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Jugenderinnerungen eines alten Arztes

Adolf Kussmaul: Jugenderinnerungen eines alten Arztes - Kapitel 67
Quellenangabe
typeautobio
booktitleJugenderinnerungen eines alten Arztes
authorAdolf Kußmaul
year1906
firstpub1899
publisherAdolf Bonz und Comp.
addressStuttgart
titleJugenderinnerungen eines alten Arztes
pages496
created20110330
sendergerd.bouillon@t-online.de
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München.

Um nicht unvorbereitet Isarathen zu sehen, hatte ich in den letzten Wochen vor der Abreise versucht, Kuglers Kunstgeschichte zu studieren, aber ohne rechten Nutzen, es fehlten mir die nötigen Anschauungen.

Sehr erwünscht war meinem Freunde und mir ein Empfehlungsbrief, den uns ein Oheim der beiden Landschaftsmaler Rottmann, der in Wiesloch als pensionierter Amtmann lebte, an seine Neffen mitgegeben hatte. Die Rottmann stammten aus der badischen Pfalz, aus Handschuchsheim bei Heidelberg, auch ihr Vater war Maler gewesen. Der alte Amtmann war ein seelenguter Herr und hatte sich in seinen Mußestunden der Dichtkunst beflissen, auch ein Bändchen Gedichte herausgegeben, worin er zur Freude der Wieslocher seinen Amtsbezirk besang und dem Dorfe Rauenberg den unvergeßlichen Vers widmete:

»In dem Tale überzwerg
Liegt das Dörfchen Rauenberg.«

Wir machten gleich in den ersten Tagen Gebrauch von dem Briefe, aber leider war der ältere Bruder Karl, der berühmte Maler der italienischen Landschaften in den Arkaden und der griechischen in der neuen Pinakothek, verreist, der jüngere, Leopold, empfing uns freundlich und erteilte uns einige nützliche Ratschläge.

An einen dritten Landsmann und großen Maler in spe hatte uns Ludwig Eichrodt gewiesen, an seinen Freund Sudler, Jünger der Kunstschule, ein vielversprechendes Talent zeitlebens; Eichrodt 318 hat ihm in seinen gesammelten Gedichten (Bd. II, S. 420 u. f.) ein poetisches Denkmal gesetzt. Sudler erbot sich, uns in seinen freien Stunden, woran es ihm niemals fehlte, in München zu führen und führte uns zunächst in das Hofbräu. Hier, beim schäumenden Bierkrug und scharfen Radi, erwies er sich als der überlegene Meister der Zukunft,

»Gescheiter als alle die Laffen
Lessing, Kaulbach und andre, die was schaffen.«

Wenn er tatenlos es dennoch zu nichts gebracht hat, so entschuldigt ihn der Dichter mit der, einem solchen Genius nicht ausreichenden Güte des gemeinen Tageslichtes, er harrte auf glühendes Nordlicht,

»Und so brachte niemals Sudler
Etwas Fertiges zu stand,
Sudler war ein großer Hudler
Auf der edlen Leinewand.«

Die vielen Profan- und Kirchenbauten, die König Ludwig errichten ließ, standen bereits zum großen Teile, wie die alte Pinakothek und die Glyptothek, oder waren der Ausführung nahe, wie die neue Pinakothek und die Basilika, die Propyläen waren in Aussicht genommen. Kunstschätze aller Art und aller Zeiten hatte der König mit wunderbarem Kennerblick und Geschick nach München gebracht und in herrlichen Palästen allgemein zugänglich ausgestellt. Die ersten Künstler Deutschlands schmückten die Räume seiner Residenz und die neuen Bauten mit zahllosen prächtigen Werken. Mochte man auch über die bayerische Feldherrnhalle mit dem einzigen Tilly spotten oder über den Obelisken zum Andenken an die 40 000 Bayern, die »auch für des Vaterlandes Befreiung in Rußland starben«, jedenfalls waren die Denkmäler ein großer Schmuck der Stadt und halfen mit, sie zu einer der schönsten Deutschlands zu machen.

Die alte Mönchsstadt und Residenz der bayerischen Herzöge war 1806 Königssitz geworden. Das Münchner Kindl in der braunen Kutte konnte sich nicht aus vollem Herzen über die glänzende Wandlung der Stadt freuen. Graf Montgelas, des ersten bayerischen Königs Maximilian Josef gebietender Minister, war den Kutten 319 nicht gewogen und ein rücksichtsloser Vertreter der Omnipotenz des Staates. Bessere Zeiten kehrten für das Kindlein wieder, als mit dem Tode Max Josefs, 1825, Ludwig I. den Thron bestieg. Anfangs zwar schüttelte es den Kopf bedenklich, als mit den Mönchen und Nonnen die leicht geschürzten Musen aus Hellas auch in die Stadt einzogen, aber vergnügt sah es bald die Kunst mit der Kirche bei Bock und Salvator sich gut vertragen.

Die große Bedeutung König Ludwigs I. für die deutsche Kunst wird erst heute ganz begriffen; wie der Ritter in dem Märchen vom Dornröschen, hat er sie aus totenähnlichem Schlummer erweckt. Aber die Jugend der vierziger Jahre sah in dem König lediglich einen Tyrannen nach mediceischem Vorbilde, der die Staatsmittel des armen Bayern in Bauten und in den Launen seiner künstlerischen Neigungen verschwende. Daß die Millionen, die er mit methodischer Berechnung aufwandte, einst der Hauptstadt Bayerns und dem ganzen Lande, ja der deutschen Kunst, reichen Zins tragen würden, ahnte kaum jemand, und vollen Dank erntete er während seiner Regierung nur bei den Künstlern, denen er eine große Stätte schuf.

Obwohl der König gut deutsch gesinnt war, hat er die Zuneigung der patriotischen, aber zugleich frei gesinnten deutschen Jugend nicht besessen, denn aufgewachsen in dem Glauben an die unbeschränkte Macht der Fürsten von Gottes Gnaden, wollte er kein Titelchen seines göttlichen Rechtes preisgeben und haßte die von seinem Vater dem Königreiche 1818 verliehene Verfassung. Er meinte, seines fürstlichen Amtes gerecht zu walten, wenn aber die Gerichtshöfe das Gesetz nicht nach seinem Gefallen auslegten, ließ er die Richter seine Ungnade fühlen. Vor dem Landtage 1831 hatte er feierlich erklärt, er möchte kein unbeschränkter Herrscher sein, aber auch loyalen Männern von liberaler Gesinnung ließ er bei der großen Demagogenhetze der dreißiger Jahre bös mitspielen. Wir jungen Mediziner beklagten mit tiefem Mitleid das herbe Los des Dr. Eisenmann, eines der besten Schüler Schoenleins. Die Gerichte hatten ihn aus nichtigen Gründen wegen Hochverrats zum Tode verurteilt und der charakterfeste, zu Kerkerstrafe begnadigte Mann blieb 16 Jahre in der Fronfeste eingesperrt, weil er sich 320 unerschütterlich weigerte, vor dem Bilde des Königs die verlangte Abbitte zu tun. Erst das Jahr 1848 verschaffte dem Dulder die Freiheit.

Auch die deutsche Muttersprache versuchte der König unter sein absolutes Regiment zu beugen, aber sie spottete seiner. Staunend skandierten wir seine Distichen unter den Arkaden und stolperten vergnügt über die ungelenken Versfüße.

Wir waren den ganzen Tag unterwegs, es gab so unendlich viel zu sehen, und keine der Schöpfungen des kunstsinnigen Königs sollte uns entgehen. Eine einzige Stunde nur verwendeten wir auf das medizinische München.

Die beiden bedeutendsten Männer, die seit der Verlegung der Landshuter Universität 1826 nach München an der medizinischen Fakultät gewirkt hatten, waren Ignaz Döllinger, der 1841 starb, und Philipp von Walther. Man hatte Walther, den geistvollen und berühmten Chirurgen, der sich früher schon in Landshut als Physiolog und Chirurg eines großen Rufes erfreut hatte und 1818 nach Bonn berufen worden war, wo er als Lehrer, wie als Praktiker eine außerordentliche Verehrung genoß, 1830 nach München geholt; bald aber bereute er bitter, dem Rufe nach Bayern gefolgt zu sein. Die Ränke der mächtigen Gegner im Schoße der Fakultät zwangen ihn 1836, seine Klinik an den heute vergessenen Professor Wilhelm abzutreten und nur noch Vorlesungen abzuhalten. Chelius und Pfeufer hatten des ausgezeichneten Mannes so oft in tiefer Verehrung gedacht, daß wir begierig waren, ihn zu sehen, und ihn im Hörsaale aufsuchten, aber wir trafen es schlecht. Zwar seine imponierende Persönlichkeit erfüllte uns mit Ehrfurcht, aber das Thema aus der Augenheilkunde, worüber er vortrug, war das denkbar unglücklichste. Er las über die Ophthalmia trichomatosa, zu deutsche die Augenentzündung beim Weichselzopf. Dieser Zopf ist heute mit vielen andern Zöpfen aus der Medizin beseitigt. Damals galt er noch für ein endemisches, an klimatische Schädlichkeiten der Weichselländer gebundenes Leiden des Kopfhaars, in Wirklichkeit aber ist er ein Erzeugnis der Unreinlichkeit ihrer Bewohner, die zur unlösbaren Verfilzung der Haare führt, und weicht der Schere und Seife. 321 Walther beschrieb den Weichselzopf genau und handelte drei Viertelstunden von dessen Erscheinungen und Folgen, möglichen Ursachen, Prognose und Behandlung; – wir verließen wenig erbaut den Hörsaal.

Auch Louis Stromeyer, der ausgezeichnete Chirurg, dessen Klinik mein Freund Bronner in Freiburg besucht hatte, war ein Jahr lang (1841/42) Mitglied der Münchener Fakultät gewesen, ehe er in Freiburg wirkte. Mein Kollege Prof. Josef Gerlach in Erlangen, der in München eine Zeitlang studiert hat, erzählte mir eine Geschichte, die mit dazu beitrug, Stromeyer den Aufenthalt in München zu verleiden, und ihn bewog, einen Ruf nach Freiburg anzunehmen. Ringseis forderte eines Tags Stromeyer auf, einem Kranken der inneren Klinik mittelst des Bauchstichs Wasser abzuzapfen. Stromeyer weigerte sich, nachdem er den Kranken untersucht hatte, die Operation vorzunehmen, weil kein Wasser im Bauche sei. Darauf machte Ringseis selbst den Stich, es kam nur Luft, der Kranke starb; die Schüler erzählten den Vorgang Stromeyer in der Klinik, und dieser bemerkte spitz: »Man nennt dies den trockenen Stich, so sticht man die Leute ab.« Ringseis wurde diese Aeußerung hinterbracht, er verklagte Stromeyer bei der Fakultät, die den Widerruf der Beleidigung vor den Schülern verlangte. Stromeyer gehorchte mit den Worten: »Ich widerrufe, was ich gesagt: so sticht man die Leute nicht ab!« 322

 

 

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