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Jugendstürme

Carl Busse: Jugendstürme - Kapitel 6
Quellenangabe
authorKarl Busse
titleJugendstürme
publisherVerlag von J. Engelhorn
year1896
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Viertes Kapitel.

Horst kam wirklich immer öfter ins Haus. Das Dienstmädchen erlaubte sich schon ein leises Lächeln der Vertraulichkeit, wenn es ihm den Paletot abnahm, und Frau Trude brachte, ohne es sich selbst einzugestehen, die Tage fast nur in der Erwartung seines Besuches zu. Stundenlang saß sie am Fenster und starrte in das Grün des vor ihr liegenden Tiergartens. Es war so etwas Junges und Köstliches in ihr, daß sie sich selbst oft wunderte. Ob wohl der Frühling daran schuld war, der so reich und blühend die Erde gesegnet hatte? Sie wollte es manchmal gar nicht glauben, daß sie ganze achtunddreißig Jahre alt war; es kam ihr vor, als sei sie erst gestern beim verschollenen Klang entfernter Glocken mit Horst durch die Wälder geritten, als habe sie erst gestern ihn geküßt und umschlungen. Wenn Fritz dann aus der Schule kam und sie ihn ansah, schüttelte sie den Kopf, als ob sie aus Träumen erwache. Solch einen großen Sohn hatte sie!

So oft Horst gemeldet wurde, verließ er fast stets unter irgend einem Vorwand das Zimmer. Sie sagte auch nie etwas dagegen. Einmal ertappte sie sich sogar auf dem Gedanken, daß es besser sei, wenn er ginge. Damals, als Röhren den ersten Besuch gemacht, war sie beim Eintritt des Jünglings ja auch schon halb beschämt und verlegen geworden. Es war ihr plötzlich aufgestiegen, daß sie eine alte Frau war, daß ihre Jugend unwiederbringlich dahin sei, daß in ihrem Kinde all die Bitterkeit der Trennungsjahre verkörpert zwischen Horst und ihr stände.

Nachher machte sie sich tausend schwere Vorwürfe, daß sie auch nur den kleinsten Teil eines Augenblicks ihren Sohn, ihren Liebling als etwas Störendes empfunden habe. Es überkam sie wie ein heimliches Schuldgefühl, das ihre ganze Seele ausfüllte. Mit verdoppelter Liebe suchte sie es wieder gut zu machen und that im stillen alles, wodurch sie ihm eine Freude zu bereiten hoffte.

Aber auch er war ganz anders; er schämte sich. All die Liebe, die ihn früher so mit tiefem Glück erfüllt, bedrückte ihn jetzt. Es fraß an ihm, daß er nur einen Augenblick seiner Mutter, die ihm so viel Gutes gethan, eine unwürdige Handlung zugetraut hatte, eine Handlung, die ihm abscheulich erschien. Und noch mehr peinigte es ihn, daß der Gedanke nicht von ihm wich, daß er sich immer fester wie eine glühende Nadel in sein Fleisch bohrte. Er glaubte ja nicht daran, er wollte und durfte ja gar nicht daran glauben; aber weshalb konnte er von der Idee nicht loskommen, weshalb begleitete und quälte sie ihn Tag und Nacht? Es war ihm, als ob er in den Schlamm geraten sei, und je stärkere Anstrengungen er machte, um daraus emporzukommen, desto tiefer sank er nur hinein. Wenn er mit seiner Mutter allein saß, sie bei einer Handarbeit am Fenster, er bei seinen Büchern am Tisch, und scheu hinübersah in das geliebte Antlitz, das sich tief auf die fleißigen Hände senkte, dann wollte es ihm oft das Herz abdrücken. Dieser heiligen, herrlichen Frau hatte er sündige Gedanken nahegelegt, an ihr hatte er zweifeln, von ihr glauben können, daß sie seinen Vater und ihn vergessen, sich durch eine zweite Heirat entwürdigen würde?

Und dann war es ein paarmal geschehen, daß er plötzlich aufsprang, an ihrem Halse hing und sie scheu und stumm küßte wie in geheimer Abbitte.

So wuchs fast die gegenseitige Liebe noch, und ihre Liebkosungen wurden unvermittelter, stärker als je. Aber sie wurden auch bewußter. Keins von beiden empfand sie mehr als etwas Selbstverständliches, als liebe Gewohnheit, die jedem ans Herz gewachsen war, sondern es war etwas wie dunkles Schuldbewußtsein, das sie dazu trieb. Zwischen Mutter und Sohn stand ein dritter, zwar noch wie ein halber Schatten nur, aber der Schatten wich und wankte nicht.

Dem Jüngling ward es schließlich ganz unerträglich. Er hatte erst darüber nachgegrübelt, was mit den beiden frechen Dienstboten geschehen sollte. Am besten war es, wenn man sie entließ. Aber konnte er das bewirken? Würde nicht seine Mutter nach den Gründen fragen? Und konnte er ihr diese Gründe denn gestehen? Das war doch unmöglich. Er sah keinen Ausweg. Es mußte eben vorläufig beim alten bleiben. Und dadurch, daß er die Schuld der Mädchen verhehlte, wurde sein eigenes Sündenbewußtsein noch drückender, als ob er jetzt nicht nur Mitwisser, sondern auch ein Mitschuldiger sei. Tagelang kämpfte er mit sich. Weshalb warf er die Last nicht ab, weshalb stürzte er nicht verzeihungflehend seiner Mutter zu Füßen und sagte ihr offen, was er gehört, was ihn quälte? War er nicht thöricht, sich selbst so zu peinigen? Aber immer, wenn er beichten wollte, schnürte ihm ein feines Schamgefühl die Kehle zu, daß er kein Wort hervorbrachte. Durfte er denn mit seiner Mutter darüber sprechen, verschob er nicht dadurch die Grenzen, die ihm seine Kindesliebe und sein Respekt vorzeichneten? Er wurde nur immer verwirrter.

Der Mai ging zu Ende, und der abgeblühte Flieder im Vorgarten setzte schon grüne Früchtchen an. In den Körben der Blumenhändler tauchten hie und da schon Kornblumen auf.

Fritz, mit den Büchern unterm Arm eines Tages nach Hause schlendernd, kaufte ein Sträußchen davon. Er wollte es seiner Mutter bringen. Seit langer Zeit war ihm heute zum erstenmal wieder ganz frei und leicht zu Mute. In der Klasse hatten sie einen hübschen Spaß gehabt, das mathematische Extemporale, das er so gefürchtet, war gut für ihn ausgefallen, der Nachmittag lag frei vor ihm, und die Sonne lachte über Berlin, daß die vornehmen Villen mit ausnahmsweise gnädigem und hellem Antlitz hinter den grünen Büschen und Ziersträuchern hervorschauten.

Frau Trude legte gerade die neuen Journale zusammen, als Fritz eintrat. Sie hatte heute nicht arbeiten können und hatte fortwährend an früher gedacht. Natürlich waren ihre Gedanken da auch bei Horst gewesen. Seit acht langen Tagen hatte er sich nicht mehr blicken lassen; statt seiner war nur ein Briefchen gekommen, in dem er kurz mitteilte, daß er auf einige Tage nach seinem Gute müsse, in einer Woche jedoch sicherlich zurückgekehrt sei. Nun war die Woche schon gestern vorüber gewesen, heute erwartete sie ihn mit Bestimmtheit.

Sie hatte ein schlichtes weißes Sommerkleid angelegt, daß sie noch mädchenhafter aussah als sonst. Fritz stutzte einen Augenblick, während sie ihm lächelnd über die Schulter fort zunickte.

Dann erkundigte sie sich gleich nach der so gefürchteten mathematischen Arbeit.

Er freute sich an ihrem Interesse. »Sie ist so gut ausgefallen, Mama, daß ich dir was mitgebracht habe,« sagte er lustig und hielt das Kornblumensträußchen hinter dem Rücken verborgen.

Sie stellte sich überrascht und riet hin und her, bis er es ihr endlich freudestrahlend gab. Sie dankte ihm mit warmem Blick und steckte sich die paar Blumen vorn ins Knopfloch, daß die blauen Kronen sich wohlthuend von dem schimmernden Weiß des Kleides abhoben.

Dann erzählte er ihr wie früher alles Mögliche: was heute in der Klasse passiert war, wie schön es draußen sei und all die andern kleinen Ereignisse des Tages. Sie hörte ihm auch aufmerksam zu, fragte und lachte, und da erschien ihm selbst die Qual verflossener Stunden wie ein böser Traum. Eine Leierkastenmelodie trällernd, packte er seine Bücher zusammen und trug sie in sein Zimmer. Aber schon ein paar Minuten später kehrte er ganz begeistert zurück.

»Weißt du, Mama, ich hab' eine großartige Idee. Wie wär's, wenn wir vor dem Essen noch ein Stündchen spazieren fahren würden? Das Wetter ist wirklich zu prachtvoll heute.«

Sie zögerte mit der Antwort. »Lassen wir es lieber bis zum Abend, Kind,« erwiderte sie dann. »Es könnte jetzt doch vielleicht Besuch kommen.«

»Dann mag der Besuch eben wieder fortgehen. Wir sind doch schließlich nicht verpflichtet, immer zu Hause zu bleiben.«

Sie nahm ein Journal und blätterte darin umher.

»Nein,« sagte sie dann entschlossen. »Es paßt mir heute wirklich nicht, Fritzchen. Wer weiß, was man versäumt. Die drei, vier Leute, die uns noch aufsuchen, dürfen wir nicht vor den Kopf stoßen.«

Er biß sich auf die Lippen, ein wenig geärgert. »Ach so – natürlich. Ich meinte nur, weil du auch gestern nicht draußen warst.«

»Die Ferien sind ja bald da,« beschwichtigte sie. »Dann haben wir genug Zeit, Luft zu schöpfen. Im übrigen haben wir uns noch gar nicht entschlossen, wohin wir gehen.«

»In drei Wochen ist Schulschluß,« nickte er. »Aber sag' mal, Mama, müssen wir denn überhaupt verreisen? Schöner als in unserm Tiergarten ist es doch eigentlich nirgends.«

Sie sah ihn erstaunt an. »Du willst nicht fort?«

»Offen gestanden: nein. Schon wegen der Arbeiten zum Examen möcht' ich hier bleiben, denn wir haben einen Ferienkursus, den ich gern mitmachte. Es braucht ja schließlich keiner zu wissen, daß wir hier sind. Wir leben eben still und ruhig für uns hin, sind für alle Besuche verreist und amüsieren uns auf eigene Faust hier in Berlin. Ja?«

»Was du auch für Einfälle hast!«

»Ach bitte, Mama! Sieh mal, ganz früh am Morgen führe ich dich spazieren, am Luisendenkmal vorbei; und wenn wir dann so am Wasser entlang gehen, können wir uns alles Mögliche vorstellen.«

»Wenn du durchaus willst,« entgegnete sie nach einer Pause, »mag's sein. Du weißt ja, daß ich meistens deinetwegen reise. Aber wenn der Ferienkursus notwendig ist –« Einen Augenblick fiel ihr ein, daß eine Trennung von Berlin auch eine von Horst sein müßte, von ihrem alten Freunde. »Also abgemacht, wir bleiben.«

Er küßte sie dafür und malte ihr das Stillleben, das sie führen würden, in den schönsten Farben aus. Schließlich glaubte sie selbst daran, daß die fünf Wochen in dem dann so ruhigen und ausgestorbenen Villenviertel, in ihren alten lieben behaglichen Räumen jeder Reise vorzuziehen seien.

Während sie noch plauderten, schlug draußen mit scharfem Klange die elektrische Glocke an.

»Ah,« sagte Fritz und schob seinen Stuhl zurück, »du scheinst wirklich recht zu behalten.« Seine Stirn verfinsterte sich. »Muß man denn auch immer gestört werden! Thu mir den Gefallen und weise den Besuch ab, Mama.«

»Abweisen? Wir wissen ja noch gar nicht, wer es ist.«

Er zuckte die Achseln und sah mit halb argwöhnischem Blick, wie ihr Gesicht sich leicht rötete, während ihre Hände nach einer Beschäftigung suchten.

»Wer soll es denn sein? Gewiß doch wieder Herr von Röhren. Er war ja glücklich ein paar Tage nicht hier.«

»Fritz,« sagte sie scharf und fuhr halb empor, »ich muß dich doch bitten, von unsern Gästen in einem andern Tone zu reden.«

Sein Gesicht ward dunkelrot, und während man draußen die Schritte des Dienstmädchens hörte, das die Korridorthür öffnen ging, stieß er hastig hervor: »Verzeihung, Mama. Aber nicht wahr, du bist heute nicht zu Hause für ihn? Ich bitte dich darum.«

Er hatte ihre Hand gefaßt und sah sie an.

»Was hast du denn nur?« fragte sie halb verlegen und halb ärgerlich, während sie ihm ihre Finger entzog, »ich begreife dich gar nicht.«

»Schick ihn fort, Mama,« bat er immer erregter, »wir haben gerade so hübsch geplaudert, was brauchen wir denn den Fremden? Du weißt doch, daß ich ihn nicht leiden kann. Dieser Mensch …«

»Du!«

Er senkte beschämt und erschrocken den Kopf, als ob er zu viel gesagt hätte. Aber ehe er sich noch entschuldigen konnte, trat das Mädchen schon ein. Es war wirklich Herr von Röhren, der draußen stand.

Frau Trude machte sich am Fenster zu schaffen und stieß fast heftig einen Flügel auf. Man sollte ihr bewegtes Gesicht nicht sehen. So blickte sie sekundenlang in den Tiergarten hinüber, ohne zu bemerken, wie die Blicke ihres Sohnes beinahe flehentlich an ihr hingen.

Das sang und klang da draußen in den grünen Baumkronen wie in den Wäldern ihrer Heimat, wie in den Wäldern, durch die sie einst als junges Ding geritten war, mit seligem, erliebtem Herzen und lachenden Augen. Und neben ihr, auf dem Falben, hatte einer gesessen, der damals für sie auf Gottes weiter Erde der liebste, beste, schönste Mensch war.

Horst – sie sah ihn einen Augenblick deutlich vor sich, wie er scharf und wuchtig die Terzen schlug gegen den prächtigen Stamm. Heute stand er nun draußen und heischte Einlaß, als alter treuer Freund.

Das Mädchen wartete schweigend.

»Lassen Sie den Herrn eintreten,« sagte Frau Trude mit einer halben Wendung des Kopfes, noch ganz in Gedanken. Aber im selben Augenblick zuckte sie fast erschrocken zusammen. Die Worte waren ihr so über die Lippen getreten, sie wußte selbst nicht, wie; sie hatte ihren Sohn ganz vergessen dabei.

Halb verlegen sah sie sich nach ihm um. Sie bemerkte, wie er sich mit verdüsterter Miene gewandt hatte und jetzt unschlüssig und zögernd dastand.

Ein leichter Trotz stieg in ihr auf. Sollte sie sich denn von ihrem Kinde tyrannisieren lassen? ihrem treuesten und besten Freunde, weil ihres Sohnes Laune es gerade so wollte, die Thür weisen?

Sie warf den Kopf ein klein wenig zurück und richtete sich höher auf. Und während das Mädchen dem Besuche die Thür öffnete, verließ Fritz mit starken Schritten durch die entgegengesetzte das Zimmer, ohne Gruß und Wort, ohne ein einziges Mal zurückzublicken. Sie konnte und wollte ihn nicht halten.

Sein Schlafzimmer ging nach dem Hofe hinaus. Er setzte sich auf die Bettkante und atmete schwer. So weit war es also gekommen – so weit! Das eigene Kind galt nicht mehr so viel wie jener Fremde, der sich aufgedrängt hatte, wie jener Fremde, der seine Mutter immer mehr und mehr umstrickte und bethörte, der ihr glückliches Familienleben zerstört und vernichtet, der ihn selbst elend gemacht hatte!

Seine Hände ballten sich. Ach, am liebsten wäre er diesem Menschen an den Hals gesprungen und hätte ihn gewürgt mit diesen seinen Händen! So haßte er ihn.

Er sah wieder vor sich hin. Plötzlich faßte ihn ein andrer Gedanke. Drüben waren sie allein – wer wollte wissen, ob er sie jetzt in diesem Augenblick nicht küßte – in diesem Augenblicke.

Mit einem Ruck spannte sich seine schmächtige Gestalt. Er wollte hinstürzen, wollte alle Thüren aufreißen, wollte bei ihnen bleiben, ein drohender Wächter, schon seines Vaters wegen, den er so geliebt. Dann besann er sich und schalt sich selbst, was er alles seiner Mutter zutraute, wie schlecht er war und wie thöricht. Die Thränen traten ihm beinah ins Auge.

Er lief auf und ab im Zimmer; es zuckte ihm in allen Gliedern. Er mußte noch mehr Bewegung haben, sein Herz war zu voll, als daß er hier hätte bleiben können, hier in der engen Stube. Er nahm seinen Hut und lief hinaus auf die Straße, in den hellen, allverklärenden Sonnenschein der letzten Maientage. Wohin ihn der Weg führte, sah er kaum. Es war ihm auch gleichgültig. Instinktiv wich er den Menschenscharen aus. Wenn das Trottoir zu voll war von hastenden und drängenden Leuten, trieb es ihn auf den Damm, wo er schneller vorwärts konnte.

Was sollte er thun? Und wie würde das enden?

Immerzu brannten diese Fragen in seinem Kopfe. Er segnete jetzt fast die Mädchen, die ihn unbewußt durch ihre Unterhaltung aufgerüttelt hatten; denn er – du lieber Gott – er hätte wohl überhaupt nichts gemerkt. Aber so konnte das doch nicht weitergehen! Unbequem, hatten sie gesagt, war er seiner Mutter, unbequem. Er hatte Mühe, ein Stöhnen zu unterdrücken. Ach, und wie abgöttisch er sie doch liebte! Warum war sie jetzt nicht bei ihm, warum hatte sie die Spazierfahrt abgelehnt? Es könnte Besuch kommen, das war die – die Entschuldigung. Und der Besuch war ja auch wirklich gekommen.

Er blieb plötzlich stehen. Heiliger Himmel, wenn – er wagte nicht, weiter zu denken.

Ein paar Arbeiter stießen ihn an; er fühlte es kaum. Er erinnerte sich fortwährend an die Unterhaltung vorhin. Seine Mutter wollte nicht fortgehen; sie wußte, daß Besuch kam; war das nicht schon ein abgekartetes Spiel hinter seinem Rücken? Hatte da vielleicht schon eine Verabredung vorgelegen? Und wenn nicht – es mußte ein Ende gemacht werden, sonst war Glück und Frieden auf ewig verloren. Doch wie sollte er mit seiner Knabenhand dem Geschick in die Speichen fallen? Knabenhand? Er reckte sich wieder auf: er war kein Knabe mehr und wollte keiner sein, er wußte, daß er kämpfen mußte um das Höchste, was er besaß, um die Liebe seiner Mutter, um die Ehre seines Vaters – kämpfen mit diesem Fremden.

Die Friedrichstraße hatte ihn aufgenommen. Wie Wandelbilder zogen die glänzenden Läden an ihm vorüber. Junge Mädchen mit hellen Sonnenschirmen, Arbeiter, Studenten, Offiziere, Beamte hasteten an ihm vorbei, lachend und plaudernd oft – er verstand nicht, was sie sagten. Ausrufer, fliegende Händler drängten sich am Damm entlang – er hörte nicht, was sie schrieen. In unendlicher Reihe rollten die Droschken und Fuhrwerke den »Linden« zu – er achtete nicht darauf. Fortwährend überlegte er, was ihm übrig blieb. Wie war es nur möglich, diesen Herrn von Röhren fernzuhalten, ihn zu bewegen, daß er nicht mehr kam, sich vor ihm zu sichern? Dann würde seine Mutter wieder nur ihn haben, nur ihn, der sie noch mehr lieben, der sie auf Händen tragen wollte sein ganzes Leben. Dann wäre dieses Erscheinen des Fremden weiter nichts gewesen als ein Phantom, ein Traum ängstlicher Wochen. Seine Mutter würde ihn schon bald vergessen, sie würde weiter glücklich sein mit ihrem Sohne, mit ihm, und kein andrer dürfte sie lieb haben, als er ganz allein.

Seine Brust hob sich. Er mußte langsamer gehen. Das Gedränge war zu groß. Und schon streckten sich die Linden zu beiden Seiten aus. Immer heftiger wurde das Menschengewühl. Einen Augenblick dachte er daran, sich nach Café Bauer zu retten. Aber er konnte ja nicht sitzen, er war viel zu erregt. So wartete er nun geduldig an der Ecke, bis der Straßenübergang auf kurze Zeit frei war. Trotzdem mußte er sich in acht nehmen, wenn er nicht überfahren werden wollte. Als er sich dann noch einmal umblickte, sah er vom Schlosse die purpurne Kaiserstandarte herüber winken. Er wunderte sich noch darüber, während er in der glühenden Sonnenhitze weiterschritt. Seine Augen lasen mechanisch an jeder Ecke die blauen Straßenschilder mit den weißen Buchstaben, glitten über die geschmückten Fenster der Geschäfte, über die grauen Häuserkolosse. Plötzlich blieben sie an einem mächtigen bunten Plakat haften. Er trat näher und las – las alle Dampferlinien nach Helgoland mit ihren Abfahrtszeiten.

Ueber ihm brauste derweilen die Stadtbahn vom Friedrichstraßenbahnhof über die Brücke, daß die Eisenteile nur so schütterten, neben ihm schrieen die Blumenverkäuferinnen ihre Sträuße aus – ein Rasseln und Dröhnen und Brausen ringsum. Aber er las weiter und sein Gesicht leuchtete.

Das war ein Plan und endlich ein Lichtblick! Ja, sie wollten doch reisen, nach einem stillen abgelegenen Seebade, wo sie keine Bekannte trafen. Den Ferienkursus gab er einfach auf; bei seinen Klassenleistungen konnte er ihn entbehren. Und dann war seine Mutter doch fünf liebe lange Wochen hindurch in einer neuen Umgebung, dann hatte er sie in dem weltabgeschiedenen Neste, das sie wählen würden, doch ganz allein, konnte er wieder um ihre Liebe werben, dann mußten sie sich doch in der Einsamkeit noch enger zusammenschließen. Vielleicht vergaß sie auch den – den andern ganz, und jedenfalls kam er ihr aus den Augen, denn Röhren würde ja um ihren Aufenthalt gar nicht wissen. Er aber, Fritz, wollte alles thun, was er konnte, um sich seine Mutter wieder zurückzuerobern. Sie sollte niemand und nichts vermissen. So mußte ja noch alles gut werden.

Er atmete wieder freier auf und ward zuletzt ganz lustig. Wie immer, wenn er vergnügter Laune war, lächelte er in seiner stillen Art vor sich hin, als ob nun schon alles gut wäre. Mit großen Schritten ging er zurück. Unter den Linden drängten sich die Menschen, ein Regiment zog mit klingendem Spiel gerade vorüber, in den hohen Spiegelscheiben der Cafés lag die goldene Sonne, und von den prunkvollen Blumenläden dufteten die Hyazinthen und die weißen Rosen.

Gemächlich schlenderte er dem Brandenburger Thor zu, durch das die Wagen rollten, blieb einen Augenblick mit all den andern stehen, als die Wache ins Gewehr trat, und dachte dabei immer vor sich hin, wie schön doch eigentlich die Reise werden könnte und der stille Badeort. Vielleicht beunruhigte er sich auch ganz umsonst, vielleicht zweifelte er ganz ungerechtfertigterweise an seiner Mutter, vielleicht, ja es war sogar wahrscheinlich, sah sie in Röhren nur einen alten Freund, wie es ihr der Geheimrat Weidenberg war, Elses Papa. Desto besser.

Allmählich spürte er Hunger und zog die Uhr. Richtig, es war wieder einmal zu spät geworden, und es war die höchste Zeit, nach Hause zu eilen.

Seine Mutter wartete mit dem Essen auf ihn. Er sah eine Falte auf ihrer Stirn und entschuldigte sich mit ein paar Worten. Sie nickte nur. Dann setzten sie sich zu Tisch.

Sie sprachen zuerst fast gar nicht. Endlich raffte sich Fritz, dem sein Plan nicht aus dem Kopfe ging, zu den Worten auf: »Ich habe eine Bitte an dich, Mama.«

»So?« sagte sie ziemlich kühl.

»Es wird dir vielleicht sonderbar vorkommen: ich möchte dich bitten, unsre Entschlüsse zu ändern und doch an die See zu gehen.«

Sie sah ihn einen Augenblick an und faltete die Serviette zusammen. »Lieber Fritz,« antwortete sie dann, »wenn du glaubst, mich hier mit deinen Launen tyrannisieren zu können, so bist du doch im Irrtum. Heute dies und morgen jenes, immer gleich beleidigt, mir womöglich Vorschriften machen, wen ich empfangen soll und wen nicht, die Gäste vielleicht gar noch unhöflich behandeln – das wird mir auf die Dauer zu bunt. Das ich für dich gethan habe und thue, was ich kann, das weißt du. Bis jetzt hast du's mir auch redlich gedankt und bist ein guter und braver Mensch gewesen. Aber wenn du mir so anfängst! Ich bitte dich, nicht zu vergessen, daß ich noch immer deine Mutter bin.«

Er wurde purpurrot. Das hatte er noch nie gehört. Scham und Zorn stritten in ihm, aber ehe er noch etwas antworten konnte, sagte Frau Trude viel weicher und freundlicher: »Nun genug davon. Ich hoffe, daß du diese Worte, die ich dir sagen mußte, nicht vergißt. Und jetzt erzähle mir um Gottes willen, wie du so plötzlich darauf kommst, daß du doch an die See möchtest. Vor zwei Stunden dachtest du doch noch ganz anders.«

»Ach, ich sah mir am Bahnhof Friedrichstraße all die Dampfertouren durch, und da hat's mich doch gepackt. Man sehnt sich mal hinaus aus Berlin. Natürlich, wenn du meinst –«

»Und deine Arbeiten?« unterbrach sie ihn, »und der Ferienkursus?«

»Wenn wir ein ganz kleines und stilles Dörfchen wählten, könnt' ich draußen ebensogut lernen,« erwiderte er noch immer verlegen. »Ich nehme mir die Bücher eben mit. Und es wird doch so hübsch sein an der Nordsee, weißt du, wie vor drei Jahren, als wir gerade immer bei Sonnenuntergang am Strande waren. Du – du hast mir damals auch so viel von Papa erzählt. Und wir kamen doch beide viel frischer zurück.«

Ihr Gesicht wurde wieder weich. Sie konnte ihm nicht lange zürnen.

»Aus dir wird auch kein Mensch klug, Junge,« sagte sie kopfschüttelnd. »Aber wir haben ja noch Zeit zum Ueberlegen.«

*

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