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Jugenderinnerungen eines alten Arztes

Adolf Kussmaul: Jugenderinnerungen eines alten Arztes - Kapitel 9
Quellenangabe
typeautobio
booktitleJugenderinnerungen eines alten Arztes
authorAdolf Kußmaul
year1906
firstpub1899
publisherAdolf Bonz und Comp.
addressStuttgart
titleJugenderinnerungen eines alten Arztes
pages496
created20110330
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Auf der Landstraße.

In dem nahen Flecken Schweigern behandelte mein Vater die Frau des Pfarrers Hermani; sie litt an Schwindsucht, nahm viel Schneckenbrühe, schlief auch einige Zeitlang im Kuhstall, worauf man damals viel hielt und schleppte sich mit der Krankheit leidlich hin. Aus Freundschaft erbot sich der Pfarrer, mir fünfmal in der Woche Unterricht zu erteilen, was mit großem Dank angenommen wurde.

Anfangs ging die Sache gut. Man schnallte mir morgens das Schulränzchen auf den Rücken, und vergnügt trollte ich mich aus dem Hause. Man legt die Strecke bis Schweigern in einer halben Stunde zurück, ich brauchte anfangs eine Stunde für den Hinweg, 1½ bis 2 für den Heimweg, aber von Woche zu Woche dehnte sich der Weg, bis ich zuletzt erst gegen Mittag in Schweigern und am Abend wieder in Boxberg eintraf. Die Landstraße ließ mich nicht los, das ganze Naturreich verschwor sich, mich unterwegs festzuhalten, und wunderschöne Herbsttage spendeten ihren Segen dazu.

Da winkten am Rain auf den Brombeerstauden schwarze Beeren, sie mundeten süß und mußten gepflückt werden. Nebenan lockten auch verführerische blaue Pfläumchen aus schwarzen Dornbüschen, aber ich ließ sie ruhig glänzen und gleißen, denn ich kannte ihre Tücke, es waren Schlehen. Ich hatte mehrmals nicht widerstehen können, und hinein gebissen, da zogen sie mir den Mund bis zu den Ohren. Darum war es klüger, sie hängen zu lassen und lieber auf die Aepfelbäume zu klettern und nachzusehen, ob die Aepfel schon reif seien. Waren sie noch unreif, so brauchte man 28 sie deshalb nicht hängen zu lassen, sondern tat besser, sie abzunehmen. Klopfte man die harte Frucht mit glatten Steinen, so wurde ihr Fleisch weich und saftig – wir sagten »mürbe« – und schmeckte köstlich wie säuerlicher Most. Zwar behauptete der Herr Apotheker, der die Knaben des Orts bei dem Schmausen der unreifen Aepfel betraf, sie würden die Ruhr davon bekommen, aber wir blieben ganz gesund. Auf den Aeckern schauten auch gutmütige weiße Rüben mit blauroten Backen aus dem Boden zu mir herauf. Ich verstand die Einladung, kostete und fand das Fleisch süßlich und etwas herb zugleich, für den Gaumen eine angenehme Abwechslung. Am besten jedoch schmeckten die Weintrauben der Rebgelände, die sich zwischen langen Wällen zusammengelesener Kalksteine an den Hügeln hinauf zogen.

Neben solchen erfreulichen Bekanntschaften in der Pflanzenwelt verschaffte mir die Tierwelt allerlei angenehme Unterhaltung. Ich neckte die hurtigen Eidechsen, die in den Steinhaufen Versteckens spielten, haschte flatternde Libellen und Schmetterlinge, und jagte im Umpferbach nach Grundeln. Am liebsten aber schloß ich Freundschaft mit den neugierigen Ziegen und mutwilligen Böcken, die der Hirt – er war nur wenig älter als ich – an den Halden hütete. Ich bewunderte den Appetit der Tiere, womit sie ununterbrochen vom frühen Morgen bis zum späten Abend den Magen füllten, aber der Hirt fragte mich bedauernd: »Was? du bist ein Doktorsbub und kennst nicht einmal den Vers, den jeder Bauernbub versteht:

»Heddel, bist satt?« –
»Bis auf ein Blatt!«

Dieses ungebundene Leben unter Gottes freiem Himmel gefiel mir über die Maßen, dem Pfarrer von Schweigern aber nicht, er brach den Unterricht ab und riet meinem Vater, mich außer Haus bei einem guten Pädagogen unterzubringen, er wolle ihm dabei behilflich sein.

Wir waren nun wieder so weit wie zuvor. Aufs neue kam der Lehrer aus dem Nachbardorf, um mir Stunden zu geben, und mein Vater versuchte es selbst, mich in das Latein einzuführen. Beschäftigten Aerzten aber ist es nicht möglich, ihren Kindern 29 regelmäßigen Unterricht zu erteilen. Ging es nicht zu Hause, so nahm er mich mit auf die Praxis, um mit mir unterwegs zu deklinieren und zu konjugieren. Amo, amas, amat! Wie ich dies amo haßte! Neben dem Weg stieg aus dem Kornfeld jubilierend die Lerche zum Himmel, am Bache standen die schönsten Weiden zum Flötenschnitzen, in Busch und Wald lagen in den Zweigen versteckt die niedlichsten Vogelnester mit Jungen zum Ausheben, und ich mußte konjugieren: amo, amas, amat!

Viel besser gefiel es mir, wenn mein Vater, statt Latein zu lehren, mir erzählte von Hannibal und Cäsar, von Kolumbus und Englands großer Seemacht, Napoleons Taten und Untergang. Oder wenn er mir die wilden Moorrüben und Cichorien am Wegrain wies, und im Lössand den kleinen Trichter, die Mördergrube, worin der Ameisenlöwe listig auf seine Beute lauert. Auch pflückten wir den herrlichen Frauenschuh (Cypripedium calceolus), der da und dort in jener Gegend auf dem Kalkboden gedeiht, und trugen ihn nach Hause ins Herbarium.

Mein Vater wagte es sogar, mich der Leichenöffnung eines kleinen Kindes anwohnen zu lassen, und zeigte mir die wichtigsten Leibesorgane. Ich verschaffte mir hierauf einen toten Maulwurf und zergliederte ihn zum Abscheu der Dienstmädchen mit einem alten Bistouri. – Bald nachher wurde die Sektion eines Erwachsenen gerichtlich angesagt, und ich ließ meinem Vater keine Ruhe, bis er mich mitnahm. Sie fand in einer Dorfscheune statt, ich entwischte aber bald und trieb mich lieber im Freien umher.

Ich nahte dem neunten Lebensjahr, als Pfarrer Hermani meinem Vater mitteilte, er glaube, in seinem Schwager, dem Pfarrer Ganz in Buch am Ahorn, den richtigen Erzieher für mich gefunden zu haben, und er täuschte sich nicht. Ich verließ das elterliche Haus und kam zu dem braven Manne, dessen verständige Führung mein ganzes Leben entscheidend beeinflußt hat. 30

 

 

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