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Jugenderinnerungen eines alten Arztes

Adolf Kussmaul: Jugenderinnerungen eines alten Arztes - Kapitel 92
Quellenangabe
typeautobio
booktitleJugenderinnerungen eines alten Arztes
authorAdolf Kußmaul
year1906
firstpub1899
publisherAdolf Bonz und Comp.
addressStuttgart
titleJugenderinnerungen eines alten Arztes
pages496
created20110330
sendergerd.bouillon@t-online.de
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In Rastatt.

Die Bundesfestung Rastatt hatte eine gemischte Besatzung von badischen und österreichischen Truppen; beim Beginn der Meuterei zogen die Oesterreicher ab, und die aufrührerischen Badener blieben Herren der Festung und der drei sie umgebenden Forts, die mit A, B und C bezeichnet waren. Fast sämtliche Offiziere verließen Rastatt und das Land, einige waren von den zuchtlosen Soldaten schändlich mißhandelt worden; an ihre Stelle traten von den Truppen gewählte Unteroffiziere. Zum Gouverneur der Festung bestellte der Pole Mieroslawsky, den die provisorische Regierung zum Heerführer der badischen Armee ernannt hatte, Nikolaus Tiedemann, einen Sohn des Anatomen, einen tapfern Offizier, aber unsteten und wirren Mann, der früher zuerst in badischen und dann in griechischen Diensten gestanden hatte. Nachdem die Aufständischen die Festung am 23. Juli den belagernden Preußen übergeben hatten, wurde Tiedemann vor das Standgericht gestellt und am 10. August erschossen.

Die Aufständischen hatten sich auf Gnade und Ungnade ergeben. Sie mußten die Waffen ablegen und wurden in die Kasematten abgeführt, gegen 6000 Mann, Linie, Volkswehr und Freischaren, Legionen genannt, Abenteurer, die aus aller Herren Länder zusammengeströmt waren. Mit ihnen wurden viele bürgerliche, der Teilnahme an dem Aufstand mit Recht oder Unrecht beschuldigte Personen gleichfalls in die Kasematten gebracht. Rastatt kehrte unter die Herrschaft des Großherzogs zurück, blieb jedoch von den Preußen besetzt, zahlreiche Offiziere und Unteroffiziere der in Neugestaltung begriffenen badischen Armee versahen mit den preußischen gemeinsam den Festungsdienst.

433 Ein Augenzeuge, Professor Fickler am Gymnasium in Rastatt, hat die Vorgänge bei der Meuterei und die Ereignisse bis zur Uebergabe der Festung an die Preußen in einer Schrift: »In Rastatt 1849«, (Rastatt, Hanemann, 1853, 2. Aufl. 1899) treu und gut geschildert. Ein andrer Zeuge, Albert Foerderer, ein Rastatter von Geburt und damals Schüler des Gymnasiums, später Pfarrer der katholischen Gemeinde in Lahr, hat auch die nach der Uebergabe erfolgten Begebenheiten in einem Hefte: »Erinnerungen aus Rastatt 1849«, (Lahr, Schömperlen, 1881, 2. Aufl. 1899) erzählt; Foerderer fiel bekanntlich 1889 unter dem Mordstahl eines Stromers, eines Anarchisten.

Die Verpflegung der vielen Gefangenen machte in der ersten Zeit große Schwierigkeit, sie litten Hunger, Durst und Frost. Der schlimmste Aufenthalt war in den ungesunden Kasematten des Forts C, doch wurde dies geräumt, sobald die Entlassung vieler unschuldig befundnen Gefangenen Raum geschafft hatte, die Zurückbleibenden wurden sämtlich in dem minder ungesunden Fort A verwahrt. Den Bemühungen des preußischen Kommandanten der Festung, Majors v. Weltzien, der unter rauher Schale ein menschenfreundliches Herz trug, gelang es, die schwierige Aufgabe zu bewältigen. Auch die Gefangenen erkannten dankbar sein Verdienst an, besonders dann, als nach seinem Weggang ein Kürassieroberst seine Stelle einnahm und ohne sich, wie sein Vorgänger, selbst in den Kasematten umzusehen, scharfe und nicht immer zu billigende Verfügungen traf. Freilich muß man zugeben, daß die Gefangenen selbst dazu beitrugen, ihr Los zu verschlimmern. Manche neckten und höhnten ihre verhaßten Wächter, wo sie glaubten, es sicher wagen zu dürfen, diese haßten nicht minder die Freischärler und antworteten, wenn es irgend geschehen konnte, mit wohlgezielten Schüssen.

Gleich nach der Uebergabe begannen die Gerichte ihr trauriges Amt. Die meist gravierten Gefangenen kamen vor das Standgericht. Sämtliche Richter wurden dem preußischen Heere entnommen, je einer aus den sieben Rangstufen vom Gemeinen aufwärts bis zum Major; badische Juristen führten die Untersuchung; Anwälte wurden als Verteidiger zugelassen. Die Sitzungen waren öffentlich und wurden in einem großen Saale des markgräflichen Schlosses, das der 434 Türkenbesieger Ludwig von Baden erbaut hatte, abgehalten. Die Zutrittskarten erhielt man auf der Kommandantur. Das Standgericht erkannte nur auf Tod durch Pulver und Blei oder auf Zuchthaus. Am 6. August wurden die ersten Todesurteile gefällt, am 20. Oktober das letzte, im ganzen 19; auf Zuchthaus erkannte das Standgericht zuletzt am 26. Oktober; drei Monate war es somit in Tätigkeit. – Außer in Rastatt waren auch in Mannheim und Freiburg Standgerichte eingesetzt worden, und neben ihnen und noch lange nach ihnen waren allenthalben im Lande die ordentlichen Gerichte vollauf beschäftigt, das verletzte Gesetz zu sühnen. Tausende büßten den Rausch der Revolution mit dem Verluste von Freiheit, Hab und Gut, oder wanderten in die Verbannung.

In den ersten Tagen des September trat ich meinen Dienst in Rastatt an. Zuerst erhielt ich den Auftrag, täglich die Gefangenen im Fort C zu besuchen, drei Tage nachher wurde mir ein großes Notlazarett im Fort A zur Aufnahme kranker Gefangener übergeben. Es setzte sich aus zwei ansehnlichen, einstöckigen Gebäuden zusammen, die unter einem rechten Winkel nebeneinander standen; das Haus Nr. 2 lehnte an die Mauer des Forts, die der Stadt zugekehrt war; von dem Abort seines oberen Stocks aus konnte man bequem auf diese, sehr breite Mauer gelangen. Vor dem Lazarett stand ein Wachthaus für die preußische Mannschaft, die es unter dem Befehle eines Unteroffiziers zu überwachen hatte. Um Entweichungen aus dem Bau Nr. 2 über die Mauer auf das Glacis herab und von da in die Stadt zu verhüten, stand ein besonderer Posten auf der Mauer selbst.

Wie der Name es schon besagt, war das Notlazarett nur notdürftig eingerichtet. Die beiden Häuser konnten gegen 200 Personen aufnehmen, ein Teil der Aufgenommenen mußte mit Strohsäcken und Wolldecken auf dem Stubenboden vorlieb nehmen. Die Mehrzahl lag in Betten ohne Matratzen auf Strohsäcken, und es fehlte an Weißzeug. Die Kost war ausreichend, wenn auch nicht für Kranke zugerichtet. Ungeachtet dieser Mißstände waren die Gefangenen, die aus den unterirdischen Räumen in das helle Licht der Lazarettzimmer kamen, glückselig. Uebrigens waren nur wenige ernstlich krank, aber alle heruntergekommen durch das unordentliche Leben, das sie schon 435 vor der Gefangenschaft geführt hatten, durch das anfängliche Hungern und Dürsten nach der Uebergabe, das Liegen auf dem bloßen Erdboden der Kasematten, bis er mit Stroh belegt wurde – in den Forts A und C fehlte noch die Holzbekleidung –, endlich durch die nagenden Gewissens- und Insektenbisse. Am häufigsten litten sie an Durchfall und leichter Ruhr.

Mein Dienst war schwer und kaum zu bewältigen. Nach 14 Tagen erhielt ich Aushilfe; der längste Arzt des Großherzogtums, ein Dr. Frei, später Amtsarzt in Engen, wurde mir als zweiter Arzt beigegeben. Ich wohnte und speiste in der Stadt, ging schon früh um 7 Uhr in das Fort, kam selten vor 2 Uhr zum Mittagessen, kehrte nach Tisch ins Lazarett zurück und hatte oft bis 8 oder 9 Uhr darin zu tun. Außer dem Hospitaldienst hatte ich häufig krank Gemeldete in den Kasematten zu besuchen. Ging ich endlich spät todmüde zu Bett, so raubten mir die Schwärme springender Insekten, die ich aus dem Fort heimbrachte, die ersehnte Nachtruhe.

Mutter Natur muß auf die Erhaltung der flinken kleinen Springer einen besonderen Wert legen, sonst hätte sie die unbarmherzigen Quäler nicht mit einer fast unglaublichen Fruchtbarkeit bedacht. Nur wer verlassene Kasematten besucht hat, worin Menschen auf Stroh gelegen haben, vermag sich davon eine richtige Vorstellung zu machen. Mein Vater besuchte mich im Oktober; befreundete Offiziere führten ihn auf seinen Wunsch, die Einrichtung einer modernen Festung kennen zu lernen, in das Fort B, worin keine Gefangenen lagen; während der Belagerung aber hatten viele Familien aus der Stadt in den Kasematten dieses Forts Unterkunft gefunden. Nachdem ihm die Herrn die Wälle und Basteien gezeigt, bat er, auch die Kasematten sehen zu dürfen, worauf sie einem Unteroffizier Befehl erteilten, ihn hineinzuführen; ich begleitete ihn, sie blieben wohlweislich im Hofe und rieten uns, recht rasch wieder herauszukommen. Wir verweilten nur einige Minuten in den noch teilweise mit Stroh belegten Räumen und kehrten dann sorglos zurück. Kaum erblickten uns die Offiziere, so riefen sie uns dringend zu, wir möchten sofort unsre Kleider mit kräftigen Schlägen bearbeiten, zwei dienstfertige Unteroffiziere sprangen herbei und schlugen mit den Händen auf unsre Röcke und Beinkleider, 436 die mit zahllosen braunen Insekten besät waren; wie Wolken stäubten sie davon.

Trotz der schärfsten Bewachung und der größten Lebensgefahr wagten die Gefangenen häufig Fluchtversuche, und obwohl jede Beihilfe mit standrechtlicher Behandlung bedroht war, förderten die Bewohner Rastatts doch, so viel sie vermochten, die Entweichungen. Zwar hatte die Bürgerschaft während der Revolution viel durch die Aufständischen gelitten, aber die lange Dauer des Standrechts hatte Mitleid mit ihrem harten Lose geweckt. Die aus den Forts in die Stadt Entkommenen wurden in den Häusern versteckt, auch wohl mit Kleidern und Passierscheinen versehen, um bei der ersten günstigen Gelegenheit unter fremden Namen durch die Tore der Festung zu gelangen. Den Unglücklichen aber, die auf der Flucht ergriffen wurden, erging es schlimm.

Ich selbst war zugegen, als in eines der Hospitäler der Stadt zwei junge Burschen eingebracht wurden, die am hellen Tage einen verwegenen Fluchtversuch unternommen hatten. Sie waren über die Wälle geklettert und über das freie Feld hin in der Richtung zum Rhein gelaufen; man hatte ihnen Reiter nachgeschickt, und jetzt brachte man sie, durch Säbelhiebe schrecklich zugerichtet, nach der Stadt zurück. Dem einen war der Schädel gespalten, er war gerade gestorben, der andre hatte tiefe Wunden am Kopf und rechten Arm, denen er nach wenigen Stunden erlag. – Nicht ganz so schlecht erging es einem großen starken Westpreußen, der ehemals in der Armee gedient hatte. Er war in die Stadt entkommen, wo er nichts besseres zu tun wußte, als dem langentbehrten Schnaps reichlich zuzusprechen; trunkenen Mutes versuchte er ohne Passierschein durch das Tor der Festung zu schreiten, aber seine stramme Haltung und sein Dialekt machten ihn der Wache verdächtig; sie nahm ihn fest, er leistete Widerstand, wurde mit scharfen Hieben arg bedacht und blutüberströmt zu mir geführt; wie ein geduldiges Lamm ließ er sich jetzt die Wunden nähen und verbinden.

Aus meinem Lazarett entwichen drei Gefangene mit Geschick und Glück: ein badischer Dragoner und zwei Studenten.

Der Dragoner war schwer graviert und sollte am nächsten Morgen 437 vor das Standgericht kommen. Am Abend zuvor sah ich ihn im Hofe bei dem Untersuchungsrichter, einem Herrn von S., stehen. Dieser hatte ihn zu einer letzten Unterredung rufen lassen und gab ihm freundliche Worte; mich erinnerte die Unterhaltung an das Spiel der Katze mit der gefangenen Maus. Der Dragoner war ein hübscher Bursche von militärischer Haltung, er trug noch seinen Waffenrock, der ihm gut stand. Das Liebesmühen des Herrn Untersuchungsrichters schien ihn wenig zu rühren, er sah lächelnd vor sich nieder und schwieg. In der Nacht entkam er; wie er es machte, erfuhr ich nicht.

Nicht lange nachher gelang es den beiden Studenten zu entfliehen. Der eine war der nachmalige Publizist und Historiker Karl Hillebrand, der 1884 in Florenz starb, der andere ein ihm befreundeter junger Franzose, namens Roignon. Angeblich litten sie noch an einer mäßigen, in Heilung begriffenen Ruhr. Sie lagen in einem großen, stark mit Kranken belegten Saale des oberen Stocks im Hause Nr. 2 auf einem großen Strohsack nahe der Türe, von wo sie nur wenige Schritte zum Abort zu gehen hatten. Der Unteroffizier, der die Aufsicht in dem Bau 2 führte, ein Badener, sagte mir, daß die beiden Studenten nachts viel auf den Abort liefen und den Schlaf ihrer Zimmergenossen störten. Zur Rede gestellt, entschuldigten sie ihr unruhiges Treiben mit ihrem Leiden und versprachen, sich fernerhin möglichst leise zu verhalten. Der Unteroffizier traute ihnen nicht und behauptete, sie trügen sich mit der Absicht über die Mauer zu entfliehen.

Nach einer stürmischen Nacht begab ich mich, wie jeden Morgen, zu früher Stunde in das Fort. Unter dem Tore traf ich zwei badische Offiziere, sie hatten nachts Dienst in dem Fort gehabt und verließen es eben. Es waren frühere Feldwebel, die 1848 zu Offizieren befördert worden waren. Sie hielten mich an und teilten mir als neuestes mit, daß in der letzten Nacht zwei meiner Gefangenen – es waren die beiden Studenten – entwichen seien. Sie bezeugten mir ihre Teilnahme und meinten, die wiederholten Entweichungen aus meinem Hospitale müßten mir äußerst unangenehm sein. Diese Bemerkung ärgerte mich, und ich war so unvorsichtig, ihnen zu erwidern, sie verwechselten ihre militärische Aufgabe mit meiner ärztlichen. Es sei ihre Sache, die Gefangenen zu bewachen, meine, sie zu kurieren. Es würde 438 mich nicht betrüben, wenn meine Patienten samt und sonders in einer Nacht davonliefen; ich gäbe den Herren die Versicherung, von Stund' an wären die armen Teufel alle kuriert. – Sie machten verblüffte Gesichter, empfahlen sich und erzählten die Aeußerung weiter.

Im Lazarett bestätigte mir der Unteroffizier die Flucht der Studenten. Er meinte, sie hätten in ihrem großen Strohsack ein Seil verborgen gehabt und sich damit über die Mauer herabgelassen. Die dunkle, stürmische Nacht habe ihr Entkommen begünstigt. Vermutlich habe die Schildwache auf der Mauer Schutz vor dem Wetter gesucht und sich in eine sichere Ecke zurückgezogen. Diesen Umstand hätten sie geschickt benützt, es sei ja gewiß schon längst alles Nötige für die Entweichung vorbereitet gewesen.

Ohne daß ich es ahnte, beschäftigte sich noch einer der im Lazarett aufgenommenen Gefangenen mit Fluchtversuchen, die mir teuer zu stehen gekommen wären, wenn man mich nicht rechtzeitig gewarnt hätte. Wären sie entdeckt worden oder geglückt, so wäre ich vermutlich selbst vor das Standgericht gekommen, denn man würde angenommen haben, daß ich sie begünstigt hätte. Der Gefangene war ein verkommener Student, den ich bei meinem Besuche in Freiburg 1842 auf der Rheinländerkneipe hatte kennen lernen. Er stammte aus guter Familie, war der Schwager eines angesehenen Herrn von altem Adel, die Rheinländer hatten ihn in das Korps aufgenommen, er stand aber wenig in Achtung und verkam. Die größte Schuld daran trug ein großes Familienstipendium, das ihm die Mittel zu einem flotten Leben gewährte. Dieses Stipendium hat nach der Bestimmung des Stifters einen doppelten Zweck: es soll dessen Nachkommen das Studieren erleichtern und, wenn es an berechtigten Bewerbern fehlt, für die naturwissenschaftlichen Sammlungen der Freiburger Universität verwendet werden. Unser Student, ich nenne ihn M., nahm es mit dem Studium gründlich, er belegte zuerst einige Jahre lang sämtliche Kollegien der Jurisprudenz, dann der Medizin, zuletzt der Philosophie, hätte sich auch noch als Theologe inskribiert, wenn dies angegangen wäre. Zu einem Examen brachte er es nicht. Die Revolution kam ihm gerade recht, er wurde Zivilkommissär, erhob Kontributionen, geriet nach Rastatt und wurde in die Kasematten gebracht.

439 Eines Tages meldete M. sich krank und ließ sich zu mir in das Lazarett führen. Er war nicht krank, nur herabgekommen und erholte sich bald. Fast gleichzeitig mit ihm kam ein andrer verunglückter Student, den ich von Heidelberg her kannte; dieser war politisch nicht graviert und mit der Volkswehr nach Rastatt gekommen. Beide baten mich, sie bei mir zu behalten, und da ich Fouriere brauchte, ließ ich Betten für sie in meinem Ordinationszimmer in Bau 1 aufschlagen, so daß sie getrennt von dem großen Haufen schlafen konnten, erwies ihnen auch andre Dienste. M. sagte mir, daß er jedenfalls zu Zuchthausstrafe verurteilt werde, aber er verlasse sich auf seinen Schwager, durch dessen Verwendung er hoffe zur Auswanderung nach Amerika begnadigt zu werden. Da er sicher darauf rechne, so warte er die Zukunft ruhig ab, sonst könne er jeden Tag, wann es ihm beliebe, entkommen. Er belog mich, denn er hatte bereits einen mißlungenen Versuch dazu gemacht, wollte ihn auch nächstens erneuern. Sein Plan war klug erdacht und fußte darauf, wie ich meine Visite eingerichtet hatte. Ich ging immer zuerst in das Ordinationszimmer und legte hier meine Dienstmütze, den Degen und einen langen Offiziersmantel ab. Dann besorgte ich die Kranken im Bau 1 und danach die im Bau 2. Während ich nun in diesem Bau beschäftigt war, hatte er meine Dienstmütze aufgesetzt, meinen Degen angelegt, meinen Mantel umgetan und war in dieser Verkleidung unaufgehalten an der Hospitalwache vorüber gegangen. Er hätte auch die Torwache des Forts unbeanstandet passiert, aber er sah zwei badische Offiziere, die ihn kannten, in das Fort eintreten und gegen ihn herankommen; da er fürchtete, von den Herren erkannt zu werden, kehrte er um und ging in das Lazarett zurück.

Diese Dinge hatte mir ein Gefangener verraten, Bürgermeister Sallinger von Rastatt, den man wegen Beteiligung am Aufstand in die Kasematten gesteckt hatte; das Oberhofgericht sprach ihn später als schuldlos frei; er ist als Bürgermeister seiner Vaterstadt in den achtziger Jahren gestorben. Er war leidend ins Lazarett gekommen, und ich hatte ihm und einigen andern anständigen Leuten ein besondres Zimmer eingeräumt, auch sonstige Erleichterungen verschafft. Sallinger beriet sich mit seinen Zimmergenossen, ob sie mir das Geheimnis ihres 440 Mitgefangenen, hinter das sie gekommen waren, verraten dürften; sie beschlossen, es mir unter der Bedingung mitzuteilen, daß ich gegen M. davon schwiege. Sie waren einstimmig der Ansicht, daß sie mir mehr Rücksicht schuldeten, als ihrem Schicksalsgefährten, dessen übeln Leumund sie überdies kannten. Von diesem Tag an ließ ich den Mantel in der Stadt, und setzte, wenn ich in die zweite Abteilung ging, die Dienstmütze auf, schnallte auch den Degen um.

M. wurde wirklich, wie er vorausgesehen hatte, zu Zuchthausstrafe verurteilt und bald nachher, wie man damals sagte, »nach Amerika begnadigt«. Es vergingen dreizehn Jahre, ich war Professor in Erlangen geworden, als ich von Freiburg i. Br. einen Brief von ihm erhielt folgenden Inhalts: »Lieber Freund, ich bin aus Amerika zurückgekehrt, aber die badische Regierung will nichts für mich tun. Ich muß mich deshalb an meine Freunde wenden. Schicke mir umgehend hundert Gulden!« Auf Antwort wartete er vergebens.

Von Erlangen 1863 nach Freiburg berufen, wurde ich zwei Jahre später Prorektor der Universität. Eines Nachmittags, nach der Sprechstunde trat M. bei mir ein. Ich erkannte ihn sofort, fragte aber kühl nach Namen und Begehr. Er trug mir nunmehr sein Gesuch vor und bat um meine Vermittlung als Prorektor. Er habe, wie ich wisse, Anspruch auf das B.sche Familienstipendium und wolle aufs neue studieren, die Stiftungskommission aber verweigere es ihm. Er begreife dies um so weniger, als er der Universität ein wertvolles Geschenk für die zoologische Sammlung gemacht habe. Ich versagte ihm meine Hilfe. Er hat sie vermutlich auch nicht erwartet, es war ihm um etwas andres zu tun. Er holte ein Bändchen »Erinnerungen aus der Revolution 1849« aus der Tasche und bat mich, es ihm abzunehmen. Ich zahlte ihm den verlangten Gulden, worauf er ging. Abends blätterte ich in dem traurigen Machwerk. Er rühmte darin sein edles Herz. Es wäre ihm in Rastatt leicht gewesen, aus der Festung zu entweichen, aber er habe es nicht getan, um einen ungenannten Wohltäter nicht in Schaden zu bringen. Am nächsten Tag begegnete ich dem Kustos der zoologischen Sammlung, Professor Fischer, und erkundigte mich, was für ein wertvolles Geschenk M. ihr gemacht habe. Er lachte, es bestand in dem Balg eines ganz gemeinen Storchs. 441

 


 

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