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Jugendstürme

Carl Busse: Jugendstürme - Kapitel 9
Quellenangabe
authorKarl Busse
titleJugendstürme
publisherVerlag von J. Engelhorn
year1896
senderwww.gaga.net
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Siebentes Kapitel.

»Du scheinst dich wirklich so sehr darauf zu freuen, daß du ordentlich auflebst.«

Sie nickte und lachte vor sich hin. »Es ist eben auch nirgends so schön und so heimatlich. Und Weidenbergs werden ja Augen machen. In den letzten Tagen fühle ich förmlich, wie ich mich erhole und frischer werde.«

Fritz sah in ihr klares, von keinem Schatten getrübtes Gesicht, dann seufzte er und sagte: »In acht Tagen sind wir ja da. So lange müssen wir's eben aushalten.«

Frau Trude nahm die Handarbeit, die ihr so lange im Schoße geruht hatte, wieder auf und schien fleißig zu sticken. Der Jüngling schnitzte mit einem kleinen Federmesser an ein paar Brettchen herum, die er irgendwo aufgelesen hatte.

Aber er warf sie bald hin und trat mit unlustiger Miene zum Fenster. Drüben das verregnete Haff, in dem die Binsen schwankten, vorn verregnete Wiesen und Bäume; alles naß, öde, menschenleer. Er trommelte an die Scheiben und seufzte mißmutig alle paar Sekunden.

Seine Mutter beobachtete ihn von der Seite. »Mir scheint, Kind, als ob wir unsre Rollen vertauscht haben.«

»Mag sein,« erwiderte er ärgerlich. »Die ganze Reise war vielleicht doch eine Dummheit.« Damit ging er ins Nebenzimmer, das sein Arbeits- und zugleich sein Schlafgemach war. Dort setzte er sich auf den mit verblichenem Zeuge überzogenen Sessel und sann mit verdüsterter Stirn vor sich hin. Eins ward ihm immer mehr klar: den eigentlichen Zweck der ganzen Reise hatte er nicht erreicht. Ja, zuerst, als seine Mutter sich wieder änderte in ihrem Wesen, als die alte Weichheit und Güte wieder zurückkehrte, da hatte er aufgejauchzt, als ob der erste Trennungsschmerz nun verwunden wäre bei ihr, als ob sie nun ganz allein wieder ihm gehörte. Aber als er sie weiter beobachtete, wie sie mit fast verklärtem Gesicht oft, wenn sie sich unbeachtet wähnte, in die Ferne schaute, nach der Ferne, in der Berlin lag, als er merkte, daß etwas Neues in ihr erwacht sei, das wie ein Glanz von Jugend und Glück sich über sie breitete, da hatte ihn plötzlich doch die Angst gepackt, hatte er halb und halb erraten, was in ihr vorgegangen, hatte er erraten, daß ihre Liebe durch die Trennung nicht vermindert und erstorben, sondern ihr gerade dadurch erst klar und bestimmt zum Bewußtsein gekommen war. Diese ruhige Festigkeit, die sie jetzt zeigte, bei all der warmen Milde, das konnte doch nichts andres sein als das Ergebnis eines siegreich zu Ende geführten Kampfes, der eine große Klarheit und Seligkeit in ihr zurückgelassen hatte.

Er ahnte und fühlte das alles mehr, als er es mit Sicherheit wußte. Und seinen angstgeschärften Sinnen entging keine Miene, keine Frage, keine Bewegung seiner Mutter; jede aber schien ihm nur seine Befürchtungen bestätigen zu wollen. Und das quälte ihn um so mehr, als er ja selbst diese thörichte, diese unglückliche Reise veranlaßt hatte.

Je mehr der Kahlberger Aufenthalt nun zu Ende ging, desto freudiger schaute Frau Trude drein und desto trüber ward Fritz. Sie hatten wirklich ihre Rollen vertauscht, denn während sie jetzt bei ihrer Handarbeit stundenlang saß und bei jedem Stich, den sie that, an den einen dachte, der ihr ganzes Herz erfüllte, während sie lustig von Berlin und ihren Bekannten plauderte, ohne allerdings Horsts Namen zu nennen, war ihr Sohn von solchem Mißmut gequält, daß er in heftiger Aufgeregtheit von einer Arbeit zur andern überging und keine zu Ende brachte. Oft trieb er sich auch stundenlang draußen herum an der Ostsee, besonders wenn es stürmte. Das ewige Auf und Nieder der Wellen, die weißen Schaumwände, die sich zornig aufrichteten und zusammensanken, die fortwährenden Vorstöße der erregten Wogen gegen den Strand und das donnernde, jeden andern Laut übertönende Geräusch dieser Brandung – all das paßte ihm jetzt gerade. Den Hut in der Hand, daß der Wind in seinen Haaren wühlen konnte, ging er dann dicht am Ufer entlang. Er achtete es nicht, daß seine leichten Schuhe vom Wasser überspült und durchnäßt wurden, er war mit ganz etwas andrem beschäftigt. Manchmal hieb er in Gedanken auch mit seinem Stocke auf den feuchten Ufersand, daß es hoch aufspritzte. Gewöhnlich lag der Strand voll von losgerissenen Meeresgewächsen, und darunter deckten Tausende von Marienwürmchen den Boden. Er stand lange vor all den kleinen Käfern. Sie hatten sich zu viel zugetraut, sie waren ins weite Wasser gesunken, das sie hier herangeführt hatte. Einmal durchzuckte ihn, während er sich das überlegte, ein Mitgefühl, als ob er selbst ein ähnliches Geschick hätte.

Auf der Rückreise war gar nicht recht mit ihm auszukommen. Bald ging ihm der Zug zu schnell, bald zu langsam; bald war es ihm zu heiß in dem schweren Plüsch der Sitze, und er riß alle Fenster auf, bald fröstelte ihn wieder. Als ihm Frau Trude dann Vorwürfe machte, sah er seine Launenhaftigkeit auch ein, aber er konnte nicht recht ruhig werden, und als der Zug endlich über den Schlesischen und Alexanderplatz-Bahnhof in die weiten Glashallen des Bahnhofs Friedrichstraße fuhr, wo die Mädchen schon bereit standen, stieg Fritz mit viel schwererem Herzen aus dem Wagen, als er ihn vor fünf Wochen betreten hatte.

Nun begann das alte Leben wieder für beide. Der Sohn mußte zur Schule, und die Mutter blieb Stunden und Stunden allein mit ihren Träumen und Gedanken. Und es träumte sich so gut in der Einsamkeit ihres Zimmers. Die heißen Augusttage draußen, die einen feinen Staub mit der erhitzten Luft in die Fenster sandten, machten ein klein wenig müde, aber um so lieber und leichter träumte es sich eben, bei dem eintönigen Gesumme der Fliegen und der schläfrigen Sommerstille. Horst – wann würde er wiederkommen? Und wie würde er sie begrüßen? Und was würde dann geschehen? Das malte sie sich stets alles aus, und sie schloß die Augen, als ob sie den Glanz und das Licht, das sie indessen erfüllte, gar nicht ertragen könne.

Auch Fritz beschäftigte sich in seinen Gedanken sehr viel mit Röhren. Wie lange noch, und er stand wieder Einlaß heischend vor der Thür. Was blieb da übrig? Ach, tausendmal hatte er schon den Entschluß gefaßt, seine Scheu und Scham zu bezwingen, ganz offen mit seiner Mutter zu reden, ihr sein gequältes Herz auszuschütten. Denn er war ja am Ende seiner Weisheit, er wußte nicht mehr, wie er das drohende Verhängnis aufhalten sollte. Gewiß, die Aussprache, die stattfinden mußte, würde unsäglich qualvoll für ihn sowohl sein wie für seine Mutter. Die Schamröte, daß er als Kind überhaupt gar nicht davon anfangen dürfe, stieg ihm schon jetzt ins Gesicht, wo er nur daran dachte. Aber größer als seine Scham war die Angst, seine Mutter zu verlieren, die Angst, das Andenken seines Vaters nicht rein erhalten zu können. Nein: er mußte reden und er wollte reden; er wartete nur noch die Gelegenheit ab.

Eines Tages, als er nach Hause kam, war Frau Trude gerade in die obere Friedrichstadt gefahren, um einige kleine Besorgungen zu machen. Er ging durch die Zimmer und setzte sich dann vor seinen Schreibtisch. In dem großen Mittelfach stand das Bild seines Vaters im gepreßten Glanzmessingrahmen. Er nahm es vor und betrachtete es lange. Wie mild und gütig dieses Antlitz war! Der ein klein wenig nach vorn gebeugte Kopf, die fast weißen Haare, diese klugen, freundlichen Augen, die so arglos und lieb dem Beschauer entgegensahen – er kam gar nicht los davon, und je länger er es anblickte, desto mehr begriff er die Worte, die sein alter Vormund, der Geheimrat, ihm gesagt: »Wer deinen Vater gekannt hat, Junge, der vergißt ihn nicht.«

Aber wollte ja nicht gerade die ihn vergessen, die ihm am nächsten gestanden, sein Weib, die Mutter seines Kindes? Und sollte dieses Kind, sollte er seinen edlen, herrlichen Vater so ruhig zum Opfer bringen lassen?

Er zuckte zusammen. Und plötzlich, unter dem Banne eines starken Gedankens, stand er auf und ging mit dem Bilde in das Zimmer seiner Mutter.

Er sah sich um. Nein, da standen auf zierlicher Staffelei kleine Ansichten von böhmischen und Nordsee-Bädern, da lagen Nippsachen herum und andrer Tand, aber die Photographie seines Vaters sah er nicht. Nur drüben, im Eckzimmer, hing ein großes Porträt, das bald nach dem Tode gemalt war, nach der letzten Aufnahme.

Vielleicht kannst du meine Mutter schützen, dachte er, ich kann's nicht mehr. Und er drückte einen scheuen Kuß auf das Bild und stellte es mitten auf den zierlichen Damenschreibtisch, daß es seiner Mutter gleich in die Augen fallen, daß es herabsehen müßte auf alles, was sie schrieb.

Dann ging er leise zurück. Und er schlich fast auf den Fußspitzen fort wie ein Dieb, obwohl ihn keiner hören konnte.

Als Frau Trude zurückkam, klopfte ihm doch das Herz. Sie begrüßte ihn, plauderte von den Einkäufen, die sie gemacht, und ging dann in ihre Stube, um sich, wie sie es stets zu thun pflegte, die Ausgaben zu notieren.

Sie sah das Bild sofort. Und mit einemmal überkam sie ein Zittern, daß sie sich an der Lehne des Stuhles festhalten mußte. Das Blut schoß ihr derweil ununterbrochen zu Kopf.

Nun ahnte sie ja alles, nun ahnte sie, daß ihr Sohn Kenntnis hatte von ihrer Neigung und Liebe, von ihren Träumen und Wünschen, oder sie jedenfalls argwöhnte. Das war es also! Sie hatte es bisher nie glauben können.

Sie setzte sich schwer nieder und blieb minutenlang regungslos. Ihr Herz schlug laut, als ob es die Kämpfe vorausfühle, die nun kommen mußten. Denn dieses Bild sollte doch ein Mahner und Warner für sie sein, sollte sie erinnern an die Vergangenheit, an den Mann, dem sie vor dem Altar ewige Treue gelobt, an den Vater ihres Kindes. Sie wußte, daß über kurz oder lang eine Aussprache zwischen ihr und Fritz erfolgen mußte. Und sie zitterte davor.

Beim Essen merkte man ihr nichts an. Sie hatte sich zu einem harmlosen Tone gezwungen. Die Photographie wurde gar nicht erwähnt. Sie that, als hätte sie durchaus nichts bemerkt. Deshalb schwieg auch Fritz.

Der August näherte sich allmählich dem Ende, ohne daß sich irgend etwas geändert hätte. Mutter und Sohn gingen nebeneinander her, anscheinend genau wie früher, aber es stand doch etwas zwischen ihnen, und sie erwarteten alle beide etwas, das eine Klärung bringen konnte. Keiner hatte jedoch den Mut, anzufangen. Und als ein Tag nach dem andern verging, ohne daß Horst seinen Besuch machte, stieg in Fritz die leise Hoffnung auf, er käme vielleicht überhaupt nicht wieder, er hätte das Leben in der Großstadt satt und bliebe für immer auf seinem stillen Gute. An diese Hoffnung klammerte sich der Jüngling, und wenn es auch nur ein Strohhalm war, er genügte vorläufig, die gefürchtete Unterredung zu verzögern.

Frau Trude grämte sich im stillen über Horsts Ausbleiben. Sie tröstete sich zwar damit, daß die Saison erst Mitte September schloß, aber heimlich machte sie ihm doch Vorwürfe, daß er es so lange dort aushielt, wo sie nicht war.

Endlich, an einem goldigen Septembertage, ertönte die Klingel mit starkem Klang. Sie sprang wie elektrisiert vom Sitze auf. Sie ahnte gleich, daß er es war. Und ihre Ahnung trog sie nicht.

Wettergebräunt, mit lachendem Gesicht, trat er ein und ging er auf sie zu. In seiner geraden Manier, die so gar nichts von Ziererei wußte, streckte er ihr die Hand hin. »Seien Sie mir tausendmal gegrüßt, gnädige Frau. Wir haben uns ja eine Ewigkeit lang nicht gesehen.«

Sie war rot, als sie ihre schmalen Finger in seine nicht sonderlich kleinen, sonnenverbrannten Hände legte.

»Wissen Sie,« antwortete sie dann, »daß es durchaus nicht schön von Ihnen war, Ihre alte Freundin so lange warten zu lassen?« Aber als hätte sie schon zu viel gesagt, fügte sie hastig hinzu: »Unsre kleine Else – Else Weidenberg meine ich, bei der Sie überhaupt einen Stein im Brett haben – hat sich schon ein paarmal nach Ihnen erkundigt und schien es vor Sehnsucht gar nicht aushalten zu können.«

»So?« sagte er und zog sich den Sessel heran, »nur Fräulein Weidenberg? Aber ich wäre ja auch schon viel früher gekommen, wenn mich nicht etwas – etwas ganz Besonderes zurückgehalten hätte. Bis das entschieden war, wollte ich warten. Ich werde später noch einmal davon sprechen.«

»Und Norderney – wie hat's Ihnen denn sonst gefallen?«

»Gott, es ist sehr hübsch. Aber Sie müssen mir schon erlauben, gnädige Frau, Ihre Frage durch eine andre zu ersetzen. Sie erinnern sich doch, daß ich mir die erste vorbehielt? Nun also: haben Sie mich in der langen Zwischenzeit ganz vergessen oder manchmal meiner freundschaftlich gedacht?«

»Sie stellen meinem Gedächtnis ein sehr schlechtes Zeugnis aus.«

Er zuckte die Achseln. »Dem Gedächtnis?« antwortete er. »Ich weiß nicht, ob das allein oder vor allem hier in Betracht kommt. Aber wenn auch – man wird vorsichtig, wenn man so zu sagen am eigenen Leibe hat erfahren müssen, wie schnell – wie sehr schnell oft vergessen wird.«

Sie machte sich mit ihrer Handarbeit zu schaffen und fühlte dabei, wie sein Blick sonderbar auf ihr ruhte.

Einen Augenblick herrschte großes Schweigen, daß man oben, in der höher gelegenen Wohnung, deutlich das Klavierspiel hörte, trotz der halb offenen Fenster.

»Glauben Sie nicht, daß das Vergessen manchmal Pflicht ist?« sagte Frau Trude dann mit schwerem Atem, sonst aber scheinbar unbefangen.

»Ja. Es fragt sich nur, ob die Pflicht schwer fällt oder nicht.«

Man hörte es seinen Worten an, daß er eigentlich nicht gewöhnt war, Verstecken zu spielen. Er selbst fühlte auch, daß er an Geschicklichkeit darin viel zu wünschen übrig lasse.

»Wir kommen ganz von Norderney ab,« lenkte Frau Trude nach einer Pause, in der ihr Herz laut schlug, zurück. »Haben Sie viele Bekannte getroffen?«

Er fügte sich, halb erleichtert, halb unzufrieden seufzend, und sprach von seinem Leben, das er während der Wochen geführt, von alten wiedergefundenen Kameraden und der stürmenden Nordsee. Wenn er manchmal inne hielt, hatte sie gleich wieder eine neue Frage bereit, die beantwortet werden mußte, und so war allmählich ein schwaches Stündchen verflossen, er wußte selbst nicht, wie.

Dann kam Fritz.

Er biß trotzig die Lippen zusammen, als er den Gast sah. Also war seine heimliche Hoffnung, jene Hoffnung, die von Anfang an so thöricht gewesen war und an die er sich doch geklammert hatte, zu Schanden geworden und das Letzte mußte gewagt werden.

Horst streckte auch ihm freundschaftlich die Hand hin, in die der Jüngling zögernd die seine legte.

»Wann geht es denn ins Examen, junger Herr?«

»Ostern,« antwortete er kurz und wandte sich rot ab.

Immer von neuem packte ihn Scham und Zorn, wenn er vor oder von Röhren an seine Schülerschaft erinnert wurde. Er wollte gerade von diesem Menschen ernst genommen, als gleichwertiger Mann betrachtet werden, denn bitter ernst war sein Verhältnis zu Horst, und noch ernster, das wußte er, würde es bald werden.

Er sprach noch ein paar Worte mit seiner Mutter, verbeugte sich dann stumm und entfernte sich ins Nebenzimmer.

Eine Zeit lang herrschte Stille.

»Darf ich eine Frage thun, gnädige Frau?«

Sie sah gespannt und halb ängstlich zu ihm auf.

»Sie wissen, daß ich immer gerade auf mein Ziel losgehe: was habe ich Aermster nur Ihrem Herrn Sohn gethan? So oft ich hier bin, weicht er mir aus, oder gibt er mir mit wünschenswertester Deutlichkeit zu verstehen, daß ich ihm unangenehm bin. Ich wollte Sie schon früher deshalb befragen und dachte nur nicht daran. Aber es thut mir um so mehr leid, daß ich in kein besseres Verhältnis zu dem jungen Herrn kommen kann, als ich nicht nur von Ihnen, sondern auch vom Herrn Geheimrat hörte, ein wie braver und prächtiger Mensch er sei.«

Frau Trude konnte ihre Erregung nun doch nicht verbergen. »Sie müssen es ihm verzeihen,« entschuldigte sie ihn hastig. »Gerade jetzt, wo das Examen vor der Thür steht und er von all den Arbeiten ganz nervös ist, wahrt er die gebotene Form nicht immer. Sie wissen ja, was von den jungen Leuten heutzutage gefordert wird. Und dann – ja, er war von jeher eigentlich immer etwas menschenscheu.«

Horst schüttelte den Kopf. »Und gegen jeden andern ist er auch so – na, offen heraus: unfreundlich?«

Sie wollte bejahend nicken, aber sie ward rot dabei, daß er es merken mußte. So versuchte sie die Sache ins Scherzhafte zu ziehen. »Es ist zum Lachen,« sagte sie. »Er mag die neuen Gesichter nicht, besonders nicht die neuer Freunde. Er hat mich so lieb, daß er wirklich rein eifersüchtig ist auf jeden, der in freundschaftliche Beziehungen zu mir tritt – ja.«

Röhren konnte einen leisen Ausruf des Staunens nicht unterdrücken, und als sie die Augen zu ihm aufschlug von ihrer Handarbeit, sah er sie so seltsam an, daß sie verlegen den Kopf senkte.

Er verabschiedete sich bald und ging gedankenvoll nach Hause.

In Trotz und Groll gegen Fritz blieb Frau Trude zurück. So weit mußte es also kommen, daß sich Röhren über das verletzende Benehmen ihres Sohnes beklagte!

Als er nachher ins Zimmer trat, war ihr Gesicht so finster und gab sie ihm so kurze Antworten, daß er sie erstaunt ansah. »Was ist dir denn heute, Mama?«

Sie kämpfte einen Augenblick, ob sie es ihm sagen sollte. Dann wandte sie sich heftig nach ihm um. »Ich habe mit dir zu sprechen, Fritz.«

Sie setzte sich nicht, sondern legte nur ihre Hand auf die Lehne des Sessels, während sich ihre Zähne ein paarmal rasch hintereinander in die Unterlippe gruben.

»Du benimmst dich in letzter Zeit so, daß ich mich gezwungen sehe, mir heute ganz energisch ein andres Verhalten auszubitten. Was war das vorhin wieder für ein Benehmen gegen den Besuch? Herr von Röhren beschwerte sich direkt mir gegenüber über die Art und Weise, in der du ihm entgegentrittst. Ich glaube, es müßte deine heiligste Pflicht sein, sich gegen die Gäste deiner Mutter so zu betragen, wie es dir nicht nur die gesellschaftliche Stellung, die wir einnehmen, sondern das einfache Taktgefühl vorschreibt, oder wenigstens vorschreiben müßte. Alt genug bist du doch wahrhaftig, um zu wissen, was sich schickt.«

Er stand mit gerunzelter Stirn da. »Ich kann Herrn von Röhren nicht leiden!« Es kam fast wie ein Aufschrei heraus und klang teilweise wie Trotz, teilweise wie eine Entschuldigung.

»Das ist noch kein Grund dafür, ihn unhöflich zu behandeln, besonders wo du noch ein Kind bist und Herr von Röhren ein gereifter, vornehmer Mann, dem selbst der Feind die Achtung nicht versagt.«

Er zuckte bei dem warmen Ton ihrer Worte zusammen »Das klingt ja,« sagte er hastig und ohne sich zu besinnen, »als ob er dir mehr ist als ich.«

Sie richtete sich groß auf und sah ihn einen Augenblick an. »Was soll das heißen?«

Er war über und über rot. Wenn er überhaupt eine Gelegenheit zur Aussprache fände, war sie jetzt da. Eine wilde Entschlossenheit kam über ihn. »Mama, ich bitte dich noch einmal: schicke ihn fort auf immer – er drängt sich zwischen uns – er wird dich mir noch ganz nehmen. Das fürchte ich ja so sehr, und deshalb bin ich so – so ganz anders gewesen die ganzen Wochen und Monate – weil ich gesehen habe, daß du diesen Menschen – ja, du liebst ihn, Mama, du liebst ihn ja – und die Mädchen reden schon darüber und lachen – und ich hab' es anhören müssen, wie sie über deine Heirat mit ihm gesprochen haben – ach mein Gott – und das darfst du doch nicht thun, Mama, nein, du darfst es ja nicht! Denk doch an Papa, an meinen Vater, denk doch nur daran! Das war ja meine ganze Furcht – und ich verliere dich dann und habe keinen mehr – nein, Mama, du darfst nicht!«

Er hatte die letzten Worte halb verzweifelt geschrieen. Und nun stand er da, keuchend, das Gesicht wie mit Blut übergossen, und zitterte am ganzen Leibe.

Frau Trude hielt ihre Hand noch immer an der Lehne. Sie stützte sich schwer darauf. Auf die erste Röte war eine tiefe Blässe gefolgt. Ihre Brust wogte hin und her.

Sie schwieg noch immer, und in dieses Schweigen tönte nur ab und zu sein zitterndes, ängstliches: »Mama!«

Und dann richtete sie sich auf und streckte den Arm aus. »Geh!« sagte sie. Nur dieses eine Wort.

Doch er ging nicht, er umklammerte sie und stöhnte auf: »Sag nein, Mama – du darfst es doch nicht – du wirst dich doch selbst nicht entwürdigen – denk doch an meinen Vater!«

Aber sie schüttelte seine Hände ab und ging, noch immer totenbleich, mit zitternden Knieen an ihm vorüber ins Nebenzimmer, das sie hinter sich verschloß, während er aufschluchzend sein Gesicht in den Händen barg.

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