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Jugenderinnerungen eines alten Arztes

Adolf Kussmaul: Jugenderinnerungen eines alten Arztes - Kapitel 46
Quellenangabe
typeautobio
booktitleJugenderinnerungen eines alten Arztes
authorAdolf Kußmaul
year1906
firstpub1899
publisherAdolf Bonz und Comp.
addressStuttgart
titleJugenderinnerungen eines alten Arztes
pages496
created20110330
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Die klinischen Anstalten.

Der medizinische Unterricht an den Universitäten bestand Jahrhunderte lang nur in der Auslegung der Werke des Hippokrates und Galen, mitunter auch ihres gelehrten arabischen Nachtreters Avicenna. In der Mitte des 16. Jahrhunderts reformierte Vesal die menschliche Anatomie und befreite sie von den groben Irrtümern Galens; 1628 entdeckte Harvey den Blutkreislauf. An Stelle des blinden Autoritätsglaubens trat seitdem allmählich die freie, auf Beobachtung und Versuch gestützte Forschung. Ein systematischer Unterricht an den Krankenbetten, die praktische, »klinische«, Unterweisung der Schüler kam erst zu Beginn des 18. Jahrhunderts durch Boerhaave in Holland und seine Schüler in Gang, es währte jedoch noch lange, bis in das 19. Jahrhundert hinein, ehe der klinische Unterricht an den Universitäten allgemein eingeführt war.

Otto Heinrich, »der Pfalzgraf am Rheine«, vielleicht der geistreichste der alten Pfälzer Kurfürsten, erteilte schon 1585 den Professoren der medizinischen Fakultät den weisen Rat, »ehrbare« Studenten zu den Krankenbesuchen in der Stadt mitzunehmen, »nach eingeholter Erlaubnis der Familien«. Ob und wie lange, bei der kurzen Regierung des Fürsten, seine Weisung befolgt wurde, ist unbekannt.

Einen ohnmächtigen Anlauf zur Einführung eines praktischen Unterrichts unternahm auf dem Papier 1786 Kurfürst Karl Theodor. Er behielt sich »gnädigst bevor, bei besseren, des fisci academici Umständen«, Einrichtungen zu einem »collegium clinicum« in Heidelberg »mildest« zu treffen. Da aber »die besseren, des fisci 208 academici Umstände« unter seiner Regierung nicht kommen wollten, so blieb die Universität ohne Kliniken, bis sie an Baden fiel. Karl Friedrich erst, ihr Neubegründer, schaffte ihr die fehlenden Mittel zur Herstellung der nötigen Anstalten und berief tüchtige klinische Lehrer.

In dem überkommenen medizinischen Lehrkörper fand Karl Friedrich glücklicherweise einen Mann von Kopf und Herz, der ihm mit gutem Rat an die Hand ging, einen Heidelberger von Geburt, Franz Anton Mai. Auf Drängen der menschenfreundlichen, an dem eigenen Leibe schwergeprüften Gemahlin des Kurfürsten Karl Theodor war 1766 in Mannheim eine Entbindungsanstalt errichtet worden; Mai, erst 24 Jahre alt, wurde als Hebammenlehrer mit der Leitung dieser Anstalt betraut.Man vergleiche die Festrede von Otto Becker: Zur Geschichte der medizinischen Fakultät in Heidelberg, vom 22. November 1876. Sieben Jahre später zum Professor in Heidelberg ernannt, hatte er sich durch geburtshilfliche Schriften Ansehen verschafft, auch war sein witziger »Stolpertus, ein junger Arzt am Krankenbette«, ein viel gelesenes Buch. Dieser tatkräftige Mann riet Karl Friedrich den Ankauf des Dominikanerklosters für die Zwecke der Universität, bewirkte die Verlegung der Mannheimer Entbindungsanstalt und Hebammenschule nach Heidelberg und ihren Anschluß an die Hochschule, ihm endlich verdankte man außer der Berufung Ackermanns auch die von Franz Karl Naegele als a. o. Professor der Geburtshilfe und Direktor der Entbindungsanstalt.

Schon ein Jahr vor Ackermanns, 1815 erfolgtem Tode war Professor Conradi von Marburg als Pathologe nach Heidelberg berufen worden, er richtete in dem Dominikanerkloster die erste stationäre Klinik ein und verband sie mit der Poliklinik, die Ackermann geschaffen hatte. Ein Jahr nach dem Tode Ackermanns kam, wie schon erwähnt, Tiedemann für Anatomie und Physiologie, und noch ein Jahr später, 1817, wurde Maximilian Josef Chelius mit dem Lehrstuhl für Chirurgie und Augenheilkunde betraut. Er war badischer Regimentsarzt gewesen und zählte erst 23 Jahre, erwies sich aber als der richtige Mann, denn er war ein geschickter Chirurg und tüchtiger Organisator in einer Person.

209 Demnach besaß die medizinische Fakultät in Heidelberg schon 1817 drei von einander getrennte Kliniken: eine medizinische, chirurgisch-ophthalmologische und geburtshilfliche. Auch wurde den drei Kliniken schon ein Jahr nachher ein besseres Unterkommen verschafft. Die Stadt besaß die ehemaligen Kasernengebände des Marstallhofs und trat sie bereitwillig für die Zwecke des klinischen Unterrichts ab. Die geburtshilfliche Klinik mit der Entbindungsanstalt richtete sich in dem kleineren westlichen Bau ein, die medizinische und chirurgische Klinik bezogen den größeren südlichen. Conradi folgte 1824 einem Rufe nach Göttingen und wurde durch Puchelt aus Leipzig ersetzt. – In den drei Kliniken am Marstallhof unter Puchelt, Chelius und Naegele empfing ich meinen ersten klinischen Unterricht.

Als die badische Regierung 1842 die Heil- und Pflegeanstalt für irre Kranke, die bisher in dem ehemaligen Jesuitenseminar, der heutigen Kaserne, untergebracht war, nach Illenau verlegte, siedelten die medizinische und die chirurgische Klinik in die dadurch frei gewordenen, bedeutend größeren Räume jenes Gebäudes über, und die Entbindungsanstalt bezog den südlichen Bau am Marstallhof, den die beiden andern Kliniken bisher inne gehabt hatten.

Nur wenige medizinische Fakultäten Deutschlands erfreuten sich damals so großer klinischer Anstalten, die ausschließlich den Unterrichtszwecken dienten und unabhängig von Gemeinden und geistlichen Stiftungen nur der Aufsicht des Staates unterworfen waren. 210

 

 

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