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Jugenderinnerungen und Bekenntnisse

Paul Heyse: Jugenderinnerungen und Bekenntnisse - Kapitel 23
Quellenangabe
typeautobio
booktitleGesammelte Werke, 3. Reihe, Band I
authorPaul Heyse
year1924
publisherJ. G. Cottasche Buchhandlung Nachfolger / Verlagsanstalt Hermann Klemm
addressStuttgart - Berlin-Grunewald
titleJugenderinnerungen und Bekenntnisse
created20020827
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1900
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Ludwig der Bayer

Nach der Rückkehr in das verödete Haus währte es längere Monate, bis ich die Verstörung meines Innern so weit überwand, daß ich mich zu einer dichterischen Tätigkeit aufraffen konnte.

Allerlei Versuche dazu mißglückten; darunter ein historisches Trauerspiel »Ludolf von Schwaben«, das nicht über die drei ersten Akte hinausgedieh. Auch konnte ich durch die jüngste Erfahrung mit meinem »Ludwig dem Bayern« über das Schicksal, das geschichtliche Stoffe aus unserer Vorzeit auf den deutschen Bühnen zu finden pflegen, hinlänglich aufgeklärt sein.

Am 29. April 1862 war das Stück über die Münchener Bühne gegangen. Ein Telegramm hatte mir in Meran gemeldet, daß der erste Akt warm, der zweite, vierte und fünfte lebhaft aufgenommen worden waren, »der dritte durch Zufälle verstimmt« hatte. Die Aufklärung über diese »Zufälle« ließ nicht lange auf sich warten. Geibel hatte sich erboten, statt meiner die Proben zu überwachen. Zum Unglück hatte er den dritten Akt, statt die rasche Verwandlung in seiner Mitte beizubehalten, in zwei Akte geteilt und am Schluß des ersten Teils über dem Schlachtfeld von Ampfing die Sonne aus Meyerbeers Propheten aufgehen lassen. Das hatte selbst das unbefangen gesinnte Publikum als ein brutaler Theatereffekt verstimmt, und es war immerhin ein Zeugnis für die Lebenskraft des Stückes, daß es diesen tödlichen Schlag überwunden hatte.

Die Aufführung hatte auch sonst viel zu wünschen übrig gelassen. Leopold von Österreich, an den ich viel gewendet hatte, um ihn zu einer mächtigen Charakterfigur zu machen, war in den schwachen Händen eines Schauspielers zweiten Ranges. Auch Friedrich der Schöne besaß nicht einen Ton von der ganzen Skala, die ich ihm auf die Zunge gelegt hatte. Doch war wiederum das Dahnsche Ehepaar trefflich, und die Wiederholungen hätten auch wohl die geringeren Darsteller sicherer in ihren Rollen gemacht, wenn die eingeborene Feindseligkeit es dazu hätte kommen lassen. Doch zu allem, was an Mißwollen, Neid und Fremdenhaß sonst noch in der Bevölkerung gärte, gesellte sich diesmal noch der Groll der klerikalen Partei, die ich durch das – streng geschichtliche – Verhalten Kaiser Ludwigs gegenüber dem päpstlichen Legaten schwer gereizt hatte. Am nächsten Morgen erschienen Abgesandte dieser ultramontanen Kreise an der Theaterkasse und erklärten, das Stück werde ausgepfiffen werden und einen großen Skandal veranlassen, wenn man es noch einmal zu wiederholen wage.

Daß der Intendanzrat Schmitt diese Drohung gern zum Vorwand nahm, das Stück sofort abzusetzen und es für ewige Zeiten in der Theaterbibliothek zu begraben, konnte mich nicht wundern. Der König, dem ich darüber schrieb, antwortete mir huldvoll in alter Weise, doch ohne zu befehlen, daß das Stück fortgespielt werden sollte.

Seine Stimmung dieser von ihm so lebhaft gewünschten Dichtung gegenüber wurde mir erst klar, als ich im Februar des nächsten Jahres im Symposion den ersten Akt vorlas.

Ich hatte mich bemüht, das Charakterbild meines Helden nicht in höfischer Verschönerung zu zeichnen, es jedoch, wie sich's mir aus dem Studium der Quellen ergeben hatte, immer noch mit so viel gewinnenden Zügen ausgestattet, in seiner einfachen Würde so ehrfurchtgebietend, daß selbst das eingeborene patriotische Gefühl eines echten Bayern damit zufrieden sein konnte. Nun aber hatte der König wohl eine Verherrlichung seines Ahnherrn erwartet, die von Anfang an die stärksten Töne anstimmte. Wie mußte er sich enttäuscht fühlen, als Leopold von Österreich, allerdings der erbittertste Feind seines Wittelsbacher Vetters, in die heftigen Worte gegen seinen Bruder ausbrach:

                                Es steht der SchimpfDer verlorenen Schlacht bei Gammelsdorf.
Auf ewig zwischen euch. Jetzt kennst du ihn,
Wie alle Welt ihn kennt, verschlagen, sacht
Zugreifend, wo ein Bettlerbrocken abfällt
Vom Tisch des Reichs, mit jedem Winde segelnd,
Ein Herzog nach des Pöbels Herzen, selbst
Dem Bäckerknecht das Mehl vom Wamse klopfend,
Um einen mehr zu haben, der die Mütze
Hoch wirft und schreit: »Lang lebe Wittelsbach!«
Und dieser brach die Flügel Habsburgs Aar,
Und diesem setzt der kaiserliche Vogel
Sich auf die Faust, dem zahmen Falken gleich,
Und schnäbelt ihm den Bart?

Daß Friedrich der Schöne darauf erwidert:

                                            Der Haß verzerrt dir
Das Maß der Dinge –

konnte den Eindruck dieser Hohnrede bei dem Fürsten, dem der Ruhm seines kaiserlichen Vorfahren vor allem am Herzen lag, nicht verwischen, und die von Akt zu Akt wachsende Größe und Machtfülle der Gestalt kam bei der Vorlesung des ersten Akts nicht zur Anschauung. Ich sah, daß der König eine peinliche Empfindung nur mühsam verbarg, er dankte mir, als ich geendet hatte, mit wenigen kühlen Worten, und von einer Fortsetzung war nicht die Rede.

Ich hatte wieder einmal gesehen, daß mir zum Hofmann gewisse unentbehrliche Eigenschaften fehlten. Aber so gern ich dem gütigen Könige, dem ich so viel verdankte, seinen Lieblingswunsch erfüllt hätte – daß es mir nicht gelungen, erregte mir keinen tieferen Kummer. Durch die Trauer um die geliebte Frau war ich gegen alle geringeren Kümmernisse abgestumpft und nahm das unverdiente Mißgeschick und die Verkennung, die mein Stück erfahren, mit großem Gleichmut hin.

Freilich vermochten in jener Zeit auch frohe Erlebnisse mir nicht bis ans Herz zu dringen.

Eduard Devrient in Karlsruhe hatte »Ludwig den Bayern« am 10. November zur Aufführung gebracht, mit lebhaftem Erfolg. Ich folgte seiner Einladung zur zweiten Vorstellung, die am 13. stattfand und mein Gewissen darüber, daß ich dem Stoff sein Recht angetan, beruhigte. Auch in Stuttgart (3. Dezember) wurde mir für die Unbill, die ich in München erfahren, eine erfreuliche Genugtuung zuteil. Weiter hatte ich meiner Gewohnheit nach das Stück nicht versendet. Es war und blieb bei allem Aufwand charakterisierender Kunst und dichterischer Wärme eine »Historie«, der im übrigen Deutschland, wo der Stoff keine heimatlichen Gefühle erweckte, ein tieferes Interesse nicht entgegenkommen konnte. Und mehr als je war mir in meiner damaligen Stimmung ein Theatererfolg gleichgültig.

Der schwere Trübsinn, der über mir lag, wurde erst Ende April ein wenig gelichtet, als Hermann Kurz, mit dem ich bisher brieflich in freundschaftlichem Verkehr gestanden hatte, auf mehrere Wochen nach München kam. Damals befestigte sich das brüderliche Verhältnis, das bis an den Tod des herrlichen Mannes in ungetrübter Frische und Innigkeit fortbestand und ein eigenes Kapitel verdiente. Wie wir von da an alles Literarische miteinander teilten, ließ ich ihn auch in jenen Tagen die während meines Passionsjahres entstandenen Entwürfe und halbfertigen Arbeiten sehen, unter anderem eine Komödie »Rolands Schildknappen«, die freilich erst dreißig Jahre später ihre letzte Form erhalten sollte. Dies lustige Schmerzenskind war auch die Veranlassung, daß ich bei der Reise nach Berlin zu meiner Mutter Ende Mai den Weg über Meiningen nahm. Es lag mir daran, mit dem damaligen Direktor des dortigen Theaters, meinem Freunde Karl Locher, der eine gründliche dramaturgische Bildung und praktische Erfahrung besaß, über diese und andere Arbeiten mich zu beraten. Denn so verschlossen ich alle anderen dichterischen Aufgaben in der Stille des »Heiligtums bildender Kraft« heranreifen ließ, ein dramatisches Projekt konnte ich nicht früh genug mit einsichtigen Freunden durchsprechen und von den verschiedensten Seiten beleuchten lassen, um beizeiten darüber klar zu werden, welchen Eindruck es schon durch die Umrisse der Handlung dermaleinst auf die vielköpfige Menge im Theater machen würde.

Nach zwei erquicklichen Tagen in dem gastlichen Meininger Hause brachte ich meiner Mutter ihren ältesten Enkel und sah mich einmal wieder sechs Wochen lang in meinem alten Berlin um, wo ich mit den alten Freunden, meinem teuren Adolf Menzel, Theodor Fontane, Fritz Eggers, Steinthal und so vielen anderen die Erinnerungen an die gute, alte Tunnelzeit auffrischte und in dem großstädtischen Getümmel wie in der Brandung eines Seebades meine verstörten Nerven sich wieder stärken ließ. Eine besondere Freude war mir noch beschieden durch ein Gastspiel der Rettich, das gerade in diese Zeit fiel und zu dem sich auch Gustav zu Putlitz eingefunden hatte. Sie trat im Viktoriatheater in kleinen Stücken auf, die nur den Wert hatten, die Größe ihres Talents und ihres Seelenadels auch im kleinen zu offenbaren. Damals sah ich auch das obenerwähnte Feuilletsche kleine Stück (deutsch unter dem Titel »Im Alter«) und hatte über Halms »Wildfeuer«, das sie mir im Manuskript zu lesen gab, eine unserer gelegentlichen hitzigen Debatten mit der Freundin, die aber nur das Blut erfrischten und in keinem von uns einen Stachel zurückließenEinen tieferen Stachel hinterließ in meinem Gemüt und wohl auch in dem der Freundin die Erfahrung, die ich ihr gegenüber mit meinem»Hadrian« machen sollte. Ich tat mir auf diese Arbeit etwas zugute, da sie auch den Beifall meiner Freunde gefunden hatte. Desto schmerzlicher wurde ich durch das Urteil der geliebten Wiener Freundin überrascht, die mir auch in Halms Namen gestand, daß dies Drama, das sie unklar und technisch mangelhaft fänden, ihre Erwartung getäuscht habe. Auf den Vorwurf der Unklarheit, der mir im Sinne Halms wohl begreiflich war, da seine Stücke in der Tat keinerlei problematische Züge, weder in den Charakteren noch in der Handlung, jemals zeigten, erwiderte ich unvorsichtig genug, in den größten Dramen aller Zeiten fänden sich Motive, über die sich streiten lasse, und darin beruhe zum Teil der Reiz der Lebensschilderung, die nie ganz in eine klare Formel aufginge. (Ich zitiere aus dem Gedächtnis.) Es sei damit wie mit der Büste des Antinous selbst, über die der Kaiser gegen den Bildhauer in meinem Drama sich äußert: »Dies Bild ist, wie das Leben, rätselhaft.« Diese meine Verteidigung wurde mir als Hochmut ausgelegt, der bei einem so jungen Autor sehr unberechtigt sei. Eine kleine Verstimmung trat ein. Sie stand gegen den jüngeren Freund auf der Seite des älteren. Doch diese Wolke verschwand bald am Himmel unseres reinen, hinfort immer gleich innigen Verhältnisses..

Ich brachte von dieser Berliner Reise Anregungen aller Art in mein Münchener Leben mit heim, vor allem, nachdem ich zu Anfang des Jahres lange gekränkelt hatte, eine leibliche Kräftigung, die mir zu neuen Arbeiten sehr zustatten kam. Die noch übrigen Sommerwochen bis zum Beginn des Herbstes verbrachte ich mit den Meinigen in dem ehemaligen Kloster Seeon, eine Stunde nördlich vom Chiemsee an seinem eigenen kleinen See gelegen. Dort in der früheren Sakristei neben der Hauptkapelle, die jetzt zur Obstkammer diente und deren einziges Fenster auf ein stilles, mit hohem Gras bewachsenes Klosterhöfchen steht, habe ich zwei Sommer nacheinander in tiefster Weltentrücktheit über dramatischen Ausgaben gebrütet, im ersten Jahre eben jenen »Hadrian« und »Maria Moroni« zustande gebracht, im folgenden meinen »Hans Lange«. Doch soll von diesen Arbeiten hier nicht weiter die Rede sein. Weit wichtigere Ereignisse als die Entstehung eines Trauerspiels künden sich an, denen der Schluß dieser Memorabilien gewidmet sei.

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