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Jugenderinnerungen und Bekenntnisse

Paul Heyse: Jugenderinnerungen und Bekenntnisse - Kapitel 29
Quellenangabe
typeautobio
booktitleGesammelte Werke, 3. Reihe, Band I
authorPaul Heyse
year1924
publisherJ. G. Cottasche Buchhandlung Nachfolger / Verlagsanstalt Hermann Klemm
addressStuttgart - Berlin-Grunewald
titleJugenderinnerungen und Bekenntnisse
created20020827
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1900
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9. Drei Freunde.

(Hermann Kurz, Ludwig Laistner, Ernst Wichert.)

So tief und lange die Erschütterung durch dies Trauerspiel in uns nachklang, so war darin doch etwas von jenem »Schauder«, der »der Menschheit bestes Teil« ist, von der Erhebung, die wir erfahren, wenn uns ein tragisches Dichterwerk zu Zeugen der Seelengröße macht, mit der tapfere, hochherzige Menschen ein vernichtendes Schicksal auf sich nehmen. Diesen teuren Dahingeschiedenen, die vom Leben nichts Freundliches mehr zu erwarten hatten, mußten wir es gönnen, daß sie, nun auch im Tode vereinigt, von allen Nöten und Bitternissen ihres Daseins in einem Grabe ausruhten.

Schwerer zu verwinden war nächst dem frühen Tode der Kinder, mit denen so viele Hoffnungen begraben worden waren, der Verlust von Freunden, die eine gute Strecke mit mir zusammen gewandert waren und lange vor mir an ihr Ziel kommen sollten.

Von meinen Knabenjahren an war das Freundschaftsbedürfnis in mir besonders lebhaft gewesen, und da ich mir auch das Talent zur Freundschaft nachsagen konnte, hat es mir auf jeder Altersstufe und in allen wechselnden Lebenslagen an treuen Gefährten nicht gefehlt, unter denen ich lange Zeit stets der jüngste war, da ich mich gern an Gereiftere anschloß, bis ich eines Tages fand, daß ich, ohne es zu merken, zum Senior hinaufgerückt war.

So genoß ich das Glück, daß ich mein ganzes Leben hindurch warmherzige, an Geist und Charakter hervorragende Menschen fand, die mir herzlich zugetan wurden. Da sie den verschiedensten Berufskreisen angehörten, als Historiker, Philosophen, Philologen, Naturforscher, Literarhistoriker, Politiker an allen Fortschritten unserer geistigen Kultur Anteil hatten, war der vertraute Umgang mit ihnen auch dadurch fruchtbar, daß der Horizont meiner Bildungsinteressen sich nicht mit den Jahren einengte und auf das Künstlerische beschränkte, sondern allen Menschheitsfragen offen blieb. Und wenn ich den Schmerz hatte, viele von ihnen zu überleben, so fanden sich immer wieder Jüngere zu mir, die des besten Willens waren, in die Lücken einzutreten.

So, als ich durch den Tod meines Freundes Hermann Kurz einen der schwersten Verluste erlitt, die ich je zu beklagen hatte.

Was ich an diesem seltenen Menschen besaß, wie eng verbunden wir zehn Jahre miteinander gelebt hatten, so innig verbrüdert, wie ich mich nur mit meinem Jugendfreunde Otto Ribbeck fühlte, habe ich in der biographischen Einleitung zu seinen gesammelten Schriften erzählt, die ich nach seinem Tode (1873) herausgab. Das Gefühl der Beraubung durch den frühen Tod des Freundes, der es nur zu sechzig Jahren gebracht, wurde nur dadurch gemildert, daß ein jüngerer Freund, mit dem ich schon bei Lebzeiten von Kurz vieles geteilt hatte, nun noch herzlicher mir nahe trat, Ludwig Laistner, auch ein Schwab und Stiftler wie Kurz, von ähnlicher dichterischer Begabung, aber mit breiteren wissenschaftlichen Interessen, und zwar auf den verschiedensten Gebieten.

Er war, nachdem er aus innerem Widerstreit gegen den dogmatischen Zwang sein Vikariat in Württemberg aufgegeben hatte, nach München gekommen, wo er als Erzieher im Hause eines reichen Fabrikanten eine Stellung fand, die ihm Muße genug ließ, seinen Studien zu leben. Mir hatte er sich zunächst als angehender Poet genähert und mir ein Heft Gedichte gebracht, die ich so talentvoll fand, daß ich einige von ihnen in das »Neue Münchener Dichterbuch« aufnahm. Auch eine kleine epische Dichtung war darunter, bei der ihm Wilhelm Hertz mit seinen Erzählungen aus dem mittelalterlichen Sagenkreise als Muster vorgeleuchtet hatte, und im Laufe der Zeit kamen noch Prosanovellen von sehr charakteristischem Reiz hinzu, unter dem Titel »Geschichten aus alter Zeit« bei W. Hertz in Berlin erschienen.

Doch war in dieser ungewöhnlich reich und mannigfach begabten Natur das poetische Talent nur ein Nebentrieb, oder vielmehr der befruchtende Grund und Boden, aus dem seine wissenschaftlichen Arbeiten ihre sinnliche Kraft und formale Frische sogen. Er debutierte in München mit einer rechtsphilosophischen Abhandlung »Das Recht in der Strafe«, von der Holtzendorff erklärte, daß er auf diese Arbeit hin dem Verfasser sofort die venia legendi in der juristischen Fakultät erteilen würde. Alsbald aber wandte er sich der Sagenforschung zu, und es schien, als ob er durch sein Buch über »Nebelsagen« ein für allemal den Platz bezeichnen wollte, den er einzunehmen gedenke. Doch die nächsten Jahre wurden literarhistorischen Problemen gewidmet, unter denen die Untersuchungen über Ruodlieb und die Münchener Nibelungenhandschrift als die wichtigsten genannt sein mögen. Nach diesem Seitensprung kehrte er dann wieder zur Mythologie zurück, und seltsam genug verband er mit seiner reichen Phantasie eine bohrende Spürkraft, die ihm auf dem zähen, steinigen und dornenvollen Felde der Sagenforschung zu den merkwürdigsten Funden verhalf, mit Hilfe eines umfassenden Studiums aller Ergebnisse der modernen Linguistik. Äußere Verhältnisse und dann sein Tod in der vollsten Manneskraft ließen ihn das mächtige Werk, in welchem er die Früchte seiner jahrelangen Untersuchungen niederlegte, nicht vollenden. Von seinem »Rätsel der Sphinx«, dessen Lösung viel umstritten, doch selbst von den Gegnern als eine hochbedeutende Leistung anerkannt wurde, sind nur die beiden ersten Bände erschienen.

An diesen seinen weitausgreifenden Studien konnte ich nur teilnehmen, soweit meine sehr fragmentarische Vorbildung reichte. Aber eine gemeinsame Arbeit, die Fortsetzung des »deutschen Novellenschatzes«, den der Tod meines früheren Mitherausgebers Kurz ins Stocken gebracht hatte, führte uns fast täglich zusammen. zugleich bewährte er die kritische Schärfe seines Blicks nicht nur bei der Auswahl und Einleitung dieser fremden Arbeiten, sondern auch meinen eigenen Dichtungen gegenüber, von denen nicht eine einzige in die Öffentlichkeit trat, ohne daß ich sie ihm vorgelegt hätte. Nur im Dramatischen fehlte es ihm an Bühnenerfahrung und Kenntnis der technischen Bedingungen. In allen übrigen verließ ich mich so getrost auf die Klarheit und Unbestechlichkeit seines Urteils, daß ich einmal ein großes Manuskript (den »Roman der Stiftsdame«), ohne es auch nur noch einmal flüchtig durchzulesen, in die Druckerei schickte, nachdem mein erstes Publikum, meine Frau und Freund Laistner, ihr Placet dazu ausgesprochen hatten.

Auch als er von München nach Stuttgart übergesiedelt war und dort als literarischer Beirat der großen Cottaschen Verlagsbuchhandlung leider nur wenig Zeit für seine wissenschaftlichen Aufgaben übrig hatte, wanderten all meine Manuskripte zu ihm, eh ich sie in die Druckerei schickte. Er war mein zweites dichterisches Gewissen geworden, mit dem ich mich nur selten entzweite. Um den dritten Band meines »Merlin« zu schreiben, da in meinem Münchener Hause allerlei Arbeiter mir die Ruhe störten, nahm ich mir ein Zimmer in einem kleinen Stuttgarter Gasthof und enthielt mich jedes anderen Umgangs, als mit dem einen Freunde. Er hatte spät eine Frau nach seinem Herzen gefunden, eine nicht mehr junge Braunschweigerin, die nach einer unglücklichen Ehe – ihr erster Gatte war im Irrenhause gestorben – ihm in München begegnet war. Ihre geistige Regsamkeit und reine Herzenswärme gewannen ihr seine Neigung, und da sie mit heiterer Entsagung sich in seine einsamen Lebensgewohnheiten fügte, dauerte das Glück dieser Ehe ungetrübt fort, auch nachdem sie in Stuttgart selbst den Verkehr mit ihren alten Münchener Freunden entbehren mußte.

Leider sollten die drei Wochen, in denen ich allabendlich nach einem heißen Arbeitstage mich im Gespräch mit diesen teuren Menschen erquickte, die letzte gute frohe Zeit sein, die dem Freunde beschieden war. Bald darauf trat ein Herzleiden, das ihm schon früher zu schaffen gemacht hatte, heftiger und bedrohlicher hervor, qualvolle Monate folgten, in denen die Frau ihm nicht von der Seite wich. Als sie ihm dann die Augen zugedrückt hatte, kam es wie eine geistige Blindheit über sie, die ihr das Licht des Tages nur durch einen dunklen Flor zu schauen vergönnte. Sie hatte, da auch die beiden Söhne aus ihrer ersten Ehe durch ihren Beruf ihr ferngehalten wurden, jedes Gefühl einer Lebensaufgabe und mehr und mehr jeden Lebenstrieb verloren, quälte sich mit sinnlosen Vorwürfen, daß sie dem geliebten Manne nicht genug Liebes erwiesen hätte, und ging, noch ehe das Trauerjahr verflossen war, still und ohne jeden Abschied mit freiem Entschlusse aus der Welt.

Noch eines dritten Freundes muß ich hier gedenken, mit dem ich über dreißig Jahre aufs innigste verbunden blieb: Ernst Wicherts.

Er war fast genau ein Jahr jünger als ich, am 11. März 1831 in dem preußisch-litauischen Städtchen Insterburg geboren, hatte dann bis 1859 bei seinen Eltern in Königsberg gelebt und sich der Juristerei gewidmet, verschiedene Ämter in verschiedenen Städten Ostpreußens bekleidet und wurde endlich im Jahre 1888 als Kammergerichtsrat nach Berlin versetzt. Doch neben seiner juristischen Tätigkeit, mit der er es sehr ernst nahm, hatte er sich schon früh im Drama versucht, zunächst in historischen Stoffen (sein erstes Stück »Unser General York«, 1858, dann der »Withing von Samland«, zuletzt »Aus eigenem Recht«, womit er in Berlin einen großen Erfolg errang), dann in Lustspielen, von denen der »Narr des Glücks«, »Biegen oder brechen«, »Ein Schritt vom Wege« mit Glück über viele Bühnen gingen. Später wandte er sich dem historischen Roman zu, dessen Stoffe er aus seiner ostpreußischen Heimat nahm – große, trefflich komponierte und mit lebhafter Farbe dargestellte Geschichtsbilder, denen er kleinere novellistische Arbeiten folgen ließ unter dem Titel »Litauische Geschichten«, das für seine Anerkennung in breiten Schichten Entscheidendste, was wohl auch auf lange hinaus seinen Namen lebendig erhalten wird.

Seine dramatischen Erstlinge hatte er mir in den sechziger Jahren zugeschickt, eine nähere Anknüpfung ergab sich, da er eine meiner chinesischen Novellen in Versen, »Die Brüder«, zu einem Libretto für Richard Wüerst bearbeitete. Ein bald darauf folgendes persönliches Begegnen stiftete eine Freundschaft zwischen uns, die ohne jede Trübung in brüderlicher Wärme bis an seinen Tod Mitte Januar 1902 fortdauerte.

Die Geschichte der Literatur weist mehrfach Fälle auf, wo sich scharfer juristischer Verstand mit reicher dichterischer Phantasie verträglich zusammenfand und ein Justizrat und Poet dazu »morgens zum Bureau mit Akten, abends auf den Helikon« ging. Meistens aber wurde das richterliche Amt als eine Bürde empfunden, die der Poet aus äußeren Gründen durchs Leben mitschleppte und je früher je lieber abwarf. Wichert trug sie ohne Zwang bis ins höhere Alter, und daß er sich gewohnt hatte, in den Sitzungen des Kammergerichts auf einem ziemlich großen Blatte Landschaften zu zeichnen, die eine geübte Hand verrieten, schmälerte die Achtung, die er bei seinen Kollegen genoß, keineswegs, da er stets in seinem Votum bewies, wie dieses künstlerische Spiel seine Aufmerksamkeit von dem ernsten Gegenstande nicht abgelenkt hatte.

Je länger ich ihn kannte, je mehr lernte ich die tiefe Redlichkeit und allem Schein abgeneigte Güte seines Charakters schätzen, und je dankbarer empfand ich es, daß ich an diesem äußerlich schlichten und sogar etwas nüchternen Manne einen so warmen Freund gewonnen hatte. Was ich ihm an aufrichtigem Interesse für seine dichterischen Arbeiten entgegenbrachte, vergalt er mir reichlich durch ein kritisches Vertiefen in alles, was ich ihm von meinen Sachen, gewöhnlich vor dem Druck, zu lesen gab. In ausführlichen, oft acht, zehn Seiten langen Briefen ging er auf alles ein, mit seinem Verständnis dessen, was ich gewollt und erreicht – oder nicht erreicht hatte. Da er die Technik des Dramas und Romans vollkommen beherrschte, waren mir seine Äußerungen unschätzbar. Nur das Organ für Lyrik besaß er nicht. Hiefür ihn zu Rate zu ziehen, hätte ich auch selten Anlaß gehabt.

Auch meine anderen Freunde waren von mir verpflichtet worden, über alles Neue, was ich ihnen sandte, mir die ungeschminkte Wahrheit zu sagen. Doch wenige unter ihnen besaßen die kritische Fähigkeit meines teuren Wichert, noch weniger die Geduld, sich ausführlich über einzelnes auszusprechen. Ich wurde meist mit einer summarischen Empfangsanzeige abgefunden, der gegenüber mir das kritische Bemühen Wicherts von höchstem Werte war, dazu sein Bestreben, gelegentlich durch einen hilfreichen Vorschlag mir zu zeigen, daß noch ein Ausweg aus einer schwierigen Situation zu denken sei.

Dies führte mich allerdings dahin, daß ich mich mehr und mehr entwöhnte, auf die Kritik, wie sie in der Presse geübt wird, irgendein Gewicht zu legen, ja überhaupt von ihr Notiz zu nehmen.

Nachdem ich in den Anfängen meiner literarischen Laufbahn wie jeder junge Poet die kritischen Äußerungen in den Tagesblättern und größeren Zeitschriften respektvoll hingenommen und etwas daraus zu lernen gesucht hatte, wurde es mir bald klar, daß dies ein vergebliches Bemühen sei, da diese von oft sehr unberufener Seite gefällten Urteile einander vielfach widersprachen und ich klüger tat, mich auf mein eigenes redliches Gefühl und das meiner nächsten Freunde zu verlassen.

Närrische Tadler und Lober zu beiden Seiten, und darum
  Hat mir der Himmel den Kopf zwischen die Ohren gesetzt.    
(Mörike.)

Auch was die bedeutenderen, geistvolleren Rezensenten über andere dichterische Erscheinungen urteilten, bestärkte mich in meinem Zweifel am Wert der ästhetischen Kritik, wie sie bei uns gehandhabt wurde. Wie lange hatten sie gebraucht, um den von mir verehrten Mörike als einen echten Lyriker anzuerkennen und Gottfried Keller als den genialsten aller lebenden Novellisten! Wie lange – wenn ich von meiner eigenen Erfahrung reden darf – war die fable convenue nachgesprochen worden, daß ich nur ein Formtalent sei, selbst noch trotz des Erscheinens meines ersten Romans, der doch wieder als »Tendenzroman« galt –, so daß erst ein Fremder, der Däne Georg Brandes, kommen mußte, dies törichte Gerede zu widerlegen.

Jede größere künstlerische Aufgabe birgt schon im Stoff irgendein problematisches Element, das ihre ganz reine Lösung gefährdet. Mit redlicher Mühe sucht der Schaffende diese Unvollkommenheit soviel als möglich aufzuheben, wie ein Bildhauer, der einen Marmorblock mit einer schwarzen Ader zu bearbeiten hat, es sich angelegen sein läßt, die böse Stelle unschädlich zu machen und sie etwa in die Schattenpartie zu verlegen; der Kritiker entdeckt sie natürlich sogleich, schüttelt den Kopf über die Kurzsichtigkeit des Künstlers und erklärt dem Publikum, es sei da eine schwarze Ader, die das ganze Werk entstelle.

Manchmal auch ist es nur das Auge des Kritikers, in dem sich die schwarze Ader befindet.

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