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Jugenderinnerungen eines alten Arztes

Adolf Kussmaul: Jugenderinnerungen eines alten Arztes - Kapitel 7
Quellenangabe
typeautobio
booktitleJugenderinnerungen eines alten Arztes
authorAdolf Kußmaul
year1906
firstpub1899
publisherAdolf Bonz und Comp.
addressStuttgart
titleJugenderinnerungen eines alten Arztes
pages496
created20110330
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Früheste Erinnerungen

Aus dem Nebelmeer meiner frühesten Erinnerungen tauchen mir als erste lichte Punkte zwei Bilder auf, die sich an ein schmerzhaftes Ereignis in Emmendingen knüpfen.

Lebhafte Kinder zieht es unwiderstehlich zum flackernden Herdfeuer der Küche, wie die Fliegen zum Kerzenlichte. Es ist weniger die Naschsucht wie bei Hund und Katze, die den kleinen Menschen in den verbotenen Raum lockt, als die Neugier und Lust an dem unterhaltenden Schauspiel, womit die Küche alle Sinne befriedigt. Es lodert die Flamme, es siedet der Topf und brodelt der Kessel, es dampft und duftet; die Köchin schürt die glühenden Kohlen, sie schneidet und schält, backt und brät und ist immer tätig; es geschehen die merkwürdigsten Verwandlungen: aus Mehl und Eiern wird Teig und ein gelblicher Kuchen, der in der Pfanne sich bräunt. Mit dem Angenehmen verbindet sich das Nützliche. Ist die Köchin dem Kinde hold, so gibt sie ihm Gutes zu kosten, und ist das Kind ein Leckermäulchen, so verlangt es noch mehr.

Mein erstes Erinnerungsbild versetzt mich in die Küche. Im Röckchen laufe ich der Köchin in die Beine, sie hat gerade einen Topf mit siedendem Wasser vom Herde gehoben, schwankt, schüttet ihn aus und verbrüht mir den behaarten Kopf. Ich schreie unbändig, meine zum Tod erschrockene Mutter fliegt herbei und schließt mich in die Arme.

Im zweiten Bild lieg' ich im Bette. Mein Vater ist von der Praxis heimgekommen, neigt sich über mein Haupt und besieht den Schaden.

23 Alles andere, was sich an die Verbrühung angeschlossen haben muß, ist in der Erinnerung nicht haften geblieben, nur diese beiden Augenblicke bleiben unauslöschbar beleuchtet. Als objektives Zeichen behielt ich eine narbige Vertiefung am Scheitel, die das Haupthaar von den Rändern her überdeckt.

Eine spätere Erinnerung, vermutlich aus dem fünften Jahre, bietet Freunden der Seelenkunde ein Problem zur Lösung in müßiger Stunde.

Die Beweggründe der Seele des Kindes beim Reden und Handeln sind meist durchsichtig, doch gibt es Ausnahmen, wo sie dunkel bleiben. Obwohl ich im ganzen lenksam war, so zeigte ich, als ich meine ersten Gebete lernen mußte, einen unbegreiflichen Starrsinn. Meine Mutter hatte mich die zwei bekannten kleinen Gebete gelehrt, das Tischgebet: »Komm Herr Jesus, sei unser Gast« u. s. w. und das Abendgebet im Bette: »Ich bin klein, mein Herz ist rein« u. s. w. Das Tischgebet sagte ich ganz richtig her, aber vor das Abendgebet setzte ich regelmäßig die Anrede: »Büble!« Ich betete: »Büble! Ich bin klein,« mochte meine Mutter es mir noch so ernstlich verweisen, zürnen und mich strafen. Von dem Büble ließ ich nicht, es stand leibhaftig vor mir, sobald ich das Abendgebet hersagen mußte, es hatte meine Größe und Gestalt, es sah einmal aus wie das andere Mal und hörte mir aufmerksam zu, wie ein guter Spielkamerad; zweifelsohne interessierte es sich für meine erfreuliche Mitteilung, daß ich klein und mein Herz rein sei. – Bekannte, mit denen ich das Problem besprach, meinten, ich hätte mir unter dem Büble das Christkind vorgestellt, ich hätte ja bei Tisch das Gebet an Jesus gerichtet, aber diese Hypothese ist unrichtig. Der Herr Jesus war für mich kein Büble, sondern ein freundlicher Mann mit einem Kelch in der Hand, genau so wie sein Bild an der Wand hing, und verschieden von dem Christkind, das auch sicher kein Büble war, sondern ein Mädchen, denn kurz vor Weihnacht war es in weiblichem Gewand mit Schleier und Rute in das Zimmer gekommen, hatte mich mit seiner Stimme ermahnt, folgsam zu sein, und mir goldene Nüsse und Aepfel beschert. – Zu meinem großen Verdruß ist es mir bis heute nicht gelungen, 24 das Rätsel sicher zu lösen; nur eins ist gewiß, das Büble war das Kind einer lebhaften Einbildungskraft, ein Phantasma.

Als mein Vater 1828 von Emmendingen nach Boxberg versetzt wurde, legten wir den weiten Weg dahin in einer großen Mietkutsche zurück. Wir waren damals vier Kinder, und der Umzug machte uns großes Vergnügen, denn der Mensch ist ein geborener Nomade. Mit uns fuhr ein lieber, rothaariger Spielgefährte, ein junges Eichhorn oder Eichkätzchen. Es war an ein langes Kettchen gebunden und trieb sein possierliches Spiel mit Männchen machen und Nüsse knacken, bald auf dem Kutschendach, bald im Innern. Wurde es abends kühl, so schlüpfte es zu uns Kindern herein in die Wärme. Nachdem wir glücklich an den Neckar bei Hasmersheim gekommen waren, fuhren wir im Dunkel der Nacht die schlechte Straße ins Dorf herab, der Kutscher warf um und wir quetschten unseren armen Spielkameraden, der bereits bei uns untergeschlüpft war, unseliger Weise zu Tode. Wir waren untröstlich, bis uns der holde Freund der Kinder, der Engel mit der Mohnblume, die verweinten Augen zudrückte. 25

 

 

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