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Jugendstürme

Carl Busse: Jugendstürme - Kapitel 4
Quellenangabe
authorKarl Busse
titleJugendstürme
publisherVerlag von J. Engelhorn
year1896
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Zweites Kapitel.

In dem stillen Vorderzimmer, in dem sich nur die Uhren regten und manchmal ein paar schläfrige Fliegen, saßen Mutter und Sohn fast tagtäglich beisammen. Frau Trude häkelte und sah zuweilen über die kleinen Zierbeete und die bewegte Straße hinüber zum Saume des Tiergartens; Fritz, das Tugendlamm, erledigte seine Klassenarbeiten oder las in irgend einem seiner geliebten Bücher. Es kam vor, daß stundenlang kein Wort fiel.

Heute ruhten die schlanken Hände der Hausfrau öfter und länger im Schoße als sonst. Sie wußte selbst nicht recht, was ihr war, woher diese Müdigkeit kam und diese Sehnsucht nach bunten Träumen, die so übermächtig auf sie eindrängte. Fast mit Anstrengung raffte sie sich hin und wieder auf und führte ein paar Minuten lang die zierliche Nadel mit dem Elfenbeingriff, aber es dauerte nicht lange, und ihre Blicke wanderten von neuem über den grünen Waldpark, bis sie still und regungslos auf irgend einem Punkte ruhen blieben. Eine wohlige Empfindung kam dabei über sie, als ob die frische Farbe des jungen Laubes ihren Augen wohlthäte und sie selbst stärkte.

»Fertig!« unterbrach jetzt Fritz das Schweigen und klappte seine Hefte zusammen. »Hast du Lust zu einem Spaziergang, Mama?«

Frau Trude war bei seinem ersten Ausruf ordentlich zusammengefahren. Jetzt häkelte sie eifrig und sagte, ohne ihn anzusehen: »Nein, Fritzchen, heute mußt du schon allein gehen. Ich bin etwas müde. Uebrigens fällt mir eben ein, daß du ja Else Weidenberg abholen kannst. Du hast ihr's so wie so versprochen.«

»Wahrhaftig. An die kleine Hexe hab' ich gar nicht gedacht. Vielleicht gehen wir in den Zoologischen Garten zum Konzert. Ich will wirklich mal zusehen.«

Er drückte ihr einen Abschiedskuß auf den Mund und verließ das Zimmer. Draußen im Korridor zog er sich den leichten Ueberzieher an und setzte den Hut auf. Dann schlug er die Thür zu.

Nun war es ganz still, und Frau Trude faltete lässig die Hände im Schoß. Sie sah ihren Sohn draußen vorübergehen, in seiner ein klein wenig vorgebeugten Haltung und mit dem feinen blassen Gesicht. Es war wirklich der ganze Vater, und einen Augenblick dachte sie an ihren toten Gatten, dessen stille tiefe Gelehrtennatur ihr Fritzchen geerbt zu haben schien.

Sie stützte den Kopf in die Hand und sah ohne Unterlaß nach draußen. Nach der Beichte ihres Lebens hatte Röhren gefragt, nach den Wegen, die ihr Lebensschifflein gesegelt sei. Sie zuckte ganz leicht zusammen, und ihre Zähne gruben sich in die Unterlippe. Und es war ihr, als ob sie weit, weit sehen könnte, als ob draußen wieder die stille grüne Insel ihrer Jugend läge, als ob ihre Augen von Fleck zu Fleck wanderten und noch einmal erblickten, wie es gewesen und wie es geworden.

Allerdings – die dazwischenliegende Zeit war zu groß, als daß alles klar und fest vor ihr aufgewachsen wäre. Doch es kam in verschwommenen Linien, und ihre Phantasie malte in die zitternden Umrisse all die kleinen lieben Züge hinein, daß ganze Bilder vor ihr gaukelten. Vielleicht war es gar nicht so passiert, wie sie es jetzt sah – was that's? So ähnlich mußte es doch gewesen sein. Und je länger sie darüber träumte, desto farbiger und klarer wurden die alten Bilder, und sie lebte und webte darin und vergaß Zeit und Raum.

Ganz jung war sie. Und glücklich war sie auch. Nur die französischen Stunden wollten ihr nicht gefallen, und die Gouvernante aus der Schweiz hatte ihre liebe Not mit ihr. Aber im übrigen durfte sie sich nicht beklagen. Ihr Vater war allerdings streng, und wenn er einmal einen Entschluß gefaßt hatte, führte er ihn auch durch; doch sonst ließ er seinem kleinen Mädchen alle möglichen Freiheiten. Die ganzen Nachmittage durfte sie sich herumtreiben, und so strolchte sie denn redlich durch die Wälder und Felder, und mit ihr immer ihre beiden Kameraden Flock und Fips. Flock war ihr Pony, auf dessen Hals sie sich tausendmal niederbeugte, und Fips war eine deutsche Dogge von mächtiger Größe und noch mächtigerer Gutmütigkeit, wenigstens dem kleinen Mädchen gegenüber.

Auch an dem Sonntagmorgen, an dem der Störenfried kam, waren sie alle drei zusammen. Der Störenfried aber war ein lustiger Student, der mit seinem Stock eine Terz nach der andern gegen die Waldbäume führte und in diese angenehme Beschäftigung so vertieft war, daß er das Herannahen des Kleeblattes gar nicht gewahrte.

Fräulein Trude sperrte den Mund auf und ward dann vor Zorn ganz rot im Gesicht. »He, Sie!« rief sie energisch, »unterlassen Sie das gefälligst, ja!«

Er ließ erstaunt den Stock sinken, und während die letzten Borkenstückchen noch durch die Luft sausten, sah er sie mit einem spöttischen Gesicht an. Als ob er sich verhört hätte, fragte er dann: »Sie wünschen, mein Fräulein?«

»Daß Sie die Bäume in Ruhe lassen,« antwortete sie ärgerlich. »Wenn Sie die ganze Rinde abschlagen, gehen sie womöglich ein. So vernünftig könnten Sie doch wahrhaftig von selbst sein.«

»Pardon, Fräulein Weisheit,« lachte er, »sind Sie hier als Waldwärter angestellt? Nämlich in diesem Falle würde ich mit Vergnügen tagtäglich Baumfrevel treiben.«

Sie zog die Stirn kraus und preßte die Lippen zusammen.

»Seien Sie froh, daß ich den Wärter nicht erst rufe. Uebrigens dürfte Ihnen mein Verbot doch vielleicht genügen, denn der Wald hier ist Eigentum meines Papas.«

Er lachte jetzt über das ganze Gesicht und schlug vor Vergnügen eine Hochterz, die meisterhaft ausfiel.

»Daß Fräulein Weisheit sich so irren kann,« spottete er, »hätte ich wahrlich nicht gedacht. Zufällig nämlich gehört dieser Wald weder Ihnen noch Ihrem Herrn Papa, sondern meinem Onkel. Na?«

»Sie sind wohl noch nicht lange in der Gegend?« fragte sie schnippisch. »Bis zur Reiherwiese gehört uns alles.«

»Und über die Reiherwiese sind Sie bereits glücklich hinweg. Soll ich Ihnen den Grenzstein zeigen?«

Ohne eine Antwort abzuwarten, ging er voran. Sie sah einen Augenblick zweifelnd vor sich hin und folgte dann mit dem Pony.

Fips hatte sich inzwischen an den jungen Mann herangedrängt und ließ sich wohlgefällig den mächtigen Kopf tätscheln. Aber ein unwirscher Ruf seiner Herrin brachte ihn im Nu zurück.

»Selbst der arme Köter fällt meinetwegen in Ungnade. Herrgott, was ich für ein Scheusal sein muß!«

Sie wich seinem Blicke aus und zuckte die Achseln, ohne einen Ton zu reden.

Und nun standen sie an der Grenze. Fräulein Trude sah sich den Stein von allen Seiten an, guckte den schmalen Weg rechts hinunter, guckte ihn links hinunter, und ward, während ihr Begleiter sie triumphierend betrachtete, immer verlegener.

»Sie haben doch recht,« sagte sie endlich, »ich muß in Gedanken vorübergeritten sein.« Dann aber erhob sie in plötzlich aufsteigendem Trotz das Haupt: »Uebrigens ist es ganz egal, wem der Wald gehört. Es ist immer sündhaft, die armen Bäume, die sich nicht wehren können, zu beschädigen. Wozu war das also?«

»Um nicht aus der Uebung zu kommen, Fräulein Weisheit. Es ist doch schließlich besser, irgend einem Stamme einen tüchtigen Hieb beizubringen, als selbst gleich bei der ersten Bestimmungsmensur eine reguläre Abfuhr zu erleben und nachher zeitlebens mit einem Beefsteakgesicht herumzulaufen. An dem einen Schmiß hier habe ich vollständig genug.«

Erst jetzt sah sie die Narbe, die sich über seine linke Backe zog. »Es muß doch schrecklich weh gethan haben,« sagte sie ängstlich.

»Zuerst, als ich's bekam, gar nicht. Wissen Sie, das merkt man überhaupt nur daran, daß einem das warme Blut immer runterläuft. Nur das Nähen nachher – brrr! Jedenfalls werden Sie doch jetzt meine Fechterei begreiflich finden, als Corpsstudent hat man gewisse Verpflichtungen …«

»Ich weiß,« unterbrach sie ihn herablassend und mit einer Miene, als ob sie den Paukcomment in- und auswendig kenne. »Aber suchen Sie sich wenigstens einen alten und morschen Baum aus, dem es nicht viel mehr schaden kann. Meinetwegen sogar in unserm Walde. Und nun muß ich nach Hause.«

Sie wartete darauf, daß er ihr lebewohl sagen würde, aber er kehrte sich gar nicht daran und liebkoste Fips auf eine wunderliche Weise. Als sie langsam zu reiten anfing, ging er auch ruhig weiter neben dem Pony her, als ob es so sein müßte. Erst am Waldrand, als drüben zwischen den Pappeln das Herrenhaus auftauchte, blieb er stehen.

Ein paar Sekunden zögerte er noch, dann zuckte es über sein Gesicht.

»Wissen Sie, daß ich in Fips verliebt bin?« sagte er, während er die Dogge fortwährend streichelte. »Es würde mich glücklich machen, wenn ich den prächtigen Köter öfter sehen könnte. Was meinen Sie?«

Er schaute sie dabei mit ganz unglaublich treuherzigen Augen an, und nur einmal kam es ihr vor, als ob er sich mühsam das Lachen verbeißen müßte.

Sie zog sich langsam den dünnen seidenen Handschuh aus.

»Wenn Ihre Liebe so groß ist – morgen ist Fips um dieselbe Zeit wieder am Grenzstein.«

Dann nickte sie hastig, um eine flüchtige Röte zu verbergen, und trabte ins offene Feld hinein. Am Wege blühte der blaue Rittersporn, und die Bienen schaukelten sich daran, und tief und voll kamen die Sonntagsglocken über die blütenfreudigen Fluren. Am Waldsaum aber stand der Jüngling und schlug eine Terz nach der andern in die sonnige Luft hinein.

Das war der Anfang gewesen. Und die Fortsetzung verlor sich schließlich in lauter Sommer und Sonne. Knapp acht Tage nach dem ersten Zusammentreffen schien es ihnen allen beiden schon undenkbar, einmal einen Tag getrennt zubringen zu müssen. Dabei ging alles herzlich harmlos zwischen ihnen her. Sie sagten sich »Sie«, plauderten, zankten und dachten ebensowenig an gestern wie an morgen. Daß »er« Horst von Röhren heiße und »sie« Trude Behrendt, das wußten sie eigentlich von vornherein, denn ihre Güter grenzten aneinander, und nur der Umstand, daß Horsts Onkel ein eingefleischter Junggeselle und etwas menschenscheu war, hatte einen intimeren Verkehr zwischen den Nachbarn bisher verhindert. Natürlich fühlten sich die beiden Leutchen in der Einsamkeit weniger wohl, als wenn sie plaudern konnten, und so arrangierten sie denn auf eigene Faust tagtäglich Zusammenkünfte. Ost ritten sie beide weit hinaus in die Gegend, Horst auf seinem Falben mit den berühmten sechs Zöpfchen, sie, die Trudel, auf ihrem Pony.

Das ging so auch glücklich ein paar Wochen lang, bis Horst eines Tages der Trudel gestand, daß er »eigentlich« schon morgen abreisen müsse, es »aller-, allerhöchstens« aber noch eine Woche verschieben könne, wenn er das Semester nicht verlieren wolle.

Sie machte ein ganz erschrockenes Gesicht und sah ihn groß an. Aber sie gab ihm keine Antwort, sondern ritt ruhig weiter neben ihm. Als sie jedoch fünf Minuten lang so geschwiegen hatte, versetzte sie ihrem Pony plötzlich einen Schlag mit der Reitgerte und preschte im Galopp davon, daß ihr Kleid im Winde flog und der Schleier fast wagerecht hinter dem kleinen Hütchen stand. Fassungslos blickte er ihr einen Augenblick nach. Was hieß das? Und dann fuhr er mit seinem Falben wie der Sturmwind hinterdrein. Er hätte sie auch sicherlich eingeholt, sie hielt aber gerade auf ihren Hof zu, und da er sich dort nicht sehen lassen wollte, gab er überrascht und mißmutig die wilde Jagd auf.

»Was ist denn der Trudel heute?« brummte der alte Inspektor, der es sich erlauben konnte, sie beim Vornamen zu nennen. Sie hörte es, kehrte sich jedoch nicht daran, warf dem ersten besten Knecht die Zügel zu und lief mit rotem Kopf in ihr Zimmer.

Ja, was war ihr eigentlich? Sie wußte es selbst nicht und starrte nur ganz hilflos und kläglich vor sich hin. Immerzu mußte sie daran denken, daß er nächstens abreisen wolle. Und dabei ward ihr ganz sonderbar weh ums Herz. Natürlich nur des armen Fips wegen, der seinen treuesten Freund verlor. Sie holte sich den Hund in ihr Stübchen und drückte ihn so heftig an sich, daß er knurrte. »Du armer, armer Fips!« flüsterte sie immer wieder, und dabei rollten zwei schwere Thränen auf sein Fell.

Der andre Tag war wieder ein Sonntag. Ganz früh ritt sie fort. Und daran, daß sie auch heute wieder Horst und seinen gezöpften Falben traf, war nur Fips' herrlicher Geruchssinn schuld. Heute war jedoch alle Harmlosigkeit und Lustigkeit wie weggeblasen. Sie bemühten sich beide, über recht gleichgültige Sachen zu reden, und hatten so viel in der Gegend und mit ihren Pferden zu thun, daß sie gar nicht recht dazu kamen, sich ordentlich anzusehen. Ja, einmal war Fräulein Trude schon auf dem Sprunge, wieder auszureißen, aber das Gut lag fern; diesmal hatte sie keine Aussicht, zu entkommen.

So waren sie schweigend auf den Waldwegen bis zum Ende des Forstes geritten, und vor ihnen dehnte sich plötzlich die beschienene Gegend aus. Wie auf Verabredung hielten sie einen Augenblick an und sahen ins Weite. Vor ihnen lagen lange Feldstrecken voll blühenden Buchweizens, über den hinweg sich die Falter jagten. Drüben, wo die Hügelketten anfingen, kamen auf schmalen Wegen zwischen grünem Korn die Landleute in bunten Trachten zur Siebenruher Kirche gezogen, und auf der seitwärts sich hinschlängelnden Chaussee fuhr gerade die gelbe Morgenpost. Der Schwager darauf blies das einzige Lied, das er konnte: »Muß i denn, muß i denn – zum Städtle hinaus« schmetternd in die frühen Lüfte.

Er fing an, es leise mitzusingen, während die Pferde weiterschritten. Aber als er an die Stelle kam: »Und du, mein Schatz, bleibst hier,« stockte er und schielte nach der Seite hinüber in das Mädchengesicht. Es war über und über erglüht, und jetzt hielt sich Fräulein Trudel wirklich nicht mehr, sondern warf in Scham und Angst mit einem einzigen Zügelruck ihren Pony herum und jagte spornstreichs dem eben verlassenen Walde wieder zu. Natürlich kam sie diesmal nicht so fort. Gerade am Saum der Felder, bei den ersten Bäumen, rutschte der Sattel und sie mit ihm. Horst jedoch war mit einem Satze bei ihr, und dann – dann – ja, das war eine recht sonderbare Geschichte. Ob er den Sattelgurt festschnallen wollte und sich nur vergriff, oder ob er sie noch nachträglich halten zu müssen glaubte – wer wollte es wissen? Jedenfalls hatte er sie plötzlich umschlungen und küßte sie. Kein Posthorn tönte jetzt mehr von entfernten Straßen, nur die wilden Tauben gurrten in entlegenen Wipfeln. Sie aber rührte keinen Finger und hing ihm am Halse in süßer, sinnloser Schlaffheit. Nur einmal zitterte sie in kurzem Schauer, als die Luft über den Kronen sich mit dem getragenen Schall der Dorfglocken füllte.

In den nächsten acht Tagen wurden Fräulein Trudes Lippen von lauter verliebten Küssen immer röter. All die üblichen Tollheiten trieben die beiden großen Kinder. In alten Schulbüchern preßte sie die Blumen, die er ihr pflückte, und auf seiner Brust, in einem schmalen goldenen Medaillon, trug er eine Locke von ihr. Aber all das konnte die Abschiedsstunde nicht aufhalten. Und so trennten sie sich denn eines Tages, still und ohne viel Worte. Sie konnten nicht reden, weil sonst die mühsam verschluckten Thränen doch vielleicht hervorgebrochen wären.

Der alte Briefträger Wilsen, dessen verschossene Uniform stets voll Schnupftabakskörner lag, besorgte die Briefe. Du lieber Gott, was das für Anstrengungen gekostet hatte, ehe er stotternd und zitternd von ihr in das Geheimnis eingeweiht worden war. Doch er war ein guter Mensch und für Trinkgelder stets empfänglich, und da diese reichlich flossen, bestellte er prompt und verschwiegen all die Briefe – Briefe, die gewöhnlich Doppelporto kosteten, so unendlich lang waren sie.

Der Sommer machte sich allmählich auf die Wanderschaft, und als die Trauben am Spalier sich zu klären begannen, kam Horst zurück. Von neuem sah der alte Wald da zwei Lippenpaare aufeinander brennen, und während der Sturm in den Wipfeln den Brautchoral sang, gelobten sich zwei junge Herzen, nicht voneinander lassen zu wollen in Tod und Leben.

Und ein halbes Jahr später? Bei Behrendts war Besuch eingetroffen, ein Freund des Hausherrn, eine schöne, stattliche Erscheinung. Erich Berger hieß er, und sie alle hatten ihn lieb wegen der Güte und Milde, die dem stillen Gelehrten eigen war. Er sah die Achtzehnjährige, er plauderte mit ihr, er erwarb sich ihre ganze Zuneigung. Mit ihrer blühenden Jugend stahl sie sich in sein einsames, sehnsüchtiges Herz, und bald hing er an ihr mit der zähen und tiefen Liebe des gereisten Mannes. Aber sie sollte sich nicht opfern, er wollte keinen Zwang auf sie ausüben. Ihren Vater fragte er erst, ob sie frei sei. Und dieser fiel ihm um den Hals und sagte es ihr noch an demselben Abend, daß Erich Berger um sie geworben, daß er, ihr Vater, überglücklich sei, sie für immer in so guten Händen zu wissen.

Ein paar Augenblicke stand sie sprachlos. Langsam, mit unheimlicher Sicherheit, sah sie ihr junges Glück versinken. Sie ging auf ihr Zimmer und saß dort lange, lange. Das Unvorbereitete dieses Schlages hatte sie völlig gelahmt. Nicht im Traume war ihr der Gedanke gekommen, daß der Vierzigjährige an ihr, dem dummen Ding, Gefallen finden konnte. Und eins wußte sie gleich: so gut ihr Vater war, er war auch unbeugsam. Die ganze Nacht lag sie mit wachen, trockenen Augen. Dann bat sie sich Bedenkzeit aus und wartete auf einen Brief von Horst. Aber der kam und kam nicht.

Als sie vor ihrem Vater stand, war sie todmüde.

»Darf ich ihn rufen, Trudel?« fragte er.

Sie antwortete nichts.

»Aber so sprich doch! Hast du etwas gegen ihn?«

Sie schüttelte mit dem Kopf.

»Nun also – du wirst sehr glücklich mit ihm werden, mein Kind.«

Er holte ihn auch wirklich. Und zitternd kam der Gerufene und küßte sie scheu und leise auf die Stirn. »Ich will versuchen, dich glücklich zu machen,« versprach auch er, und es klang wie ein heiliges Gelübde.

Als das Frühlicht die Gardinen ihres Mädchenzimmers streifte, gab es wieder eine verweinte und verwachte Nacht mehr für sie. Und nun, wo alles aus war, packte sie ein reines Fieber, alles Frühere zu vergessen. Sie wollte fort von hier, aus diesen Wäldern, sie redete sich in eine wilde Entsagungsstimmung hinein, in Trotz und Gram und Groll, sie gab dem alten Wilsen den Befehl, keinen der bekannten Briefe mehr abzugeben, sondern sie gleich selbst zurückzusenden. Nachts weinte sie dann selbst darüber. Und nur noch einmal schrieb sie die vertraute Adresse auf einen Briefumschlag. Drinnen aber lag die Verlobungskarte.

Und ein Tag reihte sich an den andern, gleichförmig und still. Ihre Hochzeit fand statt. Sie zog nach Berlin, in eine noch vornehmere Wohnung. Und ihr Gatte hielt Wort: was er ihr nur an den Augen absehen konnte, that er. Er lebte nur für sie, er hütete sie wie sein bestes Kleinod. Als sie ihm einen Sohn schenkte, küßte er ihr nur stumm immerzu die Hand wie einer Heiligen.

Allmählich kam eine stille Zufriedenheit über sie. Fortan gab es für sie keinen Gedanken mehr als den an ihr Kind und ihren Gatten. Es war ein kränklicher Junge, dem sie das Leben gegeben. Mit seinen großen Augen starrte er verwundert jeden an. Er schrie gar nicht, sondern saß stundenlang an derselben Stelle, ohne sich zu rühren oder sich sonstwie bemerklich zu machen. Höchstens daß er bei besonders guter Laune immer von neuem versuchte, sein Füßchen in den Mund zu stecken. Da ihm das nicht gelingen wollte, blickte er mit noch erstaunteren Augen auf seine eigenen Zehen hinab.

Fritzchen wurde er gerufen. Und trotz der Spreewälderin kam er kaum vom Schoße seiner Mutter herunter. Er hing auch mit einer leidenschaftlichen Liebe an ihr, mit einer Liebe, die sich von Jahr zu Jahr verstärkte.

Die Zeit rann weiter! der Junge wuchs heran. Nach und nach starb einer nach dem andern. Ihre Eltern starben, und das Gut ward verkauft; ihres Gatten Haar ergraute allmählich, und eines Tages lag auch er tot im Lehnstuhl. Er war so still gestorben, wie er gelebt hatte.

Das waren, schwere Stunden für sie, denn sie hatte ihren edlen Gatten in all den Jahren lieben gelernt. Und nun war sie Witwe und war doch so jung, so jung; oberste kam tapfer darüber fort und schloß sich nur um so enger an ihr Ein und Alles, an ihren Sohn und Liebling. In den vielen Krankheiten, die er zu überstehen hatte, saß sie Tag und Nacht an seinem Bette, immer geduldig, immer zärtlich. Das steigerte seine abgöttische Verehrung noch, und all sein schwärmerisches junges Fühlen und Denken gehörte ihr. Der Vormund, der ihm bestellt worden, war der treueste Freund ihres Gatten, ihr selbst ein unermüdlicher Helfer, der auch schon graue Geheimrat Weidenberg.

Aus dem Hause kam sie selten. Ihr Fritzchen genügte ihr, und sie sonnte sich an seiner grenzenlosen Liebe. So vergingen die Tage, die Wochen, die Jahre, und so – ja so würden sie weiter vergehen, bis sie ein altes Mütterchen sein würde, ein ganz altes Frauchen mit weißen Haaren. –

Aber nun – heute war plötzlich etwas Fremdes und Neues in ihr Leben getreten, das sie erschreckt und aufgerüttelt hatte.

Der eine Name »Horst von Röhren« hatte ihr Ohr berührt wie ein verschollener Klang aus tiefen Thälern. Erst schüchtern und verschwommen, dann immer heller und greifbarer waren die alten Bilder vor ihr aufgetaucht, die heiligen Bilder der Jugendzeit. Wie ein grüner Inselstrand, über den wilde Schwäne flogen, stieg aus dem weiten Meer all der dazwischenliegenden Jahre ihre Mädchenzeit vor ihr empor, sehnend und lockend, und kam immer näher und nahm sie ganz gefangen.

*

Es ward schon leicht dämmerig im Zimmer. Ueberm Tiergarten verzückte das Abendrot, groß und leuchtend. Die tausend Vögel waren ruhig geworden und schliefen in den regungslosen Wipfeln und den Nistkästen. Von den bunten Anlagen der Denkmäler kam ab und zu ein warmer schwerer Duft von Parmaveilchen und erstem Flieder. Und draußen rollten in langer Reihe die Kindermädchen ihre Schutzbefohlenen in den leichten Wägelchen nach Hause, und ein paar Spreewälderinnen gingen dazwischen mit den kurzen steif gestärkten Röcken und dem heimatlichen Kopfputz.

Tiefer Friede überall. Kaum daß von entfernten Vierteln der Lärm des unruhigen Lebens herüberdrang und der abgeschwächte Pfiff der Stadtbahn.

Frau Trude aber hatte beide Arme übereinander gelegt und den Kopf darauf. Sie kam sich ganz kindisch vor, daß ihre Augen so ohne Veranlassung plötzlich feucht wurden von warmen, thörichten Thränen.

*

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