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Jugenderinnerungen eines alten Arztes

Adolf Kussmaul: Jugenderinnerungen eines alten Arztes - Kapitel 65
Quellenangabe
typeautobio
booktitleJugenderinnerungen eines alten Arztes
authorAdolf Kußmaul
year1906
firstpub1899
publisherAdolf Bonz und Comp.
addressStuttgart
titleJugenderinnerungen eines alten Arztes
pages496
created20110330
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Sechstes Buch.

Reisebilder.

    Das Ränzel leicht beladen,
Im Herzen leichtes Blut,
Und einen Kameraden
Zur Seite wohlgemut,
    So wird die Reise gut.

 


 

Der Frühling 1847.

Als der Frühling in das Land kam, sah ich wieder frisch in die blühende Welt und behauptete, das Wonnegefühl der Wiedergenesung wiege die erduldeten Leiden auf. Was ich vor meiner Krankheit achtlos und ohne Dank hingenommen, den freien Gebrauch der Glieder und der Organe zum Atmen und Speisen, oder nachts die bequeme Lage und den ruhigen tiefen Schlaf, all das war mir jetzt unsäglicher Genuß.

Mit Freude begrüßte ich die Freunde, die im Herbste nach Paris gegangen waren und heimgekehrt mich jetzt besuchten, darunter Eduard Bronner, alle elegant gekleidet, wie ich sie nie gesehen, nach der neuesten Pariser Mode. Neugierig lauschte ich ihren Schilderungen des modernen Babylon, seines Lebens und Treibens, seiner Paläste, prächtigen Straßen, Plätze und Lustgärten, seiner berühmten Aerzte, Gelehrten und Staatsmänner. Sie rühmten den freien patriotischen Sinn der Franzosen, ihr freundliches Entgegenkommen, ihre gefälligen Umgangsformen. Ueber die politische Stimmung Frankreichs gaben sie ernsten Bericht. Der Thron des Bürgerkönigs Louis Philippe stand nicht fest, Mißgriffe und Unwürdigkeiten in der inneren und äußeren Politik, vor allem aber die Habsucht des Königs, hatten die öffentliche Meinung erbittert und ihn um Achtung und Ansehen gebracht. Schlechte Ernten mit Verteuerung des Brotes drückten auf die Stimmung der Massen, die Käuflichkeit einzelner hoher Staatsbeamten und furchtbare Verbrechen in den obersten Schichten der Gesellschaft regten die niederen, der 312 politischen Rechte beraubten Klassen gegen die höheren auf. Geheime Gesellschaften waren unermüdlich an der Arbeit, das Königtum zu stürzen. Presse und Bühne eiferten um die Wette gegen die Verworfenheit der Aristokratie und Bourgoisie und priesen mit glänzenden Phrasen die tugendhafte Welt der gamins de Paris und der ouvriers seiner Vorstädte.

Die jungen Mediziner hatten in Paris fleißig eingekauft und sich für die Praxis mit chirurgischen Instrumenten und ganzen Bestecken bei Charrière und Luer, einzelne auch schon mit Mikroskopen bei Oberhäuser, ausgerüstet. Dies ist jetzt anders geworden; wie in so vielen Dingen hat sich auch darin Deutschland unabhängig von Frankreich gemacht und fabriziert selbst vorzügliche Instrumente.

Das Neueste, was die Freunde mitbrachten, war die große Erfindung der Aetherbetäubung zu schmerzloser Ausführung chirurgischer Eingriffe. Am 13. November 1846 hatte Elie de Beaumont der Akademie der Wissenschaften einen Brief seines Freundes, des Mediziners und Naturforschers Charles Jackson aus Boston, mitgeteilt; eine neue Epoche der Chirurgie begann. Auf den Rat Jacksons hatte der Zahnarzt Morton am 1. September mit Hilfe eingeatmeten Aetherdunstes zum erstenmal eine Zahnoperation schmerzlos vollzogen und der Chirurg Warren am 16. Oktober eine Geschwulst am Halse entfernt. Seit Jenners Einführung der Kuhpockenimpfung hatte keine Erfindung im Gebiete der Heilkunst Aerzte und Publikum so mächtig bewegt, wie diese amerikanische, die über Paris ihren Einzug in die alte Welt halten sollte.

Die Physiologen und Aerzte der französischen Hauptstadt hatten die einschläfernde und schmerzstillende Kraft des Aethers sofort bestätigt und näher studiert, auch Apparate zur wirksamsten Einatmung der Dünste ersonnen, die Heimgekehrten brachten sie mit. Pfeufer wünschte Versuche über die Aetherwirkung zu machen, wozu sich ihm die jungen Aerzte zur Verfügung stellten. Auf meinem Studierzimmer wurden sie ausgeführt und von Pfeufer im 6. Bd. der Zeitschrift für rationelle Medizin veröffentlicht. Einer unsrer Freunde verriet in dem Stadium des Aetherrausches, das dem Schlafe vorausgeht, ein süßes Geheimnis, woran wir natürlich herzlichst 313 teilnahmen. In zärtlichen welschen Worten beteuerte er der verlassenen Pariser Freundin seine deutsche Treue.

Bronner eröffnete mir seine nächsten Pläne. Er wollte nach Wien gehen, dessen alte medizinische Anziehungskraft durch das neu an seinem Himmel aufgegangene Doppelgestirn Rokitansky und Skoda erstarkt war. Ich wäre unendlich gern mit ihm gegangen, doch fehlte mir der nervus rerum, das Geld.

Pfeufer erkundigte sich gütig um meine Zukunftspläne und drang darauf, daß ich mich um ein Staatsstipendium zu Reisezwecken bewerbe. Ich wußte, daß mein Gesuch aussichtslos wäre, aber ich durfte ihn nicht durch Widerspruch kränken; er schrieb mir einen warmen Empfehlungsbrief an den maßgebenden höheren Beamten in Karlsruhe, der ihm persönlich bekannt und geneigt war. Damit reiste ich nach Karlsruhe, wurde vorgelassen und stehend bedeutet, daß die badische Regierung keine Ursache habe, Aerzte mit Reisemitteln zu unterstützen, es gäbe deren übergenug im Lande, fast auf jedem Dorfe sitze ein Doktor. Wenn an der Landesheilanstalt Illenau eine Hilfsarztstelle frei würde, wolle man mich, falls ich eine solche in Aussicht nähme, berücksichtigen. Glücklicherweise gelang es mir, von einem privaten Gönner auf Treu und Glauben tausend Gulden vorgestreckt zu erhalten, mit dieser Summe konnte ich ein Jahr auf Reisen zubringen.

An einem schönen Maientag – es war der Dienstag der Pfingstwoche – fuhren Bronner und ich von Wiesloch ab. Unser nächstes Ziel war München; die ärztliche Fakultät der bayerischen Hauptstadt lockte uns nicht, sie bedeutete wenig, einzig und allein der Kunstschätze halber wollten wir dort eine Woche verweilen. König Ludwig I. hatte München zu einer der sehenswertesten Städte Deutschlands gemacht. 314

 

 

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