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Jugenderinnerungen eines alten Arztes

Adolf Kussmaul: Jugenderinnerungen eines alten Arztes - Kapitel 59
Quellenangabe
typeautobio
booktitleJugenderinnerungen eines alten Arztes
authorAdolf Kußmaul
year1906
firstpub1899
publisherAdolf Bonz und Comp.
addressStuttgart
titleJugenderinnerungen eines alten Arztes
pages496
created20110330
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Die Verlobung.

Sobald ich im Besitze des ärztlichen Lizenzscheines war, hatte ich nichts Eiligeres zu tun, als mich zu verloben. Ich will den sonnigsten Lenztag meines zur Neige gehenden Lebens beschreiben und süßen Trank aus dem bitteren Kelche der Erinnerung schlürfen.

Unverdrossen hatten mein Freund und ich durch den ganzen Sommer 1845 unser tägliches Pensum studiert, der Herbst war gekommen, die Rebhügel schmückten sich mit buntfarbigem Laub, und dazwischen leuchteten die goldnen und schwarzblauen Trauben hervor. Mit einemmal ließ der Fleiß des Freundes nach, er lief schon Vormittags aus der Klause und kam erst abends zurück. Unwillig mahnte ich ihn an unser Gelöbnis beharrlicher Treue, die wir den Büchern geschworen, aber er lachte, unsre letzten Studien über die Skelette der Wirbeltiere hätten ihm eine kleine Erholung dringend nötig gemacht. Glücklicherweise habe seine Schwester – sie war ein hübsches Kind von 16 Jahren – Besuch von drei Pensionsfreundinnen, in deren munterer Gesellschaft er sich bereits besser fühle. Ich möge darum Nachsicht üben, schon in den nächsten Tagen flögen die reizenden Vögelchen davon, er verspreche dann durch verdoppelten Fleiß das Versäumte einzuholen.

Trotz meines Kopfschüttelns eilte er fort, kam jedoch gegen Abend früher als in den letzten Tagen zurück, um mich zu einem Spaziergang aufzufordern. Wir gingen ein halbes Stündchen und kamen auf dem Rückweg an einem Rebgarten seines Vaters vorbei. Hier machte er Halt und lud mich ein, in dem Garten die Trauben 274 zu kosten. Arglos folgte ich ihm und traf da seine Schwester im Kreise ihrer Freundinnen. Sie schnitten Trauben und unterhielten sich dabei, wie es im Rebherbst Brauch ist, mit Feuerwerk. Eine allerliebste Kleine ließ gerade ein Sprühteufelchen auffliegen. Das Feuer und der Knall ängstigten sie nicht, und die Tapferkeit stand ihr ungemein anmutig. Die Rakete zündete; kaum war sie aufgeflogen, stand ich in Flammen.

Wir gingen nach dem Städtchen zurück, und, angelangt an der Apotheke, lud mich Eduards Schwester ein, das Abendbrot mit der Gesellschaft zu teilen. Ich folgte willig. Man speiste und scherzte, ich war stille. Ein seltsames Fieber hatte mich befallen, von dem ich weder bei Puchelt, noch bei Pfeufer gehört, es nahm mir die Eßlust, ich brachte nur wenige Bissen über die Lippen. – Heiße Liebe kann nicht schmausen. Wer sich in Klagen ergeht, daß ihn das Sehnen und Grämen um die Dame seines Herzens verzehre, und die Teller dabei wie ein Drescher leert, belügt sich selbst, oder will die andern täuschen.

Erst in später Stunde ging ich in meine Wohnung zurück. Der Schlaf, der mir sonst ein treuer Freund war, floh mich heute. Unruhig warf ich mich auf meinem Lager hin und her. Sprühteufelchen blitzten durch das dunkle Zimmer, und das liebliche Gesicht der Feuerwerkerin tauchte vor mir auf und nieder. Erst gegen Morgen schlief ich ein.

Erwacht litt es mich nicht zu Hause, es zog mich unwiderstehlich zur Apotheke. Es war, als ob mir am Abend zuvor der Provisor einen Zaubertrank heimlich unter den Wein gemischt hätte. Mit Schrecken sah ich vor der Steintreppe des Hauses den Omnibus halten, der den Bahndienst besorgte. Es war ein gefürchtetes Fuhrwerk, das die Reisenden wohlgerüttelt an den Bahnhof brachte, der eine halbe Stunde vor der Stadt liegt, und es ging die Sage, daß dieser Wagen am jüngsten Tage die hartgesottensten Sünder Wieslochs weich und bußfertig vor den Weltrichter bringen müsse. – Mir ahnte Schlimmes. Sollte der Wagen im Begriff sein, diese hübsche Kleine zu entführen? Leider täuschte ich mich nicht. Soeben kam sie mit ihren Freundinnen Abschied nehmend aus dem Hause 275 und stieg die Treppe herab. Der steife Postknecht Hannadel (Hans Adam), der steifste der ganzen Pfalz, trieb zur Eile. Sie stieg ein, und wollte auch ich einen Druck der zierlichen Hand haben, so mußte ich ohne Säumen mit einsteigen. Nun mochte es holpern und rumpeln, rütteln und schütteln, glückselig fuhr ich mit an den Bahnhof.

Das Ziel war rasch erreicht, aber auch hier tat Eile not und war es unmöglich Abschied zu nehmen. Der Zug war im Begriffe abzufahren, die Billette konnten kaum hurtig genug gelöst werden. Die Fahrt ging nur bis zur nächsten Station, bis Langenbrücken. Hier mußte die Kleine aussteigen und im Postwagen die Fahrt fortsetzen nach dem Städtchen Sinsheim, von wo sie erst nach Hause, dem Dörfchen Treschklingen an der württembergischen Grenze bei Heilbronn, abgeholt werden sollte.

In Langenbrücken stand der Wagen, ein guter Omnibus mit einer vorderen Abteilung für zwei Personen, bereit. Mit raschem Blick übersah ich die Lage. Auch hier fehlte die Zeit, um Abschied zu nehmen, ich mußte schleunigst den einen der Vorderplätze dem lieben Kinde sichern, den andern mir, und mit nach Sinsheim reisen. Gedacht, getan! Nun saßen wir allein beisammen, so meinten wir, aber unsichtbar war mit uns ein dritter Fahrgast eingestiegen, ein kleiner Hexenmeister mit Flügeln, Bogen und Köcher, er wob geschickt ein unsichtbares Band um uns, ein Band, so fest, daß es keine irdische Gewalt mehr zu lösen vermochte.

Unterwegs bei einem Halt redete der Schaffner meine Gefährtin als meine Frau an, er hielt uns für ein junges Ehepaar; sie errötete, mir wurde es wunderbar zu Mute, im heißen Vorgefühle unsäglichen künftigen Glücks.

Ehe wir es uns versahen, waren wir in Sinsheim angelangt, es mußte geschieden sein! Der Landauer stand bereit, der Luise Amande zu ihren Eltern heimholte, – nie traf der Name »Amanda«, die Liebenswürdige besser zu. Der Vater, Theodor Wolf aus Hof im Voigtland, verwaltete als grundherrlicher Rentamtmann die Güter des Freiherrn von Gemmingen-Treschklingen und die einiger seiner Vettern. Er war ein wackerer Mann und angesehener Beamter, seine Gattin Regina Baunach die Enkelin des letzten 276 regierenden Bürgermeisters der freien Reichsstadt Wimpfen; ihre Ehe war mit sechs Kindern gesegnet.

Der Wagen fuhr von dannen, betrübt sah ich ihm nach, bis er den Augen entschwand. Ich gelobte mir still im Busen: »Diese tapfere und heitere Kleine muß dir zu eigen werden, dein guter Kamerad auf der Fahrt durchs Leben!« – Sie ist es mir geworden, heiter und mutig in guter und schlimmer Zeit, wie sie das wechselnde Schicksal und das eherne Gesetz der unerbittlichen Natur über die Sterblichen verhängt.

Ich mußte in Sinsheim über Nacht bleiben. Noch ehe die Sonne aufging, verließ ich mein Lager und wanderte durch das Elsenztal bis Hoffenheim und von da über die Hügel nach Wiesloch. Auf dem letzten Teile des Wegs durch die Wiesen sah ich meinen Vater mit seinen langen Praxisschritten gegen mich heraneilen. Er hatte sich wie immer früh auf den Weg gemacht und war verwundert, mir hier zu begegnen. Ich erklärte ihm, daß ich tags zuvor eine junge Freundin der Bronnerschen Familie nach Sinsheim begleitet hätte. Er verlor kein Wort und ging ruhig weiter. 277

 

 

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