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Jugenderinnerungen eines alten Arztes

Adolf Kussmaul: Jugenderinnerungen eines alten Arztes - Kapitel 45
Quellenangabe
typeautobio
booktitleJugenderinnerungen eines alten Arztes
authorAdolf Kußmaul
year1906
firstpub1899
publisherAdolf Bonz und Comp.
addressStuttgart
titleJugenderinnerungen eines alten Arztes
pages496
created20110330
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Das philosophische Zwangskollegium.

Die badische Studienordnung wünschte nicht nur naturwissenschaftlich-, sondern auch philosophisch-gebildete Aerzte und legte den Kandidaten deshalb die Verpflichtung auf, bei der Meldung zum Staatsexamen ein Zeugnis vorzuweisen, das den Besuch eines mindestens vierstündigen philosophischen Kollegiums bescheinigte. – Ein alter, armer, geplagter Landarzt nahm diese, vielfach bemängelte, Bestimmung in Schutz und belobte sie: eine gute Dosis Philosophie sei den Aerzten recht nützlich und helfe ihnen in der Praxis über die vielen Illusionen weg, die sie aus der Studienzeit mitbrächten.

Seit 1839 gehörte Professor Christian Kapp der philosophischen Fakultät an, zuerst als Honorarius, seit 1840 als Ordinarius. Er war ein reicher Mann und schuf den schönen Garten, der heute die Landfriedsche Villa jenseits des Neckars an der Neuenheimer Landstraße umschließt. Es machte ihm Freude, vor einem großen Auditorium zu lesen; für das Wintersemester 1840/41 hatte er ein Publikum über Logik und Metaphysik angekündigt, leider nur dreistündig in der Woche. Glücklicherweise war Kapp ein ebenso gefälliger, als eifriger Lehrer und ließ sich auf das Ansuchen von uns Medizinern willig dazu herbei, das Kollegium vierstündig zu lesen. Damit war uns geholfen, die Bestimmung der Studienordnung erfüllt. Ich besuchte – es sei redlich gestanden – die belegte Vorlesung nur ein einziges Mal; der Hörsaal war gedrängt voll Wißbegieriger, Kapp konnte mich unmöglich vermissen, und so blieb ich, von der einen Stunde völlig befriedigt, getrost daraus weg. Aber ich fühlte mich dem edlen Lehrer tief verpflichtet, und als er für das nächste Semester abermals ein Publikum ankündete: »Ueber Politik und 206 Weltgeschichte,« beeilte ich mich, es zu belegen, um durch meine Unterschrift auf der Liste ihm zu zeigen, wie dankbar ich sei. Wie es kam, daß ich dieses merkwürdige Publikum gar nicht besuchte, ist mir nicht erinnerlich. Am Ende meines letzten Semesters holte ich bei dem mir durch seinen Neffen Fritz Kapp persönlich bekannten und wohl gewogenen Philosophen die Besuchszeugnisse. Er empfing mich mit gewohnter Liebenswürdigkeit und testierte: »Mit ausgezeichnetem Eifer und größter Aufmerksamkeit.«

Der Kollegzwang hatte unglaubliche Mißbräuche zur Folge. Er kam niemand zu gut, als undotierten oder schlecht dotierten Dozenten; viele Vorlesungen wurden nicht aus Lust und Liebe zur Sache und nicht mit der nötigen Sachkenntnis angekündigt und abgehalten, sondern einzig der Vorschrift und des Honorars wegen. Etliche Beispiele mögen diese Behauptung begründen.

Ein den Studenten geradezu lächerlicher Dozent las unter andern Zwangskollegien regelmäßig eine einstündige Vorlesung über Tierheilkunde, obwohl er kaum je in andere Ställe gekommen war, als in den seinigen und in die der Landorte, wo er auf der Praxis seine Rosinante einstellte. Er kündigte eines Tages am schwarzen Brett im Universitätsgebäude Vorlesungen an: »nach Verlangen über alle Zweige der medizinischen Wissenschaft.« Ein Student schrieb dahinter: »und über alle Zweige des menschlichen Wissens.«

Drei badische Mediziner hatten in ihrem letzten Semester zu spät bemerkt, daß sie versäumt hatten, die Vorlesung über Zoologie zu belegen, und daß der Ordinarius für dieses Semester keine angekündigt hatte. Sie wandten sich an einen, im übrigen kenntnisreichen Dozenten der Physiologie, in dessen Kasse eine dauernde Ebbe herrschte, und trafen mit ihm ein Abkommen. Er verpflichtete sich, ihnen ein dreistündiges Privatissimum über Zoologie zu testieren, wenn sie ihm ihrerseits versprächen, es nie zu schwänzen. Dafür gab er die Zusage, das ganze Tierreich innerhalb einer Woche abzuhandeln. Der Lehrer und die Schüler hielten redlich Wort. 207

 

 

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