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Jugenderinnerungen eines alten Arztes

Adolf Kussmaul: Jugenderinnerungen eines alten Arztes - Kapitel 47
Quellenangabe
typeautobio
booktitleJugenderinnerungen eines alten Arztes
authorAdolf Kußmaul
year1906
firstpub1899
publisherAdolf Bonz und Comp.
addressStuttgart
titleJugenderinnerungen eines alten Arztes
pages496
created20110330
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Friedrich August Benjamin Puchelt.

Die Wiege des Lehrers, der mir den ersten klinischen Unterricht in der inneren Medizin erteilte, hatte in einem ländlichen Pfarrhause der sächsischen Lausitz gestanden. Geboren 1783 hatte Puchelt in Leipzig studiert, hier sich habilitiert und die 1812 gegründete Poliklinik vortrefflich geleitet.Vgl. W. His, d. J., Geschichte der med. Klinik zu Leipzig. Leipzig, Vogel. 1899. S. 19. u. 54. Er war seit 1820 Ordinarius für Pathologie und Therapie, als ihn die badische Regierung für diese Fächer nach Heidelberg berief und mit der Direktion der inneren Klinik und Poliklinik betraute.

Die klinischen Hörer und Praktikanten nannten Puchelt, der recht gemütlich mit ihnen verkehrte, den alten Benno. Eine bereits ergraute, mächtige Mähne wallte um das Haupt des untersetzten, etwas beleibten Meisters, aus seinen kurzsichtigen, schmal geschlitzten Augen blickte er freundlich auf Schüler und Kranke. Man sah ihm das viele Sitzen und Studieren an, er litt an venösen Stauungen, die er auf »erhöhte Venosität« zurückführte, einen Krankheitsbegriff, den er selbst geschaffen und noch 1833 in einer besonderen Schrift, die diesen Titel führte, »revidiert und verteidigt« hatte.

Es war kein Wunder, daß der grundgelehrte Kliniker an Störungen des venösen Kreislaufs litt; die Lebensweise, die so viele Professoren mit ihm teilten, mußte sie herbeiführen. Nachdem er in der verbrauchten Luft des Studierzimmers, Hörsaals und der Krankenstuben den Tag zugebracht hatte, ging er abends zur Erholung statt in die freie Luft, an den Whisttisch des Museums – das Klubhaus 211 der Honoratioren – bis er zum Abendessen heimging und danach am Schreibtisch saß bis tief in die Nacht. Es blieb ihm für seine große literarische Tätigkeit keine andere Zeit, denn er besorgte gewissenhaft nicht nur sein Lehramt und die klinischen Kranken, er war auch Hausarzt vieler Familien und fuhr nicht selten zu Konsultationen mit den Aerzten der Umgegend.

Nur wenige Kliniker mochten sich mit Puchelt an umfassendem Wissen und literarischer Fruchtbarkeit messen. Mit gutem Bedacht hat der große Bibliograph Ersch gerade ihn zum medizinischen Mitarbeiter an seinem Handbuch der deutschen Literatur auserwählt und Josef Frank gleichfalls seine Mithilfe bei der von ihm herausgegebenen elfbändigen medizinischen Encyklopädie erbeten, ihren letzten Band bearbeitete Puchelt 1843 nach Franks Tode. Die Schrift, die ihm zuerst Ansehen und die Professuren in Heidelberg und Leipzig verschaffte, war seine Monographie der Venenkrankheiten 1818. Sein Hauptwerk, das »System der Medizin in Umrisse dargestellt,« erschien in erster Auflage von 1825–32, in zweiter 1835, es hat vier Bände, dem ein fünfter beigegeben ist, der nur ein umfassendes Literaturverzeichnis und Register enthält. Da er dieses Werk ausdrücklich seinen Zuhörern gewidmet hatte, drang ich in meinen Vater, es mir anzuschaffen; er ging darauf ein, und ich war stolz auf den reichen Besitz, habe es aber nicht fertig gebracht, die 3000 Paragraphen durchzulesen. Außer diesen Arbeiten hat Puchelt noch viele Schriften, Abhandlungen, Berichte, Programme und Tabellen veröffentlicht, ein Buch von Capuron über Kinderkrankheiten übersetzt, die damals vielgelesenen Heidelberger klinischen Annalen redigiert und mit seiner Fakultät auch die medizinischen Annalen, die Fortsetzung der klinischen, herausgegeben. – Ein erstaunlicher Aufwand nächtlichen Fleißes!

Es wäre unrecht, in dem Kliniker Puchelt nur einen Bücherwurm zu sehen. Er war ein guter Beobachter und hat zuerst die Perityphlitis als besondere Form von Entzündungen in der rechten Darmbeingrube unter diesem noch heute gebräuchlichen Namen unterschieden; in der Klinik hat er sie uns wiederholt vorgezeigt und diagnostizieren gelernt. – Seine innere Behandlung freilich war 212 die damals übliche mit Calomel und Blutentziehungen, die nur allmählich einer besseren mit Anwendung von Opiaten wich. Ich muß hier erwähnen, daß mich schon mein Vater in seiner Praxis diese Methode benützen lehrte und vor der Calomelbehandlung warnte. Er berief sich dabei auf die Empfehlung des Rostocker Professors Samuel Gottlieb Vogel, eines der gewiegtesten Praktiker jener Zeit. – Bald nachher erschien die kleine, epochemachende Schrift des Karlsruher Arztes Dr. Adolf Volz: »Die durch Kotsteine bedingte Durchbohrung des Wurmfortsatzes«, 1846, die in der Lehre von der Perityphlitis, ihrem Ursprung und ihrer Behandlung einen wesentlichen Fortschritt bedeutete. – Mit der genaueren Kenntnis der Entzündung des Wurmfortsatzes und mit der Einführung der antiseptischen Wundbehandlung ist der letzte große Schritt auf diesem so wichtigen Gebiete der Pathologie geschehen; der chirurgische Eingriff hat vielen tausenden, die früher an der Entzündung und Durchbohrung des Wurmfortsatzes zu Grunde gingen oder langem Siechtum dadurch verfielen, das Leben gerettet oder doch rasche Genesung verschafft; bis dahin hatte man nur zum Messer gegriffen, wenn schwappende Abscesse mit Durchbruch drohten.

Als feiner Beobachter erwies sich Puchelt noch 1845 in einer Abhandlung »Ueber partielle Empfindungslähmungen«, die er in den medizinischen Annalen veröffentlichte.

Mit den Lehren Laënnecs und der Technik der Perkussion und Auskultation hatte sich Puchelt vertraut gemacht. Er war imstande, die Gegenwart von Luft und Eiter im Brustfellraum auch in Fällen zu konstatieren, wo die Zeichen fehlten, die schon vor Laënnec die Diagnose ermöglicht hatten. Dies war damals viel, wo erst einige seiner klinischen Kollegen in Deutschland und wenige deutsche Aerzte überhaupt perkutieren und auskultieren gelernt hatten. – Bezeichnend für den Stand der Krankenuntersuchung bei den Aerzten jener Zeit ist eine lustige Geschichte, die viel erzählt wurde und heute vergessen sein dürfte. Ein deutscher, in Paris geschulter und im Beklopfen und Behorchen der Brust wohl geübter junger Arzt kehrte in seine Vaterstadt zurück und verschaffte sich rasch eine große Praxis. Sein Ruf drang aufs Land und ein brustkranker reicher Bauer ließ ihn 213 zu sich rufen. Er fuhr zu ihm, mit dem Perkussionshammer bewaffnet, und bearbeitete damit die Brust des Bauern gründlich. Nachdem er diese Untersuchung beendet, nickte ihm der Patient befriedigt zu: »Herr Doktor, Euer Klopfen hat mir gut getan, – wann kommt und klopft Ihr mich wieder?«

Auch Chemie und Mikroskopie hatten eben ihren Einzug in die Klinik gehalten, der Assistenzarzt Dr. Markus Aurelius Höfle hatte sie eingeführt. Er stammte vom badischen Bodensee, hatte sich viel mit Botanik beschäftigt und eine Flora der Bodenseegegend geschrieben. Er wurde 1844 Privatdozent der Medizin und gab 1848 eine kleine verdienstliche Schrift heraus, die schon 1850 eine zweite Auflage erlebte: »Ueber Chemie und Mikroskopie am Krankenbette«. Der fleißige Mann erlag 1855 einem Darmtyphus, der in Heidelberg nie ausging, häufig mörderisch wütete und erst seit geregelter Abfuhr der Fäkalien selten geworden ist.

Verliefen die klinischen Fälle tödlich, so ließ Puchelt durch den Assistenzarzt in seiner und der Schüler Gegenwart die Sektion machen. Der Zweck war: nachzusehen, wo und wie die Krankheit den tödlichen Schaden angerichtet hätte. Es geschah nach dem Vorbild Morgagnis, Professors in Padua, des Vaters der pathologischen Anatomie; er ist zuerst methodisch an die Aufgabe gegangen, Sitz und Ursachen der Krankheiten durch die Anatomie zu erforschen, wie es der TitelDe sedibus et causis morborum per anatomen indagatis, libri v. Venet. 1761. des großen Werkes besagt, das er 1761 herausgegeben hat. Namentlich in Frankreich und England, weniger in Deutschland, waren die Aerzte in seinem Sinne bemüht, die Pathologie mit Hilfe der Anatomie aufzuklären. In den ersten Jahrzehnten dieses Jahrhunderts hatten sich durch Forschungen in dieser Richtung hauptsächlich die bereits erwähnten großen Aerzte Corvisart und Laënnec, auch Antoine Bayle in Frankreich, Mathew Baillie und Carswell in England, Alois Vetter in Deutschland, hervorgetan; viele andre tüchtige, jüngere Arbeiter folgten ihrem Beispiele.

Zur Kontrolle der ärztlichen, am Krankenbette gestellten Diagnosen dienten die Sektionen noch wenig, weil die Diagnosen bis 214 dahin nur symptomatisch gewesen waren. Man entnahm sie nur dem Symptomenbild am Lebenden und sprach von Wassersucht, Gelbsucht, Blausucht, hitzigem Fieber, Schlagfluß, Brechdurchfall u. s. w., wie von wesentlichen Krankheiten, während diese Zustände und Vorgänge nichts als die äußeren Erscheinungen innerer physiologischer Geschehnisse und anatomischer Veränderungen sind. Deckte nun nach dem Tode das Messer den Sitz des Leidens und die Natur der krankhaften Veränderungen auf, so lief der Arzt keine Gefahr, durch den Leichenbefund bloßgestellt zu werden. Hatte er z. B. Wassersucht diagnostiziert, so brauchte diese Diagnose keine Bestätigung, sie war unter allen Umständen richtig, die Sektion zeigte nur noch weiter, von wo die Wassersucht ihren Ausgang genommen hatte. Es gereichte sogar dem Arzte jetzt zur Rechtfertigung und den Angehörigen des Verstorbenen zur Beruhigung, wenn, wie so oft, bald das Herz, bald die Leber, bald die beiden Nieren so übel zugerichtet befunden wurden, daß auch der Laie einsehen mußte, unter solchen Umständen sei eine längere Erhaltung des Kranken am Leben oder gar seine Rettung ein Ding der Unmöglichkeit gewesen.

Uebrigens begann man bereits anatomische Diagnosen zu stellen. Um ein Beispiel zu geben: man hatte bisher unter Pneumonie (Lungenentzündung) ein Krankheitsbild verstanden mit den Kennzeichen: Beginn mit Frost, worauf Hitze folgt, Stechen auf der Brust, Atemnot, roter Auswurf, akuter kritischer Verlauf u. s. w. Laënnec hatte die anatomischen Veränderungen, die im Verlaufe dieser Krankheit an den Lungen vor sich gehen, genau beschrieben und danach verschiedene Stadien unterschieden: die entzündliche Anschoppung (Engouement), die gänzliche Verdichtung (Hepatisation) u. s. w. Mit Hilfe des Beklopfens und Behorchens der Brust war es ihm weiter gelungen, diese Stadien schon zu Lebzeiten zu erkennen und genau zu bestimmen, wo die Pneumonie in den Lungen begann, wie sie sich weiter darüber verbreitete oder ihren Rückzug nahm. Damit hatte die Pathologie und Diagnostik einen gewaltigen Schritt vorwärts getan. – In ähnlicher Weise verfeinerten sich die Diagnosen von der heute verpönten Art: Wassersucht, Gelbsucht, Blausucht u. s. w. Man hatte z. B. bei den Sektionen der 215 Wassersüchtigen bald dieses, bald jenes Organ entartet gefunden und erkannt, daß die Wassersucht je nach der Natur dieser Leichenbefunde besondere Eigentümlichkeiten des Krankheitsbildes im Leben darbot. Somit nahm sie ihren Ausgang von verschiedenen Störungen in den Verrichtungen der Organe, und danach verlangte man genauere Diagnosen: anatomische, – man wollte wissen, ob die Wassersucht vom Herzen, von der Leber, den Nieren oder von andern Organen ausgehe. Offenbar mußte sich danach die Prognose und die Behandlung verschieden gestalten.

Die Klinik Puchelts fiel demnach in die Zeit, wo die Pathologie aus ihrer ersten symptomatologischen Periode in ihre zweite, die anatomische, überging. Es dauerte nicht lange mehr und diese erreichte ihren Höhepunkt; in der Mitte des Jahrhunderts wurde sogar die Anatomie aus der dienstbaren Magd die gebietende Herrin der Pathologie, nachdem sie durch zahlreiche wichtige Entdeckungen unentbehrlich und Rokitanskys epochemachendes »Handbuch der speziellen pathologischen Anatomie« 1844 Gemeingut der Aerzte geworden war. Hand in Hand damit ging die Vervollkommnung der klinischen Untersuchungsmethoden mit physikalischen und chemischen Hilfsmitteln, und in genialer Weise stellte Skoda die Perkussion und Auskultation mit Hilfe des Experiments auf den Boden der physikalischen Wissenschaft, verwertete sie zugleich richtiger und sicherer, als bisher, für die Diagnose.

Unser Puchelt steckte, wenn ich ein grobes Bild gebrauchen darf, mit einem Bein noch tief in der rein symptomatologischen Entwicklungsperiode der Pathologie, mit dem andern schickte er sich an, in die anatomische einzutreten. Es glückte ihm aber nicht mehr, in diese ganz zu gelangen. Das Schicksal der zweiten Auflage seiner einst mit so großem Beifall aufgenommenen Monographie der Krankheiten des Venensystems hing damit zusammen, sie erschien 1843 und wurde mit Achselzucken ausgenommen.

 

Puchelts Auffassung des Wesens der Krankheit war die damals allgemein geltende ontologische, die nur ganz allmählich der heutigen physiologischen wich. Die ontologische Pathologie 216 sah in den Krankheiten selbständige Wesen, heute betrachtet sie die Medizin als physiologische Vorgänge, die unter dem störenden Einfluß schädlicher Ursachen, demnach unter andern Lebensbedingungen, in abgeänderter, uns unzuträglicher und das Leben häufig bedrohender Weise verlaufen. Nach der glücklich beseitigten Anschauung unserer Väter hauste die Krankheit wie ein feindliches Wesen im Körper, wählte sich bald dieses, bald jenes feste Organ oder die Säfte: Blut, Lymphe, Galle u. s. w., zu ihrem Sitze und störte von da aus die Leibesverrichtungen. Abnorme Erscheinungen, wie z. B. Stechen, Atemnot, schneller Puls, waren die Merkzeichen ihrer gefährlichen Gegenwart, die veränderte Beschaffenheit der Organe, wie der Leichenbefund sie feststellte, die schlimme Frucht ihrer Tätigkeit. Wollte man den Kranken kurieren, so mußte man ihm den bösen Feind durch Erbrechen, Purgieren, Schwitzen, Blutlassen u. dgl. Eingriffe aus dem Leib schaffen, oder ihm mit Droguen zusetzen, wie man schmarotzende Würmer mit gewissen Getränken aus dem Darm abtreibt. Selbstverständlich verlangten daneben mechanische Beschädigungen mechanische Hilfe, gefährliche Produkte der Krankheit, Neubildungen z. B., wenn es mit inneren Mitteln nicht gelang sie zu beseitigen, chirurgische Eingriffe, eingedrungene Gifte, Gegengifte, seelische Störungen auch seelische Gegenmittel.

Wie fest noch die Ontologie in Puchelt wurzelte, mag dem Leser die Lehre zeigen, die er uns bis zuletzt in der Klinik vortrug, wonach der Typhus aus dem gastrischen Fieber und dieses aus dem Gastricismus hervorgehe. Sie erinnerte an die Genesis, wonach Japhet von Noah und Noah von Lamech erzeugt wurde. Wäre Lamech nicht gewesen, so hätte es nie einen Noah oder Japhet gegeben. Ging man dem Gastricismus oder dem gastrischen Fieber mit Brechmitteln, Purganzen, besonders dem Calomel gehörig zu Leibe, so konnte es nicht zum Typhus kommen. – Man darf mit Puchelt deshalb nicht rechten, bei seinem berühmtesten klinischen deutschen Zeitgenossen, Schoenlein, trat die ontologische Auffassung der Krankheiten nicht weniger scharf zu Tag, sein naturhistorisches System ordnete sie in Familien und Arten, wie die beschreibenden Naturforscher es mit Pflanzen und Tieren machen.

217 Die physiologische Auffassung der Krankheiten brach sich nur allmählich Bahn. Dies hing zusammen einesteils mit der langsam reifenden physiologischen Einsicht, andernteils mit den großen Schwierigkeiten, die es hatte, in die Natur der Krankheitsursachen, der unzähligen uns bedrohenden Schädlichkeiten, einzudringen, mit andern Worten, mit dem langsamen Reifen der ätiologischen Wissenschaft.

Dieselben Methoden der Forschung, die wir benützen müssen, um die Natur der normalen physiologischen Vorgänge aufzudecken, führen uns auch zum Ziele, wenn wir die pathologischen aufklären wollen, denn die Medizin ist eine Naturwissenschaft, ein Teil der Biologie, der Lehre vom Leben. Derjenige Teil der Medizin, der sich mit der Erforschung der allgemeinsten krankhaften Vorgänge: Fieber, Entzündung, Ansteckung u. s. w. beschäftigt, ist die allgemeine Pathologie oder pathologische Physiologie. So weit sie auf experimentellem Boden fußt, wird John Hunter, Morgagnis Zeitgenosse, als ihr Begründer angesehen. Pathologische Anatomie und Physiologie werden bereits seit beinahe anderthalb Jahrhunderten wissenschaftlich gepflegt, mit der Kenntnis der Schädlichkeiten aber, die den Organismus krank machen, d. i. mit der Aetiologie, die einen der wichtigsten Teile der allgemeinen Pathologie bildet, sah es zu der Zeit, als Puchelt lehrte, noch mißlich aus. Man kannte noch nicht einmal die Lebensgeschichte und Lebensbedingungen der parasitischen Insekten und Eingeweidewürmer, die dem unbewaffneten Auge sichtbar sind, geschweige die der noch kaum erschlossenen Welt der mikroskopischen Geschöpfe. – Den Generationswechsel und die Ammenzeugung beschrieb der Däne Steenstrup erst 1842. – Der Ursprung der noch damals in heute unbegreiflicher Weise äußerst gefürchteten Krätzkrankheit aus eigenartigen parasitischen Milben war zwar schon lange behauptet, aber erst in den dreißiger Jahren festgestellt worden. Die Mehrzahl der Aerzte, selbst gefeierte klinische Lehrer, hingen noch fest an dem Glauben, es liege der Krankheit nicht die Milbe, sondern eine Schärfe der Säfte zu Grunde. Hahnemann und der Tübinger Kliniker Antenrieth fabelten von einer im Leibe versteckten, unsichtbaren Psora, die auf der Haut 218 den Ausschlag und in den inneren Organen Entartungen, Schwindsucht und Wassersucht verursache. Wir Praktikanten lachten über die mystische Psora und fingen sie in Gestalt einer Milbe, des Acarus scabiei, mit spitzigen Nadeln; wir führten diese durch die Haut in die Gänge, die sich die Milbe darin bis zu der leicht erkennbaren Stelle frißt, wo sie in der Kälte ruhig sitzt, in der Wärme aber zu geschäftiger, ihrem Wirte äußerst lästiger Tätigkeit erwacht. Wir kurierten nicht selten die Krankheit, die seit Monaten und Jahren homöopathischen und allopathischen inneren Mitteln getrotzt hatte, in wenigen Tagen ohne allen Schaden, mit Schmierseife und Bädern. Keine Krankheit ist heute in jeder Hinsicht besser aufgeklärt als diese, die Naturgeschichte der Milbe hat sie aufgeschlossen. – Eine wichtige Entdeckung, die zahlreiche andere ähnliche nach sich zog, machte Schoenlein 1839. Er fand in mikroskopischen Pilzfäden, dem Achorion Schoenleini die Ursache einer abscheulichen Hautkrankheit, des Favus. – Fast wichtiger noch wurde der Nachweis, daß die Muskardine der Seidenraupen eine durch Pilzfäden, die den ganzen Leib der Tiere durchsetzen, hervorgerufene Krankheit sei. Gerade diese Entdeckung stellte Henle obenan unter den Tatsachen, auf die er eine Theorie der Kontagien baute, wonach kleinste, freilich erst noch sichtbar zu machende Lebewesen den miasmatischen und kontagiösen Seuchen zu Grunde lägen. Sie ist seither durch zahlreiche Entdeckungen für viele Krankheiten zur Gewißheit erhoben worden. Wir mußten uns noch mit den geniis morborum der alten Pathologen begnügen, dem genius epidemicus, endemicus, rheumaticus, gastricus, biliosus, nervosus und ihren zahlreichen Brüdern und Vettern. Freund Scheffel, der von ihrem Dasein durch uns erfuhr, machte uns sofort auf einen genius aufmerksam, der uns fast entgangen wäre, – Altheidelbergs feuchten genius loci!

 

Beherzigt man den Stand der medizinischen Wissenschaft zu Anfang der vierziger Jahre, so darf die Pucheltsche Klinik ungeachtet aller ihrer Schwächen und Mängel doch als eine der besten jener Zeit in Deutschland gerühmt werden. Es fehlte ihr auch nicht an Kranken wie so vielen Kliniken an den kleinen Universitäten, 219 denn es standen ihr täglich 40 bis 50 »Fälle« zu Gebote. Unser Lehrer gab sich die redlichste Mühe mit uns, fehlte in den beiden Jahren, die ich mit ihm auskultierte und praktizierte, nicht eine Stunde, er lehrte uns bei der Visite die Kranken ausfragen und untersuchen, Diagnosen und Prognosen stellen, ordinieren und Krankengeschichten verfertigen, erläuterte auch, wo es not tat, die Fälle durch lebendige kleinere und größere Vorträge. In Wien und Prag war seine Diagnostik freilich weit überholt, an den andern deutschen Universitäten kaum irgendwo. Eins nur war an Puchelt auszusetzen und wurde ihm gefährlich, sobald ein klinischer Rivale ihm darin überlegen war: seine übermäßige diagnostische und therapeutische Vorsicht, die zuweilen über das gebotene Maß hinaus ging, bis zur Zaghaftigkeit und zur ängstlichen Unschlüssigkeit.

Puchelt hatte sich bis zum Frühjahr 1844 der Gunst seiner klinischen Schüler erfreut. Sie hatten ihm noch im Winter 1842/43 ein Fackelständchen gebracht, wobei ich mitwirkte. Er dankte herzlich und rief uns zu: es sei ein schöner und wahrer Spruch Goethes, was man in der Jugend wünsche, habe man im Alter in Fülle, aber der Spruch betrog ihn. Sein Alter war voll von bitteren Enttäuschungen.

Nachdem Pfeufer von Zürich eingetroffen war und als zweiter klinischer Lehrer zu wirken begonnen hatte, wandten sich die jungen Mediziner fast ausnahmslos ihm zu, und Puchelts Klinik verödete. Obwohl die zweite Klinik nur wenig mehr als ein drittel von der Bettenzahl der ersten faßte, fand die zuströmende Menge der Hörer doch kaum Platz in ihren Räumen. – Dieser unerwartete Abfall der Schüler mußte den alten Herrn schwer getroffen haben. Bald suchten ihn daneben böse Gebrechen heim. Der Arme verlor das Augenlicht. Fast erblindet hielt er noch Vorträge über Geschichte der Medizin, aber 1852 sah er sich gezwungen, das Lehramt ganz niederzulegen, und 1856 raffte ihn ein barmherziger Schlagfluß weg.

Was mochte den Abfall verschuldet haben? Puchelt übertraf Pfeufer an pathologischem Wissen und stand an diagnostischer Fertigkeit nicht allzuweit hinter ihm zurück; was Pfeufer ihm überlegen machte, war dessen mächtige, die Jugend fesselnde, entschlossene 220 Persönlichkeit. Nahm der Schüler Pfeufer zum Vorbild, so winkte ihm Erfolg und Glück in der künftigen Praxis, während Puchelts Zaghaftigkeit ihn entmutigte. Im Kollegsaal gar ließen die tödlich langweiligen, aus dem Buche abgelesenen Vorlesungen des alten Professors keinen Vergleich zu mit den freien, frischen Vorträgen des jungen.

Eine denkwürdige Erinnerung an eine der Vorlesungen Puchelts über allgemeine Pathologie mag ein Bild von seiner Vortragsweise im Kollegium dem Leser geben und dieses Kapitel schließen.

Puchelts Vorlesungen über spezielle und allgemeine Pathologie fanden abends statt. Nachdem ich sie einigemal gehört, besuchte ich sie nur noch an den seltenen Tagen, wo mich die Freunde vor der Zeit zum Biere verleitet hatten und ich befürchten mußte, meinen ganzen Abend zu verlieren. Um dieser Gefahr zu entgehen, rettete ich mich an einem Winterabend aus dem Freundeskreise zu Puchelt. Auf den Straßen lag Schnee und Eis, im Hörsaal strömte behagliche Wärme aus dem glühenden Ofen. Einige Talgkerzen verbreiteten ein Dämmerlicht in dem stillen Raum, worin sich nur spärliche Hörer, eine Auswahl von fleißigen Jünglingen, zusammengefunden hatten. Wie immer trat fast unbemerkt mit leisem Schritte der Meister unter uns, bestieg den Lehrstuhl, legte den ersten Band seines Handbuchs auf den Pult, beugte das Haupt nahe darüber und ließ nun das System in sanftem Regen auf uns niederrieseln. Mit wechselndem Glück, im ganzen siegreich, erwehrte ich mich des Schlummers, der mich zudringlich beschlich; mein Nachbar zur Rechten dagegen erlag in dem Kampfe, er nickte tiefer und tiefer, kreuzte zuletzt die Arme und legte das schwere Haupt zu sanftem Schlafe darüber. – Die Vorlesung ging zu Ende, der Meister schloß das Buch und verließ geräuschlos, wie er gekommen, Lehrstuhl und Saal. Der Nachbar schlummerte weiter. Wir mochten ihn nicht wecken, er schlief so gut, wir verständigten uns durch leise Winke, löschten die Lichter und schlichen davon. – Er wollte uns nie gestehen, wie lang er süßes Vergessen der Sorgen und Mühen eines braven Musensohns in dem trauten, der Wissenschaft geweihten Raume gefunden hatte. 221

 


 

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