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Jugendstürme

Paul Grabein: Jugendstürme - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
authorPaul Grabein
titleJugendstürme
publisherPeter I. Oestergaard Verlag
year1930
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160113
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Bevor Ruth mit ihrer Mutter abreiste – sie hatten einen schön gelegenen Ort des Oberharzes zum Aufenthalt gewählt – hatte sie Fred Lynar noch davon benachrichtigt und ihm zugleich die Einladung für die Pfingstferien übermittelt. Fred war über Ruths unerwartete Abreise sehr enttäuscht gewesen, doch diese Einladung machte es wieder gut. Wenn er die zwei Ferienwochen dort oben Tag für Tag fleißig arbeitete, konnte er das Bild wohl fertig bringen. So handelte es sich nur noch darum, die Einwilligung des Vaters zu der Reise zu erhalten. Absichtlich hatte Fred die Erledigung der Sache bis zur letzten Stunde hinausgeschoben. Er wußte, es würde einen harten Kampf kosten und wollte daher sich und der Mutter die Unannehmlichkeiten nicht früher als nötig bereiten. So trat er dann erst am Freitagabend vor Pfingsten mit seiner Bitte an den Vater heran. Er stieß auf Ablehnung. Darauf war Fred gefaßt gewesen, doch hatte er gehofft, wie manchmal schon, dem Vater durch hartnäckigen Widerstand schließlich doch die Einwilligung abzuringen. Heute aber merkte er, er hatte sich verrechnet. Der Kammergerichtsrat blieb völlig unzugänglich. Der Gedanke, daß ein junges Mädchen aus guter Familie Modell zu einem Bilde stehen sollte, und daß die eigene Mutter dies guthieß, stieß ihn geradezu vor den Kopf. Je mehr sich der Sohn bemühte, ihn umzustimmen, desto hartnäckiger verbohrte sich Lynar in seine Ansicht und, schwer gereizt, ließ er sich endlich zu einer Kritik Frau Karlas und Ruths wie des ganzen Geistes des Soltauschen Hauses hinreißen, die Fred unmöglich ruhig hinnehmen konnte. Er flammte auf, verteidigte die Frauen, die er verehrte, verbat sich solche Angriffe und stürzte mit hochrotem Kopf aus dem Zimmer, um noch Schlimmeres zu vermeiden.

Allein mit sich, faßte Fred dann seinen Entschluß: Er würde fahren, auch gegen den Willen des Vaters! Die Sache erforderte es. Das Bild, von dem er soviel für sich erhoffte, mußte rechtzeitig fertig werden. Aber auch abgesehen davon – er ließ sich nicht mehr wie ein Schuljunge behandeln. Aus dem Kursbuch, das er sich schon beschafft hatte, stellte er fest, daß noch heute nacht ein Personenzug abging, der gegen fünf Uhr früh in Harzburg ankam. Von dort waren es zu Fuß etwa zwei bis drei Stunden bis zum Aufenthaltsorte Ruths. Er konnte also morgen früh schon dort sein, und traf danach seine Vorbereitungen. Er packte seinen Rucksack, sein Malgerät und wartete, bis es Zeit zum Aufbruch war.

Es ging alles nach Wunsch. Fred, dessen Zimmer als erstes am Eingang der Wohnung lag, während die Eltern ihr Schlafzimmer am hinteren Korridor hatten, kam unbemerkt aus dem Haus, nachdem er auf seinem Schreibtisch einen Brief mit entsprechender Nachricht hinterlassen hatte.

Die nächtliche Bahnfahrt in dem langsam dahinfahrenden, überfüllten Zug war zwar kein Genuß, aber sie ging schließlich vorüber, und als Fred sich auf dem Bahnhof in Harzburg aufgefrischt und eine Tasse Kaffee genommen hatte, wanderte er mit seinem nicht ganz leichten Gepäck schnellen Schritts in dem taufrischen Bergwald empor. Er malte sich die Überraschung Ruths aus, die erst heute abend mit seinem Kommen rechnen würde, und freute sich mit dem unbekümmerten Sinn der Jugend auf die Wochen fröhlichen Schaffens in einer herrlichen Natur, frei von jedem väterlichen Zwange. An das, was hinter und noch vor ihm lag, nach seiner Rückkehr ins Elternhaus – wollte er nicht denken. Alles zu seiner Zeit!

So fiel Fred ganz unerwartet den Soltauschen Damen ins Haus, gerade als sie im Begriff waren, ihr Frühstück zu nehmen. Ruths Freude war ganz so, wie Fred es sich ausgemalt hatte. Er wollte ihr und sich diese erste Stunde des Wiedersehens in keiner Weise trüben und verschwieg ihr deshalb einstweilen, was sich daheim begeben hatte. In heiterer Stimmung nahm er mit den Damen das Frühstück und ging dann mit Ruth in den Wald. Frau Karla selber schlug es so vor; sie wollte den jungen Leuten, die sich sicherlich allerlei zu erzählen hatten, diese Gelegenheit nicht nehmen.

Auf diesem Wege erfuhr nun Ruth von Freds heimlicher Abreise und erschrak sehr. Sie sagte sich sofort, daß dieser unbedachte Schritt zu den ernstesten Folgen führen müßte, und gab dem Ausdruck. Aber Fred, in einem ihr unbegreiflichen Leichtsinn – oder gab er sich nur so? – wollte nichts davon hören. Die karg bemessenen Stunden der Freiheit hier oben wollte er sich nicht mit solchen Gedanken beschweren. Wie herrlich war doch dieser Maientag! Sein Künstlerauge trank selig all die Schönheit ringsum in sich ein, und er suchte auch sie in seinen Freiheitsrausch mit hineinzureißen. Aber Ruth blieb bedrückt. Schwer lastete ein Ahnen auf ihr, und es war nur zu berechtigt. Als sie um die Mittagszeit wieder ins Hotel zurückkehrten und Ruth den Freund in sein Zimmer geleitete, um zu sehen, wie er untergebracht war, lag dort schon ein Telegramm für Fred von seinem Vater. Es lautete: »Unverzüglich zurückkommen, widrigenfalls Abbruch aller Beziehungen.«

Mit einem kurzen Auflachen warf Fred die Depesche hin. Ruth griff danach, las sie und erblaßte.

»Meine Ahnung – was wirst du tun?«

»Hierbleiben – selbstverständlich!«

»Das wäre der offne Bruch.«

»Zu dem mußte es früher oder später doch kommen.«

Sie redete bewegten Herzens auf den Jugendgefährten ein; aber dieser, der sich ihr bisher immer zugänglich erwiesen hatte, blieb starr. In ihrer Angst lief sie zur Mutter und kam mit ihr wieder. Vereint bemühten sich die beiden, Fred zur Besinnung zu bringen; vergebens, er verharrte verbissen bei seinem Nein. Da griff Frau Karla zu einem letzten Mittel. Ernst sah sie den jungen Menschen an.

»Fred, Sie wissen, wie lieb Sie mir sind; aber gerade darum fühle ich mich mitverantwortlich für Ihr Schicksal. Meine Einladung hat den Anlaß zu dem Konflikt mit Ihrem Vater gegeben; sie soll nun aber nicht dazu führen, das Tischtuch zwischen euch beiden für immer zu zerschneiden. Darum – so leid es mir tut – in Ihrem eigensten Interesse sehe ich mich genötigt, meine Einladung zurückzunehmen. Verstehen Sie es nicht falsch, Fred, seien Sie mir darum nicht gram, aber es muß sein – zu Ihrem Besten!«

Dem jungen Lynar schoß die Röte ins Gesicht.

»Damit zwingen Sie mich allerdings, sofort abzureisen – ob Sie freilich Ihre gute Absicht erreichen werden, das steht auf einem andern Blatt.« Und er wandte sich ab.

»Fred!« Bittend trat Ruth zu dem Freunde und legte ihm schwesterlich den Arm um die Schulter. »Mama meint es doch nur gut – sieh die Sache nicht so leidenschaftlich an!«

Aber er schüttelte sie erregt ab. »Mein Entschluß steht fest! Und nun laßt mich, bitte, allein – ich muß packen!«

Wenn auch schweren Herzens folgten die Frauen seiner Bitte.

Schon eine halbe Stunde später – er nahm selbst das Mittagessen nicht mehr im Hotel ein – brach Fred wieder auf. Er tat es, obwohl er wußte, daß er nachher den ganzen Nachmittag und Abend im Wartesaal in Harzburg sitzen mußte. Ein bitterer Trotz war in ihm – nun war ja doch alles gleich! Und auch kurz nur war sein Abschied von den Frauen.

Wieder eine Nachtfahrt im Personenzug, diesmal aber eine Qual, in finsterem Grübeln verbracht, während er eine Zigarette nach der anderen rauchte. Zerschlagen, mit überreizten Nerven, kam Fred am Morgen in Berlin an und fuhr mit der Straßenbahn nach Hause. In seinem Starrsinn hatte er auf die Depesche des Vaters nicht geantwortet. Er ahnte freilich nicht, daß Frau Karla dem Vater telegraphisch sein Kommen angezeigt hatte.

Gegen sieben Uhr betrat Fred die Wohnung der Eltern. Er nahm ein Bad und kleidete sich um, dann trat er ins Eßzimmer. Er fand dort die Mutter allein vor, wie nicht anders zu erwarten war, tief vergrämt und verweint. Sie schlug ihm aufschluchzend die Arme um den Hals.

»Wie konntest du das tun!«

Fred empfand im ersten Regen Mitleid, aber da hörte er schon auf dem Hinterkorridor den harten Tritt des Vaters nahen. Rasch machte er sich von der Mutter frei, und Haltung wie Miene wurden starr.

Nun stand der Kammergerichtsrat im Zimmer. Ein düsterer Blick traf den Sohn.

»Da bist du ja wieder. Einen Rest von Pflichtgefühl und Gehorsam hast du dir also wenigstens noch bewahrt.«

»Du verkennst die Beweggründe meiner Rückkehr. Ich kam nur, weil Frau Soltau – um mich nicht länger in Konflikt mit dir zu bringen – ihre Einladung zurücknahm. Da ich leider nicht die Mittel besitze, um dort auf eigne Kosten zu weilen, blieb mir also nichts weiter übrig als herzukommen. Knüpfe aber daran keine falschen Hoffnungen.«

»Fred!« Geängstigt sah die Mutter zu dem Sohn hin, da wandte sich dieser an den Vater:

»Ich glaube, was wir uns weiter zu sagen haben, geschieht besser unter vier Augen.«

»Nach dem, was ich eben von dir hörte, kann ich nur derselben Ansicht sein – komm!«

Vergebens rang die gequälte Frau noch einmal mit stummem Beschwören die Hände zu Fred hin. Er wollte es nicht sehen. In starrer Entschlossenheit folgte er dem Vater nach in sein Arbeitszimmer. Hier machte dieser mit kurzer Wendung halt und bohrte den Blick in den des Sohnes.

»Was hast du mir zu sagen?«

Über Fred war nun, wo die Stunde der Entscheidung da war, eine ihn selber überraschende kalte Ruhe gekommen. Fest sah auch er dem Vater ins Auge.

»Du fühlst wohl selber, daß es so mit uns beiden nicht weitergeht. Jede Begründung erübrigt sich. Es kann sich nur noch darum handeln, daß wir uns in Frieden über die weitere Gestaltung unseres Verhältnisses zueinander verständigen.«

»Und wie denkst du dir dieses?«

»Ich möchte dich bitten, mir die Mittel zu geben, um, wenn auch in bescheidener Weise, selbständig mein Leben führen zu können – außerhalb deines Hauses und ohne jede Kontrolle deinerseits.«

»Sonst hast du keine Wünsche?«

Fred überhörte die Ironie der Frage. Ruhig erwiderte er: »Nein, Vater, und ich wäre dir aufrichtig dankbar, wenn du mir diesen Wunsch erfüllen würdest.«

»Das kann ich mir lebhaft vorstellen! Aber nun mal im Ernst gesprochen«, die Lippen des Kammergerichtsrats zitterten vor verhaltener Erregung, »was soll ich von deinem Ansinnen denken? Es setzt doch allem die Krone auf! Meinem ausdrücklichen Verbot zuwider machst du die Reise, stiehlst dich bei Nacht und Nebel aus dem Haus, und nun soll ich dir zur Belohnung ein Schlaraffenleben gewähren! Du sollst tun und lassen können, was du willst, und ich darf bloß die Ehre haben, dir die Mittel dafür zur Verfügung zu stellen. Da hört doch alles auf!« Lynars Rechte krachte auf den Tisch. »Hältst du mich für schwachsinnig, daß du es wagst, mir mit so etwas zu kommen?«

»Das nicht, aber ich hielt dich für so vernünftig denkend, daß du den einzigen friedlichen Ausweg wählen würdest. Leider muß ich sehen, daß ich mich darin getäuscht habe.«

»Du erlaubst dir eine Sprache mir gegenüber – ich rate dir, treib' es nicht zu weit!« drohend schüttelte Lynar die Faust und trat näher an den Sohn heran.

Unbeweglich stand Fred, kreidebleich, doch mit glühenden Augen. So stieß er hervor: »Ich bin bei dir auf alles gefaßt, aber das sage ich dir: Vergißst du dich so weit – dann bei Gott! – weiß ich nicht, was ich tue!«

Es zitterte eine so ungeheure, sprungbereite Leidenschaft in dem schmächtigen, jungen Menschen, daß es nicht ohne Eindruck auf den Kammergerichtsrat blieb. Er merkte, er hatte den Bogen überspannt. Lynar war auch nicht ohne Gefühl; er empfand das Schreckliche dieses Augenblicks! So standen sich zwei Menschen gegenüber, die sich die nächsten auf der Welt sein sollten! Aber allzu tief war er in Bitterkeit und Rechthaberei versunken, um die eigne Schuld an all dem zu erkennen und noch im letzten Moment einzulenken. Er wußte nur das: Er hatte seine Pflicht an diesem Sohn voll getan, er hatte ihn zu erziehen, in Bahnen zu drängen versucht, wie er sie nach heiliger Überzeugung für richtig hielt – aber vergebens! Am Starrsinn Freds, der sich beharrlich widersetzte, war alles gescheitert. Noch einmal wollte der Zorn in Lynar aufsieden, doch er bezwang sich, des Augenblicks eben eingedenk, und wie der Kammergerichtsrat nun sprach, da war er ganz der Jurist, der – in Ausschaltung jeden persönlichen Empfindens – kalt und klar die Entscheidung fällt, die der Lage des Falls nach billigem Ermessen entspricht.

»Du wirst verstehen, daß es mir nach deinen letzten Worten nicht ganz leicht wird, selbst nur noch ein gewisses Verkehrsverhältnis zu dir zu finden. Gleichviel muß es sein. Ich habe einmal meine Zustimmung zu deiner Ausbildung als Künstler gegeben und fühle mich danach rechtlich wie moralisch verpflichtet, sie zu Ende zu führen; selbstverständlich nur bis zu der Grenze, die mir zugemutet werden kann. Nach den mir von sachkundiger Seite gewordenen Auskünften kann deine Ausbildung längstens zu Ostern nächsten Jahres als abgeschlossen gelten. Bis dahin halte ich mich also noch für verpflichtet, für dich in angemessener Weise zu sorgen. Das heißt, du erhältst Unterkunft und Verpflegung nach wie vor hier im Hause, wie deine anderen Geschwister auch. Wie du dir dein Leben innerhalb dieser Grenzen einrichtest, das soll deine Sache sein. Voraussetzung ist natürlich, daß deine Lebensgewohnheiten nicht gegen die Sitten eines guten Hauses verstoßen. Im übrigen gebe ich es von heute ab auf, irgendeinen beratenden Einfluß auf dich auszuüben. Auftritte, wie der eben, sind nicht gerade heilsam für mich.«

Ein Zittern lief durch seine Gestalt, und die aufzuckenden Finger der Rechten suchten Halt an der Lehne eines nahestehenden Stuhles. Fred entging es nicht. Einen Moment lang wollte es wie ein Schuldgefühl über ihn kommen, aber als er in die verbissenen Züge des Vaters sah, verflog dies Empfinden wieder, und er sagte:

»Ich verstehe, daß der Entschluß, den du dir eben abrangst, dir nicht leicht fällt. Ich danke dir dafür, und wäre er etwas eher gekommen, so hätte er uns beiden viel erspart. Nun ist es aber zu spät. Über einen Augenblick, wie den vorhin –« Freds Stimme erbebte –, »läßt sich nicht hinwegkommen. Es ist dir nicht zuzumuten, daß ich weiterhin in deinem Hause lebe und dir tagtäglich vor Augen trete – aber auch mir nicht. Darum müssen sich nun unsere Wege trennen. Ich habe vorausgesehen, was heute gekommen ist, und mir bereits alles zurechtgelegt. Seit längerer Zeit schon drängt mich ein Bekannter, der Mitinhaber eines großen künstlerischen Reklameateliers, zu ihm zu kommen. Er bietet mir festes Gehalt und Beteiligung am Absatz von mir angefertigter Entwürfe. Ich hätte ohne weiteres angenommen, wenn ich nicht erst noch meine Akademiezeit hätte beenden wollen. Nun aber muß dies Bedenken fallen. Ich kann ja auch noch an den Abendkursen der Akademie teilnehmen und so, wenn auch erst später, dennoch das Ziel meiner Ausbildung erreichen. Kurzum, du kannst beruhigt sein, ich mache meinen Weg.«

Der Kammergerichtsrat hatte sich inzwischen gesetzt. Den Kopf in die Hand gestützt, hörte er den Sohn an. Nun sagte er:

»Aus allem entnehme ich, daß deine Absicht, deinen eignen Weg zu gehen, also schon seit geraumer Zeit besteht; nun –« er räusperte sich – »ich will mich mit der Feststellung dieses Faktums begnügen. Was den von dir geplanten Weg anlangt, so hast du ja anscheinend das Für und Wider hinlänglich abgewogen und wirst also selber wissen, was du damit tust. Wie vorhin schon erklärt, ich versage es mir, mit meinem Rat hervorzutreten. Wenn dir an einer formellen Zustimmung meinerseits gelegen ist, so erkläre ich mich hiermit einverstanden, daß du mein Haus verläßt und dich auf eigne Füße stellst. Es erübrigt sich, darauf hinzuweisen, daß ich damit jeder weiteren Verpflichtung, für deine Ausbildung und dein Fortkommen zu sorgen, enthoben bin.«

»Darüber bin ich mir vollkommen klar.«

»Nun, da wäre unsere Unterhaltung wohl zu Ende. Alles Gute auf deinem ferneren Lebenswege!«

Fred war einen Augenblick unschlüssig, ob er dem Vater die Hand bieten sollte, aber ehe er sich entschieden, war dieser schon zur Tür getreten. Nun schloß sie sich hinter ihm.

*

Frau Karla und Ruth waren vom Harz wieder zurückgekehrt. Das anhaltend schöne Wetter war dem Golf- und Tennissport günstig; fast täglich waren daher die Töchter auf dem Klubplatz. Da auch Hauptmann Friemar dem Klub angehörte und sogar als einer seiner eifrigsten Mitglieder, war es nicht zu vermeiden, daß er mit den Soltauschen Damen in häufigere Berührung kam und auch den gesellschaftlichen Verkehr mit ihnen wieder aufnahm, wenn er nicht auffallen wollte.

Frau Karla hatte der ersten Begegnung mit ihm mit einer Beklemmung entgegengesehen. Auf ihren Brief damals hatte der Hauptmann nur kurz geantwortet: Angesichts der unabwendbaren Tatsache, vor die sie ihn gestellt, sähe er von allen überflüssigen Worten ab. Wie ihn ihr Entscheid getroffen habe, das würde sie sich selber denken können; er müsse natürlich ihre grundsätzlichen Bedenken respektieren, und seiner Freundschaft dürfe sie sich immer versichert halten.

Nun war er zum ersten Male wieder als Gast in ihrem Hause, zusammen mit einigen andern Sportkameraden der Töchter. Mit leise pochendem Herzen ging Frau Karla, ihn zu begrüßen, jedoch, es machte sich dann leichter als sie gedacht hatte. Erich Friemar gab sich anscheinend ganz ungezwungen und trat ihr nur noch als verehrender Freund entgegen, so daß auch sie schnell ihre Sicherheit wiederfand.

Ilse hatte dies erste Begegnen mit scharfen Augen überwacht, aber sie konnte zufrieden sein: Da schwälte offenbar kein Funke mehr unter der Glut. Von der Mutter hatte sie es nach allem nicht anders erwartet, dagegen war sie sich Friemars nicht ganz sicher gewesen; doch anscheinend hatte auch er gewaltsam den Brand ausgetreten. Sie konnte es verstehen. Er war ein Mann von Energie und Selbstgefühl, die Ablehnung mochte ihn empfindlich getroffen haben, da machte er nun kurzen Prozeß – warf alles hinter sich. Das gefiel Ilse.

Es war überhaupt seltsam: Während ihr der Hauptmann im Anfang ziemlich gleichgültig gewesen war – er zählte für sie nur als Partner bei Sport und Tanz – regte sich seit seinem Erleben mit der Mutter bei ihr ein gewisses Interesse für ihn. Ihre Gedanken beschäftigten sich öfter mit ihm, und sie legte sich die Frage vor, ob sie, falls Friemar ihr seine Neigung zugewandt hätte, diese hätte erwidern können. Im Grunde wußte sie von ihm als Menschen kaum etwas. Er war sehr zurückhaltend. Von seinem Gefühlsleben ließ er sich nichts anmerken. Das berührte sie keineswegs unangenehm; es war ihre eigne Art. Und überhaupt – wenn sie ihn vor sich sah, den glänzend gewachsenen, rassigen Mann von gepflegter Eleganz, so hatte er schon etwas, was sie vielleicht hätte reizen können. Und plötzlich sprang ihr der Gedanke auf: Warum übersah eigentlich Friemar sie so ganz? Daß es geschah, stand außer Frage. Er suchte niemals eine Unterhaltung, sprach gerade nur soviel mit ihr, daß er nicht unhöflich erschien. Also war offenbar nichts an ihr, was ihn fesselte – aber hatte sie denn nur so wenig zu bieten?

Ilse versank in ein Nachdenken, in das sofort wieder eine Regung von Eifersucht und Feindseligkeit gegen die Mutter mit hineinklang. Sie begann sich mit dieser zu vergleichen. Geistig hatte sie ganz gewiß diesen Vergleich nicht zu scheuen; sie wollte sich nicht überheben, aber sie war sich dessen sicher, daß sie hier hinter der Mutter ganz gewiß nicht zurückstand. Aber in ihrem Äußern? Nun ja, es war zuzugeben, die Mutter war wirklich eine reizvolle Frau, aber konnte sie sich nicht trotzdem neben ihr sehen lassen? Sie war nicht eitel, doch das glaubte sie von sich sagen zu dürfen: Auch sie war eine aparte Erscheinung, vielleicht von einer gewissen Herbheit, aber gerade dieses Knabenhafte, das in der Linie der heutigen Mode lag, war doch für viele Männer von besonderer Anziehungskraft. – Wie war es also möglich, daß ein Mann von Welt und gutem Geschmack wie Friemar so an ihr vorübersah?

Ilse sann weiter nach, zergliederte alle Möglichkeiten und endlich kam sie zu dem Schluß: Da konnte nur ein Grund sein, ihre Kühle gegen die Männer! Sie war sich dieser bewußt, und vertraute Kameraden wie Theo Wiltmann hatten sie ja oft mit ihrer Unnahbarkeit geneckt. Diese war nicht gerade künstlich gemacht, die Anlage dazu lag jedenfalls in ihrem Wesen, aber – wenn sie ganz ehrlich sein wollte – so hatte sie doch diese Anlage noch absichtlich betont. Sie gefiel sich in dieser Herbheit; sie fand, daß sie zu ihrem Stil, zu ihrer äußeren Erscheinung paßte. So war ihr denn das kühl Überlegene und Abwehrende dem Mann gegenüber zur Gewohnheit geworden. Aber es schien, daß das nicht jedermanns Sache war, und gerade bei einem Manne wie Erich Friemar gab ihr das zu denken.

Erst wollte sich ihr bei solchen Gedankengängen eine ironische Geringschätzung regen. Was lag ihr schon an ihm! Aber wenn ihn ihr Auge streifte, in seiner männlichen Verhaltenheit, hinter der sie seltsam lockende Tiefen ahnte, wenn sie sich vorstellte, daß ihre Mutter imstande gewesen war, ihn zu entflammen, dann zuckte es doch in ihr auf: Sollte ihr nicht auch möglich sein, was jene vermocht hatte? Wenn sie nur wollte! Sie fühlte es plötzlich, drinnen in ihr schlummerten Kräfte, ihr selber noch unbekannt, bisher kaum bewußt geworden, doch sie waren da, und wenn sie sie brauchen würde, wer wußte, was dann geschah? Und mit einem Male sprang in ihr der Entschluß, auf: Sie wollte! Es lockte sie, ihre eignen, noch unbekannten Möglichkeiten zu erproben, ihrer Mutter, der ewig Sieghaften zu zeigen, daß sie selber kein Aschenbrödel war, und eine wilde, dunkle Lust kam ihr, ihre Macht gerade an diesem Mann zu erweisen, der bisher so blind gegen den Reiz ihrer Erscheinung gewesen war.

Von dieser Stunde an erfuhr Ilses Benehmen gegen Friemar eine Wandlung. Freilich war sie klug genug, nur ganz allmählich ihre Herbheit fallen und ein Temperament aufblitzen zu lassen, von dem bisher kaum einer eine Ahnung gehabt hatte. Viel eher als der Hauptmann gewahrte Frau Karla diese Wandlung Ilses. Es geschah mit einem leisen Erschrecken: Was ging hier vor? Sie war ja der einzige Mensch, der wußte, daß sich hinter Ilses betonter Kühle ein bis zur Leidenschaft reizbares Empfinden verbarg. Was aber hatte so plötzlich den Funken in ihr Inneres geworfen? Und welcher Art war der Brand, der dort aufglomm?

Als stille Beobachterin konnte Frau Karla feststellen, wie nach und nach auch Friemar auf Ilse aufmerksam wurde, mit offenbarem Verwundern. Was zeigte sich da an dem Mädchen? Hatte er denn früher nie Augen dafür gehabt? Frau Karla sah ihn nachdenklich werden und erriet seine Gedanken: Ganz gefangen von dem Eindruck der Mutter, hatte er bisher völlig den Reiz übersehen, der der Tochter eigen war; dieses gelegentliche Hervorbrechen eines überschäumenden Temperaments, doppelt reizvoll im Gegensatz zu der kühlen Abwehr, die ihr Wesen für gewöhnlich kennzeichnete. Und mit erwachendem Interesse sah er diesem eigenartigen Schauspiel zu.

Weder Friemar noch Frau Karla ahnten, daß es, wenigstens im Anfang, in der Tat ein Spiel war, was sich hier zeigte – der Wunsch Ilses, einmal zu sehen, wie weit ihre Macht über den Mann reichte. Aber es war ein Spiel, aus dem allmählich Ernst wurde, für beide Beteiligte. Ilse erhitzte sich an dem Feuer, das sie zunächst ganz kühlen Herzens entfacht hatte. Bei Friemar, der immer noch im Banne Frau Karlas stand, gab es allerdings starke Hemmungen. Als er sich zum ersten Male dabei ertappte, wie er Ilses aufsprühende Blicke erwiderte, lachte er gleich darauf im Innern sarkastisch auf: Statt der Mutter die Tochter – war es nicht grotesk? Doch dann kam die Neugier über ihn, zu sehen, wie sich diese eigenartige Situation wohl weiter entwickeln würde, und zugleich ein Drängen des Bluts – das Mädel hatte doch einen ganz eignen, großen Reiz! Halb bewußt, halb unbewußt kam er ihr entgegen. So schürten sie spielerisch gegenseitig die Flammen, bis sie eines Tages über ihnen zusammenschlugen.

Der engere Kreis der Sportgenossen war im Klub zusammen. Man hatte bis zum letzten Tageslicht Tennis gespielt und dann auf der Terrasse eine Bowle angesetzt. Die Stimmung war übermütig ausgelassen. Nun wurde auch noch der Lautsprecher eingeschaltet und auf der Veranda getanzt. Erich Friemar sprang auf und nahm Ilse in den Arm. Sie tanzten erst draußen mit den andern; da der Platz aber beengt war, gingen sie ins Innere des Klubhauses. Sie waren hier ganz allein, der Raum war nicht erleuchtet; nur ein schwacher Dämmerschein drang durch die offne Tür. Aneinander geschmiegt tanzten die beiden. Heiß pulste ihr Blut, erregt vom Sekt und der geheimen Spannung, die schon seit langem in ihnen fieberte. Ihre Augen suchten sich. Dicht vor Friemars Mund lag Ilses Antlitz mit halb gesenkten, schweren Lidern. In ihrem Blick war etwas, was er dort noch nie gesehen hatte: Etwas Weiches, Sehnendes, ein feuchter, dunkler Glanz. Und nun zuckte es auch um ihre Lippen, wie in dürstendem Begehren. Da kam es über ihn. Selbstvergessen warf er sich auf den Mädchenmund und küßte ihn – im Tanze anhaltend – unaufhörlich, wieder und wieder. Ilse war zusammengezuckt. Ihr Herzschlag setzte aus. Ihre erste Regung war, sich von ihm loszureißen, doch schon brannte ihr die sengende Glut seiner Küsse auf den Lippen; da hing sie willenlos in seinen Armen und ließ alles mit sich geschehen.

Erst als draußen die Musik verklang und das Lachen und Plaudern der andern erscholl, gab Friemar sie wieder frei. Wortlos standen sie sich gegenüber, die Blicke gesenkt, beide beherrscht von demselben Gedanken: Was nun? Aber es war keine Zeit zu verlieren. Rasch schob Friemar seinen Arm unter den ihren und drängte sie nach vorn, zur Veranda, zu den übrigen. Es bot sich an diesem Abend keine Gelegenheit mehr zu einer ungestörten Aussprache. So konnte Friemar Ilse nur beim Abschiednehmen ein leises »Morgen!« zuflüstern.

Friemar verbrachte die Nacht ohne Schlaf. Er begriff sich selber nicht. Wie hatte er es bloß soweit kommen lassen können! Er liebte nach wie vor Karla. Aber jetzt war es einmal geschehen, und was nun?

Wie er auch grübelte, er sah nur eins: Er mußte morgen vor Ilse hintreten; in ihrer Hand lag die Entscheidung. Nahm sie das, was geschehen war, als den zwar etwas eigenartigen, doch schließlich auch nicht tragischen Ausbruch eines starken Temperaments hin, nun, so würden sie einander befreit anlächeln und fortab gute Freunde sein. Faßte sie es aber anders auf, dann blieb natürlich nur übrig, daß er ihr seine Hand anbot. Das war er ihr und der Mutter nach seinen Begriffen von Ehre schuldig.

Ilse war nicht minder aufgestört heimgekommen. Bei allem Bewußtsein des Spiels, das sie getrieben, das hatte sie nicht erwartet! Mit Erschrecken ward ihr jetzt klar, daß über diesem Spiel in ihr etwas erwacht war, von dessen Vorhandensein sie bisher nichts geahnt hatte. Wie sie in seinen Armen lag, wie seine Küsse sie trafen und willenlos machten, da fühlte sie, daß sie eine Beute ihrer Sinne geworden war. Das war so elementar über sie hereingebrochen, daß sie selbst jetzt noch, wo sie zu Hause und allein auf ihrem Zimmer war, wie im Nachrausch einer Narkose war. Klares Denken war ihr unmöglich; sie fühlte immer nur den berückenden, verwirrenden Bann jener selbstvergessenen Minute. Erst Stunden später, als sie endlich im Bett lag, war sie imstande, sich die Frage nach der Bedeutung und den Konsequenzen dieses Geschehens vorzulegen.

Über die treibende Kraft bei ihr selber war sie sich ja klar, und plötzlich kam ihr der Gedanke: Wenn diese Kraft auch bei ihm wirksam gewesen war! Die Vorstellung, daß Friemar sie nur in einem Aufflackern der Leidenschaft an sich gerissen haben könnte, quälte sie unsagbar. Sie kam sich wie entweiht – beschmutzt vor. Nein, nein – schrie sie sich selber zu – das konnte, das durfte nicht sein! Und als ob sie damit seine treibenden Empfindungen veredeln könne, suchte sie sich zu beweisen, daß ja auch bei ihr keineswegs bloß die Sinne gesprochen hatten. Da war doch Anderes, Höheres vorausgegangen. Es war bei ihr heimlich ein große Sympathie für Erich Friemar herangewachsen; seine Ritterlichkeit, seine verhaltene Männlichkeit hatten ihm allmählich ihr Herz gewonnen. Ja, so war es doch – wenn sie sich dessen auch nicht klar bewußt gewesen war. Und hieraus schöpfte sie schließlich die Hoffnung, es möchte ihm nicht anders ergangen sein. Denn das war ja nicht zum Ausdenken, daß er ihr etwa morgen mit einem Lebemannslächeln in die Augen sah, in der Erwartung, das gestern Geschehene sei nur der Auftakt für kommende, noch viel schwülere Situationen gewesen. Sie erschauerte bei dieser Vorstellung. Nein – Erich Friemar war ein Ehrenmann! Und hatte er ihr nicht schon beim Abschied das bedeutungsvolle Wort »Morgen!« zugeflüstert? Ganz gewiß, er kam morgen, sie würden sich verloben. Alles nahm seinen guten Weg.

Erleichtert atmete Ilse auf und streckte die Glieder unter der Daunendecke. Für einen Moment tauchte ihr zwar noch der Gedanke an die Mutter auf – doch immerhin eine etwas seltsame Lage! Aber auch darüber kam man hinweg, sie ging ja dann aus dem Hause. Tiefer schmiegte sie da die Wange in das weiche Kissen, eine wohlige Müdigkeit überfiel sie, und bald war sie eingeschlafen.

*

Am andern Vormittag zur Besuchszeit erschien Erich Friemar im Soltauschen Hause. Ilse hatte es so einrichten können, daß sie ihn allein empfing. Sie hatte sich vorgenommen, recht ruhig zu sein und ihm nichts davon zu verraten, was in ihr vorging. Mit dem gleichen Vorsatz trat ihr Erich Friemar entgegen, äußerlich ganz Haltung, kühles Abwarten und doch insgeheim gespannteste Erwartung. Gleich der erste Augenblick mußte ja alles entscheiden. Er hoffte um ihren Mund das leichte, mondäne Lächeln spielen zu sehen, das ihm die quälende Last vom Herzen nahm. Aber wie er, langsam auf sie zutretend, sie ins Auge faßte, da gewahrte er ein nie gesehenes Bild: Ilse, die stets Kühle, Hochmütige, stand – alle Vorsätze vergessend – unverkennbar in banger Erwartung vor ihm, das feine, schmale Antlitz blaß vor innerster Erregung. Und wie sich ihr Auge ihm nun mit einem scheuen und doch süßen Blick entgegenhob, wie dann jäh eine Blutwelle über ihre Wangen rann, das war so lieb, so unwiderstehlich, daß sein Schritt sich unwillkürlich beschleunigte, daß er die Arme hob, und im nächsten Moment lag sie ihm an der Brust, ihr aufglühendes Antlitz an seiner Schulter verbergend.

So verlobten sich Ilse und Erich Friemar. Wenige Minuten später traten sie Arm in Arm in Frau Karlas Zimmer. Mit einem schmerzlichen Zusammenzucken den Herzens gewahrte sie das Paar; aber gleich lächelte sie wieder, und ihre Glückwünsche waren ehrlich gemeint. Tief neigte sich Friemar über ihre Hand, die nun doch unter der Berührung seiner Lippen leise bebte. Über den Zügen Friemars lag in dieser Minute ein tiefer Ernst. Er gelobte sich, was er als Mann von Ehre dem Mädchen an seiner Seite schuldig war: Für immer mußte nun vergessen sein, was er jemals für ihre Mutter empfunden hatte! Der feste Blick, mit dem er, sich wieder aufrichtend, Frau Karla ins Auge sah, sprach es deutlich aus. Sie erwiderte verstehend in gleicher Weise; dann trat sie zu der Tochter, und zum erstenmal seit langer Zeit fanden sich ihre Lippen zu einem herzlichen Kusse.

*

 

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