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Jugendstürme

Carl Busse: Jugendstürme - Kapitel 8
Quellenangabe
authorKarl Busse
titleJugendstürme
publisherVerlag von J. Engelhorn
year1896
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Sechstes Kapitel.

Die Tage bis zum Beginn der Ferien gingen ganz im alten Geleise hin, ohne etwas Besonderes zu bringen. Fritz hatte erst erwartet, seine Mama würde ihn wegen der schroffen Haltung, die er beim Korsofeste Röhren gegenüber eingenommen, zur Rede stellen, aber sie that, als ob sie das völlig vergessen hätte. Ueberhaupt schien das alte trauliche, nie durch einen Zwist oder ein unüberlegtes Wort gestörte Verhältnis wieder Platz greifen zu wollen, und der Jüngling überhäufte seine Mutter mit Aufmerksamkeiten. Und als dann der Reisetag immer näher rückte, wurde er ganz übermütig lustig. Denn nun brauchte er nicht mehr zu fürchten, daß Horst trotz der Verabschiedung noch einmal vorsprechen würde.

Auf der Fahrt hatten sie recht trübes Wetter. Der Himmel sah düster drein, und die dunklen Wolken ließen nicht den kleinsten Sonnenstrahl hindurch. Frau Trude sah fortwährend hinaus aus die weite Ebene, durch die sie der Schnellzug führte, dem entlegensten Osten zu. Krähen schwebten krächzend über dem Lande, im Fluge huschten die Telegraphenstangen vorüber, und halb erschrocken zuckte sie immer zurück, wenn draußen auf dem Nebengeleise ein begegnender Zug vorüberbrauste. Eigentlich war sie wenig reiselustig und sah ziemlich verstimmt vor sich hin. Fritz jedoch trällerte bald ein Liedchen, bald malte er ihr das stille Leben aus, das ihrer wartete, oder er begeisterte sich für den Harmonikazug und wandelte in dem schmalen Seitengange auf und ab.

Nachmittags endlich, als das Dampfroß die Wagen über die Dirschauer Weichselbrücke führte, brach die Sonne hervor und glänzte auf dem schmutzigen Wasser des Stromes in tausend goldenen Fleckchen.

Sie übernachteten beide in Elbing, und am andern Morgen trug sie ein stolzer Dampfer über das Frische Haff der Nehrung zu.

Es war ein klarer Tag. Die Möwen wiegten sich mit blitzenden Flügeln durch die Luft, fern schwanden langsam die kleinen Fischerdörfer, und wetterbraune Gesichter schauten gleichmütig empor aus oft vorübergleitenden Kähnen.

Dann tauchte mählich aus blauem Nebel immer deutlicher die ferne Landzunge auf. Pfauchend und stöhnend entwich der Rauch aus dem mächtigen Schlot, noch ein ruckweises Schüttern, dann legte der Dampfer an der endlosen Landungsbrücke an, und »Kahlberg« scholl es klar und bestimmt von der Kommandobrücke.

Erst in den letzten Tagen hatten sich Mutter und Sohn auf das kleine Ostseebad geeinigt, das »halb aus der Welt lag«, wie Fritz freudig festgestellt hatte. Das wollte er ja gerade, und als sie beide jetzt ausstiegen und sich rings von grünen Wäldern umgeben sahen, bereuten sie es nicht, hierher gekommen zu sein. Sie fanden auch bald eine hübsche Wohnung, die ihnen zusagte. Es waren drei Zimmerchen, eins immer niedlicher als das andre, und davor hing ein kleiner luftiger Balkon, von dem aus sie über gepflegte Gärten und gelb überblühte Wiesen nach dem Haff sehen konnten. Dort richteten sie sich ein, so gut es eben gehen wollte.

Gleich am Nachmittag machten sie ihren ersten Spaziergang; Fritz stolz und glücklich im großen Strohhut und in braungelben Strandschuhen, Frau Trude im hellen Gewand, ein kokettes Schleifchen am Sonnenschirm, aber mit ernstem Gesicht. Und fortwährend hatte er sie auf irgend eine Kleinigkeit aufmerksam zu machen, auf ein zierlich angelegtes Rosenrondell, auf ehrwürdige Baumgruppen, auf lauschige Eckchen und Winkel, an denen sie vorüberkamen.

»Sieh nur, Mama, wie herrlich das Kurhaus liegt, diese wundervollen Anlagen alle.«

Sie sah über die terrassenförmig aufsteigenden Beete hinweg bis nach droben. Dann that sie ihm den Gefallen und stieg die weißen Treppen empor. Bald standen sie oben und blickten hinunter. Das blühte und leuchtete da weit und breit in lauter Hellen, fröhlichen Farben, und dahinter hob sich das dunkle Grün der Waldbäume, auf dem sich die weißen Marmorfiguren griechischer Götter in seligem Glanze abzeichneten. Ganz weit drüben aber dehnte sich sonnenüberblitzt das Haff aus, übersät von den gebauschten Segeln stiller Kähne.

Sie konnten sich gar nicht satt daran sehen.

»Es ist doch ein bißchen schöner hier als bei uns auf dein Kreuzberg,« lachte Fritz dann. »Wenn die Venus da unten nur keinen so schiefen Arm hätte.«

Dann gingen sie den Weg zum Ostseestrande hinab. Als er etwas hügelig anstieg, wollte Fritz seiner Mutter den Arm geben.

»Laß nur,« wehrte sie jedoch ab, »so alt und gebrechlich bin ich hoffentlich noch nicht. Ich gehe schon ganz allein.«

Ihre Wangen röteten sich auf dem sanft aufwärts führenden Wege, und ihr Atem ging ein klein wenig schneller.

»Wie jung du jetzt aussiehst, Mama! Wirklich wie meine Schwester.«

Sie lachte zum erstenmal lustig auf und fing an zu plaudern. Die Buchfinken schlugen dazu im Walde, der sich in tiefer Senkung unten hinzog, über die beglänzten Farnkräuter taumelten ein paar Schmetterlinge, und an einer Stelle schlossen sich die Wipfel der Bäume über dem Wege, daß es ganz dunkel war und man unter einem förmlichen Dache ging.

Allmählich verlor sich der Forst, das Nadelholz stand nur noch vereinzelt und wurde kürzer. Graues Moos umgab die kümmerlichen Stamme. Auf dem sandigen Boden wiegten sich braune Zittergräser, und ab und zu spannten sich ein paar Ranken über die lockere Erde.

»Wie mächtig das doch gegen die Küste schäumt, Mama! Uebrigens müssen wir gleich dran sein.«

Und wie unter einem allmächtigen Einfluß beschleunigten sie beide ihre Schritte und liefen fast den letzten Hügel empor.

Da lag es vor ihnen, das Meer. Die weißen, glatten Dünen, dahinter mit tanzenden Wogenkämmen die Brandung, die zornig schäumte und zurückfiel, und dann das weite, endlose Wasser. Rechts von ihnen die Strandhalle, aus der ab und zu ein paar verirrte Klänge der Kurkapelle hörbar wurden, noch weiter drüben das Damenbad. Man konnte noch die Grenzpfähle unterscheiden. Links gleich neben ihnen die Herrenkabinen mit den fortlaufenden Nummern.

Es war gerade Promenadenzeit, und der Strand voll von Kurgästen, meistens Bürgern, die aus der Umgegend hierher geeilt waren.

Mutter und Sohn, von hundert neugierigen Blicken verfolgt, gingen langsam den Strand entlang, durch den reinen verrieselnden Sand, bis die letzten Spaziergänger hinter ihnen blieben und die verlassene Küste sich weit und einsam vor ihnen ausdehnte. Dann suchten sie sich ein Plätzchen, um auszuruhen, und während sie weit auf die See hinaussahen, wo nicht ein einziger Kahn oder Dampfer seine Wege zog, schwiegen sie alle beide.

Endlich richtete sich Fritz halb auf. »Warst du eigentlich mit Papa oft am Meere?«

Sie blickte überrascht empor. »Wie kommst du darauf?«

Er zuckte die Achseln und warf mit der Spitze seines Spazierstocks den feinkörnigen Sand empor.

»Ich dachte nur daran, wie schön es wäre, wenn Papa lebte und hier mit uns zusammen sein könnte.«

Sie redete einen Augenblick nichts. Dann erinnerte sie sich seiner ersten Frage und meinte: »Zweimal waren wir in Norderney, bis es uns dort zu geräuschvoll wurde. Dein Papa war eigentlich für Reisen ebensowenig wie für große Gesellschaften. Am wohlsten fühlte er sich immer zu Hause.«

»Darin bin ich ganz sein Sohn. Ach überhaupt – es wär' doch so manches anders und besser, wenn er nicht so früh gestorben wäre.« Als ob er fürchtete, seine Worte könnten von Frau Trude mißverstanden werden, fügte er schnell hinzu: »Du bist ja so gut zu mir, Mama, und ich hab' dich ja auch über alle Maßen lieb, aber ich denk' es mir doch so schön, noch einen zweiten Menschen zu haben, mit dem man so ganz verwachsen ist, dem man so alles sagen kann. Weißt du, Onkel Weidenberg hat recht. Er hat mir manchmal gesagt: ›Wer deinen Vater genau gekannt hat, Junge, der vergißt ihn auch nicht wieder.‹«

Sie nickte nur und sah den unermüdlichen Wellen zu.

»Damals am Meere,« fing er wieder an, »in Sylt, hast du mir so oft von ihm erzählt – fast tagtäglich. Ich denk' noch, wie wir in dem großen Strandkorb saßen. Und das ist fast immer meine liebste Erinnerung. Nicht wahr, Mama, du erzählst mir auch hier wieder? Ich höre doch so gern von Papa.«

Ihre Augen träumten in die Ferne. »Das liegt nun schon so weit,« sagte sie halb für sich, »so unendlich weit. Jahre und wieder Jahre, und ich weiß kaum mehr, wie mir damals zu Mute war.«

Er sah sie erstaunt an, drang aber nicht weiter in sie.

Das war nun fast ihr täglicher Spaziergang, hier nach den Dünen. Fritz schleppte immer einen kleinen Feldstuhl mit, auf den sich Frau Trude setzte, während er sich in den warmen reinen Sand lagerte. Und fortwährend kam er auf seinen Vater zurück und ruhte nicht eher, als bis sie ihm all die kleinen Einzelheiten erzählt hatte, die ihr noch im Gedächtnis geblieben waren. Oft nahm er auch Bücher mit und las ihr vor, was ihm gerade interessant schien: Erzählungen, Gedichte, Aufsätze und Zeitschriften. Sie hörte ihm dann still zu, während ihre Blicke weit nach dem Horizont wanderten, wo es ab und zu auftauchte wie eine blaue Wogenstadt mit heimlichen Türmen und verdämmernden Mauern.

In den übrigen Stunden des Tages saß sie meist auf dem Balkon, ohne eine Hand zu rühren. Es war so eine weiche Schläfrigkeit über sie gekommen, eine leise Müdigkeit und doch wieder kein rechtes Ermatten, sondern eher ein geheimes Leben, als hätte sie einen süßen, schweren Wein getrunken. Sie mochte nicht lesen, sie mochte keine Handarbeit vornehmen, sie blieb am liebsten regungslos sitzen, tief zurückgelehnt in den Sessel, und schaute über die Wiesen ins Grüne und auf die langsamen Schiffe, die sich überm Haff regten.

Sie schob diese leichte Traumseligkeit und Schläfrigkeit auf die ungewohnte Seeluft und all das Neue, und wartete Tag für Tag, daß es sich geben würde. Aber es ward fast immer nur schlimmer, und dazu bemächtigte sich ihrer noch eine unklare Sehnsucht, eine Sehnsucht, die nach dunklen, unbestimmten Zielen schwebte.

Dieses Regen und Weben in ihr, dieses eigene Träumen, diese sanfte Trägheit machten sie mißmutig. Sie versuchte, es zurückzudrängen – es gelang ihr nicht. Sie begann einen Brief an den alten Geheimrat, einen andern an die kleine lustige Else – nach wenigen Minuten warf sie die Feder fort. Manchmal, wenn sie so dasaß, hätte sie am liebsten immerzu vor sich hinstöhnen mögen mit der weinerlichen Stimme eines unartigen Kindes, ohne einen rechten Grund dafür zu haben.

Dazu verschlechterte sich das Wetter von Tag zu Tag. Als ob man im April wäre und nicht im Juli, wechselten Regen und kärglicher Sonnenschein ein paarmal in wenigen Stunden, und der Boden der Wälder ward überhaupt nicht mehr trocken.

Fritz fühlte sich auch nicht behaglich. Er sah, wie seine Mutter immer mißmutiger ward, wie sie fast nie mehr lachte, wie sie sich weniger als sonst um ihn bekümmerte. Wo war ihre heitere Ruhe, ihre stete Güte, ihr liebes, stilles, gleichmäßiges Wesen? Sollte denn alles vergebens gewesen sein, all die Hoffnungen, die er auf diese Reise gesetzt hatte?

Eine wilde Angst packte ihn. Wenn sie so einsam träumend vor sich hinblickte, dachte sie dann nicht an ihn, an Röhren? Er ließ seine Bücher, seine Arbeiten liegen und war den ganzen Tag um sie. Er plauderte mit ihr, las ihr vor, schleppte irgend ein Kinderspiel heran, nur um ihre Gedanken in andre Bahnen zu lenken. Sie that ihm den Gefallen und bezwang sich, hörte ihm zu, spielte Lotto mit ihm und Poch. Aber er merkte, daß sie nicht wie früher mit Leib und Seele dabei war, daß sie ohne Interesse an allem teilnahm. Und das quälte und peinigte ihn, daß er selber manchmal ganz verzweifelt und unlustig herumlief und an allem verzagte.

Einmal brachte er ein altes Spiel Karten an, die schon durch so und so viel Hände gegangen waren, mit altertümlichen deutschen Bildern darauf. Er schlug ihr eine Partie Sechsundsechzig vor, und sie setzte sich wirklich geduldig an den Tisch heran. Aber mitten im Spiel legte sie plötzlich die Blätter aus der Hand und bat ihn, aufzuhören. »Ich kann nicht, Fritz. Lassen wir's doch bis morgen.«

Er wußte wohl, daß sie es morgen weiter verschieben würde, und so fort. Er neigte den Kopf und faßte dann mit einemmal ihre Hand. »Mama,« sagte er weich, »was fehlt dir denn? Willst du mich's denn wirklich nicht wissen lassen? Hab' ich dir irgend etwas gethan, oder kann ich dir irgendwie helfen?«

Sie schüttelte mit halbem Lächeln den Kopf. »Was du dir auch einbildest, Fritz! Ich bin doch genau so wie früher. Mir fehlt nichts, gar nichts, und wenn ich ein bißchen mißmutig bin und eigentlich zu nichts rechte Lust habe, so mag daran eben die Seeluft schuld sein, die schrecklich müde macht.«

»Aber in Sylt damals,« warf er ein.

»Ja, damals! Möglich, daß es auch das schlechte Wetter hier macht. Es ist ja schauderhaft. Tag für Tag nur Regen und Wind, dazu diese Mietszimmer mit den dünnen Wänden, das kann einen ja nervös und ärgerlich machen.«

Er sah schweigend vor sich hin.

»Es ist auch so wie so ein langweiliges Nest.«

»Aber du hattest früher die Einsamkeit doch so gern, Mama.«

Sie wußte nicht zu antworten und ward deshalb nur noch mehr verstimmt.

Es war still im Zimmer. Nur an der Wand ging eine altertümliche Uhr mit starkem Schlage, und draußen trieb der aufgeregte Wind die schweren Regentropfen ans Fenster.

»Ich wollte wirklich,« sagte Fritz nach einer Weile mit tiefem Seufzer, »die kleine Hexe wäre hier, daß sie ein bißchen Sonnenschein und Leben ins Haus brächte. Die würde dir allen Mißmut bald fortlachen. Das Mädel fehlt einem wirklich.«

Endlich, am nächsten Tage, schien sich das Wetter klären zu wollen. Als sie beide am Morgen aufwachten und nach dem Fenster sahen, brach sich die leuchtendste Sonne darin, und der Schlag früher Finken tönte durch die halb verhangenen Scheiben bis in ihr Zimmer.

Etwas fröhlicher als sonst brachten sie den Vormittag im Kurpark zu, wo die Kapelle spielte und in den Gängen der Anlagen gezöpfte Backfische Arm in Arm lustwandelten. Frau Trude nahm heute sogar ein Bad und kam frisch und gestärkt mit roten Backen wieder.

Nachmittags, als sie den Kaffee eingenommen hatten, spazierten sie zur Abwechselung einmal am Haff entlang. In den Binsen quakten unaufhörlich die Frösche, und frisch geteerte Fischerkähne erfüllten die Luft mit starkem Geruch. An einer Stelle, wo der Wald dicht an das Wasser herantrat und man von seinen erhöhten Borden bis hinüber an die Küste des Festlandes sehen konnte, wo weiße Häuschen im blanken Sonnenschein lagen, machten sie Halt. Fritz klappte den Feldstuhl auf, warf die mitgenommenen Bücher ins Gras und streckte sich daneben hin, während Frau Trude den Stuhl an eine kräftige Buche trug, daß sie sich bequem anlehnen konnte.

Um sie herum war ein großes Schweigen, das durch den bescheidenen Sang der Buchfinken und das Geschrei der Frösche noch auffälliger ward. Ab und zu tönten auch ein paar Hammerschläge darein von Fischern, die ihr Boot flickten. Dann fing weit, ganz weit die Kurkapelle zu spielen an. Es drang so gedämpft herüber: »Lang, lang ist's her, lang ist's her,« so gedämpft wie eine stille, heimliche, tiefsüße Klage, wie eine große klingende Sehnsucht nach verlorenem Jugendglück.

Frau Trude schloß leise die Augen. Sie war schon früher immer leicht traurig geworden, wenn ferne Musik erscholl, so traurig, daß ihr manchmal die Thränen ins Auge getreten waren. Besonders Tanzmusik war es, die sie am meisten ergriff und aufregte. Vielleicht war es ein dunkles Gefühl des Ausgeschlossenseins, das ihr das Herz schwerer machte, vielleicht Erinnerungen an verschollene Mädchentage und Mädchenfreuden – sie wußte es nicht. Heute wirkten die Klänge noch mehr auf sie in dem erhabenen Schweigen ringsum, in dem vielen Grün und der ganzen halbfremden Umgebung.

Vor ihre Augen legte es sich wie ein feiner Schleier, in dem alles leicht verschwamm. Eine übermächtige Sehnsucht tauchte in ihr auf, die ihr die Brust hob in schwerem Atem. Dann sah sie lange hinüber, wo der Horizont weißlich verdämmerte.

»Dort liegt Berlin,« sagte sie ganz leise und seufzend, während sie nach drüben deutete.

Fritz nickte. »Du möchtest wohl gern zurück, Mama?«

Halb unbewußt neigte sie den feinen Kopf. »Wenn man so lange drin gelebt – du lieber Gott, dann wächst einem dieses Berlin so sehr ans Herz, wie man es selbst nicht glaubt.«

Es schien ihm, als ob in ihren Worten noch etwas andres läge, etwas Unausgesprochenes, das ihn ängstigte.

»Soll ich dir vorlesen?« fragte er hastig. »Ich habe hier ein paar nette Bücher mitgenommen.«

Und ohne ihre Antwort abzuwarten, begann er zu lesen, irgend eine kleine Geschichte aus einem neu erschienenen Bande.

Sie hörte nur mit halbem Ohr hin und sah unverwandt nach drüben, nach der Richtung, in der Berlin liegen mußte. Manchmal schloß sie auch die Augen.

Als er geendet, fragte er sie, ob es ihr gefallen hätte.

»Leidlich,« erwiderte sie müde. »Eigentlich ist es doch immer das Gleiche – in all den Büchern. Was hast du noch da?«

»Gedichte. Warte.«

Er schlug auf und las. Wie sanft tönende Wellen schlugen die Rhythmen an ihr Ohr, wie eine stille Musik. Das that ihr wohl, wenn auch der Sinn der Worte ihr oft knapp zum Bewußtsein kam. Nur einmal hörte sie vier Zeilen. Da schauerte sie fast zusammen und sah plötzlich mit großen Augen vor sich hin. Auch Fritz, der ihre Erregung bemerkte, las seitdem seltsam hastig weiter, als ob die Zeilen auch in ihm eine jähe Bestürzung hervorgerufen hätten und er nun fieberhaft versuchen müßte, den Eindruck zu verwischen.

Während sie noch saßen, trübte sich das Wetter wieder. Drüben am Horizonte wuchs eine dunkle Wand auf, die sich überschattend immer weiter ausspannte. Die ferne Festlandsküste verschwamm und durch den dichten Nebel schimmerten nur noch undeutlich die weißen Häuschen herüber, bis sie ganz untertauchten in Dunst und Dämmer. Durch das Grau der getrübten Wellen zogen geisterhaft mit vollen Segeln ein paar Kähne. Der Wind regte sich kräftiger, und das Zwitschern der Vögel verstummte allmählich.

Hastig brachen Mutter und Sohn auf. Sie gingen schweigsam nebeneinander her und hatten auch kaum ein, zwei Worte geredet, als sie nach Haus kamen. Bald darauf rauschte wieder der Regen herab, ein heftiger Wind stieß an die schlecht verschlossenen Fenster der Wohnung, und Frau Trude sagte ihrem Fritz, der noch bei seinen Arbeiten saß, schon um neun Uhr gute Nacht, um zur Ruhe zu gehen.

Sie schlief spät ein.

Mitten in der Nacht wachte sie plötzlich auf. Es war dunkel im Zimmer, nur durch die unverhüllten oberen Scheiben drang ein bleicher Schein in die Stube. Das einzige Geräusch war das Picken der Holzwürmer in den gebrauchten Möbeln und das Aufklatschen des Regens. Sie hörte eine Weile zu, wie die Tropfen aufschlugen, einförmig, in unregelmäßigem Fall. Und plötzlich überfiel sie ein jähes Angst- und Einsamkeitsgefühl, das ihr die Brust einengte. Eine Furcht, sie wußte selbst nicht, wovor, eine namenlose Bangigkeit bemächtigte sich ihrer, wie damals, als sie noch ein Kind war und nicht einschlafen konnte im Dunklen, während die Mutter längst, längst fortgegangen war von ihrem Bettchen. Sie hätte rufen, hätte einen haben mögen, der sie beschützte, wie es einst ihre Mutter gethan; sie dachte an die Worte des Geheimrats, daß sie selbst noch eine Stütze brauche. Aber wen hatte sie? Ihr toter Gatte fiel ihr ein. Und mit einemmal, klar und deutlich, Wort für Wort standen ihr wieder die vier Zeilen vor dem Geiste, die sie hatten erschauern lassen, als ihr Sohn sie vorlas – die vier Zeilen:

»Das Leben hat das Leben gern,
Und leicht gewöhnt sich Brust an Brust.
Die Toten liegen tief und fern
Und wissen nichts von unsrer Lust!«

Sie zitterte am ganzen Körper. »Die Toten liegen tief und fern,« sagte sie sich leise vor.

Und immer weiter rauschte der Juliregen an das Fenster, und die Tropfen schlugen auf wie schwere Thränen, geweint in bitterem Herzeleid, und da plötzlich überkam auch sie ein Weinen, ein wildes, zuckendes Schluchzen, darin aber hatte sie dann mit einemmal seinen Namen genannt: Horsts Namen.

Glühend und erschrocken richtete sie sich auf. Ihr Herz klopfe hörbar, in verhaltenem Weinen rannen ihr die warmen Thränen noch über die Wangen, und all die Wirrsal löste sich darin.

Horst, Horst, ja, er allein war es, der sie schützen und tragen konnte mit starken Armen, bei ihm allein war Glück und Ruhe und seliges Leben. Und mit einemmal wußte sie, daß er es war, nach dem sie sich in bangender Qual gesehnt hatte all die Tage und Wochen hier in der Fremde, wußte sie, daß sie ihn liebte mit der starken Innigkeit ihres Herzens, daß kein Kampf dagegen mehr möglich war.

Da wurde es ganz still in ihr. Eine große ruhige Klarheit umgab sie. Und sie dachte so bei sich, wie er wohl in Berlin, wo sie ihn Woche für Woche und noch öfter gesehen, nichts weiter geblieben wäre als ihr guter alter Freund, wie sie vielleicht in dem steten Verkehr mit ihm sich kaum der ganzen Größe und Allmacht ihrer Liebe bewußt geworden wäre. Hier aber fühlte sie es, wie er ihr fehlte und was er ihr war, und daß all die Unrast nichts weiter gewesen als der große, sehnsüchtige, unverstandene Ruf ihres Herzens nach ihm – nach ihm.

Es war ihr gar nicht wie eine neue Liebe. Nein, sie hatte ihn geliebt vom ersten Tage an, als er in ihren Weg getreten, und diese Liebe hatte nur in ihr geruht und geschlafen, seit sie dem andern als Weib gefolgt. Der Staub war darauf gefallen, der Staub vieler Jahre; Ranken hatten sich darüber gesponnen wie über einen Grabstein, wie über Dornröschens Schloß, daß keiner, auch sie selbst gar nicht mehr gewußt hatte, ob darunter noch etwas war, lebte; aber nun, mit einemmal war alles wieder da: groß, schön, herrlich wie früher.

»Horst,« sagte sie wieder, und ganz leise wie im Gebet noch einmal: »Horst.«

Und dann lag sie mit gefalteten Händen und glänzenden Augen.

*

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