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Jugendstürme

Carl Busse: Jugendstürme - Kapitel 7
Quellenangabe
authorKarl Busse
titleJugendstürme
publisherVerlag von J. Engelhorn
year1896
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Fünftes Kapitel.

Es ging wie Sonnenschein durchs Zimmer, trotzdem die Sonne längst versunken war. Aber das Gesichtchen leuchtete auch wie verklärt, und die helle Mädchenstimme plapperte in einem fort. Wie ein Quirl schoß das junge Ding, sich lachend und lustig auf dem Absatz drehend, durchs ganze Zimmer.

»Liebstes, bestes, einziges Tantchen, nicht wahr, du kommst doch mit und der Fritz auch? Ach, wir freuen uns ja alle schon ganz schrecklich darauf, und die Kaiserin kommt auch hin, und wir werden ganz nahe bei ihr einen Platz haben, und vielleicht sind die Prinzen auch da. Na, und dann erst die Wagen, ich sag' dir! Und ich hab' doch in meinem ganzen Leben noch keinen Korso und kein Wettrennen gesehen. Liebstes, bestes Tantchen, der Papa hat schon ja gesagt, aber nur, wenn ihr auch dabei seid.«

Und inzwischen streichelte das kleine Schmeichelkätzchen ihr »einziges Tantchen« so zärtlich und bittend, daß eine unnatürliche Hartherzigkeit dazu gehört hätte, nein zu sagen.

»Was man nur vom Korso hat,« brummte Fritz, der im Schaukelstuhl eine Cigarette rauchte.

»Rede du man nicht! Du thust ja doch nur so und wärst allein ganz gern dabei. Wenn du noch lange schwatzt, sprech' ich drei Wochen lang keinen Ton mehr mit dir.«

»Na, na, Else! Wird dir wohl schwer fallen.«

»Pah, was du dir auch einbildest! Weißt du, du bist manchmal ein richtiger Fratz – na ja, du – du Fratz du!«

Er lachte laut auf. »Seh' ein Mensch an, wie sich das kleine Persönchen aufregt! Also es muß partout zum Korso gefahren werden, was?«

»Herr von Röhren,« fiel Frau Trude ein, »stellte uns schon vor acht Tagen seinen Wagen zur Verfügung. Ich lehnte aber ab. Fritz zeigte auch nicht die geringste Lust.«

»Natürlich, Fritz wieder! Den muß ich mir doch wirklich mal vornehmen. He du, paß mal auf, mein Junge, wenn du uns die Freude verdirbst, dann kriegst du dein ganzes Leben lang keinen einzigen freundlichen Blick mehr von mir zu sehen, so wahr ich Else Annette Weidenberg heiße – merke dir's!«

»Hu,« schüttelte er sich, »wie lange soll denn dies schaudervolle Gelübde gehalten werden, verehrtes Fräulein Else Annette Weidenberg?«

»Immer,« sagte sie kurz und energisch und wiegte sich, seine Antwort erwartend, vor ihm auf den Fußspitzen. »Nun, Fritz?«

»Ja, bei der angenehmen Aussicht, die nur dieses Dämchen hier eröffnet, muß ich wohl kapitulieren. Wenn Mama nichts dagegen hat –«

Else ließ ihn gar nicht ausreden. »Manchmal bist du doch einfach süß,« jubelte sie freudestrahlend. »Da, du Fratz, da hast du was dafür.«

Und heidi! hatte sie ihn beim Schopfe und drückte ihm einen Kuß auf den Mund.

»Du bist wirklich außer Rand und Band, Kind,« lachte Frau Trude. »Eigentlich ist es mir ja ein bißchen unangenehm, da ich doch quasi ablehnte, aber um dir die Freude nicht zu nehmen, komme ich schon mit. Und die Billets?«

»Werden morgen ganz früh besorgt. Ach, wie glücklich ich bin, Kinder, nein, wie glücklich! Denkt euch nur: die Kaiserin, sagt Papa, wirft auch Blumen, und die ganzen Prinzen und Offiziere, und ein Fuchs wird losgelassen, ob ein richtiger, weiß ich noch nicht, und die Jockeys – na, Augen werden wir schon machen! Hip, hip, Hurra!«

Und die Handschuhe in die Höhe werfen und sie wieder auffangen, war das Werk eines Augenblicks. Dann noch ein stürmischer Kuß hier, eine Händedruck da, während das Plappermäulchen rastlos weiter lief, und wie ein echtes und rechtes Prinzeß Sonnenscheinchen war sie zur Thür hinausgehuscht.

Schlag ein Uhr, am bestimmten Tage, fuhr der Wagen vor. Fritz hatte schon zehn Minuten vorher am Fenster gestanden und hinuntergespäht, und als der alte Geheimrat mit seinem glattrasierten Diplomatengesicht die paar Stufen emporstieg, kamen ihm Mutter und Sohn schon vollständig fertig entgegen.

Frau Trude hatte ein einfaches Wollkleid angelegt, ohne jede auffallende Farbe. Ein kleiner Muff, der bei der leichten Kühle des Tages gute Dienste zu leisten versprach, harmonierte mit dem Pelzbesatz des Cape, und das alles stand ihr in seiner vornehmen Einfachheit so vorzüglich, daß ihr alter Freund sich bemüßigt fühlte, ihr ein zierlich gesetztes Kompliment zu machen.

So fuhren sie denn in bester Stimmung nach Westend hinaus. Das Wetter war ein klein wenig trübe und kühl, aber es hielt sich und schien dem Feste keinen Eintrag thun zu wollen. Denn auf den staubfreien Straßen rollten Hunderte von Droschken dahin. Je näher man dem Ziele kam, um so belebter wurden die Wege. Schon sah man hie und da stolze Karossen mit leuchtendem Blumenschmuck, elegante Landauer, über die sich blühende Lauben rankten, und bald wurde die Zahl der Gefährte so groß, daß es nur im Schritt vorwärts ging, viel zu langsam für Elses fiebernde Ungeduld. Zu beiden Seiten der Straße bildeten Fußgänger Spalier, ein Spalier, das immer dichter wurde, bis es zuletzt undurchdringlich schien. Neidische Blicke folgten den Glücklichen, die vorüberfuhren, und da man sich nicht anders rächen konnte, so half man sich durch beißende Bemerkungen, die auf die Insassen der Equipagen nur so hernieder regneten.

Endlich war das Ziel erreicht. Der alte Geheimrat bot Frau Trude den Arm und führte sie durch die gaffende Menge. Fritz folgte mit Else, die beim Anblick der ersten Fahnen beinahe laut ausgejubelt hätte. Da standen sie, die beiden großen Triumphbogen, gleich am Eingang der Rennbahn. Die bunten Zierschilder leuchteten hernieder, aus blumengefüllten Mastkörben wehten vielfarbig Marineflaggen, und in der Mitte schaukelte sich der große deutsche Adler. Unweit davon erhob sich der kaiserliche Pavillon, dessen goldene Zinnen blinkten; morgenländische Teppiche fielen im matten Glanz ihrer Farben über die Brüstung, die rotsamtenen Vorhänge regten sich im leichten Zuge, und wenn ein stärkerer Windhauch kam, rauschten vor dem Eingänge die schlanken Palmen.

Else hatte auch wirklich recht gehabt; dicht am Kaiserzelt, in einer der ersten Tribünenlogen, fanden sie ihre Plätze. Ihr Vater und ihr liebes »Tantchen« setzten sich, sie aber hielt es hier oben nicht aus und ging in Fritzens Begleitung nach unten bis dicht an die Barriere, wo sich schon Scharen von Menschen drängten. Mit Mühe und Not eroberte sie sich einen Stuhl, stellte sich darauf und stützte sich auf die Schulter ihres getreuen Ritters. Dann hielt sie »Generalmusterung«, wie sie es nannte, und hatte jeden Augenblick etwas andres entdeckt, worauf sie ihr Fritzchen aufmerksam machte; bald mußte er den Pavillon der Preisrichter bewundern, der gerade gegenüberlag, bald das hufeisenförmige Blumenzelt mit dem purpurnen Baldachin, bald die auf der andern Seite der Bahn dicht nebeneinander aufgefahrene Wagenburg und bald die über das ganze Feld verteilten Militärkapellen. Und so schwatzte und lachte und staunte sie unermüdlich drauf los.

Frau Trude unterhielt sich inzwischen oben in der Loge mit dem alten Geheimrat. Er sprach davon, daß er nach Norderney wolle, und fragte sie nach ihren Reiseplänen.

Sie erzählte ihm Fritzens Einfälle, wie er bald dies, bald jenes wünsche, und schloß halb ärgerlich, halb lächelnd: »Wenn er nicht stets zu Hause säße, würde ich wirklich glauben, daß er verliebt ist. Denn so launisch wie jetzt war er noch nie. Oder sollten etwa die bisher ausgebliebenen Flegeljahre jetzt nachkommen?«

Der alte Herr schüttelte den Kopf. »Sie haben ihn verwöhnt, Frau Trude, ja verwöhnt. Zu meiner Zeit hatten die Eltern ihre Kinder auch lieb, aber so viel Wesens wie heute wurde nicht davon gemacht. Der Fritz ist wie sein Vater selig, genau so still und genau so ruhig. Aber wenn er sich einmal aufregt, oder es kommt so etwas, was ihm nicht in den Kram paßt, oder er glaubt, es geschehe ihm unrecht, dann läßt ihn das nicht so bald los. Und ich meine, das kommt auch zum guten Teil daher, daß er sich so abschließt und niemals recht hinauskommt, sondern immer nur bei Ihnen sitzt. Sehen Sie, das dürfte nicht sein. Denn solche Menschen bleiben unentschlossen und weich ihr ganzes Leben hindurch. Ja, wenn sie gleich ein behaglich ausgefüttertes Nest finden mit einem Gefährten, der sie versteht, dann sind sie glücklich, wie mein Freund Berger. Aber wenn sie sich allein alles schaffen sollen, wenn sie mal keinen Henkel in die Hand kriegen, dann lassen sie sozusagen den ganzen Topf fallen, ja fallen. Und deshalb, meine liebe Frau Trude, sollten Sie vielleicht doch mehr darauf sehen, daß der Fritz endlich einmal von Ihrem Schoße herunterkommt. Nun, es ist ja gar nichts zu reden, aber Menschen sind wir alle, und wenn Sie einmal nicht mehr da sind, was dann? Er wird rein verzweifeln, wenn er Sie verliert. Das taugt nichts, und zu meiner Zeit machte man das anders. Frühreif ist er wohl auch ein bißchen, meine ich.«

»Das möchte ich wohl nicht sagen,« antwortete Frau Trude. »Sonst würde er doch kaum in seiner Schule als Duckmäuser und Tugendlamm verschrieen sein. Aber insofern mag das Wort frühreif am Platze sein, als er tiefer fühlt als sonst Altersgenossen. Er ist seelisch etwas überzart – leider. Für einen Jungen mag das ein schlechtes Erbteil sein, aber was soll ich machen?«

»Ob er nicht zu viel liest? Die Jugend heute – nun, wir durften nicht gerade viel Bücher in die Hand nehmen, und es ging auch. Else hat mir erzählt, was er immer vorhat. Ja, will er denn Missionar werden oder Afrikareisender? Das ist ja jetzt Mode. Oder was will er denn?«

Sie zuckte die Achseln. »Wenn er das selber nur wüßte! Früher – Gott, wie schließlich alle Jungen schwärmen – da hat er sich wohl auf den Schemel gestellt und Reden gehalten und wollte den Wilden später mal Gesittung beibringen; aber da ich keine Lust hatte, ihm nach Afrika zu folgen, so scheint er davon abgekommen zu sein.«

Der alte Herr rieb sich die Hände. »Es wäre doch Zeit, meine ich – ja Zeit. Wie lange noch, dann ist das Examen da und es heißt, sich für einen Beruf entscheiden. Die Verschwommenheit und Unklarheit – hm, sagen Sie selbst, das muß doch einmal ein Ende nehmen. Und ein ordentlicher Beamter – nun, ich verkenne ja durchaus nicht die Vorzüge andrer Berufe, im Gegenteil – aber die Beamtenlaufbahn dürfte sich doch empfehlen.«

»Ich denke, zu Jura wird er sich wohl entschließen,« nickte Frau Trude. »Wenigstens sprach er mal davon. Vorläufig natürlich hat er noch so allgemeine Vorstellungen, was er da kann: Unschuldige retten und weiß Gott, was noch. Das wird sich aber schon setzen. Gewiß – mir wäre eine sichere Laufbahn auch lieber. Zu den andern fehlt ihm auch die Energie.«

»Eben! Deshalb predige ich: straff halten, nicht so weich sein, ihn mehr 'rausschicken, daß er mehr Rückgrat kriegt. Aber Sie –«

»Verkennen Sie mich nicht,« lächelte sie. »Ich verzieh' ihn gar nicht. Jetzt, wo er so – so sonderbar launisch ist, hab' ich ihm meine Meinung schon ganz energisch gesagt.«

Der Geheimrat schob seine Brille auf die Stirn und guckte seine schöne Freundin mit einem feinen Lächeln an, das eigentlich nur ein sachtes Zucken der Mundwinkel war.

»So, so! Energisch! Ja, hm, haben Sie denn das wirklich gethan? Aber reden Sie doch nicht, sind ja selbst aus viel zu weichem Holz, hab's Ihnen ja schon oft gesagt. Es ist nur gut, daß Sie meine Rangen nicht haben; der Fritz läßt sich ja sonst sehr leicht leiten. Nein, beste Frau Trude, Sie mit Ihrem weichen, stillen Herzen, Sie können ja gar nicht böse und recht energisch werden, gelt, ich hab' doch recht. Sie sollen als Frau auch gar nicht anders sein, aber der Fritz – ja das ist eine wesentlich andre Sache. Sie, liebe Freundin, brauchen selber noch einen, der Sie stützt.«

Frau Trude errötete etwas und protestierte lachend, als helle Fanfaren über das Feld tönten.

»Majestät kommt,« sagte der alte Herr sehr würdig und zupfte seine weiße Binde zurecht. »Wo nur die Kinder sind?«

Aber schon stand Else leuchtenden Auges neben ihm. »Es geht los, Papa! Eben ist die Kaiserin vorgefahren. Ich glaube, von hier oben sieht man doch besser. Ah, da ist schon der ›Fuchs‹. Aber ein richtiger ist's nanu doch nicht.«

Während der nächsten Viertelstunde kam ihr das Fernglas nicht von dem glühenden Gesichtchen. Sie verfolgte alles atemlos. Der »Fuchs« ritt durch die Bahn ins weite Feld hinaus, und bald stürzte die königliche Meute hinter ihm drein, die Nasen am Boden, sich überstürzend und einander zur Seite drängend. Gleich dahinter ein Trupp Offiziere, Ulanen, Dragoner, Husaren. Endlich hatten die Hunde die Fährte aufgespürt, und nun ging's im tollen Galopp dem »Fuchs« nach, der wie ein Pfeil dahinschoß. Immer wilder, aufregender wurde die Jagd, Ueber die Hürden und Gräben fort preschten die edlen Gäule, das Strauch- und Flechtwerk oft mit sich reißend, immer mehr ereiferten sich die Jäger. Eine Zeit lang waren sie mit bloßem Auge kaum zu erkennen.

Plötzlich ließ Else das Glas sinken.

»Zwei sind voran, Papa,« stieß sie hastig hervor, »ein Ulan und ein Dragoner. Der Dragoner wird siegen, er ist schon ganz nahe.«

»Der andre holt ihn ein,« stritt Fritz, dessen sich allmählich auch eine kleine Aufgeregtheit bemächtigt hatte.

»Hurra, sie kommen hierher! Papa, du erlaubst doch? Fritz, an die Barriere!«

Und flüchtig, um nur ja keinen Augenblick zu verlieren, huschte sie hinunter. Kaum hatte sie ihren Stuhl erreicht, als der »Fuchs« auch schon heranbrauste, diesmal auf den Fersen gefolgt von dem ganzen Trupp der Offiziere. Noch schwankt der Fuchsschwanz an seiner Schulter unberührt, sein Pferd fliegt wie ein Vogel dahin, der Schaum flockt vom Gebiß, – da – nicht weit vom kaiserlichen Pavillon eine schwache Biegung, der Ulan sprengt im Galopp ein Stückchen neben dem »Fuchs« her – er will ihn überreiten –, und dann mit rascher Handbewegung ist der Fuchsschwanz gefaßt, und das Halali ertönt.

»Bravo!« klatschte Else jubelnd dem schneidigen Sieger zu, der dankend nickte und dann aus den Händen der Kaiserin den Preis empfing.

Fritz musterte durch sein Fernglas inzwischen die blumenüberladene Wagenburg. Plötzlich klopfte ihm die kleine Hexe auf die Schulter.

»Weißt du, wer da ist?«

»Na?«

»Herr von Röhren. Er plaudert gerade mit deiner Mama. Ach, das ist reizend.«

Mit einer jähen Bewegung wandte sich der Jüngling. Richtig, da stand die hohe Gestalt des Verhaßten gerade hinter dem Stuhle seiner Mutter. Und jetzt bog er sich weit vor, daß nur ein kleiner Zwischenraum zwischen den beiden Häuptern war, um ihr etwas zu sagen.

»Ich gehe nach oben,« sagte Fritz schroff. »Bleibst du allein hier?«

»Warte doch noch einen Augenblick. Es beginnt ja gleich was Neues. Sieh mal, verstehst du das? Was die Leutchen da für Klötzer aufstellen! Wie weiß angestrichene Gewichte. Und die Zahlen sind auch drauf. Da mög' ein andrer draus klug werden.«

»Kommst du jetzt?« fragte er ärgerlich und warf einen düsteren Blick nach der Tribüne.

»Na ja, alter Brummbär. Herrgott, macht der ein Gesicht!«

Aber sie blieb noch einmal stehen. Eine Bewegung ging durch die Scharen: die drei ältesten Prinzen waren in das Kaiserzelt getreten und lehnten nun in ihren leichten Matrosenanzügen, unaufhörlich grüßend, an der teppichbelegten Brüstung. Prinzeß Sonnenscheinchen konnte sich überhaupt nicht satt sehen an ihnen, und besonders Prinz Eitel hatte ihr ganzes Herz. Fast mit Gewalt mußte Fritz sie fortziehen.

Oben begrüßte sie Herrn von Röhren in ihrer lebhaften Weise und erkundigte sich gleich nach dem Namen des Siegers. Horst antwortete ihr freundlich. Fritz hatte ihm nur eine stumme Verbeugung gemacht und sich dann an die Seite seiner Mutter gestellt.

»Pardon,« sagte Röhren plötzlich und wandte sich direkt an ihn, »ich habe wohl Ihren Stuhl in Beschlag genommen, junger Herr?«

»O, bitte sehr,« preßte der Jüngling hervor.

Röhren sah ihn einen Augenblick an. Wie sonderbar die wenigen Worte klangen! Dann stand er auf und schob den Stuhl zurück. Um seine Mundwinkel flog dabei ein malitiöses Lächeln, daß Fritz im selben Augenblick rot und zornig ward und das Gesicht abwandte.

»Haben Sie auch einen Wagen hier?« fragte Else dann in das peinliche Schweigen.

»Nein, mein Fräulein. Allein wollt' ich nicht fahren, und von zwei Seiten bekam ich einen Korb.«

Er streifte flüchtig Frau Trudes Gesicht.

»Jammerschade,« schmollte das junge Mädchen, »ich wäre so gern mit dabei gewesen. Na, da sieht man sich die Geschichte eben von unten an. Wenn mir nur mein Stuhl im Gedränge nicht verloren geht.«

»Ah, der Attaché fährt auch,« sagte Röhren, der das Programm flüchtig überblickt hatte.

»Es beginnt schon,« nickte der Geheimrat.

Das Karussellfahren nahm seinen Anfang. Dem leisesten Winke folgend, bogen die edlen Pferde bald nach rechts, bald nach links ab.

Else streckte den Hals vor und zuckte dann die Achseln. Ein paar Minuten sah sie sich das Ding an und verfolgte die Schlangenlinien, die jedes Gespann beschrieb. Das wollte ja gar kein Ende nehmen! Und nun begann gar dasselbe Kunstfahren mit einem Viererzug. Das war zu viel für sie.

»Was da nun auch dabei ist!« platzte sie heraus. »Das kann ja jeder Droschkenkutscher. Man fährt einfach um all die Klötzer 'rum.«

Es klang so drollig, daß alle auflachten. Sie wurde rot und wußte nicht recht, ob sie mitlachen sollte; schließlich aber that sie es.

»Gedenken Sie dieses Jahr zu verreisen, gnädige Frau?« fragte Horst dazwischen und beugte sich tief zu Frau Trude herab.

»An die See,« nickte sie. »Lange dürfen wir allerdings nicht bleiben. Fritz hat nur fünf Wochen Ferien.«

Der Jüngling biß sich unwillig auf die Lippen. Er wollte vor diesem Manne nicht daran erinnert sein, daß er noch Schüler war.

»Das trifft sich reizend,« antwortete Röhren erfreut. »Ich war schon vor Wochen entschlossen, in diesem Sommer, wie ein Kamerad mal sagte, die Nordsee zu beehren. Ah, überhaupt die Nordsee! Was da für eine mächtige Kraft darin liegt, so etwas Wildes, Ungezähmtes, Elementares. Da ist die Ostsee gar nichts dagegen. In der Nordsee muß man manchmal ordentlich ringen mit den Wellen, und darauf freue ich mich schon heute.«

Er reckte sich voll auf, und Frau Trude, die einen Augenblick an ihm hinaufsah, hatte plötzlich das Gefühl, daß sie so ganz, ganz schwach und klein sei gegen diesen großen, kräftigen Mann.

»Es bleibt mir also die Hoffnung, Sie am Meere begrüßen zu können?«

Mit einer plötzlichen schroffen Bewegung wandte sich der Jüngling, der scheinbar auf das Menschengewimmel unter sich geblickt hatte, um.

»Wir gehen nicht an die Nordsee,« sagte er herb und trotzig, »sondern in ein Ostseebad.«

Im selben Augenblick ward er purpurrot und hob das Fernglas, um seine Verlegenheit besser verbergen zu können.

Seine Mutter sowohl wie Horst, überrascht und erzürnt, sahen ihn stumm an, und Frau Trude verzog die Stirn ein klein wenig. Was sollte das bedeuten? Seit wann war er denn auf die Ostsee versessen? Er wollte doch gewiß nur Herrn von Röhren reizen. Sie hatte kaum ein Wort. Sie verstand ihr Kind nicht mehr.

Es war gut, daß sich aller Aufmerksamkeit jetzt wieder dem Rennplätze zuwandte, der ein aufregendes Schauspiel bot. Fritz sowohl wie seine Mutter atmeten erleichtert auf. Aber während Else das zweispännige Herrenfahren mit glühendem Gesicht verfolgte, irrten die Blicke des Jünglings halb zerstreut umher. Wie durch einen Schleier sah er die wie wahnsinnig dahinfliegenden Gefährte, die eleganten Lenker mit den ledernen Schutzbrillen, die aufgeregte Menge. Auch in den Pausen, in denen die Musikkapellen spielten, sprach er kein Wort mehr und sah nur düster vor sich hin. Am liebsten wäre er nach Hause gefahren. Dieser Herr von Röhren wich und wankte auch nicht.

Endlich war das letzte Trabrennen vorüber, die bunten Jockeyanzüge verschwanden, und auf Elses inständiges Bitten verließen alle ihre Plätze, um sich den Blumenkorso in nächster Nähe anzusehen. Der Geheimrat, der an Röhren Gefallen zu finden schien, sprach von Norderney und genehmigte sich dabei vorsichtig ein Prischen, und die kleine Hexe neckte bald diesen, bald jenen.

»Uebrigens,« sagte sie dann, »da oben 'rum werden Sie ja auch wohl stecken. Da treffen wir uns im Bade vielleicht.«

»Ich will es wünschen,« lachte Horst, »und wenn ich dann Ihr Ritter sein darf –«

»Engagiert,« nickte sie gnädig. »Besonders zu der Reunion im Kursaal. Wissen Sie, es ist ja wahr, das Meer hat seine Schönheiten, aber so ein netter Ball – ach!«

Sie machte ganz schwärmerische Augen und bettelte dann ihrem Papa einige Markstücke ab, um sich mit Blumen zu versorgen.

»Wenn ich nicht fahre, will ich wenigstens werfen,« versicherte sie energisch.

Und nun setzte sich der Zug in Bewegung. Nach der Reihe defilierten die einzelnen Wagen am Kaiserzelt vorüber, geführt von einem vorreitenden Offizier.

»Famos!« jubelte Prinzeß Sonnenscheinchen alle Augenblicke. »Du, Fritze, sieh nur mal: die beiden Schimmel mit den roten Rosen – einfach süß, was? Und die Blumenlauben im nächsten Wagen! Ach, was für ein reizendes Mädel da drin sitzt! Herrgott, Papa, da ist ja auch Baron Tosten – wie kommt denn der hierher? Pfui, und der dicke Bankier da – der paßt gerade zu seinen geschmacklosen Centifolien!«

Und so kritisierte sie in einem fort, und ihr Köpfchen bewegte sich so zierlich hin und her, als ob's einer kleinen Bachstelze gehörte. Dann sah sie nach dem kaiserlichen Pavillon. Die drei Prinzen mußten ununterbrochen grüßend ihre Mützchen ziehen.

»Na, so was! Die armen Jungen! Wie denen auch der Arm weh thun muß! Die Kaiserin braucht wenigstens nicht den Hut abzunehmen. Brrr, Fritze, ich freu' mich doch, daß ich kein Junge bin.« Und dann plötzlich jauchzte sie laut auf. »Siehst du, ich hab's ja immer gesagt: der Prinz Eitel ist schlau, der legt seine Mütze einfach weg und steht mit bloßem Kopf da, nanu braucht er immer nur zu nicken – ach nein, nein!«

Ihr Gesichtchen lachte ganz entzückt.

Da tönte mit einemmal in vollen Accorden der Hohenfriedberger Marsch über das Maifeld, und gleichzeitig rollten die Hofequipagen vor das Kaiserzelt. Vierspännig voran der Oberstallmeister, gleich darauf der Landauer der Kaiserin, mit sechs prächtigen Rappen à la Daumont bespannt und geschmückt mit den herrlichsten Marschall-Niel-Rosen und Orchideen, und hinterdrein in vierspännigen Karossen die andern Fürstlichkeiten. Und nun, wo die überblühten Gefährte in dreifacher Reihe aneinander vorüberwogten, begann die Blumenschlacht.

Die drei Prinzen hatten sich im Wagen aufgestellt und bombardierten mit wahrer Leidenschaft, Maiglöckchensträuße wirbelten durch die Luft, es regnete Blumen. Und die Kapellen spielten süße, wiegende Melodieen, und die bunten Fahnen bauschten sich dazu, und es lag ein klingender Jubel in der bewegten Luft. Zischend und knisternd fuhren bunte Papierstreifen in die Höhe, rollten sich auf und schossen in Schlangenlinien hernieder; Kornblumen und Flieder grüßen von der Mailcoach der Gardekürassiere, aus dem Break der ersten Dragoner fliegen rote Nelken scharenweise nach dem kaiserlichen Wagen.

Immer mehr Blüten überschütten die Insassen der Gefährte, immer neu gefüllte Körbe reichen die Lakaien den Prinzen zu. Die Hufe der Pferde zerstampfen La France-Rosen, die leichten Räder mit den guirlandenumwundenen Speichen zerquetschen die saftigen Stiele der Orchideen. Und aus den graublauen Wolken, großäugig, leuchtend, bricht die Nachmittagssonne.

Von der Barriere aus, lachend und tollend, sandte Prinzeß Sonnenscheinchen ihre duftigen Spenden. Eine Schar Offiziere, die im geschmückten Kremser vorüberzog, ward auf das hübsche Mädchen aufmerksam, und im Nu ergoß sich ein Hagel von Blumengeschossen über sie. Aus Leibeskräften warf sie wieder. Einer ihrer Handschuhe flog mit – sie kümmerte sich nicht darum.

Jetzt war der sechsspännige Landauer der Kaiserin gerade vor ihr. Eine Stockung trat ein, die ein Photograph gleich benutzte.

»Hurra!« schrie Else und warf dem Prinzen Eitel, ihrem besonderen Liebling, einen Kornblumenstrauß gerade an den Kopf. Lachenden Auges stellte sich der Prinz im Wagen auf und fing an, wieder zu bombardieren. Eins der geschleuderten Bouquets fing sie auf und hielt es krampfhaft fest. »Vom Prinzen Eitel!« jauchzte sie.

»Aber Else,« drohte ihr Vater lächelnd.

»Papa,« bat sie glückselig, »liebstes, bestes Papachen!« Und dann wandte sie sich wieder dem Korso zu.

Das Blumenfest ging zu Ende. Um nicht in den Trubel des allgemeinen Aufbruches hineinzugeraten, schlug der Geheimrat vor, schon jetzt den Wagen aufzusuchen. So gingen sie langsam zurück.

Röhren entschuldigte sich für einen Moment und trat an einen Offizier heran, der sich eben von der Kaiserin verabschiedet hatte. Sie plauderten einen Augenblick, der Fremde sah lachend zu Else hinüber, nestelte dann ein Sträußchen aus seinem Knopfloch und reichte es Horst. Mit einem Händedruck trennten sie sich.

Else hatte gar nicht hingesehen und beschäftigte sich nur mit dem einen Sträußchen, das sie vorhin so glücklich aufgefangen hatte, als Röhren mit hörbarem Zusammenschlagen der Absätze vor sie hintrat und ihr seine schneidigste Verbeugung machte.

»Ich sprach eben mit Herzog Günther. Seine Hoheit erlaubt sich, dem gnädigen Fräulein durch mich dieses kleine Bouquet überreichen zu lassen.«

»Vom … vom Bruder der Kaiserin?« fragte die kleine Hexe ganz zaghaft und über und über rot.

Röhren nickte lustig.

»Ach, Sie ulken ja. Der Herr, mit dem Sie eben sprachen – wahrhaftig! Von einem Prinzen und einem Herzog,« jubelte sie dann auf. »Sieh nur, Papa – zwei Stück!«

Und sich freudestrahlend zu Horst wendend: »Ich danke Ihnen. Sie sind wirklich ein … ein Prachtmensch. Und was für Bekanntschaften Sie haben!«

Ein Blick unbegrenzter Hochachtung flog zu ihm hin, daß er mit all den übrigen laut zu lachen anfing.

Vor dem Wagen verabschiedete er sich.

»Also wirklich Ostsee, gnädige Frau? Dann erlauben Sie mir, Ihnen viel Vergnügen und Erholung zu wünschen und vor allem auch zu hoffen, daß Sie Ihre alten Freunde während der Zeit nicht vergessen. Darf ich nachher anfragen, ob diese Hoffnung in Erfüllung gegangen ist?«

»Sie sollen die Antwort hören,« nickte sie und streckte ihm die Hand hin.

Dem Jüngling fiel ein Stein vom Herzen, als sich der Wagen in Bewegung setzte. Endlich wurde er von der Qual erlöst, diesen Röhren an der Seite seiner Mutter sehen zu müssen. Befreit atmete er auf. Zwei Monate lagen ja fast vor ihm, wo er seine Mutter ganz allein haben würde – zwei lange, lange Monate. O, es mußte ja noch alles gut werden!

Und mit einemmal war er wieder der zärtlichste und aufmerksamste Sohn.

Else schwärmte noch immer von dem Feste und lobte besonders Herrn von Röhren in ihrer naiven, überschwenglichen Weise. Fritz wurde das zuletzt unbehaglich. Er schwieg wieder. Frau Trude lächelte dem jungen Mädchen zu und hörte ihr Geplauder aufmerksam an.

»Halt doch nur endlich den Mund!« unterbrach Fritz schließlich das lustige Geschwätz. Er hatte so eine dunkle quälende Ahnung, daß Else ihn, den Verhaßten, hier nicht loben dürfe. »Thust gerade so, als ob dieser Herr ein Weltwunder wäre!«

»Mehr wert wie du ist er auch zehnmal,« trotzte sie ärgerlich auf. »Mit dir will ich überhaupt nichts mehr zu thun haben, du alter Büchernarr du!«

»Else!« rief der Geheimrat streng.

»Na ja, ich will mich nicht ärgern; ich hab' ja meine Sträuße. Und den vom Herzog Günther press' ich mir – ganz gewiß!«

*

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