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Jugenderinnerungen eines alten Arztes

Adolf Kussmaul: Jugenderinnerungen eines alten Arztes - Kapitel 6
Quellenangabe
typeautobio
booktitleJugenderinnerungen eines alten Arztes
authorAdolf Kußmaul
year1906
firstpub1899
publisherAdolf Bonz und Comp.
addressStuttgart
titleJugenderinnerungen eines alten Arztes
pages496
created20110330
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Ein Heft meines Vaters aus Schoenleins Klinik 1819–1820.

Aus den hinterlassenen Papieren meines Vaters besitze ich ein dickes Heft mit Aufzeichnungen aus der Klinik Schoenleins vom Juni 1819 bis zum August 1820. Wenn ich darin blättere, wird es mir wunderlich zu Mute. Ich hospitiere, von meinem Vater eingeführt, bei Schoenlein in den Sälen des Juliushospitals, der Professor und mein Vater sind jung, junge Studenten stehen um die Betten, alle stecken in altväterischen Röcken, und ich habe oft Mühe, ihre Reden zu verstehen. Es geht mir fast, wie dem Mann im Märchen, der in eine verzauberte Stadt mit längst verstorbenen Menschen gerät, deren Treiben ihn seltsam anmutet.

Das Heft hat geschichtlichen Wert. Es gibt einen lebendigen Einblick in den Stand der inneren Medizin vor 80 Jahren und in die Lehrweise des jungen Meisters, der sich rasch den Ruf verschaffte, Deutschlands erster Kliniker zu sein. Der Schüler, der die Aufzeichnungen machte, war kein unreifer Student, er war drei Jahre älter als sein Lehrer und hatte selbst schon viele Kranke gesehen und behandelt. Auch geht aus manchen seiner Bemerkungen hervor, daß er nicht alle Diagnosen und Behauptungen des Professors gläubig hinnahm.

Die Würzburger Klinik war eine der größten Deutschlands. Die klinischen Anstalten unserer meisten Universitäten waren noch äußerst mangelhaft eingerichtet, viele nur Polikliniken. Das Juliushospital bot Kranke in reicher Auswahl und mit mannigfachen Krankheitsformen. Das Heft verzeichnet 84 Kranke mit Angabe ihrer 18 Krankheiten, die mein Vater in dem einen Monat August 1820 in den Sälen Schoenleins gesehen hat. – Der junge Lehrer verwertete seinen klinischen Reichtum mit genialem Geschick. Er führte den Schülern möglichst viele Krankheitsbilder vor, sie mußten selbst untersuchen, die Diagnose stellen, die Behandlung vorschlagen; dabei griff er anleitend, erläuternd, verbessernd in anregendster Weise am rechten Fleck ein und erhielt seine Zuhörer in fortwährender Spannung. Das Heft nennt die Vorstellungen der Kranken wiederholt Disputationen, sie trugen oft fast den Charakter ärztlicher Konsilien.

Ein solches Konsilium sei als Beispiel mitgeteilt. Am 8. Juli 1820 kam ein Mädchen mit aufgetriebenem Unterleib und starken Pulsationen »in scrobiculo cordis«In der Herzgrube, also in der oberen vorderen Magengegend unter dem Brustbein. in die Klinik. Am 9. Juli wurde »die Disputation über diesen casus« abgehalten. Der Praktikant, ein kühner Diagnostiker, erklärte den Fall ohne weiteres für ein AneurysmaEine Pulsadergeschwulst. der Milzarterie. »Die meisten fielen ihm bei,« bemerkt mein Vater, »aber ich teilte diese Ansicht nicht, die Kausalmomente« – wir würden heute Anamnese sagen – »und die Konstitution der Kranken sprachen dagegen; ich meinte, das Klopfen rühre von ObstruktionVerstopfung. her.« Schoenlein teilte diese Ansicht. Es gebe vier Ursachen solchen Klopfens: Aneurysmen, Obstruktionen, verhärtete Eingeweide, die auf die Schlagadern, namentlich die Aorta, drückten, und die Hysterie. Er kam dabei auch auf Herzklopfen zu sprechen, das von »Entzündung des Plexus cardiacus« herrühre, und erzählte einen Fall von geheiltem Herzklopfen bei einem Mädchen nach abgelaufenem Typhus. Man habe das Klopfen auf ein organisches Herzleiden zurückgeführt, er aber habe diese Annahme bestritten, weil das Klopfen zu oft wechselte, und weil jeder Witterungswechsel darauf Einfluß hatte. Nachdem man Autenriethsche SalbePusteln bildende Brechweinsteinsalbe, noch in den vierziger Jahren viel angewendet. eingerieben hatte, sei das Mädchen in 6 Wochen 19 genesen und »lebe noch heute«. – Nach dieser Besprechung verordnete Schoenlein Diät und, um besser untersuchen zu können, zunächst Abführmittel. Am 14. Juli bezog er das Klopfen auf verhärtete Gekrösdrüsen, und von da an erhielt die Kranke Calomel, Rhabarber, Guajak, Löwenzahnextrakt, essigsaures Kali. Am 21. Juli war das Klopfen weniger; was weiterhin erfolgte, ist nicht angegeben.

Die Hilfsmittel der klinischen Untersuchung waren noch äußerst dürftig, von Behorchen der Kranken mittelst Perkussion und Auskultation ist nirgends die Rede. – Die Unterlassung der Auskultation begreift sich aus dem Umstand, daß Laënnecs »Traité de l'auscultation médiate«Auscultation médiate ist das Behorchen mittelst des Höhrrohrs. erst 1819 im Druck erschien, aber es ist für die Deutschen beschämend, daß die Erfindung der Perkussion, die der Steiermärker Auenbrugger schon 1761 in Wien als »novum inventum«Die neue Erfindung. veröffentlicht hatte, noch in keiner Klinik Deutschlands geübt wurde. Sie mußte ihren Weg von Wien, wo ihr Maximilian Stoll im vorigen Jahrhundert nur eine flüchtige Aufmerksamkeit geschenkt hatte, nach Deutschland über Paris nehmen, um in ihrer außerordentlichen Bedeutung anerkannt zu werden. Erst Corvisart, Napoleons Leibarzt, hatte sie eingehender Prüfung gewürdigt und Auenbruggers Schrift, versehen mit einer französischen Uebersetzung und einem ausführlichen Kommentar, 1808 aufs neue herausgegeben. Zwölf Jahre nachher wurde sie in Schoenleins Klinik noch nicht geübt, – wie sehr war doch damals die französische Medizin der deutschen überlegen! Bei Besprechung des EmpyemsHier ist unter Empyema die Ansammlung von Eiter im Sack des Brustfells gemeint. in der Klinik zählte Schoenlein die unsichersten Symptome auf, z. B. das Einschlafen eines Arms, aber der wichtigen Erscheinung des dumpfen Schalls, die durch den Schlag mit dem Finger oder Hammer an die Brustwand gewonnen wird, ist nicht gedacht.

Die Diagnosen des jungen Klinikers ruhen noch ganz in herkömmlicher Weise auf dem schwachen Boden der symptomatischen 20 Auffassung der Krankheiten. Wo er versucht, die Diagnosen auf anatomischen Boden zu stellen, läuft er Gefahr, grob zu irren, weil die pathologische Anatomie zu wenig vorgearbeitet hatte. Diagnosen wie Synocha, Febris nervosa, Febris gastico-rheumatica, Typus e torpore u. a. dieser Art, die das Heft reichlich aufweist, sind heute aus den Kliniken verschwunden; Schoenlein selbst verwarf später die »essentiellen Fieber«. Die Diagnose der Lienitis oder Milzentzündung, die wir heute nur äußerst selten stellen dürfen, bringt das Heft häufig. Schoenlein führte die Magenblutungen meist auf Lienitis zurück, es war eben noch nicht durch die Anatomen Cruveilhier und Rokitansky festgestellt, daß sie meist von eigentümlichen Geschwüren des Magens herrühren. Ebenso schlimm sieht es mit den Typhusdiagnosen aus, hier ließen Schoenlein die pathologische Anatomie und die AetiologieDie Lehre von den Krankheitsursachen. im Stich, man hat heute gut spotten, wenn er einen Ganglien- und einen Gehirntyphus unterschied.

Das Heft teilt die Ergebnisse einiger klinischen Sektionen mit; man merkt deutlich: allerlei Veränderungen der Organe, die erst in der Leiche infolge von Senkung des Bluts nach den Gesetzen der Schwere, von Fäulnis u. s. w. vorkommen, wurden als Erzeugnisse der Krankheit, als Zeichen von Entzündung, Brand u. dgl. gedeutet.

Die Behandlung ist stets eingehend besprochen. Schoenlein liebte das zuwartende Verfahren nicht, er griff mit Medikamenten entschieden ein, machte auch vielen Gebrauch von kaltem und warmem Wasser in Gestalt von Abwaschungen, Umschlägen, Begießungen, Wannen-, Sitz- und Fußbädern. Er beschrieb die pharmazeutische Zubereitung der Arzneimittel ausführlich, belehrte die Hörer über die Natur und Herkunft der Droguen und gab Rezeptformeln in Menge. Ebenso ausführlich verbreitete er sich über die Anzeigen der verschiedenen Heilmittel. An örtlichen und allgemeinen Blutentziehungen wurde nicht gespart, auch nicht bei typhösen Kranken.

In dem Hefte findet sich noch keine Andeutung von dem naturhistorischen System der Pathologie, das Schoenlein später 21 aufgegebaut hat, und er ist noch nicht frei von naturphilosophischen Anwandlungen. »Leber und Milz,« steht wörtlich darin, »sind zwei entgegengesetzte Pole, Eisen und Quecksilber auch. Eisen ist das starrste und festeste, Quecksilber das weichste und durchdringendste Metall. Daraus läßt sich eine Theorie von dem Nutzen des Eisens in Milzkrankheiten aufstellen. So wirksam das Quecksilber bei den Krankheiten der Leber, ebenso wirksam ist das Eisen in Milzkrankheiten.« 22

 

 

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