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Jugenderinnerungen und Bekenntnisse

Paul Heyse: Jugenderinnerungen und Bekenntnisse - Kapitel 19
Quellenangabe
typeautobio
booktitleGesammelte Werke, 3. Reihe, Band I
authorPaul Heyse
year1924
publisherJ. G. Cottasche Buchhandlung Nachfolger / Verlagsanstalt Hermann Klemm
addressStuttgart - Berlin-Grunewald
titleJugenderinnerungen und Bekenntnisse
created20020827
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1900
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Berchtesgaden

Der Erfolg des Stückes hatte einen Lieblingswunsch des Königs von neuem angeregt: den Mächtigsten seiner Vorfahren, Ludwig den Bayern, in einem Schauspiel verherrlicht zu sehen.

Uhlands Drama, das, im Jahre 1818 gedichtet, bei der Preisbewerbung um das beste dramatische Gedicht aus der bayerischen Geschichte keinen der beiden Preise gewonnen hatte, konnte bei allem edlen dichterischen Reiz des Stils als Bühnenstück nicht in Betracht kommen, da ihm jede dramatische, geschweige denn theatralische Wirkung versagt war. Was dem Altmeister nicht gelungen war, wünschte der König von mir erreicht zu sehen, und mein Bedenken, daß ich, ein so guter Münchener ich geworden, doch vielleicht den Ton nicht zu treffen vermöchte, der in bayerischen Herzen vollen Widerhall weckte, wurde nicht angenommen. Mein tieferes, daß mir einem historischen Stoff gegenüber, der in allen Einzelheiten jedem Schulknaben bekannt ist, keine Freiheit bliebe, an Charakteren und Begebenheiten auch nur die geringste Änderung vorzunehmen, die für die dramatische Wirkung günstig sein würde, hielt ich weislich zurück. Der König würde schwerlich ein Verständnis dafür gehabt haben, daß ein historisches Drama etwas anderes als eine wahrhaftige dramatisierte Gerichte sein müsse.

So versprach ich, der Aufgabe nachzudenken, sobald ich mit einem frei erfundenen Schauspiel fertig geworden wäre, den »Grafen von der Esche«, das ich gleich nach der »Pfalzgräfin« entworfen hatte, um meine Hand in einem kräftigeren Stil zu üben, als jenem höfischen parlando in fünffüßigen Jamben.

Ich nahm die Arbeit in meine Sommerfrische mit, zu der ich mir das kleine, anmutig gelegene Adelholzen unweit Traunstein ausersehen hatte. Hier gesellten sich auch Sybels, Windscheids und Schack zu uns, und wir genossen ein vergnügliches Stilleben im bösesten Wetter, über das mich der Fortgang der »Eschen«, das Billardspiel mit Sybel und die Lektüre der »Bakchen« des Euripides mit Schack hinlänglich trösteten.

In der Mitte des August aber erhielt ich die Einladung des Königs nach Berchtesgaden.

Schon früher hatte Ranke mehrere Wochen bei König Max in der schönen Berchtesgadener Villa zugebracht. Bodenstedt und Riehl hatten dann vor etlichen Jahren den hohen Herrn auf einer Reise durch das bayerische Gebirge begleiten dürfen. Geibel, der den Sommer regelmäßig in seiner Heimat und einem der Ostseebäder zubrachte, hatte seinen Urlaub. So war die Reihe, an der Sommerfrische der Majestäten teilzunehmen, an mich gekommen.

Ich gestehe, daß ich im ersten Augenblick über die mir zugedachte Ehre nicht sonderlich erfreut war, da sie meine Badekur und die Arbeit, die mir sehr am Herzen lag, unterbrach und mich von meiner Familie und den Freunden trennte. Ich wurde aber bald anderen Sinnes, und wenn ich jetzt zurückdenke, stehen mir jene sechs Wochen, die ich in der herrlichen Gebirgswelt am Königshof verleben durfte, in märchenhaftem Glanz vor der Erinnerung.

Ich kannte Berchtesgaden noch nicht, hatte nur gehört, daß es für die Perle in dem reichen Kranz der bayerischen Berge galt. Doch alle meine Erwartungen sollten übertroffen werden.

Am schwülen 16. August waren wir in einem Extrazug nach Salzburg gefahren, wo König und Königin die alte Kaiserin von Österreich noch begrüßen wollten. Ich selbst fuhr mit Kobell und Ricciardelli ohne Aufenthalt weiter, nach der dumpfen Eisenbahnfahrt doppelt erquickt im offenen Wagen die reine Abendluft einatmend, die sich mehr und mehr verkühlte, je näher wir dem Ziele kamen. Im Orte selbst empfingen uns Bergfeuer, die tausend Flammen und Lichter der Illumination, Glockenläuten und Böllerschüsse und der fröhliche Juhschrei von den Halden, da man uns Vorläufer für die Majestäten hielte und über all dem festlichen Glanz und Lärm der feierliche Gruß des Watzmann und Göll, die ihre hohen Häupter gegen das reine Blau des Nachthimmels hoben, von einer zauberhaften Sternenpracht umfunkelt.

Die königliche Villa liegt auf halber Höhe über dem Ort, in glücklichster Freiheit dem Gebirge gegenüber. Sie ist im Gegensatz zu dem mächtigen alten Schloß in einem leichten und doch vornehmen Stil gebaut, mit vorspringendem Dach und schlanken Balkonen, und ein langgestrecktes Corps du logis schließt sich an das Hauptgebäude an. Die Gesellschaft bestand aus von der Tann und seiner Gemahlin, dem alten General Laroche, Graf Pappenheim, Graf Seinsheim, Ricciardelli, Kobell, dem Leibarzt von Gietl und den Hofdamen Gräfin Fugger und Freiin von Redwitz.

Ich hatte mein Zimmer neben dem des Grafen Pappenheim, der sehr musikalisch war. Gleich am ersten Morgen hörte ich ihn auf der Geige einen Czardas spielen, der mir aus einem Münchener Konzert ungarischer Zigeuner kurz vor der Abreise im Ohr hängen geblieben war, so daß ich ihn beständig vor mich hinsingen mußte. Der Verkehr mit den Zimmernachbarn war auch sonst der gemütlichste, den man wünschen konnte. Am nächsten Vormittag führte mich Kobell nach der Schießstatt hinunter und stellte mich dem Forstmeister Herrn Sutor vor, der mir, da ich mich einschießen sollte, einen jungen Forstgehilfen namens Phrygius zum Lehrmeister gab. Ich hatte Zeit, mich im Orte umzusehen bis zum Diner. Nach der Tafel, da die Königin zum Passionsspiel nach Oberammergau gereist war, fuhren wir mit dem Könige allein nach Maria Plein und kehrten erst spät nach der Villa zurück.

Auch an den folgenden Tagen war die Tagesordnung die gleiche. Den Vormittag hatte ich für mich, konnte meine Briefe schreiben, den Druck der »Grafen von der Esche« (als Bühnenmanuskript) korrigieren, spanische Romanzen übersetzen und »Ludwig den Bayern« bebrüten. Dabei blieb noch Zeit zu einem Spaziergang und den Schießübungen, die mir viel Freude machten. (Schon am ersten Tage verzeichnet mein Tagebuch mit Genugtuung »zwei Dreier hintereinander«.) Gewöhnlich um vier Uhr das Diner, unmittelbar darauf eine längere Spazierfahrt, wobei ich oft die Ehre hatte, mit dem Könige allein zu fahren, manchmal zwei oder dritthalb Stunden lang, in denen ich über die verschiedensten Themata, ästhetische, literarische, oft sogar politische, mich aussprechen mußte.

Ich hatte es mir zum Gesetz gemacht, immer, natürlich in der bescheidensten Form, meine ehrliche Meinung zu sagen, auch wenn sie den Ansichten des Königs, die mir bekannt waren, widersprach. So hielt ich es auch, wenn der König das Gespräch auf gewisse politische Lieblingspläne lenkte, wie etwa die Triasidee. Ich bekannte ohne Umschweife meine kleindeutsche Gesinnung, wegen deren ich ja auch schon von der Augsburger »Allgemeinen Zeitung« bei Gelegenheit meines Aufsatzes über Giusti angegriffen worden war. (Übrigens hatte der fanatisch großdeutsch gesinnte Dr. Orges das Giustische Gedicht Sant' Ambrogio, das ich übersetzt, mißverstanden, da es nichts weniger als feindselig gegen Österreich gemeint war.)

Statt mir meine offenen Bekenntnisse übel zu nehmen, ging der König seinerseits mit allerlei sehr persönlichen Mitteilungen heraus. So zum Beispiel in betreff des Verhältnisses zu seinem Vater. Er gestand, daß es sein Ehrgeiz sei, wie König Ludwig I. sich durch die Kunst Ruhm und ein Verdienst um sein Volk erworben habe, nun seinerseits durch die Förderung der Wissenschaften sich in gleicher Weise einen Namen zu machen, und fragte mich geradezu, ob auch ein Fürst, der sich jeder »gewaltsamen Handlungsweise« enthalte, hoffen dürfe, einen hohen Rang in der Geschichte einzunehmen. Ich konnte die Frage mit gutem Gewissen bejahen und an einigen Beispielen der Geschichte erläutern.

An diese Spazierfahrten schlossen sich dann zuweilen kleine Wanderungen auf steileren Bergpfaden, auf denen die Königin allen voran war. Nach der Rückkehr hatte man beim Tee wieder zu erscheinen, worauf, wenn der König sich zurückzog, noch ein Souper, eine Partie Billard, zuweilen eine Mondscheinpromenade folgte. Vorgelesen wurde an diesen Teeabenden nicht mehr, auch der schöne Flügel niemals geöffnet. Oft aber brach man zu größeren Ausflügen schon früh am Tage auf, fuhr etwa in einer schöngeschmückten großen Barke über den Königssee nach Bartholomä, wo die Kirchweih das Gebirgsvolk von weither zusammengeführt hatte, oder sah dem – nassen und trockenen – Holzsturz zu, bei dem riesige Stöße geschlagener Fichtenscheite, die auf der Höhe eines jäh abfallenden Felsens aufgeschichtet waren, durch einen gestauten Wildbach, dem plötzlich das Wehr weggezogen wurde, oder durch das Abschlagen der Stützen die ungeheure Wand hinab in den See geschleudert wurden. Oder man fuhr nach einem der weiter entlegenen Jagdhäuser, wo im Freien getafelt wurde. Bei solchen Gelegenheiten war die Königin besonders liebenswürdig und heiter, pflückte große Sträuße Wiesenblumen und unterhielt sich ausführlich mit dem Volk, das sich ihr zutraulicher näherte als dem »Herrn Kini«. Ich erinnere mich, daß einmal eine Bäuerin aus ihrer Hütte trat und Ihrer Majestät einen ansehnlichen Ballen Butter, lose in Kastanienblätter gewickelt, als Verehrung überreichte. Die Königin nahm ihn ohne Schonung ihrer Handschuhe dankend selbst in Empfang, versprach, von der Butter zu essen, und befahl dann auch, daß sie abends beim Tee aufgetragen werden sollte, wo sie sich's nicht nehmen ließ, selbst davon zu kosten, trotz des ranzigen Geschmacks, denn diese Liebesgabe hatte vielleicht schon eine Woche lang darauf warten müssen, der Frau Königin gelegentlich dargebracht zu werden.

Der König, bei aller Huld und Güte, die ihm aus den Augen sahen, hatte nicht die Gabe, sich mit den Leuten so »gemein zu machen«, wie es seinem Vater leicht gewesen war. Seiner feineren, zartfühlenden Natur widerstrebte es freilich auch, ein verletzendes Scherzwort hinzuwerfen, wie man König Ludwig I. so manches nacherzählte. Dagegen wußte er königliche Würde und menschliche Liebenswürdigkeit aufs gewinnendste zu verbinden, wenn er in der Villa Gäste bei sich sah, sowohl die höheren Beamten seines eigenen Landes, als fremde fürstliche und hochadelige Herrschaften.

Im Laufe dieser Sommerwochen erschienen am Hoflager der Großherzog von Mecklenburg mit seiner Gemahlin und der alten Großherzogin, der Schwester König Friedrich Wilhelms IV., dem die alte Dame auffallend ähnlich sah, die Herzogin von Modena, Fürst und Fürstin Lobkowitz, Erzherzogin Sophie mit ihrem Gemahl, Fürst und Fürstin Solms; von geistlichen Würdenträgern der Kardinal Reisach, der Fürstbischof von Salzburg, Bischof Ketteler von Mainz und der Bischof von Regensburg; von Staatsmännern unter anderen Herr v. Beust (»feiner, geistreicher, nervöser Diplomatenkopf, ohne Größe, aber nicht ohne Festigkeit«. Tagebuchnotiz vom 25. August). Unter all dieser wechselnden Gesellschaft bewegte sich der König mit der freiesten Haltung, sichtlich bemüht, sich jedem freundlich zu erzeigen und wie ein anderer gastfreier Hausherr es seinen Gästen wohl zu machen. Dabei, so empfänglich er für Scherz und Witz war, hielt er stets eine gewisse Grenze inne, und wenn im Geplauder beim abendlichen Punsch nach einer erfolgreichen Jagd Histörchen vorgebracht wurden, wie sie in Männergesellschaften unbedenklich im Schwange zu gehen pflegen, stimmte er nur aus Höflichkeit in das Lachen der übrigen ein und wurde gleich wieder ernst. Auch auf ihn konnte man das Wort anwenden, daß das Gemeine in wesenlosem Schein hinter ihm lag.

Obwohl nun er selbst nicht so recht eigentlich ein Jäger, nur ein guter Schütze war – er nahm gewöhnlich ein Buch auf seinen Stand mit, in dem er las, bis sein Jäger ihm beim Herannahen eines Wildes die Büchse überreichte –, versäumte er doch nicht, zur Herbstzeit in den verschiedenen weitgedehnten Hochlandsrevieren zu jagen, was ihn oft tagelang von der Villa fernhielt. Überall hatte er eigene Jagdhütten, die manchmal nur für ihn allein Raum hatten, während seine Herren in Blockhäuschen oder Heustadeln übernachten mußten. In aller Frühe wurde dann aufgebrochen, man bestieg die kleinen gelben, norwegischen Pferde, die auf den schmalen Reitwegen, selbst wenn es steiler hinanging, ihren Reiter so sicher trugen wie in der Ebene, und nahm, wenn man den Platz erreicht hatte, der für die Jagd ausersehen war, den Stand im Bogen ein, den der Forstmeister bestimmte. War dann die Treibjagd vorüber, so wurde nach der Jagdhütte zurückgeritten, im Freien unter hohen Ahorn- oder Fichtenwipfeln diniert, und wenn am andern Tage das Jagen fortgesetzt werden sollte, der Abend bei Punsch, Zitherspiel und Gesang von Sennerinnen, Jägern und Holzknechten verbracht.

Wie mich dies bunte, fröhliche Leben in der mächtigen Hochlandsnatur entzückte, wie dankbar ich war, wochenlang auf die bequemste Art Berg und Tal durchstreifen und die Wunder der Alpenwelt in Regen und Sonnenschein, im ersten Frührot und unter dem leuchtenden Sternenhimmel betrachten zu können, wird jeder Leser mir nachfühlen, der sich an meine städtische Jugend in dem Hinterzimmer der Berliner Behrenstraße erinnert. Es war mir sehr ernst darum, mit einzustimmen, wenn Kobell sein Jägerlied sang:

Wos war's denn ums Leb'n ohne Jag'n?
Koan Kreuzer net gebet i drum.
Wo aber a Hirsch zum dafrag'n,
Wo's Gamsein geit, da reißt's mi 'rum.
Und ist auch an Ehr dabei z' g'winna,
Und muaßt was versteh' und was kinna,
Denn der si net recht z'samma nimmt,
A net leicht zun an Gamsbartl kimmtOberbayerische Lieder mit ihren Singweisen. Im Auftrag und mit Unterstützung Sr. Majestät des Königs für das bayerische Gebirgsvolk gesammelt und herausgegeben von Fr. v. Kobell. Mit Bildern von A. v. Ramberg. 1860..

Daß ich freilich weit davon entfernt war, »was zu verstehn und zu können«, mußte ich bald erfahren. So gute Fortschritte, dank meinem scharfen Auge und meiner ruhigen Hand, ich beim Schießen nach der Scheibe gemacht hatte, es war etwas ganz anderes, wenn der Hirsch durch das niedere Gezweig brach und mit seinen flüchtigen Füßen die Steine den Abhang hinunter ins Rollen brachte, um plötzlich sausend aus dem Dickicht vorzubrechen und in wilder Flucht vorbeizustreichen, – auch dann kaltblütig die Büchse zu heben, auf das Blatt zu zielen und mit dem Finger nicht voreilig oder zu spät den Drücker zu berühren!

Ich gestehe, daß ich von der noblen Passion hoher Herren, von einem sicheren Stand aus auf vorbeigetriebenes Wild zu schießen, bis dahin nicht allzu gut gedacht hatte. Vollends ein Kesseltreiben, wo die Schützen in das dichte Gewühl armer Hasen hineinfeuern, schien – und scheint mir noch heute – ein wenig ritterliches Geschäft, während der Jäger, der sich einsam an das Wild heranpirscht oder gefährliche Bergpfade erklettert, »um ein armselig Grattier zu erjagen«, Mut und Geschicklichkeit aufwenden und oft sogar sein Leben einsetzen muß. Und wenn es nötig ist, um den Wildstand nicht übermäßig sich mehren zu lassen, in bestimmten Fristen die überzähligen abzuschießen, sollte man, meint' ich, dies berufsmäßigen Jägern überlassen und nur auf einem Pirschgang sich daran beteiligen.

Bald aber erfuhr ich an mir selbst, daß es auch bei einer Treibjagd auf allerlei Mannestugend ankommt, Ausdauer in Wind und Wetter, Herzhaftigkeit, wenn ein zur Wut gehetztes Tier in blinder Angst auf den Schützen geradeswegs losstürmt, endlich ein sicheres Auge und eine feste Hand. Eine Jagd, wie die vor der Watzmannscharte, von sechs Uhr morgens bis drei Uhr mittags, erst eisiger Frühnebel, dann Regengüsse, dann wieder stechende Sonne und Gewitterschwüle, während die Gemsen, hinten an der steilen Wand über Bartholomä hinaufgetrieben, oben auf der Schneide des Berges langsam auftauchten und, mit zuckenden Sprüngen herabkommend, der Kugel nur ein unsicheres Ziel boten – dazu diese sieben Stunden lang regungslos, die Büchse auf den Knien, auf einem Felsblock ausharren und rechts und links Schüsse knallen hören, während einem selbst kein Stück Wild schußgerecht kommen will – wer da nicht am Ende in ein mordlustiges Fieber gerät, als ob die edlen Tiere, die in der Ferne vorübersausen, es schadenfroh darauf abgesehen hätten, einen zu narren, der hat nicht nur keinen Tropfen Jägerblut, sondern überhaupt kein rotes Blut im Leibe, dem nichts Menschliches fremd ist.

In einer poetischen Epistel an meinen Freund Hermann Lingg, als man uns beide in das Komitee eines Münchener Schützenfestes gewählt hatte, habe ich erzählt, wie es damit zuging, daß ich zum erstenmal, nachdem ich häufig leer ausgegangen war, ein Stück Wild zur Strecke liefern konnte. Bei dem dunklen Gefühl, daß mein kleiner Phrygius sich als stiller Mithelfer daran beteiligt habe, war ich auf das erste Jagdglück nicht sonderlich stolz. Ich erwähne es hier nur, um der Güte des Königs zu gedenken, den mein bisheriges Mißlingen mehr als mich selbst verdrossen hatte, da er auf diesen Jagdausflügen nur frohe Gesichter unter seinen Gästen zu sehen wünschte. Wahrhaft gerührt aber war ich durch einen anderen Beweis seines Wohlwollens gegen mich.

Als wir oben auf dem Plateau unter dem Watzmann angelangt waren, wo wir übernachten sollten, – die Pferdchen wurden abgezäumt und zum Grasen sich selbst überlassen, die Köche errichteten im Freien ihre improvisierten Herde und zündeten große Feuer aus Latschen und Knieholz an – sagte mir der König: Kommen Sie mit! Ich will Ihnen das Haus zeigen, in dem ich übernachten werde!

Er führte mich nach einer unscheinbaren Holzhütte, wohl erst für die Gelegenheit aufgeschlagen, innen aber sogar tapeziert und ganz behaglich eingerichtet, mit einem Komfort, den ein echter Jäger verschmäht haben würde.

Sehen Sie, sagte der König, indem er ein Buch von einem niederen Tische nahm, da hab' ich mir auch was zum Lesen mitgebracht. Kennen Sie das Buch? – Ich sah, daß es meine »Thekla« war. Die heilige Thekla auf der Gemsjagd, Hexameter statt der Schnadahüpfel! Gewiß hat der König keine drei Verse darin gelesen oder höchstens, um sich in Schlaf zu bringen. Ich wußte ja, daß ihm das Gedicht nicht gefiel. Er hatte es nur mitgenommen, um seinem Gast etwas Freundliches zu erweisen.

An den Abenden nach der Jagd, sobald das Souper vorüber war und man beim Punsch saß, wurde vorgelesen, wenn man nicht in einer Sennhütte Zither spielen und Schnadahüpfel singen hörte, wie an jenem Tage, wo der Großherzog von Mecklenburg mitgejagt hatte. Kobell las, was er kürzlich gedichtet hatte, ich gab meine Novelle »Andrea Delfin« zum besten, in kleinen Abschnitten, da alle müde waren und man früh sein Lager aufsuchte. General Laroche schnarchte gewöhnlich schon während der Vorlesung so laut, daß es schwer hielt, ihn mit der Stimme zu überbieten. Fataler war's, daß diese Nachtmusik, wenn wir mit dem alten Herrn eine Blockhütte teilten, keinen von uns auf seiner Heumatratze zum Schlafen kommen ließ.

In wie hellen Farben stehen all diese bunten Abenteuer vor meiner Erinnerung! Wie unvergeßlich ist mir der heitere Blick des gütigen Fürsten, mit dem er in das fröhliche Treiben hineinsah, während er über den Freuden, die er anderen bereitete, das Leiden, das ihn auch in die reine Höhenluft begleitete, sein fast ununterbrochenes Kopfweh zu vergessen schien.

Doch mußte die lange Reihe auch dieser »schönen Tage«, die fürwahr nicht »schwer zu ertragen« war, einmal ein Ende finden.

Am Tage nach jener Jagd in der Watzmannscharte beurlaubte ich mich von den Majestäten, deren Rückkehr nach München bevorstand. Ehe ich am 27. September abreiste, hatte ich unter anderen Besuchen mich auch von den jungen Prinzen zu verabschieden. Sie waren während der ganzen Zeit, wo sie ebenfalls in der Villa wohnten, selten zum Vorschein gekommen. Ein einziges Mal hatten sie an einer Ausfahrt teilgenommen, doch auch da nicht in unmittelbarer Nähe der Eltern. In einem kleinen Boot fuhren sie mit ihrem Gouverneur der großen geschmückten Barke nach, die König und Königin mit dem gesamten Hofstaat über den Königsee nach Bartholomä brachte. Es war gewiß eine weise pädagogische Maßregel, daß die Knaben dem zerstreuenden Hofleben ferngehalten wurden, um den Fortgang ihrer Studien nicht zu stören. Doch ein wenig mehr Freiheit in einer sommerlichen Ferienzeit hätte man ihnen wohl gegönnt. Und seltsam war es, daß der König, so oft eine Anfrage an ihn kam, wie dies und das im Unterricht der Prinzen eingerichtet werden sollte, stets antwortete, man solle sich erkundigen, wie es damit in seiner eigenen Schülerzeit gehalten worden sei, und es genau so wieder machen. Und er klagte doch darüber, daß seine Jugendbildung vernachlässigt worden sei! Es schien, als ob er über der Sorge für die Erziehung seines Volkes das Interesse an der seiner eigenen Kinder verloren habe.

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