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Jugendstürme

Paul Grabein: Jugendstürme - Kapitel 12
Quellenangabe
typefiction
authorPaul Grabein
titleJugendstürme
publisherPeter I. Oestergaard Verlag
year1930
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160113
projectida7753f74
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Der Tag nahte heran, an dem Frau Karla aus der Klinik entlassen werden, wieder in ihr Haus zurückkehren sollte. Auch Fred Lynar hatte davon gehört, und es drängte ihn, ihr durch ein äußeres Zeichen zu beweisen, wie er an ihrem schweren Geschick Anteil genommen hatte. Er fuhr also an einem Nachmittag mit einem Strauß blühender, lebensvoller Rosen hinaus zum Soltauschen Hause. Es war nur seine Absicht gewesen, beim Hausmädchen die Blumen mit ein paar Worten auf seiner Karte abzugeben, damit Frau Karla sie morgen bei ihrer Rückkehr erhielt. Aber es fügte sich, daß ihm Ruth persönlich öffnete. Er war etwas überrascht, und sie erklärte ihm daher:

»Die Mädchen sind gerade beschäftigt – wir sind nämlich mitten im Hausputz – Muttchen soll doch morgen alles recht schön vorfinden.«

»Oh, da will ich nicht stören, ich wollte ja auch nur –«

»Nein – tritt doch näher. Ich bin gerade beim Teetrinken, vielleicht nimmst du eine Tasse mit.«

»Wenn ich dich wirklich nicht aufhalte, natürlich gern«, und er legte ab.

Als er fertig war, deutete Ruth zur Treppe. »Wir müssen nach oben, ich habe mir dort servieren lassen. Im Eßzimmer ist noch alles durcheinander.«

Sie gingen hinauf ins obere Stockwerk, in Ruths Zimmer.

Zum erstenmal seit langer Zeit trat Fred Lynar wieder in den ihm so wohlvertrauten Raum. Es ward ihm eigen zumute, als er darin Umschau hielt. Alles wie einst, noch ganz das lichte, liebe Jungmädchenstübchen mit seinem Hauch von Reinheit, und doch –! Ihm ward schwer ums Herz. Und nun gewahrte er, daß Ruth, zur Seite tretend, die zartgrünen Seidenportieren vor den Alkoven zog, in dem ihr Bett stand. Er zuckte zusammen. Früher hatte sie das nie getan, und er verstand. Ihm war plötzlich zumute wie einem Ausgestoßenen.

Ahnte Ruth, was in ihm vorging? Ihr Ton war befangen, als sie zu ihm, der mit gesenktem Kopfe dastand, sagte:

»Wollen wir uns nicht setzen? Dort im Erker!«

Fred folgte ihrer Aufforderung und schritt zu den zierlichen Korbsesseln, die dort um ein Taburett standen. Außerdem enthielt die geräumige Fensternische noch ihren kleinen Schreibtisch. Im Gehen warf er einen Blick hinüber und gewahrte über dem Tisch ein kleines Bild im schlichten, schwarzen Rahmen – seinen »Lächelnden Faun«!

Wie gebannt starrte er darauf hin. Doch nun wandte er sich Ruth zu, die sich, ihm den Rücken kehrend, an dem Taburett zu schaffen machte.

»Wie kommt dies Bild hierher?«

Sie hatte gewußt, daß diese Frage erfolgen würde, hatte es allerdings erst bedacht, als sie hier ins Zimmer traten – daher ihre Befangenheit. Ihr Herz schlug auf, wie er nun fragte. Was sollte sie ihm sagen? Sie suchte nach einem Vorwand, doch dann hob sie den Kopf. Nein – nicht lügen! Und sie sah ihn an, klaren Auges.

»Es ist mein Eigentum. Ich habe es gekauft, damals auf deiner Ausstellung.«

Er erwiderte nichts. Da fragte sie halblaut:

»Ist es dir nicht lieb, das Bild in meiner Hand zu wissen?«

Noch immer sagte er nichts. Doch langsam trat er auf sie zu. In seinen Mienen zuckte es von mühsam verhaltener Bewegung. Erst als er ganz dicht vor ihr stand, tat er die Gegenfrage:

»Warum kauftest du dies Bild – gerade dies?«

Unter seinem Blick, in dem es so eigen leuchtete, ward sie doch unsicher. Ihre Augen wichen den seinen aus.

»Sprich doch!« drängte er, mit einem flehentlichen Bitten.

Da sagte sie leise:

»Es liegt soviel darin – es hat mich so ergriffen. Als ich dies Bild sah, wußte ich mit einem Male, was du gelitten haben mußt.«

Nur ein unterdrückter, dunkler Laut von seinen Lippen antwortete. Da bekannte sie weiter:

»Und mehr noch: Ich verstand, warum es mit dir so kommen mußte. Ich habe dir viel abgebeten vor diesem Bilde.«

»Ruth! – Was soll ich dir nur sagen?« Er griff nach ihren Händen, und sie wehrte ihm nicht. Er rang nach Worten, die er endlich zitternd hervorbrachte. »Du – du weißt nun, daß dies alles hinter mir liegt, als wäre es nie gewesen – daß mein Innerstes keinen Anteil daran gehabt hat? Du kannst mir nun wieder vertrauen, ganz vertrauen wie einst?«

»Ja, Fred! Ich glaube es, fühle es, daß du dich durchgekämpft, daß du dich wiedergefunden hast.«

»Und daß ich nun nicht mehr irren kann – nie, nie wieder?«

Ein Zögern, dann kam halblaut, stockend ihre Antwort:

»Ich möchte es glauben – auch das.«

»Du darfst, sollst, mußt es!« Er preßte ihre Hände so heftig, daß es sie schmerzte. »Denn anders könnte ich nie mehr Ruhe und Frieden finden. Ach, Ruth, du ahnst nicht, was ich gelitten habe in der Zeit, wo du mir verloren warst.«

Seine Stimme bebte so stark, daß sie eine letzte Scheu überwand. Ganz leise gestand sie:

»Auch ich habe gelitten – ich habe geweint vor dem Bilde dort, aus dem all dein verborgenes Weh aufschrie, so herzerschütternd!«

»Das hast du getan? Geweint – um mich

Er sah ihr in die Augen, auf den Grund ihrer Seele, und las, was ihm die Brust sprengen wollte. Ehe sie noch wußte, wie ihr geschah, nahm er ihren Kopf zwischen seine Hände und näherte sein Antlitz dem ihren. So rief er, und es klang wie ein Jubeln:

»Dann – dann liebst du mich ja doch, Ruth! Und wenn ich dich heute frage, noch einmal frage, dann –?«

In ihren klaren, dunklen Augen strahlte es auf, ein innig warmer Schein, und fest kam ihre Antwort:

»Ja, Fred – ich will dein sein!«

*

Karla Soltau kehrte nach fünf bangen Monaten voll schwerster Leiden in ihr Heim zurück, in Begleitung Ruths, die sie in der Klinik mit dem Auto abgeholt hatte. Auch am Tage vorher war Ruth bei ihr gewesen und hatte ihr die Nachricht ihrer Verlobung mit dem Jugendfreunde gebracht. Nach allem, was Frau Karla von Freds innerer und äußerer Entwicklung gehört, hatte sie freudigen Herzens ihre Einwilligung gegeben. Hier waren ja zwei Menschenkinder, die sich aus innerstem Zugehörigkeitsgefühl zueinander gefunden hatten. Aber Karla hatte auch von Ilse gleich nach deren Rückkehr von Cernobbio erfahren, daß das Glück nun auch bei ihr seinen Einzug gehalten hatte.

Frohen Herzens trat Frau Karla so in ihr Haus ein, wo Ilse, Erich Friemar und Fred sie erwarteten. Es war eine aufrichtige, ungetrübte Freude, die alle beseelte. Auch die Begegnung mit Ilses Mann verlief ohne die leiseste Störung. Erich trat ihr, wohl sehr bewegt, aber vollkommen sicher entgegen. Gleich seine ersten Worte bekundeten es:

»Von ganzem Herzen willkommen wieder in deinem Heim, liebe Mama! Möchte dir nur noch Freude darin beschieden sein – wir an unserm Teil werden es nicht fehlen lassen. Nicht wahr, mein Fraule?« Und er legte den Arm um Ilse, zog sie zärtlich an sich.

Mit tiefster Dankbarkeit gegen das Schicksal empfand es Karla. So waren die schweren Leiden, die sie hatte erdulden müssen, denn nicht umsonst gewesen. Und diese Dankbarkeit, dies innige Frohgefühl wuchs noch, wie sie dann auch die Leute im Haus begrüßte. Da gab sich ehrliche Anhänglichkeit, warme Teilnahme an ihrem Geschick zu erkennen. Sie merkte, sie war vermißt, entbehrt worden; alle freuten sich herzlich, daß sie endlich wieder da war. Es rührte Karla, und als nun auf der Terrasse auch »Rolf«, das treue Tier, laut aufheulend an ihr hochsprang, ganz außer sich vor Glück, da schimmerte es ihr feucht in den Augen.

Allein ging sie dann durch den Garten, über dem die warme Frühlingssonne lag und in dem ihr schon die ersten Blumen entgegenblühten, auch wie zum Gruß. Frau Karla schritt still dahin, im Innersten bewegt. Ihr war, als sei ihr das Leben noch einmal neu geschenkt. Sie gelobte sich, einen würdigen Gebrauch von diesem Gnadengeschenk zu machen und was sie an äußeren Gütern besaß dazu zu verwenden, anderen Freude und Glück zu schaffen, soweit es in ihren Kräften stand. Und in dieser Stunde suchten ihre Gedanken auch den treuen Freund, der der kostbarsten Lebensgabe, des Augenlichts, beraubt, einsam in seinem leer gewordenen Heim hauste. Der Plan, der ihr schon auf ihrem Leidenslager in der Klinik vorgeschwebt hatte, um ihm sein Leben wieder freundlich zu gestalten, ward in dieser Stunde zum festen, wohldurchdachten Entschluß. Und sie wollte keine Zeit mehr verlieren, ihn auszuführen; noch heute nachmittag würde sie ihn aufsuchen. – – –

Dr. Barck saß an seinem gewohnten Platz im Lehnstuhl am Fenster. Sehr still war es um ihn; noch stiller in ihm.

Vor wenigen Tagen war sein Sohn bei ihm gewesen, aber nur zu ganz flüchtigem Besuch, zum Abschiednehmen. Helmut, der inzwischen sein Examen bestanden, hatte durch Vermittlung eines ihm wohlwollenden Professors der Hochschule eine Stellung erhalten, freilich im Ausland, in weiter Ferne, als Ingenieur an einer Flugzeugfabrik in Chile, und er mußte diese Stellung sofort antreten. Schon in wenigen Tagen ging das Schiff, das ihn hinüberbringen sollte, von Hamburg ab. So hieß es denn Abschied nehmen.

Es wurde ein Abschied nach Männer Art. Sie besprachen miteinander die Aussichten der Stellung. Dr. Barck suchte dem Sohne, soweit er es vermochte, mit seinen Erfahrungen und seinem Rat zu dienen, und dann kam das Auseinandergehen. Kaum mit einem Wort wurde der Toten gedacht, die ihnen beiden doch teuer war und die sie im Geiste heimlich bei ihnen fühlten in dieser Trennungsstunde. Nun ein letzter, fester Händedruck »Auf Wiedersehen!«, und die Tür hatte sich hinter dem Sohn geschlossen.

Auf Wiedersehen – allein, mit sich, nun ganz allein, sprach Dr. Barck das Wort stumm vor sich hin. Wer wußte, ob und wie es noch einmal ein Wiedersehen für sie geben würde. Er mußte an die Tochter denken, die schon jahrelang auch so in der Ferne weilte. Ein paarmal im Jahr ein Brief, zumeist sachlicher Bericht über Ergehen und geschäftliche Entwicklung ihres Mannes, einige Fragen nach des Vaters Befinden und Treiben – das war alles. Und das war die Tochter, die doch früher einmal sehr an ihm gehangen hatte. Würde es bei dem Sohn anders sein? Sie waren beide Kinder ihrer Zeit, und die war auf Sachlichkeit eingestellt. Briefe schreiben war eine unproduktive Tätigkeit.

Barck lächelte entsagend vor sich hin, aber ohne Bitterkeit. Ein Weiser wie er kannte das Leben und verlangte von ihm nichts, was es nicht geben konnte. Das war nun einmal nicht anders. Man zog seine Kinder groß, damit sie ihren eignen Weg gingen. Ihnen bedeutete das Vaterhaus nichts weiter als bestenfalls eine liebe Erinnerung, die dann und wann für Augenblicke einmal wieder auftauchte mit einem leisen Unterton von Wehmut. Aber der klang nicht allzulange nach in jungen Menschenkindern, vor denen noch eine weite Zukunft lag, reich an Erwartungen und Hoffnungen, die mit sich selber und denen, die ihnen nun am nächsten standen, ganz ausgefüllt waren.

Anders die Eltern, die zurückblieben im einsam und still gewordenen Hause, in dem einmal so frohes Leben gewaltet hatte. Die zehrten von der Erinnerung an das Einst, die fühlten immer noch die alten, innersten Bande, die sie mit den Kindern verknüpften, und hatten den sehnlichsten Wunsch, sie zu erhalten – bis die Hoffnung darauf allmählich schwand, diese letzte, bescheidene Hoffnung. Einseitig läßt sich solche Verbindung eben nicht erhalten. Gewiß, es war so der natürliche Lauf der Dinge, es wäre sinnlos, dagegen anzugehen, aber es war nicht leicht. Besser nicht allzuviel darüber nachzudenken, sich in Arbeit zu vergraben, aus seinem eignen Leben zu machen, was noch zu machen war. Wenn nur die Schranken nicht gewesen wären – diese körperliche Hilflosigkeit, die auch dem Geist nur allzu enge Grenzen zog!

Dr. Barck stützte sein Haupt in die Hand. Trübe, wie so manchmal jetzt, waren auch in dieser Stunde wieder die Gedanken, die ihn beschäftigten.

Das Anschlagen der Flurglocke draußen ließ ihn aufhorchen. Es war am Nachmittag, eine Zeit, um die für gewöhnlich kein Patient mehr kam. Etwa ein Bekannter?

Noch einmal klingelte es. Seine Wirtschafterin war nicht zu Hause; sie machte, wie gewöhnlich um diese Stunde, ihre Besorgungen. Als nun die Glocke zum drittenmal, noch nachdrücklicher diesmal, ertönte, erhob er sich und ging hinaus, um zu öffnen.

»Du selber, Werner?« Verwundert klang ihm Karlas Stimme entgegen. »Kommt das etwa öfter einmal vor, daß du so ganz allein bist?« fragte sie eintretend.

»Freilich, Karla – meine Haushälterin muß doch auch einmal fort.«

»Natürlich – nur habe ich mir das noch nie so vorgestellt. Dies Alleinsein, ohne eine Menschenseele im Haus, in deiner Lage – das muß ja trostlos sein!«

Wärmstes Mitgefühl sprach aus ihr, und sie nahm jetzt seinen Arm, um ihn ins Zimmer zu führen.

»Nicht nötig, Karla – ich weiß gut Bescheid in meiner Wohnung«, und er wollte sich sanft ihrem Halt entziehen. Sie aber hielt seinen Arm fest und bat:

»Laß mich doch! Es macht mich ja glücklich, wenn ich dir ein bißchen helfen – dir wenigstens zeigen kann, wie gern ich es möchte.«

Da ließ er sie gewähren. Und als sie dann im Zimmer beieinander saßen, sagte er:

»Hab' Dank für dein Kommen, Karla, gleich am ersten Tag, wo du wieder aus der Klinik bist.« Sie hatte ihn schon am Vormittag durchs Telephon davon in Kenntnis gesetzt. »Und laß dir noch einmal Glück dazu wünschen. Wie mag dir wohl zumute gewesen sein, als du heute wieder in dein Haus tratest?«

»Ja, es war ein tiefes Erleben.« Bewegt sagte sie es. »Mir war ganz feierlich ums Herz, und was ich mir in diesem Augenblick gelobt habe, das ist mir heiliger Ernst gewesen. Darum bin ich nun auch hier. Du entsinnst dich, Werner, was wir zum Schluß sprachen, als du mich in der Klinik besuchtest?«

Er nickte. »Gewiß, ich weiß noch.«

»Ich erklärte dir schon damals, daß du weiter von mir hören würdest, sobald ich nur wieder heraus wäre.«

Er zeigte etwas Unruhe, lächelte dann aber. »Das waren doch nur so Gedanken, Karla; im Ernst kannst du das nicht wollen.«

»Es war mein vollster Ernst, schon damals, und heute erst recht: Du mußt hinausziehen zu mir – dann ist uns beiden geholfen.«

»Nein, nein!« Abwehrend hob er die Hand. »Mit solchen Phantasien soll man nicht spielen. Wozu sich erst Möglichkeiten ausmalen, die doch nicht zu verwirklichen sind?«

»Warum in aller Welt denn nicht? – Hör' jetzt einmal ganz ruhig an, was ich mir zurechtgelegt habe. Vor allem möchte ich dir einen großen Irrtum benehmen. Was ich dir vorschlagen werde, geschieht keineswegs, wie du sicher glaubst, aus Mitleid mit dir. Gewiß, ich will dir freundschaftlich helfen, möchte dein Leben leichter und froher gestalten, aber ich verspreche mir davon auch meinerseits allerlei Vorteile. Sieh, Werner, wir beide sind doch eigentlich in einer ganz ähnlichen Lage: Du bist ein einsamer Mensch, und ich bin es binnen kurzem auch, sobald Ruth geheiratet hat und aus dem Haus ist. Dann sitze ich in meinen vier Pfählen genau so einsam und verlassen herum wie du – verzeih, von allem Schweren sonst, was du noch zu tragen hast, natürlich abgesehen! Also werden wir beide von meinem Vorschlage den Nutzen haben. Und was liegt denn näher, als daß wir uns in unserer Vereinsamung aneinander schließen, unser Leben gemeinsam führen und einer dem andern eine Stütze sind?«

»Ach, Karla, das wäre ja ein so wundervoller Gedanke, nur –« doch er schüttelte entsagend den Kopf.

»Ich glaube zu wissen, was du denkst, in deiner rührend selbstlosen Art. Du meinst, du für deine Person könntest solche Stütze schon gebrauchen, und ich könnte sie dir wohl werden, aber nicht umgekehrt?«

Stumm bejahte er, da sprach sie eifrig weiter:

»Ja, kennst du mich denn so wenig? Und wie kannst du dich selber so unterschätzen? Du weißt doch, wie sehr ich einen Menschen brauche, dem ich mich mitteilen, dem ich etwas sein kann. Meinen Töchtern kann ich nichts mehr sein; die haben ihre Männer, und, so Gott will, bald ihre eignen Kinder. Es ist mir aber ein innerstes Herzensbedürfnis, für jemanden zu sorgen, und wer steht mir auf der ganzen Welt näher als du, mein alter, liebster, treuster Freund?«

Sie nahm seine Hände und drang weiter auf ihn ein.

»Und was könntest du mir nicht geben bei solchem Zusammenleben! Was heute in mir ist an höheren Interessen, an Wissen und Anschauungen, wem danke ich's denn, wenn nicht dir? Du hast das alles in mir geweckt, damals in der ersten Zeit unserer Freundschaft, und hast es weiter entwickelt nachher in all den Jahren später. Und nun brauche ich dich erst recht. Meine gesellschaftliche Rolle ist ausgespielt, du weißt ja warum – mein Leben wird fortab ganz auf geistige Dinge gestellt sein. Ich werde viel lesen, Vorträge hören, Kunstgeschichte treiben, und was mir sonst noch liegt; da habe ich einen getreuen Mentor nötig, der mir alles erklären, mich beraten und leiten kann. Und wer könnte es besser als du mit deinem unversiegbaren, reichen Wissen? Wehre nicht ab, laß es dir ruhig einmal ins Gesicht sagen. Es ist doch so! Und es wird auch sonst noch manches im Leben kommen, wo ich Beistand brauche, einen lieben, mich immer verstehenden Menschen. Mir graut vor einer Einsamkeit, wie sie mir hier entgegenweht! Darum kein Wort mehr, Werner – du mußt zu mir kommen, schon meinetwegen.«

»Liebe, liebe Karla!« Der Kampf seines Innern malte sich in seinen Zügen. Es war, als ob er seinen Widerstand aufgeben wollte, doch dann sagte er: »Es geht ja nicht! Sieh, wenn ich auch sonst wollte, dort draußen bei dir, fern von der Stadt, könnte ich meine Praxis nicht mehr ausüben. Aber diese Tätigkeit, das Bewußtsein, mich noch nützlich zu machen, und mir mein Brot noch selber zu verdienen, das ist ja mein letzter Lebenshalt – den kann ich nicht aufgeben!«

»Sollst du auch nicht. Selbstverständlich wirst du weiter praktizieren. Du behältst deine Wohnung hier, oder nimmst eine kleinere. Jeden Vormittag, wenn nötig auch auf ein paar Nachmittagstunden fährst du nach hier und hältst deine Sprechstunden ab, wie bisher. Hab' ich Zeit, begleite ich dich im Auto, und sonst hast du den Chauffeur zur Hand – also warum soll das nicht gehen?«

Ein letztes Ringen mit sich, dann gab er den tiefsten Grund seines Widerstandes preis. Gequält kam es von seinen Lippen:

»Karla – ich will dir die Wahrheit sagen, warum ich deinen so verlockenden Vorschlag nicht annehmen kann. Du bist keine alte Frau, bist immer noch lieb und begehrenswert – vielleicht kommt doch noch der rechte Mann für dich – und was soll dann aus mir werden? Jetzt komme ich schließlich auch über meine Vereinsamung hinweg, ich kenne es ja nicht anders; aber habe ich es erst einmal besser kennengelernt, dann muß es schrecklich sein, das wieder aufzugeben. Und solltest du etwa aus Rücksicht auf meine Hilflosigkeit deinem Glück entsagen? Doch ausgeschlossen! Du siehst also, so traurig es für mich ist – die Vernunft gebietet ein Nein.«

»Wenn es nur das ist –!« erlöst, fast mit einem Lachen rief es Karla – »dann sind deine Sorgen überflüssig, mein lieber Werner.« Doch wie sie nun weitersprach, wurde sie ernst. »Du hättest recht gehabt in deinen Bedenken noch vor wenigen Monaten. Dir will ich es nicht verheimlichen: Damals war noch manch Sehnen in mir. Aber das ist vorbei. Die Katastrophe und was ihr vorausging, haben gründlich dafür gesorgt. Es ist still in mir geworden, aber eine heitere Stille, kein Klagen um versäumtes Glück. Denn ich sage mir, selbst wenn die Brandmale nicht wären, die an meinem Körper wie die in meiner Seele – wie lange noch, dann wäre ja doch alles vorbei. In ein paar Jahren bin ich eine alte Frau, ja, ja, mein lieber Freund, es ist schon so – also verliere ich nicht allzuviel. Und kann ich nicht auch so all das haben, was dem Leben seinen Wert gibt? Wenn du zu mir kommst, ist es nicht so gut, als wären wir verheiratet? Wir werden treulich Leid und Freud teilen, alle kleinen und großen Sorgen, nicht anders als Mann und Frau es tun. Wir werden ein offnes Haus führen, unsere Freunde und Bekannten bei uns sehen, viel zusammen musizieren, und vor allem Jugend um uns sammeln – junge, frohe Menschenkinder, die uns frische Luft ins Haus bringen, uns vorm innerlichen Altwerden bewahren. Denn das ist doch das Schönste, verstehend und teilnehmend mitzugehen mit dem neuen Geschlecht, das herandrängt. Mag da auch manches mit unterlaufen, was bedenklich stimmt, es ist doch Leben, freudiges, regsames Leben, und trotz aller Irrwege, die Richtung weist nach oben.«

»Karla, liebste, beste Frau – wie verstehst du es, mir letzte Bedenken fortzuräumen, mir das Herz warmzumachen! Ich kann ja nicht anders, ich muß ja: Wenn du mich denn wirklich neben dir haben willst, wenn auch ich dir etwas bieten kann – nun, so sei es! Dein, mit allem, was noch in mir ist!«

Er breitete, unsicher tastend, die Arme nach ihr aus.

Sanft zog sie ihn an sich, drückte ihm den Kuß der Freundschaft aus die Stirn und sagte dann in tiefer Bewegung:

»Also doch noch vereint, Werner, wenn auch anders, als wir es wohl beide einstmals heimlich ersehnten! Und wie gut war es, daß wir damals unser Sehnen niederzwangen, den Weg der Pflicht gingen, so schwer er auch war. Wären wir durch Schuld zueinander gekommen – nie wäre uns die reuelose, ungetrübte Freude beschieden gewesen, die nun unser wartet.«

»Nur dir ist es zu danken – nur dir, Karla!«

Und voll ritterlicher Verehrung neigte er sein graues Haupt über ihre Hand.

*

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