Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Paul Grabein >

Jugendstürme

Paul Grabein: Jugendstürme - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
authorPaul Grabein
titleJugendstürme
publisherPeter I. Oestergaard Verlag
year1930
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160113
projectida7753f74
Schließen

Navigation:

»Das ist recht, daß du wieder einmal nach mir sehen kommst! Lang genug ist es her, daß du nicht mehr hier warst.«

Dr. Barck sagte es und hielt die Hand seines alten Korpsbruders Lynar auch nach dem bewillkommnenden Druck noch fest; doch der Kammergerichtsrat entzog sich ihm und nahm dem Freunde gegenüber Platz. Er entschuldigte sein langes Wegbleiben mit übermäßiger Arbeitshäufung, fügte dann aber hinzu: »Da waren auch noch andere Gründe unerfreulicher Art.«

»Ich weiß, Helmut erzählte mir davon. Du hast Differenzen mit deinem Sohn gehabt. Er ist aus dem Haus gegangen und steht nun auf eignen Füßen.«

»Ja, du wirst dir denken können, daß man da nicht gerade sehr aufgelegt ist, unter die Leute zu gehen.«

»Zu denen möchte ich ja nun nicht gerade gerechnet werden. Ich sollte meinen, Lynar, wie wir beide uns immer gestanden haben –«

»Gewiß, so mein' ich's auch nicht; aber es gibt eben Dinge, die man mit sich allein abmachen muß.«

»Das geschieht bei dir leider nur zu viel. Du sprichst dich überhaupt zu keinem Menschen mehr aus, frißt alles in dich hinein – das tut nicht gut.«

»Mag sein, ist aber nicht zu andern.«

»Lynar!« Barck beugte sich vor und legte dem alten Studiengefährten die Hand aufs Knie – »schon längst hatte ich mir vorgenommen, einmal offen mit dir zu reden; laß es mich nun heute tun. Ich halte es für meine Freundespflicht. So kann es doch nicht weitergehen – du quälst dich und die Deinen. Aber muß das wirklich sein? Ich habe gewiß alle Achtung vor Überzeugungstreue, doch alles hat seine Grenzen. Du kannst das Rad der Zeit nicht aufhalten, du mußt deinen Frieden mit der Welt machen – sonst richtest du dich und die Deinen unfehlbar zugrunde!«

»Paktieren! Ich? Mit dieser Zeit, die alles auf den Kopf stellt! Mit Leuten, die ihre Überzeugung gewechselt haben wie die Hemden!«

»Die habe ich nicht im Auge. Ich denke an das neue Geschlecht, an die Jugend von heute. Auch sie hat ihr Recht und ein besseres vielleicht als wir, die wir unsere Höhe überschritten haben. Wie willst du es verantworten, sie in deine Schablone zu zwingen? Willst du wirklich behaupten, daß die Anschauungen, in denen wir groß geworden sind, besser und richtiger sind? Alles ist relativ. Je länger ich ins Leben sehe, je mehr drängt sich mir dieser Fundamentalsatz auf. Alles hat seine Geltung nur unter bestimmten Voraussetzungen, für bestimmte Menschen, für eine bestimmte Dauer. Das gilt für Weltanschauung wie für Politik, für Kunst wie Moral. Wir Menschen bauen nicht für die Ewigkeit. Darum müssen wir uns bescheiden lernen und beizeiten Platz machen für die, die nach uns kommen. Eine neue Zeit ist hereingebrochen, unsere Welt ist versunken. Das mag schmerzlich für uns sein, aber wir können es nicht ändern, und es ist sinnlos, sich dagegen anzustemmen – sinnlos, weil aussichtslos. Also heißt es, weise sein, dem Unaufhaltsamen seinen Lauf lassen. Alles, was wir tun können, ist, soweit es in unserer Macht steht, darauf hinzuwirken, daß Irrwege und Ausschreitungen vermieden werden. Gib also der Jugend ihr Recht! Unterdrück sie nicht, sondern sei ihr Freund und Helfer – suche den neuen Geist zu verstehen, der sie beseelt.«

»Nie und nimmer! Wie soll man den verstehen, diesen Geist der Überheblichkeit und Zuchtlosigkeit? Wo ist heute noch Achtung vor Alter und Erfahrung? Jeder Grünschnabel weiß es ja heutzutage besser als unsereiner. Ich habe gewiß Verständnis für die Jugend, auch für ihre Torheiten. Man war ja selber einmal jung. Auch wir kannten Sturm und Drang, aber eins hatten wir uns doch immer bewahrt, den Respekt vor älteren Leuten, vor der Autorität. Das ist uns schon in der Kinderstube in Fleisch und Blut übergegangen und später im Bund oder Offizierkorps erst recht. Und so ward es uns zur innersten Überzeugung, zum Kennzeichen des wohlerzogenen Menschen. Heute aber? In allem das gerade Gegenteil! Und es kann ja nicht wundernehmen im hochgepriesenen Zeitalter des Kindes. Ein wahrer Kult wird mit den Rangen getrieben. ›Seine Majestät das Kind!‹ schreit es uns das Kino in die Ohren. Alle Zeitungen sind voll von tiefgründigen Untersuchungen über die subtilsten Seelenschwingungen des Kindes schon im Säuglingsalter, damit nur ja nicht Eltern und Erzieher durch einen zu festen Griff Unheil anrichten an diesem Heiligsten, was es auf Erden gibt. Kann es ausbleiben, daß solch Unfug den Kindern schließlich zu Kopf steigt? Daß sich halberwachsene Bengel in allem Ernste einbilden, sie wären wer und hätten ein gutes Recht, ihr Leben selber in die Hand zu nehmen? Muß einen da nicht die Wut packen? Zum Teufel mit allem zarten Verstehen! Was unserer Jugend fehlt, das ist eine eiserne Hand, die sie wieder zur Räson bringt, zu Bescheidenheit und Gehorsam!«

»Erreg' dich doch nicht so, mein bester Lynar. Im Grunde hast du durchaus recht. Dieser Kultus mit dem Kinde, diese Überschätzung des Rechts der Jugend ist sicherlich Unfug. Nur dein Gegenmittel ist verkehrt. Mit brutaler Gewalt kann man hier nichts ausrichten; man muß klug und vorsichtig dagegen angehen. Darf ich einmal aus eigner Erfahrung sprechen? Meine Kinder brachten aus Schule und Verkehr auch allerlei neumodische Ansichten mit nach Haus. Es ist mir aber nicht eingefallen, nun loszuwettern, ihnen mit Verboten und Drohungen solche Ideen auszutreiben. Nein, ich habe sie an mich genommen und wie ein Kamerad zu ihnen gesprochen, frisch und natürlich, von ihrem Standpunkt aus, nur zuweilen mit einer leisen, überlegenen Ironie. Und ich kann dir sagen, der Erfolg blieb nicht aus. Nachdem wir uns die Sache gründlich von allen Seiten betrachtet, hatte diese für die Kinder völlig den Reiz des Absonderlichen und Verlockenden verloren. Siehst du, das gibt doch zu denken. Ich nehme für meine Kinder keineswegs in Anspruch, daß sie etwa Ausnahmemenschen seien; ich habe vielmehr die feste Überzeugung, daß jeder normal geartete junge Mensch für diese Methode zugänglich ist.«

»Vielleicht ist es so; leider hat nur nicht jeder Vater diese besondere Gabe mit seinen Kindern zu reden. Mir fehlt sie jedenfalls. Wenn ich junges Volk sich so aufblähen sehe, in seiner kläglichen Hohlheit, dann ist es bei mir schon vorbei mit der Geduld.«

Barck lachte gutmütig. »Was bist du doch für ein heilloser Choleriker! Nimm diese Halbflüggen doch nicht so schrecklich ernst. Junge Hähne, die krähen wollen und noch nicht richtig können, sind doch äußerst amüsant. Ich besinne mich da auf ein Vorkommnis hier bei uns im Hause. Helmut hatte als Sekundaner oder Primaner sich eines schönen Tages eine ganze Anzahl von Kameraden gleichen Alters mitgebracht zu einem ›Diskussionsabend‹. Als einleitenden Redner hatten sie sich einen Oberprimaner verschrieben, ein ganz besonderes Lumen, wie er mir schon vorher mit großem Respekt mitteilte. Theo Wiltmann hieß der vielversprechende Jüngling; aber du wirst ihn ja auch kennen. Er hat nachher in seinem ersten Semester mit irgendeinem gewaltigen Drama die Welt aus den Angeln gehoben.«

»Ja, ja, ich entsinne mich. Er war auch mal bei uns im Hause.«

»Nun also, der Vortrag stieg, und ich fand mich auch dazu ein. Der junge Demosthenes ließ sich durch meine Anwesenheit nicht im mindesten stören. Mit einer erstaunlichen Suada, um die ihn ein zünftiger Volksredner hätte beneiden können, setzte er seinem jugendlichen Auditorium und mir ›arterienverkalktem, altem Herrn‹ – so rangierte er mich wahrscheinlich in seine Weltordnung ein – gründlich auseinander, wie es um diese Welt bestellt sei. Er wies nach, daß jeglicher Fortschritt der Menschheit, alles Große in Kunst und Wissenschaft nur immer von den jungen Stürmern und Drängern gekommen sei. Daher sei es denn auch nicht mehr als recht und billig, daß nun die Alten, Überlebten, die den Forderungen der neuen Zeit nicht gewachsen seien, von der Bühne abträten und der Jugend die Leitung des Welttheaters überließen. – Schließlich war der Redner zu Ende. Der von ihm erwartete Beifall kam nicht recht zum Durchbruch, meine Anwesenheit genierte die jungen Weltenstürmer doch wohl etwas, und so eröffnete Herr Theo Wiltmann denn die Diskussion. Als erster erbat ich das Wort und sagte etwa folgendes: Es ist mir zunächst Bedürfnis, dem Herrn Redner für seinen Vortrag zu danken, der mir sehr interessant war, wenn ich mich freilich auch nicht mit allem einverstanden erklären kann. So will es mir zum Beispiel nicht recht in den Kopf, warum wir ›Alten‹, wenn ich den Herrn Redner recht verstanden habe, also die Jahresklassen von etwa fünfundzwanzig Jahren an aufwärts – nur noch so wenig in der Welt zu sagen haben sollen; sintemalen wir doch, nach Ausweis der Statistik von der jeweils lebenden Menschheit stets einen ziemlich beträchtlichen Prozentsatz ausmachen. Ferner scheint mir auch angesichts der geringen Wertschätzung von uns ›Alten‹ die Tatsache nicht ganz unbeachtlich, daß wir doch auch einmal jung waren und also dasselbe Verdienst, wenn freilich auch schon der Vergangenheit angehörig, für uns in Anspruch nehmen können wie die noch in ihrer Jugend prangenden Herrschaften. Anderseits ist wohl auch nicht ganz zu übersehen, daß diese zum Teil bereits in wenigen Jahren selber jene ominöse Grenze erreicht haben werden, die sie dem so übel beleumundeten ›Alter‹ zuweist. In Erwägung dessen möchte ich mir erlauben, ein Sprüchlein aufzusagen, das schon seit ziemlicher Zeit im Volksmunde ist und immerhin eines gewissen Erfahrungswertes nicht entbehren dürfte. Dieser alte Vers lautet:

›Grünes Gras, was prahlst du so? –
Jeder Halm wird einmal Stroh!‹

Ich stelle ergebenst anheim, auch diese These in den Kreis Ihrer geschätzten Diskussion zu ziehen, die ich nun aber nicht weiter aufhalten möchte – womit ich mich bestens empfohlen halte.«

»Ausgezeichnet!« Der Kammergerichtsrat lachte herzhaft; seit langem war ihm das nicht mehr geschehen. »Und der Erfolg dieser Aussprache?«

»Ich hörte darüber nur von meinem Jungen. Er kam keine zehn Minuten später zu mir ins Zimmer und berichtete, die Versammlung wäre ›geplatzt‹. Theo Wiltmann hätte zwar nach meinem Fortgang versucht, in ziemlich dreister Weise meine Ausführungen abzutun, aber da waren ihm die andern über den Schnabel gefahren. Sie gäben mir ganz recht und duldeten es nicht, daß ein so ›famoser alter Herr‹ – so hatten sie die Freundlichkeit zu sagen – derart angegriffen werde. Kurzum, es kam zum Krach und vorzeitigem Abbruch der Versammlung, und die bedeutsamen Leitsätze des Herrn Theo Wiltmann blieben leider ohne Diskussion.«

»Ja, du hast eben eine glückliche Art, Dinge und Menschen zu nehmen.«

»Sie nicht ernst zu nehmen – das ist das ganze Geheimnis meiner Kunst.«

Lynar schüttelte den Kopf. »Da kann ich dir leider nicht folgen. Das Leben ist doch eine bitterernste Angelegenheit.«

»Wem sagst du das?« Die lichtlosen Augen suchten den andern; es lag plötzlich eine große Hoheit über dem blassen, durchgeistigten Antlitz Barcks.

Der Kammergerichtsrat griff rasch nach der schmalen Hand des Freundes. »Verzeih, ich meinte nur –«

»Ich versteh' dich schon; doch der Ernst des Lebens hat nur da sein Recht, wo es um höchste Dinge geht. Du aber –«

»Natürlich – ich ereifere mich um jeden Quark, ich bin der Tyrann der Meinen, ich knechte meinen Sohn – sprich es ruhig aus! Ich bin auf solche Anschuldigungen völlig gefaßt.«

»Bester Lynar, ich schuldige dich nicht an; nur helfen möchte ich dir von Herzen gern. Dein Sohn hat neulich einmal meinem Jungen sein Herz ausgeschüttet, und da er kein Geheimnis vor mir hat, so weiß nun auch ich darum. Darf ich also reden?«

»Tu's – in Gottes Namen!«

»Du hast Fred den Verkehr im Soltauschen Hause schon immer verleidet und schließlich ganz benehmen wollen – offen gestanden, das begreif' ich nicht. Du weißt, ich kenne die Familie seit langem, bin dort vertrauter Freund und kann es daher einfach nicht verstehen, wie du zu diesem Verbot kommen konntest.«

»Ich will es dir erklären. Ich kenne die Dame ja nicht persönlich, aber nach allem, was ich von meinem Sohn hörte, herrscht dort im Hause ein Geist, den ich nicht billigen kann, den ich vielmehr aufs schärfste bekämpfen muß.«

»Was für ein Geist soll denn das sein?«

»Eben jener Geist des schrankenlosen Sichgehenlassens, der absolutesten Freiheit in Verkehr und Lebensgenuß. Die Mutter hat offenbar nicht die mindeste Autorität über die Töchter, läßt ihnen in allem ihren Willen und ihre eignen Wege, ganz wie sie wollen. Was dabei aber herauskommt, das kann man sich denken. Dieser ungehemmte Verkehr der Geschlechter im Enkwicklungsalter muß doch zu den unausbleiblichen Folgen führen. Ich will gar nicht an das Schlimmste denken, ich nehme an, daß die Soltauschen Töchter hinreichend sittliche Widerstandskraft haben. Aber sonst – was soll aus Mädchen werden, die nichts im Kopfe haben als ihr Vergnügen, die keine häuslichen Pflichten kennen, die in der freiesten Weise mit jungen Leuten zu verkehren gewohnt sind, die zu ihnen mit der gleichgültigsten Miene von Dingen reden, von deren Existenz wir in diesem Alter überhaupt noch nichts geahnt haben? Das müssen ja völlig blasierte, innerlich abgebrühte Wesen werden, denen jeder zarte Schmelz der Weiblichkeit fehlt. Und da soll man es ruhig mit ansehen, wie der eigne Sohn im Begriff steht, sich an solch ein Geschöpf zu verlieren, das nichts weiter denkt, als wie es seinen Bubikopf pflegt, seine rhythmischen Übungen macht und abends tanzt? Das kann man doch nicht ruhig geschehen lassen, wenn man noch einen Funken Vaterpflicht in sich fühlt!«

»Ich kann nur eins bedauern, nämlich, daß du die, von der du sprichst, nicht einmal persönlich kennengelernt hast. Ruth Soltau ist das stillste, feinste Mädchen, das du dir denken kannst. In ihr hat sich der Geist der alten und der neuen Zeit aufs glücklichste vereint. Sie ist in ihrem Empfinden und Sichgeben so weiblich wie nur möglich, von absoluter Reinheit. Dazu hat sie aber durch vieles, was sie beobachtet und durchdacht hat, einen Tiefblick, eine Sicherheit des Urteils gewonnen, die ihr der beste Schutz gegen alle Gefahren ist. Und du wirst mir zugeben müssen, daß das junge Mädchen von Heute, das schon früh ins Leben hinaustritt, diesen Schutz recht nötig hat. Die Soltauschen Töchter führen auch keineswegs das Drohnenleben, das du ihnen andichtest. Wenn ihre Existenz nach menschlichem Ermessen auch völlig gesichert ist, so hat sich doch jede einen Beruf erwählt. Die Ältere studiert, und die Jüngere bildet sich zur Innenarchitektin aus. Wenn sie in ihren freien Stunden eifrig Sport treiben und sich mit ihren Freunden vergnügen – willst du es ihnen verübeln? Denk' an unsre Studententage in Marburg – ich glaube, wir haben auch nicht bloß im Kolleg gesessen!«

»Das ist was anderes. Junge Mädchen gehören ins Haus. Das Getriebe draußen nimmt ihnen den zartesten Schmelz.«

»Mein guter Lynar, mir scheint, du willst mit aller Gewalt nicht sehen, daß sich die Welt seit unsren Jugendtagen doch einige Male um ihre Achse gedreht hat. Bist du denn wirklich blind gegen das, was doch nun einmal unabänderliche Tatsache ist? Die bittre Notwendigkeit hat einen neuen Typ des jungen Mädchens herangezüchtet, und das ist gut so. Nicht bloß der Lebenskampf der berufstätigen Frau, allein schon die Selbstbehauptung im Verkehr und gesellschaftlichen Leben erfordert auch vom jungen Mädchen unsrer Kreise Erfahrung und Entschlossenheit, Umblick, Selbständigkeit und drängt das Gefühlsmäßige zurück vor dem Verstandesmäßigen. Ich gebe zu, darin liegen gewisse Bedenken für die Charakterentwicklung der Frau; Übertreibungen, Mißbildungen kommen vor. Aber das sind bloß Übergangserscheinungen, es wird sich alles ausgleichen, und das Schlußergebnis dieses Züchtungsprozesses, ich bin dessen ganz gewiß, wird ein tüchtiger, harmonischer Mensch sein. Freilich, das Gretchen, für das wir einst schwärmten, die Schillersche Jungfrau mit züchtigen, verschämten Wangen, die schwindet für immer aus der Welt. Aber ist es wirklich schade darum? Du scheinst dieser Meinung zu sein. Mein lieber Lynar, seien wir einmal ehrlich: Gewiß, wir glaubten an das Ideal unserer holden Jugendeselei – nein, ich will darüber nicht spotten – es war uns damals etwas Heiliges, und es war schön. Aber war es auch gut? Heute, als reife Menschen müssen wir es uns doch sagen: Es war eine sentimentale Verlogenheit, zu der wir das junge Mädchen zwangen, eine Lüge, die nicht selten zu tiefstem Unglück führte, nachher in der Ehe. Da blieb die Ernüchterung auf beiden Seiten nicht aus. Mit schmerzlicher Enttäuschung mußten wir erkennen, daß die Angebetete doch nicht das Gebild aus Himmelshöhen war, zu dem wir sie in unsrer Phantasie gemacht hatten, sondern auch mit allerlei irdischen Gebrechen behaftet war. Und unsere Frauen merkten ebenso bald, daß er, ›der Herrlichste von allen‹, daheim im Schlafrock auch verdammt anders aussah als im Sonntagskleid der Seele, in dem wir bei festlichen Gelegenheiten einherspazierten, den einzigen, bei denen zu unsrer Zeit junge Leute verschiedenen Geschlechts miteinander in Berührung kamen. Nun frage ich dich aber: Ist das heutzutage nicht tausendmal vernünftiger, wo junge Menschen bei Spiel und Sport oder bei Ausbildung und Beruf tagtäglich miteinander zusammen sind und sich dabei recht gründlich kennenlernen? Da wird man sich keine törichten Illusionen mehr voneinander machen.«

»Zugleich wird die Jugend aber auch um ihr Letztes gebracht, um ihre Ideale!«

»Ideale – wir sind ja seinerzeit auf dem Gymnasium damit überfüttert worden. Ja, ich muß es schon einmal sagen: Ich bin etwas skeptisch über den Wert dieses seelischen Nährmittels geworden. Ich glaube, eine kräftige Dosis Wirklichkeitssinn, wie sie zum Beispiel die jungen Engländer mit auf den Weg bekommen, würde uns nichts schaden. Gewiß, wir sollen unsren Kindern hohe Ziele weisen, sie nicht im Materiellen versumpfen lassen – das ist ja selbstverständlich – aber dabei sollen wir doch nie die realen Möglichkeiten aus dem Auge verlieren. Sonst ziehen wir Ikarusnaturen heran, die nachher mit gebrochenen Schwingen am Boden liegen, oder Phantasten, die irgendwo im Wolkenkuckucksheim herumflattern. Nein, den Blick klargemacht, zur Höhe gerichtet, doch nur zu Höhen, die wir wirklich erreichen können! Und das soll auch für das Verhältnis der Geschlechter zueinander gelten.«

Lynar schüttelte den Kopf. »Ich kann mir nicht helfen, auf diesem Wege drängen wir die Jugend in öde, graue Nüchternheit hinein.«

»Gewiß – manch bunter Schein verblaßt, der uns gelockt hat, aber es war doch eben nur Schein! Und der Weg führte durch allerlei Gestrüpp und Dickicht, in dem Stickluft herrschte, wo den Wuchergewächsen schwüler Phantasie Nahrung geboten wurde. Sieh dir die Jugend von heute an. Durch den freien, kameradschaftlichen Verkehr der Geschlechter ist, wenigstens bei allen gesunden Naturen, in den Entwicklungsjahren jene geheime Spannung behoben, unter der wir seinerzeit litten, wenn wir es natürlich auch als unschicklich nicht wahr haben wollten. Die jungen Leute sehen ineinander nur Kameraden, begegnen sich frisch und unbefangen – ist das nicht ein großer Gewinn, der manches aufwiegt, was auf der andern Seite verlorengeht?«

»In diesem letzten Punkte will ich dir rechtgeben, aber trotzdem kannst du mich nicht überzeugen. Ich bin in anderen Anschauungen groß geworden und bleibe dabei; das sind nun einmal Ansichtssachen.«

»Und weil sie es sind, warum willst du mit Gewalt anderen deine rein persönliche Ansicht aufzwingen?«

»Erlaube – als Vater habe ich doch nicht nur das Recht, sondern auch die Pflicht, dem, was ich nach bestem Wissen und Gewissen für richtig halte, auch bei meinen Kindern zur Geltung zu verhelfen.«

»Dies formale Recht hast du freilich, solange sie noch nicht mündig sind; die sittliche Berechtigung dazu muß ich dagegen nachdrücklich bestreiten. Du sollst deine Kinder doch zu ihrem Besten beraten, nicht zu deinem. Wer sagt dir aber, daß sie mit deinen Anschauungen glücklich sein und sich im Leben zurechtfinden werden, zumal wenn diese Ansichten dem Geist der Zeit so völlig zuwiderlaufen wie die deinen? Es ist doch deine verdammte Pflicht und Schuldigkeit, als Vater deine persönlichen Empfindungen hintanzusetzen und dich in jedem Falle lediglich zu fragen: Was ist hier das beste für mein Kind?«

»Tu' ich denn das nicht?«

»Nein – nimm mir's nicht übel – das tust du sicher nicht! Du hast dich einmal verrannt in den Grundsatz: So wie ich denke und fühle, ist es für einen anständigen Menschen meines Standes das richtige, und darum ist es so auch das beste für meine Kinder. Nach dieser Schablone entscheidest du unbesehen in jedem einzelnen Falle. Das aber ist der große Fehler. Damit bringst du selber alles Unglück über dich und die Deinen. Lynar, wenn ich so rede, geschieht es doch nur aus dem warmen Wunsch heraus, dir, euch allen zu Hause, zu helfen. Es kann einen ja jammern, wenn man diese Quälerei mit ansieht, unter der ihr alle, du nicht zuletzt, leidet!«

Der Kammergerichtsrat schwieg, aber er war in sich zusammengesunken. Da sprach der Freund weiter auf ihn ein:

»Gewinn' es doch über dich, mit deinem bisherigen Grundsatz zu brechen. Deine Kinder sind wahrhaftig in einem Alter, wo sie der Zuchtrute entwachsen sind; stell' dich also ihnen gegenüber einmal auf den Standpunkt: Es ist meine Pflicht als Vater, sie in allen entscheidenden Fragen des Lebens zu beraten, so gut ich es verstehe. Entweder, es gelingt mir, sie zu meiner Ansicht zu bekehren – gut, so ist alles in Ordnung; glückt es mir aber nicht, – nun, so habe ich das meinige getan, und zu mehr bin ich nicht verpflichtet. Mögen sie dann sehen, wohin sie auf ihrem Wege kommen.«

»Das heißt unter Umständen, sie in ihr Verderben laufen lassen!«

»Wohl nicht immer gleich ins Verderben; aber die Köpfe werden sie sich manchmal blutig stoßen, und das ist nur heilsam. Denk' an unsere Kinderzeit: Was hundert gutgemeinte Warnungen von Vater und Mutter nicht fertig brachten, eine einzige tüchtige Beule, die wir uns in den Dickschädel rannten, brachte das Wunder gleich zuwege. Man muß nur nicht ängstlich sein; es kostet ja nicht immer gleich Kopf und Kragen. Und wenn wirklich – nun, da hat es eben so kommen müssen, da konnten wir es nicht ändern.«

»Ich bin überrascht, dich so sprechen zu hören, gerade dich, der du doch an deinen Kindern hängst und aufs beste mit ihnen stehst.«

»Man wird Philosoph im Laufe seines Lebens und verlernt es, die Vorsehung spielen zu wollen. Das, was man mit sich und denen, die man liebt, einmal vorhatte, das erreicht man doch nicht. Da wird man Fatalist. Man muß sich nur trotzdem die Heiterkeit der Seele wahren, kein Kopfhänger sein. Immer das Beste erhoffen, aber auf alles Schlimme gefaßt sein – das ist die ganze Kunst des Lebens.«

»Du bist zu beneiden um deine Abgeklärtheit.«

»Ich hab' sie mir auch allerlei kosten lassen! Ich sage dir das nicht, um mich zu rühmen, sondern denke nur immer, ich könnte dich mit all dem ein Stück vorwärtsbringen. Zum Beispiel, du erwähntest eben das gute Einvernehmen mit meinem Sohn. Ja, das war auch nicht immer ganz leicht. Schon sein Entschluß, Flieger zu werden! Ich sagte mir natürlich auch: Warum gerade das? Gibt es nicht Hundert andere, weniger gefahrvolle Berufe? Muß ausgerechnet dein einziger Sohn diesen ergreifen? Und dann seine alpinistischen Liebhabereien! Jedesmal, wenn er in die Berge geht, zu seinen halsbrecherischen Klettertouren, muß man damit rechnen, daß ihm ein Unglück widerfährt. Da hab' ich mir natürlich auch die Frage vorgelegt: Darf ich das dulden? Kann ich das verantworten? Aber als ich mich mit ihm darüber unterhalten habe, als ich merkte, was ihm dieses Erproben von Mut und Kraft bedeutet, wie sich seine besten Seelenkräfte daran schulen, da sagte ich mir, hier darfst du nicht eingreifen! Hier drängt eine innerste Lebensnotwendigkeit, deren Erfüllung deinem Jungen höchstes Glück bedeutet. Und die Welt braucht solche Menschen, die todverachtend nach den Höhen streben. Also schick' dich drein, wie's auch kommt!«

»Wirklich, Barck, ich bewundere dich – du bist ein Weiser! Ich wünschte, ich könnte dir auf deinem Wege folgen.«

»So komm'! Es hängt ja nur von deinem Entschluß ab.« Der Blinde streckte dem Freunde beide Hände entgegen, aber dieser entgegnete mit traurigem Ernst:

»Mir fehlt der Auftrieb. Zuviel ist in mir zerschlagen worden; alles was mir einmal hoch und heilig war: Vaterland, nationale Ehre, der Glaube an mein Volk. So blieb mir nur meine Familie, aber auch hier ist mir alles unter den Händen zerbrochen. So wahr Gott mir helfe: Ich wollte für sie nur das Beste, und der Erfolg? Ein Scherbenhaufen!«

In innerster Erschütterung preßte Barck die Hände des alten Gefährten.

»Nicht doch, Lynar – noch ist es Zeit, dir die Liebe der Deinen wiederzugewinnen. Gib ihnen nur ihr Recht! Stoß die Fenster deines Hauses auf – laß den gesunden Hauch der neuen Zeit hinein!«

Lynar schüttelte schwermütig das Haupt. »Ich bin zu alt, um umzulernen; auch zu müde – ich mag nicht mehr. Wer einmal einen Weltensturz erlebt hat, der fragt sich: Lohnt es wirklich der Mühe? Wer weiß, wie lange die neue Herrlichkeit dauert! Vielleicht steht schon eine noch neuere, noch herrlichere Zeit vor der Tür, bereit, uns zu beglücken! Kurzum, für mich ist es zu spät, noch einmal anzufangen. Es ist in mir schon lange etwas gebrochen, und neulich der Auftritt mit Fred hat mir den Rest gegeben. Ich bin seitdem auch körperlich nicht mehr recht auf der Höhe. Aber eins will ich dir versprechen: Ich gebe den Kampf auf, ich will Frieden um mich herum haben. Wie du es vorhin sagtest: Ich habe das meinige getan – nun seht selber zu, wie ihr fertig werdet!«

»Recht so, mein lieber Lynar, damit ist viel gewonnen.« Kraftvoll drückte Barck dem Freunde die Hand. »Nur darf deine Resignation nicht nach Bitterkeit schmecken. Laß die Deinen ihre eignen Wege gehen, aber verfolge sie mit warmem Anteil im Herzen.«

»Ich will mich ehrlich bemühen, es zu tun – mehr kann ich nicht versprechen.«

*

Die Hochzeit Ilses und Erich Friemars rückte heran. Schon seit der Verlobung der beiden hatte sich Frau Karla mit einem Gedanken getragen, nun besprach sie ihn zunächst mit den Töchtern. Mit Ilses Heirat machte sich eine Verständigung über wirtschaftliche Fragen erforderlich. Die Mutter schlug den Töchtern daher vor, Ilse, abgesehen von der Ausstattung, mit einem bestimmten Anteil am Besitz und Erträgnis der Fabrik zu beteiligen, den sie in die Ehe einbringen sollte; doch schien es Frau Karla erwünscht, daß dann Friemar in die Leitung des Unternehmens mit eintrat. So würde fortab ein Mitglied der Familie dort Aufsicht und unmittelbaren Einfluß ausüben können. Ilse war über diesen Vorschlag natürlich hocherfreut; sie fand, daß sich die Mutter »sehr anständig« benahm, und es schmeichelte ihrem Stolz, daß ihr künftiger Gatte nicht wie bisher einen mittleren Rang in einem Betrieb einnahm, sondern eine repräsentative Stellung als Direktor eines bekannten, großen Unternehmens erhielt.

Auch Ruth war einverstanden. So blieb denn nur übrig, Friemars Einwilligung zu dem Wechsel seiner Position einzuholen, was allen dreien natürlich nur als eine reine Förmlichkeit erschien, angesichts der Vorteile, die damit verknüpft waren. Ilse hatte es der Mutter überlassen, diese geschäftliche Unterredung mit dem Verlobten zu erledigen. Zu ihrem Erstaunen mußte Frau Karla aber bei dieser Aussprache merken, daß Erich Friemar stärkste Bedenken zeigte, ja sich nahezu ablehnend verhielt. Sie forschte nach seinen Gründen, und offen erklärte er ihr nun, es behage ihm nicht, bloß der Mann seiner Frau zu sein und seine wirtschaftliche Existenz ihr zu verdanken. Was er im Leben zu erreichen hoffe, das wolle er aus eigner Kraft erlangen. Er sei dazu auch auf dem Wege. Seine gegenwärtige Stellung sei nur ein Durchgangsposten, und man habe ihm Aussicht gemacht, einmal in die Leitung der Flugzeugwerke einzutreten, wenn es freilich auch noch Jahr und Tag dauern könne.

Frau Karla nötigte dieser charaktervolle Standpunkt Achtung ab, dennoch beharrte sie bei ihrem Vorschlage. Gerade diese Gesinnung Erich Friemars bestimmte sie dazu. Sie betonte, wie sehr ihr im eignen Interesse wie in dem ihrer Töchter daran gelegen sei, durch seine Person in dem Familienunternehmen vertreten zu sein. Es wäre ihr schon immer ein beunruhigender Gedanke gewesen, da ganz fremden Menschen vertrauen zu müssen. Dieser Grund allein war es, der Friemar schließlich bestimmte, den Vorschlag anzunehmen.

So kam denn alles, wie geplant. Am Tage der Hochzeit trat Erich Friemar als Bevollmächtigter seiner an dem Unternehmen beteiligten Frau in die Direktion der Fabrik ein.

Die Hochzeit wurde im Soltauschen Hause in großem Rahmen gefeiert; die Jugendgefährten der Braut und ihrer Schwester waren selbstverständlich zugegen. Auch die Trauung fand im Hause statt. Den Wintergarten hatte man zu einer Kapelle umgestaltet. Hinter den Palmen und Oleandern, vor denen der Altar stand, war ein Harmonium aufgestellt worden. Alles war sehr schön und feierlich, doch lag über den Intimen des Hauses eine gewisse Spannung. Es war doch seinerzeit nicht unbemerkt geblieben, wie Friemar der Mutter seiner jetzigen Braut große Aufmerksamkeit erwiesen hatte, also immerhin eine etwas eigenartige Situation!

Doch die geheime Sensationslust kam nicht auf ihre Kosten. Das Brautpaar erschien, mit vorbildlicher Haltung. Ein gewinnender Anblick, diese beiden schlanken, schön gewachsenen Menschen, die nicht rechts noch links sahen, sondern festen Schritts ihrem Ziele zuschritten – der Vereinigung für immer. Über den Mienen des Hauptmanns, der an diesem Ehrentage seine alte Uniform mit all den Orden und Kriegsauszeichnungen angelegt hatte, lagerte ein feierlicher Ernst. Das Antlitz der Braut zeigte jene kühle Ruhe, die ihr eigen war; aber das feine, rassige Gesicht war heute doch wie durchleuchtet von einer inneren Glut.

Mit der Mutter des Bräutigams trat dann Frau Karla unter die Traugäste. Es war ein eigner Gegensatz, diese beiden Mütter zu sehen. Die verwitwete Frau Geheime Oberregierungsrat Friemar war an Jahren Frau Karla stark voraus; mit dem stark ergrauten Haar, mit der betonten Altfrauentracht wirkte sie wie die Mutter Frau Karlas. Nie vielleicht hatte diese schöner und jugendlicher ausgesehen als heute am Hochzeitstage ihrer Tochter. Ein wenig blaß wohl schimmerte das Antlitz unter dem goldblonden Haar, und in den großen, dunklen Augen war etwas wie ein leises Flimmern, aber diese geheime Bewegung steigerte noch den Zauber ihrer sieghaften Erscheinung.

Die Trauung war beendet; das junge Paar nahm die Glückwünsche entgegen. Als erste traten die Mütter heran, eine jede zu ihrem Kinde, das sie bewegt in die Arme schlossen. Aber wie nun Frau Karla vor Erich Friemar stand und, einer natürlichen Regung folgend, dem Manne ihrer Tochter die Wange zum Kuß bot mit einem tief ernsten Blick, da sah sie, wie plötzlich seine Lippen erzitterten, wie er bleich wurde und sich dann mit einer jähen Bewegung über ihre Hand neigte, die sie ihm gereicht hatte. Ein Schwindel überkam Karla, unwillkürlich schloß sie die Augen – mein Gott, was war das? Aber sie durfte sich nichts anmerken lassen! So lächelte sie denn, wie sie gleich wieder die Lider hob, während Erich Friemar von ihr zurücktrat. Das erste, was sie gewahrte, war ein Blick Ilses, der forschend auf ihr ruhte. Ihr Herz zuckte auf. Wenn ihre Tochter den Vorgang beobachtet hatte!

Doch die Gäste drängten heran, brachten auch der Brautmutter ihre Glückwünsche dar, und bald ging es zu Tisch. Stundenlang saß man an der Tafel, dann wurde getanzt. Die Mitternacht war schon überschritten, als sich das junge Paar unauffällig zurückzog, um im Auto ins Hotel nach Berlin zu fahren, von wo aus sie morgen ihre Reise an die Riviera antreten wollten. Ilse wechselte so mit der Mutter nur einen flüchtigen Gruß, der nicht verriet, ob sie vorhin wirklich etwas wahrgenommen hatte. Und dann kamen Wochen der Trennung.

*

Unter den Hochzeitsgästen war auch Fred Lynar gewesen. Das frohe, lockende Bild dieses Festes, der Anblick des glücklich vereinten jungen Paares, brachten geheime Wünsche und Pläne, die in ihm schon seit Monaten heranwuchsen, zur Reife.

Die Hoffnungen, mit denen Fred seinen eignen Weg eingeschlagen, hatten sich verwirklicht. Zwar nicht ganz in einem Punkte: Das große Ausstellungsbild, das er nach Rückkehr Ruths vom Harz doch noch gemalt hatte, fand zwar hier und da Anerkennung bei der Kritik, doch es wurde nicht der durchschlagende Erfolg, wie er ihm vorgeschwebt hatte; dazu lag es zu wenig im Zuge der Zeit. Um so besser hatte sich aber seine Stellung in dem Reklameatelier entwickelt. Schnell hatte Fred erfaßt, worauf es ankam, und man wurde auf seine ideenreichen Entwürfe in ihrer fernen, kultivierten Art, die dabei aber doch etwas Keckes, Schmissiges hatten, bald aufmerksam. Der junge Künstler bekam einen gewissen Namen, immer mehr Aufträge gingen ein, und damit wuchsen seine Einnahmen, da er bei eignen Entwürfen am Gewinn beteiligt war.

Dieser unerwartet schnelle Erfolg steigerte Fred Lynars Selbstgefühl. Nun war er durch! Er stellte in seinem Fach etwas dar, und bereits boten sich noch günstigere Aussichten. Ein Warenhauskonzern war an ihn herangetreten; man war nicht abgeneigt, ihm die künstlerische Leitung der Propagandaabteilung des Unternehmens zu übertragen. Es wurde ihm ein Anfangsgehalt von 12 000 Mark geboten. Fred erklärte sich bereit, bedang sich aber das Recht aus, nebenher noch für sich arbeiten zu können. Im Grundsatz war die Gegenseite damit einverstanden, doch schwebten noch Verhandlungen über gewisse Einschränkungen dieser Freiheit.

Getragen vom Stolz über das Erreichte, im Frohgefühl einer noch viel mehr versprechenden Zukunft, hielt Fred Lynar nun die Zeit für gekommen, um jetzt auch noch an das höchste Ziel seines Lebens zu gelangen. Er liebte Ruth, seit Jahren schon, wenn er ihr auch nur immer als Freund begegnet war. Die reine Verehrung, die er für sie empfand, schloß ein heißes Sehnen nach ihr nicht aus. Ja, es kamen Stunden, wo er starke dunkle Mächte in sich fühlte, die zum Ausbruch drängten. Doch stets wieder hatte er sich in solchen Stunden zum Schutz gegen sich selber das reine Bild der Geliebten vor Augen gerufen und die Dämonen der Leidenschaft zurückgedrängt. Sehr schwer war es ihm oft geworden, seine Liebe vor Ruth zu verbergen, aber er hatte sich fest vorgenommen, sich ihr nicht eher zu offenbaren, als bis er sich durchgekämpft hatte. Jetzt war es so weit, warum also noch länger warten? Und er ging zu Ruth.

Es war am Nachmittag. Er traf die Jugendfreundin in Gesellschaft der Mutter, so daß eine Stunde im gemeinsamen Gespräch verrann, ohne daß sich eine Gelegenheit zur Aussprache bot, doch nahm sie wie ihre Mutter die Mitteilung über seine guten Berufsaussichten mit herzlicher Freude entgegen. Endlich wurde Frau Karla in einer häuslichen Angelegenheit abgerufen, und sofort sprang Fred auf.

»Ruth – ich muß dich sprechen, ungestört! Können wir nicht einmal ein paar Minuten hinaufgehen auf dein Zimmer?«

»Gewiß, wenn es dir nötig erscheint – worum handelt es sich denn?«

»Nicht hier – oben bei dir!«

Ruth willfahrte seinem Wunsche, wenn auch etwas befremdet über seine sichtliche Erregtheit. Und daß er nicht einmal mit einem Worte andeutete, worum es ging!

Oben wandte sich dann das Mädchen dem Jugendgefährten zu:

»Nun sind wir allein – also was ist es?«

»Ruth –!« Er trat dicht vor sie hin und griff nach ihren Händen. In seinen Augen strahlte es auf, wie sie es noch nie an ihm gesehen hatte, so daß sofort eine Unruhe über sie kam. Mit klopfendem Herzen hörte sie seine Worte:

»Was ich dir zu sagen habe, wird dich überraschen. Ich weiß es – ich habe dir ja niemals auch nur die leiseste Andeutung gemacht. Aber jetzt sollst du's wissen – Ruth! – ich hab' dich lieb! Solange ich denken kann! Immer, immer nur dich! Und nun bin ich so weit, daß ich um dich werben darf. Ihr hörtet's ja vorhin. Ich kann nicht länger sein ohne dich! Ich vergehe nach dir! Ruth –« und ehe sie es noch hindern konnte, riß er sie an sich. Einen Augenblick nur, dann entwand sie sich ihm und trat weit zurück. Er verstand es nicht. Erschrocken rief er:

»Ruth –! Warum das?«

»Ja, begreifst du denn nicht?«

»Mein Gott, ich dachte doch –« Seine Augen zitterten, und plötzlich sah er sie an, mit weit offnem Blick. »Liebst du mich denn nicht?«

Es bebte eine solche Angst in seiner Frage, daß die Strenge ihres Blicks sich milderte. Da bat er noch einmal, flehentlich:

»Sag es doch, damit ich wenigstens weiß, woran ich bin: Du – du liebst mich nicht!«

So verzweifelt klang es, daß jetzt bei ihr das Mitleid durchbrach und, wieder ruhig geworden, gab sie Antwort; langsam, jedes Wort abwägend, um ihn nach Möglichkeit zu schonen:

»Du wußtest ja, deine Mitteilung würde mich überraschen. Versteh es also, wenn ich eben erregt war. Und nun fragst du mich – Fred, es fällt mir so schrecklich schwer, dir zu antworten. Auch ich hab dich lieb – ganz gewiß – aber nicht so! Wie ein Bruder bist du mir immer gewesen, wirklich wie ein lieber Bruder, und darum bin ich ja eben so furchtbar erschrocken –«

Eine lichte Röte stieg ihr ins Antlitz. Sie senkte die Augen. Er gewahrte es, und nun kam es ihm zum Bewußtsein, wie verkehrt es gewesen war, sie so mit seinen geheimen Empfindungen zu überfallen. Reue überwältigte ihn, doch zugleich ein verzweifeltes Wünschen, es möchte noch gutzumachen sein, was er selber verdorben hatte. So drang er denn in sie, mit innigem Beschwören:

»Verzeihe mir, Ruth, ich folgte ganz meinem Herzen! Und nun hab ich dich so erschreckt, gekränkt; dich, die du mir so hoch und heilig bist wie nichts auf der Welt! Sag mir wenigstens, daß du mir das glaubst.«

Sie hob den Blick wieder zu ihm auf. »Ja, Fred, das glaub' ich dir.«

»Hab Dank!« jubelte es aus ihm, und er faßte neuen Mut. »Nun sag mir das noch: Wenn du auch bisher bloß schwesterlich für mich empfunden hast, jetzt, wo du weißt, was ich für dich fühle, jetzt ist es doch möglich, daß auch dein Empfinden – daß du allmählich –«

Entschlossen schüttelte sie das Haupt. »Wenn wir denn einmal davon reden, so soll wenigstens volle Klarheit zwischen uns sein. Laß es mich noch einmal sagen, Fred: Du bist mir lieb wie ein Bruder und sollst es mir bleiben; aber erwarte nicht mehr von mir.«

»Ist das deine innerste Überzeugung?«

»Ganz gewiß.«

»Dann leb' wohl!« Er stieß es hervor und wandte sich zur Tür.

» So willst du von mir gehen – vielleicht für immer?«

Er blieb noch einmal stehen. Es dunkelte ihm vor den Augen und zuckte ihm um den Mund; doch er biß die Zähne aufeinander, und nun rief er:

»Alles oder nichts! Ich kann nicht anders!«

Im nächsten Augenblick war er draußen.

*

 

 << Kapitel 5  Kapitel 7 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.