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Jugenderinnerungen und Bekenntnisse

Paul Heyse: Jugenderinnerungen und Bekenntnisse - Kapitel 25
Quellenangabe
typeautobio
booktitleGesammelte Werke, 3. Reihe, Band I
authorPaul Heyse
year1924
publisherJ. G. Cottasche Buchhandlung Nachfolger / Verlagsanstalt Hermann Klemm
addressStuttgart - Berlin-Grunewald
titleJugenderinnerungen und Bekenntnisse
created20020827
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1900
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Münchener Nachklänge

Mitten aus seinem Lebenswerk war König Max abberufen worden. Doch was er zur Hebung der Wissenschaften in seinem Lande getan, hatte schon so tiefe Wurzeln geschlagen, daß es allen feindseligen Bestrebungen der Dunkelmächte widerstand. Seit jenen Tagen sind Universität und Akademie Münchens auf der Höhe ihres Ansehens geblieben, und die Arbeiten der historischen Kommission haben ihren ungestörten Fortgang genommen.

Die »Münchener Idealisten« freilich blieben nicht beisammen. Wohl hatte der junge König, dessen Neigungen bekanntlich nach anderen künstlerischen Zielen gingen, den drei Poeten, die sein Vater berufen, ihre Jahrespensionen bestätigt, aus freiem Entschluß, doch erst da Geibel und ich uns nicht dazu bewegen ließen, wie es Ludwig II. anfänglich uns zugemutet hatte, um den Fortgenuß einer königlichen Gunst, die uns ohne unser Zutun gewährt worden war, bittend einzukommen.

Um für die Weitergewährung der Pension meinen Dank abzustatten, hatte ich um eine Audienz nachgesucht. Es war das einzige Mal, daß ich dem jungen Könige gegenüberstand. Er empfing mich freundlich, doch mit einer gewissen gesucht hoheitsvollen Haltung, die erkennen ließ, daß ihm seine königliche Würde noch eine Rolle war, in die er erst hineinwachsen sollte. Wie ganz anders hatte sein unvergeßlicher Vater den so viel jüngeren Poeten gleich bei der ersten Begegnung aufgenommen! Doch war der Blick der schönen großen Augen, in denen ein träumerischer Glanz leuchtete, gewinnend und seine Rede frei von jeder Befangenheit. Von Dönniges wußte ich auch, daß der junge Herrscher ein ungewöhnlich sicheres Urteil über jeden besaß, der in seine Nähe kam, eine Menschenkenntnis, deren Reife bei der weltfremden Erziehung, die er genossen hatte, geradezu wunderbar erschien. Das Gespräch mit mir bewegte sich um gleichgültige Dinge. Nur als das Theater berührt wurde und ich bemerkte, wie selten die verschiedenen Eigenschaften, die zur Leitung einer großen Bühne erforderlich seien, in einer Person sich vereinigt fänden, sah ich einen argwöhnischen Zug über das edle junge Antlitz gleiten. Ob er mich im Verdacht hatte, mich selbst zu dieser damals noch immer unzulänglich ausgefüllten Stelle empfehlen zu wollen? Es wäre das nicht eben ein Beweis für die ihm nachgerühmte Menschenbeurteilung gewesen, da mir mein Leben lang nichts ferner gelegen, als der Wunsch, Dingelstedts Erbschaft anzutreten.

Als dann vier Jahre später das bekannte Ereignis eintrat, das Kabinetsschreiben König Ludwigs II., durch das er Geibel seine Pension entzog, weil der alte Kaiserherold König Wilhelm bei dessen Besuch in Lübeck mit dem Wunsch begrüßt hatte,

Daß noch dereinst dein Auge sieht,
Wie übers Reich ununterbrochen
Vom Fels zum Meer dein Adler zieht –

war es auch mir unmöglich, fernerhin ein königliches Gnadengehalt anzunehmen, an das die Bedingung geknüpft gewesen wäre, meine politische Überzeugung, wenn sie mit der des Königs nicht im Einklang war, zurückzuhalten, nachdem ich sie in all den Jahren, da ich seinem heimgegangenen Vater nahegestanden, nie zu verleugnen gehabt hatte.

Auf die Eingabe, in der ich mit ehrerbietigem Dank für das bisher Gewährte meinen Verzicht ausgesprochen hatte, erhielt ich erst spät eine gewundene Antwort in einem Kabinetsschreiben, das deutlich erkennen ließ, der König hatte die Motive, die meine Handlungsweise bedingt, kaum begriffen und war aufs schwerste gegen mich erzürnt. Doch schien sein Unwille bald zu schwinden. Für einige meiner Bücher, die ich später, da ihr Gegenstand seine Interessen berührte, ihm überreichen zu lassen schicklich fand, ließ er mich seines freundlichsten Dankes versichern. Einmal kam sogar die Anfrage Seiner Majestät an mich, warum ich meinen Roman in Versen »Schlechte Gesellschaft« nicht fortgesetzt hätte, und mein Schauspiel »Ehre um Ehre« wollte er bei einer der Aufführungen im Residenztheater, denen er allein beiwohnte, sich ansehen. Er saß in der Proszeniumsloge des ersten Rangs, ich mit meiner Frau in der ganz dunklen Parterreloge Nummer eins der Bühne gegenüber. In einem Zwischenakt hatte er uns in unserem Versteck entdeckt und sandte einen Lakaien, sich dessen zu versichern. Doch trieb er seine Marotte wenigstens nicht so weit, den Verfasser des Stückes, das er aufführen ließ, aus dem Hause fortzuweisen.

In den letzten Jahren seines traurig verdunkelten Lebens hörten auch diese seltenen literarischen Beziehungen vollständig auf.

Auch König Max würde sich durch jenes Geibelsche Gedicht empfindlich berührt gefühlt haben. Doch wäre es darüber nie zum Bruch zwischen ihm und dem so hochverehrten Dichter gekommen, der dem fürstlichen Gönner aus seinem Kaisertraum nie ein Hehl gemacht hatte.

Bei einem seiner vertraulichen Gespräche mit dem Könige hatte Geibel geäußert: »Wenn ich mich nicht als Bürger eines großen deutschen Reiches fühlte, wäre mein Vaterland nur fünf Quadratmeilen groß.« Der Sohn eines freistädtischen Gemeinwesens durfte wohl so empfinden, und die Äußerung dieser Gesinnung bei einer solennen Gelegenheit hätte ihm vielleicht ein Wort der Mißbilligung unter vier Augen, nimmermehr aber die Entziehung der königlichen Gnade in so schroffer Form eingetragen.

So schmerzlich uns aber der Verlust unseres geliebten und verehrten Königs war, ihn selbst bewahrte sein früher Tod vor mancher herben Prüfung, die ihm die Entwicklung der politischen Geschicke Deutschlands auferlegt haben würde.

Schwerer als sein Sohn hätte er das Jahr 1866 empfanden, und obwohl auch er, als der Krieg gegen Frankreich die gesamte Wehrkraft Deutschlands unter die Waffen rief, nicht gezaudert haben würde, sein Heer den Bundesgenossen anzuschließen, einen härteren Kampf als seinen Nachfolger hätte es ihn gekostet, sich in die neue Ordnung des Reichs zu fügen, die ihm ohne Österreich und außer dem Rahmen der Triasidee als ein Abbruch an seiner vollen Souveränität erschienen wäre.

All diesen Zweifeln und Kämpfen war er nun entrückt. Zugleich war ihm das Bitterste erspart geblieben, seine beiden Söhne ihrem tragischen Geschick unaufhaltsam verfallen zu sehen. Nun stand sein edles Bild in der verklärenden Vollendung des Todes vor der Erinnerung der Seinen und seines Volkes, und selbst diejenigen, die ihm widerstrebt hatten, konnten ihm das Zeugnis nicht versagen, daß er das Beste zum Wohl seines Landes gewollt und mit unermüdlich tapferer Hingebung danach gestrebt hatte, selbst auf Kosten einer leicht zu gewinnenden Popularität, was er als die Aufgabe seines Lebens erkannt, zur Erfüllung zu bringen.

*

Das Häuflein der »Münchener Idealisten« war gelichtet, das Band, das sie zusammengehalten, gelockert worden. Einige Jahre hausten die Krokodile noch gemächlich in dem »heil'gen Teich«, den sie bald hierhin, bald dorthin, zuletzt in mein Haus verlegten. Bodenstedt war nach Meiningen gezogen, wo er nicht lange blieb, da er für das Amt eines Dramaturgen in keiner Weise begabt war. Schack hielt sich zurückgezogen in seinem Hause, an das er die Räume für seine Galerie hatte anbauen lassen. Ich selbst dachte nicht daran, dies München je wieder zu verlassen, an das ich durch die teuersten Erinnerungen eines glücklichen Jahrzehnts geknüpft war. Auch einer wiederholten ehrenvollen Einladung zur Übersiedelung nach Weimar, zu der mich der Großherzog, der stets mir wohlgesinnt war, zuerst durch Liszt, dann indem er persönlich mich in meiner Sommerfrische zu Ebenhausen aufsuchte, überreden wollte, widerstand ich um so leichter, da ich nach fünf einsamen Jahren ein zweites Herzensglück gefunden und eine junge Münchnerin heimgeführt hatte. Durch diese Verbindung bestärkte sich mehr und mehr mein süddeutsches Heimatsgefühl, und um so fester wurzelte ich im Münchener Boden, als ich durch den Tod meiner Mutter im Jahre 1864 den Antrieb verlor, in meine Vaterstadt zurückzukehren, die mir, je gewaltiger sie zur Reichshauptstadt heranwuchs, ein immer fremderes Gesicht zeigte, aus dem die traulichen alten Züge verschwunden waren.

Mein alter Geibel hatte, seitdem sein ohnehin nur äußerliches Verhältnis zu König Ludwig II. gelöst worden war, München gemieden. Sein schweres organisches Leiden, das immer qualvoller wurde, machte ihm weitere Reisen unmöglich, so daß er von seinem Hause in Lübeck und seiner einzigen Tochter Marie, die in glücklicher kinderreicher Ehe lebte, sich nur noch entfernte, um im Sommer in einem der Ostseebäder sich zu erfrischen. Er war nie ein fleißiger Briefschreiber gewesen. Nun wurde der Verkehr mit den fernen Freunden immer spärlicher, wie denn auch Kraft und Stimmung zur Arbeit mehr und mehr versiegten. Er vollendete noch, mühsam genug, das Trauerspiel »Sophonisbe«, das 1869 den Schillerpreis erhielt und weit hinter der »Brunhild« zurücksteht. Im Jahre 1877 gab er die »Spätherbstblätter«, den vierten Band seiner Gedichte heraus, Nachklänge aus seiner jüngsten wie auch reifsten Zeit, in denen der alte Löwe noch einmal klingend seine Mähne schüttelte. Die Arbeit an seinem »klassischen Liederbuch« ging nebenher. Die letzte überschwenglich hohe Lebensfreude hatten ihm die Siege in Frankreich und die Erfüllung seines einst verspotteten Kaisertraums bereitet. In dem schmalen Bändchen seiner »Heroldsrufe« sammelte er neben den ahnungsvollen Herzensergießungen der früheren Zeit die machtvollen Triumphlieder, mit denen er das glorreiche Siegesjahr feierte.

An meinem Dichten und Trachten nahm er auch in der Ferne den alten Freundesanteil. Ein Wiedersehen mit ihm war mir aber nur noch einmal, im Herbst 1881, in seinem stillen Hause zu Lübeck vergönnt.

In tiefer Bewegung sah ich den Freund, dessen Bild mir noch immer in der vollen Kraft seiner Mannesjahre vor der Seele gestanden hatte, als einen gebrochenen, hageren Greis, der sich mit schwermütigem Blick mühsam von seinem Sitz erhob, um mich mit alter Herzlichkeit zu umarmen. Bald freilich belebten sich die leidvoll gespannten Züge, das Auge leuchtete wieder auf, wenn er der alten Zeit gedachte oder nach gemeinsamen Freunden fragte, und hin und wieder, sobald das Gespräch literarische oder politische Themata streifte, die seinen Grimm und Groll erregten, blitzte noch ein Funke des alten Berserkerzorns aus seinen Worten hervor, und die magere Hand zauste heftig wie sonst den ergrauten Knebelbart. Hernach aber, als er einen Wagen holen ließ, mir die Stadt und ihre Umgebung zu zeigen, sank er wieder in eine dumpfe Stimmung zurück und saß, in die Wagenecke gedrückt, mit trüben Augen vor sich hin blickend. Vor der Schifferstube des Rathauses ließ er halten, und wir stiegen aus, die altberühmten Räume zu beschauen. Ich sah, mit welcher Ehrerbietung, wie einem Stadtheiligen, man ihm begegnete.

Doch auch hier, bei einem Trunk edlen Weins, der sonst immer die Macht gehabt hatte, seinen Genius zu beflügeln, verharrte er in seiner düsteren Versonnenheit, und erst am Abend, als seine Nichte, die ihm als treue Pflegerin zur Seite stand, meine Bitte unterstützte, doch etwas von seinen neuesten Versen vorzulesen, fiel auch von mir der Druck, dessen ich mich in all den Stunden nicht hatte erwehren können. Er las dann ein paar Übersetzungen aus dem Französischen und einige eigene Gedichte. Es war noch in allen die alte Herrschaft über die Form und die Anmut des Gedankens zu spüren. Aber der tiefe, melodische Klang seiner Stimme war wie umflort, und wir beide fühlten, daß dies stille Symposion das letzte, wehmütige Fest der Freundschaft war, das wir miteinander feiern sollten.

Im Jahre 1883 wurde ich von seinem Verleger aufgefordert, für die hundertste Auflage seiner Gedichte einen Prolog zu dichten. Ich ergriff mit Freuden die Gelegenheit, dem teuren alten Meister, dem ich so viel verdankte, einmal öffentlich auszusprechen, was er mir und seinem Volke gewesen war. Der Freundesgruß sollte ihn nicht mehr erreichen. Ehe noch das Buch zur Ausgabe gelangte, war er, am 6. April 1884, von seinen Leiden erlöst worden.

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