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Jugenderinnerungen eines alten Arztes

Adolf Kussmaul: Jugenderinnerungen eines alten Arztes - Kapitel 62
Quellenangabe
typeautobio
booktitleJugenderinnerungen eines alten Arztes
authorAdolf Kußmaul
year1906
firstpub1899
publisherAdolf Bonz und Comp.
addressStuttgart
titleJugenderinnerungen eines alten Arztes
pages496
created20110330
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Purgierkuren und Blutentziehungen.

In dem Malade imaginaire faßt der Baccalaureus die drei Grundpfeiler der Heilkunst seiner Zeit in das köstliche Küchenlatein:

»Clysterium donare,
Postea saignare,
Ensuita purgare.«

Die Examinatoren des künftigen Praktikers, die »savantissimi doctores«, klatschten ihm lebhaft Beifall:

»Bene, bene, bene, bene
Respondere,
Dignus, dignus est intrare
In nostro docto corpore.
«

An Doktoren nach der Art von Molières Mr. Purgon fehlt es auch heute nicht. Und noch immer kann es ein spekulativer Kopf, wie zu den Zeiten des Dr. Morison und des Erfinders der Kaiserpillen, zum Krösus bringen, wenn er, »zum Heile der Menschheit«, neue Mischungen von Pillen, Latwergen und Spezies zum Purgieren ersinnt und geschickt vertreibt. Glücklicherweise bricht sich die Einsicht mehr und mehr Bahn, daß eine hygienisch geregelte Lebensweise, einfache und richtig gewählte Küche, tägliche Muskelübungen und der rechte Gebrauch des kalten Wassers von Jugend auf, die Droguen entbehrlich machen. Dennoch behält der alte Spruch häufig recht: »Qui bene purgat, bene curat«Gut kuriert, wer gut purgiert., vorausgesetzt, daß er die kleine 291 Abänderung erfährt: »Bene curat, qui recte purgat«Gut kuriert, wer richtig purgiert., d. h. die Purganzen können großes leisten, wenn sie zur rechten Zeit bei der rechten Gelegenheit Anwendung finden.

Dagegen sind die SaigneursBlutzapfer. Saigner = zur Ader lassen. und Grandsaigneurs der alten Zeit verschwunden. Einer der vornehmsten zu Anfang des vorigen Jahrhunderts war Broussais († 1838); er sah, weil er die Leichenbefunde falsch deutete, überall das Gespenst der »gastroentérité«(Magendarmentzündung) und bedeckte deshalb den Unterleib der meisten Kranken, insbesondere der Typhösen, mit Blutegeln. – Ein Grandsaigneur noch in meiner Studienzeit war ein verdienter Diagnostiker, Bouillaud. Er bekämpfte die Entzündungen mit Aderlässen »Schlag auf Schlag«, beim Gelenkrheumatismus namentlich floß das Blut in Strömen. Er fand für seine Methode eifrige Schüler in Menge, die meisten in Frankreich. – Erst um die Mitte des Jahrhunderts machte die junge Wiener Schule, Skoda an der Spitze, der Blutvergeudung ein Ende.

Die Heilkunst teilt mit den andern edeln Künsten das Los, daß jedem Fortschritt eine Uebertreibung auf dem Fuße folgt, die den entgegengesetzten Weg der bisher eingehaltenen Richtung einschlägt. Auf den Vampyrismus kam die noch heute herrschende übertriebene Blutscheu, die jedoch ihrem Ende entgegenzugehen scheint. Man geizt mit dem kleinsten Tropfen Blut in lächerlicher Weise. Man hätte in meiner Jugend weit mehr Grund gehabt, schonend damit umzugehen, denn man nährte sich schlechter und sorgte im ganzen weit weniger für die hygienischen Bedingungen unseres leiblichen Wohlergehens. Am schlechtesten war für die weibliche Jugend gesorgt; man bannte sie in das Haus, ließ sie kaum ihre Muskeln durch Turnen, gymnastische Spiele, Schwimmen, Schlittschuhlaufen u. dgl. üben, nur sehr allmählich wurde ihre Erziehung in dieser Hinsicht besser und das Vorurteil überwunden: dergleichen Uebungen schickten sich nicht für das weibliche Geschlecht. Die Bleichsucht war deshalb viel häufiger. Nur die Ansprüche der Schule an die männliche und 292 weibliche Jugend sind heute bedenklich hinaufgeschraubt, was zur größeren Vorsicht mit Blutentziehungen mahnen muß, denn die Nervosität auch der höheren Grade ist infolgedessen heute verbreiteter als früher; schon damals, wo die Blutentziehungen so wenig gefürchtet wurden, warnten davor die erfahrenen Irrenärzte bei gesteigerter Reizbarkeit des Gehirns.

Das Aderlaßmännlein war schon in meiner Jugendzeit aus den Kalendern verschwunden, worin es einst eine große Rolle gespielt hatte. Es stellte eine menschliche Figur dar, worauf sämtliche Blutadern, die sich zum Aderlassen eignen, eingezeichnet waren; dabei standen Vorschriften, in welchen Monaten das Blut am besten aus dieser oder jener Ader geholt werden solle. In den Köpfen des Landvolks vieler Gegenden aber lebte das Aderlaßmännlein fort und der Brauch wurde eingehalten, das »abgenützte« Blut von Zeit zu Zeit wegzuschaffen. Man nahm es weg in der Absicht, mit ihm die »Unreinheiten« und »Schärfen« aus den Säften zu bringen und es durch reines und besseres zu ersetzen. Schröpfen und Aderlassen dienten zu Regenerationskuren, wie man sich gelehrt ausdrückt, und da die Welt sich dreht, so beginnt man heute wieder zu der alten Methode, die bei den Bauern am längsten anhielt, zurückzukehren. Was gestern unsinnig schien, gilt aufs neue für Weisheit. Wie vor 60 Jahren gibt es heute wieder unter den Aerzten Lobredner des Aderlasses, sogar bei der Bleichsucht.

Namentlich im badischen Oberlande hielt der Bauer fest an der altherkömmlichen Frühlingskur mit Schröpfen und Aderlassen. Dort haben sich von altersher viele kleine Badekurorte – »Bauernbäder« – erhalten, in die das Landvolk noch heute mit Beginn des Frühjahrs an Sonn- und Feiertagen strömt, der Hofbauer mit der Bäuerin zu Wagen, der kleine Bauer auf Schusters Rappen. In den sechziger Jahren war es noch häufig Brauch bei den Bauern, daß sie zuerst im heißen Bade das Blut nach außen trieben und es dann mit Schröpfen aus der Haut und mit dem Schnäpper aus der Ader holen ließen. Ein reichliches Mahl mit gutem Weine beschloß die Kur und brachte frisches Blut in die leeren Schläuche.

In der Pfalz ging der Bauer, nachdem er den langen Winter 293 hindurch mehr als gut hinter dem Ofen gesessen hatte, wenn die lauen Lüfte wehten und er sich jetzt matt und schwer in den Gliedern fühlte, zum Apotheker. Irgend eine Purganz, besonders das Wiener Tränklein aus Senne und Seignettesalz, verschaffte ihm leichteres Blut und Gemüt; reichte der Trank nicht aus, so mußte der Bader mit dem Schnäpper nachhelfen. – Sein Pfarrer machte es wenig anders. Es gab Pfarrhäuser, wo die Frau Pfarrerin in einem riesigen Topf den Senna-Aufguß bereitete, der die ganze Familie an einem Tag von den aufgehäuften Schlacken des Winters befreite. – Die Gebildeten in den Städten machten Frühlingskuren, gingen täglich am frühen Morgen einige Wochen lang spazieren, tranken dazu lösende Mineralwässer, auch frische Kräutersäfte oder Molken. Gegen Störungen im Blutlauf, Kopfschmerz, Schwindel, Herzklopfen u. dgl. wurden, nach eigenem Ermessen oder auf ärztlichen Rat, nicht selten mit gutem und raschem Erfolge, Blutegel oder Schröpfköpfe angesetzt, häufig auch Blut aus der Ader entnommen.

Die Häufigkeit der verordneten Blutentziehungen erscheint heute unglaublich. – Einer kräftigen Bürgersfrau aus Kandern, die ich persönlich kennen lernte, hatte ihr Hausarzt wegen einer angeblichen Hirnentzündung und daran sich anschließenden Unterleibsentzündung in sechs Wochen siebenmal zur Ader gelassen und 60 Blutegel gesetzt. Sie stand in den Fünfzigen und erreichte ein Alter von 83 Jahren. – Sogar schwächlichen Personen zapfte man oft Blut ab. Ich hörte eine magere Pfarrersfrau in den Vierzigen meinem Vater erzählen, daß man ihr wegen häufig wiederkehrenden Blutspeiens im Laufe der Zeit gegen dreißig Aderlässe gemacht habe. Sie starb an der Schwindsucht im Alter von 52½ Jahren.

In den Heidelberger Kliniken waren Lanzetten und Schnäpper fast täglich in Arbeit. Als Assistenzarzt der Pfeufer'schen Klinik mußte ich die Apothekerrechnungen revidieren, sie betrugen für Blutegel jährlich mehr als für Arzneien, obwohl auch an diesen nicht gespart wurde. Wir Assistenten wurden bald Meister im Aderlassen, heute gibt es Professoren, die nie einen Aderlaß machten oder auch nur machen sahen. – Pfeufer erteilte genaue Vorschriften und lehrte uns mancherlei Kunstgriffe beim Aderlassen; er verwies uns 294 namentlich auf die vorzügliche Schrift von Marshall Hall über Blutentziehungen (übers. v. Breßler, Berlin, 1837). Sie enthält auch die Beschreibung der schweren, an hitzige Hirnwassersucht erinnernden Erscheinungen, die, namentlich in England, infolge unsinniger Blutentziehungen am häufigsten bei Kindern beobachtet wurden.

Der Mißbrauch eines wirksamen Mittels schließt seinen richtigen Gebrauch nicht aus. Man kann sogar mit Brot, Milch, Wasser und andern zum Leben nötigen Dingen, wenn sie zur Unzeit oder unrichtig benützt werden, Kranke umbringen. Vor allen Dingen müßte man die Kaltwasser- und Naturheilanstalten schließen, wenn man die Menschheit vor dem Mißbrauch an sich guter Kurmethoden schützen wollte. Sie schießen unter der Leitung unwissender Pfuscher, die sich hinter dem tönenden Titel von Direktoren verstecken, an allen Ecken und Enden wie Pilze empor und leben von der Leichtgläubigkeit und mangelnden Einsicht des Publikums in biologischen und medizinischen Dingen, gutenteils freilich auch von dem Mißbrauch, den die Aerzte mit dem Rezeptieren treiben. – Hier ist nicht der Ort, darauf einzugehen. Ich will nur zeigen, wie übertrieben die heutige Blutscheu vieler Aerzte und noch mehr der Nichtärzte ist, und deshalb noch einige Erfahrungen aus meinem Leben, zunächst eine aus den Studentenjahren, mitteilen.

Wenn sich bei den Hiebwunden, die es auf der Mensur absetzte, Geschwulst, Schmerz und Fieber einstellten, wie dies vor der antiseptischen Wundbehandlung die Regel war, so nahm Hoffacker, der berühmte Paukdoktor, Blut aus der Armvene. Die Erleichterung war häufig, wie ich an mir selbst erfuhr, auffallend groß und außer Verhältnis zu der vorübergehenden Anwandlung von Schwäche, die der Aderlaß bei einem oder dem andern Studiosus hervorrief. Eine längere Herabsetzung der Körperkraft nach derartigen Blutentziehungen bei Kommilitonen ist nie zu meiner Kenntnis gekommen.

Ich selbst war nicht vollblütig, auch nur von mittlerer Körperkraft, und verlor durch einen Aderlaß ein Pfund Blut ohne die geringste unangenehme Wirkung. Eine tiefe Wunde in dem Kleinfingerballen der rechten Hand hatte eine starke Schwellung mit Schmerz und Fieber zur Folge gehabt. Die erste Nacht verlief fast schlaflos, 295 es war mir morgens schlecht zu Mute, und ich wartete sehnsüchtig auf Hoffacker und seine Lanzette. Er nahm mir zuerst acht, dann auf meine Bitte noch vier, im ganzen zwölf Unzen (ein Pfund alten Medizinalgewichts) Blut aus der Ader. Es wurde mir so leicht im Arm und Kopf, daß ich ihn dringend bat, noch mehr laufen zu lassen, doch ging er nicht darauf ein. Ich verspürte nicht die geringste Schwäche und fuhr vier Tage nachher mit Freunden auf dem Rheine zu einem Kommers nach Bonn hinab.

Einige Jahre darauf, 1847, in Wien, ließ ich mir wegen eines akuten Trachoms mit starker, schmerzhafter Anschwellung der Augenlider wieder ein Pfund Blut nehmen, aber diesmal verspürte ich keine Erleichterung, hatte überhaupt keinen Nutzen davon.

Als die hitzigsten Vorkämpfer der jungen Wiener Schule den Aderlaß aus der Liste der Heilmittel löschten, haben sie das Kind mit dem Bade ausgeschüttet. Er ist allerdings in der Praxis da, wo er früher unbedingt geboten schien, meist entbehrlich, aber unter besonderen Umständen kann seine Unterlassung den Tod eines Kranken verschulden, den kein anderes Mittel so sicher verhütet hätte. Verführt von den Lehren jener Schule, habe ich bei einer Kranken mit äußerst akut auftretender Brightscher Nierenentzündung und rasch anwachsendem Lungenödem meine Zeit mit ableitenden Mitteln aus Darm und Haut verloren, und sie erstickte durch das Wasser, das die Lungen überflutete. In einem ganz gleichartigen Falle bald nachher, machte ich, dadurch gewarnt, bei der Sticknot einen kleinen Aderlaß, augenblicklich wurde die Atmung frei, wie durch Zauber, das Eiweiß schwand rasch aus dem Harn und die Kranke genas in wenigen Tagen. – Aehnliche rasche Erlösung aus Todesgefahr durch drohende Ueberflutung der Lungen sah ich einige Male bei Personen mit enormer Verengung der rechten Vorhofsmündung und bei Lungenentzündung.

Es braucht meist keine großen Aderlässe, die bei organischen Herzfehlern oder bei geschwächten Personen bedenklich wären, schon kleine von 150–200 grm können rettend wirken, es kommt hauptsächlich auf die Raschheit an, womit die Blutmenge vermindert wird. Man muß, wie man uns auf der Hochschule lehrte, die Kranken 296 stets aufrecht setzen, den Schnitt schräg, nicht quer oder der Länge nach, und nicht zu kurz durch die Vene führen, nachdem man die Binde über ihr angelegt hat, auf daß, wenn irgend möglich, das Blut sich im Strahl entleere. Dann kommt es am sichersten zur plötzlichen Verminderung des Blutdrucks und den Erscheinungen, die wir als günstige Zeichen begrüßten: leichte Anwandlung von Ohnmacht, Schweiß und freieres Atmen. Man braucht die beginnende Ohnmacht nicht zu fürchten, sie verliert sich, sobald der Kranke in die Rückenlage gebracht wird. 297

 

 

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