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Jugenderinnerungen und Bekenntnisse

Paul Heyse: Jugenderinnerungen und Bekenntnisse - Kapitel 9
Quellenangabe
typeautobio
booktitleGesammelte Werke, 3. Reihe, Band I
authorPaul Heyse
year1924
publisherJ. G. Cottasche Buchhandlung Nachfolger / Verlagsanstalt Hermann Klemm
addressStuttgart - Berlin-Grunewald
titleJugenderinnerungen und Bekenntnisse
created20020827
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1900
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Von all diesen aufstrebenden jungen Künstlern blieb mir Böcklin damals der nächste und anziehendste. Auch er begegnete mir, soweit es seine verschlossene, schwerflüssige Natur zuließ, mit freundschaftlichem Vertrauen. Gleich bei meinem ersten Besuche erzählte er mir von dem fatalen Abenteuer, in das er sich bei seinem letzten Besuch in seinem heimatlichen Basel verstrickt hatte. Aus dépit amoureux da eine alte Jugendliebe ihm kalt begegnet war, hatte er sich mit dem ersten besten hübschen Kinde, das er auf der Straße getroffen, obwohl er sah, daß sie dem dienenden Stande angehörte, allen Ernstes verlobt und einige Tage in der lieblichen Nähe des guten Kindes sich's auch wohl sein lassen. Nun aber in der Ferne war ihm dieser frevelhafte Leichtsinn schwer aufs Herz gefallen, zumal das Bräutchen im ersten Brief, den sie ihm schickte, aus einem Briefsteller immer noch unorthographisch genug abgeschrieben, von seinen – Böcklins – »Rosenlippen« geschwärmt hatte.

Ich erwarb mir das Verdienst um den sehr niedergeschlagenen Freund, ihm zu einer möglichst raschen Aufhebung der Verlobung zuzureden, zu der er sich freilich erst Ende Februar entschloßS. die Novelle »Vetter Gabriel«..

Er war damals noch völlig unbekannt, eben aus Paris gekommen und in Rom ohne alle Gönner und Fürsorger in tiefster Armut, dabei stets durch seinen Stolz aufrecht gehalten, der ihm jedes noch so läßliche Paktieren mit dem Geschmack eines Publikums, das er verachtete, verwehrte. Von der späteren kühnen Phantastik, die ihm seinen Weltruhm eintrug, und der überströmenden Farbenfreudigkeit war noch nichts in seinen Landschaften zu spüren, auch von einer menschlichen Staffage noch keine Rede, dagegen in minder gewaltigem Stil schon das ganze intime Naturgefühl, das keiner fleißigen und peinlichen Studien mit Stift und Pinsel bedurfte, um dies wundersame Gedächtnis mit allen charakteristischen Formen und Farben, an denen seine Augen sich weideten, zu erfüllen. Ich bewahre noch eine Landschaft von ihm aus den Pontinischen Sümpfen, ein großartig einfaches Waldmotiv immergrüner Eichen, über dem er die Lust verloren hatte. So lag die unvollendete zerknüllte Leinwand im Winkel seines Ateliers, und er ließ es geschehen, daß ich sie glättete und an der nackten Wand meiner Klause in S. Andrea delle Fratte annagelte, bis ich ihr später in Berlin einen Rahmen gab.

*

Hier will ich auch einiger anderer Künstler gedenken, mit denen ich in mehr oder minder häufigen Verkehr kam.

Die Zeit war noch nicht fern, wo in Rom eine neue Blüte der deutschen Kunst aufgegangen war. Von den Malern, die in der Casa Bartoldi jenen reizvollen Freskenzyklus geschaffen hatten, traf ich freilich nur Overbeck noch an, der an gewissen Tagen in seinem Atelier auch fremden Kunstfreunden Zutritt gewährte. Ich entsinne mich deutlich seiner hohen, etwas vorgebeugten Gestalt und der sinnend gesenkten Augen, wie er neben der Staffelei stand und einer mutwilligen schönen Dame, die ihn mit einer etwas aszetisch aufgefaßten Eva zu necken wagte, da sie nicht wie die allgemeine Menschenmutter, sondern wie eine verschämte entkleidete Heilige aussah, mit leisem Erröten verlegen erwiderte. Mir selbst sind seine zartempfundenen und harmonisch zusammengestimmten biblischen Kompositionen, die freilich ein warmblütiges Naturgefühl vermissen lassen, stets erfreulich gewesen. Sein mächtigerer und tiefgründigerer Gesinnungsgenosse Cornelius hatte Rom schon seit Jahren verlassen, auch Thorwaldsen war in seine Heimat zurückgekehrt. Aber ihr Andenken war in den Kreisen der Jüngeren noch lebendig, wie auch von den verstorbenen Landschaftern Reinhardt und Koch manches charakteristische Histörchen immer von neuem erzählt wurde. Am Leben war noch der jüngere der beiden Brüder Riepenhausen, die sich durch ihr Nachschaffen der von Pausanias beschriebenen Polygnotischen Fresken in der Lesche Delphis einen Namen gemacht hatten. Mein Onkel veranlaßte mich, diesen seinen alten Freund zu besuchen, ich fand aber mehr an seiner treuherzigmilden Person als an seiner Kunst Gefallen.

Der alte Willers war, als ich nach Rom kam, schon mit den Zurüstungen zu seinem Aufbruch beschäftigt, und ich konnte nur noch an seinem Abschiedsfeste teilnehmen. Dagegen war es mir oft vergönnt, dem alten Martin Wagner zu begegnen, jenem merkwürdigen Künstler, den das Machtwort König Ludwigs I. aus einem Maler zum Bildhauer umgewandelt hatte, in richtiger Erkenntnis seiner eigentlichsten Kraft. Er ist bekanntlich der Schöpfer der Bavaria und der kriegerischen Reliefs am Münchener Siegestor, in denen sich eine etwas trockene, aber energische plastische Phantasie offenbart. Damals, im Herbst 1852, schien er auf seinen Lorbeeren auszuruhen und keine Hand mehr zu rühren. Er gehörte zu den Stammgästen der Trattoria del Lepre, in der auch wir häufig unser Mahl einnahmen. Da ergötzte er uns durch seine derben Auslassungen über Menschen und Kunstwerke und durch gewisse Sonderlingszüge seiner in allem Äußeren völlig nachlässigen Erscheinung. Unter anderm ließ er sich von allen Tischgenossen die Reste ihrer Mahlzeiten beisteuern zur Fütterung seiner Katzen. Dieses bunte Gemisch von Fleisch und Knochenstückchen, Fischköpfen und Gemüsen packte er dann in zwei große, notdürftig aus Zeitungen hergestellte Tüten, die er in die tiefen Seitentaschen seines Rockes versenkte. Da er dann regelmäßig mit diesen Vorräten beladen einen weiten Nachmittagsspaziergang machte, auch wenn die Herbstsonne noch so scharf herabglühte, kann man denken, daß seine Kleidung nach und nach einen seltsamen Duft verbreitete.

Nicht säuberlicher sah es in seiner Wohnung aus. König Ludwig hatte ihn zum Kustoden der Villa Malta gemacht, die ein königlich bayerischer Besitz war. Hier besuchte ich ihn einmal und fand ihn inmitten einer so greulichen genialen Wüstenei, wie sie mir noch nie vorgekommen war. Auf Tischen und Stühlen lagen große Blätter mit künstlerischen Entwürfen chaotisch übereinandergeschichtet, Teller mit Speiseresten, leere Weinflaschen, Kleidungsstücke und alte Schuhe, dazwischen ein wertvolles Gemälde aus der Kölnischen Schule, das er bei einem Trödler gekauft, alles mit einer dicken Schicht grauen Staubes friedlich eingehüllt. Zwischen diesen Herrlichkeiten führte er mich mürrisch herum und klagte mir seine Not: König Max habe seinen Besuch in Rom angekündigt und werde natürlich bei ihm absteigen. Er werde Mühe haben, hier alles »elegant« zu machen – ja freilich! dacht' ich – und um seine Behaglichkeit sei es geschehen.

Von den älteren Künstlern muß ich noch Riedels gedenken, dessen Atelier in Via Margutta lag, nach drei Seiten mit Fenstern versehen, durch deren halb oder ganz geöffnete Läden mehr oder weniger Sonnenstrahlen eingelassen werden konnten, immer genau so viel, wie der Maler jedesmal zur transparenten Beleuchtung einer Wange, eines Nackens oder auch nur eines Ohrläppchens bedurfte. Von dieser Künstelei abgesehen, die Riedel zu einer virtuosen Spezialität ausgebildet hatte, war der völlig zum Römer gewordene prächtige Mann ein ganzer Künstler, an dessen Werken man seine ehrliche Freude haben konnte, und ich habe in seinem Studio, von dem man einen herrlichen Blick auf den Monte Pincio hatte, mich auch an seinem treuherzig-klugen Gespräch manche gute Stunde erfreut, während seine Kanarienvögel zirpend und zwitschernd von Staffelei zu Staffelei flogen.

Ein Freund von ihm, der Wiener Maler Pollack, bildete nur seinen Schatten und brachte selbst nicht viel Wertvolles zustande. Dagegen machte damals der junge Bildhauer Wittig einiges Aufsehen mit seiner lebensgroßen Gruppe Hagar und Ismael (jetzt in der Berliner Nationalgalerie), die auch mich bewog, die Bekanntschaft des liebenswürdigen Künstlers zu suchen. Er gehörte oft zu dem Trüpplein, in dessen Gesellschaft ich Ausflüge machte oder dieser und jener Sehenswürdigkeit nachging, zu der gerade der Zutritt eröffnet war. Auch ein sehr feiner Landschaftsmaler Flamm, ein Rheinländer, ging uns flüchtig vorüber, nicht ohne daß ich von seiner Kunst einen hohen Begriff erhielt. Und ein einziges Mal begegnete ich auch dem Größten unter den zeitgenössischen Historienmalern, dem Schöpfer des genialen Totentanzes und des grandiosen Hannibalzuges über die Alpen, Alfred Rethel. Schon damals war sein hoher, phantastischer Geist von der beginnenden Krankheit verschattet, die dann so bald ihn hinraffen sollte. Seine treffliche, charaktervolle Frau hatte ihn nach Rom geführt, in der Hoffnung, sein verstörtes Gemüt werde sich in der Nähe seiner geistesverwandten großen Vorgänger beruhigen. Ich sah an ihrem tieftraurigen Blick, als ich sie in einer Trattorie begrüßte. daß sie an diesem Heilversuch bereits zu verzweifeln begonnen hatte.

Unter all meinen Malerfreunden der Stammfreund aber war der mir von Berlin her bekannte Julius Muhr, der mit Echter zusammen die großen Kaulbachschen Wandgemälde im neuen Museum in enkaustischer Technik ausgeführt hatte. Durch diese jahrelange Frone im Dienst eines anderen Meisters von sehr ausgesprochener Eigenart war seine selbständige künstlerische Entwicklung gehemmt worden, was er hier in Rom erst recht mit Schmerz empfand, so daß er es in der ersten Zeit nicht übers Herz brachte, einen Pinsel anzurühren. Er war in seiner seinen Bescheidenheit und Herzenswärme ein so erfreulicher Kamerad, daß wir ihn bald liebgewinnen mußten. Ein weiteres Band zwischen uns beiden war seine heimliche und im stillen erwiderte Herzensneigung zu einem auch mir bekannten liebenswürdigen Berliner Fräulein, Mathilde v. Colomb, die er erst neun Jahre später heimführen konnte. Leider sollte das Glück dieser Ehe nicht lange dauern, da er schon 1865, nachdem wir in München vier Jahre lang die alte römische Kameradschaft erneuert hatten, uns durch den Tod entrissen wurde. Seine Witwe – ich hatte sie in meinem sechzehnten Jahr kennen gelernt, im Hause ihres Onkels, des Leibarztes der Königin, Dr. v. Stosch, der unser Hausherr in der Behrenstraße war – ist mir bis zum heutigen Tage in ältester herzlicher Freundschaft verbunden geblieben.

Auch Muhr aber hatte endlich wieder zu malen angefangen, sogar ein größeres Bild aus der Sixtinischen Kapelle entworfen, in der während einer feierlichen Funktion Seine Heiligkeit der Papst und sämtliche Kardinale versammelt erschienen. Einflußreiche geistliche Würdenträger hatten ihm ihre Protektion und sogar einige Sitzungen gewährt, in der stillen Hoffnung, den jüdischen Künstler dadurch zur Taufe zu locken, was ihnen freilich mißlang. Daneben aber wurde unser Freund noch immer von dem Romweh geplagt, das alle redlichen Künstler befällt, die vom Norden in diese Welt erhabener Reliquien einer größeren, künstlerisch begabteren Zeit eintreten und zunächst in tiefer Verzweiflung ihres Unvermögens sich bewußt werden, bis sie nach und nach, wenn sie sich zu dem demütigen Verzicht auf die höchsten schöpferischen Großtaten durchgerungen haben, sich auf ihr eigenes Lebensrecht besinnen und von jenem schmerzlichen Aufruhr ihres Innern wenigstens den Gewinn davontragen, daß sie sich geloben, stets ihr Bestes zu tun und, so viel oder wenig es sein möchte, alles an alles zu setzen. So kam denn auch unser guter Freund mit der Zeit wieder ins Gleichgewicht und nahm an allerlei Humoren harmlos teil. Unter anderm half er zu einem scherzhaften Projekte mit, durch das wir unserer satirischen Stimmung gegen den archäologischen Dünkel, der in Rom grassierte, Luft machen wollten. Wir verabredeten, daß ich ein Gedicht in elegischem Versmaß schreiben und Muhr, ohne den Inhalt zu kennen, Zeichnungen nach Art antiker Vasenbilder entwerfen sollte. Ribbeck hatte dann die Aufgabe, eine gelehrte Abhandlung zu schreiben, in der er nachwies, daß jene Vasenbilder sich unzweifelhaft nur auf diese Dichtung beziehen könnten. Letztere kam denn auch zustande (»Die Furie«) und Muhrs Illustrationen ebenfalls. Die Abhandlung aber, zu der es unserm Freunde nicht an satirischem Talent fehlte, blieb in den ersten Anläufen stecken, da seine Arbeit am Vergil ihm hinlänglich zu schaffen machte.

*

Indem ich hieran zurückdenke, ist es mir verwunderlich, was uns zu dieser heimlichen Bosheit gegen die hohe Wissenschaft, die ihren Sitz auf dem Kapitol hatte, aufreizen konnte.

Wohl hatte mich Burckhardt, als ich ihn vor der römischen Reise sprach, gewarnt, den kapitolinischen Großmächten nicht zu nahe zu kommen, da sie harmloser Rompilger sich gern bemächtigten. Wir hatten jedoch allen Grund, dieser Gespensterfurcht zu lachen, da von keiner Seite ein Versuch gemacht wurde, Ribbeck einzufangen, und wir uns nur der größten Bereitwilligkeit zu rühmen hatten, mit welcher der treffliche Henzen und der jüngere Brunn, die neben dem weniger bedeutenden Braun auf dem Kapitol die deutsche Wissenschaft mit allem Glanz vertraten, uns in Rom die Wege ebneten. Dazu kam, was uns als ein besonders günstiges Zusammentreffen erschien, daß auch der ehrwürdige Welcker, der Patriarch der damaligen antiken Altertumsforschung, diesen Winter in Rom zubrachte und uns beide mit der ganzen Herzensanmut, die ihm eigen war, als seine Schüler von Bonn her begrüßte. Trotz seiner hohen Jahre und nicht gar festen Gesundheit ließ er es sich nicht nehmen, am 10. November bei kalter Nebelluft uns zu einer Fahrt nach Tivoli abzuholen, wo er uns zu allen malerischen oder sonst denkwürdigen Stätten führte, zehn Tage später mit uns und Braun nach dem Tal der Egeria und dem Grabmal der Cecilia Metella zu wallfahrten und an einem strahlend hellen Sonnentage zu Ende des Jahrs unsern Cicerone in der Villa Ludovisi zu machen, deren herrliche Bildwerke durch sein deutendes Wort ein ganz ungewöhnliches Leben gewannen.

Wir hatten noch die Freude, den verehrten Alten an einem gastlichen Abend in Ottos Wohnung zu sehen, bei gutem Orvieto, einem Gallinaccio und römischem Salat, nur unser sieben, von denen der Alte der geistsprühendste war, der vor Mitternacht nicht an den Aufbruch dachte.

*

An all dieser fröhlichen Geselligkeit nahm Onkel Theodor keinen Teil, eingerostet, wie er war, in seine Junggesellengewohnheiten, aus denen ihn auch die beflissensten Versuche einer Wiener Dame, mit der ich durch ihn bekannt geworden war, nicht herauszulocken vermochten.

Es war dies eine Frau Obermeier, die, von ihrem Manne getrennt, mit ihren beiden eben herangeblühten Töchtern ihren bleibenden Wohnsitz in Rom aufgeschlagen hatte. Ein Hausfreund, Bosino, den der Gatte selbst als einen Ersatz für das gestörte Eheglück ihr zugeführt hatte, ein Grieche von ungewöhnlicher Bildung und den besten gesellschaftlichen Formen, leitete die Erziehung der jungen Mädchen und besorgte alle geschäftlichen Angelegenheiten der Mutter. Jedermann fand dieses Verhältnis durchaus in der Ordnung, wenn auch die römisch-deutschen Familien die treffliche Frau mit ihren Töchtern und dem Freunde nicht an sich herankommen ließen. Sie empfand durchaus keinen Kummer darüber und entschädigte sich für das Versagte durch den häuslichen Verkehr mit alleinstehenden Künstlern, unter denen Riedel der verehrteste war, und Fremden, die ihr von irgendeiner Seite wünschenswert erschienen.

Ein Abend in jeder Woche versammelte die Intimen in diesem liebenswürdigen Hause, wo man nach der Cena, bei der es an edlem Wein nicht gebrach, noch eine Stunde beisammen blieb, in angeregtem Gespräch. Zuweilen wurde auch Musik gemacht; eine der sehr anmutigen Töchter, die schwarzäugige Jetti oder die blonde Miezi, setzte sich an den Flügel und begleitete den jungen Bremer Komponisten Reinthaler, der damals auch mit unserm Freundeskreise zusammenhing, bei seinem sonoren Gesang. Manchmal wuchs die Stimmung zu solcher Höhe, daß es nicht möglich war, sich nur in Prosa der verehrten Hausfrau dankbar zu bezeigen, und ich wohl oder übel mich zu einer Improvisation verstehen mußte.

*

Über all diesen geselligen Freuden und den Streifzügen durch Kirchen, Paläste und Galerien kam jedoch auch die Arbeit nicht zu kurz.

Von Florenz her war mir der Perseus des Benvenuto Cellini während der ganzen Fahrt beharrlich nachgegangen. Wie ich ihn auf seinem hohen Piedestal in der Loggia de' Lanzi hatte stehen sehn, das Haupt der Medusa, das er abgeschlagen, hoch erhoben, den Blick düster gesenkt, war mir's vorgekommen, als habe ihn eine schaudernde Reue erfaßt, daß er dies zauberhafte Weib entseelt habe und nun verdammt sei, auf ihren kalten, weichen Leib mit seiner geflügelten Sohle zu treten. Ich hatte mir ein tragisches Märchen zusammenphantasiert, das ich, sobald ich zu einem Schreibtisch beim Onkel gelangt war, aufzuschreiben begann, in Knittelversen, die mir zu einem mythischen Puppenspiel, dem auch der Kasperle nicht fehlte, einzig geeignet schienen. Ich brachte das kuriose Ding sehr con amore in wenigen Wochen zustande und las es dem Onkel vor, der, wie mir schien, etwas anderes von mir erwartet hatte. Auch anderen erging es so; ich wüßte nicht, daß einer meiner späteren Kritiker sich im Guten oder Bösen darauf eingelassen hätte, als dieser mein römischer Liebling in den »Hermen« gedruckt erschien. Was ging mich's an? Hatt' ich doch meine Freude dran.

Weit mehr als an zwei anderen poetischen Aufgaben von größerem Gewicht: einem Trauerspiel »Saul«, zu dem mich meine fleißigen Bibelstudien angeregt hatten, und dem epischen Gedicht »Thekla«, dessen Stoff ich meinem Freunde Jakob Bernays verdankte. Er hatte mir die Legende von Paulus und Thekla in einem lateinischen Legendenbuch nach Rom geschickt und mir die Bearbeitung ans Herz gelegt. Zunächst ging ich mit lebhaftem Eifer daran, wagte freilich nicht, die Gestalt des großen und größten Apostels in meiner Dichtung erscheinen zu lassen, und schob ihm einen apokryphen Tryphon unter. Bald aber, aus vermiedenen Ursachen, erkaltete mein Feuer, nur die anerzogene Pflichttreue gegen eine begonnene Arbeit ließ mich den ersten Entwurf vollenden, und erst nach mehreren Jahren, auch dann nur mit halber Neigung, gewann ich es über mich, wieder daranzugehen.

»Saul« war in den ersten Szenen stecken geblieben. Vielleicht weil ich inzwischen, da ich an Alfieris Vita und seine Dramen geraten war, sein gleichnamiges Trauerspiel kennen gelernt hatte, wohl das farbigste und poetisch bedeutendste unter all seinen Stücken.

Auch an anderer Lektüre fehlte es nicht, soweit Onkel Theodors kleine Bibliothek versehen war. Zunächst Dante; es tauchte sogar einmal der Plan auf, gemeinschaftlich die Vita nuova zu übersetzen, aus der ich einige der schönsten Sonette und Kanzonen nachgedichtet hatte. Übrigens eine unmögliche Hoffnung, von dem Reiz einer altertümlichen, mit Edelrost angehauchten und doch seit sechshundert Jahren unverwüstlich jungen Dichtersprache eine Vorstellung zu erwecken.

Manzonis »Adelchi« waren dazwischen an die Reihe gekommen, Apulejus, Lucians Göttergespräche und saturnalische Verhandlungen. Von Deutschen natürlich in der Gesellschaft des Onkels, des andächtigen Goetheverehrers, viel von ihm, seine lyrischen Sachen zumal, die wir beide freilich auswendig wußten. Sie dienten aber als Stimmgabel, um die Catullübersetzung zu prüfen, ob überall der natürlichste Ausdruck gefunden war. So saßen wir, da ich die Morgenstunden stets zu Hause blieb, manchmal jeder in seinem Zimmer mit Versen des anderen beschäftigt, die einer strengen Feile unterworfen wurden, die Tür zwischen uns offen, damit wir uns sofort über unsere Anstöße und Änderungsvorschläge verständigen konnten.

Gegen Zehn, wenn er sich zu seinem Gange in den Palazzo Orsini rüstete, brach ich nach dem Vatikan auf, wo die eigentliche »offizielle« Arbeit meiner wartete. Am 12.  November hatte ich den hohen Arbeitssaal der Bibliothek Seiner Heiligkeit zum erstenmal betreten, den ersten provenzalischen Codex in Empfang genommen und mir meine paläographischen Sporen daran verdient. Freund Otto saß nahe bei mir über einer großen Vergilhandschrift, ein paar andere deutsche Gelehrte hatten uns bewillkommnet, es war eine behaglich feierliche Stimmung in dem stillen Gemach, über das der wortkarge, aber höfliche Kustode Monsignor Martinucci die Aufsicht führte. Von den italienischen Kollegen sind wir keinem einzigen nähergekommen.

Mein Reisestipendium war mir bewilligt worden, um auf italienischen Bibliotheken nach ungedruckten romanischen Handschriften zu forschen, und eine Anzahl von Troubadour-Codices, die mir teils durch meinen Lehrer Mahn, teils durch Adalbert v. Kellers »Romvart« bekannt waren, hatte ich nach und nach durchzusehen und auszubeuten im Sinne. Dabei hatte ich aber die Rechnung ohne den Wirt gemacht.

Nach den Verordnungen der päpstlichen Bibliothek war es verboten, irgend etwas ohne vorher erlangte Erlaubnis abzuschreiben. Man hatte nur das Recht, nachdem man überhaupt in dem Arbeitssaal zugelassen war, die Handschrift zu studieren, di studiare sopra i codici, und kleine Notizen zu machen.

Hieran war mir wenig gelegen. An eine kritische Textausgabe, wie Otto Ribbeck sie bei seinem Vergil im Auge hatte, dachte ich nicht. Es wäre mir töricht erschienen, die provenzalische Lyrik mit ihrem konventionellen Redeschmuck so wichtig zu nehmen, wie einen griechischen oder römischen Dichter, bei dem es oft auf ein mehr oder minder charakteristisches Beiwort ankommt. Freilich galt es auch hier, einen richtigen Text zu schaffen. Das aber überließ ich den richtigen Philologen, während ich vor allem an der Erweiterung unserer Kenntnis von dem, was überhaupt vorhanden war, Interesse hatte, besonders daran, ob neben der höfischen Lyrik nicht auch noch epische Dichtungen zu finden seien, von denen bisher so gut wie nichts überliefert war.

Auf Abschlag nahm ich indessen auch mit unedierten Liedern vorlieb, die nun freilich verbotene Ware waren. Ich hatte mir ein Exemplar der Mahnschen Troubadours mit weißem Papier durchschießen lassen und dachte es sehr klug anzustellen, wenn ich zwischen dem Kollationieren schon gedruckter Texte dann und wann ein vollständiges, noch unediertes Lied in mein Buch hinüberschmuggelte. Aber den scharfen Augen des Herrn Kustode entging dies Manöver nicht. Plötzlich schoß er wie ein Sperber auf ein Huhn, das eben ein gutes Korn aufgepickt hat, auf mich zu und untersagte mir im schärfsten Ton, die regolamenti fernerhin zu verletzen.

Damit war der wissenschaftliche Zweck meines römischen Aufenthaltes so gut wie vereitelt. Zwar standen mir noch einige andere Bibliotheken offen, so die Casanatensis, die aber wenig Ausbeute bot, und die Barberiniana, aus der ich wenigstens ein langes, nicht uninteressantes altfranzösisches Lehrgedicht mir aneignen durfte. Der Hauptschatz aber an handschriftlichen Seltenheiten befand sich in der Vatikana, und wahrlich, es war ein törichtes Vorurteil, als ob der Wert derselben durch die Bekanntmachung verringert würde, da vielmehr Edelsteine, die in einer dunklen Truhe vergraben jedem Auge entrückt bleiben, nicht mehr Wert haben als gemeine Kiesel.

Nun hatte es freilich eine besondere Bewandtnis damit, daß das vatikanische Hausgesetz gerade an mir mit so rigoroser Strenge geübt wurde. Von Berlin her war mir durch die Schuld meiner »Francesca von Rimini« der Ruf eines unsittlichen jungen Menschen voraus- oder nachgegangen und auch zu der geistlichen Behörde gedrungen, die darüber zu wachen hatte, daß keine anrüchigen Fremdlinge in das Heiligtum der päpstlichen Bücherei eindrängen. Zum Überfluß hatte ich in meiner Eingabe erklärt, daß es mir um die provenzalischen Handschriften zu tun sei, und ihre Dichter standen in dem wenig begründeten Verdacht, das Äußerste an Zuchtlosigkeit geleistet zu haben, so daß man besorgen mußte, dieser liederliche junge Berliner, noch dazu ein Protestant, wünsche nur sich einzuschleichen, um noch unbekannte obszöne Dichtungen aus der Bibliothek Seiner Heiligkeit zu veröffentlichen.

Ich wurde daher von verschiedenen Seiten scharf bewacht, und als ich zu schreiben fortfuhr, sogar nur abweichende Lesarten auf einzelne Blätter notierte, erfolgte meine Ausweisung – am 8. Januar – und auf meine Frage nach dem Grunde, da ich mich jetzt in nichts mehr vergangen hätte, der lakonische Bescheid: Questo è il mio ordine.

Nun muß ich freilich bekennen, daß diese Wendung der Dinge mir nicht halb so unerwünscht war, wie ich den maßgebenden Personen gegenüber in sittlicher Entrüstung verlauten ließ. Statt der unersprießlichen Bibliotheksfrone war vieles in Rom, was ich mit mehr Freude und Nutzen an den nun freigewordenen Vormittagen mir zu Gemüte führen konnte. Aber da ich in offizieller Mission auf Staatskosten in die Vatikana abgeordnet war, konnte ich mich bei der Tatsache, daß der Kardinalstaatssekretär Antonelli meine Ausweisung befohlen hatte (Scacciatelo subito!), nicht beruhigen.

Mein Onkel dachte zuerst durch seine alten römischen Verbindungen es dahin zu bringen, daß ich wieder zugelassen würde. Sie versagten alle. Auch diplomatische Vermittlungsversuche, die Verwendung des Königs von Bayern, an den ich auf den Rat des Grafen Spaur eine Eingabe machen mußte, zu meinen Gunsten, nicht minder die Bemühungen des preußischen Gesandten Graf Usedom blieben ohne Erfolg. Bei letzterem wurde ich einmal zu Tisch gebeten, wo ich außer dem alten Kestner (dem »Sohn von Werthers Leiden«) auch einen andern Träger eines berühmten Namens, den Legationsrat Wolfgang v. Goethe traf, einen stillen, ernsten Mann, der über Tisch nicht zehn Worte von sich gab.

Die Sache selbst rückte trotz aller Bitten und Beschwerden nicht vorwärts. Nur zuletzt erlebte ich noch ein Pröbchen römischer Geschäftspraxis. Es wurde mir eröffnet, daß sich ein Grieche gefunden habe, ein gewisser Matranga, der sich der Mühe unterziehen wolle, diejenigen Troubadourlieder, die ich bezeichnete, und die vorher geprüft werden sollten, für ein anständiges Honorar zu kopieren. Da dieser dunkle Ehrenmann mir sehr wohl bekannt war, konnte mir dieses Kompromiß nicht einen Augenblick verlockend erscheinen. Ich war nicht nach Rom geschickt worden, um für schweres Geld von einem andern, der kein Wort Provenzalisch verstand, Inedita abschreiben zu lassen.

Ich wies also dies freundliche Ansinnen zurück und nahm, wie gesagt, die Sache auf die leichte Achsel, da ich dem preußischen Ministerium gegenüber meinen Eifer, das Reisestipendium redlich zu verdienen, klar bewiesen hatte.

*

Um so freier und fröhlicher genoß ich nun alles Herrliche, was ein römischer Winter nur bieten konnte. Unter anderen freien Künsten befliß ich mich auch wieder des Zeichnens, nach einem oder dem anderen der Modelle, die an der Spanischen Treppe den Malern sich anzubieten pflegten, darunter eine nicht mehr ganz junge Chiaruccia, die einen prachtvollen Rassekopf hatte, und anderer römischer Typen, wie sie mir in den Ateliers meiner Malerfreunde vor Augen kamen. Eines der schönsten Mädchen Roms wohnte unserm Hause benachbart. Ich hatte oft Gelegenheit, sie von unserer Loggia aus zu beobachten, wenn sie auf ihrem Altan mit einer häuslichen Verrichtung beschäftigt war. Leider war es nicht möglich, sie zu einer Sitzung zu bewegen. Unsere Pia wußte, wie jeder in der ganzen Nachbarschaft, daß die Schöne in festen Händen war, da sie vor dem Herrn Pfarrer von S. Andrea delle Fratte Gnade gefunden hatte. Auch der talentvolle neapolitanische Maler Morani, dessen Studio im dritten Stock unseres Hauses lag, hatte vergebens seine Angel nach ihr ausgeworfen. Für hundert Scudi wollte ihre Mutter ihre Einwilligung geben. Das war ihm denn doch zu teuer erschienen.

So kam langsam und doch zu schnell der Karneval heran; am 7. und 8. Februar verzeichnet mein Tagebuch unsere Teilnahme an dem tollen Maskengewimmel, das sich den Korso hinauf und hinunter trieb. Damals wohl noch ziemlich im Stile jener alten Zeit, wie wir sie aus Goethes gewissenhafter Schilderung kennen. Doch war das Wetter schlecht, die Straße schmutzig, der Konfettiregen, von den Balkonen brutaler Engländer schaufelweise auf die bunte Menge hinabgeschüttet, durchaus kein anmutiger Scherz, so daß es eine Weile dauerte, bis auch wir auftauten, Sträußchen schleuderten und an den schönen Augen an Fenstern und Balkonen Feuer fingen. Bald hatte jeder die seine gefunden, der er vorzugsweise huldigte, und ich besonders als ein leidenschaftlicher Ballspieler betrieb das Werfen und Fangen der kleinen Blumensträuße mit immer lebhafterem Eifer, bis ich zuletzt an einem stillen, blonden Gesicht mit großen, grauen Augen hängen blieb, das zwischen greisen Eltern- und Tantenhäuptern vom Balkon eines Erdgeschosses mir zulächelte und mich durch eine gewisse deutsche Sanftmut und unrömische Lieblichkeit fesselte. Ich ließ nun alle anderen weit schöneren fahren und eröffnete auf dieses zarte Wesen ein hitziges Blumenbombardement, das kräftig erwidert wurde. Die Dunkelheit stellte einen Waffenstillstand her; am andern Nachmittag aber wurde der lustige Krieg von neuem eröffnet, und als wir im Obermeierschen Wagen den Korso hinunterfuhren, ein wahrer Blütenregen auf das blonde Fräulein herabgesendet. Ja, ich stieg dann aus, kaufte einen großen Rosenstrauß und kletterte damit an ihrem Balkon hinauf, ihn feierlichst ihr zu überreichen und mit einem Händedruck dafür belohnt zu werden.

Am andern Tage, dem Aschermittwoch, begegnete ich ihr im Korso und zog mit einem halb vertraulichen Lächeln den Hut. Mein Gruß wurde nur mit einem unmerklichen Neigen des Kopfes und einem völlig fremden Blick erwidert. Man war in die Fasten getreten, und die ungebundene Maskenfreiheit mußte der strengen römischen Sitte weichen, die einem Mädchen jeden Verkehr mit einem fremden Herrn verbietet.

Auch Freund Muhr hatte für seine Huldigungen einen anmutigen Gegenstand gefunden, eine schöne, schlanke Engländerin, die leider ihren Platz am Fenster eines zweiten Stockwerks hatte, so daß eine Verbindung mit ihr durch Blumensendlinge einige Schwierigkeiten hatte. Damit aber wollte der galante Freund sich überhaupt nicht begnügen. Er entwarf auf einem Quartblatt eine allegorische Zeichnung mit Amoretten, Rosen und Nachtigallen, zu der er sich von mir einen Vers erbat. Um zu zeigen, wie sehr uns die Karnevalslaune zu Kopf gestiegen war, mag diese Probe meiner sehr fragwürdigen englischen Verskunst hier ihren Platz finden:

Such is old Carnival's stern sentence:
After short joy long sorrow and repentance.
Fresh flowers, sweet confetti, sweeter eyes
Are in his lovely malice his allies,
And the poor victim makes – o irony! –
A trophy to his own fair enemy.

Dies sorgsam gemalte und geschriebene Blatt wurde zusammengerollt und mit einem roten Seidenbande umwickelt, das zugleich ein Veilchensträußchen festhielt. Ich wurde dann mit der Aufgabe betraut, die Rolle nach jenem Fenster des zweiten Stocks hinaufzuschleudern. Zweimal fiel sie, da man sie nicht geschickt auffing, zurück auf die schmutzige Straße und mußte erst am nächsten Brunnen wieder gereinigt werden. Beim dritten Male erreichte sie ihr Ziel. Es war aber verlorene Liebesmüh'. Von einem besonders liebenswürdigen Dank oder gar einer Erwiderung war keine Rede.

*

So ging der Winter zu Ende, einer jener gelinden römischen Winter, in denen man schon im Januar Veilchen in der Campagna pflückt, aber während der langen, schwülen Scirokkowochen manchmal ein starkes Heimweh nach nordischem Schnee und klingendem Frost verspürt.

Zumal wenn in den trüben und feuchten Häusern die eisernen Öfen versagen, wie es auch der meine zu tun pflegte, den ich in meiner kahlen Erdgeschoßklause auf eigene Kosten hatte setzen lassen, ohne sonderlichen Nutzen, da er bei dem leisesten Wind dermaßen zu rauchen anfing, daß ich mich vor ihm auf die Straße flüchten mußte.

Zu diesem meteorologischen Heimweh gesellte sich auf die Länge noch ein anderes, das in der Seele seinen Sitz hatte. Die Trennung von meiner Liebsten, über die ich anfangs durch hundert merkwürdige neue Eindrücke mich hatte beschwichtigen lassen, wurde zuweilen, wenn ein Brief ungebührlich lange ausblieb oder gar verloren ging, schier unerträglich, die sehnsüchtige Stimmung machte sich vergeblich in lyrischen Stoßseufzern Luft, und auch die Ungebühr, die mir im Vatikan angetan worden war, und für die ich keine Genugtuung erhalten konnte, nagte an mir, da sie beständig durch den Kampf um mein Recht mir gegenwärtig blieb. Zum Ausbruch kam's am 10. März durch die Eröffnung eines Freundes meines Onkels, Dr. Marstaller, über die Intrige jenes Don Pietro Matranga und meinen üblen Ruf als Verfasser »lasziver Poesien«, in den mich nur ein Landsmann bei der geistlichen Behörde gebracht haben könne. Der Ingrimm darüber verursachte mir ein heftiges Kopfweh, eine Erkältung trat hinzu, und an die erste Fiebernacht reihten sich acht kranke Tage einer schweren Influenza, die damals als ein Nervenfieber angesehen wurde und einmal sich so bedenklich steigerte, daß die Sache eine schlimme Wendung zu nehmen schien. In jener gefährlichen Stunde ereignete sich auch der seltsame Fall einer geistigen Wirkung in die Ferne, den ich in der ersten Geschichte der »Geisterstunde« erzählt habe, meine »Ankündigung« bei meinen beiden teuersten Menschen zu Hause.

Mein Onkel, der mit der treuen Pia mich aufs liebevollste pflegte, hatte gleich bei Beginn der Erkrankung seinen alten Freund, DrAlertz, zu Hilfe gerufen, der durch eine glückliche Kur an Pio nono, zu der keiner der italienischen Ärzte Mut und Kenntnisse genug besessen, das Vertrauen des Papstes gewonnen hatte und sein Leibarzt geblieben war. Ob ich es mehr diesem trefflichen Manne oder meiner Jugendkraft verdankte, daß ich die böse Anfechtung überwand, will ich nicht untersuchen. Genug, nach einer Woche stand ich von meinem Schmerzenslager auf, genesen, aber mit wankenden Knieen und so taumelndem Gehirn, daß an eine Fortsetzung meiner Romstudien nicht zu denken war und eine gründliche Luftveränderung geboten schien.

Unter den Freunden, die mich während meiner Rekonvaleszenz besuchten, war auch einer, dessen ich bisher nicht erwähnt habe, obgleich ich bald nach meiner Ankunft mit ihm bekannt geworden war, Ferdinand Gregorovius, der spätere Geschichtschreiber der Stadt Rom im Mittelalter. Wir hatten wohl bald den Gegensatz unserer Naturen empfunden, da er, ein Anhänger der Schlosserschen Schule, mit einem gewissen sittlichen Rigorismus alle Zustände der bunten römischen Welt betrachtete, während ich zunächst an ihrer naiven, sinnlichen Lebenskraft mich ergötzte und moralische Maßstäbe anzulegen mich nicht berufen fühlte. Dazu kam bei dem um einige Jahre älteren Ostpreußen, der in der Stadt der reinen Vernunft aufgewachsen war, ein feierlich getragenes Benehmen, ein pathetischer Stil, der sich auch in seinem Gespräch nicht verleugnete, und ein völliger Mangel an Humor, so daß ich mich kaum entsinne, ihn je herzlich lachen gehört zu haben. Er blieb sich jeden Augenblick in gehobener Stimmung bewußt, daß, wohin er auch treten mochte, überall geweihter historischer Boden sei, während ich mir durch antike Reminiszenzen die harmlose Freude an der Gegenwart nicht einschüchtern ließ.

Bei alledem schätzte ich seine Kenntnisse und Talente und hatte seine schöne epische Dichtung »Euphorion« im »Literaturblatt zum Deutschen Kunstblatt« aufs günstigste besprochen, während ich mit seinem »Hadrian« mich nicht befreunden konnte. So behandelten wir uns mit kühler Freundlichkeit. die auch lange Jahre nachher, als der römische Ehrenbürger nach München übergesiedelt war, sich nicht zu einem tieferen Einverständnis erwärmen wollte.

Ich finde eine Stelle in meinem Tagebuch vom 21. März, bald nach meiner Auferstehung, die dies Verhältnis anschaulich schildert.

»Gregorovius kam mit einer Beichtvater- und Seelsorgermiene, mir mein Wesen klarzumachen. Meine Gedichte seien nicht warm und so weiter. (Es fehlte ihnen freilich jede Spur von Gesinnungsrhetorik.) Er fragte dann, ob ich mich (über diese freimütige Kritik) ärgere. Allmählich ward mir's dieses naiven Moralisierens zu viel (zumal ich vom Fieber noch geschwächt war). Onkel Theodor wurde dann hereingezogen. Jeder sprach seine Sprache, und der Teufel verstand's.«

Meiner Rekonvaleszentenüberreizung mag es zugute gehalten werden, daß ich einen gewiß gutgemeinten Versuch, sich um mein dichterisches Seelenheil verdient zu machen, so übel aufnahm. Ich war sonst immer dankbar für unumwundene Freundeskritik; aber wessen Natur nicht mit einem vollen Tropfen Humor gewürzt war, auf dessen Verständnis meiner Art und Kunst verzichtete ich von vornherein.

*

Die zweite Hälfte des März hatte greuliche Regen- und Hagelstürme gebracht, so daß wir endlich froh waren, die unwirtlich gewordene Stadt verlassen zu können. Ein Vetturin war gedungen worden, der uns für zehn Scudi die Person und die mancia nach Neapel bringen sollte. Zwölf Paul hatte der Paß gekostet, aber der babbo zu Hause hatte gesorgt, daß wir nicht als Landstreicher, sondern als Signori unsere Reise antreten sollten. Zum Schlusse erlebten wir noch am 29. März das überwältigende Schauspiel der Girandola, des Feuerwerks, das von der Höhe der Engelsburg in märchenhafter Pracht gegen den schwarzen Sternenhimmel emporflammte, während Tausende von Lampen die erhabenen Umrisse der Peterskuppel und alle Säulen und Architrave ihrer Fassade mit Perlenschnüren einsäumten.

Noch eine Menge Abschiedsbesuche, bei den Kapitolinern Welcker, Henzen und Brunn, den lieben Obermeiers, meinem Lebensretter Dr. Alertz, und am Abend des 30. ein Fest im Künstlerverein, wo fünfundneunzig efeubekränzte Kollegen Riedels fünfundzwanzigjähriges Romjubiläum feierten (Anrede der Roma an ihn, Lorbeerkranz mit silbernen Früchten und silbernem Ring, Festgesang und Überreichung eines Diploms mit einer Zeichnung, wie Riedel die Sonne bestiehlt) – und unser letzter Tag in Rom war zu Ende gegangen.

Am andern Morgen holte uns der Vetturin aus unseren Häusern ab, und um acht Uhr fuhren wir in weicher Regenluft dem Lateran vorbei gen Süden.

Vier volle Tage brauchte man damals zu der Fahrt, die heute in einem einzigen zurückgelegt wird. Man gewann dabei aber eine Kenntnis jenes merkwürdigen Gebietes zwischen Rom und Neapel, wie man sie im Vorübersausen auf der Eisenbahn nicht erlangen kann. Über Albano lief die Straße zunächst bis Velletri, von da am zweiten Tage, immer das reizende Kap Circello im blauen Duft vor Augen, bis Terracina. Wie schauerlich »romantisch« war's, langsam durch die Pontinischen Sümpfe zu fahren, immer bedacht, die Augen offen zu halten wegen der Warnung vor der Malaria, die jeden Schläfer befalle, zum Teil auch, um gleich auf dem qui vive zu sein, wenn Fra Diavolos Spießgesellen aus der macchia sprängen und uns ihr faccia in terra! zubrüllten. Fieber und Banditen ließen uns ungeschoren, nur an der Rechnung am andern Morgen erkannten wir, daß die räuberischen Traditionen dieser klassischen Brigantengegend noch im stillen forterbten. Aber was man in dem malerischen Neste zu sehen bekam, war's schon wert, als unsichtbarer Posten auf der Nota mitzufigurieren. »Spaziergang den Felsen hinauf zwischen Fichi d'India, Palmen und schönen Ölbäumen. Der Weg biegt vor der Stadt rechts ab, steil hinauf, an Hütten vorbei, in denen Steinmetzfamilien hausen. Auf der Höhe wächst Stadt und Kloster sehr stattlich empor. Ein Schwarm bildschöner Jungen in Lumpen geleitet uns rechts die steinige Straße hinauf nach Kastell S. Angelo. Stadt und Hafen, das Meer, links das Gebirge, rechts Kap Circello und die schwarzen Wasser der Sümpfe. Meer und Luft von heiterer Bläue. Die Ruinen nicht bedeutend, eine verfallene Kapelle mit verblichenen Fresken. An der Spitze des Knabenschwarms ein stolzer Junge, der die andern anfuhr wie der Wolf eine Schafherde. Dann zurück, dem Kloster vorbei durch engste Straßen, wunderschöne Männer, Frauen mit Locken an den Seiten, die Haare schön geflochten. Alles bettelt. Eine Art Markt im Durchgang neben der Kirche, zu der eine Freitreppe aufsteigt, mit schlankem Campanile. Drinnen nichts von Belang. Hinab an die Küste, wo eine Schöne, namens Silvia, sich nicht dazu versteht, gezeichnet zu werden, während eine Horde Fischerbuben die halben Bajoccos, die ins Meer geworfen werden, um die Wette tauchend herausfischt.

»Dann am Abend die ganze Felswand dem Wirtshaus gegenüber von Millionen Leuchtkäfern überflimmert und der herrlichste Glanz des Firmaments.«

Der geneigte Leser fürchte aber nicht, daß ich ihn mit ähnlichen Auszügen aus meinem Tagebuch bis nach Neapel hinhalten werde. Nur der Versuchung konnte ich nicht widerstehen, in einer Probe zu zeigen, was das heutige atemlose Hindurchjagen durch die merkwürdigsten südlichen Gegenden dem Reisenden an wundersamen Eindrücken vorenthält.

Und so brachte uns der 2. April über Fondi, Itri, Molo di Gaeta nach Sant' Agata. Ein biederer irischer Brauer aus Belfast, der sich zur Ruhe gesetzt hatte – den Namen dieses Ehrenmannes, John Porter, will ich nicht verschweigen, da er eine so erfreuliche Ausnahme von der unholden Manier der meisten seiner reisenden Landsleute machte – dieser Treffliche hatte mich und Ribbeck in Affektion genommen und sorgte bei jeder Gelegenheit wie ein alter Onkel für unser Wohl. So war er, da die Straße bergauf ging, drei Miglien vor Sant' Agata ausgestiegen und hastig vorangestiefelt. Als wir dann unser Nachtquartier erreichten, begrüßte er uns mit stolzem Augenzwinkern vor dem Gasthause und vertraute uns, daß er das beste, einzig gute Zimmer für uns in Beschlag genommen habe.

Am nächsten Tage erreichten wir zu Mittag Capua, fuhren durch Atella durch, wo mein philologischer Freund, der einmal seine berühmte Geschichte der lateinischen Dichtung schreiben sollte, auf den Straßen nach Gesichtern spähte, die an die Masken der alten, Atellanen genannten Possenspiele erinnerten, und langten gegen Ave Maria in Neapel an.

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