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Jugendstürme

Paul Grabein: Jugendstürme - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
authorPaul Grabein
titleJugendstürme
publisherPeter I. Oestergaard Verlag
year1930
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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Als Ilse Soltau von ihrem Weg zurückkehrte, hörte sie von der Jungfer, die ihr öffnete, daß vor wenigen Minuten auch die Mutter heimgekommen war, sich aber gleich in ihr Zimmer an den Schreibtisch gesetzt und Anweisung gegeben habe, sie dort nicht zu stören. Etwas betroffen vernahm es Ilse. Aus ihren Vermutungen heraus konnte sie sich diesen dringenden Brief der Mutter nicht recht erklären. Wenn diese, wie sie doch annahm, gerade von der entscheidenden Aussprache mit Friemar kam, was hatte sie da so eilig zu schreiben?

In Gedanken verloren ging Ilse hinauf in ihr eignes Zimmer. Sie hörte im Nebengemach die Schwester, die sie seit der Aussprache gestern abend nicht mehr gesehen hatte; aber sie unterließ es, zu ihr hinüberzugehen. Erst die Unterredung mit der Mutter! Sie hielt daran fest, wenn sie auch inzwischen wieder völlig ruhig geworden war. Nach angemessener Frist wollte sie nach unten zur Mutter gehen.

Die Zeit, die Ilse sich dafür gesetzt hatte, war aber noch nicht zur Hälfte abgelaufen, als es an ihre Tür, draußen von der oberen Diele her, klopfte. Die Jungfer trat ein mit der Meldung:

»Die gnädige Frau lassen Fräulein Ilse und Ruth zu sich bitten.«

Erstaunt blickte Ilse auf das Mädchen, das nun ins Nebenzimmer zur Schwester wollte, doch Ilse winkte ab.

»Nicht nötig, ich werde selber –«

Die Jungfer zog sich zurück. Ilse öffnete die Tür zu dem angrenzenden Raum und rief hinein:

»Ich habe dir eine feierliche Zitation von Mama zu übermitteln; wir beide sind eben befohlen worden!«

Ruths Stirn zeigte Unmut; es klang offenbar in ihr noch die unerfreuliche Aussprache von gestern abend nach. Sie sah die Schwester an, fast streng:

»Hast du etwa schon mit Mutter gesprochen, wie du gestern wolltest?«

»Ich hatte vor, es in längstens zehn Minuten zu tun – nun aber kommt mir diese Vorladung Mamas zuvor. Was hältst du davon?«

»Mama wird uns eben etwas mitzuteilen haben – jedenfalls wollen wir sie nicht länger warten lassen.«

Die wirkliche oder nur zur Schau getragene Gelassenheit erzeugte in Ilse von neuem Kampfstimmung. Zu allem entschlossen schritt sie, Ruth folgend, die Treppe hinab.

Frau Karla empfing die Töchter in ihrem Zimmer. Sie stand neben dem Biedermeiersekretär, an dem sie eben ihren Brief geschrieben hatte; er lag, bereits im Umschlag und adressiert, noch dort. Mit ernstem Ausdruck blickte sie hinaus in den Garten, über dem lockend die Frühlingssonne lag. Beim Eintreten der beiden Mädchen wandte sie diesen den Blick zu; über ihrem schönen Antlitz lag eine klare Ruhe, aber zugleich ein Hauch von Wehmut. Sie trat ein paar Schritte auf die Töchter zu.

»Ich habe euch rufen lassen, um euch eine Mitteilung zu machen. Es handelt sich um eine Angelegenheit, die auch euch angeht und euch auch wahrscheinlich schon beschäftigt hat.«

Ein schneller Blick flog von Ilse zur Schwester: da hörst du's! Wie recht hatte ich doch mit allem! – Der Mutter entging dieser Blick nicht. Schmerzlich zuckte es um ihre Mundwinkel, doch in unverändertem Ton sprach sie weiter:

»Seit Eures Vaters Tod – ich denke, ihr könnt es mir bezeugen – habe ich mich euch gegenüber immer rückhaltlos gegeben; ich war bestrebt, nur noch eure ältere Kameradin, eure beste Freundin zu sein – sagt selber: War es nicht so?«

Die älteste Tochter begnügte sich mit einem Kopfnicken, wobei ihr Auge das der Mutter vermied. Was sollte diese feierliche Einleitung? Worauf es hinaus sollte, wußte sie ja schon längst. Ruth aber rief warmherzig:

»Ja, Mutter, es ist ganz so, wie du sagst!«

Voll Trauer haftete Frau Karlas Auge an dem Antlitz ihrer Ältesten, in dem sich soviel Ablehnung und Mißtrauen zeigte. Langsamer, schwerer kamen da ihre Worte:

»Weil ich euch stets alles anvertraute, will ich euch auch nun nichts verheimlichen, wo eine entscheidungsschwere Frage an mich herangetreten ist. Es wird euch ja wohl nicht entgangen sein, daß Hauptmann Friemar ein ernstes Interesse für mich zeigte. Gestern abend gab er mir nun zu erkennen, daß er eine Entscheidung erwarte – er bat mich um eine Unterredung.«

»Und sie wird ihm gewährt!« Funkelnden Auges rief es Ilse und deutete zu dem Brief auf der Platte des Sekretärs. »Du bist bereit, ihm dein Ja zu geben!«

Ruhig hielt Frau Karla dem feindseligen Blick der Tochter stand. »Du irrst doppelt. Weder habe ich Friemar um sein Kommen gebeten, noch bin ich zu einem Ja bereit. In dem Brief dort steht vielmehr, daß eine Wiederverheiratung nach Lage der Dinge für mich grundsätzlich nicht in Frage kommt. Er dürfe also in meinem Entschluß nichts sehen, was ihn persönlich kränken könne. Im übrigen teilte ich Friemar noch mit, daß ich eine längere Reise, die ich ohnehin schon geplant hatte, in kürzester Frist antreten würde. Ich hoffte, daß, wenn wir uns nachher wieder begegnen, wir uns als gute Freunde gegenübertreten würden. – So, nun wißt ihr alles, und ich denke, gewisse Besorgnisse, die namentlich du, liebe Ilse, offenbar schon gehegt hast, damit für immer beseitigt zu haben.«

Ilse sah vor sich hin. Sie war von der kühl und scharf denkenden Art des Vaters, der jede Erklärung gleich immer auf ihre letzten Konsequenzen hin überprüfte. Gewiß, im vorliegenden Fall war die Sorge gegenstandslos geworden. Die Erklärung der Mutter enthielt darüber hinaus die grundsätzliche Bindung, unverehelicht zu bleiben; aber da war eine Klausel – »nach Lage der Dinge –«, das konnte offenbar nur heißen, solange auch die Töchter noch unverheiratet waren. Aber wie, wenn Ruth und sie selber heirateten? Daß es einmal, und zwar in nicht allzu ferner Zeit geschehen würde, war ihr nicht zweifelhaft, und die Mutter war dann immer noch eine begehrenswerte Frau, zumal im Hinblick auf ihre glänzenden Vermögensverhältnisse. Würde sie aber auch dann, wenn die Töchter aus dem Haus und damit Hinderungsgründe des guten Geschmacks beseitigt waren, einer Werbung noch ihr Nein entgegensetzen? Scharf gesehen – so urteilte Ilse – blieb die Situation unverändert, nur daß die Frage im Augenblick nicht mehr aktuell war. Es war also zu erwägen, ob sie die Aussprache mit der Mutter wegen der materiellen Sicherstellung der Töchter im Falle ihrer später doch etwa noch erfolgenden Wiederverheiratung nicht trotz allem herbeiführen sollte, da man gerade einmal von diesen Dingen sprach.

Während in Ilse diese Gedanken aufzuckten, war Ruth rasch zu Frau Karla getreten. Wie eine Schwester umfing sie die Mutter und suchte deren Hände, die sich in einer ruhigen, wenn auch leise schmerzlichen Entschlossenheit ineinander gelegt hatten. Zärtlich strichen ihre Finger über diese Hände hin, indem sie nun drängte:

»Mutterle, ist denn das wirklich dein unabänderlicher Beschluß? Hast du dir auch wirklich alles reiflich überlegt? Sieh, noch ist's Zeit – noch liegt der Brief da. Laß uns doch noch einmal darüber sprechen. Es will mir ja gar nicht in den Kopf, daß du, gerade du, wo du in deiner ersten Ehe so unglücklich warst, nun auch weiterhin einsam durchs Leben gehen sollst – bloß unsertwegen! Denn das fühl' ich ja ganz genau: Es ist nur das, was dich bestimmt. Aber solch Opfer können und wollen wir nicht annehmen. – Ilse«, ernst mahnend sah sie zur Schwester hinüber, »sag' auch du, daß wir ganz gewiß nicht dem Glück unsrer Mutter im Weg stehen wollen.«

Ilse hob die Achseln. Nur zu deutlich stand in ihren Zügen der Ärger über Ruths unerwarteten Anruf. Endlich sagte sie ausweichend, die Augen auf Ruth gerichtet:

»Ich nehme an, und Mama hat dies auch meines Erinnerns vorhin klar zum Ausdruck gebracht – alles, was sie uns sagte, ist das Ergebnis langer und reiflicher Überlegungen. Ich kann mir also nicht denken, daß jetzt irgendwelche gefühlsmäßige Äußerungen unsrerseits an diesem ernstlichen Entschluß etwas werden ändern können.«

Wieder traf Ilse ein tiefdringender Blick der Mutter, dann wandte sich diese Ruth zu:

»Ilse hat ganz recht. Mein Entschluß ist unwiderruflich. Gleichwohl hat mir deine ›gefühlsmäßige Äußerung‹, wie Ilse es nennt, meine liebe Ruth –« Frau Karla zog die jüngste Tochter an sich – »herzlich wohlgetan. Aber nun –« und sie gab Ruth wieder frei – »ist die Angelegenheit zwischen uns erledigt. Nur eins noch: Ich möchte nicht gern allein reisen, ich hatte also gedacht, daß ihr, oder doch wenigstens eine von euch, mich begleitet.«

»Mich wirst du wohl entschuldigen müssen, Mama«, rief Ilse, »die Übungen im Seminar sind mir doch zu wertvoll, als daß ich sie auf längere Zeit unterbrechen möchte.«

Frau Karla nickte nur; dann blickte sie auf Ruth. »Und du?«

Das offne Antlitz der jüngsten Tochter zeigte einen Augenblick Verlegenheit. »Du weißt doch, Muttchen, ich hatte Fred versprochen, ihm zu seinem Ausstellungsbild zu sitzen –«, doch als sie nun die Enttäuschung im Antlitz der Mutter gewahrte, erklärte sie entschlossen: »Selbstverständlich lasse ich dich nicht allein reisen, gerade jetzt! Ich gehe mit dir. Vielleicht kann es Fred so einrichten, daß er während der Pfingstferien zu uns kommt – wenn du ihn einladen wolltest als unsern Gast. Dann würde er immer noch rechtzeitig zur Ausstellung fertig werden.«

Gern sagte Frau Karla die Einladung zu und verständigte sich mit Ruth noch über den Zeitpunkt der Abreise; es lag ihr daran, schon in den nächsten Tagen zu fahren. Dann hatte die Unterredung ihr Ende. Frau Karla ließ sich Golfjacke und Spazierstock reichen, um den Brief an Friemar persönlich zum Postamt zu bringen.

*

Theo Wiltmann hatte heute Abend seine grundlegenden Gedanken für den Zusammenschluß des »Rings der Eigenen« einem weiteren Kreise seiner Freunde und Bekannten vorgetragen. Über hundert Personen mochten wohl in dem von ihm gemieteten Konzertsaal vereint gewesen sein. Bei seinen Hörern, meist sehr jungen Studenten und Kunstbeflissenen beiderlei Geschlechts, gewollt lässigen Erscheinungen mit Intelligenzbrille und aus der Stirn gekämmtem Haar und, sofern es junge Mädchen waren, von möglichst mannsähnlicher Tracht und Gebarung, hatte der Vortragende schon während seiner Ausführungen, ganz besonders aber jetzt zum Schluß, laut aufrauschenden Beifall gefunden. Viele drängten nun nach vorn zum Rednerpult und umdrängten beglückwünschend den jungen »Meister«, wie seine Gemeinde ihn bereits nannte, und mit lärmendem Zuruf wurde er bestürmt, nun zur großen Tat zu schreiten: die Welt mit der Gründung des »Rings der Eigenen« zu überraschen, zu überrennen – niederzuschmettern!

Unter den Hörern waren auch Ilse Soltau, Ulla Ötting, Fred Lynar und Helmut Barck. Unschlüssig standen sie und sahen auf den Ansturm der Entrückten auf ihren Jugendgefährten Theo Wiltmann, mit dem sie eigentlich noch ein Stündchen hatten beisammen sein wollen, um ihre Eindrücke von seiner Rede miteinander auszutauschen. Doch die Sache war aussichtslos; seine begeisterten Anhänger schienen ihn sobald noch nicht freigeben zu wollen. Da wandte sich Ilse Soltau als erste ab:

»Ich habe jedenfalls keine Lust, hier länger zu stehen – ich gehe!«

Es war auch für die andern das Zeichen zum Aufbruch, und bald waren sie draußen auf der Straße. Fred Lynar war an Ilses Seite getreten, während Helmut Barck neben Ulla Ötting hinschritt. Diese war es, die jetzt die Erörterung über den Gewinn des Abends begann:

»Na, Kinder, was sagt ihr eigentlich zu dem Vortrag? Ich muß gestehen, mir geht vorläufig noch alles ganz wild im Kopf herum. Da war ja manches, das hörte sich ganz plausibel an – ja bisweilen war ich gepackt. Der Theo ist doch ein Kerl! Reden kann er jedenfalls, und Gedanken hat er mitunter – fabelhaft! Aber dann kamen wieder Stellen, da konnte ich nur den Kopf schütteln. Verrückt – direkt verrückt – mußte ich denken. Oder lag's nur an mir? Bin ich zu dumm, so etwas zu begreifen?«

Die andern antworteten nicht gleich. Es ging ihnen ebenso wie Ulla. Noch quirlten die Eindrücke des Abends chaotisch in ihrem Hirn durcheinander. Erinnerungsbilder zuckten auf, Bruchstücke des Vortrags, die sich dem Gedächtnis besonders eingeprägt hatten, und wieder hörten sie die großen Worte von rollendem Schwung wie vorhin drinnen im Saal an ihr Ohr tönen:

»So hört mich nun, ihr Berufenen, zu denen allein mein Mund redet – nicht zu den Vielvielzuvielen, den Satten und Matten. So spricht zu euch der Eigene:

Bisher war ein Urgesetz für die Menschen, das lautete: Du sollst! Die Religion trat vor euch hin und gebot: Du sollst glauben, was in den Heiligen Büchern geschrieben steht! Die Sitte kam und forderte: Du sollst tun, was die Moral gebietet. Das Recht erhob streng seine Hand und heischte: Du sollst meine Verbote beachten bei Strafe deines Leibes und Lebens! Und Vater, Mutter, Bruder riefen euch zu: ›Du sollst mich lieben, sollst dich opfern für mich!‹

So kam ein jeglicher zu euch, Gott, Menschheit, Volk, Vaterland, Familie, und verlangten von euch ihr Recht auf Liebe, Achtung und Rücksicht, trieben es von euch ein, gleich einem schuldigen Tribut.

Wie nun aber? So frage ich, der ›Eigene‹, und recke mein Haupt empor wider diese Zöllner. Mit welchem Recht heischt ihr alle das von mir? Ist meine Liebe, meine Achtung, mein guter Wille denn etwa euer Eigentum, daß ihr mich gleich einem Dieb und Räuber erachtet, wenn ich es euch nicht allsogleich bereitwilligst gebe?

Laßt euch doch einmal ins Antlitz leuchten, ihr Großmächtigen, die ihr da vor uns tretet, in priesterliche Gewänder gehüllt! Was schreckt ihr zurück? Was verbergt ihr euer Gesicht? Halt – fort mit euern Masken! Seid ihr selber nicht Fälscher, Diebe, Räuber?

Liebe, Achtung, guter Wille – sie sind meine Gefühle, also doch mein Eigentum! Wo aber in aller Welt ist es Rechtsbrauch, daß man sein Eigentum blindlings dem geben muß, der es fordert? Wollt ihr meine Liebe, meine Achtung, meinen guten Willen – wohlan, so erwerbt sie von mir, wie es des Landes Brauch ist: Erkauft mein Eigentum, so lasse ich es euch! Eine Kirche aber, ein Volk, ein Vaterland, eine Familie, die sich meine Liebe nicht zu erwerben wissen, die brauche ich nicht zu lieben. Also heran zum Markt! Wohlan, ich bin zum Handel bereit – aber ich stelle den Kaufpreis für meine Empfindungen, ganz wie es mir beliebt. Laßt sehen, ob wir einig werden!

Das ist die neue Lehre, die ich, der ›Eigene‹, euch künde: Ich tue nichts mehr um Gottes und der Menschheit, des Vaterlands, der Freundschaft oder Familie willen – nein, was ich tue, das tue ich lediglich um meiner selbst willen! Was sind mir Gott, Welt, Vaterland, Familie? Blasse Begriffe, ertüftelt von weltfremden Träumern oder herrschsüchtigen Tyrannen, sich selber zum Vorteil. Ich bin meine eigene Welt! Mein Verkehr mit der Außenwelt besteht nur darin, daß ich sie genieße und zu meinem Selbstgenuß verbrauche. Erst dann aber komme ich zum wahren Genuß meiner selbst, wenn ich meiner gewiß bin und mein vermeintliches wahres Ich nicht mehr außerhalb meiner suche. Solange ich noch dem Wahn verfallen bin, daß etwa Christus oder der ideale Mensch in mir leben oder sich verwirklichen müssen, solange bin ich noch ein wahnbesessener Unfreier und kein › Eigener‹.

Seht, das ist die neue Welt, die ich euch zeige: In jener alten, die uns bisher beherrscht hat, ging alles auf mich zu und wollte mich vergewaltigen – in meiner neuen Welt gehe ich von mir aus! Ich habe mich und genieße mich und eigne mir meinerseits die Außenwelt an, soweit es mir zur Lust dient – ich stehe im Mittelpunkt aller Dinge!

So spricht zu euch der Eigene – nun tretet her zu ihm, daß ihr selber Eigene werdet, und ihm helfet, jene neue Welt aufzubauen, die allein dem Menschen ein lebenswertes Dasein verbürgt. Leerer Wahn ist es ja, daß der Mensch eine Aufgabe zu erfüllen, einen höheren Beruf habe. Wo steht das geschrieben? Seht Tier und Pflanzen an! Haben sie einen Beruf, haben sie die ›sittliche Aufgabe, sich zu vollenden‹? Hirngespinste von Grüblern! Laßt uns alle zurückkehren zum naturgewollten Zustand. Leben wir wieder wie Tier und Pflanze, d. h. wenden wir alle unsere Kräfte auf, die Welt, so gut wir es können, zu genießen!«

Ilse Soltau brach als erste das nachdenkliche Schweigen:

»Je mehr ich darüber nachdenke, desto klarer wird es mir: Es war doch reichlich viel Phrasendrusch, den wir heute abend zu hören bekamen! Natürlich, an manchem ist schon etwas dran. Die egozentrische Theorie lasse ich durchaus gelten, ebenso die Maximen eines wohlverstandenen Epikuräertums. Man selber soll sich der Maßstab aller Dinge sein, soll sein Leben mit Künstlerschaft zu einem verfeinerten Genuß ausgestalten. Aber damit erschöpft sich eigentlich auch der Inhalt seiner Ausführungen.«

»Und selbst darin liegt nichts Neues, nichts Eigenes.« Fred Lynar rief es. »Schade, daß Theo nicht hier ist, ich würde es ihm glatt ins Gesicht sagen: Was er uns da in großer Aufmachung als eigensten Gedankenwuchs vorsetzte, das war nichts weiter als ein aufgewärmtes Frikassee von Stirner mit einer schwächlichen Nietzsche-Soße à la Zarathustra.«

»Wie? Wär' das möglich?«

»Es ist so, verlaßt euch drauf! Durch einen Zufall kam mir nämlich unter alten Büchern in der Bibliothek meines Vaters eine Schrift des halbvergessenen Philosophen Max Stirner, eines Vorläufers Nietzsches, in die Hände: ›Der Einzige und sein Eigentum‹. Ich kann euch versichern, darin steht fast wörtlich alles, was uns der gute Theo heute abend aufgetischt hat, nur daß er aus dem ›Einzigen‹ den ›Eigenen‹ gemacht hat.«

»Das finde ich stark!« entrüstete sich Ilse. »Selbstverständlich mußt du Theo deswegen stellen.«

»Tu' ich auch, und zwar mit besonderem Vergnügen«, lachte Fred. »Ich hatte schon immer etwas Verdacht wegen der Bezugsquellen seiner großartigen Gedanken, mit denen er euch so mächtig imponierte; nun hilft mir der Zufall so schön auf die Fährte!«

»Ja, sollte denn wirklich alles gestohlen sein, was Theo heute sagte? Ich kann es mir doch nicht denken.« Ulla war es, die sich so hinter dem voraufschreitenden Paar vernehmen ließ. »Gerade das, was er dann noch im zweiten Teil seiner Rede sagte, als er auf besondere Probleme der Jugend einging, zum Beispiel, was er über den Ödipus-Komplex ausführte, das machte doch ganz den Eindruck, als ob es sich hier um eigne Beobachtungen und Gedanken handele.«

»Sie waren auch danach! Ich habe selten einen solchen widerwärtigen Blödsinn gehört.« Helmut Barck, der an Ullas Seite schritt, warf es dazwischen. »Außerdem geht er von einer Voraussetzung aus, die ich keinesfalls anerkennen kann. Nach ihm besteht von Natur aus ein feindseliges Verhältnis zwischen Vater und Sohn ebenso wie zwischen Mutter und Tochter. Was den ersten Teil dieser Behauptung anlangt, so kann ich aus eigner Wissenschaft sagen – und ich weiß ähnliches auch von meinen Münchner Freunden –, daß es doch viele Fälle gibt, wo zwischen Vater und Sohn das allerbeste Einvernehmen herrscht. Ich stehe jedenfalls nicht an zu erklären: Ich weiß mir keinen besseren Freund auf der Welt als meinen Vater. Es gibt nichts, was ich nicht mit ihm besprechen und wo ich nicht auf vollstes Verstehen rechnen könnte. Und was Mutter und Tochter anbetrifft, so haben wir doch auch gerade in unserem Kreise einen schlagenden Gegenbeweis.« Helmuts Blick suchte im ungewissen Schein des Bogenlichts das Gesicht Ilses, die vor ihnen mit Fred ging. »Man kann sich doch kein schöneres Verhältnis als zwischen euch und eurer Mutter denken, die euch ganz Freundin und Vertraute ist.«

»Schalten wir einmal alles Persönliche aus«, kühl kam es von Ilse Soltaus Lippen zurück, »halten wir uns ans Generelle. Vereinzelte Ausnahmen heben ja die Regel nicht auf, und da kann ich mich nur auf Theos Standpunkt stellen.«

»Was – du verteidigst diese Widerwärtigkeiten? Das ist für ein junges Mädchen doch reichlich!«

»Ich denke, du wirst auch uns gnädigst das Recht zuerkennen, über Fragen der Geschlechtscharakteristik, wie der Ödipus-Komplex nun einmal eine ist, mitzuurteilen. Und da zeigt sich dem objektiv Sehenden, daß ein naturgegebenes Sympathieverhältnis einerseits zwischen Vater und Tochter, anderseits zwischen Mutter und Sohn unzweifelhaft besteht.«

»Darüber ließe sich reden, aber Theo ging doch viel weiter! Er behauptete, und zwar, wie er betonte, gestützt auf Dr. Freud und andere Größen der Wissenschaften – daß diese Sympathie ausgesprochen erotischer Art, daß die erste, wenn auch vielleicht unbewußte oder von moralischen Gegenvorstellungen früh wieder verdrängte Leidenschaft des Sohns für ein Weib immer der eignen Mutter gelte und daß darum der Sohn den Vater hasse als den bevorzugten Nebenbuhler. Es ekelt mich ja, diese Widerlichkeiten auch nur auszusprechen – aber das möchte ich denn doch von dir, Ilse, klipp und klar gehört haben, ob du auch diese Thesen anerkennst!«

»Ich will dir zunächst eins sagen, mein bester Helmut: Mit moralischer Entrüstung ist hier gar nichts getan. Du scheinst mir noch nicht einmal die allerunterste Stufe wissenschaftlichen Denkens erreicht zu haben, auf der man nämlich lernt, bei Behandlung einer Streitfrage zunächst alle Leidenschaftlichkeit des Empfindens auszuschalten, vielmehr nüchtern und kalt den Tatsachen ins Gesicht zu sehen; gleichviel ob sie einem nun gefallen oder nicht. Und das ist es gerade, weswegen Theo – wenn ich auch sonst vieles an ihm auszusetzen habe – in meinen Augen turmhoch über andern steht: Er hat diese Gabe kalt-analysierender Kritik und daneben den Mut, rückhaltlos über die letzten Dinge zu sprechen, wenn es auch Stürme moralischer Entrüstung entfesselt. Und das ist immerhin etwas.«

»Gewiß, eine große Kaltschnäuzigkeit ist ihm nicht abzusprechen. Ich habe das bisher allerdings nicht gerade für das Merkmal einer höheren Persönlichkeit gehalten.«

»Laß mich weiter reden, zur Sache. Ich gebe zu, auch in mir lösten Theos Ausführungen einen gewissen Widerspruch aus.«

»Aha!«

»Nicht wie du denkst. Wenn es mir wirklich zwingend nachgewiesen werden könnte, daß dieses eigenartige Kreuzgesetz der Sympathie zwischen Mutter und Sohn, Vater und Tochter, wenn auch vielleicht unbewußt auf erotischer Grundlage beruht, nun, so müßte und würde ich es eben ruhig hinnehmen wie jedes andere Naturgesetz. Sittliche Entrüstung darüber, Widerstand dagegen wäre ja genau so kindisch, wie wenn einer etwa das Gesetz der Vererbung nicht wahr haben und bekämpfen wollte. Insofern besteht zwischen uns beiden also ein großer Unterschied. Nun finde ich aber bei genauerem Zusehen nirgends den zwingenden Beweis, daß dieses Kreuzgesetz der Sympathie auf erotischen Empfindungen basiert. Was da Theo heute an einzelnen Fällen anführte, das sind ganz unzweifelhaft ausgesprochen pathologische Fälle anomal Veranlagter, denen ich keine Beweiskraft für die Allgemeingültigkeit der Erscheinung zubilligen kann.«

»Bravo!« Laut rief es Helmut. »Mehr verlange ich ja gar nicht von dir.«

»Ja – ich weiß nur eins nicht«, etwas zögernd kam es aus dem Dunkel von Ulla her. »Wie erklärt sich dann aber eigentlich diese Sympathie oder Antipathie? Denn – ich muß es euch offen gestehen – auch bei uns zu Hause ist es so: Ich verstehe mich ausgezeichnet mit meinem Vater, stehe dagegen mit Mama übers Kreuz, solange ich denken kann; während es zwischen meinem Bruder und der Mutter umgekehrt der Fall ist, gleichfalls von frühester Kindheit an.«

»Die Sache liegt ganz einfach.« Fred Lynar ergriff das Wort, indem er halb herumgewandt, zu Ulla sprach. »Bei mir liegt der Fall genau so wie bei deinem Bruder – ich sage euch ja nichts Neues: Zwischen meinem Vater und mir ist Kampf, fast Haß; dagegen hänge ich an meiner Mutter aufs zärtlichste. Aber all das erklärt sich mir ganz natürlich. Mein Vater war streng gegen mich, wie die meisten Väter es glauben gegen ihre Söhne sein zu müssen, aus pädagogischen Gründen. Er unterdrückte meine eigne Persönlichkeit, suchte mich gewaltsam in die Schablone seines Ideals eines Sohnes zu pressen. So etwas mag leidlich hingehen, wo es sich bei dem Sohn um eine weich angelegte, leicht beeinflußbare Natur handelt. Der Fall kann aber zur Tragödie werden, wenn auch der Sohn eine ausgesprochene Persönlichkeit ist und eignen Willen hat; dann geht es auf Biegen und Brechen! Und die unausbleibliche Folge dieses Kampfzustands ist stärkste Abneigung gegen den Vater, dagegen zärtliche Liebe zur Mutter, die in solchen Fällen ja wohl meist bemüht ist, an dem Sohn gutzumachen, was der Vater fehlt.«

»Sehr richtig! Das ist die eine Seite des Falls«, stimmte Helmut Barck dem Freunde bei, indem er sich nun zu Ulla, seiner Begleiterin, hinneigte. »Ganz ähnlich erklärt sich wohl auch die andere. Siehst du, Ulla«, er zog eifrig ihren Arm unter den seinen, im Bemühen, ihr die Sache klarzumachen, freute er sich doch jedesmal, wenn sie ein höheres Interesse bekundete. »Siehst du, hier liegt der Fall umgekehrt: Wie es bei den meisten Vätern Erziehungsgrundsatz ist, streng gegen den Sohn zu sein, so anderseits zärtlich und nachsichtig gegen die Tochter. Es sind dies vielleicht letzte Ausläufer eines ritterlich-religiös-romantischen Empfindens – des Marien- und Frauen-Kults. Wir Jungen sind ja in anderen Anschauungen groß geworden. Gemeinsame Erziehung, Sport, Freiheit des Verkehrs zwischen den Geschlechtern haben den Heiligenschein des Mädchens vor unseren Augen zerflattern lassen; wir sehen in euch nur den Menschen von Fleisch und Blut, den Kameraden, von dem wir gleiche Leistungen verlangen wie von uns selber. Anders aber unsere Väter! Für sie ist das Töchterchen das verjüngte Abbild der geliebten Frau, ein schonungsbedürftiges zartes Wesen, dem sich all die geheime Zärtlichkeit zuwendet, die in vorgeschrittener Ehe der Frau zu zeigen, nicht für männlich und schicklich gilt. So entwickelt sich denn zwischen Vater und Tochter dieses besondere vertraute Verhältnis, während die Mutter sich in solchem Fall meist zurückhält, im schmerzlichen Bewußtsein, daß ihr die Tochter Zärtlichkeiten des Mannes raubt, die eigentlich ihr gehörten. Aber ganz klar handelt es sich hier doch um rein seelische Empfindungen, die keinerlei erotische Hintergründe haben.«

»Ja, Helmut, du hast recht! Nun wird mir mit einemmal das alles völlig klar. – Wie lieb das von dir ist, daß du so auf meine Gedanken eingehst!«

Zutraulich schmiegte sich Ulla an ihren Begleiter, so daß er ihre Brust an seinem Arm fühlte. Aber er empfand nur die Freude darüber, daß sie sich jetzt auch geistig einander näherten. Seitdem der Abend neulich im Soltauschen Hause ein gewisses Band um sie geknüpft hatte, war Helmut Barck bemüht gewesen, in Ulla nicht bloß die Tanzpartnerin zu sehen, die sich seiner vernachlässigten Kunstfertigkeit auf diesem Gebiet annahm. Er suchte sie seelisch zu heben, in den Kreis ernsterer Interessen zu ziehen, und sie ging willig darauf ein. Ulla Ötting gehörte zu jenen Frauen, die unwillkürlich stets die Gestalt annehmen, die der Mann, der sie gerade ausfüllt, an ihnen zu sehen wünscht. Helmuts knabenhaft herbe, reine und doch schon männlich feste Art waren für Ulla ganz etwas Neues, das sie fesselte und gefangennahm. Trotzdem sie ihm an Jahren überlegen war, überließ sie ihm seelisch die Führung bei ihren sich nun anspinnenden Beziehungen und war ehrlich bemüht, ganz die zu sein oder doch zu werden, die Helmut aus ihr machen wollte. Die suggestive Kraft, die von ihm auf Ulla überströmte, war so stark, daß sie in ihr sogar die sinnlichen Regungen, die doch der Ausgangspunkt ihres Interesses für Helmut gewesen waren, unterdrückten. Er sah sie mit reinen Augen, ohne Begehren an, und plötzlich wurde sie selber rein und wunschlos und freute sich solcher Änderung ihres Wesens.

So völlig im Bann dieses neuen Geistes empfand es Ulla Ötting auch nicht als Enttäuschung, als jetzt, wo die kleine Gesellschaft am Nollendorfplatz angelangt war, Ilse vorschlug, ohne weitere Unternehmung heimzufahren. Noch vor kurzem hätte Ulla ein solches Auseinandergehen ohne jeden Versuch, noch irgendwo »Betrieb zu machen«, für bodenlos spießig gehalten. Heute aber war sie ganz zufrieden damit, daß man sich trennte und nur Helmut noch bei ihr blieb, um sie nach Hause zu geleiten.

*

 

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