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Jugenderinnerungen und Bekenntnisse

Paul Heyse: Jugenderinnerungen und Bekenntnisse - Kapitel 3
Quellenangabe
typeautobio
booktitleGesammelte Werke, 3. Reihe, Band I
authorPaul Heyse
year1924
publisherJ. G. Cottasche Buchhandlung Nachfolger / Verlagsanstalt Hermann Klemm
addressStuttgart - Berlin-Grunewald
titleJugenderinnerungen und Bekenntnisse
created20020827
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1900
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Schon in ihren Mädchenjahren war meine Mutter ihres Witzes wegen berühmt gewesen. Sie wußte das natürlich selbst; aber wie sie in allem nicht zu glänzen suchte, ließ sie auch dieser ihrer Gabe wie etwas, das ihr natürlich war, freies Spiel, zumal auch in ihren Briefen, in denen sie sich ihren eigenen, oft etwas dunkeln und geistreich barocken, öfter jedoch heiter mit Worten und Gedanken spielenden Stil gebildet hatte. Von früh an hatte sie viele treue Freunde gefunden. Denn es ging ein Hauch von Herzenswärme, von tätiger Liebenswürdigkeit von ihr aus, der jedem wohltat, während zugleich die Munterkeit und Frische ihres Geistes die Besucher ergötzte. Dabei fehlte es ihr durchaus an eigentlichem praktischem Humor. In ihren menschlichen Verhältnissen verstand sie keinen Spaß, konnte sich nicht zu einer freien Betrachtung der Weltwidersprüche erheben und zwischen den Gefühlen von Liebe und Haß der pauvre humanité ein halb mitleidiges, halb belustigtes Interesse widmen.

In der Tat aber durfte sie ihrem Geschicke danken für das überquellende sanguinische Temperament, das ihr ins Leben mitgegeben war, nicht nur um die trübsinnigen Stunden ihres Gatten zu erleichtern, sondern auch sich selbst in einer der schwersten Prüfungen, die einem Mutterherzen auferlegt werden können, aufrecht zu erhalten.

Sie hatte am 23. März 1828, ein Jahr nach ihrer Vermählung, einen Knaben geboren, der einen oder zwei Monate zu früh zur Welt kam, meinen einzigen Bruder, Ernst Hermann getauft. Es war ein übrigens wohlgebildetes, schönes Kind, mit großen, blauen Augen, und die Eltern waren glücklich, als es der aufopferndsten Mühe, besonders der guten Tante Marianne, gelang, das zarte Wesen am Leben zu erhalten.

Auch zeigte sich in den ersten, nur mit Spielen ausgefüllten Jahren nichts, was eine bleibende Schwäche der Entwicklung befürchten ließ. Erst als das Lernen anfing, das von einem trefflichen Hauslehrer geleitet wurde, kam es zutage, daß der Kopf des Knaben, der etwas zu klein geraten war, nur schwer zu jedem Denkgeschäft sich bequemte. Es wurde ihm sauer, mit mir, dem um zwei Jahre Jüngeren, Schritt zu halten, und als der Vater mich in meinem achten Jahr ins Gymnasium brachte, wurde beschlossen, meinen Bruder in die Realschule zu tun, die glücklicherweise ebenfalls in der Kochstraße lag und unter demselben Direktor stand, so daß wir den langen Schulweg gemeinsam machen konnten.

Dieser Schulweg wurde bald genug ein Dornenweg für mich. Zum erstenmal, nachdem mich im elterlichen Hause nur Liebe und Güte umgeben hatten, lernte ich die Bosheit der Menschenwelt kennen, zunächst der jugendlichen, da die Kameraden meines armen Bruders mit der Herzlosigkeit ihres Alters sich ein täglich neues grausames Vergnügen daraus machten, den Harm- und Wehrlosen zu hänseln, truppweise oder einzeln ihn zu verhöhnen und ihm jeden denkbaren Schabernack zu spielen. Mit erstickten Tränen der Wut und zusammengebissenen Zähnen fuhr ich dazwischen, solange ich an seiner Seite war. Was im Hofe seiner Schule geschah, konnte ich nicht verhindern, und wieviel meine Klagen bei dem alten Direktor Spilleke erreichten, erfuhr ich nicht, da der gute Junge alle Unbill, ohne sich dagegen zu empören, ertrug. Zuletzt scheint gerade dieses stille Erdulden die Tücke der jungen Teufel entwaffnet zu haben, da ich in den höheren Klassen, in die auch er langsam vorrückte, mich nicht entsinne, oft genötigt gewesen zu sein, als sein Beschützer aufzutreten.

Aber wenn mir auch diese Sorge vom Herzen fiel, blieb noch genug, was schwer zu tragen war. Man konnte sich keinen sanfteren, liebevolleren und treuherzigeren Jungen denken als meinen Bruder, und ich liebte ihn zärtlich und gönnte ihm alle Freuden unserer jungen Jahre. Doch bei seiner geistigen Unbeholfenheit spielte er in der Gesellschaft meiner aufgeweckten Schulfreunde, mochte ich nun sie zu mir geladen haben oder bei ihren Eltern mit ihnen verkehren, eine linkische, wunderliche Figur, so daß ich, selbst wenn die Kameraden sich bemühten, es mich nicht empfinden zu lassen, um alle Freude kam und wünschte, der arme Junge möchte zu Hause geblieben sein.

Doch einzusehen, daß dies auch für ihn das Beste gewesen wäre, konnte meine Mutter nicht über sich gewinnen. In ihrer grenzenlosen, blinden Zärtlichkeit hatte sie keine klare Vorstellung von dem, was dem lieben Kinde zu einem normalen Menschen fehlte, wenn sie auch zugab, daß er weniger begabt sei als sein jüngerer Bruder, und zum Studieren nicht das Zeug habe. Ihr sonst so scharfer Verstand versagte völlig, sobald auf dieses ihr Schmerzenskind die Rede kam; sie sah es als eine lieblose Zurücksetzung an, wenn zu irgendeinem meiner jungen Genossen mein Bruder nicht mit eingeladen wurdeSo mußte er zurückbleiben, als ich einmal eine Einladung nach Glienicke zu dem gleichaltrigen Prinzen Friedrich Karl erhielt. Jener Oberlehrer in der Quinta, dessen ich oben erwähnt habe – sein Name war Bogen, seine hohe, schlanke Gestalt und der blonde Kopf mit dem kurzgehaltenen krausen Haar stehen noch heute in hellen Zügen vor meiner Erinnerung – dieser ungemein lebhafte und anregende junge Mann gab dem Prinzen einige Privatstunden, ich weiß nicht in welchen Fächern, und da ich ein Musterschüler war und sich's vielleicht darum handelte, einen Sohn aus guter bürgerlicher Familie zum Schul- und Spielgefährten des Prinzen zu erwählen, hatte er die Einladung vermittelt. Ich entsinne mich nur dunkel, daß es mir in dem schöngelegenen königlichen Schlosse und Garten gar wohl gefiel, während es zwischen mir und meinem fürstlichen Kameraden zu keinem sonderlich traulichen Verhältnis kam. Der spätere schneidige Reitergeneral zeigte schon damals sein heftiges Temperament bei unseren Spielen. Es imponierte mir aber sehr, daß sein militärischer Gouverneur, als der Prinz einmal sich einer Weisung widersetzte, mit größter Strenge sich Gehorsam zu erzwingen wußte. Es blieb dann auch bei dieser ersten Einladung. Ich war aber ein wenig eitel darauf, die Kleidung, die für solche Besuche vorgeschrieben war, eine blaue Jacke mit Perlmutterknöpfen, auch an den folgenden gutbürgerlichen Sonntagen weiter tragen zu dürfen, und dieses harmlose Vergnügen durfte auch mein Bruder mit mir teilen., und wie manches Mal schlug ich eine solche Aufforderung ab, um der Mutter Kummer und Tränen zu ersparen.

Sie hatte sich ausgedacht, wenn Ernst die Schule durchgemacht hätte, ihn zu einem Landwirt oder Kunstgärtner in die Lehre zu geben. Vielleicht, wenn dieser verständige Plan beizeiten zur Ausführung gekommen wäre, hätte sich das spätere Leben meines Bruders anders gestaltet. Nun aber wurde er mit den vielen Schulaufgaben geistig und körperlich so lange belastet, bis es zu spät war.

In der kritischen Zeit der Pubertät brach das Unheil aus. Er kam eines Sonntagmittags aus der Kirche, die er gern besuchte, nicht nach Hause, mein Vater ging, ihn dort zu suchen, und fand ihn ganz einsam im Kirchenstuhl sitzend, mit seltsam irrem Blick und blödem Lächeln. So folgte er ihm gutwillig nach Hause, wo er eine kurze Zeit gepflegt wurde, während er tagelang am Fenster stehend in den Hof starrte und Choralverse sang, immer sanftmütig und leicht zu lenken. Als der Zustand sich verschlimmerte, wurde er in eine Heilanstalt gebracht, die er schon nach einigen Monaten verlassen durfte, »geheilt«, aber mit einer unheilbaren geistigen Unzulänglichkeit behaftet. Seine Entwicklung war auf der Stufe eines dreizehnjährigen Knaben stehen geblieben.

Er hat noch lange gelebt (bis zum 28. Dezember 1866), ja die Mutter überlebt, die über diesen größten Schmerz ihrer leidenschaftlichen Seele nie zur Ruhe kam. Die treffliche Schwester meines Vaters, Bertha, die mit einem Landpastor Brennecke verheiratet war, nahm den unglücklichen Neffen in ihre Obhut und liebevolle Pflege, wo er unter seinen vielen gutmütigen Vettern und unter den einfachen ländlichen Verhältnissen wohlaufgehoben war. Er hatte keine ernstlichere Beschäftigung, leistete gelegentliche kleine Dienste im Hause und Hofe, holte Wasser vom Brunnen für die Gartenbeete und fühlte sich, soweit man urteilen konnte, wunschlos glücklich. Wenigstens, als ich ihn zum letztenmal besuchte und fragte, ob ich ihm etwas zuliebe tun könne, schüttelte er den Kopf, streichelte mir den Arm und sah mich mit seinen großen Knabenaugen rührend dankbar an. Auch hatte er das Schreiben nicht verlernt, und seine sehr einfachen, aber nicht konfusen Briefe erhielten die gute Mutter bis zuletzt in der Täuschung, er sei allerdings nicht ganz wie andere Menschen, aber bei richtigem Verstande, der sich nur nicht zu äußern wisse. Daß sie selbst darauf verzichten mußte, ihn bei sich zu haben, da es in der großen Stadt nicht möglich war, ihm leiblich und geistig die für ihn passende Umgebung zu schaffen, war ihr ein lebenslanger Kummer.

*

Ob die Freude, die sie an der normalen Beschaffenheit und raschen Entwicklung ihres jüngeren Sohnes haben konnte, dem Gram um den älteren ganz die Wage hielt, möchte ich für die ersten Jahre bis zu der traurigen Katastrophe bezweifeln. Hernach, als der »Schmerzenreich« ihrem leiblichen Auge entrückt war, widmete sie die ganze reiche Liebesfülle ihres Herzens nächst ihrem Manne dem Sohn, der ihr geblieben war. Und dies tat sie mit derselben kritiklosen Überschwenglichkeit, mit der sie sich ihrem Gatten unterordnete und selbst das unglückliche Kind nie im richtigen Licht gesehen hatte.

Ich war indessen schon früh Manns genug, um durch diese mütterliche Verhätschelung in meiner geistigen Selbstzucht nicht beirrt zu werden, zumal das Vorbild meines Vaters mir beständig vor Augen stand. Nur meine körperliche Erziehung litt unter der Verweichlichung, die meine überängstliche Mutter durchführte, so daß ich von mancher Leibesübung, die mir sehr zustatten gekommen wäre, ferngehalten wurde. Zum Glück war das Turnen damals in den Schulplan aufgenommen worden, und zum noch größeren Glück hatte mir die Mutter ihre herrliche körperliche Konstitution, ihr reges, gesundes Blut vererbt, so daß gewisse Unterlassungssünden meiner jungen Jahre in betreff meiner Abhärtung durch diese unschätzbare Mitgift reichlich aufgewogen wurdenDoch nicht so sehr, daß ich zum Militärdienst tauglich geworden wäre, was ich aufrichtig bedauert habe, da es mir von großem Wert gewesen wäre, auch in dieser so wichtigen Schule unsrer nationalen Erziehung eigene Erfahrungen zu sammeln. Mein Eintritt als Einjährig-Freiwilliger war immer wieder hinausgeschoben worden. Ehe ich als ein Vierundzwanzigjähriger in meinen neuen Wohnort nach München ging, hatte ich mich einer vorläufigen Prüfung durch einen Militärarzt unterzogen, der mir ein befreiendes Zeugnis ausstellte, da mein Brustumfang nicht genügte. »Treffliche Konstitution, aber verpimpelt!« Daraufhin hatte ich geheiratet und war nach München gezogen, da ich die letzte definitive Untersuchung nur für eine Formsache hielt. Im Herbst aber, als ich mich in Berlin der Kommission stellte, fand der Oberst, der den Vorsitz hatte, Wohlgefallen an meiner langen, schlanken Figur, die unter etwelchen verkümmerten Schneidergesellen sich vorteilhaft hervorhob. Er bestand darauf, gegen das Votum der anwesenden Ärzte, ich müsse »zur Probe« eintreten. Für den jungen Ehemann und königlich bayrischen »Günstling« keine erfreuliche Zumutung, von der mich dann König Max durch diplomatische Vermittlung erlöste..

Im übrigen, wenn ich die Elemente prüfe, aus denen meine westöstliche Natur zusammengesetzt ist, finde ich an mir die alte Erfahrung bestätigt, daß uns die Charakteranlage vom Vater, die geistig-sinnliche von der Mutter vererbt zu werden pflegt. Wie ich dieser verdanke, was an phantastischem Vermögen und warmblütigem, sinnlichem Temperament mein eigen ist, so habe ich von meinem Vater, der aus echtestem germanischem Stamm entsprossen war, die Eigenschaften überkommen, deren ein Künstlerleben zu seiner reinen und freien Entfaltung bedarf, die Gewissenhaftigkeit und den Fleiß – »seines Fleißes darf man sich ja rühmen« – und den unerschütterlichen Trieb zur inneren und äußeren Unabhängigkeit. Zugleich auch neben einer Anlage zu jäh auflodernder Leidenschaft die Kraft, diese gefährlichen Anwandlungen zu bändigen, so daß ich fast immer denen, die mich nur oberflächlich kennen, den Eindruck eines durchaus gleichmütigen, von inneren Stürmen und Kämpfen stets verschonten Menschen gemacht habe, wovon ich weit entfernt bin.

Früh war mir die Ahnung aufgegangen, was ich an diesen Eltern besaß. An meinem Vater hing ich mit einer innigen Verehrung, die der meiner Mutter für ihn wenig nachgab. Ihm etwas Liebes zu tun, ihn zu erheitern, sein Lob zu erringen, war mein beständiges Bestreben. Ich war glücklich, wenn er meine Hilfe bei seinen Arbeiten brauchen konnte, zum Beispiel die peinlich langweilige Korrekturarbeit an den immer neu bearbeiteten Wörterbüchern sich dadurch erleichterte, daß er sich die Bogen von mir vorlesen ließ. Wie gern auch unterzog ich mich der mühseligen Kunst, in den alten Druckwerken, die er sammelte, einzelne Blätter oder ausgerissene Titel nach den Vorlagen wohlerhaltener Exemplare in möglichst ähnlicher Frakturschrift zu ergänzen! Und obwohl er mich früh nicht wie einen Sohn, sondern wie einen Freund behandelte, verlor ich bei aller traulichen Hingebung nie das Gefühl, daß er von einer höheren, edleren Menschenart sei, wofür auch meine gute Mutter ihn ansah.

Diese, so sehr ich sie liebte, stand mir nicht auf der gleichen Höhe, teils weil ich ihr manchmal etwas zu verzeihen hatte, wenn ihr rasches Temperament sie zu einer ungerechten Behandlung fortriß – denn sie besaß nicht das kleinste Teilchen von der pädagogischen Kunst meines Vaters, die nur gerade an ihr, weil sie eben so ganz und gar aus einem Stück war, nichts auszurichten vermochte; – teils weil sie sich unbedenklich in heiteren Stunden zu uns Knaben herabließ, unseren Übermut nur noch schürte, uns ihre alten, drolligen Volksliedchen sang und es hin und wieder nicht verschmähte, wenn wir in dem großen, altmodischen Sofa uns mit Kissen bombardierten, an diesem Scharmützel teilzunehmen. Ich höre noch, wie eines Nachmittags, als mein Vater, der in seinem Zimmer nebenan durch unser Lärmen und Jauchzen in der Arbeit gestört wurde, mit einer vorwurfsvollen Miene hereintrat, mein Bruder ausrief: »O, Mutter ist immer die Dollste!« worauf wir in ein Lachen ausbrachen, in das der nachsichtige Vater, statt zu schelten, mit einstimmte.

Meine Eltern hatten, als ich sieben Jahr alt geworden war, die Wohnung auf dem Holzplatz mit einer anderen im zweiten Stock des Hauses in der Behrenstraße Nummer 58 vertauscht, zu meiner großen Betrübnis. Einen so geräumigen Spielplatz, wie ich ihn dort gehabt, konnte ich nicht leicht verschmerzen. Doch wurde ich bald getröstet. Der neue Hausbesitzer, ein Herr Seifarth, hatte eine acht- oder neunjährige Tochter Antonie, deren orientalische Schönheit auf mein Knabenherz einen tiefen Eindruck machte. Ich huldigte ihr vorläufig nur in einer sehr kindischen und unzweckmäßigen Weise, so daß sie nie eine Ahnung davon bekam. Unter anderm hatte ich schon damals den Trojanischen Krieg in der Beckerschen Bearbeitung für die Jugend gelesen und führte nun allerlei Szenen daraus mit meinen Kameraden auf, wobei ich ihr die Rolle der Helena zuerteilte, von deren Bedeutung sie jedenfalls nicht den leisesten Begriff hatte. Ich selbst war natürlich Achill, und sie sollte mit ihren Freundinnen sich über uns Griechen unterhalten und meine Tapferkeit rühmen. Was die Mädchen über uns Buben plauderten, konnte ich freilich nicht verstehen, und so entsinne ich mich nicht, daß ich einen anderen Gewinn aus diesem glorreichen Kampfspiel davontrug, als einen zerhauenen Helm und Schild und das beschämende Bewußtsein, vor Helenas Augen gegen meine stärkeren Gegner trotz meines Heldennamens den kürzeren gezogen zu haben.

Für meine gute Mutter jedoch hatte die neue Wohnung außer anderen Vorteilen noch den, daß sie aus den Fenstern ihres Wohnzimmers die lange Kanonierstraße hinunterblicken und ihre beiden Söhne jeden Morgen eine Strecke weit auf ihrem Schulwege verfolgen konnte, den wir im Winter, wohleingepackt in wollene Schals, die sie selbst gestrickt hatte, antraten. Sie war überhaupt eine unermüdliche Strickerin, hatte sogar, während sie las, immer das Strickzeug in den Händen und verfertigte dazwischen künstliche Häkelarbeiten, große, rot- und gelbgestreifte Bettdecken für uns oder weite, wollene Tücher, die sie freigebig rechts und links verschenkte.

*

Als ich acht Jahr alt geworden war, kam ich auf das Friedrich-Wilhelms-Gymnasium.

Hier sollte ich sogleich erfahren, daß man in der Schule des Hauses, zumal eines so liebevollen wie mein Elternhaus, manches nicht lernt, was man im Leben, und wär's nur das Zusammenleben mit kleinen, oft nichtsnutzigen Schulkameraden, nicht ohne Schaden entbehren kann; daß es nicht genügt, ohne Falsch wie die Tauben zu sein, wie wir zwei so äußerst »wohlerzogene« Brüder unsern teuren Eltern und Verwandten gegenüber es sein durften, sondern auch ein wenig klug wie die Schlangen, ohne welche Kunst man mit dem besten Willen sich nur allzuoft im Lichte steht.

Ich war durch den Unterricht meines Vaters und meines vortrefflichen Hauslehrers Valentin Kutscheit – er hat einen damals sehr gelobten Atlas der Alten Welt herausgegeben – für die Sexta mehr als genügend vorbereitet, im Latein eigentlich schon für die Quinta reif. Daß ich nie im Deutschen einen besonderen grammatikalischen Unterricht erhalten hatte, mag für den Sohn und Enkel zweier Grammatiker seltsam erscheinen. Doch wurden wir auch auf dem Gymnasium mit theoretischen Lektionen in der Muttersprache verschont und lernten das Nötigste von der Terminologie bei Gelegenheit des Lateinischen.

Da ich nun meine Schulaufgaben zu Hause aufs Gewissenhafteste machte und in den Schulstunden mit einer Art Andacht zu den Lehrern aufblickte, konnte es nicht fehlen, daß ich für einen Musterschüler galt und meinen Kameraden, die eine schlechte Zensur ohne sonderliche Gewissensbisse hinnahmen, als Vorbild hingestellt wurde. Das hätten sie mir nun wohl verziehen, wenn ich mich im übrigen kameradschaftlich betragen und auch in den Raufereien auf dem Schulhof und bei den Possen, die gewissen wehrlosen Lehrern gespielt wurden, danach getrachtet hätte,

Immer der erste zu sein und vorzustreben den andern.

Das aber konnte mir nicht in den Sinn kommen, da ein Lehrer für mich eine geheiligte Person und das Balgen in den Zwischenstunden und auf der Straße verboten war. Ja, schlimmer als das: ich war von meinen Eltern zur unbedingtesten Wahrhaftigkeit angehalten worden und glaubte nun auch, wenn nach irgendeinem mutwilligen Streich ein Verhör angestellt wurde, um den Täter oder Rädelsführer zu ermitteln, verpflichtet zu sein, alles, was ich wußte, auszusagen, ohne in meiner blöden Unschuld ein Gefühl dafür zu haben, wie verächtlich die Rolle eines Denunzianten in den Augen aller tapferen Schelme ist, die lieber unschuldig büßen, als gute Freunde einer noch so wohlverdienten Strafe zu überliefern.

So konnte es nicht fehlen, daß ich meinen Kameraden immer widerwärtiger und verhaßter ward, je mehr ich bei unseren Lehrern »in Tee kam«, – (ein Ausdruck, der wohl daher stammt, daß Lieblingsschüler von ihren Lehrern dann und wann abends in ihr Haus geladen wurden). Ich selbst, durch meine Überlegenheit als kleiner Tugendbold verblendet, achtete nicht auf die sich mehrenden Zeichen der Abneigung, die ich hervorrief. Ich hielt es sogar für unrecht, schwächeren Kameraden bei ihren Aufgaben zu helfen, oder gar eine Arbeit von ihnen abschreiben zu lassen, da die Lehrer dadurch betrogen worden wären. Und sicherlich spielte bei dieser Hypertrophie des Gewissens eine noch minder löbliche Eitelkeit auf meine Erfolge bei den Lehrern mit, zumal ich damals zu keinem meiner Kameraden ein herzliches Verhältnis hatte.

Daß so ein kleiner Heiliger zu Schaden kommt, wenn er es verschmäht, mit den Wölfen zu heulen, sollte mir auf eine beschämend lächerliche Weise klargemacht werden.

Ich saß, wenn ich nicht irre, in der Quinta, als das Reformationsfest gefeiert wurde. Alle Schulen hatten bronzene Medaillen zur Erinnerung an das Fest erhalten, die in der Art verteilt werden sollten, daß auf jede Klasse nur eine kam, über deren Verleihung an den besten Schüler die ganze Klasse abzustimmen hatte.

Als unser Oberlehrer die Stimmzettel ablas, die wir ihm eingereicht hatten, und auf jedem, außer meinem eigenen, mein Name stand, lief ein dumpfes Murren durch die Reihen der Bänke. Wie aber auch der letzte verlesen war, wieder mit meinem Namen, und der Lehrer erklärte: »So hat also Heyse einstimmig die Medaille erhalten« –, da brauste wie ein wahrer Sturm durch das Klassenzimmer der ebenso einstimmige Ruf: »Heyse nich! Heyse nich! Heyse nich!«

Statt mich meines Erfolges zu freuen, saß ich auf meinem Primussitze wie ein armer Sünder, der zu Pranger und Staupe verurteilt wird, kalter Schweiß trat mir auf die Stirn, auch in dem Lächeln des Lehrers glaubte ich meine Schande zu lesen, als er sagte: »Ihr seid wunderliche Jungen. Warum habt ihr ihm denn die Medaille zuerkannt, wenn ihr sie ihm nicht gönnt? Nun muß es einmal dabei bleiben.«

Bei allem anderen aber, was zu dieser tragikomischen Szene geführt hatte, blieb es nicht. Von dieser Stunde datierte eine gründliche Reformation meiner Weltanschauung vom Standpunkt des Schülergewissens aus. Ich nahm eine entschlossene Trennung meiner häuslichen von meiner Gymnasiastenmoral vor und ließ es mir angelegen sein, mich mehr nach unten als nach oben beliebt zu machen.

Es gelang mir dies auch bald, obwohl ich darum die Gunst der Lehrer nicht verscherzte. Übrigens war kein sonderliches Verdienst dabei, den ersten Platz zu behaupten, um den ich nur zuweilen mit einem guten Kameraden, dem Sohn eines armen Volksschullehrers, zu kämpfen hatte. Zufällig befanden sich in meiner Generation sehr wenige gute Köpfe, was auch daraus erhellt, daß sich kaum einer von all meinen Mitschülern im späteren Leben hervorgetan und mich an seinen Namen erinnert hat, bis auf den einen v Kardorff, mit dem ich täglich zweimal die lange Friedrichstraße hinabwanderte, ohne zu ahnen, welch eine parlamentarische Größe aus ihm erwachsen würde.

Hermann Grimm und sein Bruder Rudolf traten nur für ein oder zwei Semester in unsere Prima ein und besuchten dann ein anderes Gymnasium.

Von unserer alten Friderico-Guilelma aber ist so viel gesungen und gesagt worden, ich selbst habe meiner Dankbarkeit gegen sie bei verschiedenen Gelegenheiten lyrischen Ausdruck verliehen, und die »Chronik«, die von ihren ehemaligen Schülern alljährlich verfaßt und auch mit Rückblicken in alte Zeiten ausgestattet wird, spricht so beredt zu ihrem Ruhme, daß ich an diesem Ort mich eines ausführlichen Eingehens auf meine Schuljahre enthalten kann. Nur zur Ergänzung des Allbekannten will ich bezeugen, wie weit entfernt wir waren, ein Gefühl der Überbürdung zu empfinden oder, so gründlich wir in den klassischen Sprachen geschult wurden, über grammatischem Formelkram den Blick für die Schönheit der alten Welt, ihre Geschichte und Dichtung uns trüben zu lassen und als junge klassische Philologen in herba das Interesse für die heutige Welt und ihre großen Aufgaben zu verlieren. Ob es sehr ersprießlich war, daß wir im lateinischen Aufsatz unreife Gedanken in ciceronianische Phrasen kleideten oder Cornelius Nepos mündlich ins Griechische übersetzen konnten, will ich dahingestellt sein lassen. Doch übt man ja auch auf dem Turnplatz seine Glieder in allerlei kühnen akrobatischen Exerzitien ohne einen anderen Zweck, als sie geschmeidig zu machen. Und so wird keiner unter uns es bereut haben, daß er dergleichen halsbrechende philologische Künste betreiben müsse, statt, wie es die heutige Richtung auf die Realfächer mit sich bringt, sein Gedächtnis mit einem Übermaß naturwissenschaftlicher Kenntnisse zu belasten, die doch nur halb verstanden und halb verdaut bleiben müssen und für eine spätere praktische Fortbildung eine sehr dürftige Grundlage bilden.

Was mich betrifft, so war ich für Chemie und Physik schon aus dem Grunde verdorben, weil mir das mathematische Organ vollständig versagt war. Was weder meinen Geist noch meine Phantasie anregte, fand keinen Eingang bei mir, und die Welt der Zahlen blieb mir so fremd wie die Geographie des Mondes. Auch mein Gedächtnis sträubte sich gegen die Aufnahme von allem, womit ich keine Anschauung verband, während ich, sobald ich von dieser Seite gewonnen wurde, außerordentlich leicht lernte und lange behielt. Ich habe auf einem Redeaktus einmal den ganzen ersten Gesang der Odyssee auswendig griechisch vortragen können, gewiß zu geringer Erbauung der anwesenden Väter und Mütter. Dagegen kostete mich's große Mühe, nur das Nötigste an historischen Jahreszahlen mir einzuprägen, selbst von den Zeiten, die mich durch die Ereignisse und Gestalten höchlich interessierten. Sobald aber eine Zahl ins Spiel kam, wurde mein Gedächtnis geradezu gelähmt; ich konnte mich dann nur im allgemeinen orientieren, indem ich den Ablauf der Tatsachen in mir wieder rekapitulierte.

Bis in die Untersekunda hatte ich mich in den mathematischen Stunden mitgeschleppt. Vor den Vegaschen Logarithmen machte ich ein für allemal halt, wie ein müder Wanderer vor einem Urwalde, der ihm undurchdringlich scheint. Ein wenig mutiger zeigte ich mich der Trigonometrie gegenüber. Wo es galt, die Höhe eines Mastbaums oder eines Turms zu berechnen, wenn zwei Dimensionen und der Winkel gegeben sind, machte ich mich fröhlich ans Werk. Man sah doch, wo und wie, und freilich kam es mir mehr darauf an, bei dieser Gelegenheit ein stattliches Segelschiff oder einen kühnen Festungsturm zu zeichnen, als die Rechnung selbst richtig zu erledigen. Im übrigen verzichtete ich in den oberen Klassen entschieden darauf, daß mir noch einmal eine Erleuchtung kommen möchte, und zum Glück erbarmte sich unser verehrter Mathematiklehrer, Professor Schellbach, meiner unbezwinglichen Unfähigkeit, da er mich sonst als einen musterhaften Schüler kannte. Er drückte ein Auge darüber zu, daß ich in seinen Stunden Coopers Romane oder Heines Reisebilder las, und wenn die anderen Rechnungen machten, die er dann zur Korrektur mit nach Hause nahm, ließ er sich hernach stillschweigend von mir das Blatt reichen, auf dem ich mein Landschäftchen oder den Kopf eines meiner Kameraden gestrichelt hatte, und ergötzte damit seine Frau und Kinder.

Dieser eine Zug möge genügen zum Beweise, wie wenig pedantisch der Unterricht auf unserem Gymnasium betrieben wurde. Unsere einsichtsvollen Lehrer wußten, daß nicht allen Bäumen eine Rinde gewachsen ist und, was die Natur versagt hat, durch eisernen Drill nicht ertrotzt werden kann. Auch das Abiturientenexamen wurde in diesem Geiste abgehalten. Was ein Schüler im ganzen wert war, welchen Grad der Reife sein Charakter erlangt hatte, wurde schärfer in Betracht gezogen als seine Leistungen in den einzelnen Examenfächern, zumal unter dem Druck der wenigen Prüfungsstunden. Mein teurer Schellbach, als die Mathematik an die Reihe kam und ich hilflos auf das weiße Blatt vor mir starrte, trat an mich heran und fragte: »Nu, nu, Heyse, was haben Sie denn zustande gebracht?« Ich zeigte ihm mit stummer Resignation nur die Aufgabe, die ich niedergeschrieben hatte. »Nu, nu,« sagte er, »das werden wir schon 'rauskriegen. Ich würde das etwa so machen.« Damit nahm er meine Feder und schrieb die Rechnung ausführlich hin, nahm auch hernach das Blatt, zu dem ich nichts hinzugefügt hatte, mir wie allen anderen ernsthaft ab, und die Prüfung war bestanden.

*

Obwohl nun aber über der Tür der Pythagoräischen Schule die abweisenden Worte standen: μηδεις αγεωμετρητος εισιτω – kein ungeometrischer Kopf wage sich herein! – war ich doch früh mit heißer Begierde über allerlei philosophische Lektüre geraten und hatte mir begreiflicherweise, da mein Vater ein Anhänger Hegels war, zunächst eine Vorstellung von dieser Philosophie zu verschaffen gesucht. Als ich merkte, daß das für ein fünfzehn- oder sechzehnjähriges Gehirn seine Schwierigkeiten hatte, verstieg ich mich, wohl durch den Titel angelockt, sogar zu der »Kritik der reinen Vernunft«, an der mein Verständnis sich nun vollends als unzulänglich erwies. Ich klagte meine Not nicht sowohl meinem Vater als unserm hochverehrten Professor Yxem, bei dem wir in Oberprima wöchentlich einmal eine trockene Logikstunde hatten. Er fand dies mein heimliches Studium natürlich verfrüht, so daß ich mich denn doch endlich meinem Vater anvertraute. Von ihm erhielt ich das treffliche »Handbuch der klassischen Philosophie« von Ritter und Preller, wo ich die geschichtliche Entwicklung der Systeme in den entscheidenden Äußerungen der einzelnen Denker im Urtext zusammengestellt fand. An diesen befriedigte ich, so gut es ging, meinen neugierig grübelnden Vorwitz.

Professor Yxem, von dem wir in den beiden obersten Klassen im Griechischen und Deutschen unschätzbar gefördert wurden, war unstreitig der interessanteste unsrer Lehrer. Schon sein Äußeres, die schmächtige Gestalt mit dem kleinen verwitterten Gesicht unter einer blonden Haartour, die nervös zitternden Hände und die heiser vibrierende Stimme, ließ ihn zunächst als den Typus eines vertrockneten Schulmagisters erscheinen, dessen Wunderlichkeiten übermütige Jungen zu allerlei Possen und Schabernack reizen mußten. Diese dreiste Laune verging ihnen aber bald, da sie in der ersten Stunde vor dem überlegenen Geist und dem tiefen Wissen, die in dem kleinen Kopfe wohnten, Respekt bekamen. Man erzählte sich, daß er einmal ein Schulprogramm verfaßt habe unter dem Titel: »Goethes Charakter. Ein Versuch.« Der Olympier in Weimar habe ihm dafür in einem eigenhändigen Briefe gedankt, den sein begeisterter Verehrer eingerahmt über seinem Schreibtisch aufgehängt habe und als seinen kostbarsten Schatz betrachte.

Yxem war ein großer Grieche, wir lasen Plato bei ihm. Wohl auf seine Anregung habe ich, als ich eben siebzehn Jahr alt geworden, nachdem mir bei meinem Abgang vom Gymnasium als Primus das mündliche Examen erlassen worden war, die Züricher Gesamtausgabe der Werke Platos vom Jahre 1839 zum Geschenk erhalten, von dem ich jedoch, da ich der klassischen Philologie abtrünnig wurde, weniger Gebrauch gemacht habe, als die gütigen Geber gedacht hatten.

Für den deutschen Aufsatz war uns in der Oberprima die Wahl des Themas freigegeben worden. Als dies zum erstenmal geschah, schrieb ich ein ziemlich übermütiges romantisches Capriccio über »Das Märchen«, zu dem mich Clemens Brentano und, was den Stil betrifft, Heine angeregt hatte.

Als die Hefte dann vom Professor zurückgegeben und kritisiert wurden, nahm er das meine zuerst vor und teilte zur Probe die extravagantesten Stellen mit, sie aufs Unbarmherzigste wegen ihrer logischen Mängel und stilistischen Unmanieren verdammend, so daß ich tief gedemütigt, zumal ich sonst im deutschen Aufsatz einer der besten war, mit gesenktem Kopfe dasaß und die Zensur am Schluß meiner Schreiberei gar nicht anzusehen wagte. Als ich es dann doch zu Hause über mich gewann, las ich zu meinem frohen Erstaunen: »Mit Vergnügen gelesen. Yxem.«

*

Ich muß aber aus der Schule in mein Elternhaus, aus der Prima in meine Knabenzeit zurückkehren, zumal Schulgeschichten, so wichtig und merkwürdig sie denen erscheinen, die sie erlebt haben, für jeden Unbeteiligten nur von geringem Interesse zu sein pflegen. Und so fürchte ich, in meiner Pietät für das so oft verwünschte und doch so unvergeßlich geliebte altersgraue Haus an der Koch- und Friedrichstraßenecke schon allzu weit abgeschweift zu sein.

Das Gymnasium ist seitdem ausgewandert, und seine früheren Schüler haben ihm ein gerührtes Abschiedsfest gefeiert, zu dem ich einen poetischen Abschiedsgruß beisteuerte, wie ich auch meiner Dankbarkeit gegen meinen alten Direktor, Ferdinand Ranke, in dem Gedicht zu seinem fünfundzwanzigsten Direktoratsjubiläum den herzlichsten Ausdruck gegeben habe.

Mein Elternhaus in der Behrenstraße 58 aber hat sich nur einen Umbau gefallen lassen müssen, bei dem es eine elegante Fassade und, wie ich vermute, auch eine völlige Erneuerung und Verschönerung im Innern erfahren hat. Die jetzigen Bewohner würden sich keine Vorstellung machen können, wie dürftig und schmucklos es damals aussah, wie einfach und altmodisch die Möblierung der Wohnungen im zweiten Stock war, die meine Eltern und Tante Marianne innehatten.

In der damaligen Zeit wußte man in noch so gebildeten Bürgerhäusern kaum etwas von einer künstlerischen Ausstattung der Räume. So kunstsinnig mein Vater war, und so früh ich selbst mich in Malerateliers herumtrieb und des Zeichnens befliß, niemand fiel es ein, die Einrichtung unserer Zimmer mit alten Mahagonimöbeln, einem Potpourri auf dem Eckschrank und einem winzigen Teppich vor dem schwerfälligen Sofa spießbürgerlich zu finden.

Die Bilder an den Wänden waren Familienporträts, ein paar Kupferstiche, kolorierte Schweizerlandschaften und eine Menge jener reizenden Miniaturbildchen auf Elfenbein, die heute leider durch die billigen Photographien gänzlich verdrängt worden sind.

Nur in meines Vaters Zimmer hingen einige wertvolle Ölgemälde, das lebensgroße treffliche Bildnis Pestalozzis und ein paar niederländische Genrebilder, darunter ein Jan Steen, der noch heut mein Arbeitszimmer schmückt.

Er stammte aus der kleinen Gemäldesammlung, die mein Großvater zusammengebracht hatte, was damals selbst mit den Mitteln eines Töchterschuldirektors noch möglich war. Vor dem Spiegel auf einem niederen Schränkchen standen Rauchs geistreiche kleine Gipsstatuetten Goethes und Wilhelms von Humboldt, oben auf dem Pult die lebensgroße Büste Hegels; ein großes Porträt F. A. Wolfs in Kupferstich hing an der letzten freien Wand, während die ganze lange Wand gegenüber von der wissenschaftlichen Bibliothek ausgefüllt wurde.

Im übrigen waren wir Knaben in dem neuen Hause nicht allzu gut daran, hatten keinen Raum für uns, sondern mußten unsere Schularbeiten in der dunklen sogenannten »Berliner Stube« machen, die zum Eßzimmer diente und der allgemeine Durchgang war. Die beiden hinteren Zimmer, die nach dem Hofe gingen, wurden uns erst eingeräumt, als ich dreizehn Jahre alt war. Bis dahin gehörten sie den Pensionären, die mein Vater bei sich aufnahm, um seine finanzielle Lage zu verbessern. Der erste war ein Hamburger Kaufmannssohn, Adolf Schirmer, den sein Vater, da er schon ziemlich erwachsen war, in eine strengere Zucht zu geben wünschte. Der junge Mann ließ sich aber auch durch einen so erfahrenen Pädagogen nicht auf einen ersprießlichen Weg bringen. Mir imponierte er sehr, da er Dramen schrieb und mir auseinandersetzte, der Lustspieldichter müsse den Torheiten der Zeit den Spiegel vorhalten. Nun arbeitete er lange an einem Lustspiel, das die Anhänger der Gallschen Schädellehre geißeln sollte, und trieb sich halbe Tage und Nächte lang auf der Straße herum, »Studien nach dem Leben« zu machen, deren Nutzen für sein phrenologisches Stück meinem Knabengehirn nicht eben einleuchtete. In viel späteren Jahren ist mir sein Name als des Verfassers von Kolportageromanen in Wien wieder aufgetaucht.

Erfreulicher waren ein paar junge Franzosen, Tribert, Demion und Anisson, die die Vorlesungen an der Universität besuchten und nacheinander als Pensionäre meines Vaters eine Zeitlang in unserem Hause lebten. Sie fühlten sich bei dem deutschen Professor und seiner heiteren Frau, die beide fließend Französisch sprachen, sehr wohl und ließen sich auch mit uns Knaben freundlich und zutunlich ein. Doch so sehr ich gewohnt war, mich in alles zu fügen, was die Eltern bestimmten, begrüßte ich es doch wie eine Erlösung, als uns Brüdern endlich unser eigenes kleines Reich eingeräumt wurde.

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