Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Adolf Kussmaul >

Jugenderinnerungen eines alten Arztes

Adolf Kussmaul: Jugenderinnerungen eines alten Arztes - Kapitel 48
Quellenangabe
typeautobio
booktitleJugenderinnerungen eines alten Arztes
authorAdolf Kußmaul
year1906
firstpub1899
publisherAdolf Bonz und Comp.
addressStuttgart
titleJugenderinnerungen eines alten Arztes
pages496
created20110330
sendergerd.bouillon@t-online.de
Schließen

Navigation:

Maximilian Joseph von Chelius.

Die Autokraten des 18. Jahrhunderts legten den Söhnen ihrer Günstlinge das Offizierspatent schon in die Wiege, Karl Theodor von der Pfalz auch das Professorspatent. Der Heidelberger Professor galt deshalb nur wenig in der gelehrten Welt. Bei der medizinischen Fakultät kam dazu, daß sie weder die nötigen Lehranstalten besaß noch Kranke zur Verfügung hatte; so war es kein Wunder, daß die von ihr promovierten Doktoren bei der eignen Regierung in Mannheim in schlechtem Ansehen standen.

Dies änderte sich im 19. Jahrhundert von Grund aus, nachdem Karl Friedrich von Baden die Universität neu gestaltet und die medizinische Fakultät mit Lehranstalten und ausgezeichneten Professoren ausgestattet hatte. Heidelberg wurde in wenigen Jahrzehnten ein medizinisches Salerno, eine stark besuchte ärztliche Schule, eine Zufluchtsstätte, zu der die Kranken aus allen Ländern pilgerten. Von den Klinikern war es hauptsächlich Chelius, dessen Ruf als Chirurg und Augenarzt unzählige Fremde herbeizog.

Chelius war 1794 in Mannheim geboren. Er siedelte als neunjähriger Knabe mit den Eltern nach Heidelberg über, bezog schon mit 15 Jahren die Universität und wurde mit 18 promoviert, was heute nicht mehr gelingen dürfte. Seine weitere Ausbildung erhielt er zunächst in Landshut bei Philipp Walther, dem ausgezeichneten Chirurgen und gedankenreichen Arzte, und in Wien bei den Chirurgen Kern, Zang, Rust und dem vortrefflichen Augenarzte Beer. Walthers und Beers gedachte er im Kreise seiner Schüler oft und gern. Mit 19 Jahren zog er als badischer Regimentsarzt 1813 und 1815 mit 222 der Armee nach Frankreich und besuchte nach beendigtem Kriege zunächst die großen Pariser Hospitäler und dann auch mehrere in Deutschland. Mit 23 Jahren wurde er 1817 zum a. o. Professor für Chirurgie und Augenheilkunde ernannt, ein Jahr nachher zum ordentlichen. Er hatte dieses Lehramt 47 Jahre inne bis 1864 und starb 1876 im 82. Lebensjahre. Zehn Jahre vorher war er in den erblichen Adelsstand erhoben worden.

Drei Dinge verschafften Chelius das ungewöhnliche Ansehen und Vertrauen, dessen er sich bei den Aerzten und bei dem Publikum erfreute: sein chirurgisches Lehrbuch, seine glückliche Hand, endlich seine vornehme, mit Menschenfreundlichkeit gepaarte, würdige und wohltuende Art des Benehmens. Als ich in seine Klinik eintrat, stand er noch im Zenith seines Ruhms, während ich sie besuchte, begann sein Glanz als Lehrer zu erbleichen, das Publikum aber bewahrte ihm als Arzt sein Vertrauen bis ans Ende.

Das Handbuch der Chirurgie war eine schriftstellerische Leistung ersten Rangs, vermöge seiner zweckmäßigen Anlage, Ausführung und praktischen Brauchbarkeit. Es erlebte acht starke Auflagen in 35 Jahren, von 1822–1857, und wurde in elf Sprachen übersetzt. Die Söhne benutzten es noch wie die Väter, es stand auf den Bücherschäften der Chirurgen aller Weltteile. Ja, es kam, wie ein württembergischer Apotheker versicherte, der aus Kalifornien nach Heidelberg gereist war, um Chirurgie bei Chelius zu studieren, sogar an die südlichste Spitze der neuen Welt. Der etwas verschrobene Herr hatte in Kalifornien Pillen sowohl gedreht als ärztlich verordnet, wäre aber in seinen alten Tagen noch gerne Chirurg geworden. In vollem Ernst erzählte er Chelius: »Herr Geheimer Rat, ich habe ihr weltberühmtes Handbuch an einen Ort gebracht, wohin es vorher noch nicht gedrungen war. Als ich um das Kap Horn segelte, studierte ich darin, es fiel mir über Bord, sank in die Tiefe und ist da geblieben.«

Chelius verfaßte auch ein Handbuch der Augenheilkunde, der erste Band erschien 1839, der zweite 1844, als der erste bereits zu veralten begann.

Neue Gedanken, Erfindungen, Operationen verdankt die Chirurgie Chelius nicht, darin überragten ihn von deutschen Kollegen der 223 ältere Gräfe, Michel Jäger, Dieffenbach und Stromeyer, aber sein Handbuch sicherte ihm das Verdienst, die besten Grundsätze und Heilverfahren der Chirurgie seiner Zeit über die ganze Erde verbreitet zu haben.

Chelius operierte schön und sicher. Er war in seiner Kunst wie in seinen politischen Anschauungen streng konservativ. Mein Schulfreund Dettmar Alt war lange Jahre sein Assistent und gewann ein sicheres Urteil über die Heilerfolge seines Meisters in und außer der Klinik. Er kam zur Ueberzeugung, daß Chelius sich das allgemeine Vertrauen weit mehr noch durch glücklich erhaltene, als glücklich entfernte Gliedmaßen erworben habe. Er bewahrte beim Operieren eine bewundernswerte Ruhe, was vor der Einführung der Aether- und Chloroformnarkose eine schwierigere Sache war als heute. Ich sah ihn niemals aufbrausen und heftig werden, nie seine edle Haltung verlieren; auch die gemeinsten Naturen hielt er durch seine feinen Formen und klugbemessenen Worte in den gebührenden Schranken.

Den Fünfzigen nahe war Chelius noch immer ein schöner Mann, schlank gebaut von Mittelgröße, feinen Gesichtszügen und Gliedern. Er pflegte die ambulatorische Klinik, die der Visite vorausging, auf einem hohen runden Stuhle sitzend abzumachen, die Beine häufig gekreuzt und einen Fuß frei in der Luft wiegend. Wir bewunderten dann dessen Kleinheit und meinten, auch die zierlichste Dame dürfte unsern Meister darum beneiden.

Im Sommer gab Chelius den Operationskurs früh 5 Uhr. Wir Studenten waren oft schlaftrunken, er einen Morgen wie den andern frisch und munter. Die Vorlesungen über Chirurgie und Augenheilkunde hielt er morgens von 8–9 im Winter, von 7–8 im Sommer. Obwohl er sehr gut aus dem Stegreife sprach, las er doch seine Handbücher ab, nur nicht in der Weise Puchelts wie ein murmelnder Quell, sondern pathetisch, fast feierlich. Die Klinik begann um 11 Uhr und dauerte 1–2 Stunden, je nachdem operiert wurde oder nicht. In der ambulatorischen Klinik, die nur bei größeren Operationen vorher vom Assistenten allein erledigt wurde, gab es viel zu sehen und zu verordnen, beim Untersuchen aber ging es oft flüchtig zu und gaben die »Schnelldiagnosen« zu manchen Scherzen Anlaß. 224

 


 

 << Kapitel 47  Kapitel 49 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.