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Jugenderinnerungen und Bekenntnisse

Paul Heyse: Jugenderinnerungen und Bekenntnisse - Kapitel 28
Quellenangabe
typeautobio
booktitleGesammelte Werke, 3. Reihe, Band I
authorPaul Heyse
year1924
publisherJ. G. Cottasche Buchhandlung Nachfolger / Verlagsanstalt Hermann Klemm
addressStuttgart - Berlin-Grunewald
titleJugenderinnerungen und Bekenntnisse
created20020827
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1900
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8. Mutter und Sohn.

Doch ehe dieser härteste Schlag uns traf, hatten wir noch den Verlust zweier anderer teurer Menschen zu beklagen, unter den erschütterndsten Umständen.

Meine Schwiegermutter Kugler hatte nach meiner Wiedervermählung sich nur schwer darein gefunden, ihre Enkelkinder einer neuen Mutter anzuvertrauen. Um ihnen möglichst nahe zu bleiben, hatte sie mit ihrem Sohn Hans und Wilbrandt eine Wohnung im Erdgeschoß desselben Hauses bezogen, dessen oberen Stock wir bisher zusammen bewohnt hatten. Erst nach und nach gewann sie es über sich, ihre schmerzliche Empfindung zu überwinden und den seltenen Eigenschaften der jungen Frau Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, während Hans von Anfang an aufs wärmste ihren Ritter gemacht und auch die Gegnerschaft der älteren Freundinnen sich mit der Zeit in ein freundliches Geltenlassen verwandelte, das dann zu wärmster Freundschaft werden sollte.

So blieb es auch, als Wilbrandt nach Wien übersiedelte, ich mit den Meinigen das Haus bezog, das ich hinter dem Propyläenwäldchen mir erworben, und Frau Klara mit Hans in einer nahegelegenen Straße eine eigene kleine Wohnung gefunden hatte. Wir sahen uns fast täglich hüben oder drüben, die Kinder wurden der Großmama nicht entfremdet und alles, was der Tag brachte, so treulich geteilt, als ob wir noch unter einem Dache lebten.

Nur das immer unaufhaltsamer zunehmende Leiden unseres Hans – eine Darmverengerung, ähnlich der, die auch Geibels Leben zerrüttete – trübte die Freude unserer herzlichen Gemeinschaft. Schon bei dem Knaben hatte sich das Unheil bedrohlich angekündigt und ihm einen regelmäßigen Schulbesuch unmöglich gemacht. Als er dann in den Jünglingsjahren erkannte, daß er zum Maler berufen sei, schien sich ihm noch eine heitere, fruchtbare Zukunft aufzutun. Er konnte mit lieben Freunden eine anregende Wanderzeit in Italien genießen und bei seinem hochverehrten Meister Böcklin sich in die Lehre geben. Auch nach der Rückkehr arbeitete er, wenn auch häufig durch heftigere Anfälle unterbrochen, rüstig fort und brachte einige anziehende Landschaftsbilder zustande, die ihm das Recht, sich der Kunst zu widmen, verbürgen konnten.

Die arbeitsfähigen Zeiten aber wurden immer kürzer, das Ringen mit dem grausamen Geschick, das seine Jugendkraft aufrieb, immer hoffnungsloser. Zuletzt konnte er nicht mehr daran denken, in sein Atelier zu gehen. Er lag, wenn die Schmerzen nachließen, auf seinem Ruhebett, eine Mappe auf den Knieen, deren Blätter er mit grotesken Federzeichnungen voll heroischen Galgenhumors füllte. Oder er saß am Schreibtisch mit einer leichten Schreiberei beschäftigt. So unter anderem entstand die Übersetzung der italienischen Novelle, die ich in den Novellenschatz aufnahm, und auch an einer eigenen, freilich höchst persönlich gefärbten Novelle versuchte er sich. (Freund Wilbrandt hat sie später herausgegeben und mit einer warmempfundenen Charakteristik des Verfassers eingeleitet.)

Denn neben seiner zarten, fast weiblichen Liebenswürdigkeit war ein starker, fester Wille in ihm lebendig, ein trotziger Mut, »sich nicht unterkriegen zu lassen«, vor allem auch um der Mutter willen, der er nach Möglichkeit seine Qualen verbarg und stets ein heiteres Gesicht zu zeigen suchte.

Er täuschte das hellsichtige Mutterauge freilich nur auf Augenblicke. Wie sehr die alternde Frau unter dem Schicksal ihres Schmerzenskindes litt, wußten wir nur zu gut. Sie fühlte sich nach dem schönen, reichen Leben, das hinter ihr lag, traurig verarmt, ihr älterer Sohn wurde durch seine Tübinger Professur ihr ferngehalten, ihre Tochter ruhte in ihrem einsamen Grabe jenseits der Alpen, die Lebensaufgabe, die sie in der Pflicht, ihre Enkel zu behüten, noch gefunden hatte, war ihr abgenommen worden, und sie selbst hatte ein schweres körperliches Leiden nur durch eine gefährliche Operation überwunden – was sie noch am Leben hielt, war die Sorge um und für diesen jüngsten, selbst dem Tode geweihten Sohn, mit dem sie ein so wundersames Band vereinigte, wie zwei Menschen, die sich aus einem Schiffbruch nur gerettet haben, um in einem schwachen Boot ohne Hoffnung auf Rettung miteinander hinzutreiben.

Doch gerade weil der Sohn die Mutter so zärtlich liebte, konnte er den Gedanken endlich nicht mehr ertragen, durch den Anblick seiner Leiden ihr Schmerzen zu bereiten, die durch alle innigen Freuden des Zusammengehörens in den lichteren Intervallen nicht vergütet wurden. Und da er in seiner ritterlichen Seele die Kraft fand, wie er wähnte zu ihrem Besten, auf den Rest seines elenden Daseins zu verzichten, wollte er ihr auch den Schmerz des Abschieds ersparen.

Eines Morgens wurden wir durch die Botschaft erschreckt, mein armer Schwager habe in der Nacht eine so große Dosis Morphium genommen, daß er jetzt in den letzten Zügen liege.

Hinübergestürzt fanden wir ihn angekleidet auf seinem Bette ausgestreckt, nur ein schwacher Hauch bewegte noch seine Brust, der eilig gerufene Arzt, der ihn sehr lieb gewonnen hatte, ging widerstrebend daran, noch einen Versuch zu machen, das entfliehende Leben festzuhalten, da er selbst dem Unglücklichen die Erlösung von seinen Qualen gewünscht hätte. Als er seine traurige Pflicht getan, entfernte er sich, der Mutter die Hand drückend mit dem Trost, den er nicht zurückhalten konnte, er werde wohl zu spät gekommen sein.

Während dieser ganzen Zeit hatte die ärmste Frau tränenlos mit erloschenen Zügen des einst so schönen Gesichts am Bette gesessen, wir an ihrer Seite. Keins hatte das Schweigen gebrochen; wir starrten in widerstreitenden Gefühlen in das regungslose bleiche Antlitz unseres sterbenden Geliebten. Die Mutter stand endlich auf und ging in ihr Schlafzimmer. Wir waren zurückgeblieben, in dumpfer Beklommenheit, wohl eine halbe Stunde lang. Da schreckten uns schauerliche Töne auf, die aus dem Schlafzimmer zu uns drangen. Als wir in banger Ahnung die Türe öffneten und bei der Mutter eintraten, sahen wir auch sie auf ihrem Bette ruhen mit geschlossenen Augen regungslos, nur ihre Brust arbeitete laut, und das leere Fläschchen auf ihrem Nachttisch sagte uns, was hier geschehen war.

Der eilig von der Straße heraufgeholte erste beste Arzt erklärte, daß hier das Gift, an das ihre Natur nicht wie die des Sohnes durch langen Gebrauch gewöhnt war, noch rascher und sicherer sein Werk getan habe und ein Rettungsversuch, den er gleichwohl anstellte, aussichtslos sei.

Noch aber sollten die Schrecken dieser Stunden überboten werden.

Gegen Mittag, als die Mutter ausgeatmet hatte, hörten wir aus dem Sterbezimmer des Sohnes schwache, seufzende Laute, die uns das Entsetzliche sagten, daß in dem Totgeglaubten ein leiser Lebensfunke wieder aufglomm.

Der Schrecken sträubte uns das Haar. Wie sollte es werden, wenn der Sohn wieder zu vollem Bewußtsein kam und nun erfuhr, daß die Mutter es nicht übers Herz gebracht hatte, sein freiwilliges Scheiden zu überleben!

Wir entschlossen uns, eh er völlig wieder aufwachte, ihn ins Krankenhaus bringen zu lassen. Hier kam er noch an demselben Abend wieder zu sich, und sein stiller, tiefsinniger Blick sagte mir, daß er den Grund seiner Übersiedelung in diesen fremden Raum durchschaue. Ich hatte ihn glauben machen wollen, die Mutter sei durch den jähen Schreck selbst schwer erkrankt, und der Arzt habe die strengste Ruhe um sie her angeordnet, was nicht zu erreichen sei, wenn in der engen Wohnung zwei Kranke gepflegt werden müßten. Eine Gefahr für ihr Leben sei zum Glück nicht vorhanden.

Er lächelte trübsinnig und erwiderte kein Wort. In der Nacht darauf machte er einen neuen Versuch, sein Leben zu enden, indem er sich mit seinem Taschentuch an die Messingröhre der Gasleitung aufhing. Er wurde dabei von der Pflegerin gestört; doch seine Todesbegier trieb ihn gleich am anderen Morgen, durch einen Sturz aus dem Fenster zu seinem Ziel zu kommen. Als auch das vereitelt wurde, drang er stürmisch in uns, ihn in die Wohnung zurückbringen zu lassen. Er hatte nun erfahren, daß er seine Mutter dort nicht mehr finden würde, und es war unmöglich, seiner verzweifelten Bitte zu widerstehen, obwohl wir wußten, daß er aus dem Krankenhause nur fortverlangte, um sich der strengen Bewachung zu entziehen.

Er lebte dann noch einige Tage. Wenn ihn an den Abenden dank einer starken Morphiuminjektion seine Schmerzen auf ein paar Stunden verließen, war er glücklich, seine Nächsten bei sich zu sehen, mich und Wilbrandt, der von Wien herbeigeeilt war, und seinen Meister Böcklin, der ihm bis zuletzt beistand. Er plauderte dann mit einer phantastisch schwärmenden Heiterkeit wie in einem glücklichen Rausch der Seele, die schon jenseits der Welt über allem Erdenleid erhaben schwebte, aß auch ein paar Bissen und nippte am Weinglase, doch halb widerwillig, wie wenn er den Gedanken nicht ertragen könne, noch für die Fristung seines unseligen Lebens zu sorgen, nachdem er seine angebetete Mutter selbst in den Tod getrieben. So nahmen wir jeden Abend von ihm Abschied, wie von einem zum Tode Verurteilten, der den nächsten Morgen nicht mehr sehen werde, und erwachten nicht mit der Furcht, sondern mit dem bangen Wunsch, es möchte seine letzte Nacht gewesen sein.

Erst am dritten Morgen, nachdem er noch zwei mißglückte Versuche gemacht hatte, fanden wir hinter der verschlossenen Tür seines Zimmers, die wir aufbrechen lassen mußten, den schon erkalteten Leib unseres armen Dulders, auf seinem Gesicht den Frieden, den er sich mit so heldenmütiger Ausdauer erkämpft hatte.

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