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Jugenderinnerungen und Bekenntnisse

Paul Heyse: Jugenderinnerungen und Bekenntnisse - Kapitel 5
Quellenangabe
typeautobio
booktitleGesammelte Werke, 3. Reihe, Band I
authorPaul Heyse
year1924
publisherJ. G. Cottasche Buchhandlung Nachfolger / Verlagsanstalt Hermann Klemm
addressStuttgart - Berlin-Grunewald
titleJugenderinnerungen und Bekenntnisse
created20020827
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1900
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2. Berliner Lehrjahre.

Es war im Herbst des Jahres 1846, daß ich zum erstenmal über Geibels Schwelle trat, ein sechzehnjähriger Primaner, dem zu Ostern des nächsten Jahrs das Abiturientenexamen bevorstand.

Schon lange hatte ich mich eifrig des Dichtens beflissen und zumal die Freuden und Leiden einer ersten Liebe, mit der es mir bitterer Ernst gewesen war, in unendlichen lyrischen Variationen, meist nach bekannten Mustern, gebeichtet. Auch an dramatischen Versuchen hatte es nicht gefehlt, und es war mir sogar gelungen, mit einem ersten fertig gewordenen Trauerspiel, »Don Juan de Padilla«, den aufmunternden Beifall meines lieben Vaters zu erringen, der mein aufkeimendes poetisches Talent von früh an begünstigte, doch als der Pädagog und Sprachforscher, der er war, wenn ich ihm wieder einmal ein Heftchen mit Versen zeigte, sich lobender Kritik möglichst enthielt, dagegen sprachliche und Reimverstöße sorgfältig anmerkte.

Noch eins, zu vielem anderen, danke ich ihm. Er hielt streng darauf, daß ich jeden einmal angefangenen Entwurf zu Ende führte, auch wenn ich mitten in der Arbeit die Lust oder selbst den Glauben an den Wert des Stoffes verloren hatte. »Selbst aus einem verfehlten Ganzen,« sagte er, »lernst du mehr als aus zehn leicht begonnenen und leichtsinnig aufgegebenen Fragmenten.«

Außer ihm und einigen Schulfreunden wußte nur noch mein obenerwähnter verehrter Lehrer, Professor Yxem, um meine heimlichen poetischen Jugendsünden, war aber weit entfernt, mich darin zu bestärken. Liebeslieder durft' ich ihm natürlich nicht zur Beurteilung vorlegen. Ich wagte es aber hin und wieder mit einer Romanze oder Ballade im Uhlandschen Stil, nach dem Muster von »Der Wirtin Töchterlein«. Nicht wenig betroffen war ich dann, als der grillenhafte alte Herr mit einer gewissen Gereiztheit mich warnte, in dieser Uhlandschen »Handwerksburschenpoesie« fortzufahren. Der Grund dieses wegwerfenden Urteils über einen Dichter, der uns allen so hoch stand, lag in seiner schon erwähnten begeisterten Goetheverehrung. So hatte er sich nun auch Goethes Ansicht über den schwäbischen Dichter, »aus dessen Region nichts Tüchtiges, die Welt Bewegendes kommen könne«, angeeignet, was mein jugendliches Gezwitscher im Volkston entgelten mußte.

Auch Geibels erste Gedichte waren mir natürlich nicht unbekannt geblieben. Zur Nachahmung aber hatten sie mich nie angeregt. Ich bewunderte ihren Wohlklang, des Dichters reife Künstlerschaft in der Beherrschung aller Formen und die Wärme und Zartheit seiner Empfindung, und doch, sie machten mir weder kalt noch warm. Was ich in ihnen vermißte, hätte ich damals nicht klar zu bezeichnen vermocht: jene starke persönliche Eigenart, die mich in Heines kleinen Liedern, seinen Nordseebildern und dem Romancero fesselte, und dann wieder den unwiderstehlich süßverworrenen Naturton Eichendorffs, der mich mit seiner einförmigen Melodie, den wenigen, unermüdlich wiederkehrenden Stimmungsklängen ganz in seinem Banne hielt.

So hätte ich nie daran gedacht, gerade Geibels Bekanntschaft zu suchen, vollends nicht, ihn um sein Urteil über meine poetischen Exerzitien anzugehen. Er war fünfzehn Jahre älter als ich, ein berühmter Mann, der es schon zu einem halben Dutzend Auflagen gebracht hatte. Wie sollte er sich um die »Handwerksburschenpoesie« eines unbärtigen Gymnasiasten kümmern? Ja, wenn mich noch eine überschwengliche Verehrung zu ihm geführt hätte!

Daß ich trotzdem eines Tages an seine Türe klopfte, und zwar als angehender Poet, der »schüchtern und beklommen« den Spruch des Meisters zu hören erwartet, damit war's in folgender seltsamer Weise sehr gegen meinen Wunsch und Willen zugegangen.

*

Während meines letzten Schuljahrs hatte ich mit dreien meiner nächsten Freunde ein poetisches Kränzchen gegründet, das wir den »Klub« nannten. Einmal in der Woche fühlten wir das Bedürfnis, uns unsere Verse vorzulesen, und versammelten uns zu diesem Zweck in der Wohnung des Ältesten unter uns, des Sohnes eines wohlhabenden Soldiner Bürgers, Richard Göhde, der mit mir in der Prima saß, ziemlich weit zurück auf den hinteren Bänken. Er war ein heiterer, überaus gutherziger Kamerad, von seinem Papa der Obhut eines Schulvorstehers in Berlin anvertraut, der seinem Pflegling neben der Überwachung seiner Schulstudien Freiheit genug ließ, allerlei unschuldige Allotria zu treiben.

Zu diesen gehörte unter anderem eine gelegentliche, aber ziemlich hoffnungslose Beschäftigung mit der edlen Poeterei, die auch mich und zwei andere Schulfreunde mit ihm zusammengeführt hatte. Denn er besaß, was ihn uns besonders liebenswürdig erscheinen ließ, eine schwärmerische Neigung, anzuerkennen, was ihm selber fehlte, so daß wir uns kein dankbareres Publikum wünschen konnten.

Der zweite meiner Klubgenossen war Felix von Stein, der Urenkel von Goethes Freundin. Das geringe Talent für Poesie, das er besaß, schien ihn doch wegen der Familientradition zu einiger Pflege und Ausbildung zu verpflichten, und noch viele Jahre später, als er bereits glücklicher Gatte und Vater geworden war und sein Erbgut Kochberg, mit geringem Erfolge freilich, bewirtschaftete, hat er in den Zimmern, die Goethe mit kleinen, runden Wandbildern in Sepia geschmückt, sich mit dramatischen Versuchen abgemüht, die höchstens damals in unserem Primanerklub Anerkennung gefunden hätten.

Der vierte im Bunde war ein entschiedenes dichterisches Talent, das fruchtbarste von uns allen, Bernhard Endrulat.

Er stammte aus einer litauischen Familie; die Eltern, in bescheidenen Verhältnissen lebend, waren, so viel ich mich entsinne, seit Jahren in Berlin angesiedelt, zwei hohe, stattliche Gestalten, von denen der Sohn die Statur und eine gewisse Zartheit des Wesens geerbt hatte. Er war ein oder zwei Jahre älter als ich, an Leib und Seele wohlgeraten, ein auffallend schöner, stolz und treuherzig in die Welt blickender Junge mit dunklen Locken, von dem seine Lehrer – er besuchte nicht mit uns das Friedrich-Wilhelms-Gymnasium – nach seinen Zeugnissen zu schließen, die günstigste Meinung hegten.

Früh hatte sich bei ihm die Überzeugung festgesetzt, daß er zum Dichter geboren sei. Er erklärte dies auch mit naiver Feierlichkeit seinen Freunden, ohne daß er die Verse, die er mit unglaublicher Leichtigkeit hinwarf, schon für vollkommene Gaben der Muse angesehen hätte. Bald nachdem uns ein Zufall zusammengeführt, befreundete ich mich mit ihm aufs herzlichste. Ich bewunderte sein Talent höchlich und stellte es weit über mein eigenes. Denn obwohl ich selbst in einer dichterischen Welt lebte und webte, war ich durchaus nicht klar darüber, ob ich zum Dichter und nicht vielmehr zum Maler berufen sei. Von Endrulat aber glaubte ich, daß ihm der Lorbeer des Poeten nicht fehlen könne. Meine neidlose Bewunderung ging so weit, daß ich mich unendlich geehrt und geschmeichelt fühlte, als er eines meiner kleinen sentimentalen Gedichte so hochschätzte, daß er es selbst gedichtet zu haben wünschte. Er schlug mir einen Tausch gegen eines der seinigen vor, das mir als ein unerreichbares Virtuosenstückchen erschienen war, und da ich ihn ohnehin für den reicheren hielt, ging ich ohne sittliche Bedenken auf diesen Glaukustausch ein. Meines eigenen Produkts entsinne ich mich nicht mehr. Das seine, das er als Motto vor ein Buch mit weißem Papier geschrieben hatte, ist mir im Gedächtnis geblieben:

Was ungereimt
Gereimt entkeimt,
Sich ungesäumt
Zum Verschen säumt,
Ob's gegen Zaun
Und Zügel bäumt,
Hier wird ein Raum
Ihm eingeräumt.

Zur Steuer der Wahrheit muß ich hinzufügen, daß ich von meinem wohlerworbenen Eigentumsrecht nie Gebrauch gemacht habe.

Man würde aber eine falsche Meinung von dem hochgestimmten, schwärmerisch dichtenden und trachtenden Jüngling fassen, wenn man ihn im Verdacht hätte, dergleichen Formkünste hätten sein dichterisches Wesen ausgemacht. Vielmehr war er ganz erfüllt von den Freiheitsgedanken der vormärzlichen Zeit, in höherem Grade als irgendeiner von uns, und in schwungvoller Rhetorik huldigte er den abstrakten politischen Idealen der Lyriker jener Tage, denen er auch später nicht untreu geworden ist.

Daß es um unser Naturgefühl nicht zum besten stand, wir uns vielmehr in diesem Gebiete mit wohlfeilem Anempfinden begnügten, wird niemand von richtigen Berliner Kindern anders erwarten. Auch er war hierin mir nicht überlegen. Doch entsinne ich mich, welchen Eindruck die Verse in einem seiner Gedichte auf mich machten:

Melancholisch finster
Schwankt der gelbe Ginster.

Was wußte ich im Tiergarten oder der Hasenheide von dieser wildwachsenden Pflanze! Als ich ihr später zuerst begegnete, mußte ich freilich lachen, da ich dem heiteren Gesträuch, das mit heller Goldfarbe an den Bergabhängen leuchtete, nicht zutrauen konnte, jemals in finsterer Melancholie vor dem Auge des Dichters geschwankt zu haben.

Unsere Zusammenkünfte erfuhren auch im Sommer keine Unterbrechung. In jener anspruchsloseren Zeit war es ja noch nicht Sitte geworden für jeden, der es irgend vermochte, sich aus dem Berliner Staube zu flüchten, und Felix von Steins Eltern besaßen überdies ein Haus mit einem großen, alten Garten in Schöneberg, das auch den »Klub« oft gastlich beherbergte. Im übrigen betätigte Felix sein literarisches Interesse weniger durch eigene poetische Beiträge als durch den Eifer, mit dem er sich an unseren ästhetischen Debatten beteiligte, wobei er, der einzige unter uns grünen Jünglingen, eine Zigarre nach der anderen rauchte.

Auch der Soldiner Freund war nicht sehr produktiv. Er erwarb sich aber auf andere Art ein erhebliches Verdienst um uns, da er ein besonderes Talent für die Kochkunst hatte. So ging er, oft während der Vorlesungen selbst, geschäftig ab und zu, um in der Küche nach dem Rechten zu sehen. Er »rumohrte« draußen, wie wir mit Bezug auf den Verfasser des »Geists der Kochkunst« von ihm sagten, wenn er zu lange fortblieb. Aus den geringen monatlichen Beiträgen, die wir zu unseren Symposien leisteten, konnte unmöglich die für unsere Begriffe oft glänzende Bewirtung bestritten werden. (Richard war stolz darauf, uns sogar einmal in die Geheimnisse der Béchamelsauce eingeweiht zu haben.) Da er aber einen reichlichen Wechsel hatte und es sich zur Ehre schätzte, in dem Poetenkreise wenigstens durch ein schätzbares Talent sich hervorzutun, drangen wir nicht weiter auf genaue Abrechnung.

Das Getränk bestand in ein paar Flaschen jenes säuerlichen Jostyschen Biers, das nicht im Verdacht stehen konnte, uns die Köpfe zu erhitzen. Dafür sorgte jedoch nicht bloß die Begeisterung, mit der wir unsere eigenen Verse vortrugen; sie wurde überdies oft genug durch die offenherzigste Kritik gedämpft. In eine feurigere Stimmung versetzten uns häufig die Werke der großen Dichter, die wir uns mit verteilten Rollen vorlasen. Unter anderem entsinne ich mich eines Abends, wo wir die »Iphigenie« gewählt hatten. Immer mächtiger ergriff uns die Herrlichkeit des wundersamen Gedichts, immer höher erhoben Endrulat und ich die Stimmen; unser Kochkünstler war von seinem Herde hereingeschlichen und hatte sich sacht auf einen Stuhl neben der Tür niedergelassen; im Sofa lag Felix mit zurückgesunkenem Haupt und geschlossenen Augen; wir achteten nicht darauf, daß wir beide zuletzt allein lasen, bis tiefe, regelmäßig auf- und absteigende Töne vom Sofa her uns verkündeten, daß einer aus unserem Bunde sanft entschlummert war. Zugleich drang ein brenzliger Mißduft aus der Küche herein, der verriet, daß unser Abendessen Gefahr lief, als ein Brandopfer auf dem Altar der Dichtung für geringe Sterbliche ungenießbar zu werden.

Richard sprang erschrocken auf, dem Übel draußen womöglich noch Einhalt zu tun; träumerisch erhob sich Felix von seinem Lager und versicherte, nur einen Augenblick von der Macht der Schönheit überwältigt worden zu sein; wir alle aber konnten durch dergleichen drollige Intermezzi in unserer gehobenen Stimmung nicht ernstlich gestört werden.

*

Was an diesen Abenden vorgelesen wurde, unterlag einer strengen Sichtung, nach welcher das für würdig Erklärte in das sogenannte »Klubbuch« eingetragen wurde, – ein Quartband mit dünnem, bläulichem Schreibpapier, in einer rot marmorierten Decke, so unscheinbar, wie sich's für die prunklose Beerdigung meist totgeborener Musenkinder geziemte.

Es war unter uns ausgemacht, daß keinem profanen Auge der Einblick in diese Blätter gestattet werden sollte. Wir waren daher nicht wenig bestürzt und entrüstet, als Richard uns eines Abends mit verlegener Munterkeit gestand, er habe sich erlaubt, unser Klubbuch jemand zu zeigen, und zwar keinem Geringeren als Emanuel Geibel, der es denn auch freundlich durchgeblättert und geäußert habe, es werde ihm Vergnügen machen, die Verfasser persönlich kennen zu lernen.

Zu diesem Verrat hatte sich unser Freund auf folgende Weise verleiten lassen, wodurch sein Verbrechen allerdings in milderem Lichte erschien.

Das stille Haus nämlich am Enkeplatz Nr. 3, dicht an dem Gitter, das den Bezirk der Sternwarte abgrenzte, stand in besonderer Musenhuld. Im ersten Stock wohnte der Schulvorsteher, Schuft mit Namen, Richards ehrsamer Nähr und Pflegevater, bei dem unsere dichterischen Konventikel stattfanden, der zweite Stock beherbergte Robert Prutz mit seiner Familie, im dritten hatte Emanuel Geibel ein paar möblierte Zimmer inne. Trotz unserer Neugier, wie wohl ein wirklicher, schon gedruckter lebender Dichter aussehen möge, hatten wir keinen Versuch gemacht, mit den »höheren Mächten« in Verkehr zu kommen. Richard aber, als Hausgenosse, war beiden Dichtern zuweilen auf der Treppe begegnet und mit Geibel insbesondere in ein freundnachbarliches Verhältnis getreten, da er sich erboten hatte, ihm Federn zu schneiden.

Dabei hatte der berühmte Mann sich einmal zu der Frage herabgelassen, ob er etwa auch Verse mache. Errötend hatte Richard seine eigenen lyrischen Sünden verleugnet, dagegen von dem Talent zweier Freunde groß Rühmens gemacht und endlich zum Beweise, daß er nicht übertreibe, das Klubbuch ausgeliefert.

Nachdem der Sturm unserer sittlichen Entrüstung verbraust war, sahen wir ein, daß wir die Folgen dieses Vertrauensbruches wohl oder übel auf uns nehmen mußten. So stiegen wir am nächsten Vormittag mit einigem Herzklopfen in den dritten Stock hinauf. Der Empfang aber, der uns zuteil wurde, verscheuchte bald jede Beklommenheit.

Auf dem Schreibtisch freilich, von dem der Dichter sich erhob, uns mit herzlichem Händedruck zu bewillkommnen, lag das corpus delicti, unser Buch in dem rot marmorierten Einband. Das peinliche Verhör aber, das wir fürchteten, unterblieb. Geibel, damals einunddreißig Jahre alt, begrüßte uns mit väterlichem Wohlwollen als hoffnungsvolle junge Leute, deren löbliches Streben mit seinem Rat zu fördern ihm Freude machen würde. Er hielt uns, da wir selbst bescheiden verstummten, eine schöne kleine Rede über die Pflicht, durch strenge Selbstzucht sich der Gunst der Musen wert zu machen. Vor allem sollten wir uns bemühen, etwas Rechtes zu lernen, mit allem Wissen der Zeit unseren Geist zu nähren, da der Dichter auf der Höhe seiner Zeit stehen müsse, wenn er ihr Leitstern werden wolle. Der sonore Klang seiner Stimme und die priesterliche Wärme, mit der er sprach, machten einen tiefen Eindruck auf mich. Er hatte sofort mein junges Herz gewonnen, weit sicherer, als wenn er sich auf die freundlichste Kritik meiner Verse eingelassen hätte. Mit einer Art Ehrfurcht betrachtete ich das von braunem, lockigem Haar – damals noch reichlich genug – umrahmte, groß geschnittene Gesicht, aus dem unter der schönen Stirn die hellen, feurigen Augen uns gütig anblickten. Im ganzen freilich hatte ich mir einen Dichter anders vorgestellt. Mit dem alten grünen Schnürrock und dem lose umgeschlungenen Tuch um den offenen Hals machte die stämmige, untersetzte Gestalt mehr den Eindruck eines alten Studenten oder eines etwas verwahrlosten französischen Troupiers, an den auch der starke Schnurr- und Knebelbart erinnerte. Es war mir aber lieber, ihn so [zu] finden, als wenn er in der Gestalt eines Barden oder Troubadours erschienen wäre. Dazu waren seine Worte denn doch von dem tiefen lyrischen Hauch durchweht, der seinen Gedichten ihren Reiz verlieh, und wie er sich nun mit jedem einzelnen von uns über seine persönlichen Verhältnisse und Lieblingsstudien unterhielt, ganz anders, als wir es von den ebenfalls sehr verehrten Professoren unseres Gymnasiums gewohnt waren, fühlten wir doch, daß er von einer Menschenart war, der wir bisher noch nicht begegnet waren.

Dazwischen warf ich verstohlene Blicke auf das Blatt, an dem er eben geschrieben hatte. Ich glaube, es war eine Szene seiner Albigensertragödie, mit der er sich lebenslang tragen sollte, ohne sie zum Abschluß zu bringen. Zum erstenmal sah ich ein im Entstehen begriffenes Manuskript eines Meisters, und auch die großen, etwas schwerfälligen Züge seiner Handschrift mit ihren Haken und Schwänzen imponierten mir höchlich.

*

So verlief unsere erste Begegnung zu unsrer großen Befriedigung, und wir erteilten im Hinuntergehen auf der Treppe dem Verräter unserer Klubgeheimnisse feierlich Absolution.

Dann führte er mich beiseite und vertraute mir, die Gedichte im Klubbuch, die Geibel als besonders talentvoll bezeichnet habe, seien fast alle von meiner Hand geschrieben gewesen, was natürlich Bernhard gegenüber Geheimnis bleiben müsse.

So sehr dies meinen nicht allzu lebhaften Ehrgeiz aufstacheln mußte, befremdete mich's doch nicht wenig. Ich hatte Endrulats Talent für das weit bedeutendere und reifere gehalten. Als ich dann aber das erstemal von Geibels Aufforderung, ihn auch einmal allein zu besuchen, Gebrauch machte, erkannte ich an seinem freundlichen Eingehen auf einzelne meiner Lieder und Romanzen, daß es ihm jedenfalls ernst damit war, wenn er in meinen noch vielfach unbeholfenen, naiven Anfängen etwas fand, was er in den weit flüssigeren, doch oft konventionell-pathetischen Versen meines Freundes vermißte.

Doch ermahnte er mich, in diesem Winter mich des Versemachens möglichst zu enthalten und erst das Gymnasium zu absolvieren. Er wolle mich auch dann erst bei Franz Kugler einführen, mit dem er in herzlicher Freundschaft verbunden war, und von dessen Urteil über alles Künstlerische er die höchste Meinung hatte.

Eines meiner Gedichte – eine Art Monolog der Niobe vor ihrer Versteinerung, deren Eintritt auch den Fluß der Terzinen zum Stocken brachte – hatte er schon jetzt dem Freunde gezeigt und beurteilte nun das Gedicht sehr eingehend. Ich hatte mich ja auch von meinem Vater einer strengen Kritik zu erfreuen gehabt. Doch obwohl dieser selbst eine feine poetische Ader hatte, wovon ich manches Zeugnis bewahrte, – die letzten Geheimnisse des lyrischen Metiers waren ihm doch nicht aufgegangen, während wohl kaum ein deutscher Dichter so vertraut mit ihnen war, wie Emanuel Geibel.

Ihm war nicht nur das feinste Ohr für den sinnlichen Reiz des dichterischen Ausdrucks eigen, auch das sicherste Gefühl für die Einheit des Stils und das klarste Verständnis für alles, was die innere Form betraf. Sein angeborenes Kunstgefühl war aus drei Quellen genährt und geläutert worden: dem Studium der Alten, besonders der Griechen – mit Ernst Curtius war es ihm ja vergönnt gewesen, ein paar schöne Jugendjahre in dem klassischen Lande selbst zu verleben, – dann aus der Bewunderung Goethes und endlich nicht zum wenigsten aus einer genauen Kenntnis der zeitgenössischen französischen Lyriker. Es war ihm aber gelungen, alle diese Elemente so in sich zu verarbeiten, daß aus ihrer Verschmelzung ein eigener Klang hervorging und von Nachahmung kaum hie und da die Rede sein konnte. Es hat größere lyrische Dichter gegeben als ihn; wohl nie einen größeren lyrischen Künstler.

Das sollte auch mir zugute kommen. Denn wenn der Dichter auch »den Gehalt in seinem Busen« keiner menschlichen Schulweisheit verdanken kann, sondern nur seiner innersten Natur und dem lebendigen Leben, bringt er »die Form in seinem Geist« doch nicht fertig mit auf die Welt und darf es als ein Glück betrachten, wenn ein richtiger Meister ihm hilft sie auszubilden.

Wie einem lyrischen Motiv am einfachsten und schlagendsten alles abzugewinnen sei, was es an Stimmungsreiz und seelischem Wert enthält, wie, wenn der erste Hinwurf vorliegt, eine sorgsame Feile anzuwenden, nicht so sehr zur tadellosen äußeren Glättung, sondern um jede verbrauchte, flache oder bloß rhetorische Wendung durch eine charakteristischere, eignere zu ersetzen, darüber gingen mir durch Geibels Winke ganz neue Lichter auf. Das Geheimnis des Adjektivs wurde mir klar, das mir freilich schon beim Lesen Heinescher Lieder, der Goetheschen ganz zu geschweigen, aufgedämmert war und sich vollends enthüllen sollte, als ich einige Jahre später Mörike kennen lernte. Geibel zeigte mir an manchem meiner eigenen Jugendlieder, wie durch ein unermüdliches »Nachinnenfeilen« zuweilen ein paar unbedeutende Strophen, die aber einer echten Stimmung entsprungen waren, zuletzt doch einen intimen, persönlichen Reiz gewinnen konnten. Auch wie viel darauf ankommt, richtig anzufangen und zur rechten Zeit zu enden, vor allem »nicht aus dem Stil zu fallen«, das heißt, in einem Gedicht, das in einer bestimmten Tonart, etwa im Volkston, gehalten ist, keine Wendung zu gebrauchen, die einer höheren literarischen Sphäre angehört oder umgekehrt, wurde mir jetzt erst klar. Um nur ein Beispiel anzuführen: ich hatte, durch eine französische Lebensbeschreibung Bayards, des Ritters ohne Furcht und Tadel, angeregt, einen Romanzenzyklus nach dem Muster von Herders »Eid« verfaßt, den ich Geibel nun auch lesen ließ. Was er davon hielt, ist mir nicht mehr erinnerlich. Es muß wohl nicht viel gewesen sein, da ich es nicht der Mühe wert hielt, das Heft aufzubewahren. Nur eine einzige dieser Romanzen habe ich später in meine Gedichte aufgenommen, die letzte, die den Tod des Helden erzählt, wie er nach dem ergreifenden Begegnen mit Karl von Bourbon,

Prinz Bourbon, der gegen Frankreich,
Gegen seinen König kämpft,

verwundet im Tal der Sesia an einen Baum gelehnt, verscheidet. Der Sieger –

Klirrend in dem Eisenharnisch
Schwingt er sich von seinem Wappen,
Tritt zu jenem Vielverehrten,
Spricht zu ihm, indem er weint:

»O Bayard, dein herbes Scheiden,
Wie zerreißt es mir die Seele.« –
Doch Bayard – mit dem Verräter
Tauscht er weder Wort noch Blick.

Schaut noch einmal auf zum Himmel,
Wendet sich und ist verschieden –

Hieran schlossen sich in meiner ersten Fassung noch einige Verse, die den Eindruck der stummen Verdammung des Verräters warmherzig schilderten. »Dadurch schwächst du den Schluß des Gedichts, sagte Geibel. Hier ist die äußerste Kürze geboten, kein Wort sentimentaler Empfindung, das dem Hörer vorschreibt, was er selbst dabei zu empfinden habe. Ich würde einfach schließen:

Nie seit dieser Stund' hat jener
Mehr gelächelt, wie man sagt.

Stoße dich nicht an die letzte trockene Wendung. Auch in den spanischen Romanzen begegnen wir dergleichen scheinbar prosaischen Versen, die eben dadurch das Gedicht als ein echt volkstümliches legitimieren und stilgemäßer sind als die schönste lyrische Phrase«.

Ich entsinne mich, daß ich damals nur mit geheimem Widerstreben seinem Rate folgte. Bald jedoch ging es mir auf, daß es das einzig Rechte gewesen war.

Es hatte nicht lange gewährt, so war mir von dem verehrten Freund und Meister das brüderliche »Du« angetragen worden, in das ich mich trotz des Gefühls meiner Unterordnung leicht genug fand. Er hatte von Anfang an sein geistiges Übergewicht über meine grüne Primanerweisheit nie mit kühler Gönnermiene geltend gemacht, sondern nur wie der gereifte ältere Bruder gegenüber dem jüngeren. Zeitlebens hat er es geliebt, mit jüngeren Talenten sich von vornherein auf den Fuß eines kameradschaftlichen Verhältnisses zu stellen. Julius Grosse, Heinrich Leuthold, Hans Hopfen konnten es bezeugen, wie einfach menschlich der als schroff und hochfahrend Verschrieene ihnen entgegenkam. Gerade weil er sehr wohl wußte, was er wert war, lag ihm nicht daran, äußerlich den noch Unausgereiften gegenüber seine Würde zu wahren, und eine kleinliche eifersüchtige Regung vollends konnte ihn niemals anwandeln. Wie denn überhaupt der vielberufene Künstlerneid immer das Zeichen einer Unsicherheit des Selbstgefühls, die unheimliche geheime Furcht der eigenen Unzulänglichkeit in ehrgeizigen Halbtalenten zu sein pflegt, mit der sich dann doch eine törichte Eitelkeit und Selbstüberschätzung sehr wohl verträgt. Ein anderes ist die bittere Empfindung, die den Edelsten, Neidlosesten überschleichen kann, wenn er »des Ruhmes heil'ge Kränze auf der gemeinen Stirn entweiht« steht. Wo ihm dies begegnete, konnte auch Geibel in eine heilige Empörung geraten, die dann von urteilslosen Anhängern jener falschen Größen als selbstsüchtige Überhebung gedeutet wurde. Den wahrhaft Großen gegenüber war niemand bescheidener als er.

Und doch hätte mancher andere sich durch den raschen Ruhm, den ihm der erste Band seiner Gedichte eintrug, verblenden lassen können. Zu diesem ungewöhnlichen Erfolge hatten, außer dem inneren Wert dieser Dichtungen, mancherlei äußere Umstände mitgewirkt.

Als Geibel auftrat, waren die Zeiten der zweiten Romantik eben vergangen. Der letzte ihrer Jünger, Eichendorff, hatte seine Laute oder »Mandoline«, mit der er auf den Spuren seines »Taugenichts« »durch die überglänzte Au« geschritten war, an den Nagel seines Amtszimmers gehängt und nahm an der Bewegung der Zeit nur noch in seltsamen kritischen und literarhistorischen Expektorationen teil. Heine war eine dichterische Großmacht für sich, deren Anhänger sich in zwei Lager teilten, die aufrichtigen Poesiegläubigen, die, wie ich und meine Freunde, in ihm den größten Lyriker nach Goethe sahen, und das »Junge Deutschland«, an dessen Spitze Gutzkow jede Poesie, die nicht der Zeit diente und in dem Kampf der Geister ihre Fahne flattern ließ, als ein müßiges Spiel verachtete, Heine aber wegen seiner genialen satirischen Brandraketen in Vers und Prosa seine romantischen Lieder verzieh. Wir jüngeren aus dem Kuglerschen Kreise waren, obwohl das Stichwort l'art pour l'art noch nicht ausgegeben war, innigst davon durchdrungen, daß alle sogenannte »Tendenzpoesie« vom Übel sei, worin wir allerdings insoweit Recht hatten, als es stets nur wenigen der Größten gelungen ist, aus der Tagesstimmung heraus eine Dichtung zu schaffen, die wie der unsterbliche Ritter von la Mancha das Gelegenheitsinteresse weit überdauert. Von den Dichtern, die ein politisch Lied im Sinne der vormärzlichen Freiheitssänger zwar nicht für ein garstig Lied erklärten, aber selbst in der stürmischen Zeit schwerer politischer Krisen an dem Recht der Dichtung, sich an die ewigen Mächte der Menschenbrust zu wenden, festhielten, waren einige der begabtesten, Fontane, Storm, vor allem Gottfried Keller, noch nicht an den hellen Tag hinausgetreten, Mörike in Norddeutschland so gut wie unbekannt, und nur Freiligraths fremdartig glänzende Erscheinung wurde in den etwas matt gewordenen Musenalmanachen als ein aufleuchtendes, vielverheißendes Meteor bewundert.

In diese teils nüchterne, teils überhitzte Stimmung der Geister trat Geibels Muse mit ihren melodischen, seelenvollen Klängen in der Tat wie das Mädchen aus der Fremde hinein. Es war, als wäre der Begriff der wahren Poesie, die vom Herzen zum Herzen spricht, eine Weile verloren gewesen und nun wieder aufgefunden worden. Man freute sich, wenn auch unter den politischen Ungewittern der Himmel einzustürzen drohte, doch noch eine Lerche davonkommen zu sehen, deren süßer Ton die Herzen erquickte. Hier war von keiner »Tendenz« die Rede, von keinen witzigen, spitzigen Sarkasmen oder Sturmliedern einer revolutionären Kämpferschar: die alten, ewigen Gefühle, Liebe, Andacht zur Natur, Feier der Schönheit und gläubige Hinwendung zu einer göttlichen Weisheit, die über allem zeitlichen Weltschicksal thront, waren die bewegenden Mächte in der Brust dieses jungen Dichters, der daneben doch auch schon zu erkennen gab, daß er in dem politischen Kampf dieser Tage seinen Mann zu stehen gedenke.

Es war daher kein Wunder, daß nicht bloß »Backfische« und zartgestimmte Frauen für den neuen Dichter schwärmten, sondern auch ernste Männer, die in ihrer Gesinnung sich von dem scharfen, nüchternen Ton des Jungen Deutschlands und Heines zynischer Genialität abgestoßen fühlten, durch den Hauch von Innigkeit und heiterer Schönheit, der alle Dissonanzen auflöste, für Geibel gewonnen wurden. In den Kreisen der Aristokratie kam noch die Genugtuung hinzu, daß endlich einmal wieder ein Dichter auftrat, der aus seinem von dem geistlichen Vater übernommenen Christenglauben kein Hehl machte.

Zu allen Zeiten hat Geibel Wert gelegt auf aristokratische Verbindungen, doch ohne jemals seiner eigenen Würde etwas zu vergeben. Vielmehr durchdrang ihn dabei das Bewußtsein der Ebenbürtigkeit des Talents mit dem Adel der Geburt, die hohe Meinung von der Glorie des Dichterberufs nach dem Worte Schillers:

Es soll der Sänger mit dem König gehn;
Sie beide wandeln auf der Menschheit Höhn.

Keine persönliche Eitelkeit war dabei im Spiel, nur der Anspruch, in diesen exklusiven Regionen als Vertreter seines Standes von Macht zu Macht behandelt zu werden. Wie er denn auch sonst von der Schwäche, auch nach dem Beifall Solcher zu streben, die er nicht für voll nahm, völlig frei war. Auch er wußte, daß wir die Welt in unseren Freunden sehen müssen, wenn wir verdienen sollen, daß die Welt von uns erfahre.

In jenem Winter aber klagte er oft, daß er sich in zu viele gesellige Beziehungen verstrickt habe, die mehr von ihm forderten, als sie ihm zu geben imstande waren. Man scheute sich nicht, seine Gefälligkeit und sein leicht improvisierendes Talent zu allerlei privaten Zwecken zu mißbrauchen. So erinnere ich mich, daß ich eines Tages, als ich ihn besuchte, ihn noch im Bette fand. Er war immer ein Langschläfer und mußte sich damit necken lassen, daß er das schöne Gedicht:

Wer recht in Freuden wandern will,
Der geh' der Sonn' entgegen –

wohl nur nach Hörensagen verfaßt habe.

Diesmal war es schon hoher Mittag. Aus den Kissen auffahrend, erklärte er mir, er sei die letzte Nacht erst gegen Morgen zu Bett gekommen. In der Gesellschaft, in die er geladen war, habe eine junge Gräfin einen schwachen Augenblick benutzt, ihn um ein Gedicht zur silbernen Hochzeit ihrer Eltern zu bitten. Er habe es nicht abschlagen können und, als er gegen zwei Uhr nach Hause gekommen, noch die erste Strophe hingeworfen, da die Feier nah' bevorstehe. »Tu mir nun den Gefallen und mache die beiden folgenden. Dies und das ungefähr hab' ich darin sagen wollen, mir brummt aber noch der Kopf von der Ananasbowle und dem schlechten Schlaf. Ich brächte in dieser Verfassung nichts Gescheites zustande.«

Ich brauche nicht zu versichern, daß mir kein König der Welt eine höhere Ehre hätte erweisen können, als er durch diesen Auftrag. Ich fand richtig auf dem Schreibtisch im Nebenzimmer das Blatt mit der großen, diesmal etwas unsicheren Schrift des Freundes, eine achtzeilige Strophe, die an das Glück der ersten, grünen Hochzeit erinnerte; die zweite sollte der silbernen gewidmet sein und die dritte mit dem üblichen Ausblick auf das Gold des Greisenalters schließen. Die nächtliche Inspiration hatte ihm nicht eben einen besonders neuen, tiefsinnigen Gedanken eingegeben, dessen Ausführung einem Anfänger schwer gefallen wäre. Als denn auch nach einer Viertelstunde der Verfasser der ersten Strophe, wie er den Federn entstiegen war, nur mit einer Unterhose und der grünen Pekesche bekleidet, mit finsterer Stirn, die Locken wirr ums Haupt flatternd, bei mir eintrat, war das gemeinsame Werk schon beendet. Er ließ es sich vorlesen, nickte ein kurzes »Gut!«, bat mich, das Gedicht abzuschreiben, und nachdem er seinen Namen mit gewaltigen Haken daruntergesetzt hatte, steckte er das Blatt in ein Kuvert und schickte es sofort durch seinen Stiefelputzer an die gräfliche Adresse.

*

Was aber den Gegenstand unserer häufigsten und eifrigsten Unterhaltungen bildete, war keineswegs, wie man nach all diesem voraussetzen möchte, die lyrische Poesie, sondern die dramatische.

Sein ganzes Leben hindurch war Geibel mit dramatischen Projekten, Szenaren und halb ausgeführten Szenen beschäftigt, und kein Thema griff er begieriger auf, als das Problem der dramatischen Technik, »das Geheimnis des Dramas«, wie er es zu nennen pflegte. Fertig geworden war von all seinen jugendlichen Entwürfen nur ein »König Roderich«; der »Meister Andrea«, den er zuerst unter dem Titel »Die Seelenwanderung« für den Sohn des Prinzen von Preußen schrieb, reifte heran. Daß das anmutige Stück, wie Geibels Biograph Gaedertz berichtet, 1847 in acht Tagen geschrieben worden sei, ist bei der langsamen, schwerflüssigen Art, wie Geibel arbeitete, nicht denkbar. Schon aber hatte er die beiden unermeßlichen Gebiete der Geschichte und Sage nach allen Richtungen durchstreift, an jeden Busch geklopft, ob ihm keine dramaturgische Frucht daraus in die Hand fallen möchte, und die zwei inneren Seiten eines leeren Buchdeckels enthielten die lange Liste der Stoffe, die er sich zu dramatischer Behandlung ausersehen hatte. Es fehlte darin kein antiker tragischer Held, kein schon hundertmal dramatisierter deutscher Kaiser, kein vorleuchtender Name der nordischen Heldensage. Und regelmäßig mußte man erleben, wenn man ihm von einem historischen Stoffe sprach, aus dem man ein Trauer- oder Schauspiel zu machen gedenke, daß er die Stirne runzelte, die Augen zornig rollen ließ und mit donnernder Wucht hervorstieß:»Das ist mein Stoff!«

Worauf er dann den Buchdeckel mit der Namenliste herbeiholte und nachwies, daß er denselben Stoff schon vor so und so viel Jahren zu eigenem Gebrauch sich notiert habe.

Damals trug er sich, wie gesagt, mit einer Albigensertragödie, von der er schon einige Szenen ausgeführt hatte, obwohl die Komposition des Ganzen ihm noch nicht feststand. Eben der architektonische Aufbau, so viel er über dessen Grundgesetze sich Gedanken gemacht und mit Freunden ihn hin und her beraten hatte, blieb ihm bei all seinen dramatischen Unternehmungen das Schwierigste. Die sittlichen und geistigen Konflikte, die Charakter- und Leidenschaftsprobleme gingen ihm in voller Klarheit auf und regten seine Seele zum höchsten dichterischen Ausdruck an. Nur allzusehr aber gebrach es ihm an der unentbehrlichen szenischen, theatralischen Phantasie, die eine sich entwickelnde, anschwellende, in notwendiger Verknüpfung sich gruppierende Handlung in Bewegung setzt. Er war stets in einer hilflosen Lage, wenn sich's darum handelte, seine Figuren mit einem plausiblen Motiv auftreten und wieder abgehen zu lassen. Solange sie auf der Szene verweilten, verstand er es trefflich, ihnen bedeutende Worte in den Mund zu legen, nicht nur lyrisch-rhetorische Herzensergüsse, sondern echt dramatische Reden und Gegenreden. Aber so wie ihm jedes novellistische Talent fehlte, stand er auch der Aufgabe des Dramatikers, äußere Umstände zum Hebel innerer Vorgänge zu gestalten, unbehilflich und unlustig gegenüber.

Ans diesem Grunde ist auch nur das eine seiner Trauerspiele zu einer starken Bühnenwirkung herangereift, die »Brunhild«. Hier hatte die Sage so kräftig vorgearbeitet, daß der erfindenden Phantasie des Dramatikers nicht viel zu tun übrig blieb. Von den vielen Bearbeitern der Nibelungen hat denn auch kaum einer, selbst der am wenigsten Begabten, sich an dem gewaltigen Stoffe versucht, ohne einen bedeutenden Gewinn davonzutragen, bis zuletzt Hebbels kongeniale Natur die Aufgabe für alle Zeit erledigte. So stark sind die tragischen Grundmauern des Stoffes, daß sie auch in einem Ausbau von geringerer dichterischer Größe einen imponierenden Eindruck machen. Gleichwohl bedurfte es auch für dieses Stück Geibels der mäeutischen Beihilfe guter Freunde, wie Kugler und Putlitz, um das äußere Gefüge den Anforderungen der Bühne überall anzupassen.

Diese seine Grenze kam mir damals natürlich nicht zum Bewußtsein, und ich hielt den Freund auch auf dem Gebiet des Dramas zu allem Höchsten berufen, da er zu der Erkenntnis dessen, was die größten Dramatiker unsterblich gemacht, die feinsten und reinsten Organe besaß. Ihn über Shakespeare reden zu hören, war mir auch späterhin stets in hohem Grade anregend und belehrend, ihn ein großes Drama vorlesen zu hören, ein unvergleichlicher Genuß. Auch seine Rezitation lyrischer Gedichte, zumal seiner eigenen, war eindrucksvoll; er setzte die Verse gleichsam in Musik und ließ sie auf dem Strom seiner tiefen, melodischen Stimme in einer träumerischen Eintönigkeit hinschwimmen. Wenn er Dramatisches las, kam mehr Licht und Schatten, eine größere Mannigfaltigkeit von Tönen in den Vortrag, die leidenschaftlichen Szenen wuchsen ohne jedes falsche Pathos zu machtvoller Größe an, und in den zarten, lyrischeren Teilen wußte er jede weichliche Affektation zu vermeiden. Die Abende in München, an denen er einem kleinen Freundeskreise Otto Ludwigs »Makkabäer« und Grillparzers »König Ottokar« vorlas, stehen mir in unauslöschlicher Erinnerung. Kaum jemals im Theater, auch nicht von den größten Schauspielern, habe ich eine tiefere Erschütterung erlebt.

Und so werde ich, da er mich zu den Gipfeln dramatischer Kunst emporblicken ließ, schwerlich den Mut gefaßt haben, ihm von meinen tastenden Anfängen zu sprechen, von jenem »Don Juan de Padilla«, der mir selbst trotz des väterlichen Lobes so äußerst unreif erschien, noch weniger von einer krausen dilettantischen Komödie, die ich vor jenem historischen Trauerspiel verfaßt, und mit der ich eine sehr niederschlagende Erfahrung gemacht hatte. Die Handlung dieser phantastischen Posse, die ich für uns Viere vom »Klub« gedichtet hatte, ist mir gänzlich entfallen. Ich weiß nur noch, daß die Hauptpersonen ein Schneider und eine Prinzessin waren, deren Rollen mir und Endrulat zufielen, und daß es von gereimten Versen in allen erdenklichen strophischen Formen wimmelte. Beim Niederschreiben derselben hatte ich mich unendlich ergötzt und so viel lustige Faxen und Anzüglichkeiten auf unsere eigenen werten Personen eingeflochten, daß wir bei den Proben, die auf meinem Hinterzimmer in der Behrenstraße stattfanden, nicht aus dem Lachen kamen. Wir versprachen uns einen glänzenden Erfolg bei unserm Publikum, das nur aus Felix Steins Eltern, seiner schönen Schwester und den Meinigen bestand. Zu unserm größten Erstaunen entzündete die Aufführung nicht die geringste Heiterkeit; die Scherze, die wir oft kaum vor eigenem Lachen vernehmlich hervorbringen konnten, fielen platt zu Boden, und der Beifall am Schlusse rührte nur von der gütigen Absicht der Zuschauer her, uns über die beschämende Stimmung eines vollständigen Fiasko hinwegzuhelfen.

Ich aber hatte die gründliche Lehre erhalten, daß man beim Dichten eines Lustspiels seinem Publikum nicht alles vorweglachen soll, und wie recht Lessing mit seiner Warnung gegen den Bruder hatte: er dürfe nie vergessen, daß man eine Woche lang auf seiner Stube sehr ernsthaft gewesen sein müsse, wenn die Leute im Theater eine Stunde lang lachen sollen.

*

Im März des Jahres 1847, fünf Tage nach meinem siebzehnten Geburtstag war mir das mündliche Abiturientenexamen erlassen worden. Meine Lehrer, die mich zur klassischen Philologie berufen glaubten, hatten mir die schöne Züricher Gesamtausgabe des Plato mit auf den Weg gegeben. Ich habe ihre Hoffnungen freilich sehr getäuscht.

Denn obwohl ich zunächst in vier Semestern in Berlin unter anderem die Vorlesungen von Boeckh, Lachmann und meinem Vater besuchte – bald war ich mir bewußt, daß ich nicht aus dem Holze war, aus dem klassische Philologen geschnitzt werden. Zwar, daß diese edle Wissenschaft mit der Pflege der Dichtkunst vereinbar sei, hatte gerade Geibels Beispiel mir gezeigt, der seinen Schulsack nicht auf die leichte Achsel genommen, sondern so gründlich sein Wissen bewahrt hatte, daß er imstande war, bei einer längeren Verhinderung seines früheren Lehrers am Lübischen Gymnasium ihn in den Jahren 1848 und 1849 nicht nur in Deutsch und Literaturgeschichte, sondern auch im Horaz zu vertreten.

Ich aber hatte früh erkannt, daß ich überhaupt für einen gelehrten Beruf nicht geschaffen war. Mein Sinn stand allein auf dichterische Aufgaben, und da ich stets vor allem Dilettieren in ernsten Dingen eine heilige Scheu gehegt hatte, war mir der Gedanke entsetzlich, mit halbem Herzen und halber Kraft mich einer Wissenschaft zu widmen, die, wie eine jede, die Hingabe des ganzen Menschen und eines ganzen Lebens erheischt.

Zunächst freilich, da es galt, ein »Brotstudium« zu wählen, während damals mehr noch als jetzt die Poesie als eine brotlose Kunst angesehen wurde, schlenderte ich auf dem Wege, den mir meine Abstammung von zwei Grammatikern und Sprachforschern wies, ohne viel Zukunftssorgen weiter und genoß nebenher die schöne Freiheit des Studentenlebens und alles Ersehnte und kaum Geahnte, was sich durch den Eintritt in das Kuglersche Haus vor mir auftat.

Unser »Klub« hatte sich, soviel ich mich entsinne, seit der Bekanntschaft mit Geibel zwar nicht aufgelöst, sich aber lahm und unersprießlich durch den Winter fortgeschleppt. Wir waren, seit wir uns an eine berufene Kritik wenden konnten, gegen unsern eigenen ästhetischen Fürwitz mißtrauisch geworden. Das Klubbuch wurde nicht fortgesetzt. Mein Verkehr mit Endrulat hörte zwar nicht auf, da wir uns von Herzen zugetan waren. Doch da Geibel nicht daran dachte, auch ihn bei Franz Kugler einzuführen, blieb ihm der Kreis, in dem ich nun meine reichsten Eindrücke und die unschätzbarste Förderung in aller künstlerischen Bildung empfing, verschlossen.

Seine anima candida war ganz frei von Neid und Eifersucht. Sein Leben lang hat er mit brüderlicher Wärme zu mir gestanden und mir noch durch die Widmung seiner zweiten Gedichtsammlung, der »Geschichten und Gestalten« (Hamburg, 1862), bewiesen, daß er der Jugendfreundschaft Treue gehalten.

Im Jahre 1857 erschienen seine »Gedichte«, »den deutschen Männern Ernst Moritz Arndt und Ludwig Uhland« gewidmet. Bald nach dem Revolutionsjahr hatte sich der junge Student nach Schleswig-Holstein gewendet, wo er zunächst eine Hauslehrerstelle fand. Als dann der Streit mit Dänemark ausbrach, konnte ihn nichts zurückhalten, sich als Freiwilliger im zweiten Jägerkorps am Kampf zu beteiligen, und er war glücklich, als er bei Idstedt eine leichte Kopfwunde erhieltNach dem traurigen Ausgang, den die Erhebung Schleswig-Holsteins im Jahre 1851 nahm, beteiligte er sich noch mehrfach an den Geschicken der Herzogtümer, an denen sein Herz hing, 1864–1866 als Leiter des Preßbureaus des Herzogs Friedrich von Schleswig, 1868 bis Ende 1872 als Redakteur der»Itzehoer Nachrichten«. Als er seine Hoffnungen auf eine selbständige Stellung der Herzogtümer im Deutschen Reich scheitern sah, siedelte er nach dem Elsaß über, wo er als Journalist tätig war, und trat 1876 in den preußischen Archivdienst, erst in Düsseldorf, dann in Wetzlar, zuletzt als Vorstand des Staatsarchivs in Posen, wo er am 17. Februar 1886 starb.. Das »Buch der Erinnerung«, das er unter dem Titel »Von einem verlorenen Posten«, Herzog Ernst II gewidmet, im Jahre 1857 herausgab, zeugt auf allen Blättern von dem stürmischen Mut und feurigen Freiheitsdrang, der ihn beseelte.

Er hatte an einer Hamburger Schule eine Stellung gefunden, die seinen Wünschen und Fähigkeiten entsprach. Als die Stadt Hamburg mit großer Begeisterung 1859 ihr Schillerfest feierte, war Bernhard Endrulat die Seele der gesamten Bewegung. In einem stattlichen Bande hat er darüber berichtet. Was er selbst an poetischen Reden und Prologen dazu beigesteuert hat, entbehrt freilich alles eigenartigen Reizes und bleibt hinter vielem zurück, was in seinen anderen Gedichten von seiner schwungvollen dichterischen Beredsamkeit Zeugnis gibt. Wie reich und voll strömt diese gleich in dem Prolog zu den »Gedichten«, in welchem er seine Hingebung auf Gnade und Ungnade an die Poesie, die bestrickende »Meeresfei«, in dithyrambischer Ekstase ausspricht:

        Schiffe fahren, Segel schwellen, und sie singt in sel'ger Ruh.
Kluge, nüchterne Gesellen stopfen sich die Ohren zu,
Steuern ängstlich nach der kargen, klanglos-kalten Heimat fort,
Bebend vor den himmlisch-argen Liedern und den Strudeln dort.

Aber ich – mit festem Steuer zu den Klippen streb' ich hin,
Meine Augen füllt ein Feuer, Licht und Sonn' ist all mein Sinn.
Mein verklärtes Antlitz lächelt nach dem lichten Götterbild,
Luft wie Frühlingsodem fächelt Herz und Stirne kühl und mild.

Mahnet nicht, ich soll erwachen aus dem schauersüßen Wahn:
Seht, schon langt der schwanke Nachen bei dem schwarzen Schlunde an,
Und die Zaubrin hör' ich singen, und sie leuchtet rosenrot,
Und mit Singen und mit Klingen stürz ich in den sel'gen Tod!

Nicht alles in den beiden lyrischen Bänden ist auf diesen pathetischen Ton gestimmt. In buntem Wechsel, in den mannigfaltigsten Formen ziehen die inneren Erlebnisse, Stimmungen und Betrachtungen des Dichters vorüber, vieles so sinnig im Gedanken, so glücklich im Ausdruck, daß es sich neben dem Besten in Geibels Gedichten sehen lassen kann. So unter anderem die Antwort auf die Frage:

Was ist das Glück?
        Nach jahrelangem Ringen,
Nach schwerem Lauf ein kümmerlich Gelingen,
Auf greise Locken ein vergoldend Licht,
Ein spätes Ruhen mit gelähmten Schwingen –?
Das ist es nicht!
Das ist das Glück:
Kein Werben, kein Verdienen!
Im tiefsten Traum, da ist es dir erschienen,
Und morgens, wenn du glühend aufgewacht,
Da steht's an deinem Bett mit Göttermienen
Und lacht und lacht!

Oder ein nachdenkliches Sprüchlein, wie das folgende:

Hüt dich vor Wünschen, Menschenkind.
Die guten flattern fort im Wind,
Und keiner ist, der taubenfromm
Zurück mit grünem Ölblatt komm'.

Die schlimmen hascht der Teufel ein
Und stutzt nach seinem Sinn sie fein,
Erfüllt sie dir zu Leid und Last,
Wenn du sie längst bereuet hast.

Und doch, so vieles ich noch anführen könnte, des alten Freundes Talent und adlige Gesinnung zu erweisen, – sein Name ist so gut wie vergessen. In dem Piererschen Konversationslexikon ist ihm freilich ein Artikel von fünfundzwanzig Zeilen gewidmet, doch seine dort aufgezählten Schriften sind verschollen, und nur ein oder das andere seiner kleinen Lieder begegnet uns hin und wieder in einer Chrestomathie.

Denn so rüstig er sich im äußeren Leben zum Manne entwickelt hat – als Dichter ist er über den Jüngling nicht hinausgekommen. Das allein freilich würde nicht erklären, warum er nicht mitgenannt wird, wo man die besten Namen nennt. Ist doch gerade die Jugendzeit für den echten Lyriker die Zeit der schönsten Blüte, und mancher früh Dahingeschiedene lebt im ewigen Gedächtnis der Nachwelt. Solchen Auserwählten aber war es gegeben, früh einen eigenen Ton zu finden, die persönlichen Züge ihres Wesens so deutlich auszuprägen, daß keine Zeit sie verwischen kann. Einem Hölty, Theodor Körner, Hölderlin, Shelley ist dies zuteil geworden. Den Gedichten meines Jugendfreundes fehlte die persönliche Note, die seine Stimme im Geräusch der Welt erkennbar gemacht hätte. Auch in seiner geistigen Entwicklung ist er bei den Anschauungen und Ideen der achtundvierziger Tage stehen geblieben. Als er mich im Juli des Jahres 1858 in meiner Ebenhausener Sommerfrische besuchte, fand ich auch in dem gesetzten, etwas feierlich auftretenden Manne die alte Wärme der Empfindung wieder. Doch nachdem wir unsere Jugenderinnerungen ausgetauscht hatten, stockte es zwischen uns. Wir fühlten beide, daß wir uns eigentlich nichts mehr zu sagen hatten.

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