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Jugenderinnerungen und Bekenntnisse

Paul Heyse: Jugenderinnerungen und Bekenntnisse - Kapitel 10
Quellenangabe
typeautobio
booktitleGesammelte Werke, 3. Reihe, Band I
authorPaul Heyse
year1924
publisherJ. G. Cottasche Buchhandlung Nachfolger / Verlagsanstalt Hermann Klemm
addressStuttgart - Berlin-Grunewald
titleJugenderinnerungen und Bekenntnisse
created20020827
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1900
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Acht Tage hatten wir dazu bestimmt, »das Leben zu schlürfen an Parthenopes üppigem Busen«, nachdem wir »den Tod gelernt über den Trümmern der Welt«, wie A. W. Schlegel sich ausdrückt. Seltsam genug, daß wir lebensfrohen, jungen Leute einige Mühe hatten, nachdem wir den römischen Tod liebgewonnen, uns mit dem parthenopeischen Leben zu befreunden.

Wir waren nicht übel untergebracht im vierten Stock einer Maison garnie, wo wir die herrlichste Aussicht auf das Meer und zum Vesuv hinüber hatten. Auch war, trotz der heftigen Frühlingswinde, das Wetter leidlich genug, um von früh bis spät zu Fuß, zu Wagen und in der Barke alle berühmten Stätten: Posilipp, Grab des Vergil, Kastell S. Elmo, San Martino, Camaldoli zu besuchen, zuletzt auch noch eine schöne Meerfahrt an der Küste von Bajä zu unternehmen. Aller Zauber des Himmels und der Erde konnte uns aber unser Rom nicht vergessen machen, das hinter uns lag wie ein geheimnisvolles, mit wundersamen Bildern geschmücktes Buch, in dem wir nur erst geblättert, nur erst das Inhaltsverzeichnis studiert hatten, so daß uns eine unendliche Sehnsucht nachging, in den unerschöpflichen Text tiefer einzudringen.

Von antiken oder bedeutenden Bauwerken des Cinquecento war hier unten nichts zu finden, die Kirchen innen und außen in schlechtem Geschmack oder wie San Martino mit übermäßigem Prunk ausgestattet. Das Museo Borbonico bewahrte zwar die wundervollsten antiken Bronzen, aber mit dem überwältigenden Eindruck des Braccio Nuovo im Vatikan war nichts zu vergleichen, so wenig die Gemäldesammlung im oberen Stock, der es doch auch an Meisterwerken nicht fehlte, sich neben der Galerie Borghese oder gar den Stanzen Raffaels und der Sixtinischen Kapelle sehen lassen konnte.

Nach und nach fanden wir uns darein, hier auf große Kunstgenüsse zu verzichten und vor allem »das Leben zu schlürfen«. Das wogte, lachte und lärmte nun freilich wilder und farbiger hier unten, als selbst im Korso Roms an den Tagen des Karnevals, und zumal in der breiten Straße, die vom Postgebäude unten am Hafen ins Herz der Stadt hineinläuft, konnte man sich stundenlang am Volksgewühl ergötzen, das sich um die offenen Garküchen und Weinbuden drängte und für wenige Gran seinen Hunger an Meerfrüchten stillte, die eben aus der siedenden Ölpfanne gefischt oder auf runde Maisfladen gelegt und gebacken wurden. Dazwischen flimmerten die ewigen Lämpchen vor den Madonnenbildern in den offenstehenden Häusern, Karren mit Orangen, lustig mit grünen Zweigen herausgeputzt, wanden sich langsam durch das Gewühl, hier und da saß eine Geldwechslerin an einem niederen Tische, auf dem die kupfernen Tornesi in großen Säcken aufgepflanzt standen, oder ein Weib, in Lumpen gekleidet, kauerte auf einem Strohstühlchen und bot mit der mageren, schmutzigen Hand ein kleines Bündel Kerzen oder ein paar Früchte zum Verkauf.

Hatte man sich endlich an diesem ewig gleichen und ewig wechselnden Schauspiel satt gesehen, so ging man in das unfern gelegene Theater San Carlino – das große San Carlo hatte Ferien – um in einer übermütigen Posse im Dialekt seine Studien des neapolitanischen Volkscharakters forzusetzen.

Vom italienischen Theater hatten wir in Rom nur wenig charakteristische Eindrücke empfangen. Mein Tagebuch verzeichnet nur eine Aufführung zweier Komödien im Teatro Valle, La bella e la bestia und L'anello della madre, letztere besonders Kotzebuisch, beide sehr gut gespielt.

Außerdem ist mir noch eine wunderschöne Tänzerin Fuoco lebhaft in der Erinnerung geblieben, deren leidenschaftlicher Tanz ganz ihrem Namen entsprach. Eine Operngesellschaft scheint in jenem Winter in Rom nicht aufgetreten zu sein.

Desto glänzender erschien das mimische Talent, das den Italienern im Gegensatz zu uns Nordländern angeboren ist, in diesen Volkskomödien, die uns manchen Abend nach San Carlino lockten. So wenig wir wegen des Dialekts vom Dialog verstanden, so hoch ergötzten wir uns an der unwiderstehlichen Komik der Gebärden, die uns den Gang der Handlung vollkommen verständlich machten. Die alte Tradition der Commedia dell' arte mit ihrer Improvisation auf Grundlage eines bloßen Szenars war hier noch lebendig, und das sprühende Temperament der Schauspieler hielt das ganze hohe und niedere Publikum unablässig im Bann eines wahrhaft elementaren Entzückens.

Selbst unser treuer irischer Reisegefährte, der sich unzertrennlich an unserer Seite hielt, fand an Pulcinella Vergnügen. Im übrigen hatte er mehr die Gabe, uns zu ergötzen, als sich selbst. Sein sonderbares französisches Radebrechen – er verstand nicht ein Wort Italienisch – brachte ihn oft genug in Verlegenheiten, ohne daß er darüber verlegen wurde. Den Doganieri in Fondi, die ihm andeuteten, er möge sich mit der üblichen Geldspende von der Durchsuchung seines Gepäcks loskaufen, erklärte er trotzig: Pas du tü! Vüs êtes tüs des voleurs, oui! (Er sprach das ou stets wie u.) Doch kam er damit durch. È malsano questo Signore, erklärte der Grenzwächter achselzuckend; non capisce l'italiano. – Auf der Fahrt an der Küste von Bajä geriet er, da die Schiffer sich nicht an das halten wollten, was wir ausbedungen hatten, in Wut und rief: Vüs êtes un farceur, oui! Um ein Haar wäre es zwischen ihm und dem beleidigten Barcarolen, der etwas von falsario gehört zu haben glaubte, zu einem Faustkampf in unserem schwanken Boot gekommen. Es gelang aber, die feindlichen Mächte zu versöhnen, nur verlangte Mister John Porter schleunigst ans Land gesetzt zu werden. Er liebte überhaupt Meerfahrten nicht. C'est trop monotone, oui!

Wir nahmen ihn dann auch nicht nach Pompeji mit, da wir fürchteten, er werde auch dort wenig nach seinem Geschmack und alles trop monotone finden. Uns selbst aber, zumal die glorreichste Frühlingssonne in die Gassen der auferstandenen Stadt hereinsah, waren dort einige Stunden so märchenhaften Zurückträumens in eine entschwundene Welt vergönnt, wie wir sie selbst in unserm geliebten Rom, zwischen Kaiserpalästen und Thermen nicht erlebt hatten.

*

Nach acht Tagen nahmen wir Abschied von Neapel und unserm biederen irischen Freunde und fuhren in einem leichten Wägelchen an der lachenden Küste zu Füßen des Vesuvs nach Sorrent.

Was ich hier in der Rosa magra, »jener billigen, bescheidnen Künstlerherberg alten Stiles« durch vier unvergeßlich schöne Frühlingswochen erlebt habe, mag, wer daran Interesse hat, in den »Idyllen von Sorrent« nachlesen, die in ihrem Distichengeplauder ein wahrheitsgetreues Tagebuch jener Zeit enthalten.

Ich zumal genoß alles Schöne, Heitere und Seltsame des Sorrentiner Frühlings um so mehr con amore, da erst hier die letzten Nachwehen der römischen Fieberwoche mich verließen. Auch hatten wir uns bisher noch nie so tief in italienisches Volksleben eingelassen, wie in diesem Hause, wo kein deutscher Laut vier Wochen lang an unser Ohr drang und wir von den elf Geschwistern, die von vierzehn noch am Leben waren, nur allzu bereitwillig in die Lehre genommen wurden, da wir bei jeder Mahlzeit wenigstens drei oder vier Zuschauer hattenIn dieser Umgebung empfing ich auch die erste Anregung zu meinen späteren Forschungen im Bereich der italienischen Volkspoesie. Die Töchter der Rosa magra wußten eine Menge von damals beliebten Canzonen, die nicht im eigentlichen Sinne dem Volksmund selbst entsprungen, sondern von bekannten volkstümlichen Dichtern in der neapolitanischen Mundart gedichtet und von »gelernten« Musikern komponiert worden waren. Viele von ihnen fand ich später in Sammlungen wieder, die unter dem Titel Pascariello und L'aura di Mergellina in Neapel erschienen waren. Hier aber, unter lustigem Schwatzen von den hellen Mädchenstimmen gesungen, entzückten sie mich höchlich, ich behielt die munteren Melodien und legte einer oder der anderen von ihnen deutsche Texte unter. So entstand unter anderem das seitdem auch von deutschen Musikern oft komponierte: »Sei gegrüßt, du mein schönes Sorrent!« auf die Melodie von Sto crescenno no bello cardillo, und aus diesen Sorrentiner Anfängen ist später mein »Italienisches Liederbuch« hervorgegangen..

Daß hinter dieser zudringlichen Neugier doch auch ein herzlicheres Gefühl verborgen war, sollte ich fünfzehn Jahre später erkennen, als ich mit meiner Frau wieder nach Sorrent kam, Luisa, die älteste der Familie, als Mutter einer erwachsenen Tochter und meinen damaligen Aufenthalt so unvergessen fand, wie ich es in einer Epistel an Scheffel mit einiger Rührung berichtet habe.

Dieser Altersgenosse war mir zuerst im vorigen November in Rom begegnet, und durch unsere gemeinsame Freundschaft mit Friedrich Eggers, der die Gabe besaß, kunstbeflissene junge Leute (seine »Leibschwaben«) an sich zu fesseln, waren wir bald einander näher gekommen.

Als ich ihm jetzt in Capri wieder begegnete, stand er noch am Scheidewege zwischen der Malerei, die seine erste Liebe gewesen war, und der Poesie. Doch hatte sich während der einsamen Monate, die er auf dem Eiland der Sirene verbracht, die Schale stark auf die Seite der letzteren gesenkt. Der »Trompeter von Säckingen« war entstanden, indem er auf dem flachen Dache der Herberge Paganos »unbarmherzig dichtend« auf und nieder schritt, mitten unter allem südlichen Zauber von Land und Meer ein Schwarzwaldlied voll von deutscher Minne und Humor »Aus dem Engern«. Wir beschlossen, in Sorrent eine »Akademie« zu gründen, in der aus Leibeskräften gezeichnet, gedichtet, philosophiert werden sollte. Das dritte Mitglied dieses würdigen Instituts ließ uns aber im Stich. Otto Ribbeck mußte nach Rom zurück seiner Arbeiten wegen, dann kam Scheffel in meine Rosa magra zu mir herüber, und wir blieben vierzehn Tage in heiterer Kameradschaft beisammen. Abend für Abend las er mir ein Kapitel seines »Sangs vom Oberrhein« und ich ein Stück meines »Perseus«. Ich ergötzte mich sehr an Fludribus, dem Zwerg Perkeo und dem Kater Hiddigeigei, mehr als an der Liebesgeschichte, die mir etwas düsseldorfisch-romantisch schien, und ahnte nicht von fern den ungeheuren Erfolg, den dieser Erstling des Freundes gewinnen sollte. Ja ich fand es immerhin verwegen, darauf eine Poetenzukunft zu gründen.

Um so freudiger habe ich dann den herrlichen Ekkehard begrüßt und begriffen, daß die deutsche Jugend, zumal die trinkbare, das »Gaudeamus« mit heller Begeisterung aufnahm.

Wir machten noch zusammen einen fröhlichen Ausflug nach Pästum, bei dem uns eine Empfehlung Don Paganos an den Wirt der Cappuccini in Amalfi und die Padrona della Locanda del Sole in Salern sehr zustatten kam. Der Tag aber, der uns nach Pästum brachte, leuchtet noch heute in meiner Erinnerung nach als einer der seltenen, an denen kein Erdenrest den Flug in die Regionen des Erhabenen behindert hat.

Bei der Rückkehr in unsere Rosa magra fand der Freund einen Brief seiner Eltern vor mit der Nachricht, daß die Verlobung seiner schönen, sehr geliebten Schwester gelöst und sie infolge davon in eine schwere Krankheit verfallen sei.

Am nächsten Tage reiste der Bruder ab, um den Seinigen in dieser schweren Zeit nahe zu sein. Ich selbst blieb noch fünf Tage einsam zurück, um einer Arbeit willen, die mir auf der Fahrt über Amalfi nach Salern im Kopfe herangereift war.

Gleich in den ersten Sorrentiner Tagen hatte ich mich an ein wunderliches Lustspiel gemacht, zu dem ich den Plan fertig von Rom mitgebracht hatte, eine Episode aus dem Leben Samuel Footes (1719 in Cornwallis geboren), des originellen, dicken, witzigen Schauspielers und Theaterdichters, der durch einen Sturz mit dem Pferde ein Bein verloren hatte, aber mit seinem Stelzfuß in burlesken Rollen, zumal in Weiberröcken, große Erfolge hatte. In dem englischen Reisebuch des Peter Helferich Sturz hatte ich die Anekdote gelesen, wie er, um einem Freunde zu einer reichen, abergläubischen Frau zu helfen, den Wahrsager gespielt, so erfolgreich, daß er zur Belohnung von dem glücklichen Ehemann eine Leibrente erhielt, die ihm aus seiner beständigen Geldnot heraushalf. Was mich bewegen konnte, dieses dürftige Schwankmotiv zu bearbeiten, noch dazu in unserm Sorrentiner Paradiese, ist mir heute noch rätselhaft. Auch war das Ergebnis so armselig, daß, als ich das Stück später meinen lieben Kuglers vorlas, niemand sich daran belustigte, ja überhaupt, nachdem ich geendet hatte, kein Wort der Kritik laut wurde, so daß ich die Blätter, gleichfalls ohne ein Wort zu sagen, sofort in den Ofen steckte.

Mit allerlei Lyrik, die in das Schreibheft des alten Justinus eingetragen wurde, war mir's besser geglückt. Nun, in der tiefen Einsamkeit, brachte ich auch die Novelle der Arrabbiata zustande, zu der ich ausgiebige Studien nach dem lebenden Modell gemacht hatte. Es war ein kaum siebzehnjähriges, blutarmes Ding, das mir dazu – saß, kann ich nicht sagen, da der Wildfang in beständiger, heftiger Bewegung war und daher von den Geschwistern in der Rosa magra jenen Spitznamen erhalten hatte; von Schönheit war in ihrem leidenschaftlichen, jungen Gesicht nichts anderes zu entdecken als die feurigen Augen, die wundersam blitzten, wenn die Kleine mittags bei mir eintrat, mir ein paar irgendwo gestohlene Blumen auf den Tisch warf und dann im Zimmer herumsauste, daß ich sie endlich auf den Balkon hinausschaffen und die Glastür hinter ihr zuschließen mußte, durch die sie dann wie eine wilde Katze zu uns hereinfeixte. Sie hatte aber auch ihre stillen, melancholischen Tage, und beim Abschied brach sie in Tränen aus. Nach fünfzehn Jahren, als ich sie wieder sah, war sie eine gesetzte, gleichmütige, etwas korpulente Frau geworden und entsann sich nicht des Unfugs, den sie damals getrieben, während Luisa und ihre Schwester alles in gutem Gedächtnis behalten hatten.

Auch in einigen damals entstandenen Liedern spielt Laurella eine Rolle, gleichsam die Inkarnation wilder südlicher Mädchenjugend. Und so konnte ich, als ich am 15. Mai mein Bündel schnürte, doch auch ein paar dichterische Früchte mit hineintun, die mir in den Sorrentiner Zaubergärten herangereift waren.

*

An eine Besteigung des Vesuvs hatte ich nicht denken können, so lange Freund Ribbeck bei mir war, da wir ihn der Anstrengung nicht gewachsen glaubten. Als nun auch Scheffel mich verlassen hatte, fühlte ich mich nicht mehr dazu aufgelegt, das Abenteuer allein zu bestehen, sondern ließ den alten Wolkenversammler in Hoffnung eines späteren besseren Glücks hinter mir, zu dem es niemals kommen sollte.

In gleicher Hoffnung, die ebensowenig späterhin sich erfüllt hat, hatte ich auch auf Sizilien verzichtet. Je höher die Sonne stieg, je rascher schmolz mir das Gold im Beutel. Auch stand ich im Dienst der Troubadours, denen ich weder in Palermo noch in Messina und Taormina zu begegnen Aussicht hatte. So fuhr ich am Pfingstmontag früh von Neapel fort, in einem überfüllten Postwagen (ein fetter Prete, ein englisches Ehepaar, ein Kapuziner, drei barmherzige Schwestern) den nun schon bekannten Weg über Capua, Sant' Agata und Molo di Gaeta, diesmal aber rascher als auf der Herfahrt, da wir Terracina schon am Abend des ersten Tages bei Mondschein und Illumination durch Lucciole erreichten. Am Nachmittag des 17. traf ich dann den Onkel und Freund Ribbeck, die mir bis Albano entgegengekommen waren. Wir schlenderten erst durch die schöne Villa Torlonia und die sehr verwilderte des Fürsten Barberini (olim ein Palast Domitians) und fuhren dann die vier Stunden lange Straße durch das Heideland nach Porto d'Anzio, wo Seine Heiligkeit der Papst ein paar Sommermonate zuzubringen pflegte. Auch wir begegneten ihm mit der Guardia nobile und sonstigem Gefolge, wie er im roten Hut und langem weißen Gewande vom alten Hafen herüber sehr rüstig nach seiner Villa schritt.

Infolge dieses hohen Gastbesuchs war für uns niedere Sterbliche kein Unterkommen in Porto d'Anzio zu finden. Wir mußten eine Miglie weiter nach Nettuno wandern, wo uns der alte Gemahl einer dicken Kaffeewirtin in seinem Hause Herberge gab und mir und Otto sein eigenes Ehebett abtrat, während der Onkel mit einem Lager auf einem Sofa vorlieb nahm. Die Nichte der Padrona, ein feines, schnippisches Ding, sorgte für unsere frugale Cena, während die ihre nur aus rohem Salat ohne Öl und die ihrer Magd aus gekochten Seeschnecken bestand. Um sie zu essen, zog sie eine Nadel aus ihrem sehr unfrisierten Haar und holte damit die einzelnen frutti di mare aus ihren Häuschen. Auch im übrigen war dieses malerische Strandnest von aller modernen Kultur noch unangekränkelt. Auf unsere Frage nach einer gewissen Bequemlichkeit wurde uns achselzuckend, aber wie selbstverständlich erwidert: Si fa in strada.

Nach wohldurchfrorener Nacht wendeten wir den hellen Tag dazu an, Porto d'Anzio in seinem päpstlichen Glanze zu betrachten, und landeten abends wieder in Albano. Onkel fühlte sich matt und ging zu Bette, bestand aber darauf, sich die »Arrabbiata« vorlesen zu lassen.

Am andern Morgen war er vor Tau und Tage plötzlich verschwunden und nach Rom zurückgekehrt. Wir beide schickten unser Gepäck nach Frascati voraus und genossen die nächsten Tage auf einer Leib und Seele erquickenden Wanderung durch Ariccia, Genzano, um den Monte Cavo herum nach Rocca di Papa und Grotta Ferrata, bis wir durch die herrliche Ulmenallee, stets von Nachtigallen begleitet, das reizende Frascati erreichten.

Wer das Bild dieser gesegneten Bergnester in eigener Erinnerung bewahrt, dem wird bei der bloßen Nennung ihrer Namen das Herzblut aufwallen. Wem dies Glück noch nicht zuteil geworden, dem würde die liebevollste Schilderung kaum einen schwachen Begriff von ihrem Zauber zu geben vermögen.

Endlich rissen wir uns los und fuhren am Sonntag mit drei Malern, darunter dem virtuosen Architekturmaler Werner, nach Rom zurück.

*

Hier wartete meiner eine hocherfreuliche Überraschung. Jakob Burckhardt war angekommen und hatte mich sogleich aufgesucht. Die achtzehn Tage, die mir noch für Rom übrigblieben, wurden mir durch seine Gesellschaft unendlich wertvoll, da er täglich entweder schon früh oder bald nach Tische sich in unserer Wohnung einfand, mich zu einem Rundgang abzuholen. Wer aus seinem »Cicerone« Anregung und Belehrung in Fülle geschöpft hat, wird ermessen, wie unschätzbar es für mich war, an der leibhaftigen Hand eines solchen Führers alles, was ich von Roms Denkmälern und Kunstwerken schon zu kennen glaubte, nun erst noch einmal aus dem Grunde mir anzueignen und auf so vieles hingewiesen zu werden, was meiner Kenntnis entgangen war. Mein Tagebuch verzeichnete ausführlich, wie wenn ich zu einem kunstwissenschaftlichen Werk Notizen hätte machen wollen, den Gewinn eines jeden Tages.

Daß ich über diesen Studien mit dem Freunde die alten römischen Bekannten nicht ganz vernachlässigte, die Archäologen auf dem Kapitol, die Maler, vor allen Böcklin und den »Tugendbund«, Reinthaler, Riepenhausen, Gregorovius – die lieben Obermeiers hatten Rom verlassen – versteht sich von selbst. Auch von Frau Livia Frege, deren ich noch nicht erwähnt habe, verabschiedete ich mich. Sie war bekanntlich die Gattin eines Leipziger Bankiers und durch ihren schönen Gesang in ein freundschaftliches Verhältnis mit Felix Mendelssohn gekommen, dem sie seine Lieder frisch vom Blatte weg, auf dem die Tinte kaum trocken geworden war, vorzusingen pflegte. In ihrem Hause war ich im November des vorigen Jahres dem damaligen Erbgroßherzog Karl Alexander von Sachsen-Weimar vorgestellt worden, dem ich dann in den langen Jahrzehnten seit jener Zeit für ein stets sich gleichbleibendes, immer neu bewiesenes Wohlwollen mich herzlich verpflichtet fühlen sollte. Nun rüstete sich auch diese liebenswürdige Frau zur Heimkehr, mit allen, die sich nicht malariafest fühlten, oder nicht durch höhere Pflichten gebunden waren, in Rom zu übersommern, was trotz alledem auch uns gereizt haben würde.

Zuletzt verabschiedete ich mich noch von Graf Usedom, der mir mitteilte, er habe die Akten über meine Ausweisung aus dem Vatikan nach Berlin geschickt, es sei a good grievance, mein Fall werde hoffentlich dazu dienen, daß denen, die nach mir kämen, keine ähnliche Unbill zugefügt würde. Ein Trost, mit dem ja auch das gesamte Menschengeschlecht abgefunden wird, dessen üble Erfahrungen den folgenden Generationen zugute kommen sollen.

*

Am regnerischen Morgen des 9. Juni fuhren wir, Ribbeck und ich, in ziemlich trübseliger Abschiedsstimmung aus unserm geliebten Rom gen Norden und erreichten am Abend des ersten Tages Civita Castellana, am Mittag des folgenden Terni, wo uns ein Eselritt zu den berühmten Wasserfällen brachte. Abends blieben wir in Spoleto, dann ging's weiter über Foligno, Assisi, Perugia, Arezzo, bis wir am 16. Florenz erreichten.

Daß der Zögling Burckhardts allem, was auf diesem verschwenderisch von allen Künsten geschmückten Wege sich darbietet, begierig nachging, wird man ihm aufs Wort glauben. Statt kunstgeschichtlicher Exkurse aber, die nur für Eingeweihtere Interesse hätten, sei hier nur der angenehmen Reisegesellschaft gedacht, die bis Foligno den Wagen mit uns teilte: die Frau eines Letterato aus Perugia mit ihrer Schwester, deren Bekanntschaft uns zuerst einen Begriff von dem sogenannten gebildeten Mittelstande in Italien gab, da wir bisher nur von den niederen Klassen und ich durch Onkels fürstliche Schülerinnen von dem Zuschnitt der höheren Stände eine Ahnung erhalten hatten.

An diesen beiden gutbürgerlichen Damen zog uns die natürliche Lebhaftigkeit und Abwesenheit jeder konventionellen Prüderie aufs angenehmste an. In der ersten Viertelstunde wurden wir ins Verhör genommen, ob wir keine Liebsten in Rom zurückgelassen hätten, und da ich mich als ehrbaren Bräutigam eines deutschen Mädchens vorstellte, wollte man dies als ein vollgültiges Zeugnis für meine Tugend nicht gelten lassen und bezeigte starken Zweifel, daß es zwischen mir und der Mariuccia in Sorrent nur zu einem platonischen Verhältnis gekommen sein sollte. Die Rede kam dann auf Volkslieder, ich gab die neapolitanischen zum besten, die ich der Luisa verdankte, und die Damen allerlei etwas leichtfertige Kanzonetten aus ihrer Gegend, deren versteckte Zweideutigkeiten sie uns zu erklären schuldig zu sein glaubten. Alles aber blieb auf dem Fuß einer mutwilligen Plauderei, und da wir auch sonst schon Proben davon erhalten hatten, wie ländlich sittlich die Begriffe von dem, »was sich ziemt«, bei italienischen »edlen Frauen« von unseren deutschen verschieden sind, verloren unsere Reisegefährtinnen durch ihre Schelmenliedchen nichts an unserer Hochachtung.

*

Die fünf Sommerwochen, die wir dann in Florenz verlebten, waren die gleichmäßig freuden- und arbeitsreichsten des ganzen Reisejahrs.

In keiner der großen italienischen Städte hat sich die neue Zeit mit der mittelalterlichen so glücklich verschmolzen, daß alles wie aus einem Gusse erscheint. Auch heute noch, wo in Rom durch die plumpen hastigen Neubauten zwischen den antiken Trümmern und den Palästen der Renaissance das Stadtbild sich immer unharmonischer darstellt, liegt die reizende Blütenstadt in ihr heiteres Tal eingebettet, wie wenn sie dem schöpferischen Geist eines einzigen Baumeisters entsprungen wäre. Keine Wohnkasernen beleidigen, wie in den Mauern Roms, das Auge, das zu den Hügeln von San Miniato und nach dem luftig thronenden Fiesole emporschweift, und der moderne Viale dei Colli, der vor fünfzig Jahren noch zu keiner Piazza di Michelangelo hinaufführte, hat sich so wenig durch ehrwürdige charakteristische Stätten Bahn machen müssen, daß einem ist, als hätte er nie in dem Gesamtbilde der Stadt und ihrer Umgebungen fehlen können.

Manches kam noch hinzu, unser Florentiner Dasein uns sofort heimisch und behaglich zu machen.

Wir hatten gleich am ersten Tage eine uns völlig zusagende Wohnung in der Via del Cocomero gefunden, bei einer freundlichen Dame, der ich in der Novelle »Erkenne dich selbst« ein pietätvolles Denkmälchen gesetzt habe. Auch später zog ich auf meinen südlichen Fahrten ein Quartier bei guten Privatleuten den Gasthöfen vor, da sich dann bald das Gefühl, zu Hause zu sein, einstellte und Blicke in das Innere des bürgerlichen Wesens sich tun ließen, zu denen der Verkehr mit Kellnern und Portiers keine Gelegenheit gibt.

Bei unserer guten Donna Eugenia, die ein kontemplatives Leben auf ihrer Poltrona führte und Verse machte, hatten wir zu Zimmernachbarn ein junges Freundespaar aus Venedig, Maler, die ihren Studien in den Uffizien und der Akademie nachgingen und uns durch die Anmut ihrer Erscheinung sofort anzogen. Dieser Eindruck verstärkte sich noch, als wir dahinterkamen, daß der jüngere, zartere und kleinere der beiden eine Frau oder ein Mädchen war, das in Männerkleidern ihren Gatten oder Geliebten nach Florenz begleitet hatte. Das durchsichtige Geheimnis wurde jedoch von allen Seiten respektiert und gab unserm Verkehr nur einen romantischen Reiz, dem – wie jene Novelle andeutet – auch die dichtende Hauswirtin nicht widerstehen konnte.

Daß wir im übrigen hier durchaus keine Bekannten hatten, sondern auf uns allein angewiesen waren, empfanden wir nach dem zerstreuenden Verkehr in Rom als eine besondere Wohltat. Nicht minder auch die regelmäßige Arbeit, mit der wir beide durch ein paar fleißige Vormittagsstunden das Glück erkauften, so Herrliches an Kunst und Natur zu genießen. Ein Reiseleben ohne einen solchen Pflichtteil, den man seiner ernsten Lebensaufgabe bezahlt, wird auf die Länge so schwer zu ertragen, wie jede »Reihe von schönen Tagen«, in denen kein Wechsel von Arbeit und Genuß für das Gleichgewicht unseres Geistes und Gemütes sorgt. So war ich stets darauf bedacht, unterwegs eine leichte Arbeit mit mir zu führen, die mich wenigstens eine Morgenstunde lang in Atem hielt, und wäre es nur die halbmechanische Beschäftigung mit einer Übersetzung. (Habe ich doch sogar auf der Hochzeitsreise im Sommer 1867 Shakespeares »Timon« zustande gebracht, immer des fröhlichen Gegensatzes mir bewußt, den die Tragik dieses Lebens- und Menschenverächters zu meinem reinen Glücksgefühl bildete.)

Damals, vierzehn Jahre früher, war mein Tagewerk noch besonders darum ersprießlich, weil ich damit der Verpflichtung gegen diejenigen genügte, die von meiner Wanderung durch die Bibliotheken Italiens die Erweiterung unserer Kenntnis der romanischen Literaturen erwarteten. Ich fand hier im wohltuenden Gegensatz zu der üblen Behandlung im Vatikan überall das freundlichste Entgegenkommen und mancherlei Ausbeute auf nicht weniger als vier an Handschriften reichen Bibliotheken, der Riccardiana, Magliabecchiana, Maruccelliana und Laurenziana. Die Schätze der letzteren, die mich am längsten fesselten, waren offen ausgebreitet in dem weiten, von keinem geringeren als Michelangelo architektonisch ausgestatteten Saal, wo jeder Kodex an seinem bestimmten Platz auf den schöngeschnitzten Pulten angekettet liegt, bis der Kustode ihn von der Kette befreit und im Arbeitssaal dem, der ihn studieren will, einhändigt.

Wir arbeiteten freilich im Schweiß unsres Angesichts, denn die Glut dieses Hochsommers wuchs von Tag zu Tag. Doch war's eine reine, trockene Hitze ohne den lähmenden Sciroccohauch, der über der römischen Campagna zu brüten pflegt. Dazu gab es überall Granita und Sorbetti, in den Kirchen und Galerien erhielt sich eine sanfte Kühle, und auf des Tages Last und Hitze folgte die wundervolle reichgestirnte Nacht.

In den Stunden der Siesta freilich war's wohlgetan, das Haus nicht zu verlassen. Wir lasen dann zusammen Terenz oder die übermütigen Geschichtchen der alten Florentiner Novellisten Boccaccio und Sacchetti, dazwischen die ernsthafteren Istorie fiorentine des Machiavelli, die uns noch bis Venedig begleiteten. Ja so wenig hatte die tropische Temperatur Macht über Leib und Seele des dreiundzwanzigjährigen fahrenden Schülers, daß ich eine freche kleine mythologische Farce in Jamben verfaßte, zu der mich die Freske der Caracci vom Polyphem und der schönen Meernymphe Galatea im Palast Farnese angeregt hatte.

Meine alte Leidenschaft für das Drama erhielt aber noch eine ganz andere, viel bedeutendere Nahrung. Im Teatro Cocomero spielte die Ristori, damals in der herrlichsten Blüte ihrer jungen Schönheit und schon ausgereiften Kunst. Neben geringeren Stücken, in denen ich sie bewunderte, sah ich sie in der »Francesca von Rimini« Silvio Pellicos. Der junge Rossi spielte den Paolo. So wenig das Stück mit seiner konventionellen, weichen Rhetorik mir genügte, zumal die Gestalten mir in meiner eigenen Jugendsünde so ganz anders aufgegangen waren, so hinreißend wußte die große Künstlerin durch ihre leidenschaftliche Rezitation und den Adel ihrer Gebärden die Figur zu beleben, so daß ich dem wunderbaren tragischen Duett bis zum Ende des dritten Akts mit wonnevollem Herzklopfen folgte. Von da an freilich konnte selbst diese Francesca den Eindruck nicht auf der gleichen Höhe halten und die schwachen letzten Akte retten. Alles in allem aber war es eine der höchsten dramatischen Offenbarungen, die mir je zuteil geworden waren.

Auch Donizettis Maria de Rohan im Teatro Nuovo war ein denkwürdiges Erlebnis durch die begeisterte Stimmung des Publikums, das wir in solchem Taumel noch nicht beobachtet hatten, und die vollkommene Gesangskunst, die eine uns wenig sympathische Musik mit so echter, feuriger Empfindung zu beseelen wußte.

Wir hatten den Florentinern so viel Temperament nicht zugetraut, da sie uns bei allen Anlässen als völlig gelassen, feingeartet und wohlerzogen erschienen waren. Auch bei öffentlichen Festen war man vor allen Ausbrüchen zügelloser Lustigkeit oder gar weinseliger Frechheit sicher, wie sie in Neapel uns so oft begegnet waren. So verhielt sich die ungeheure Menschenmenge, die am Vorabend des höchsten florentinischen Festtages, San Giovanni gewidmet, an dem Feuerwerk sich ergötzte, das über dem Arno abgebrannt wurde, so still und gesittet, daß die Freudenlaute eines jungen Mädchens, das jedes Herniederrieseln schöner Feuerkugeln mit dem entzückten Ausruf: Ohi! Ohi! ciliege! ciliege! (Kirschen! Kirschen!) begrüßte, im weiten Kreise von den Umstehenden belacht wurden.

Am andern Tage sahen wir dieselbe Volksmenge lautlos in und vor dem Dom geschart, wo der Großherzog und die Großherzogin von Toscana dem Hochamt beiwohnten, unter einem prunkvollen Baldachin links vom Altar, »die Großherzogin alt, mit schönen neuen Zähnen und einem Brillantdiadem, der Großherzog weißgrau, mürrisch, mit welken, verschwommenen Zügen«. Er hatte seine Toscaner milder und freundlicher regiert als irgendeiner seiner Nachbarfürsten auf italienischen Thronen und Thrönchen, freilich mit Hilfe der verhaßten Tedeschi, die ich an jenem Feiertage in Reih' und Glied, Eichenblätter an den Tschakos, vor dem Portal des Domes aufgepflanzt sah. Selbst der unerbittliche Giusti, der in seinem »Fürstenkongreß« von ihm gesagt hatte:

Da kommt auch König Morpheus sachte, sachte,
Den Kranz von Mohn und Lattich um den Scheitel –

hatte nicht umhin gekonnt, ihm in einem späteren Gedicht eine Art Ehrenzeugnis für seinen guten Willen auszustellen. Trotzdem dauerte es nur wenige Jahre, und der Sturmwind der Begeisterung, der das junge Italien durchbrauste und alle Schlagbäume der kleinen Fürstentümer niederriß, hatte auch dem guten Granduca die Krone vom Haupt gerissen.

*

Am stürmischen Abend des 21. Juli verließen wir Florenz und fuhren, während der Mond nach und nach den Himmel klärte, die Nacht durch über den Apennin bis Bologna, wo wir morgens um acht Uhr eintrafen.

Auch hier hielten uns Bibliothekspflichten ein paar Tage fest. Ribbeck lag es neben seinen Vergilkollationen ob, sich um die Inschriftenkunde verdient zu machen, da er die wichtigsten noch unedierten, von denen ihm eine Liste mitgegeben worden war, mit angefeuchteten großen Blättern eines starken Löschpapiers abzuklatschen und, sobald sie getrocknet waren, abzulösen hatte. Von solchen genau abgedrückten authentischen »Klatschen«, wie wir sie nannten, führten wir eine ansehnliche Zahl in einem Blechtubus unter unserm Gepäck mit uns, zum argwöhnischen Erstaunen der Doganieri an jeder Grenze. Eine frühere Kollektion war schon von Rom aus heimgeschickt worden.

Dies alles jedoch ist für jeden nichtphilologischen Leser sehr gleichgültig; ich will denn auch die ferneren Etappen unserer Forschungsreise, Modena, Reggio, Parma, Mantua, nur mit ihren Namen anführen, auch von meinem besonders geliebten Verona, wo wir uns volle acht Tage aufhielten, nur im Fluge erwähnen, daß wir in dem antiken Amphitheater, dem besterhaltenen aus der spätrömischen Zeit, an mehreren Abenden moderne Komödien spielen sahen, einmal sogar eine Tragödie Alfieris, den »Oreste«, in einer Aufführung, die einen parodistischen Anstrich hatte. Klytämnestra war eine weinerliche alte Mama, Aegisth ein grotesker Birbante, Elektra eine verbitterte alte Jungfer, Orest nicht übel, bis auf sein beständiges Schreien, Pylades sich gebärdend wie ein kompletter Narr. Sogar die Schauspieler empfanden das Unzulängliche ihrer Leistungen und spielten, sich selbst ironisierend, das Stück, das jedenfalls besser war als die Aufführung, mit schlechtverhaltenem Lachen zu Ende. Von alledem merkte das Publikum, das unten in der Arena um das rohgezimmerte Bühnenhäuschen geschart saß, nicht das mindeste. Die Gewalt des alten Stoffes bemächtigte sich dieser einfachen Gemüter, und sie strömten nach dem Schluß sichtbar ergriffen zu den steinernen Pforten hinaus.

Am Nachmittag des 6. August fuhren wir dann auf der Eisenbahn den schönen Weg an Padua und Vicenza vorüber, die Euganeen zu unsrer Linken, in der traumhaft aufgeregten Stimmung, die jeden, auch den stumpfsinnigsten Touristen überkommt, der sich zum erstenmal der Märchenstadt an der Adria nähert.

Für den Eindruck, den auch wir empfingen, da wir in der schweigenden Mondnacht in die schwarzen Kanäle einfuhren und bald darauf auf den schimmernden Platz von S. Marco traten, ein neues Wort zu suchen, nachdem Tausende in allen Zungen davon gesungen und gesagt haben, wäre ein törichtes Unterfangen. Nicht allen aber mag es so wie uns ergehen, daß sie sich schon am zweiten Tage unter so fremdartiger Umgebung, wo statt Wagenrollen und Peitschenknall nur das eintönige Stalì und Premì der Gondoliere erklingt und die Paläste statt aus dem festgegründeten Erdboden aus dem Meeresgrunde aufsteigen, dennoch wie zu Hause fühlen. War es die alte Bekanntschaft mit dieser Wunderwelt, die wir von früh an aus unzähligen Büchern und Bildern gewonnen hatten, und die durch die lebendige Wirklichkeit nicht wie die Erwartung der römischen Herrlichkeiten enttäuscht, sondern noch überboten wurde? War's das Trauliche der engen Gassen und Gäßchen, wo man sich nicht wie auf der Straße fühlt, sondern auf dem blanken Steinparkett unter dem wimmelnden Volke mitwandelt, wie in einer großen Gesellschaft, in die man von einem hohen Herrn geladen wäre? Oder heimelte uns die Anmut der schlanken, jungen Weiber an, die unter den dunkeln Tüchern, mit denen sie Kopf und Schultern verhüllten, die Augen verstohlen blitzen ließen und dem Fremdling allerlei holde Dinge versprachen, die sie durchaus nicht immer zu halten geneigt waren?

Mir wenigstens ist es jedesmal, wenn ich wiederkehrte, so zumut gewesen, als gehörte mir diese wundersame Stadt als Ergänzung meiner nordischen Heimat mit so gutem Recht, wie jeder neben seiner wachen Wirklichkeit ein zweites Leben im Traum führt. Alles ist unwahrscheinlicher, glänzender und schwermütiger zugleich, das Lachen leiser, die Erlebnisse schattenhafter, und doch fühlt sich die Brust von allem irdischen Druck entladen, wie ja auch in diesem zweiten Element der Staub nicht mehr lästig wird, während aus dem dumpfen Anschlagen der Lagunenwelle an die Pfahlroste das alte tröstliche Lied klingt:

Acqua del canal
Guarisce d'ogni mal.

(Wasser vom Kanal
Kuriert radikal.)

Uns wurde es damals auch aus dem Grunde leicht gemacht, uns sofort heimisch zu fühlen, da wir eine Wohnung fanden bei einer guten, freundlichen Frau und ihrer schlanken, blutjungen Tochter, echten Venezianerinnen mit der schmiegsamen Grazie ihres Stammes, dem leichten, zwitschernden Geplauder, den Liedchen und Sprichwörtern, deren unerschöpfliche Fülle ihren ganzen Bildungsvorrat ausmacht. Das Haus in der Calle della Cortesia neben der Calle degli Assassini habe ich in der Novelle »Andrea Delfin« ausführlich beschrieben. Auch die Hauswirtin und ihre Tochter Marietta findet man lebensgetreu dort geschildert. Unser traulicher Verkehr mit ihnen war freilich erquicklicher, als jener düstere Gast ihn genießen konnte. Einer meiner liebsten Bonner Universitätsfreunde, Levin Goldschmidt, war uns am dritten Tage auf der Straße begegnet und hatte ein Zimmer neben dem unsern bezogen. Nun wurde alles zu dreien erlebt, Kirchen, Akademie, Dogenpalast und Merceria durchwandert und bis in die Nacht hinein auf der Piazza die auf und ab wogende Menge studiert. Oft konnten wir uns auch dann noch nicht zum Schlafen entschließen. Wir trugen eine Flasche Cipro nach Hause, die wir langsam bei einem Robber Whist ausschlürften, während Marietta mit dem Räucherpfännchen sacht an den Wänden herumging, um die Zanzaren auszuräuchern.

In einem der Fenster gegenüber erschien dann wohl das bedenkliche Lacertchen, das dort hauste und mit allerlei Singsang und in abenteuerlichen Verkleidungen uns herüberzulocken suchte. Wir blieben aber standhaft unserer Marietta treu, in die wir alle drei ein wenig verliebt waren, ohne daß einer von uns sich einer besonderen Gunst zu rühmen gehabt hätte.

Auch gearbeitet wurde, und an einem meiner Troubadourtage auf der Markusbibliothek tat ich einen Fund, der mir seltsamerweise wertvoller schien als irgendein anderer von größerem Umfang. In einem Pergamentdeckel sah ich zwei fast verblichene Strophen geschrieben, in denen ich den bisher unbekannten Anfang einer Kanzone des ältesten Troubadours, des Grafen Wilhelm von Poitiers, erkannte. Drei Stunden brachte ich damit zu, die kaum noch leserlichen Schriftzüge zu enträtseln. Als es mir endlich gelungen war, empfand ich eine so stolze Freude, wie nie bei einer eigenen Dichtung, und wenn auch bei Entrollung dieses »würdigen Pergamens« nicht »ein ganzer Himmel zu mir niederstieg«, konnte ich mich doch der stillen Ahnung nicht erwehren, daß immerhin vielleicht ein romanischer Philologe in mir steckte, um den es schade war, daß er so früh sich hatte verführen lassen, aus der Schule zu laufen.

*

Auf einmal aber überkam mich das Gefühl wie bei einem schwelgerischen Feste, wo man an Genuß übersättigt ist, aus keinem Becher mehr trinken, keinen Geigenstrich mehr hören und in keine schönen Augen mehr blicken mag. Zu dem Bedürfnis, auszuruhen von allen aufregenden Freuden, das so überreich Aufgenommene zu sammeln und innerlich zu verarbeiten, gesellte sich ein Heimweh nach meinen liebsten Menschen, denen ich nun Jahr und Tag fern geblieben war. Am 26. August verließen wir Venedig. Von der unaufhaltsamen, besinnungslosen Fahrt über Peschiera, Gardasee, Innsbruck, Bodensee usw. bis nach Dürkheim in der Pfalz, wo meine Eltern und die gesamte Kuglersche Familie mich erwarteten, finde ich in meinem sonst so gewissenhaften Tagebuch nichts verzeichnet, so wenig vermochte alles, woran ich vorüberjagte, mein Interesse zu fesseln. Was ich aber mit heimbrachte, als die Frucht dieses Wanderjahrs, die neuen Maßstäbe für das wahrhaft Echte und Mächtige in der Kunst und die unvergängliche Liebe zu dem großen Stil der Natur, wie er mir im landschaftlichen und Volkscharakter Italiens aufgegangen war, davon habe ich mein langes Leben hindurch in so mannigfacher Weise Rechenschaft abgelegt, daß ich an dieser Stelle mir den zweifelhaften Versuch ersparen kann, von so reichen und tiefen Eindrücken die Summe zu ziehen.

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