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Jugendstürme

Carl Busse: Jugendstürme - Kapitel 12
Quellenangabe
authorKarl Busse
titleJugendstürme
publisherVerlag von J. Engelhorn
year1896
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Zehntes Kapitel.

Das Fieber stieg unter der Aufregung, in die der Besuch seiner Mutter Fritz versetzt hatte. Mit glühender Stirn lag er da, noch mehr von seinen Gedanken gequält als früher. Denn dieses Wiedersehen hatte ihm nur allzu deutlich vor Augen geführt, was er mit seiner Mutter verlor, hatte ihm gezeigt, daß sie ihn auch jetzt noch so sehr, so unendlich liebte, wie es aus jedem Wort, das sie gesprochen, hervorgegangen war. Und gerade deshalb packte ihn eine so mächtige Sehnsucht nach ihr, und gerade deshalb grübelte er fieberhaft, wie er sie sich zurückerobern, sie wieder ganz allein für sich haben könnte.

Der Arzt verbot jede Aufregung, aber was half das? Wenn Fritz nicht erschöpft dalag und schlief, dachte er über sein Elend nach. Frau Trude kam nicht wieder; wohl war sie tagtäglich in der befreundeten Familie, aber man ließ sie mit Rücksicht auf das Verbot des Hausarztes nicht hinein zu ihrem Kinde. Dann stand sie oft an der Thür und horchte – horchte, wenn sie auch kaum etwas andres vernahm als ab und zu einen stärkeren Atemzug oder das Knittern und Rauschen bewegter Kissen.

Sie hatte allen Mut verloren, und wenn Horst ihr Trost zusprach, schüttelte sie nur traurig den Kopf. So wagte er es gar nicht, mit ihr von der Hochzeit zu sprechen und um Festsetzung eines Termins zu bitten. Einmal, als das Fieber stärker gewesen als je und Frau Trude es ihm weinend erzählt hatte, stieg ihm ein Gedanke auf, der ihn erbeben machte. Wenn das Kind starb, wenn Fritz unversöhnt dahinging –! Er hatte nicht den Mut, das auszudenken. Er wußte nur, daß dann sein Lebensglück und das seiner Braut ein zweites Mal und zwar für immer und ewig zerstört wäre, daß der Schatten des Sohnes zwischen ihnen stehen und keine Macht der Welt ihn mehr würde bannen können.

Fritz hatte inzwischen unter den tausend Plänen, die sein Hirn durchkreuzten und die oft nur tolle Ausgeburten des Fiebers waren, einen einzigen festgehalten. Nur ein Mensch konnte ihm helfen, nur einer ihm die Mutter zurückgeben, nämlich gerade der, der sie ihm genommen hatte: Röhren. Als er zum erstenmal auf den Gedanken gekommen war, zu ihm zu gehen, ihn, den gehaßten Eindringling, zu bitten, ihn anzuflehen, von seiner Mutter zu lassen und nicht zwei Menschen unglücklich zu machen – hatte er mit den Zähnen geknirscht. Er sollte betteln, wo er fordern konnte? Aber dann fiel ihm ein, daß er eigentlich nichts verlangen konnte. War es nicht der freie Wille seiner Mutter gewesen, der sie zu Röhren geführt? Und was würde sich der um ihn scheren, einen halb unbekannten Jüngling, der noch zur Schule ging?

Er dachte an andres; aber immer wieder kehrte er auf den einen Punkt zurück, während er mit trockenen durstigen Lippen auf dem Krankenbett lag.

Nach ein paar Tagen war die Macht des Fiebers endlich gebrochen und er durfte aufstehen. Er saß im Lehnstuhl am Fenster, Else meistens neben ihm. Sie plauderte und lachte mit ihm, sie versuchte ihn aufzuheitern oder sie tollte ausgelassen durch die Zimmer, forderte ihn zum Tanzen auf und setzte sich dann ans Klavier, um mitten in eine zopfige Etüde hinein einen flotten Berliner Gassenhauer ertönen zu lassen, daß Fritz laut auflachen mußte. Manchmal, wenn sie ruhig neben ihm saß, mit einer Häkelarbeit vielleicht, und auf dem leicht gesenkten Mädchenscheitel ein Sonnenstrahl lag, war er nahe daran, ihr sein Leid und Weh anzuvertrauen und den Plan, zu Röhren zu gehen, mit ihr zu besprechen. Aber dann schüttelte er den Kopf; sie war doch noch ein Kind. Er kam sich selber mit einemmal schrecklich reif und alt neben ihr vor.

Zwischen Frau Trude und dem Geheimrat war übrigens das Abkommen getroffen worden, alles ruhig seinen Gang gehen zu lassen. Fritz sollte so lange hier im Hause Gastfreundschaft genießen, wie es ihm gefiel.

»Die Zeit – die Zeit,« sagte der alte Herr wichtig, »die schafft. Nur keine Ueberstürzung. Ein Gedanke, der mir heute schrecklich vorkommt, an den gewöhne ich mich in einem Vierteljahr ganz leidlich – ja leidlich, und in einem halben begreif' ich überhaupt nicht mehr, was ich daran gefunden habe. Also nur kaltes Blut.«

So waren Fritzens Bücher und Sachen herübergeschafft worden in die kleine Villa, und Else sagte schon nach vierzehn Tagen: »Weißt du, ich kann mir knapp noch vorstellen, daß es früher anders gewesen ist. Mir ist, als wärst du stets bei uns gewesen und als ob du gar nicht mehr fortgehen dürftest.« Er lächelte dazu, aber tief innen fühlte er schmerzlich, daß er selber doch sein viel stilleres Heim und seine Mutter nicht vergessen konnte.

Manchmal, so des Nachmittags, wenn er aus der Schule kam, strich er um das Haus herum, scheu und von weitem, und sah nach den Fenstern empor und in den kleinen Garten hinein, wo die Astern blühten. Doch wenn sich nur etwas regte, wandte er sich hastig und lief in den Tiergarten.

Einmal traf er dicht vor der Wohnung das Stubenmädchen, das etwas geholt hatte. Er wurde purpurrot und hätte am liebsten davonlaufen mögen. Aber es war schon zu spät. Das Mädchen hatte ihn gesehen. Und so schritt er mit möglichst gleichgültigem Gesicht vorüber, erwiderte kurz den Gruß und rannte, als der Dienstbote im Hause verschwunden war, atemlos die belebten Wege empor, bis er hochatmend am Goethedenkmal stehen blieb. Er sah nicht mehr, wie seine Mutter ans Fenster trat, wie sie sehnsüchtig hinausspähte.

Langsamer als vorhin ging er auf eine stille Bank zu und setzte sich. Der Wind fuhr durchs Laub, das sich schon herbstlich färbte, drüben ritten ein paar Offiziere, und fern tönte der Wirbel der Wache, die ins Gewehr trat, vom Brandenburger Thor herüber.

Eine mächtige Sehnsucht packte ihn, stärker als je. Gleich als ob das Stubenmädchen ihn an früher erinnert hätte, an sein trautes Heim, an die Bibliothek seines Vaters, an die stillen Stunden mit seiner Mutter. Und plötzlich war er aufgesprungen und lief entschlossen die Tiergartenstraße entlang, bog dann links ab in eine kleine vornehme Villenstraße und stand endlich vor einem Hause, das in seiner ruhigen Einfachheit zu der wenig belebten Gegend paßte.

Hier wohnte Horst. Er hatte es auf der Visitenkarte oft genug gelesen.

Etwas zögerte er doch noch. Aber seine Sehnsucht war zu gewaltig. Was that es, er wollte sich demütigen, wollte bitten, wollte versprechen – wenn er nur seine Mutter wieder hatte und das Glück seiner früheren Tage.

Seine Aufregung war so mächtig, daß er auf dem ersten Treppenabsatz stillhalten mußte, um Atem zu schöpfen. Dann, bevor er klingelte, hielt er sich das Taschentuch vor den Mund. Der Diener, den sich Röhren vom Militär mitgebracht hatte, öffnete ihm. Er nannte seinen Namen und bat, ihn zu melden. Nach ein paar Augenblicken öffnete sich die Thür.

Röhren war gerade mit der Prüfung einer neuen Jagdflinte beschäftigt gewesen. Er legte die Waffe fort und sah unbeweglich auf den Eintretenden.

Fritz zitterte plötzlich; eine glühende Röte schoß ihm zu Kopf. Mit einemmal kam es wie ein Blitz über ihn, daß er hier eigentlich nichts zu suchen habe, daß er sich nur schrecklich lächerlich machen würde und daß Röhren ihn von jetzt ab nur noch mehr wie einen dummen, thörichten Jungen behandeln dürfte. Was wollte er eigentlich von diesem fremden Menschen? War es nicht heller Wahnsinn, von ihm ein Opfer zu verlangen, das zu bringen gewiß nicht leicht war?

Er konnte kaum einen Gruß hervorstottern.

Horst neigte kurz das Haupt. »Sie wünschen?«

Fritz wollte etwas stammeln, aber er brachte keinen Ton heraus. Wie ein Riegel hatte es sich vor seine Kehle geschoben, seine Brust arbeitete, und sein Atem ward in dem Scham- und Angstgefühl, das ihn erfüllte, nur noch schwerer.

Der Mann vor ihm sah ihn ruhig an und wartete – eine Minute, zwei Minuten. »Sie sind erregt,« sagte er dann; »bitte setzen Sie sich und beruhigen Sie sich nur erst etwas.« Er wies auf einen Sessel, und halb mechanisch folgte der Jüngling dem Winke. »Darf ich Ihnen ein Glas Wasser anbieten?« Er hatte schon die Hand nach dem kleinen Knopf ausgestreckt und trug dem Diener auf, die Erfrischung hereinzubringen.

Fritz sagte noch immer nichts. Er nahm das Wasser und trank langsam und durstig, während er innerlich dabei fieberhaft nach dem Anfang des Gesprächs suchte. Allmählich ward er ruhiger und sein Atem stiller.

»Ist Ihnen jetzt besser?«

»O, ich danke – mir war ja eigentlich gar nichts. Ich bin nur wohl zu schnell gelaufen.«

»Dann darf ich jetzt wohl meine Frage wiederholen, was Sie zu mir führt.« Röhren hatte sich leicht gegen die Kante des Schreibtisches gelehnt und rauchte.

Fritz schöpfte tief Atem. Jetzt mußte er reden, gleichgültig was und wie. Nur sich jetzt nicht noch lächerlicher machen und ohne eine Wort aus dem Zimmer stürzen.

»Sie wissen – ich bin nicht mehr bei meiner – meiner Mutter. Ich wohne bei Geheimrats.« Er hatte »Mama« sagen wollen, aber es schien ihm, als ob das hier zu kindlich klänge.

»Ich weiß,« nickte Horst, »Ihre Frau Mama teilte es mir mit. Sie haben ihr dadurch sehr weh gethan.«

Der Jüngling antwortete nicht. Er saß mit zusammengekniffenen Lippen. Röhren schwieg auch. Dann ging er zum Fenster und schob den Vorhang zurück, daß ein breiter Lichtstrom ins Zimmer quoll. Mechanisch folgte Fritz dem gelben, bald alles erfüllenden Schein mit den Blicken, und dazwischen suchte er, suchte fortwährend. Halb ängstlich und halb trotzig gingen seine Augen umher: drüben blitzte das Gewehr im Licht, und da vor ihm stand der Mann, der in Seelenruhe seine Cigarre rauchte und auf ihn herabsah, ohne daß eine Miene in seinem Gesicht zuckte, der so gar nicht aussah wie ein Schuldbewußter, der gerichtet und zur Rede gestellt werden sollte, während er, der hierher kam, wie ein rechter Schulbube dasaß, nicht aus noch ein wußte, immer verlegener ward, kein Wort herausbringen konnte.

Röhren sah ein, daß er so nicht weiterkam. Er mußte selber nachhelfen. »Möchten Sie mir eine Frage beantworten?«

Fritz nickte.

»Weshalb haben Sie Ihrer Mama das angethan? Weshalb haben Sie sie so trotzig verlassen? Sehen Sie, Ihre Mama war bei Ihnen, hat Sie gebeten – Sie haben ihr nicht einmal eine Antwort gegeben und den Kopf fortgedreht. Behandelt man so seine Mutter? Ich bin zwanzig Jahre älter als Sie; also ich darf das vielleicht fragen. Das war nicht schön, mein junger Herr! Und was in aller Welt veranlaßte Sie denn dazu? Weshalb sind Sie denn gegangen?«

Fritz hatte den Kopf hochgeworfen. Also auch daß sie bei ihm gewesen war, hatte seine Mutter ihm erzählt! Nun ja, sie saßen wohl jetzt, wo der Störenfried fort war, Stunden um Stunden zusammen.

Trotz und Zorn packten ihn. Und da fragte dieser Mensch noch: Weshalb sind Sie gegangen?

»Ihretwegen!« stieß er kurz heraus, und es war, als entlüde sich in diesem einen Worte seine ganze Wut.

Einen Augenblick herrschte Schweigen.

»So,« sagte Röhren dann, »das weiß ich ja. Aber möchten Sie mir das nicht etwas näher erklären? Was habe ich Ihnen gethan?«

Der Jüngling sah ihn groß an. Wollte sich dieser Mensch denn über ihn lustig machen? Er glaubte ein ganz leises ironisches Lächeln zu sehen. Aber nein – ernst ruhten Röhrens Augen auf seinem Gesicht. Und da kam es heraus, abgebrochen, ruckweise, einmal ein Wort, einmal ein kurzer Satz, gleich als ob er für alles und jedes neue Kraft, neuen Atem gebrauchte, als ob er daran würgen und es förmlich herauspressen müsse.

»Mein Papa – ist schon so lange tot. Wir waren so lange allein, Mama und ich. Und wir haben – keine Verwandten. Und Mama dachte immer nur an mich, und ich an Mama. Wir waren immer zusammen. Und nun – ist das so ganz – anders. Deswegen ging ich. Ich mußte ja gehen.«

»Sie mußten?«

Die Frage berührte ihn wie eine kalte Faust. Ahnte Röhren denn noch nichts? Und wie ein Schrei klang es: »Aber begreifen Sie denn nicht, Herr Baron?«

»Nein. Ich sehe immer nur, daß Sie Ihrer Mama grundlos weh gethan haben.«

»Aber ist denn das kein Grund, wenn meine Mutter – diesen – diesen Entschluß faßt?« Es lag wie Verzweiflung in den Worten.

»Meinen Sie? Nun, ich sehe die Sache etwas anders an.« Röhren wandte sich flüchtig und knipste die Asche seiner Cigarre in den Muschelbecher.

Fritz hing an seinem Munde, während er fast zitterte und seine Augenlider in einem fort zuckten.

»Ich will es Ihnen mit etwas andern Worten sagen, weshalb Sie Ihre Mutter verließen. Ihnen gehörte die Liebe Ihrer Mama bis dahin allein; daß es jetzt anders werden soll, verletzt Sie aufs tiefste. Das begreif' ich. Aber Sie ahnen vielleicht nicht, daß das nur einfacher Egoismus ist.«

»Egoismus? Wo ich meine Mama so lieb habe?«

»Ja, Egoismus; denn wenn Sie Ihre Mama wirklich so unsäglich liebten, wie Sie sagen, dann müßten Sie auch erst überlegen, was für Ihre Mama ein Glück ist, was sie als solches empfindet, und nicht immer nur an sich denken.«

»Mein Gott, ich denke ja Tag und Nacht daran, wie ich sie glücklich machen könnte, und jetzt, wo ich nicht mehr bei ihr bin, am allermeisten.«

Horst richtete sich höher auf. »Nein, das thun Sie eben nicht! Denn Sie fragen ja nicht danach, ob Ihre Mama durch ihren Entschluß glücklich wird, sondern nur danach, daß Sie dadurch, wie Sie glauben, unglücklich werden! Gewiß, Ihre Frau Mama lebte in guter, glücklicher Ehe. Ich weiß es. Aber diese Ehe war doch nur kurz; sie dauerte nur ein paar Jahre. Und dann blieb Ihre Mama allein. Mit wem? Mit Ihnen, einem Knaben. Aber meinen Sie denn, daß ein Kind im stande wäre, ein ganzes Dasein auszufüllen? Und mit wem, außer Geheimrats, verkehrten Sie denn noch? Dann wurden Sie ein Jüngling – Ihre Mama blieb noch immer allein mit Ihnen. Und so jung sind Sie nicht mehr, daß Sie nicht begreifen sollten, daß ein Weib noch andre Empfindungen hat als die einer Mutter! Und besonders, da Ihre Mama noch so jung ist. Gewiß, für Sie als Kind ist die Mutter alles, aber umgekehrt können Sie nicht alles für die Mutter sein. Wie viel Sie ihr aber sind, beweist Ihnen ja der Schmerz, den Ihr Benehmen ihr zugefügt hat. Und trotzdem, in ihrer Brust war stets eine Lücke, die Sie nicht ausfüllen konnten, die überhaupt kein Kind ausfüllen kann.«

Er machte eine kleine Pause. »Ich weiß nicht,« fuhr er dann langsamer fort, »ob Sie das alles verstehen. Es ist eben so schwierig, mit Ihnen, dem Sohne, darüber zu sprechen. Ich würde es auch gar nicht thun, wenn ich nicht hoffte, ein bißchen mit dazu beitragen zu können, Sie wieder auf den richtigen Weg zu führen und Ihrer Mama dadurch weitere Schmerzen zu ersparen. Und dann auch, weil Sie, wie ich gar nicht leugne, Ihre Mutter sehr lieb haben, wenn auch diese Liebe sonderbare Wege geht und sehr egoistisch ist. Wenn Sie einst älter werden, wird auch ein Tag kommen, wo die Mutter Ihnen nicht mehr alles ist, sondern nur eine Freundin, freilich die beste, die es auf der Welt gibt. Vorläufig glauben Sie das noch nicht, aber über kurz oder lang wird es Ihnen klar werden.«

Es folgte eine tiefe Stille. Röhren nahm seine Cigarre wieder. Sie war während der Zeit ausgegangen, und er mußte sie von neuem anzünden. Das Streichholz brannte hörbar in dem Schweigen.

»Aber meine Mama – wenn sie doch meinen Papa gekannt und geliebt hat – und jetzt noch einen Fremden – nein, ich kann das ja nicht fassen!«

Es war wieder ruhig. Ganz fern tönte einmal das Geläute der Pferdebahn. Horst ging ans Fenster und sah einen Augenblick wie nachdenklich hinaus. Als er zurückkam, war sein Gesicht noch ernster.

»Sie sagen Fremder? Hm! Nun, ich werde Ihnen mal eine Geschichte erzählen. Denken Sie sich einen jungen Menschen, ein bißchen älter als Sie. Sie sind Oberprimaner – nicht wahr? Also sagen wir: einen Studenten im zweiten Semester. Der kommt auf das Gut seines Onkels und begegnet einst im Walde einem jungen Mädchen. Es war die Tochter des Nachbars. Die beiden jungen Leutchen lieben sich bald, lieben sich leidenschaftlich. Aber das Mädchen hat einen strengen Vater und muß einen andern Mann zum Gatten nehmen. Das gab viele bittere Thränen. Aber der Gatte war edel und gut, er machte das Mädchen so glücklich, wie er es nur vermochte. Dann starb er. Und viele Jahre nachher kam der andre wieder. Keiner von beiden hatte vergessen. Und was meinen Sie nun: diese beiden Menschen, die sich in erster Jugend geliebt, bis das Schicksal sie auseinander riß, die sich nun nach zwanzig Jahren fast wieder treffen und in derselben treuen und heiligen Empfindung aneinander hangen, sollen die denn wirklich nicht zusammenkommen?«

Fritz sah ihn groß an. »Ich verstehe Sie nicht,« sagte er tonlos.

»Muß ich Ihnen wirklich erst sagen, wer die beiden sind?«

Ein Schauer ging durch den Körper des Jünglings. »Mama – und – Sie?«

Er stand langsam, wie unter einem Banne auf.

»Ja,« antwortete Röhren und legte die Cigarre fort. »Und nun, mein junger Freund, muß ich Ihnen lebewohl sagen. Aber nicht wahr? Sie versprechen mir, das alles, was ich hier zu Ihnen sprach, recht wohl und recht lange zu überlegen. Sie sind ja kein Knabe mehr. Und vielleicht kommen Sie dann zu dem Entschlusse, zu Ihrer Mama zurückzukehren. Sie wissen ja gar nicht, wie weh Sie ihr gethan haben.«

Er streckte ihm die Hand hin.

Fritz, verdutzt, halb wirr von allem, was er gehört, faßte sie, er wußte es selbst kaum; er wußte nur, daß er ein Adieu hervorstammelte, daß er nach seinem Hute griff und hinausstürmte, daß er wie ein Trunkener die Treppen hinabtaumelte. Er kam überhaupt erst recht zur Besinnung, als ihm das starke Licht von der Straße entgegenquoll.

Im Innersten aufgewühlt, voll gärender Gedanken und Empfindungen, schritt er dahin, in den Tiergarten hinein, schlug fremde, verlassene Wege ein, wo er keinem Menschen begegnete, wo nur das Fallen der Tannenzapfen tönte und das gedämpfte Geräusch der Ferne.

Röhren hatte ihm neue Welten erschlossen. Er grübelte darüber und empfand eine Unlust, fast einen Widerwillen gegen ihn, aber dahinein mischte sich eine Art Bewunderung für jenen imponierenden Menschen, der immer so ruhig geblieben und mit ihm selbst umgesprungen war wie der kluge, lächelnde Lehrer mit einem widerborstigen Schüler. Daß seine Schüchternheit ihn auch so in Bann gehalten hatte! Er hatte ja kaum einen Ton hervorgebracht! Und was hatte er denn erreicht? War überhaupt nur ein Wort davon über seine Lippen gekommen, daß Röhren ihm seine Mutter lassen, daß er abreisen, daß er fortgehen solle?

Er ging und ging. Das Licht brach grünlich-golden durch die Bäume. Er hätte sich selbst irgendwie weh thun mögen, so unzufrieden war er mit sich. Und wie Röhren die ganze Sache ansah! Er egoistisch! Es wollte ihm gar nicht aus dem Kopfe. Und Mama hatte Herrn von Röhren schon früher lieb gehabt. Das hatte ihm ja keiner, kein einziger bisher gesagt!

Er blieb plötzlich stehen. Wenn die andern nun recht hatten und er nur ein thörichter Knabe war? Wenn er seine Mutter grundlos gekränkt, wenn seine ganze Liebe wirklich nur in dem egoistischen Wunsche wurzelte, alles für sich allein zu haben?

Der Schweiß trat ihm auf die Stirn. Aber nein – es war ja nicht möglich, es konnte ja nicht sein. Sein Gefühl konnte ihn doch nicht so täuschen!

Er redete sich alles Mögliche vor, aber der Zweifel fraß leise an ihm weiter. Seine Mutter hatte noch ein Recht auf Leben, auf Glück – sie war jung. Ja, er erinnerte sich, sein Kamerad hatte sie ja für seine Schwester gehalten. Doch er wollte ihr ja alles Glück geben, sie auf Händen tragen das lange Leben hindurch, jeden ihrer Wünsche erfüllen!

Jeden ihrer Wünsche? Aber nun wollte sie ja Horst heiraten. Und dem widersetzte er sich ja gerade.

Während er noch so nachdachte, fiel es ihm plötzlich ein: was trieb denn Mann und Weib so mächtig aneinander? War das nicht etwas Häßliches? etwas Gemeines?

Doch dann war ja auch das gemein gewesen, was seinen Vater einst an seine Mutter gekettet. Und sein Vater war so rein und edel, und seine Mutter war ihm doch auch bisher wie eine Heilige gewesen. Also sollte dieser Drang doch groß und herrlich, sollte er stärker sein als Kindes- und Mutterliebe? Er konnte es sich gar nicht vorstellen. Er war doch auch kein Kind mehr. Würde vielleicht auch für ihn der Tag kommen, wo neben der Liebe zu seiner Mutter in seinem Herzen eine neue erwuchs? Eine neue, die noch größer war? Und mußte diese neue nicht die alte verdrängen? Es war ihm, als ob Röhren auch einmal darauf angespielt hatte.

Er dachte an die Mädchen, die er kannte. Es waren herzlich wenig. Eigentlich doch nur Else. Und wie er es sich auch überlegte: er war nie so recht darauf gekommen, daß sie – nun daß sie eben ein Mädchen war, etwas ganz andres als er selber. Er scherzte, lachte, plauderte mit ihr, aber das hätte er genau so gethan, wenn sie – wenn sie ein Junge gewesen wäre. Er hatte sie doch eigentlich nie recht angesehen. Als er sie sich jetzt vorzustellen suchte, waren seine Gedanken nicht beisammen. Aber er wollte sie wirklich einmal betrachten – die andre Else – das Mädchen.

Als er Geheimrats kleine Villa erreicht hatte, ging er schnell in seine Stube. Er wollte etwas thun und nahm den Horaz vor. Er traf auf eine Liebesode. Immer wieder diese Liebe von Mann und Weib! Und nach den ersten Zeilen schon legte er das Buch fort und stützte unlustig und nachdenklich den Kopf in die Hand.

Es wurde immer verwirrter in ihm. Der tiefinnere Glaube an sein Recht war durch Röhrens Worte erschüttert worden, und doch kam er nicht über das Gefühl fort, daß seine Mutter durch diese neue Heirat für ihn das Heilige und Große verlor. In Zwiespalt und Grübelei saß er da und sann und sah keinen Ausweg. Es fiel ihm jetzt noch manches ein, was er Röhren hätte erwidern können, und er wünschte fast, ihn noch einmal vor sich zu haben, noch einmal mit ihm zu sprechen, um vielleicht doch Klarheit zu gewinnen.

Da klopfte es, und die kleine Else huschte ins Zimmer. Er sah kaum auf.

»Natürlich wieder trübe-tümplig, Fritzchen,« lachte sie. »Ein hübsches Wort übrigens: trübe-tümplig – nicht wahr? Wenn das Papa hörte, gäb's einen Klaps. Na, du unglückliches Menschenkind, was ist dir wieder mal in die Krone gefahren?« Sie faßte ihn unters Kinn und hob ihm den Kopf in die Höhe.

»Du weißt ja,« sagte er seufzend.

Sie nickte ernsthaft und setzte sich zu ihm. »Ja, es ist eine schlimme Geschichte. Aber unrecht hast du doch, Fritz – nimm mir's nicht übel. Sieh mal, deine Mama ist so gut und lieb und kann doch immer nur dein Bestes wollen. Und Herr von Röhren – na, du weißt ja, ich schwärme für ihn.«

»Seit er dir den Strauß vom Herzog brachte. Närrchen du!«

»Ach was,« plapperte sie unwirsch, »überhaupt! Er hat so freundliche Augen, daß er überhaupt nur gut sein kann. Das lass' ich mir nicht ausreden. Sonst würde ihn deine Mama auch gewiß nicht gern haben. Ich an deiner Stelle – ich ginge flott zu ihm hin, gäb' ihm die Hand und sagte: wir wollen gute Freunde sein. Und dann ging' ich zu deiner Mama (denn das wär' ja dann meine), gäb' ihr einen herzhaften Kuß, und damit wär' die Sache erledigt. Aber du? Drückst dich unentschlossen in allen Winkeln 'rum, quälst dich und verbitterst dir und andern das Leben. Es ist schon richtig: du bist kein ordentlicher Junge!«

Ein flüchtiges Lächeln huschte über sein Gesicht. »Du sagst das auch so kläglich, als ob's eine größere Schande gar nicht gäbe.«

Sie sprang auf. »Gibt's auch nicht, mein Lieber? Ich kann dir nur sagen, ich könnte dich noch mal so gut leiden, wenn du ein bißchen wilder wärst. Duckmäuser mag ich eben nicht. Und wenn du nicht daneben solch – solch – na, man muß dir's ja lassen, du bist ein ganz guter Kerl – aber wenn du das nicht wärst, sähe ich dich überhaupt nicht an. Und eins kannst du mir glauben: deine Mama hat recht, Herr von Röhren hat recht, und du hast unrecht. Basta!«

»Nun fängst du auch schon an. Ihr bringt mich schließlich noch alle zur Verzweiflung. Aber bedenk' doch nur, Else: wie kann ich denn als Sohn zugeben, daß – daß meine Mutter – daß jetzt alles – so ganz anders sein wird.« Er sprach die letzten Worte sehr langsam und sah das Mädchen mit einem sonderbaren Blick an. Sie hatte erstaunte Augen.

»Das mußt du doch einsehen,« fuhr er hastig fort, ohne den Blick von ihr zu wenden. »Früher waren wir immer zusammen, Mama und ich, und jetzt – später – soll Röhren immer bei Mama sein – und soll sie lieb haben, und sie werden zusammen spazieren gehen und zusammen essen, trinken, schlafen – alles zus– –«

Mit jähem Ruck hob er plötzlich den Kopf. Else und er sahen sich halb erschrocken und seltsam an. Und langsam stieg ihnen die Röte ins Gesicht, in ihre Augen kam etwas sonderbar Scheues, daß sie ihre Blicke nicht ertragen konnten und beide ihn zu Boden senkten.

Es war ganz ruhig rings. Nur das schwere Atmen der zwei jungen Menschenkinder scholl in die Stille.

»Ich – ich glaube – Mama rief,« sagte Else dann leise und stockend, während die kleine Narbe über der Stirn dunkelrot glühte. Und ohne noch einen Ton hervorzubringen, stürzte sie aus dem Zimmer.

Fritz aber sah ihr nach mit großen, verwunderten Augen; als ob ein Blitz vorhin zwischen sie gefahren mit neuem, blendendem Licht. Und er sah noch nach der Thür, als das Mädchen längst fort war, während sich das Blut ohne Unterlaß nach seinem Haupte warf und sein Herz klopfte und klopfte.

*

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