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Jugenderinnerungen eines alten Arztes

Adolf Kussmaul: Jugenderinnerungen eines alten Arztes - Kapitel 8
Quellenangabe
typeautobio
booktitleJugenderinnerungen eines alten Arztes
authorAdolf Kußmaul
year1906
firstpub1899
publisherAdolf Bonz und Comp.
addressStuttgart
titleJugenderinnerungen eines alten Arztes
pages496
created20110330
sendergerd.bouillon@t-online.de
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In der Volksschule zu Boxberg.

Schon in Emmendingen hatte ich einigen Unterricht zu Hause erhalten, sogar mensa deklinieren lernen, in Boxberg sollte ich die Volksschule besuchen. Das armselige Städtchen – die Beamten nannten es den Bloxberg – hatte nur einen Lehrer, einen Schulmeister, wie sie nicht mehr vorkommen, auch damals war er wohl einzig in seiner Art.

Der Schulmeister war ein baumstarker Mann in den Fünfzigen, ein gedienter Soldat, hatte die Kriege als Reitersmann mitgemacht, vermutlich bei den badischen Husaren, die später in Dragoner umgewandelt wurden, und konnte lesen, schreiben und die vier Spezies rechnen. Deshalb wurde er wahrscheinlich zum Schullehrer für gut befunden. Wir waren nur wenige Kinder in der Schule, und es ist mir nichts anderes daraus geblieben, als ein wenig biblische Geschichte vom König David und seinen Heldentaten wider den Riesen Goliath, die Philister und Amalekiter. Dazu erzählte der Alte uns begeistert, daß er auch beim Kriegshandwerk gewesen und wie er es in Feindesland gehalten habe. »Ich sag' euch, ihr Buben,« rief er uns grimmig zu, »es geht halt nichts in der Welt über einen rechtschaffenen Reitersmann im Krieg. Der steigt, wenn kommandiert wird, aufs Roß, reißt den Pallasch aus der Scheide, setzt die Sporen ein, und die ganze Schwadron reitet dem Bauern in den Klee oder die Frucht, wie es gerade kommt. Da schreit der Bauer, und die Bäuerin jammert, aber da hilft nichts und muß alles ruiniert werden. Und wenn 26 sich der Bauer widersetzt, so fliegt ihm der rote Hahn aufs Dach, daß die Flammen an allen Ecken aus der elenden Strohhütte 'rausschlagen. So ist es recht, und so muß es im Kriege zugehen!«

Als ich meinem Vater erzählte, wie uns der Schulmeister biblische Geschichte lehrte, schüttelte er den Kopf und nahm mich aus der Schule. Ein Lehrer aus einem Nachbardorf sollte in der Woche mehrmals nach Boxberg kommen und mir Stunden geben. Da er aber nicht regelmäßig erscheinen konnte, so kam dabei nicht viel heraus.

Nach vielen Jahren – wir waren inzwischen weggezogen – hörte ich wieder von dem Boxberger Schullehrer und was sich seither mit ihm begeben hatte. Ein junger Bauer hatte seine Tochter geheiratet, der alte Bauernfeind konnte sich aber mit dem Schwiegersohn nicht vertragen. Sein Haß wurde so groß, daß er ihm unter der Stalltüre auflauerte und ihn mit der Mistgabel tot schlug. Im Zuchthaus beschloß er seine Tage. 27

 

 

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