und sann. Rita war fort, wie er es gewollt hatte. Eine kleine Welle süß-schmeichelnden Dufts war alles, was von ihr geblieben war. Es stimmte ihn traurig. Es war immerhin ein Mensch gewesen, der auf seine Weise an ihm hing. Nun hatte er auch den nicht mehr.

Aber dann richtete er sich auf. Vorwärts, hinauf! Auf der Höhe war es einsam – er wußte es wohl – aber frei war der Blick, frei zum Schauen und Schaffen. – – –

Freds erster Ausgang war geschäftlicher Art; er führte ihn zu seinem Kunsthändler, Jaquart hatte ihm noch nach Italien geschrieben, daß die Schlußabrechnung der Ausstellung für ihn bereitliege. Es war ihm willkommen, denn die lange Reise hatte sein Bankkonto nahezu aufgezehrt. So ging er denn noch am selben Nachmittag zur Galerie Jaquart. Er konnte mit dem ihm dort vorgelegten finanziellen Ergebnis seiner Ausstellung recht zufrieden sein. Mit Interesse ging er die Abrechnung durch.

Wie zu erwarten gewesen, waren besonders die Sachen seiner letzten Periode »gut gegangen«. Von den Jugendwerken, in die er soviel Innerstes und Bestes hineingelegt hatte, war fast nichts verkauft. Er lächelte geringschätzig – was verstanden auch die Leute davon, die hier Bilder kauften? Doch nun sah er erstaunt, daß auch der »Lachende Faun« verkauft war, und zwar zu dem ganz unverhältnismäßig hohen Preise von 2000 Mark. Er hatte damals diese Summe dem Kunsthändler angegeben aus einer Augenblickslaune heraus. Er hätte sich nur ungern gerade von diesem Bilde getrennt, das ein künstlerisches Selbstbekenntnis war – der Abschluß einer bitterschweren Periode seines Lebens und Schaffens. Er hatte gehofft, daß wenigstens der hohe Preis Käufer abschrecken würde, wenn es schon das eigenartige Motiv nicht tat; nun aber sah er bestürzt, daß das Bild doch verkauft war. Wer mochte es wohl erworben haben? Es verlangte ihn, das zu wissen, und er fragte danach. Aber seltsamerweise konnte ihm der Herr, mit dem er abrechnete, keine Auskunft geben; es fand sich keine Notiz darüber in den Büchern, und Herr Jaquart war verreist, in Paris.

Nicht ganz zufrieden verließ Fred das Kontor. Daß er nicht einmal wußte, wohin das Werk, an dem er so hing, gekommen war, beunruhigte ihn. Es war ihm wie ein Stück seiner selbst. In wessen Hände mochte es geraten sein? Schließlich sagte er sich zwar, daß, wer dies Bild kaufte, sicherlich kein Banause sein konnte; aber gleichviel – die Ungewißheit seines Verbleibs hatte etwas Quälendes für ihn.

Am andern Tag ging Fred zu seiner Mutter. Er wählte eine Vormittagsstunde, wo er den Vater auf dem Gericht wußte. Groß war Frau Lynars Freude, besonders als sie merkte, wie der Sohn zurückgekehrt war. Er dachte nun auch ruhiger über seine Differenzen mit dem Vater und war seinerseits zur Versöhnung geneigt; er bat die Mutter sogar, anzufragen, ob dem Vater sein Besuch willkommen sei. Beglückt vernahm es die Mutter. Sie zweifelte nicht, daß der Vater die dargebotene Hand ergreifen werde. Er habe ja schwer genug unter dem Zerwürfnis gelitten und sei überhaupt stiller und duldsamer geworden – wohl gerade unter den Folgen dieses Zerwürfnisses.

So nahm denn auch hier alles einen guten Weg. Es fügte sich harmonisch in Freds neues Leben mit seinem Streben nach innerer und äußerer Ausgeglichenheit. Mutter und Sohn saßen dann noch weiter in vertrautem Gespräch, das nun zu den Freunden und Bekannten des Hauses hinüberglitt. Da mußte Fred freilich Trauriges, ja Erschreckendes hören: Die gute Frau Dr. Barck war gestorben, und Karla Soltau war mit Not gleichem Schicksal entronnen. Wie grauenhaft dieses Unglück – diese Verletzungen! Seit Monaten schon lag die Ärmste auf ihrem Schmerzenslager – wahrscheinlich für immer entstellt.

Fred konnte es gar nicht fassen – diese gefeierte, jugendschöne, liebreizende Frau! Wie vernichtend mußte sie dieser Schlag getroffen haben! Und Ruth, die so an ihr hing! Seine Gedanken flogen zu der Jugendfreundin. Er stellte sie sich vor, einsam, verlassen in dem großen Hause, ganz allein in ihrem Schmerz, und der Drang, ihr zu helfen, ihr sein Mitgefühl zu zeigen, ward in ihm übermächtig, ließ ihn alles vergessen, was zwischen ihnen stand.

Sobald sein Besuch bei der Mutter beendet war, fuhr Fred denn hinaus. Er traf Ruth an – was für ein Wiedersehen! Im Innersten ergriffen, hielt er ihre beiden Hände und konnte nichts anderes Hervorbringen als die Worte:

»Ruth – liebe Ruth! Deine arme, unglückliche Mutter!«

Sie war für sein Empfinden überraschend gefaßt, er bedachte ja nicht, daß schon drei lange Monate mit all ihren Qualen und Ängsten hinter ihr lagen. So sagte sie denn nur ruhig, aber herzlich:

»Hab' Dank, Fred, daß du kommst, und für deine warme Teilnahme.«

»Du wirst dich wundern, daß es so spät geschieht, doch ich erfuhr eben erst bei meiner Mutter von dem Unglück. Ich war verreist, lange Zeit, im Ausland.«

»Ich hörte schon davon.«

Wie sie es sprach, war es, als zöge ein Schatten über ihr Antlitz. Rasch erklärte er da:

»Ich könnte dir viel erzählen von dieser Reise; vielleicht später einmal – wenn du magst. Die Einsamkeit, die ich aufsuchte, war mir sehr heilsam. Es fiel von mir ab, was fremd an mir war. Ich komme wieder als der, der ich einmal in guten Zeiten war – und doch auch wieder nicht.« Sein Blick traf sie, ernst und wie mit einem tiefen, fernen Weh. »Ganz so bin ich doch nicht mehr. Was man erlebt hat, das geht natürlich nicht spurlos an einem vorüber. Aber trotzdem – ich glaube, es ist doch noch ein gut Stück von meinem alten Kern geblieben. Meine Seele ist wieder frei und – ich bin es auch sonst.«

»Das freut mich, Fred, freut mich für dich von ganzem Herzen.«

Sie sagte es, aber es klang eine Unsicherheit aus ihrer Stimme. Wie er sie so traurig-ernst anblickte mit seinen dunklen Augen, mußte sie plötzlich an den »Lachenden Faun« denken. Wenn er ahnte, daß dies Bild droben in ihrem Zimmer hing, daß sie gar manchmal davor gestanden hatte in Reue und Leid! Und seine Worte eben hatten sie so seltsam berührt; sie sprachen aus, was sie selber gleich beim ersten Anblick empfunden hatte: Der, der er einmal gewesen war, war er nicht mehr! Das Jugendliche, fast noch Knabenhafte war von ihm abgefallen, doch mit ihm auch Anderes noch – das Zarte, Weiche. Ein Mann stand vor ihr, fast ein Fremder in manchen Zügen. All sein Erleben in der langen Zeit, in der sie sich nicht gesehen, hatte seine Spuren an ihm hinterlassen. Eine mädchenhafte Scheu wollte sie überkommen, wenn sie an dies Erleben dachte. Zwar, es lag ja nun hinter ihm – sie hatte seine Andeutung zum Schluß wohl verstanden – aber es war doch darum nicht aus der Welt geschafft. Sie empfand ihm gegenüber Hemmungen trotz allem, was sie für ihn fühlte. Die alte Unbefangenheit vor dem Gefährten ihrer Jugendtage war zerstört.

Es war, als ob Fred ahnte, was in ihr vorging. Er wechselte das Thema und sprach wieder von ihrer Mutter. Ruth mußte ihm erzählen, wie das Unglück gekommen war und wie es der Mutter jetzt ging. Sie hatte furchtbar leiden müssen, aber das Schlimmste lag nun hinter ihr. Sie mußte nur noch in der Klinik bleiben, weil immer noch kleine operative Eingriffe gemacht werden mußten, um die Brandnarben an Gesicht, Schultern und Armen nach Möglichkeit zu beseitigen. Die Ärzte wandten all ihre Kunst auf und hofften, sie wieder so herzustellen, daß keine häßlichen Wundmale zurückblieben.

Fred atmete auf – Gott sei Dank! Sein Schönheitssinn hätte es ja unerträglich gefunden, wenn dieses edle Menschenbild mißstaltet worden wäre. Dann fragte er nach Dr. Barck; wie hatte er den Tod seiner treuen Gefährtin ertragen, wie sich sein äußeres Leben eingerichtet?

»Ach, das ist traurig«, gab Ruth Auskunft. »Der arme Onkel Werner! Im Anfang stand ihm noch Helmut zur Seite, der telegraphisch von München zurückgerufen wurde. Er wollte auch ganz hierbleiben, aber der Vater wollte es nicht. Helmut stand doch schon im Examen und hatte bereits seine große Arbeit in München eingereicht. So ist er denn wieder nach dort gegangen; und Onkel Werner hat sich eine Wirtschafterin genommen. Äußerlich ist so ja leidlich für ihn gesorgt, aber er ist doch sehr einsam, der Ärmste, wenn er es sich auch nicht anmerken läßt. Ich sehe zwar hin und wieder nach ihm, doch kann ihm das natürlich nicht viel helfen.«

Fred nickte anteilvoll. »Ja – ein schweres Los, und bewundernswert, wie er es trägt. Alle sind sie so wertvolle, tapfere Menschen, die Barcks; auch Frau Käte war es. Ich will doch gleich heute noch dorthin gehen.«

Sie sprachen dann von den Jugendgefährten.

»Wie geht's Ilse in ihrer Ehe? Ist etwa schon ein Baby –?« Er lachte. »Dumme Frage! So lange sind sie ja noch gar nicht verheiratet!«

Ruths Miene wurde ernst; ausweichend antwortete sie: »Du kannst dir ja denken, daß das Unglück mit Mama seine Schatten auch auf diese Ehe geworfen hat.«

Er hörte heraus, daß er da an Dinge gerührt hatte, über die man besser nicht sprach; rasch fragte er: »Und was macht Theo?«

Ruth hob die Schultern. »Ich sehe ihn nur selten noch. Er wird mir immer unsympathischer mit seinem großsprecherischen Wesen. Wir haben uns als junge Menschen von ihm blenden lassen; es ist nicht viel an ihm dran. Über das Geistige ließe sich allenfalls noch hinwegkommen, aber ich fürchte, er ist auch als Charakter wertlos. Ich habe so allerlei gehört, über das sich nicht gut sprechen läßt.«

»Und wie haben sich die Beziehungen zwischen Helmut und Ulla entwickelt? Haben sie sich verlobt?«

»Nein – im Gegenteil; Helmut hat sie aufgegeben.«

»Was du sagst! Wundern kann es einen ja eigentlich nicht. Offenbar hat Helmut also ihre Oberflächlichkeit noch rechtzeitig erkannt.«

»Ich glaube, es war etwas anderes. Es scheint, daß Theo dabei eine verhängnisvolle Rolle gespielt hat.«

»Sieh, sieh – der gute Theo! Das hätte ich ihm allerdings nicht zugetraut.« Fred sann vor sich hin, dann blickte er auf. »Ja, so entwickelt man sich allmählich auseinander. Wenn man sentimental veranlagt wäre, könnte man allerlei empfindsame Betrachtungen darüber anstellen; Variationen über das Thema: Aus der Jugendzeit – ach, wie liegt so weit, was einstmals war! – – – Aber, Gott sei Dank, liegt uns heutzutage ja solche Gefühlsseligkeit nicht mehr – hat auch sein Gutes. Also mag denn fallen, was fallen muß. Doch eins wollen wir uns wenigstens erhalten aus dem Zusammenbruch unserer Illusionen, nicht wahr, Ruth? – Auf gute Freundschaft!«

Er war aufgestanden und hielt ihr die Hand hin. Auch Ruth gab sie ihm, erst zögernd – ihr war plötzlich so weh ums Herz – doch nun fühlte er einen festen Druck. Ihre Augen blickten ihn an, in alter Klarheit und Wärme:

»Auf gute Freundschaft, Fred!«

*

 

 << Kapitel 8  Kapitel 10 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.