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Jugenderinnerungen eines alten Arztes

Adolf Kussmaul: Jugenderinnerungen eines alten Arztes - Kapitel 64
Quellenangabe
typeautobio
booktitleJugenderinnerungen eines alten Arztes
authorAdolf Kußmaul
year1906
firstpub1899
publisherAdolf Bonz und Comp.
addressStuttgart
titleJugenderinnerungen eines alten Arztes
pages496
created20110330
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Prüfung auf dem Krankenbette.

Akuter Gelenkrheumatismus im Winter 1857/47.

Niemand hatte sich über meinen ärztlichen Lizenzschein mehr gefreut als meine Mutter. Leider waren ihre Tage bereits gezählt; aus Furcht vor dem Messer der Chirurgen verheimlichte sie ein böses Leiden so lange, bis es zum Operieren zu spät war. Erst 48 Jahre alt, schied sie nach unsäglichen Qualen am 19. November 1846 von uns. Kurz zuvor, für meine arme Mutter ein Jahr zu spät, war in Boston die große Erfindung gemacht worden, chirurgische Operationen mittelst eingeatmeter Aetherdünste schmerzlos auszuführen.

Als meine Mutter starb, war ich seit einigen Monaten Assistenzarzt an der inneren Klinik Pfeufers. Ich wohnte im Krankenhause, ohne zu ahnen, daß ich meine genauesten pathologischen Beobachtungen darin am eigenen Leibe machen sollte. In der Weihnachtswoche streckte mich ein heftiger Gelenkrheumatismus auf das Schmerzenslager und wich erst gegen Ende Februar. Er züchtigte meinen verzärtelten Leib für die groben hygienischen Sünden, die ich, als Arzt doppelt strafbar, hätte vermeiden sollen. Seit anderthalb Jahren hatte ich die meiste Zeit am Studiertisch gesessen, war nur wenig in die frische Luft gegangen, hatte meine Muskeln kaum geübt und meine Haut nicht methodisch mit kaltem Wasser abgehärtet. Zwar hatte mir der Lizenzschein die beste Note erteilt, aber in Wirklichkeit war ich ein Stümper. Hätte ich nur das Abc der Gesundheitslehre gekannt und befolgt, so wäre ich sicher vor der Krankheit geschützt gewesen.

304 Allerlei Störungen in meinem Wohlbefinden hatten mich im Sommer 1846 nach und nach zum Hypochonder gemacht. Die lästigen Empfindungen deutete ich irrig und bezog sie auf ein schweres Leiden. Sie wären durch richtige Lebensweise leicht zu beseitigen gewesen, aber in meinen falschen Ideen befangen, gebrauchte ich verkehrte Mittel. Zwar beschränkte ich meine Nahrung auf leicht verdauliche, reizlose Kost und nahm fast keine erhitzenden Getränke, aber ich machte mir nur wenig Bewegung und gebrauchte, statt täglicher kalter Abwaschungen des ganzen Körpers und kalter Bäder, warme Bäder, die mir ein vorübergehendes Behagen verschafften, meine Haut jedoch noch mehr verweichlichten. Als ich zuletzt im Beginn des Winters auf eine richtigere Auffassung meines Leidens kam und mir fest vornahm, meinen krankhaften Empfindungen nicht mehr nachzugehen, verschwanden sie wie auf einen Schlag, ich machte mir mehr Bewegung und fühlte mich besser, aber zur Abhärtung meiner Haut tat ich zu wenig und büßte dafür bitter.

Ueber Weihnachten war ich im Urlaub bei meinem Vater zu Besuche. In der letzten Nacht holte man ihn auf offenem Wagen nach auswärts, nicht warm genug bekleidet fuhr ich mit ihm, es war eisig kalt, ich fror auf dem ganzen Wege. Am nächsten Morgen kehrte ich nach Heidelberg zurück, ich fühlte mich unbehaglich, und das Unwohlsein nahm in den nächsten Tagen zu. Wenn ich mich vom Sitze erhob, um zu gehen, war ich steif in den Gelenken und hatte Schmerzen darin, ich verlor den Appetit, fröstelte, schlief schlecht und hatte schlimme Träume, doch besorgte ich meinen Dienst. In der dritten Nacht aber weckte mich zu mitternächtiger Stunde ein wütender Schmerz im Ballen der linken großen Zehe, es war mir, als würde er in einen glühenden Schraubstock gepreßt, und ich fieberte. So hatte uns Pfeufer die mitternächtige Einkehr des Podagras geschildert, als ich zwei und einhalb Jahr zuvor seine Vorlesungen über Gicht gehört. Ich erstaunte: so frühe sollte ich schon durch den Besuch des Podagras ausgezeichnet werden? Hätte es mich nicht so heillos am großen Zehen geschmerzt, so wäre ich fast stolz auf die große Auszeichnung gewesen. Ich wagte sogar Pfeufer bei seinem Morgenbesuche meine Vermutung auszusprechen, wurde aber 305 mit der kurzen Bemerkung abgefertigt, nicht das vornehme Zipperlein sei bei mir eingekehrt, sondern ein ganz gemeiner Gelenkrheumatismus, und der schlimme Geselle werde sechs Wochen lang das Lager mit mir teilen.

Meinem Bettgenossen gefiel es sogar noch länger bei mir, und er übte seine tückischen Künste an meinen Gelenken mit besonderem Mutwillen. Er sprang fast täglich auf neue, auch solche, die er meist verschont, z. B. die Kiefergelenke und die Verbindungen der Nackenwirbel, ergriff oft mehrere zugleich und einige wiederholt. Ich lag unbeweglich auf dem Rücken, wie ein Käfer, den böse Buben mit der Nadel lebend auf ein Brett spießten, und konnte kein Glied rühren vor Schmerzen. In Schweiß gebadet wurde ich von Friesel krebsrot und lag auf an mehreren Stellen.

Nach einigen Tagen empfand ich morgens Stechen in der Herzgegend mit Beklemmung. Pfeufer stellte die Diagnose auf Entzündung des Herzbeutels; er gab meinem Vater sogleich Nachricht von meiner Erkrankung und seinem Befunde, ohne mich von dem Briefe in Kenntnis zu setzen. Abends wurde ich von dem Besuche meines Vaters überrascht und aufgeregt. Ich hatte stets seine Ruhe am Krankenbette bewundert, heute verließ ihn die Fassung. Schluchzend trat er zu mir, Pfeufer mußte ihm meinen Zustand als bedenklich geschildert haben; er tat mir unsäglich leid. Um ihn zu beruhigen, stellte ich mich ärgerlich über seine unnötige Erregtheit, mein Befinden sei bereits gebessert, er möge getrost heimkehren. Er nahm sich zusammen und verweilte nicht lange. – Ich überdachte, nachdem er weggegangen war, meinen Zustand mit der größten Gemütsruhe und bedauerte, falls ich stürbe, nur meinen Vater, der so große Opfer vergeblich gebracht haben sollte. – Sechs Jahre später sah ich dem Tode abermals ins Gesicht. Wie anders war es mir da zu Mute. Ich besaß Familie und sollte sie unversorgt zurücklassen.

Die Behandlung meiner Krankheit bietet nur wenig Interesse. Ich nahm keine andern Arzneien als ein Wiener Tränkchen am ersten Tag und wegen der gänzlichen Schlaflosigkeit und gesteigerten Schmerzen in der Nacht vom Ende der ersten Woche an jeden Abend eine kleine Gabe Morphium, einen Viertelgran. Pfeufer verordnete 306 mir Colchicum, aber ich konnte mich nicht entschließen, es zu nehmen. Auf das Herz ließ er mir einige Tage lang einen Eisbeutel legen. Meine entzündeten Gelenke wurden in dicke Lagen von Werg eingeschlagen, ein damals allgemein gebräuchliches örtliches Verfahren, das mir die Schmerzen vermehrte, weshalb ich nach einigen Tagen dringend bat, mich damit zu verschonen. Dagegen empfand ich äußerst wohltuend alle Morgen Abwaschungen am ganzen Leibe mit warmem Wasser, dem Kalilauge zugesetzt war, einer Mischung von 30 Teilen des offizinellen Liquor Kali caustici auf 1000 Teile Brunnenwasser. Die Hälfte davon weiter verdünnt mit der 4–6 fachen Menge badewarmen Wassers von ungefähr 28° R diente zur Abwaschung. Mittelst eines Badeschwamms wurde ein Teil des Leibes nach dem andern vorgenommen und jeder für sich mit einem zarten Tuche abgetrocknet. – Die Stunde nach dieser Waschung war viele Wochen lang die einzige, leidlich erträgliche. – Ich habe dieses Verfahren, das von Schoenlein stammt, in meiner Praxis zeitlebens beibehalten und darf es warm empfehlen.

Bei dieser einfachen Behandlung bin ich schließlich genesen, an meinem Herzen blieb lange Zeit eine vermehrte Erregbarkeit zurück, die mich namentlich gegen Kaffee und Tee empfindlich machte, weit weniger gegen Wein.

Wie überall, wo Entzündungen auftraten, meinten viele Aerzte damals, auch beim Gelenkrheumatismus die Blutentziehungen nicht entbehren zu können. Einer der meist beschäftigten Aerzte in Heidelberg setzte einem meiner daran erkrankten Bekannten an jedes größere Gelenk, sobald es zu schmerzen anfing, 6–10 Blutegel, mindestens 60 im ganzen, ohne irgend einen wohltätigen Einfluß auf den Gang der Krankheit. – Daß der Aderlaß nichts nütze, hatte ich als Assistent bei Naegele erfahren. Es war mir die kleine Schrift eines englischen Arztes – ich glaube, er hieß Macleod – in die Hände geraten, worin der Aderlaß als ein besonders wirksames Mittel gegen den akuten Gelenkrheumatismus empfohlen war. Hat man noch keine eigene Erfahrung, so ist man leichtgläubig. Es lagen gerade zwei kräftige Personen heftig von der Krankheit 307 befallen in Naegeles Klinik, und mit seiner Genehmigung entzog ich jeder ein Pfund Blut. Der Erfolg war null. Der Rheumatismus nahm unbehindert seinen, schließlich günstigen Verlauf. Ich hätte besser getan, der Lehre Puchelts Glauben zu schenken, wonach der akute Gelenkrheumatismus eine, wie er sich ausdrückte, »cyklische« Krankheit sei, die sich durch Blutentziehungen in ihrem Gange nicht irre machen lasse.

Mein Appetit war sechs Wochen lang gänzlich verschwunden, dagegen quälte mich ein unlöschbarer Durst infolge der riesigen Schweiße. Neben frischem Wasser trank ich anfangs große Mengen von Limonade und später von Buttermilch. – Die erste feste Speise, die ich zu mir nahm, waren geschabte säuerliche Aepfel.

Unter solchen Umständen war es kein Wunder, daß ich zum Skelett abmagerte. Der Vater meines Freundes Bronner besuchte mich acht Tage, nachdem ich das Bett verlassen hatte. Tief erschreckt schrieb er seinem Sohne Eduard nach Paris, ich sei dermaßen abgezehrt, daß ich unmöglich genesen könne.

Noch heute bin ich den Freunden und Bekannten dankbar, die mir in den Nächten hilfreich beistanden, darunter Prof. Karl Schaible, dessen ich schon früher gedachte, Geh. Hofrat Oskar Diruf sen. in Kissingen und Heinrich Medicus, evang. Pfarrer in Triest. Eine treffliche Pflegerin war mir eine der klinischen Wärterinnen, eine lange, schlanke Person, die meine Freunde die große Seeschlange nannten. Sie war mir dankbar zugetan, weil ich sie in den Herbstferien an einer Perityphlitis glücklich behandelt hatte; nach einem Aderlaß waren Geschwulst, Schmerz und Fieber rasch bei ihr verschwunden.

Die arme Seeschlange! Ein langes Leben schien ihr beschieden, aber sie hatte ein zärtliches Herz und vermochte die Untreue ihres Geliebten, der ihr die Ehe versprochen, nicht zu überleben. Sie verschaffte sich im Hospital ein Fläschchen Opiumtinktur. Im Wahne, das Mittel, dem so viele Kranke Ruhe und süßen Schlaf verdanken, müsse ihr in großer Gabe einen leichten Tod verschaffen, leerte sie es auf einen Zug und büßte ihren Irrtum mit einem langen und schweren Todeskampf.

308 Meine schmerzhafte Krankheit ist mir ein guter Lehrmeister geworden. Wer selbst auf der Folterbank gelegen hat, fühlt am wärmsten mit den Gemarterten, er begreift ihr Jammergeschrei, aber auch ihre leisen Seufzer finden bei ihm volles Verständnis. Es gibt viele Dinge in der ärztlichen Praxis, die der wissenschaftlichen Medizin gleichgültig sind, aber für den Kranken Labsal und Balsam; wer auf dem Krankenbette und nicht bloß an ihm geprüft wurde, weiß den Wert eines mitfühlenden Blickes, eines guten Wortes zur rechten Zeit am besten zu schätzen; den Physiologen läßt es gleichgültig, wie die Kissen für den Kranken gelegt werden, für den praktischen Arzt ist es eine ernste, wichtige Sache.

Mit dem Eintritt der Wiedergenesung bemächtigte sich meiner ein Wolfshunger, der Magen versuchte sogar eines Tags zu meinem Schrecken die sanfte Stimme des Herzens mit ungestümen Forderungen zu übertönen. Ich war bereits außer Bette, als sich mir meine Braut und meine älteste Schwester zu Besuch ansagten. Ich ließ ein Mahl richten und wir speisten zusammen. Da gerieten in meinem Innern zwei Stimmen feindlich aneinander. Die eine kam aus dem Herzen und ermunterte die lieben Kinder: »Ihr guten Mädchen, greift fleißig zu und laßt es euch schmecken!« Die andere murrte aus der Tiefe: »Ich beschwöre euch, laßt mir genug übrig!« – Gottlob, sie aßen bescheiden, wie Vögelchen, die knurrende Stimme verstummte und das Herz hüpfte vor Freude. 309

 

 

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