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Jugenderinnerungen eines alten Arztes

Adolf Kussmaul: Jugenderinnerungen eines alten Arztes - Kapitel 63
Quellenangabe
typeautobio
booktitleJugenderinnerungen eines alten Arztes
authorAdolf Kußmaul
year1906
firstpub1899
publisherAdolf Bonz und Comp.
addressStuttgart
titleJugenderinnerungen eines alten Arztes
pages496
created20110330
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Vomierkuren.

Es ist ein heikles Thema, woran ich mich wage, aber ich darf es nicht umgehen, wenn ich schildern will, wie die ärztliche Praxis in meiner Jugend ausgeübt wurde. Wem davor graut, mag das Kapitel überschlagen.

Neben Purganzen und Aderlässen verordneten die Aerzte mit Vorliebe Vomitive, besonders häufig jungen Personen bis in das Säuglingsalter herab, selten nur älteren Leuten. Heute gilt das Verfahren für fast barbarisch und es wird nur ausnahmsweise benützt, obwohl es ein echtes und vielbewährtes Naturheilverfahren ist, erlernt von der Lehrmeisterin Natur, zugleich ein klassisches, das angeblich schon in den Vomitorien des kaiserlichen Roms fleißig geübt wurde.Hierüber schrieb mir der berühmte Verf. der »Darstellungen aus der Sittengeschichte Roms«, Prof. L. Friedländer: »Die (meines Wissens den Archäologen völlig unbekannte) Benennung von Räumen in den römischen Kaiserpalästen als Vomitorien dürfte auf dem Einfall eines Dilettanten beruhen, der von der Häufigkeit des Gebrauchs der Vomitive im alten Rom eine gewiß sehr übertriebene Vorstellung hatte. Die einzigen Kaiser, von denen wir wissen, daß sie sich ihrer gewohnheitsmäßig bedienten, sind Claudius und Vitellius. Die einzige Stelle, in der das Wort vorkommt, (Macrob. Saturnal. VI, 4,3) lautet: et nunc vomitoria in spectaculis dicimus, unde homines glomeratius ingredientes in sedilia se fundunt.

Unser Magen ist mit einer Einrichtung ausgerüstet, durch die er sich automatisch von schädlichem Inhalt befreit. Der überfüllte Magen des Säuglings stößt ohne äußeres Zutun das Uebermaß der genossenen Milch aus und erleichtert sich dadurch seine Aufgabe. 298 »Speikinder, Gedeihkinder!« lautet ein alter Ammenspruch. Das Erbrechen ist ein reflektorischer Vorgang zwischen Nerven und Muskeln. Er schafft unverdauliche Speisen und Gifte aus dem Magen und sichert dadurch Gesundheit und Leben. Wie der Mensch sind auch zahlreiche Tiere mit dieser nützlichen Mechanik ausgestattet; sein treuer Begleiter, der Hund, besitzt sie in großer Vollkommenheit, ohne besondere Vorkehrungen gelingt es kaum, ihn mit vielen Giften, die dem Menschen äußerst gefährlich sind, durch Einbringen in den Magen zu töten, er weist sie sofort zurück.

Man verwendete zum Vomieren die Brechwurzel oder Radix Ipecacuanhae, die unter Ludwig XIV. aus Brasilien nach Paris kam, und den schon länger bekannten und heftiger wirkenden Brechweinstein oder Tartarus stibiatus. Die heutige Medizin verfügt noch über ein drittes Mittel zu diesem Zweck, das Apomorphin; schon in der winzigen Gabe von 1 centigramm vermag es, unter die Haut eingespritzt, den Magen von Gift zu befreien.

Man gab die Vomitive nicht nur zur Entleerung des Magens, sie dienten auch zur Entfernung von Schleim und kroupösen Häuten aus den Luftwegen. Außerdem erhoffte man Nutzen von ihrer mächtigen Einwirkung auf die absondernde Tätigkeit zahlreicher Drüsen; beim Vomieren ergießen sich daraus Ströme von Speichel und Schleim, Galle und Schweiß, damit beabsichtigte man die in das Blut und die Gewebsäfte des Körpers bereits eingedrungenen Kontagien und Miasmen herauszuschwemmen. Endlich hoffte man mittelst der Erschütterungen, die mit dem Eingriff verbunden waren, verstimmte Saiten im Nervensystem wieder zum richtigen Schwingen umzustimmen.

Wie prompt und sicher in vielen Fällen dieses Heilverfahren sich erwies, kann von den lebenden Aerzten vielleicht niemand aus eigener Erfahrung besser berichten als ich. Mindestens 8–9 Mal habe ich Vomitive eingenommen, nicht bloß in jungen Jahren, auch noch im Mannesalter, zuletzt 1864.

Ziemlich seuchenfest, blieb ich in meiner Jugend von den Krankheiten, die namentlich das Kindesalter bedrohen, Scharlach, Masern, Kenchhusten u. dgl., ganz verschont. Auch der Darmtyphus, der die 299 meisten meiner Geschwister befiel, ließ mich unberührt, obwohl ich sie pflegen half, und befiel mich erst im reifen Mannesalter, 1863, in der leichten Form des sog. Schleimfiebers. Nur zwei ungefährliche Krankheiten suchten mich bis in das Mannesalter häufig heim: eine oberflächliche (lakunäre) fieberhafte Mandelentzündung, die mit der Regelmäßigkeit eines Uhrwerks jedesmal in drei Tagen ablief, und eine Störung der Magenverrichtungen in Gestalt eines fieberlosen Gastrizismus oder ausnahmsweise eines gastrischen Fiebers. Vermutlich verschuldete jedesmal irgend eine schädliche Speise den verdorbenen Magen, doch weiß ich darüber nichts Genaueres anzugeben. Die Erscheinungen verliefen in der Regel so, daß ich mich morgens beim Erwachen matt und unwohl fühlte, mein Kopf war eingenommen, nicht aufgelegt zur Arbeit, ich hatte keine Eßlust, einen üblen Geschmack und eine garstige Zunge. Nahm ich ein Brechmittel, so genas ich sofort, zögerte ich, so zog sich das Leiden in die Länge, bis ich mich endlich doch entschloß, die häßliche aber sichere Kur zu gebrauchen. Eine Purganz leistete die gleichen prompten Dienste nicht.

Als ich die Quinta in Heidelberg besuchte, erwachte ich eines Morgens mit Fieber und gastrischen Erscheinungen. Das Fieber erreichte mittags eine solche Höhe, daß meine besorgte Mutter meinen Vater durch einen Expressen von Wiesloch holen ließ. Er kam erst spät abends, das Fieber war noch gestiegen und Kopfweh hinzugetreten. Er verschrieb mir sofort eine Schüttelmixtur aus Ipeca und Brechweinstein. Die Wirkung war großartig. Ich sank danach in tiefen Schlaf, erwachte spät am Morgen fieberfrei und bis auf ziemliche Mattigkeit hergestellt. – Ein andres Mal, ich war bereits Mediziner, konnte ich mich bei einem fieberlosen, äußerst widerlichen Gastrizismus mehrere Tage lang nicht zum Einnehmen des Vomitivs entschließen und meinte durch Fasten allein zum Ziele zu kommen. Nach einigen Tagen vergeblichen Abwartens, griff ich zu dem erprobten Mittel in früher Morgenstunde und es erfolgte die gewohnte vesuvische Eruption reichlicher Gallenmengen. Hierauf sank ich in tiefen, erquickenden Schlaf und nahm, sobald ich erwachte, die gebräuchliche, mit etwas saurem Rahm bereitete Wassersuppe. 300 Nachmittags ging ich aufs Schloß und speiste da oben mit prächtigem Appetit zwei köstliche Kalbsrippchen mit gerösteten Kartoffeln, eine Flasche Münchner Bier mundete dazu herrlich. Die Genesung war vollkommen.

Eine ganz energische Kur mit Tartarus stibiatus gebrauchte ich 1853 als praktischer Arzt in Kandern, wo mich mein strapazierender Beruf auf das Krankenlager warf und eine Myelitis spinalis mir die untere Körperhälfte lähmte. Ich ziehe jedoch vor, die Geschichte dieser schweren Krankheit, die in mein Leben wie kein anderes Ereignis bestimmend eingriff, erst im letzten Buch dieser Erinnerungen zu erzählen.

Das letzte Vomitiv nahm ich 1864 als Kliniker in Freiburg i. B.; auf die Umstände, die mich zu seinem Gebrauche veranlaßten, gehe ich näher ein, weil sie, wie ich glaube, pathologisch und therapeutisch hinreichend merkwürdig sind.

Meine Haut war damals noch wenig abgehärtet, ich war unvorsichtig und fuhr bei windigem Wetter mit Kollegen vom Lande auf offenem Wagen zwei Tage hintereinander zu Konsultationen; von der zweiten kehrte ich abends spät unwohl heim. Morgens erwachte ich etwas fiebernd und blieb zu Bette; auf der Brust fühlte ich links hinten unten ein leises Stechen und in der Kehle einen Reiz zum Räuspern, nicht zum Husten. Dabei warf ich einen kleinen Ballen glasigen Schleims aus und fing ihn unter Wasser in einem zufällig zur Hand stehenden Becken auf. Da entrollte sich zu meinem Erstaunen und Schrecken der Ballen als ein mehr als fingerlanges, stricknadeldickes, ziemlich derbes Bäumchen, mit zahlreichen, immer feiner sich verzweigenden Aestchen, das sich nur in den Bronchien gebildet haben konnte. Ich befürchtete den Beginn jener schlimmen, äußerst quälenden, chronischen Bronchitis mit baumförmig verzweigtem, fibrinösem Auswurf, ein oft unheilbares Leiden, das z. B. unsern Examinator, den Geh. Rat Dr. Teuffel, in den letzten Jahren seines Lebens böse mitgenommen hatte. Mein Assistent kam, mich zu besuchen, und hörte an der Stelle, wo ich das leise Stechen empfand, ein feines Knistern. Weil das Räuspern und Auswerfen der Dendriten sich fort und fort wiederholte, verschrieb ich mir ein kräftiges Vomitiv. 301 Nachdem es stark gewirkt hatte, hörte der Dendritenauswurf auf, ich räusperte noch von Zeit zu Zeit etwas ungeformten Schleim aus, fühlte mich besser, hütete einige Tage das Zimmer und war vor Ablauf der Woche gänzlich hergestellt. Das Auffallendste bei dieser merkwürdigen Bronchitis acutissima mit nur halbtägigem Auswurf von Dendriten war der Umstand, daß die Bäumchen und der Auswurf überhaupt ohne Husten, lediglich durch Räuspern, aus den Luftwegen herauf befördert wurden. – Einen ähnlichen Fall fand ich in der Literatur nicht beschrieben. –

* * *

Der Leser, der mit der Geschichte der Medizin nicht vertraut ist, wird nun die Frage aufwerfen: wie konnte es kommen, daß ein der Natur entlehntes, anscheinend so rationelles und durch tausendfältige Erfahrung erprobtes Heilverfahren heute nur noch ausnahmsweise benützt wird? Daß es Gefahren in sich schließt, konnte ja auch den alten Aerzten nicht verborgen geblieben sein, und in der Tat verboten sie seinen Gebrauch bei vielen Fehlern und Krankheiten auf das strengste, beispielsweise bei Herzfehlern, schwachem Herzen, brüchigen Schlagadern, Leibschäden, Entzündung der Magenschleimhaut, der Därme und des Bauchfells, bei ausgebildeter Bleichsucht und vielen andern solchen »Kontraindikationen«. Ungeachtet dieser Einschränkung blieb noch ein weites Feld übrig, wo die Vomierkur zulässig und nützlich erschien; erst in der zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts ist ihr Gebrauch mehr und mehr eingeengt worden und heute gibt man die Brechmittel fast nur noch, um in dringenden Fällen giftige Substanzen aus dem Magen zu entfernen, sucht sie sogar bei verdorbenem Magen, wo sie einst so große Triumphe feierten, durch mildere Verfahrungsweisen zu ersetzen.

Das Schicksal dieser Kurmethode ist eines der lehrreichsten Beispiele, um zu zeigen, welchen ungeheuren Einfluß die Entdeckungen der pathologischen Anatomie auf die Therapie gehabt haben und haben mußten. Die große Einschränkung des Gebrauchs der Vomitive war die Folge einer der wichtigsten Bereicherungen unserer anatomischen Kenntnisse, die wir zwei Forschern ersten Rangs auf diesem 302 Gebiete verdanken: Cruveilhier in Paris und Rokitansky in Wien. Sie fällt in das Ende des vierten Jahrzehnts, kurz vor den Beginn meiner medizinischen Studien. Fast gleichzeitig haben die beiden berühmten Anatomen, Cruveilhier 1838, Rokitansky 1839, die ärztliche Welt mit dem runden Magengeschwür, seiner Häufigkeit und großen praktischen Bedeutung bekannt gemacht. Ich hebe als besonders wichtig aus der Lehre von diesem eigentümlichen Geschwüre, das außer im Magen auch noch im angrenzenden Zwölffingerdarm angetroffen wird, nur einiges hervor, was hier Erwähnung verdient.

Vor dem Eintritt der Geschlechtsreife wird das Geschwür äußerst selten gefunden, von da an häufig, seltener bildet es sich im Greisenalter. Die Bleichsucht begünstigt seine Entstehung. Es ist die häufigste Ursache der Magenkrämpfe, die mit starker Säurebildung, heftigen Schmerzen und Blutbrechen verlaufen, es hat eine Neigung, die Magenwand zu durchbohren, und die stürmischen Bewegungen, die mit dem Brechakte verbunden sind, können durch die Zerrung der Magenwände eine Zerreißung an der verdünnten Geschwürstelle herbeiführen. Wäre man nun imstande, die Geschwüre durch sichere Zeichen in allen Fällen vom einfachen Gastrizismus zu unterscheiden, so würde man auch heute noch unbedenklich gegen diesen die Brechkur anwenden dürfen, es gibt aber vereinzelte, wenn auch seltene Fälle, wo sich das Geschwür hinter dem Bilde eines unverdächtigen Gastrizismus versteckt, und dies ist der Grund, weshalb man so vorsichtig geworden ist.

Weit seltener jedoch, als man annehmen könnte, scheinen Brechmittel Zerreißungen der Magenwand herbeigeführt zu haben. Der Grund davon dürfte ein mehrfacher sein. Am häufigsten wurden sie bei Kindern verordnet, bei denen die Geschwüre kaum vorkommen, bei Bleichsucht waren sie verboten, ebenso bei schmerzhaften Zuständen des Magens. Mir persönlich ist nur einmal ein solches Ereignis zur Kenntnis gekommen, es brachte 1854 einen Wundarzt aus der Gegend von Würzburg auf die Anklagebank. 303

 

 

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