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Jugendstürme

Carl Busse: Jugendstürme - Kapitel 3
Quellenangabe
authorKarl Busse
titleJugendstürme
publisherVerlag von J. Engelhorn
year1896
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Erstes Kapitel.

Der Schaukelstuhl bewegte sich noch langsam. Ein schmaler Sonnenstreifen, der sich zwischen den Vorhängen durch ins Zimmer geschlichen hatte, zitterte bald hier, bald dort aus der polierten Lehne.

»Gnädige Frau –?«

»Ich lasse bitten,« sagte die Herrin schwer atmend und legte die Karte in die zierliche Schale. Dann, als sich das Dienstmädchen entfernt hatte, fuhr sich Frau Trude Berger in nervöser Aufgeregtheit übers Haar und warf einen flüchtigen Blick in den Spiegel.

Jetzt hörte sie draußen die starken, gleichmäßigen Schritte, jetzt öffnete das Mädchen die Thür, und jetzt –

Sie wunderte sich selbst, wie schnell sie sich gefaßt hatte. Und während sie lächelnd dem Eintretenden ein paar Schritte entgegenging und dabei mit einem einzigen Blicke die ganze Gestalt umfaßte, sagte sie ohne jedes Zittern in ihrer Stimme: »Wer mir das heute morgen prophezeit hätte, was für ein Wiedersehen mir heute noch bevorstände! Ich glaube beinah, ich hätte ihm ins Gesicht gelacht. Als ich den Namen aus der Karte las, wollte ich meinen Augen nicht trauen – wirklich.«

Er hatte sich über die schmalen Finger gebeugt, die sie ihm entgegengestreckt hatte. Als er das Gesicht wieder hob, bemerkte sie, daß es leicht gerötet war.

»Ich hoffe nur, gnädige Frau, daß ich nicht als ganz unwillkommener, wenn auch unerwarteter Gast hier eindringe.«

Sie schüttelte nur den Kopf mit einer leisen, kurzen Bewegung und lud ihn zum Niedersitzen ein.

»Wie lange das doch her ist,« sagte sie, ihn noch immer beobachtend. »Man sollt' es kaum für möglich halten.«

Er hatte sich einen Sessel herangerollt und ließ sich achselzuckend darauf nieder.

»Zwanzig Jahre,« erwiderte er mit einem kleinen Seufzer. »Und wer weiß, wenn ich jetzt nicht nach Berlin gekommen wäre, hätten wir uns im Leben überhaupt nicht mehr gesehen.«

Sie nickte. »Darf ich fragen, wie lange Sie sich hier schon aufhalten?«

»Eigentlich wünschte ich jetzt, lügen zu können, denn übermorgen werden es drei ganze geschlagene Monate, daß ich Berliner Luft atme.«

»Und Sie hatten soviel zu thun, daß Sie sich erst heute meiner erinnerten?«

»Zu thun? Nein. Eigentlich kam ich überhaupt nur nach der Großstadt, um mich zu zerstreuen und zu erholen. Aber du lieber Gott – wenn man so Jahre und wieder Jahre in einem kleinen verlorenen Nest zugebracht hat, dann betäubt einen das Leben hier förmlich, daß man zuerst an gar nichts denkt, an rein gar nichts, und nur mitschwimmt im Strome und –«

»Sie haben gewiß recht,« antwortete sie ruhig. »Und dann auch die lange, lange Zeit. Da muß man sich ja fremd werden.«

»Nein,« sagte er abwehrend, »fremd werden ist nicht das Richtige. Man denkt nur weniger an den andern und geht so hin, bis doch wieder mal der Augenblick kommt, wo die Erinnerung einen mit ganzer Macht packt. Ich hatte es mir ja gleich vorgenommen, Sie aufzusuchen, aber dann kam eben dies und jenes dazwischen, und dann – lachen Sie mich immer aus, doch offen gestanden: ich spürte etwas wie heimliche Angst. Einmal wußt' ich ja nicht recht, ob Sie mir noch ein Andenken bewahrt hatten und ob ich nicht vielleicht unwillkommen wäre – nun ja, es ist doch so vieles da, was von früher noch zwischen uns liegt – und weiter wird man ja auch so oft enttäuscht, wenn man ganz andre Menschen findet, als man erwartet hat. Das ist nun einmal so. – Nicht wahr?« sagte er nach einer kleinen Pause plötzlich, »wenn Sie meinen Namen nicht auf der Karte gelesen hätten, würden Sie mich gar nicht mehr erkannt haben?«

Ihre Augen trafen sich.

»Der Vollbart hat Sie etwas verändert,« antwortete sie dann, »aber sonst, wenn ich Sie so sprechen höre, diese ganze Ausdrucksweise – man kann wirklich denken, daß Sie nicht zwei Jahrzehnte, sondern vier Wochen fortblieben.«

Ein flüchtiges Lächeln huschte über sein Gesicht.

»Ich bin noch eitel genug, das als Kompliment aufzufassen. Aber ich kann aus vollster Ueberzeugung mit gleicher Münze dienen. Als Sie mir vorhin diese zierlichen, zerbrechlichen Kinderhändchen reichten, die schon damals in den meinen ganz verschwanden – da – da hab' ich's gleich gesehen, wie Sie sich doch ähnlich geblieben sind – so ähnlich, wie ich's mir nie vorgestellt habe. Man fühlt sich ordentlich jung, ich meine so ganz kindisch jung wie früher.«

Sie wurde zum erstenmal rot.

»Wollen Sie mir nicht erzählen,« fragte sie etwas hastig, »wie Sie all die Jahre verlebten? Ich weiß ja so gut wie gar nichts davon. Nur einmal – und auch das ist lange her – las ich eine kleine Zeitungsnotiz, daß Sie beim Hindernisrennen gestürzt seien.«

»Richtig,« lachte er, »mit Favorite damals. Allerdings liegt auch dazwischen schon eine hübsche Reihe von Jahren. Das war noch meine wilde Zeit.«

»Ich sehe schon,« sagte Frau Trude und schaukelte sich sacht, »wenn ich etwas erfahren will, muß ich selbst examinieren. Also beichten Sie. Seit drei Monaten sind Sie in Berlin? Nicht wahr?«

»Zu Befehl, Gnädigste,« scherzte er. »Hoffentlich ist die Entschuldigung meines verspäteten Besuches angenommen. Eigentlich habe ich dieses Plauderstündchen überhaupt nur einem alten Leierkasten zu verdanken.«

»Wem?« fragte sie erstaunt, während sich ihre Lippen leicht verzogen.

»Glauben Sie es nur, einem Leierkasten.«

»Aber –«

Er zögerte plötzlich einen Augenblick, als ob ihn etwas am Weitersprechen hinderte. Sein Blick schweifte forschend zu ihr hinüber. Durfte er das Vergangene und Verschollene berühren?

»Wir sind ja beide längst darüber hinweg,« sagte er dann, halb für sich, »und ich kann wohl ruhig darüber reden.«

Er wartete wieder. Sie aber schwieg und drehte mechanisch den goldenen Reif am Finger hin und her.

»Vorgestern früh war's,« nickte er, »so vielleicht um acht Uhr. Ich hatte abends vorher mit ein paar Bekannten von den ersten Dragonern zusammengesessen – na, und daß es da nicht bei der ersten Flasche geblieben war, brauche ich wohl nicht erst zu erwähnen. Leider, denn am andern Morgen brummte mir der Kopf ganz gewaltig. Und wie ich noch im letzten Halbschlaf liege, fängt unten auf dem Hofe eine Drehorgel an. Weiß der Himmel, wie der Mann ins Haus gekommen ist. Und das spielt nun, spielt, spielt – nicht etwa die neuesten Gassenhauer, nein, altmodische Melodieen und darunter eine, die mich plötzlich packt. Wie der Blitz kam's da, mit einemmal. An alle die Jugendeseleien hab' ich wieder denken müssen, an meine erste Mensur, an den ersten Ball, an meinen lieben Onkel Menne – Herrgott, und das stand so deutlich alles vor mir, als ob es nicht schon so lange begraben und vergessen wäre. Eigentlich muß ich dabei wohl ein recht dummes Gesicht gemacht haben, denn Sentimentalität hab' ich mein Lebtag nicht gekannt – aber mag nun wirklich gerade die verschollene Melodie daran schuld sein oder überhaupt der seltene Leierkastenklang, der mich an unser Dörfchen erinnerte – kurz und gut, lachen Sie mich aus, aber ich hatte plötzlich eine mächtige Sehnsucht nach – nach – ja Gott, nach der Jugend und allem Früheren, überhaupt nach dieser Frühlingszeit damals – ja!«

Frau Trude hatte den Kopf hintübergeneigt und wiegte sich nur noch ganz leise. Ihre Lippen waren fest geschlossen.

»Und da kamen Sie zu mir?« fragte sie nach einer Weile, ohne ihn anzusehen.

Er strich mit der Hand durch den dichten Vollbart.

»Ja,« erwiderte er. »Wenn diese Erinnerungen da sind, gehen sie auch nicht so bald weg. Und ich mußte eben dabei immerzu an Sie denken, weil Sie doch mit jener Zeit so verknüpft sind. Selbst die kleinsten Züge fielen mir ein. Damals, an dem einen Sonntag, wo wir spazieren ritten – wissen Sie noch, daß Sie damals von Ihrem schottischen Pony beinah herunterfielen? Na, ich war ja, Gott sei Dank mit meinem Falben, dem wir sechs Backfischzöpfchen geflochten hatten, daneben, als der Sattel rutschte.«

Sie atmete schwer und stand purpurrot auf.

»Wir sitzen hier wirklich in der schönsten Dämmerung,« sagte sie hastig und zog die Vorhänge auf.

Breit und voll brach die Sonne durch die Scheiben, daß die Thürbeschläge auffunkelten und zitternde Stäubchen in der bewegten Luft tanzten und verschwanden.

Keiner der beiden Menschen sprach ein Wort. Frau Trude war noch am Fenster stehen geblieben und wickelte mechanisch die seidene Schnur auf, um Zeit zu gewinnen und ihre Erregung zu verbergen. Sie wußte ja nur zu gut, daß an jenem Sonntag zwei junge Menschenkinder sich geküßt hatten und mit jauchzendem Herzen weiter geritten waren – durch Felder und Wälder in heimlicher Seligkeit.

Draußen im Tiergarten sangen die Meisen, und jubelnde Kinder trieben ihre Reifen den Weg entlang. Ab und zu sprengten auf den Reitwegen ein paar Offiziere vorüber oder rollten Droschken und Equipagen ins junge Grün hinein.

Als sie sich vom Fenster wandte, war ihr Gesicht wieder ruhig.

»Ja,« lächelte sie, »mit unsrem Gedächtnis ist das ein putzig Ding. Was da manchmal zum Vorschein kommt! Aber wollen Sie mir nicht erzählen, wo Sie vor Ihrem hiesigen Aufenthalt weilten und was Sie trieben? Sie sehen, ich bin hartnäckig in meiner Neugier.«

»Und ich danke Ihnen dafür,« sagte er warm. Dann, nach einer kurzen Pause: »Erinnern Sie sich noch an Onkel Menne, gnädige Frau?«

»Onkel Hermann? Natürlich! Ich sehe ihn noch ganz deutlich mit seinen großen Inspektorstiefeln.«

»Nun also, er hat mich doch quasi erzogen seit dem Tode meiner Eltern. Nachher ließ er mich auch studieren. Soweit ging ja alles gut, aber dann, als mir alle Lebenspläne und Hoffnungen zertrümmert wurden – da lebt' ich so wild drauf los, daß man mir in Heidelberg das Konsilium gab. Ja, Sie wissen ja, trotzig bin ich immer gewesen. In Berlin macht' ich's auch nicht besser, und als Onkel Menne endlich einsah, daß ich mich in der Großstadt völlig zu Grunde richten würde, steckte er mich einfach in das Regiment eines Freundes, und zwar in die verteufelt langweiligste Garnison des ganzen Deutschen Reiches. Die ersten Monate und Jahre, Herrgott, ich glaubte es überhaupt nicht aushalten zu können. Aber es gibt sich eben alles. Später saß ich genau so friedlich wie meine Kameraden im Roten Kreuz beim Schöpplein, machte bei den drei Bällen einen Pflichttanz mit der Kommandeuse, trat in die Ressource ein und wurde immer mehr, was man einen soliden Menschen und ein nützliches Glied der menschlichen Gesellschaft nennt. Die einzigen Abwechselungen waren eben drei, vier Rennen, die ich mitmachte. Als ich's dann zum Hauptmann gebracht hatte, starb Onkel Menne und hinterließ mir das Gut. Da quittierte ich eben, lebte ein Jahr zu Hause, setzte dann einen Verwalter ein und dampfte selber nach Berlin ab. Das ist wohl alles.«

Sie hatte ihm aufmerksam zugehört und atmete jetzt auf. Sie wunderte und freute sich im stillen über etwas, als ob sie mit Zittern und Zagen noch eins erwartet hätte – sie wußte selbst nicht recht, was. Dann wurde sie ein klein wenig rot, und mit einemmal kam ihr zu Sinn, was sie eigentlich noch wissen wollte. Er hatte gar nicht von seiner Familie gesprochen. War er verheiratet? Und war er glücklich? Aber er hatte nichts erwähnt. Ob er nur vor ihr davon schwieg?

Im Nebenzimmer schlug die Stutzuhr zwölf.

»Sie haben ein stilles Leben geführt,« sagte sie dann, »stiller, als ich angenommen hätte. Aber vielleicht war das nur vorübergehend, denn daß Sie jetzt hier zur Zerstreuung in Berlin sind, beweist vielleicht, daß der alte Wildfang noch nicht tot ist und sich wie früher lachend in den Strudel stürzt.«

»Mein Wille war es schon,« nickte er; »doch offen gestanden: ich fühle mich nicht gerade wohl dabei und bin auch zum längsten hier geblieben; für die Großstadt bin ich verdorben, und so will ich lieber nach Hause gehen, wo ich meine Ruhe habe und meine Bequemlichkeit. Sie sehen, was ich für ein Pfahlbürger geworden bin. Lachen Sie mich nur tüchtig aus.«

Sie wandte einen Augenblick, wie von der Sonne geblendet, den Kopf.

»Was sollte da wohl zu lachen sein? Je enger der Kreis ist, in den man sich stellt, desto glücklicher ist man vielleicht. So kann ich Ihnen gar nicht unrecht geben. Ein heiteres, abgeschlossenes Familienleben bleibt doch immer das Schönste.«

»Sie müssen sehr glücklich gewesen sein, wenn Sie so reden.« In seinen Worten lag eine leichte Resignation. »Ich meinte es eigentlich anders,« fuhr er dann fort. »Denn ich blieb der alte Junggeselle. Ein trauriger Beruf, nicht wahr? Aber was wollen Sie? Damals verlor ich eben den Glauben. Später dann – gewiß, ich war noch manchmal verliebt, doch wie das so geht, immer, wenn's drauf ankam, zuckte ich vor der Entscheidung zurück und überlegte so lange, bis alles aus war. Der Verbrannte scheut eben das Feuer. Und so laufe ich halt einsam herum.«

Ueber ihr Gesicht war es einmal gegangen wie ein kurzes Aufleuchten. Sie wußte nicht recht, was sie antworten sollte, und ließ wie spielend, mit gesenktem Blick, die Münze des Kettenarmbandes gegen die Stuhllehne klingen.

»Aber ich spreche nur von mir, obwohl ich eigentlich herkam, um recht ausführlich zu hören, wie Ihr Lebensschifflein gesegelt ist. Glauben Sie nicht, daß eine Beichte der andern wert ist?«

Sie zuckte die Achseln.

»Es ist gar keine Romantik dabei, noch viel weniger als bei Ihnen,« erwiderte sie und sah in die Sonne. »Ja, in dem Augenblicke, wo man alles so selbst durchlebt, da kommt es einem wohl ganz außerordentlich und absonderlich vor, aber wenn erst die Zeit darüber hingegangen ist und man es dann erzählen soll, dann findet man, daß man die gewöhnliche breite Straße zog und alles eben alltäglich war.«

Draußen schlug die Glocke an. Der helle scharfe Laut drang in die Stille.

Mit schnellem Ruck richtete sich Frau Trude im Schaukelstuhl auf und lauschte. Und als sie im Korridor ein paar Worte hörte, ward sie etwas rot.

Hastig flog die Thür auf.

»'n Tag, Mamachen. Weißt du schon –«

Aber der Jüngling, der ins Zimmer getreten war, hielt plötzlich überrascht und verlegen inne, als er den fremden Herrn erblickte.

»Verzeihung,« sagte er dann und verbeugte sich leicht. »Das Mädchen sagte mir gar nicht, daß du Besuch hast, Mama.«

»Mein Sohn Fritz,« stellte Frau Trude vor und nannte flüchtig den Namen des Gastes. »Du kommst heute früher, scheint mir.«

Sie war noch immer rot und ärgerte sich im stillen darüber.

»Wir schrieben eine Klassenarbeit,« antwortete Fritz, »und als ich fertig war, ging ich eben.«

»Ich will nicht länger stören, gnädige Frau« – der etwas zurückgeschobene Sessel knirschte – »und möchte Ihnen nur noch danken, daß Sie meiner nicht ganz vergaßen.«

Sie schüttelte den Kopf und streckte ihm zum Abschied die Hand hin.

»Und Ihre Beichte?« fragte er leise.

»Ein andermal,« lächelte sie.

»Also ich darf zuweilen an Ihre Thür klopfen?«

»Sie sollen willkommen sein!«

Als die Thür sich hinter ihm geschlossen hatte, ging Frau Trude langsam zum Fenster und lehnte einen Augenblick die Stirn daran. Dann atmete sie tief auf und sah still vor sich hin, bis sich ein Arm um ihren Nacken legte.

»Durch den Besuch bin ich heute um meinen Begrüßungskuß gekommen, Mamachen. Da – so holt man das Versäumte mit Zinsen nach.«

Sie ließ es sich lächelnd gefallen und strich ihm übers Haar.

»Uebrigens sind deine Bücher da, Kind. Ich hab' sie ins Bibliothekzimmer tragen lassen.«

Sein zartes, fast mädchenhaftes Gesicht leuchtete auf.

»Wie gut du bist! Weißt du, und da können die andern noch nicht begreifen, daß ich mich hier zu Hause bei dir am wohlsten fühle.«

»Wie steht's denn mit der heutigen Arbeit? Ist sie gut ausgefallen?«

»Ich denke, ja. Ach, übrigens, was ich dir erzählen wollte. Heute morgen komm' ich in die Klasse, und da schreit der lange Koppen gleich, als er mich sieht: ›He, du, Tugendlamm, wie in aller Welt kommst du denn zu solcher hübschen Schwester?‹ Nämlich er hat uns beide getroffen, als wir gestern zu Bote und Bock nach den Noten gingen. Denk dir nur, für meine Schwester hat er dich gehalten! Und tausendmal hab' ich ihm sagen können, daß du meine Mama bist; er hat's einfach nicht geglaubt. ›Blödsinn,‹ hat er gebrummt, ›viel zu jung dazu. Das Tugendlamm will unsereinen uzen?‹«

Frau Trude lachte etwas geschmeichelt auf, mit einem hellen, leisen Lachen.

»Was ihr da auch alles verhandelt in der Schule! Besonders dieser Köppen oder wie er heißt, scheint ja eine mächtige Rolle bei euch zu spielen.«

»Im Radaumachen, ja. Sonst aber – na, ich danke. Und nun will ich bis zum Essen noch mal die Bücher durchblättern. Ist das Bibliothekzimmer offen?«

Sie nickte. »Aber verschling nur die Werke nicht wieder, Fritz. Immer Maß halten!«

»Natürlich. Uebrigens, wer war denn der Herr, der eben fortging? Ich hab' den Namen nicht verstanden.«

»Herr von Röhren,« sagte sie leichthin und bog den Kopf zur Seite, »ein – ein Jugendfreund von mir.«

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