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Jugenderinnerungen und Bekenntnisse

Paul Heyse: Jugenderinnerungen und Bekenntnisse - Kapitel 20
Quellenangabe
typeautobio
booktitleGesammelte Werke, 3. Reihe, Band I
authorPaul Heyse
year1924
publisherJ. G. Cottasche Buchhandlung Nachfolger / Verlagsanstalt Hermann Klemm
addressStuttgart - Berlin-Grunewald
titleJugenderinnerungen und Bekenntnisse
created20020827
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1900
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In der Pfalz

Das erste, was mir nach der Rückkehr in die Stadt zu tun oblag, war, meine Ansichten über den neuen Baustil, die ich dem König mündlich vorgetragen hatte, im Zusammenhang aufzuschreiben und den Aufsatz ins Kabinet zu senden.

Während der langen Spazierfahrten nach dem Diner hatte der König auch dies Thema wiederholt aufs Tapet gebracht. Ich war ein wenig gerüstet, mich sachverständig zu äußern. Hatte ich doch in der Berliner Akademie Böttigers Vorträge über die Tektonik der Griechen und Kuglers Vorlesungen gehört und dann in Bonn unter den verschiedenen Anläufen zu einem wissenschaftlichen Studium auch die Geschichte der Baukunst ein halbes Jahr lang ernstlich in Angriff genommen.

So konnte ich dem Könige manches sagen, was ihm neu war, vor allem ihn über den Begriff des Stiles selbst aufklären, über den er nie tiefer nachgedacht hatte. Daß es stilwidrig sei, eine Fassade äußerlich vor ein Gebäude zu legen, dessen innere Einteilung den äußeren Formen nicht entsprach, daß der Stil sich von innen heraus entwickeln und der Ausdruck der organischen Gliederung sein müsse, hörte er zum erstenmal. Er hatte kein Arg dabei gehabt, zu sehen, daß hohe, breite Kirchenfenster vertikal aufstrebend die Geschosse des Regierungsgebäudes in der Maximiliansstraße durchschnitten, eine dekorative Täuschung, die durch armselige kleine Mittel maskiert werden mußte. Nun sträubte sich sein Wahrheitssinn auch gegen diese Erschleichung eines bloß äußerlichen Effekts, der allerdings »neu« war, aber für einen neuen »Stil« nicht gelten konnte.

Nach seiner bedächtigen Art hatte der König diesen Fragen weiter nachgesonnen und wünschte sich noch gründlicher darüber aufzuklären. Als er daher zu einer Traubenkur in die Pfalz aufbrach – vorher hatte noch am 8. Oktober das oben erwähnte festliche Symposion der Historiker stattgefunden –, mußte ich ihn wiederum begleiten.

Die Königin blieb in München zurück. Das Gefolge des Königs bestand nur in von der Tann, General von Spruner, Baron Leonrod und Baron Wendland, den der König auf der Universität kennen gelernt und seitdem zu allerlei hohen Stellungen befördert hatte, zuletzt zum Gesandten in Paris. Außerdem waren im Gefolge die beiden Kabinettssekretäre Staatsrat Pfistermeister und Herr von Leinfelder, sehr gebildete, liebenswürdige Herren, die vom Könige mit Arbeit überlastet wurden, ohne sonderlichen Dank dafür zu ernten. (Selbst Pfistermeister wurde nur als Beamter behandelt und auch in ländlichen Umgebungen, wo die höfische Etikette nicht streng regierte, nie zur Tafel gezogen, eine Ehre, die manchem Bezirkshauptmann und Forstmeister von weit geringerer Bildung zuteil wurde.)

In Dürkheim war ein Haus gemietet worden, wo die königliche Hofhaltung ein ziemlich beschränktes Unterkommen fand. Es war ein herrlicher Herbst, die schöne Pfalz zeigte sich im besten Licht, ihre Bewohner legten ihre Freude, den Monarchen in ihrer Mitte zu haben, in der verschiedensten Weise an den Tag, und wenn die Traubenkur in den Vormittagsstunden absolviert war, wurde täglich eine andere Spazierfahrt gemacht, die Huldigung eines anderen Städtchens entgegengenommen und ein anderer von den edlen Weinen dieser glücklichen Provinz als Ehrentrunk genossen.

Nur selten kam es vor, daß man die Pferde bestieg, zu meiner stillen Beruhigung. Ein Abenteuer bei einer Landpartie in Berchtesgaden hatte mich über den Unterschied zwischen einem Norweger und einem der anderen Reitpferde aus dem königlichen Marstall gründlich belehrt. Man wollte sich durch die Ramsau nach dem Hintersee begeben, die Damen im Wagen, die Herren zu Pferde. Auch ich hatte ein schönes junges Tier bestiegen, obwohl ich nie reiten gelernt hatte. Aber das vertrauliche Verhältnis, in dem ich so lange mit meinem sanften »Odin« gestanden, hatte mich sicher gemacht. Bald freilich merkte mein Gaul, daß er einen blutjungen Anfänger auf dem Rücken trug, der keine Ahnung hatte, wie man schulgerecht in den Bügeln sitzen und die Zügel führen muß. Ein mitleidiger Stallmeister, der sah, welch einen Reiter von der traurigen Gestalt er vor sich hatte, gab mir ein paar sachkundige Winke, die aber nur halfen, so lange die Gesellschaft im Schritt blieb. Sobald der König einen leichten Trab anschlug, wurde meine Lage bedenklich. Der Stallmeister riet mir, zurückzubleiben und langsam im Schritt weiter zu reiten, was meinem feurigen Tier wenig behagte. Es spitzte die Ohren, kurbettierte nervös, und da es die Kameraden weit voraus sah, wurde es immer ungeduldiger. Ich lenkte es eben an den Rand der breiten, schattigen Chaussee, da ich sah, daß daneben das Gras höher und weicher war als an der anderen, steinigeren Seite, auf die sich unsanfter fallen ließ. Nun aber hörte ich den Wagen mit der Königin und den Hofdamen hinter mir heranrollen, und in dem Augenblick, wo er mich erreichte, stieg mein Gaul kerzengerade in die Höhe, wie um der Majestät die Honneurs zu machen. Ich hielt mich kaltblütig genug in den Bügeln und zog ehrerbietig den Hut. Als aber der Wagen vorüber war und andere mit der Dienerschaft folgten, hielt ich es denn doch für weiser, abzusteigen und mein Pferd einem der Lakaien zu überlassen.

Am Abend erzählte mir die Gräfin Fugger, auf ihre Bemerkung, ich scheine ein ganz flotter Reiter zu sein, habe die Königin, die ein scharfes Auge hatte, lächelnd erwidert: Mein elegantes Salutieren sei ihr sehr unfreiwillig vorgekommen.

In der Erinnerung an diesen Vorfall hatte man mir in der Pfalz einen hochbetagten Schimmel ausgesucht, der an Sanftmut und Rücksicht auf einen Dichter, dessen ritterliche Erziehung vernachlässigt worden war, Gellerts berühmtem Pferde nichts nachgab. Nur einmal wurde auch dieser zuverlässige Freund aus seinem Gleichmut aufgeschreckt, als wir in Edenkoben einzogen und Böller, Musik und Glockenläuten uns tumultuarisch empfingen. Es glückte mir jedoch, der ich zufällig ganz vorn zur Linken des Königs ritt, vor der tausendäugigen Menge zu verbergen, daß ich die Bewahrung meines Gleichgewichts einem verstohlenen Festhalten am Sattelknopf verdankte.

Lange Spaziergänge mit von der Tann, der damals am Halse litt und seine Sorge äußerte, durch dieses Übel vielleicht in Zukunft am Kommandieren im Felde verhindert zu werden, weitere Ausflüge nach Speier, Worms und sogar bis Heidelberg ließen mich in diesen vier Wochen die schöne Pfalz nach allen Richtungen kennen lernen. Die architektonischen Gespräche gingen nebenher, abends nach dem Souper hatte ich vorzulesen und war oft in Verlegenheit, etwas Passendes zu finden. Ich entsinne mich nur des »Letzten Savelli« von Rumohr, Hoffmanns »Fräulein von Scudery«, Goethes »Neuer Melusine« und dieser und jener eigenen Novelle. Am Tage hatte ich allerlei Arbeit für den König, der mich beauftragte, ein Rundschreiben an die bedeutendsten deutschen Architekten zu verfassen, um sie zu einer Äußerung über die Möglichkeit eines neuen Baustils aufzufordern. Noch immer war er über diesen Punkt nicht völlig ins reine gekommen.

Umsonst hatte ich eingewendet, daß ein Künstler, je talentvoller er sei, desto ausschließlicher zu schaffen, nicht theoretisch über die Möglichkeit, zu schaffen, nachzudenken pflege, am seltensten aber der Mann dazu sei, was er etwa an ästhetischen Überzeugungen in sich trage, klar und bündig auszusprechen. Die wenigen Großen, die auch das gekonnt, bestätigten eben nur als Ausnahmen die Regel.

Der König aber ließ sich nicht irre machen in seiner Meinung, hier erst aus der rechten Quelle zu schöpfen. Das Rundschreiben wurde vervielfältigt und verschickt. Was es für einen Erfolg hatte, ist mir nicht erinnerlich, nur daß eine Menge Gutachten einliefen, die mir nicht mehr mitgeteilt wurden. Dagegen mußte ich noch die Konkurrenzentwürfe zum Bau des Maximilianeums, die in großen Mappen eigens zu diesem Zweck aus München verschrieben worden waren, sorgfältig studieren. Ich lernte daraus nichts Neues, nur daß die Aussicht auf die königliche Gunst und einen großen Auftrag selbst gewissenhafte Künstler zu abenteuerlichen Phantastereien zu verführen vermocht hatte. Als ich dem Könige einen mündlichen Vortrag darüber hielt, konnte ich den unliebsamen Zweifel, den ich ihm erregt, ob wirklich der Plan des Vicomte de Vaublanc – eines Herrn an seinem Hofe, der in Architektur dilettierte und alle Mitbewerber besiegt hatte – den Vorzug verdient hätte, nur damit beschwichtigen, daß der auserlesen günstige Platz, auf dem das wunderliche Gebäude errichtet war, selbst einem noch geringeren Werk einen gewissen Effekt gesichert haben würde.

Dies sollte das letztemal bleiben, daß ich über die bis zur Erschöpfung diskutierte Frage dem Könige Rede stand. Ich war trotz des behaglichsten, abwechslungsreichsten Lebens mit der Zeit in eine Melancholie verfallen, die durch influenzaartige körperliche Zustände gesteigert wurde. Ich hörte auf zu essen und zu schlafen; ich wußte, daß meine Frau, die ein Kind erwartete, mich schwer entbehrte, während ich hier, nachdem die baulichen Interessen bei dem Könige in den Hintergrund getreten waren, mir sehr überflüssig vorkam. Der zweite Leibarzt, Dr. v. Schleiß, stellte die Diagnose meines Leidens auf Nostalgie und befürwortete meine Entlassung in die Heimat, die der König denn auch in Gnaden gewährte. Und wirklich war es vor allem der psychische Druck, der auf mir gelastet hatte. Kaum hatte ich die Eisenbahn bestiegen, so fühlte ich auf einmal das Leiden von mir weichen und konnte in Mannheim, wo ich eine Stunde Aufenthalt hatte, eine Mahlzeit zu mir nehmen, wie es mir an der königlichen Tafel seit vierzehn Tagen nicht mehr möglich gewesen war.

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