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Jugenderinnerungen eines alten Arztes

Adolf Kussmaul: Jugenderinnerungen eines alten Arztes - Kapitel 52
Quellenangabe
typeautobio
booktitleJugenderinnerungen eines alten Arztes
authorAdolf Kußmaul
year1906
firstpub1899
publisherAdolf Bonz und Comp.
addressStuttgart
titleJugenderinnerungen eines alten Arztes
pages496
created20110330
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Karl von Pfeufer.

Mein zweiter klinischer Lehrer, Karl Pfeufer, stammte aus der alten Bischofstadt Bamberg, die Deutschland zwei seiner berühmtesten Mediziner gegeben hat: Ignaz Döllinger, den Anatomen und Physiologen, und Lukas Schoenlein. Bamberg besaß seit 1647 eine Universität, freilich ohne medizinische Fakultät, die sie erst 1769 erhielt. Eine Bedeutung erlangte die Fakultät unter der Regierung des vorletzten Fürstbischofs, Franz Ludwig von Erthal (1779–1795), nachdem dieser menschenfreundliche Regent eine Hebammenschule und nach ihr ein großes Krankenhaus zu Lehrzwecken hatte herstellen lassen. Marcus der Aeltere,Vgl. die lehrreiche Biographie, verfaßt von Dr. Friedrich Roth: Dr. Adalbert Friedrich Marcus, Bamberg 1889. der Leibarzt des Bischofs, führte einen geordneten klinischen Unterricht ein, was viele Schüler herbeizog, ihre Zahl stieg auf 100. Wie ich früher erwähnte, hat auch Naegele sen. in Bamberg studiert. Nachdem infolge des Lunéviller Friedens das Bistum an Bayern gefallen war, wurde die Universität aufgehoben, doch blieb an Stelle der medizinischen Fakultät eine medizinisch-chirurgische Schule bis 1836 erhalten.

Der Vater meines Lehrers, Christian Pfeufer, war 1802, kurz vor Aufhebung der Fakultät, zum Professor ernannt worden; nach ihrer Aufhebung 1805 wurde er als Gerichtsarzt aufs Land versetzt, nach Marcus Tod 1814 mit der Leitung des Bamberger Krankenhauses betraut; er hielt Vorlesungen darin, so lange die chirurgische 243 Schule bestand. Daß er ein tüchtiger Arzt war, beweist seine noch heute lesenswerte Schrift über den Scharlach (1819). In der Heilkunde herrschte zu Anfang des Jahrhunderts eine wilde Gärung; die gefährlichen Lehren des Schotten Brown hatten gerade in Bamberg an Marcus und Röschlaub eifrige Verteidiger gefunden; an diesen Ausschweifungen nahm Chr. Pfeufer keinen Teil, auch hielt er sich von dem Vampyrismus ferne, der damals selbst Typhösen Ströme Bluts entzog. Er starb 1852.

Karl Pfeufer war geboren 1806, studierte Medizin in Erlangen (1824) und Würzburg. In Erlangen schloß er Freundschaft mit dem Dichter Platen, dessen Tagebuch (1796–1825) er fast 40 Jahre später (1860) herausgab. Er selbst geriet hier in das poetische Fahrwasser, in Würzburg aber erfüllte ihn die zunehmende Bewunderung von Schoenleins Tätigkeit mit Liebe zur Medizin, und aus dem unsicheren Strom der Dichtkunst fand er den Weg zurück auf den festen Boden des ärztlichen Berufs. Schoenlein, dessen geniales Wesen er mir bis zu seinem Tode begeistert pries, machte ihn zu seinem Assistenten. Als solcher erteilte er, wie KerschensteinerJoseph Kerschensteiner: Das Leben und Wirken des Dr. Karl v. Pfeufer, Augsburg, 1871. erzählt, in Schoenleins Klinik die ersten Kurse über Perkussion und Auskultation 1828. – Die bayerische Regierung schickte ihn zum Studium der asiatischen Cholera, die von Rußland her gerade ihren ersten Einbruch nach Deutschland über Preußen ausgeführt hatte, in die heimgesuchten Provinzen. – Im folgenden Jahre besuchte er Wien und ließ sich im Juli 1832 in München nieder, um sich hier an der Hochschule zu habilitieren. Walther, Döllinger u. a. schenkten ihm ihre Gunst, er wurde ein beschäftigter Praktiker, aber Ringseis, der freigesinnte und charakterfeste Leute nicht um sich duldete, verhinderte seine Zulassung. Wiederholte spätere Versuche, Dozent zu werden, scheiterten. – Nachdem die Cholera im August 1846 zum erstenmale die bayerischen Grenzen überschritten, in Mittenwald ihren Einzug gehalten und die Einwohner in die wildeste Aufregung versetzt hatte, eilte Pfeufer im Auftrag der Regierung in das Städtchen und brachte Beruhigung und 244 geordnete Hilfe. Fürst Wallerstein, der damalige Minister, erkannte mit warmen Worten sein großes Verdienst an, und schickte ihm zur Belohnung die königliche Ernennung als Landesgerichtsphysikus der Vorstadt Au, die ihm keineswegs erwünscht war; die heißersehnte Zulassung aber zur Fakultät blieb ihm nach wie vor verweigert! – So sah es in dem medizinischen Bayern unter dem pfäffischen Regiment Ringseis aus.

Unvermutet befreite ihn aus dieser unerquicklichen Lage ein Ruf an die Klinik in Zürich als Nachfolger Schoenleins. Sein ehemaliger Lehrer war 1833 aus Würzburg, dessen medizinische Fakultät durch ihn so großen Aufschwung genommen hatte, geflüchtet, um einer in nichts begründeten Anklage auf Hochverrat zu entgehen, und war in Zürich mit offenen Armen aufgenommen worden. Im Jahre 1840 berief Friedrich Wilhelm IV. den bayerischen Hochverräter als Leibarzt und Leiter der inneren Klinik nach Berlin. Es wechseln Zeiten und Menschen! – Ehe Pfeufer den Ruf nach Zürich annahm, machte er einen letzten Versuch, ein Lehramt in München zu erhalten. Er fragte bei dem gebietenden ultramontanen Staatsminister Abel an, ob er auf eine Professur in München hoffen dürfe, aber dieser gab ihm, wie Kerschensteiner erzählt, »aus angeborner Grobheit eine ungeschlachte Antwort.«

Obwohl es nicht leicht war, als Nachfolger eines Schoenlein, der auf der Höhe seines Ruhmes stand, Anerkennung zu erringen, gewann Pfeufer doch ungemein rasch die Zuneigung seiner Schüler und das Vertrauen der Einwohner und Behörden Zürichs. Im gleichen Jahre wie er, war Henle von Berlin nach Zürich gekommen. In ihm fand er einen mitstrebenden Kollegen und Freund für das ganze Leben. Henle wurde ihm Führer in der neu aufgegangenen biologischen Welt. Sie gründeten, wie ich bereits erwähnte, die Zeitschrift für rationelle Medizin und folgten an Ostern 1844 zusammen dem fast gleichzeitig an sie ergangenen Rufe nach Heidelberg. Hier lehrte Pfeufer neben Puchelt als zweiter innerer Kliniker und o. Professor der Pathologie bis zum Herbste 1852.

Inzwischen hatten sich die Verhältnisse in Bayern unter dem edelgesinnten König Maximilian II. anders gestaltet. – Ringseis hatte seine Macht eingebüßt. Pfeufer wurde an seiner Stelle als 245 Leiter der zweiten inneren Klinik berufen und zugleich der technische Berater des Ministeriums in den Sanitätsangelegenheiten des Königreichs, als solcher erwarb er sich um Bayern unvergängliche Verdienste.

Karl Thiersch, der berühmte, in Leipzig 1895 verstorbene Chirurg, damals Dozent in München, später mein Fakultätskollege in Erlangen, hat mir einst erzählt, welch ein seliges Gefühl der Erlösung über ihn und alle jungen strebsamen Aerzte in München gekommen sei, als mit Pfeufer die rationelle Medizin in den Räumen einzog, wo bisher Ringseis die schlimmen Früchte des Sündenfalls außer mit Brechmitteln, Purganzen und Aderlässen eifrig mit den heiligen Sakramenten, Sakramentalien und Gebeten aus dem Leibe der Menschen geschafft hatte. Er wurde, wie die Jugend gehofft, ihr väterlicher Freund und Förderer ihrer wissenschaftlichen Arbeiten. So nahm er an Pettenkofers und Thierschs bekannten Untersuchungen über Verbreitung und Ursache der Cholera lebhaften Anteil. Fast wichtiger noch war die Befreiung von der büreaukratischen Vormundschaft, die der ärztliche Stand in Bayern seinen elfjährigen Bemühungen verdankte. Bis dahin hatten die Kreismedizinalräte den Aerzten den Ort angewiesen, wo sie die Praxis ausüben, nach Umständen versauern und verkommen mußten, er setzte trotz großer Hindernisse ihre Freizügigkeit durch und machte sie zu Herrn ihres Geschickes. – Der prächtige Mann schied am 13. September 1869 auf einem Ausflug nach Pertisau am Achensee, inmitten der Seinigen, plötzlich aus dem Leben, das Herz versagte unerwartet seinen Dienst.

Pfeufer gehörte zu den Klinikern, die weniger durch ihre Schriften als durch mündliche Unterweisung auf ihre Zeit einwirkten, wie Schoenlein, Krukenberg und Oppolzer. Seine literarischen Erzeugnisse beschränkten sich auf einige Aufsätze in der Zeitschrift für rationelle Medizin, einen Bericht über Cholera in Mittenwald, eine musterhaft volkstümliche Anweisung, wie man sich bei der Cholera zu verhalten habe; – das ist so ziemlich alles, was er veröffentlicht hat. In keinem Gebiete der Pathologie wirkte er bestimmend auf deren Gang. Seine Bedeutung lag in dem Unterricht, den er in der Klinik und seinen guten Vorlesungen zahlreichen Schülern erteilte. In Heidelberg dürfte er als Lehrer seine Höhe erreicht haben. – Ueber Schoenleins 246 naturhistorisches System war er längst hinausgekommen, das Manifest der »Zeitschrift für rationelle Medizin« sagte ihm entschieden ab, wenn auch unter tiefen persönlichen Verbeugungen vor dem »großen Arzte,« der es aufgestellt hatte; die klinische Methode aber und die Behandlungsweise seines Lehrers behielt er bei. Im großen und ganzen stand er auf dem physiologischen Boden, auf den vorzugsweise die Engländer: John Hunter, Marshal Hall, Charles Bell, Graves, Stockes u. a. die Pathologie gestellt hatten; er empfahl uns diese Koryphäen der englischen Medizin neben den Franzosen Andral und Louis angelegentlich zum Studium.

Die Persönlichkeit Pfeufers war wie zum Arzte geschaffen. Er war groß und breit gebaut; schwarzes, dicht aufragendes, buschiges Haar krönte das mächtige Haupt und ließ nur unten einen schmalen Saum der hohen Stirne unbedeckt; feste Kraft, verbunden mit Güte, sprach aus seinen Zügen. – Kaulbach hat ihn in ganzer Gestalt, am Arbeitstische sitzend und sinnend in die Weite blickend, getreu dargestellt. – Seine ruhige, ernste und doch freundliche Art am Krankenbette, sein angenehmes Sprachorgan, das Geschick und die Geduld, womit er das Examen vornahm, mußte die Hilfesuchenden mit Zuversicht erfüllen. Unsicheres ängstliches Zaudern kannte er nicht.

Es ist erstaunlich, daß Pfeufer ungeachtet der Kleinheit seiner Klinik, die sich anfangs auf zwei kleine Säle mit je acht Kranken nebst zwei Dachkammern für Hautkranke beschränkte, die Schüler dauernd anzog und festhielt. Er war bei der geringen Auswahl genötigt, sehr ausführlich auf die einzelnen Fälle einzugehen, da er aber gut sprach und die wichtige Kunst verstand, auch gewöhnliche Fälle, die übrigens für den Anfänger die wertvollsten sind, interessant zu machen, so ermüdete er die Zuhörer nicht. Ganz besondere Sorgfalt verwendete er auf die Behandlung, wovon wir uns für die künftige Praxis den größten Nutzen versprachen.

Nicht minder beliebt als die Klinik waren die beiden Vorlesungen Pfeufers: über spezielle Pathologie und Therapie die eine, über Heilmittellehre die andere; diese lief damals noch ganz und gar auf Arzneimittellehre hinaus. Ich hörte beide, obwohl ich sie als Zwangskollegia bereits absolviert hatte, jene bei Puchelt, diese schon im 247 dritten Semester bei dem a. o. Professor Dierbach, einem alten bescheidenen Männchen, (geb. 1788, gest. 1845). Er lehrte seit 1817 an der Hochschule, war ursprünglich und wesentlich Pharmazeut und ein grundgelehrter Botaniker, mit der Medizin praktisch jedoch nicht vertraut. Er hat u. a. eine Floria apiciana (Flora für Leckermäuler) und eine Flora mythologica verfaßt. Die außer Gebrauch gekommenen Kräuter waren ihm die interessantesten und die Frage, mit welchem Oele sich die Hexen beim Walpurgisritt eingerieben haben mochten, für ihn ein Gegenstand ernster Erwägung. Er entschied sich für das grüne Bilsenkrautöl. – Pfeufer sprach frei, war stets sorgfältig vorbereitet, der Student konnte aus seiner Vorlesung ein »gutes Heft« nach Hause tragen.

Mochte unser Lehrer auch in ernster würdigster Haltung mit uns verkehren, unter seinen Freunden war er ein heiterer, beliebter Gesellschafter. Bei öffentlichen Gelegenheiten tat er sich wiederholt als guter und geistreicher Redner hervor und verschaffte sich bald Ansehen in den liberalen Kreisen der Stadt. Man rühmte seine Zunge, sie fand wie beim Trinkspruch, so bei der Auswahl der Weine das Beste und Feinste. Er stand hierin seinem Freunde, dem Geschichtsforscher Häußer am nächsten. Uns Medizinern schärfte er als ärztliche Pflicht ein, alle unsere Sinne im Interesse unserer Klienten möglichst auszubilden und insbesondere dem Geschmacksinn sein gutes Recht nicht vorzuenthalten, selbst auf die Gefahr des Zipperleins hin. Kehre es bei uns ein, so möchten wir uns mit Sydenham, dem englischen Hyppokrates, trösten: die Gicht bevorzuge die geistreichsten Leute. Diese schmeichelhafte Aussicht gefiel uns; wir hofften, einer solchen Auszeichnung mit der Zeit würdig befunden zu werden; einstweilen beneideten wir unsern Meister, wenn er zeitweise mit schmerzhaftem Großzehenballen über die spitzen Steine des Spitalhofs zur Klinik hinkte. 248

 

 

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